Redaktion, Expedition u.Druckerei: Schulstr.7. Tel. Nr. 5L Telegr.-Adr. r Anzeiger Gießen, . Rotationsdruck und Verlag der BrQhl'schen vv Universitätsdrucker ei. R. Lange, Gießen. Nr« £65 Drittes Blatt. 154. Jahrgang Donnerstag 16. November 1964 Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags. 2 Z&A Die „Glehener ZamMenhlStter" werden dem AMI WS W BE W B ztl 11 A t M | ^Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der W M W M, W 'S M SL «hessische Landwirt' erscheint monatlich einmal. WM v V ® M W General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Giehen. Ta er aber dem allzu ahnungsvollen Kinde den entsetzlichen Schlag auf die zarteste Weise Leibringen will, da waren's Worte, nichts als flügellose Worte, die Herr Livvert dem Kastengeiste nachsprach. Tas Schwerste war gestern abend Herrn Lüttjohann aufge- üürdet. Er spielte den Fritz zwar mit verhaltenem Atem und der vom Dichter gewollten sentimentalen Schwäche, aber seinem Spiel fehlten doch neben der Triesch alle feineren Schattierungen, und die Versuche, Uebergänge von Dunklem zu Lichtem zu finden, blieben eben nur Versuche. Und schließlich war's Stein statt Brot, was er gab; man spürte zu wenig von innerlichem Miterleben. Ter Theodor des Herrn Andreas war so leichtlebig und humorvoll, als er sein sollte, daher von dem liebenswürdigen, ungezwungenen Selbstbewußtsein und der leicht überlegenen Ironie! des eleganten Flaneurs. Am frischesten von allen aber war Frl. Ruf, so keck und fesch und resolut als Wiener „Fratz", wie sie auf der Ringstraße und im Prater zu Dutzenden herumlaufen, daß eine angenehmere Ueberraschung nach ihrer verfehlten Lydia im „Traumulus" nickt möglich war. Tie alte Binder ist wohl immer noch etwas kokett, trotz der ehrbaren Maske, die sie trägt. Frau Fischer zeigte nichts davon, und leider auch keinen Humor. „Ein Herr" hat nur eine einzige kurze Szene und kaum, ein Tutzend Worte zu sprechen, und doch erfordert diese Rolle einen ersten Tarsteller, weil sie das Stück am Rande des AbgrundK vorüberführen muß. Herr S a n d o r f zeigte ^vielleicht allzu große Erregung, als hätte er soeben erst, vor der Schwelle, den Bubew- streick erfahren. Doch seine Worte wirkten wie Donnerschläge. Ernst ist das Leben, heiter die Kunst — nach diesem Schiller* scheu Worte schienen die beiden Gaben des gestrigen Theatervereinsabends zusammengestellt. Vor zwei Jahren versuchte Schnitzler in vier Einaktern, die er unter dem Titel ..Lebendige Stunden" zusammeufaßte, die Frage nach dem Verhältnis der Künstlernatur zu ihren Erlebnissen anzuschneiden. Der erfolgreichste, wenn auch nicht der, gleich dem „Einsamen Wege", an unsere tiefsten Stimmungen rührende — das tat in diesen: vierblättrigen Kleeblatt „die Frau mit dem Dolche" — war „Literatu r". Hier verflieg sich Schnitzler zu einer Parodie des Literatentums und lieferte damit eine Selbstkarikatur seiner ersten glücklichen Schritte auf dem nichts weniger als einsamen Wege zum noch unerreichten Parnaß, .eilte Selbstkarikatur aus jener Zeit, da er noch seine subjektiven Empfindungen aussprach, statt, wie er es heute tut, die Welt sich anzueignen — eine. Selbstkarikatur von so brillantem Wurf, von so kecker Schalkhaftigkeit und geist- sprühendem Witz, daß man im Reiche der d e u tsche n Dramatik nach einem Seitenstück vergebens suchen dürfte. Ter Schotte Shaw soll neulich, wie man unlängst aus London erfuhr, zur größten Verblüffung des britischen Publikums dasselbe jetmr haben, doch niemand dachte daran, daß Schnitzler diesen scherz in köstlicher Weise ihm vorgemacht batte. Wohl nie aber sind die Insassen eines literarischen ScheuueuviertelS, die int Eaf6 halbe und ganze Rächte mit ihrer seelischen Schimlosigkeit kokettieren und jede, wenn auch noch so unbedeutende OK'mütS- aufwallung zu einem lyrischen Erguß, jeden auch noch so fadenscheinigen Gedanken zu einem Romanbande ausblähen, so über- * per Aufstand in Aeutsch-Südwestafrika. Die „Köln. Ztg." meldet aus Berlin Dorn' 9. ds.: Aus zeitlichen Gründen wird eine einheitliche Verrechn n u n g d e r K o st e n f ü r d i e ll n t e r w e r f u n g der aufrührerischen Bewegung in Deutsch-Südwestafrika nicht erfolgen können. Sie würde auch nicht den Grundsätzen der finanziellen