Nr. 109 Dienstag, 10. Mai 1904 154. Jahrg. Erscheint ttgltch mtt BuSnahme be8 Sonntag». Die „(Btefiener SamUlenblätler* werden den „Anzelc <. otemw wöchentlich deigelegt. Dc R £anO tl» • «sthetir' monatlich einmal Eichener Anzeiger «otattonSdrnet und Bering der VrLhl'sch« UnwerftiLtSdrnrterei. 8t Bangt, Bietzen. Redaktion, Expedition u. Druckerei: Tchulftr.1. Tel. Nr. 6L relegr.-Adr. t Anzeiger Ließen General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen. Parlamentarische Verhandlungen. Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet. Deutscher Reichstag. 87. Sitzung vom 9. Mai. 1 Uhr. Das Haus ist schwach besetzt. Am Bundesratstisch: Graf Posadowskh, Frhr. von Stengel u. a. Auf der Tagesordnung steht zunächst die dritte Beratung des Finanzreform-Gesetzes (lex Stengel). In der Generaldebatte nimmt zunächst das Wort Staatssekretär des Reichsschatzamts Frhr. von Stengel: Meine Herren, die verbündeten Regierungen haben soeben Beschluß gefaßt über ihre Stellungnahme zu den'Beschlüssen des Reichstags in zweiter Lesung zu dem Entwürfe des Finanzreformgcsetzes. Ich haben namens derselben Ihnen folgendes zu erklären: Die verbündeten Regierungen sind über die von dem Reichstage in zweiter Lesung beschlossenen Aenderungen des Gesetzentwurfes nicht ohne ernste Bedenken. Sie erblicken in der Belassung der schwankenden Erträge der Stempelabgaben bei den Ueberweisungssteuern nichts weniger als eine Verbesserung der Vorlage und namentlich auch in der Ablehnung des § 3 des Gesetzentwurfes, welcher an sich den berechtigten Gedanken zum Ausdruck bringen sollte, daß die Belastung des Haushalts der Einzelstaaten durch ungedeckte Matrikularbeiträge nicht zur Regel werden, sondern nur ausnahmsweise zur Ueber- windung vorübergehender Schwierigkeiten Platzgreifen soll. Sie verkennen indessen nicht, daß der Gesetzentwurf auch in seiner jetzigen, vom Reichstage in zweiter Lesung beschlossenen Fassung noch immer ein dankenswerter Fortschritt und eine wertvolle Grundlage für weitere Verbesserungen im Haushalte des Reiches und in den Beziehungen des Reiches zu den Einzelstaaten ist, und die verbündeten Regierungen sind deshalb auch ihrerseits entschlossen, dem Gesetzentwurf in der von dem Reichstage in zweiter Lesung beschlossenen Fassung — vorausgesetzt, daß die Beschlüsse zweiter Lesung, abgesehen von vielleicht nur redaktionellen Aenderungen, in der dritten Lesung aufrecht erhalten werden — ihre Zustimmung zu erteilen. Wenn also der Reichstag die in zweiter Lesung von ihm gefaßten Beschlüsse in dritter Lesung im wesentlichen aufrecht erhalten wird, so würde bei der demnächst beginnenden dritten Lesung des Reichshaushaltsetatsentwurfes mit Sicherheit von feiten des hohen Hauses darauf gerechnet werden können, daß der vorliegende Reformgesetzentwurf auch Gesetz wird. Abg. Dr. Pachnicke (freis. Vgg.): Die verbündeten Regierungen haben der Finanzreform, wie sie in zweiter Lesung vom Reichstage beschlossen wurde, nur als einer Grundlage für zukünftige Reformen zugesftmmt. Der Bundesrat sollte doch bedenken — darin stimmen alle Fraktionen mit mir überein —, daß , die dreimaligen Versuche, welche er gemacht hat, seinen Standpunkt ' durchzusetzen, gezeigt haben, daß der Reichstag nicht gewillt ist, sich auf den Boden der verbündeten Regierungen zu stellen. Der Reichs- , tag will an dem Prinzip der Matrikularbeiträge festhalten, weil er ' die Verantwortlichkeit der einzelnen Bundesstaaten nicht ausgeschlossen wissen will. Der Reichstag hat seine Gründe mit einer nicht zu verkennenden Deutlichkeit dargelegt. Er nimmt an, daß, wenn die Matrikularbeiträge aufgehoben werden, der Bundesrai mit neuen Steuervorlagen kommt. Gerade neue Steuern aber will der Reichstag vermeiden. Wenn jetzt Ruhe eintreten soll, dann muß der Bundesrat darauf verzichten, die Matrikularbeiträge beseitigen zu wollen. Abg. v. Kardorff (Rp.): Mein Freund Otto Arendt hat ausdrücklich bei der zweften Lesung erklärt, daß meine Freunde auf dem Boden stehen, den Fürst Bismarck als den einzig richtigen bezeichnet hat. Das Reich dürfe nicht zum lästigen Kostgänger bei den Einzelstaaten werden. Ich muß auch durchaus den Worten des Vorredners widersprechen, daß der Reichstag keine neuen Steuern bewilligen will. Ich bin im Gegenteil der Meinung, daß neue Steuern notwendig werden, wenn Deutschland auf der Höhe bleiben will, auf die es die Weltgeschichte gestellt hat. Ich verwahre mich für meine Parteigenossen ausdrücklich gegen diejenigen Schlußfolgerungen, welche der Vorredner aus der Annahme des Gesetzes als Meinung der überwiegenden Majorität des Reichstages gezogen hat. Abg. Dr. Sattler (nat.