Verwaltung entsprechen. Die Kosten werden, zum Teil im Nachtragsetat, zum Teil in dem ordentlichen Etat für 1905 erscheinen. In den bisherigen, bereits genehmigten Nachtragsetats für 1903 und 1904 sind die Kosten des Krieges gegen die Bondelzwarts und die der ersten Monate des Kampfes. gegen die Hereros sowie die Entschädigung von 2 Mill. MarE für die Ansiedler enthalten. Für die seit dem fortlaufenden Etatsjahr 1904 entstehenden Kosten wird zunächst ein weiterer noch zu genehmigender Nachtragsetat für 1904 in der Höhe von rund 8 O M i l l i o n e n vorgelegt werden. Alsdann werden in den ordentlichen Etat für 1905 die vorauszusehenden Kosten für größere Unternehmungen und Truppenmengen unter der Rubrik „einmalige Ausgaben" eingestellt worden. Wie in der neuesten Nummer der Teutscb-Südwestafr. Ztg." mitgeteilt wird, hat, verläßlichen Nachrichten zufolge, Salatiel, ein Sohn des Waterberger Kapitäns Kambe- zembi, mit 60 Bewaffneten sich bedingungslos ergeben. Salatiel ist derjenige Großmann, von dem zu wiederholten Malen behauptet wurde, daß er so weit wie möglich Ruhe gehalten und sich nur gezwungen dem Aufstande angeschlossen habe. Wie erinnerlich, wurde vor Monaten bekannt, daß der Bastard David July, der des Mordes des Farmver- "wa'lters Loutsch auf Spitzkoppjes dringend verdächtig ist, sich nach Walfischbai geflüchtet hätte und dort aufhielte. Bon deutscher Seite wurde von den englischen Behörden die Auslieferung des Mörders beantragt, und es erfolgte die Einleitung des durch den Auslieferungsantrag bedingten Verfahrens. Seitdem sind Monate verflossen, ohne daß man von einer Aburteilung des David Jnly gehört hätte. Es muß deshalb angenoimnen werden entweder, daß das Verfahren mit einer sehr geringen Eile betrieben wird, oder daß die Auslieferung etwa gar abgelehnt sist. Man will in Swakopmund wissen, daß das letzte der Fall sei. Das erscheint indessen nach Lage der Umstände so unglaublich, daß eine authentische, Mitteilung über den Stand der Angelegenheit im allgemeinen Interesse wünschenswert wäre. Für die Unterbringung der Kranken und Verwundeten der Schutztruppe scheint genügend gesorgt zu sein. Von neun Feldlazaretten waren Mitte vorigen Monats fünf etabliert. Sämtliche 9 Feldlazarette bilden einen großen Halbkreis, der sich dicht an die Stellungen unserer Truppen anschlietzt. Es ist daher überall die Möglichkeit vorhanden, der Lazarettpstege bedürftige Kranke sofort dieser zuzuführen. Da außer den jetzt bereits errichteten Lazaretten zwei vollkommen verwendungsbereite Feldlazarette vorhanden sind, von denen eins, Feldlazarett 5, in Karibib, das andere, Feldlazarett 6, in Okahandja steht, so ist auch dafür gesorgt, daß bei weiterem Vorrücken der Truppen Lazarette an die Gefechtslinie herangezogen werden können. Am Typhus sind neuerdings gestorben: Reiter Wietz- kawek und Seesoldat Ulrich. Der Reiter Jordans ist an Blutvergiftung gestorben, der Kriegsfreiwillige Bur Swadt bei Sechikamelbaum gefallen. Durch kaiserliche Kabinettsordre sind einer großen Anzahl Mitglieder des südafrikanischen Offizierkorps Auszeichnungen verliehen worden. So erhielt der Führer des Marine-Expeditionskorps, Major v. Gl a s en a p p , den Roten Adler-Orden 3. Klasse mit der Schleife und Schwertern. UMische Tagesschau. Die Wahlen in Italien. Der Stern der Sozialdeniokratie beginnt zu erblassen. Das zeigen die in neuerer Zeit stattgehabten politischen Wahlen aller Länder, soeben wieder die Wahlen zur Deputiertenkammer in Italien. In ihren Hochburgen, den großen Städten, hat die Sozialdemokratie Niederlagen erlitten, die nicht wett gemacht werden durch Erfolge in anderen Bezirken, weil hervorragende Führer der Partei geschlagen sind. Noch empfindlicher freilich wurden die Radikalen und Republikaner betroffen, sodaß alles in allem eine Schwächung der extremen Partei vorliegt. Eine bedeutungsvolle Erscheinung, in der auch bei dem durch scharfe soziale Gegensätze zerklüfteten Volke Italiens das Bestreben sich ankündet, mit der Regierung aus einem Boden sich zusammenzusinden, auf dem das Mögliche der sozialen Reform erreicht werden kann. Denn sie ist die brennendste Frage der inneren Politik des savoyischen Königreichs. Der leitende Staatsmann, Giolitti aus Piemont, hat jetzt ein Parlament zur Seite, mit dessen Unterstützung er die Versprechungen zur Tat werden lassen kann, die er wiederholt gegeben hat und die einzulösen ihm ebensowenig möglich gewesen ist in seiner früheren Eigenschaft als Kabinetschef, wie als Minister des Jnnnern unter Zarnadelli. Mit der sozialen hängt die Steuer -Refornt zu- fanunen, die ebenfalls seit Jahren der Verwirklichung harrt. Nicht unterschätzt werden darf in Zukunft die Unterstützung des Kabinets Giolitti seitens der Klerikalen. Der Vatikan hat den strenggläubigen Katholiken nicht nur die Teilnahme an der Wahl gestattet, es ist auch in Mailand, einer Hochburg der Sozialdemokratie, zum erstenmal ein klerikal- konservativer Kandidat aufgestellt und glatt gewählt worden. Bereits rechnet man mit der Konstituierung einer klerikalen Kammergruppe oder mit dem Erscheinen einer katholischen Partei im Parlament. Unstreitbar ist jedenfalls, daß einerseits der Eintritt eines Klerikalen in der Teputierten- kammer auf die sozialpolitische Initiative der Regierung anregend wirken wird und daß andererseits die Möglichkeit der Annäherung zwischen Vatikan und Quirinal durch Vermittlung des parlamentarischen „Mediums" sich eröffnet. PiusX ist sowenig ein Eiferer wie der König Viktor Emanuel. Beide gaben Beweise zarter Rücksichtnahme auf die gegenseitige besondere Stellung, und wenn auch an eine völlige Aussöhnung in absehbarer Zeit nicht zu denken sein mag, so dürfte doch ein Modus der Verträglichkeit sich finden lassen. Von welchem Gesichtspunkt aus man also das Ergebnis der italienischen Kammerwahlen betrachten mag — die Absicht der Negierung, die politische Situation zu klären, erscheint erreicht. Da Italien zudem auf dem Gebiete der auswärtigen und kolonialen Politik sich nicht vor kostspielige Ausgaben gestellt sieht, kann es bei gesunder Finanzpolitik, für die die neuen Handelsverträge wertvoll sein dürften, auch an den Mitteln nicht fehlen, die zur Lösung der wichtigen innerpolitischen Aufgaben erforderlich sind. Zu dem Unternehmen der italienischen Nentenkonversion hat bekanntlich Deutschland seine Unterstützung zugesagt. Die politische Kon- 'tellation ist nach alledem dem Ministerpräsidenten Giolitti in jeder Beziehung günstig. Weiß er sie zum Wohle besonders der unteren Volksklassen zu nutzen, dann ist seinem Kabinet der Bestand auf längere Zeit gesichert. * Anläßlich der Wahlen kam es, wie nachträglich bekannt wird, mehrfach zu Zusammenstößen. In einem Wahlbezirk versuchten die Republikaner, deren Kandidat durchgefallen war, die Wahlurne zu z e r t r ü m in e r n. Es kam zu einem Zusammenstoß mit Militär, wobei 6 Soldaten durch Steinwürfe und 14 Personen durch Bajonettstiche verwundet wurden. Zirka 200 Personen hatten die Porta Eapuana in Rom verbarrikadiert, das Militär zerstörte die Barrikaden, wobei viele Personen verletzt wurden. — Als der radikale Kandidat von Ealtavuturo, Pietro Giuffre, im Wahlkampfe unterlag, nahm sich sein Bruder die.Niederlage derart zu Herzen, daß er sich eine Kugel ins Herz jagte. Aus Midi und KMÄ. Gießen, den 10. November 1904. * • Empfänge. S. K. H. der Großherzog empfingen am 9. November u. a. den Universitäts-Professor Kaiser von Gießen und den Hoflieferanten Griebel von Bad- Nauheim. '"Kirchliche Personalien. S. K. H. der Groß» Herzog haben den von S. Durcht. dem Prinzen Friedrich zu Solms-Braunfels als Vormund des minderjährigen Fürsten Georg Friedrich zu Solms-Braunfels auf die evangelische Pfarrstelle zu Villingen, Dekanat Hungen, präsentierten Pfarrer Schäfer zu Stadecken und den von S. Erl. dem Grafen von Schlitz genannt von Görtz auf die evangelische Pfarrstelle zu Staden mit Stammheim, Dekanat Büdingen, präsentierten Pfarrverwalter Vogel zu Staden — für diese Stellen bestätigt. * * Ein Gedenktag. Heute vor 299 Jahren, am 10. Oktober 1605, vollzog sich die Stiftung des Gymnasiums zu Gießen, aus dem nachher, 1607, die Universität hervorging. * * Winterfest des Turnvereins. 'Wie alljährlich findet auch m diesem Jahre und zwar am Samstag, dem 12. 9100., in den Räumen der Turnhalle am Oswaldsgarten das Winterfest des Turnvereins statt. Die sorgfältigen Vorbereitungen zu diesem beliebten Feste lassen auf einen genußreichen Abend schließen, zumal für den musikalischen Teil unsere Regimentsmusik unter Leitung des Musikdirektors Krauße gewonnen ist. ** Symphonie ko nzert des Konzertv er eins". Wie aus dem gestrigen Inserat ersichtlich ist, veranstaltet der Konzertverein Sonntag den 13. November sein erstes Symphonie-Konzert, vermutlich aus wohl erwogenen Gründen nicht als erstes, sondern als zweites Konzert. Ein Blick auf das Programm deutet darauf hin, baß der Leiter des Konzerts, Universitäts-Musikdirektor Trautman n, beabsichtigt, uns in historischem Rahmen einen kurzen Ueberblick über die Entwicklung der Symphonie von Haydn zu Beethoven zu geben. Jedenfalls dürfen wir nach der Auswahl der Symphonien uns auf einen genußreichen Abend gefaßt machen. Haydns G-dur-Symphonie, die sg. „mit dem Paukenschlage" (The surprise", wie die Eng- Arthur Schnitzler und Irene Nresch. Gießen, 10. November 1904. Vor einem Jahrzehnt sah ich in Berlin die Uraufführung der „Liebelei". Arthur Schnißler stellte fick dem Puburum in seiner blonden Jugendlocken wohlgeordneter Fülle vor. Jungn bei der Aufführung seines „Einsamen Weges" in Fraukmrt SIgte er, daß daß er heute nickt mehr der Tickter der sog. „füBeii Madeln von der Weanerstadt" ist und sein will. Dock sein ernit gewordener männlicher Eharakterkopf mißfiel den outen Fraut- furtern. Sie waren enttäuscht; sie hatten wohl den luve- seeligen Jüngling wieder zu sehen gehofft, und sahen einen muo gewordenen Weltschmerzler, dessen feiner balladenhaster Kiagefang den immer wiederkehrenden Rundreim vom Verzichten oraaue. Daß er auch schon in seiner Jugendrosenzeit den gleiten Heroen Ton angeschlagen, daß das entzückende Liebesrdvll aus seiner Jugend Tagen mit den gleichen wehmütigen Akcorden ?iw- geklungen hatte, daß es schon „diese enge Welt einer nabti- schen Erotik verließ, um ins Menschliche zu dringen , wie Herm. Babr in seinen „Rezensionen" iVerlin, S. Fischer) -sehr richtig sagt, schien man vergessen zu haben. Und überdies gab „der Einsame Weg" keinem Tarsteller sonderlich Gelegenheit zum Erwecke außergewöhnlicher Kunst. Bei der Berliner Premiere der „Liebelei dagegen hatte die Sorma die Christine gegeben, und ich erinnere mich ihres großen Erfolges. Eine fast weihevolle L-tnnmung hor^'E den Abend über in dem Theater an der Schumannstraße. Sput t nahm sich Adele Sandrock, die große Wienerin, ans ihren Retten der Rolle an, und seit Jahren gehört die ChriMne auch zu Den liebsten dramatischen Mädchen gestalten der Triesch. Wir kennen und verehren Frau Irene Tri e s ch seit Jahren als diejenige deutsche Bühnenkünstlerin, die der Galerie Jbsewcher Frauenporträts Blut und Leben zu leihen vermag wie reine zweite. Bis in die geheimsten Herzfältchen fühlt sie die ungewohu- liehen nordischen Frauengestalten nach mit einem ganz seltsamen psychologischen Spürsinn. Sahen wir ihre Hedda oder ihre ^ora, so fonnten wir uns nie des Eindruckes entziehen, daß in ihr jclD|t vieles von diesen Frauen stecken müsse. Wie sie das,geradezu unheimliche Bewußtsein ihrer eigenen Individualität mit den klügsten darstellerischen Mitteln zu offenbaren weiß, das vermag ihr me- maud ganz abzugucken; aber man hatte zugleich das Gesiihl, daß dieses ihr Jndividualitätsbewußtsein sich zu steigern vermag bis zum krassesten, absurden Eigeiiwillen, und daß dabei der aus- gleichende Sinn für wahr und falsch, gut und böse zu kurz kommt. Dem ethischen Kampfe Ibsens für die Wahrheit und imder die Lüge steht die Triesch fern. Ihr ist es immer nur um den Sieg der Frau zu tun, um das unterliegende Schicksal des Mannes. Sie kämpft mit Ibsen für das Recht der Frau auf Persönlichkeit. Von den Frauentypen Ibsens ist ihr der dämonisch-destruktive Typus der Typus der Hilde, Rebecca und namentlich der Hedda, der anziehendste. Diesen Rollen vermag sie ihre stärkste Kunst, ihre leidenschaftlichsten Töne abzugewinuen, diese Rollen schemen geradezu für sie geschaffen zu sein. , Und nun spielte sie bei uns die Ehrlstlne, die Heine, schwärmerische Musikantentochter, diese Enkelin von Schillers Luise Milleriu, nächst Hauptmanns Hanncle die poetischste Mädchengestalt der deutschen Modernen. Würde ihr statt des wilden der milde Typus des hiugebendeu kleinen Mädchens gelingen? Seien wir ehrlich: die Erscheinung der Triesch entspricht im Aussehen nicht unserer Vorstellung von der süßen kleinen Christine, diesem lieblichen, zarten Pstänzlein, das uns an Goethe's wunder- holdes Lied vom „Veilchen auf der Wiese" erinnert. Und in den ersten Szenen hätte sie vielleicht wie Goethe's Schäferin „mit leichtem Schritt und munterm Sinn" das Heim ihres Geliebten betreten können. Schon in diesen Szenen deutete sie leise den Gleichklaug mit Goethe's Liedlein und dessen Llusgang an: „Und nicht in acht das Veilchen nahm, Ertrat das arme Veilchen!" Und noch eins: d i e Jugend, die diese intime Wiener Dichtung verlangt, hat Irene Triesch wohl nie besessen. Und doch hat mir durch sie die dramatische Elegie Schnitzlers gestern Gestalt erhalten. Und selbst in ihren ersten Szenen hatte sie Recht. Ist es nicht natürlich, daß dieses sunge Kind voll banger Scheu das Zimmer ihres Freundes betritt? Zumal es das erste Mal ist, daß sie in eleganten Räumen sich befindet, noch dazu bei einem Manne. Mizis leichter Sinn ist obendrein wahrlich nicht der ihre; ihr Empfinden ist bei aller Zärtlichkeit doch von herber Keuschheit, und in ihrem Herzen ist nicht nur die schlichte Schwermut der ersten jungen Liebe, sondern der Todestrübsinn aufgegangen, das dämmernde Bewußtsein, daß sie zu denen zählt, „welche sterben, wenn sie lieben". Ihrem Herzchen war von Jugend auf das frohlebige „Carpe dieum“ der Mizi, dieses eu-tout-eas-Atädels, etwas Fremdes. Unmittelbar nach den Momenten höchster Seligkeit steht ihr die bange Frage vor Augen: Ist er mir morgen noch treu? Wie Holzamers „armer Lukas" ist auch sie ein Mensch, der Freuden nicht ertragen kann, der im Hellen immer an das Dunkle denken muß. Aus tiefster Empfindung, mit einer solchen Natürlichkeit verkörperte Frau Triesch das Schicksal Christinens, daß uns bald schon der Atem stockte. Jedes Wort, das leise und schwer und warm- zitternd von ihren Lippen guoll, war ein Stück Seele, jeder Blick ihrer tiefen dunklen Augen von unsäglicher Wehmut. Uud welche herzzermalmende Kraft hatten die großen tragischen Momente der seelischen Vernichtung Christinens im letzten Sitte! — Das ist das Leben — da sind wir, die Lebendigen! — und das ist der Tod, und da sind die Toten! Wie das nebeneinander liegt! Nie hat uns von der Bühne herab dieses schaudervolle Nebeneinander so im tiefsten aufgewühlt. Nie ist von der Bühne herab ein solcher Schmerz in die Herzen der Hörer eingekehrt. Unsere tzeiiuischen Künstler gaben sich die größte Mühe, neben einer Triesch nicht gar zu klein zu scheinen. Und doch klang das meiste, was von ihren Lippen kam, seelenlos auswendig gelentt -- sobald die Triesch unter ihnen weilte. Fanden sic sic» unter sich, dann gings ganz flott und leicht und echt. Tas war vornehmlich beim irtlten Weirick des Herrn Lippert der Fall. Wie er sich mit der Madame Binder unterhielt, da hatte er etwas Rührendes, da fühlte mau guten Alten Herz von einfacher Größe, der die Anschauung einer Künstlerseele vom Leben hat und feiner Tochter das bißchen Liebelri in ihren kurzen Blütentagen gern gönnt. Tflnbcr |tc nannten 1 eröffnet den Abend. Sie gehört zu bett sog. Londoner Symphonien itnb stammt ains der letzten Seit Meister \mnbiiv, bev Vaters der Symphonie, wie man ihn wohl nennen darf. 1792 wurde sie zum ersten Male in London anfgesnbrt und mit Enthusiasmus ausgenommen. An: bekanntesten aus ihr ist wohl das Andante, in welchem' das Thema, mit dem Haydn in den Jahreszeiten den Ackers- mann hinter fernem Pfluge „flötend" einherschreiten läßt, in vier reifenden Variationen verarbeitet wird. Ten Namen „Pankenschlag" hat die Symphonie, weil sich Vater Haydn in diesem zweiten Satze den Scherz erlaubt, nach dein friedlichen im primo und primissimo gehaltenen Thema einen kräftigen -Trchcsterallkord samt einem wuchtigen Paukenschlag abzuschließen. Man erzählt sich, daß er sein englisches Publikum, besonders die englischen Tarnen, welche in den Konzerten einzuschlafen pflegten, mit diesem originellen Orchesteressekt aufwecken und beschämen wollte, wenn er auch selbst diese Version in Abrede stellte. IM Menuett tritt merkwürdigerweise das Trio nicht als Gegensatz, son dern als Ergänzung auf, in einer bei Haydn mehrfach be liebten Art der Melodiefuhrung. Mit einem kurzen frischen Satze, der von Uebermut und Humor sprudelt, schließt die auch heute noch gerne gehörte Symphonie ab. — Mozarts Es-dur Smnphonie, von einem Unbekannten auch einmal als „Schwanengesang" bezeichnet, stellt unter den letzten Sym phonien des großen Meisters dieienige dar, welche in der formalen Anlage wohl Haydnscher Art am nächsten steht- sie muß, wie uns der fröhliche Zug, der durch das ganze Werk geht, anzeigt, aus einer glücklichen Zeit des Meisters stammen. Ter langsam, spannend angelegte Einleitungs- satz geht in einen liebenswürdig heiteren Allegrosatz über, der mit seinen freundlichen, musterhaft durchgesührten Themen ein Meisterstück symphonischer Kun st, qt. Tao Andante schwelgt in zarter Anmut und Innigkeit und wird nur hier und da von einigen kräftigen, leidenschaftlichen Motiven unterbrochen. Ihm schließt sich das überaus markige Menuett an, in dessen Trio die Klarinette einen hübschen, schwärmerischen Gesang erklingen läßt. UeberauS fröhlich schließt auch der an Haydnsche Art erinnernde Schlußsatz ab. Mozart zeigt sich aber trotz dieser scheinbaren formalen Anlehnung an Haydn, ebenso wie in seinem anderen Symphonien jener Zeit .Jupiter, E-molt, T-dur als der vollkommene Meister des symphonischen Stiles als derjenige vor allem, welcher den Inhalt der Symphonie seinen Vorgängern gegenüber schon erheblich vertieft hat. — Und nun Beethovens „erste" Symphonie! 1803 komponiert, stellte man sie fälschlicherweise als Kopie im Mozartschen Stile hin, wöbet aber verkannt wurde, daß gerade in ihr schon Beethoven sich in der ureigensten Persönlichkeit zeigt, wenn auch nicht in der Kraft und Allgewalt, wie in Nr. III, V oder gar IX. Tie Symphonie klingt für uns heutzutage einfach, sie schließt sich allerdings in der Erfindung der Themen etwa an Mozart an, und doch zeigt sich schon in der Ve rar bei tun g der Themen des ersten (Allegro) Satzes das dämonische Element eines Beethoven. Jedenfalls geht er schon hier über seine Vorgänger hinaus. Tas Andante mit seiner Imitation der Themen (sälschlichcrnunsc ost als „Fuge" bezeichnet ist allbekannt, das Menuett stellt mehr ein Scherzo dar, welche Kunstform Beethoven bekanntlich in die Symphonie einführte. Tas Finale in seiner Rondoform erfreut, wie überhaupt der leichte Scherz, die sprühende Heiterkeit, welche die ganze Synwhonie charakterisieren, auch heute noch bett Zuhörer. Wie bie Symphonie schon nach ihrer ersten Aufführung ein Lieblings stück des Publikums war, so wirb sie es auch Ijeutc noch bleiben! Wir müssen an dieser Stelle dem Konzertverein und dessen musikalischen Leiter, Herrn Traut mann, unsere Anerkennung dafür zollen, daß er uns diesmal wieder köstliche Perlen der klassischen Musikliteratur vorführt. Freunde guter Musik werden sicher auf ihre Rech- nun kommet:, zumal uns noch zwischen den Symphonien eine Reihe der schönsten Lieder Beethovens durch den hier von früheren Konzerten her allbeliebteu Konzertsänger Herrn A. L e i m e r (Frankfurt a. M. vorgeführt werden. muticHuHig und io treffend an den Nrangerpsahs geschlagen worden, wie in diesem kurzen Einakter. Wüdenbruch bat einen ähnlichen Versuch in seiner neuesten Novelle „Semiramis" (Berlin, Grote) gemacht doch während er mit heitrem Behagen einen unmöglichen Schurken von vollendetster Widerwärtigkeit zwischen nvei gute und kluge Frauen stellte, steht bei Schnitzler ein buhlerisches Literatnrw'ibchen von imvonierend^m Gefühlssnobismus 'wischen zwei ziemlich gleich minderwertigen Männern, einem stall- duftenden waschechten Wiener Svortbaron und geräuschvollem Tugendprotz von granoioser Borniertheit und einem mit allen Hunden gehetzten raffinierten Talmigenie von bodenloser Ungeniertbeit und Skrupellosigkeit. Ter Literat wie die Literatin baben soeben beide beftigste Romanwehen schmerzlos überwunden. Ter eine Roman ist soeben in München erschienen, der andere soll das Sicht der Welt in Wien erblicken. Beide aber enthalten — o unglückseliger Zufall — die von den Autoren einst miteinanber gewechselten Liebesbriefe wortwörtlich. Karl Emil Franzos hat noch kur; vor seinem Tode erzählt, daß ihm eine ähnliche Geschichte einst vassiert sei, indem ihm als dem damaligen Redakteur einer Wiener illustrierten Zeitung ziemlich gleichzeitig von einem Herrn und einer Tarne je eine Novelle tuging, die beide größtenteils in 23rienorm geschrieben, bei näherer Ein- sicht genau dieselben Briese enthielten. Es waren die Briese, die sie miteinander während der langen Zeit ihres seligen Liebesverhältnisses gewechselt hatten. In dieser rasch und flüchtig schwirrenden überaus lustigen Szene auch noch warm zu werden, jich in diese pikante flcine Kröte lwnsthajt hin ein zu leb en, das war nicht die Absicht der Fran Trj'esch. Sie faßte das graziöse Stücklein nur als eine Burleske am, in, der es ihr eine angenehme und wilkommene spaßhafte Abwechslung bereitete, auch 'einmal mit dem Publikum ausgelassen zu lpeelen und zu, karikieren nach .Herzenslust. Tas ließ sich das Gteyener Publikum natürlich sehr gern und mit Recht gefallen uno sich 'anstecken von dem Uebermut der Ucbcrmütigen: das kokette, tetneswegs gar so unbedeutende Werklein Schnitzlers 'am dabet leider doch zu kurz. Auch Herr di Giorgi liep allzu iehr die Zügel schießen, und Herr Andreas war ja wieder iehr nett und liebenswürdig, aber, indem er so gar nicht m dre Extravaganzen seiner Mitspieler verfiel, sondern im Gegenteil gar tvemg öort den Allüren eines feudalen Sportsman und hervorragenden Herrenreiters zeigte, war von vornherein jede Einheitlichkeit der Stimmung ausgeschlossen. P. W. — Tr. John SchikowsI i, Tle Entwicklung dcr § Stichen Buhn en t u n st. Lcivzig, Verlag von Johs. von ^chalicka-Ehrenseld. Preis eleg. geb. Mk. 3.—. — Die Kenntnis der Geschichte des deutscheii Vühnenwesens steht zur Zeit nicht im entsprechenden Verhältnis zu^dem stetig wachsenden Theater- inter-sse. Tas liegt zu einem Teil daran, daß eine anregend geschriebene knappe Uebersicht über di? Entwicklung der deutschen Bühnenkunst, die den Bedürmisien des großen Theaterpublikums entsprechen könnte, bisher fehlte; man geriet in Verlegenheit, wenn ein Theav n'reund nach einem kurzen Kompendium fragte^ aus dem rr sich über Theatergeschicküe orientieren könnte. Und Kenntnis der Bühnengeschichte ist wichtig für jeden, der zu modernen Theaterfragen Stellung nehmen will, hält ihn ob von blind-r Pirn in ahme, bewahrt ihn vor himmelhoher Begeisterung hilft ihm zu tieferem Verständnis der widerstreitenden Bestrebungen. Ta ist o nun gut, daß Dr. John Schikowski, der h. Reichelsheim, 8. Nov. Anfang dieses Jahres batten mehrere hiesige Gewerbetreibende durch Vermittlung des hiesigen Postvorstehers sich an die Oberpostdirektion in Darmstadt gewandt, um hier ein Ortsfernsprechnetz errichten zu lassen. Da die zur Errichtung eines solchen erforderliche Teilnehmerzahl vorhanden war imb das nächste Oris- fernsprechnetz Friedberg neun Kilometer von hier entfernt liegt, wurde dieses Projekt von der Oberpostbirektion Darrnstabt befürwortet, und so sind denn seit 14 Tagen die unter der Aufsicht des TelegraphenbauführcrS Sude stehenden Telegraphenarbeiter damit beschäftigt die Anlage ihrer Vollendung entgegen zu bringen. Am 6. November tonnte bereits die Leitung dc§ Ortsverkehrs in Betrieb genommen werben und wenn auch die Zahl der gegenwärtigen Teilnehmer noch gering ist, so steht doch zu erwarten, baß in absehbarer Zeit auch Einwohner der übrigen uinlicgcnbcn Ortschaften von der Einrichtung ergiebigen Gebrauch machen werden. Die in den Ortschaften Dor nassen heim, Lei dH ecken, Blofeld, B i n g e n h e i in, G e 11 c n a u, E chzell befindlichen öffentlichen Fernsprechstellen, sind dem Ortsfernsprechnetz Reichelsheim unterstellt worben und dem Vernehmen nach beabsichtigen noch mehrere Ortschaften den Anschluß an bas Fernsprechnetz Reichelsheim Herstellen gu lassen. § Vom höheren Vogelsberg, 8. 9tov. Heute gingen heftige Schneegestöber mit starkem Nordweststurm nieder. Bald batten die Höhen ein weißes Kleid angelegt. An einzelnen Stellen blieb der Schnee liegen. Frankfurt a. M., 9. Nov. Aus dem gestern vormittag 11,50 Uhr von hier nach Wiesbaden abgehenden Personen- zug stürzte zwischen Kastel und Kurve während der Fahrt ein etwa 3 jährige § M adchen aus einem Wagen dritter Klasse. Die Mutter zog die Notbremse. Kaum stand der Zug, als ihr schon das wie durch ein Wunder nur leicht verletzte Kiud von einem Bahnbediensteten cutgegcngebrcidjt wurde. Ein im Zuge befindlicher Arzt auS Hochheim leistete die erste Hilfe. Mutter und Kind konnten ihre Reise nach Katzcnellen- bogci: gleich fortsetzen. Aöeröcssischkr Feiein für innere Mission, i. s. G i e tz e n, 8. Nov. Tie Veranstaltungen begannen heute vormittag IOV2 Uhr im Gemeindesaal der Matthäusgemeinde mit der Tagung des Verbandes der obcryessischen Erziehungsvereine, der anizer den Vertretern dieser Vereine auch solche der ftarfenburger und rheinhessischen Vereine, und als Vertreter der Behörden die Herren Regicrungsrat Tr. Wagner, Oberstaatsanwalt Theobald, Kreisamtmann Tr. Bcrnbeck- Friedberg, Beigeordneter Eurschmann, Gerichtsafsessor Schmidt beiwohnten. Ter Bericht, den der Vorsitzende, Pfarrer Röschen aus Freienscen, erstattete, ergab ein recht erfreuliches Bild von der stets wachsenden Arbeit dieser Vereine, deren gesegnetes Wirken auch vou deu Vertretern der Verwaltnnasbchörden mit warmen Worten anerkannt wurde. Im ganzen stehen in ihrer Pflege 527 Pfleglinge, 72 mehr als im Vorjahre, darunter 259 unkon- sirmierte Kinder. Tie Erziehungserfolge sind im ganzen recht erfreulich. Mehr und mehr hat sich die Tätigkeit der Vereine dahin entwickelt, bau sie sich einfach den Verwaltungsbehörden zur Unterbringung und Ucberwachung der Pfleglinge zu Ticnst stellen? Nach einigen geschäftlichen Erörterungen wurden dann die Erfayrungen, die mit dem Zwangserziehnngsgesetz überhaupt gemacht worden sind, nnd welche Gesichtspunkte zu seiner Handhabung sich daraus für Richter und Verwaltungsbehörden ergeben, auf Grund der von Gerichtsassessor Schrnidt, Beigeordneten Eurschmann erstatteten Referate besprochen. Man !var durchaus einverstanden mit den Ausführungen des zweiten Referates, day ein so tief in das Familienleben einschneidendes Gesetz mit größter Vorsichkt nnd wirklich nur im Notfall anzuwenden sei und daß dabei vor allem' mich vermieden lverden müsse, daß man sich durch die Rücksicht auf die Uebcruahme der Kostci: seitens des Staats bestimmen lasse, das Gesetz bei Armen rascher anzuwenden. Tie Meinung allerdings, daß bei jüngeren Kindern, die noch nicht verwahrlost sind, sondern nur durch schuldvolles Verhalten der Eltern in dringender Gefahr sind, lieber auf Grund des 8 10GG des Bürgerlichen Gesetzbuches versahren und die Kiuder unter 'Bormnndschast genommen werden sollten, um ihnen nicht den Makel der Zwangserziehung anznhängen, lvnrde nicht allgemein geteilt. Wenn das Kind seinen Eltern doch weggenommen werde, so werde das öffentliche Urteil keinen Unterschied machen, auf Grund welches Paragraphen das geschehen sei. Außerdem werde es oft an den geeigneten Vormündern fehlen. Völlig einig! war man aber wieder darin, daß die Unterbringung in Familien große Vorzüge vor der Anstaltserziehnng habe und daß diese nur in Fällen besonders schwerer Verwahrlosung eintreten solle. Allerdings dürfe man in solchen von den Anstalten anch keine Wunder erwarten. Naclimittags 4 Uhr versammelte sich dann der Vorstand mit den Synodalvertretern nnd Mitgliedern. Nach kurzen geschäftlichen Mitteilungen — it. a. wurde die Rechnung der Herberge anerkannt, dem verdienten langjährigen Rechner, Kaufmann Gustav Windecker, der Dank dafür ausgesprochen — wnrde über „Fragen und Sorgen der K r a n k c n p f l e g e, b c s 0 n 0 e r s d e r l ä n d l i ch e n", verhandelt, wozu Pfarrer Schwabe aus seinen Erfahrungen in der Gießener Tekanatskrankenpflege die grundlegenden Anssührungen gab. Es kam zu recht angeregter Aussprache, wobei die vor einiger Zeit in Friedberg zum Ausdruck gekommene ungünstige Beurteilung der Tekanatskrankenpflege als mit den Tatsachen im Widerspruch stehend zurückgewiesen wurde. Tie Notwendigkeit, den Schwestern durch eine sorgfältige Leitung und geordnete Aussprache, auch untereinander, einen Halt zu geben, führte mehr und mehr dazlu> daß auch in solchen Fäuen, in denen die bürgerlichen Ge- m ein bett Krankenpflegerinnen an stellen, die Verbindung mit der Tekanatskrankenpflege gesucht und die Schwester dem Synodalvertreter unterstellt werde. Um 8 Uhr fand ein reich ausgcstatteter liturgisch-musikalischer Gottesdienst in der Stadtkirche statt, in dem Kirchen- gesangvercin und Knabenchorschule köstliche Perlen unserer Kirchenmusik zu Gehör brachten und Pfatwer D. Schlosser die Ansprache hielt. n