-lib.): Ich bin auch durchaus anderer Meinung, als der Abg. Dr. Pachnicke. Ebensowenig kann ich aber die Ansicht des Herrn von Kardorff, daß neue Steuern notwendig ftnd, acceptieren. lieber die Zukunft Prophezeiungen auszusprechen, halte ich mich nicht für verpflichtet. Ich lege also Verwahrung dagegen ein, daß man die Ausführungen einzelner Abgeordneter als Auffassung des gesamten Reichstages bezeichnet. Das Richtigste wäre, wir nehmen ohne weitere Debatte die Vorlage in der gegen» wärttgen Form an. x w Abg. Dr. Müller-Sagan (fretf. Vp.): Die Ausführungen des Mg. Dr. Pachnicke sind nach meiner Meinung zutreffend. Der Reichstag verlangt, daß die Matrikularbeittäge erhalten bleiben. Die Ausführungen des Schatzsekretärs aber zeigen, daß der Bundesrat gänzliche Beseittgung der Matrikularbeittäge verlangt. Die Vorlage ist der erste Schritt zur Beseittgung, deshalb bitte ich, ; ziehen Sie den kleinen Finger, den Sie der Regierung gereicht haben, zurück- sie nimmt sonst die ganze Hand. , Schatzsekretär Frhr. v. Stengel: In der Erklärung, die ich namens der verbündeten Regierungen abgegeben habe, bezeichnete ich die in zweiter Lesung beschlossene Vorlage als einen noch immer dankenswerten Fortschritt und als eine wertvolle Grundlage für ' eine wettere Verbesserung im Haushalt des Reiches und in den finanziellen Beziehungen des Reiches zu den Einzelstaaten. Wenn man sich die Lage der Reichsfinanzen vergegenwärttgt, so sollte man einmütig sein und es nur begrüßen, tonn ie verbündeten Regierungen hier eine Verbesserung herbeiführen wollen. Glänzend sind unsere Finanzen zur Zett gerade nicht. Abg. Fritzen (Zentt.): Ich möchte die Haltung meiner politischen Freunde nicht mißverstanden wissen. Wir hätten diesem Gesetz nicht die Zusttmmung erteilt, wenn § 3 angenommen toäre. Abg. Frhr. v. Richthofen (kons.): Der Abg. Pachnicke hat die Mottve des Hauses nicht richttg wiedergegeben. Wtt nehmen lediglich den Gesetzentwurf an, den Motiven erteilen wir unsere Zustimmung nicht. , .. _ . t , Die Vorlage wird darauf gegen die Stimmen der Sozial- ßemofraten und der freisinnigen Parteien in der Gesamtabstimmung definitiv angenommen. Am Tische des Bundesrats find inzwischen noch erschienen:,Graf Bülow, Frhr. v. Richthofen, v. Tirpitz, Nieberding, v. Einem, Dr. Stuebel. Es folgt die dritte Lesung des Reichshaushalts- Etats. In der GeneraldiSkusfion kommt Abg. Bebel (Soz.) auf die Aeußerungen des Reichskanzlers über die Stellung Deutschlands im europäischen Konzert zurück. (Reichskanzler Gral Bülow betritt den Saal^ Kurze Zeit nach jenen Darlegungen des Grafen Bülow hat der Kaiser in Karlsruhe eine Rede gehalten, die einige Hinweise auf die Stellung Deutschlands zu den anderen Mächten enthielt und innerhalb und außerhalb Deutschlands lebhafte Aufmerksamkeit erregte. Man glaubte aus ihr entnehmen zu dürfen, daß wir denn doch zu Frantteich ein wenig anders stehen Preßorgane aller Parteien haben darauf hingetoiesen, daß Deutschland in der Tat isoliert dasteht. Das ist durch den glänzenden Empfang Loubets in Italien bewiesen worden. Die Stimmung des italienischen Volkes steht mehr auf französischer als deutscher Sette. Ich persönlich habe den Eindruck, daß die Verstimmung der großen ausländischen Nationen gegen Deutschland wächst. Das zeigt uns auch der Umstand, daß das Denkmal Friedrichs des Großen noch unausgepackt irgendwo in Amerika steht. Fragt man nach den Gründen, so bekommt man zur Antwort, daß Deutschland durch seine machtvolle Stellung auf dem Weltmarkt den Neid der andern Völker erregt. Ich verkenne die Bedeutung Deutschlands in dieser Hinsicht nicht. Der Neid, nein der Haß der anderen Völker ist aber rege geworden durch die militärischen Rüstungen Deutschlands zu Wasser und zu Lande, die ein Wettrennen aller Kulturnationen hervor gerufen haben. In weiten Kreisen aller Kulturnationen hat man allmählich dieses Wettrennen satt bekommen. (Sehr wahr! bei den Soz.) Die Lasten sind unerschwinglich, selbst England, das reichste Volk Europas, ist solchen Lasten auf die Dauer nicht gewachsen. Dazu kommt, daß Deutschland auf geistigem Gebiet als Hort der Freiheit den anderen Ländern nicht mehr als Muster dienen kann. (Sehr richttg I links.) Im Gegenteil, wir stehen an der Spitze aller reaktionären Bestrebungen. (Sehr richttg I links.) Aus Italien ist die Meldung gekommen, daß bei dem Untergang des russischen Panzerschiffes „Pettopawlowsk" ein Telegramm aus einer sizili- schcn Stadt nach Petersburg gegangen fei des Inhalts: „Rußlands Trauer ist auch Deuffchlands Trauer." Ich beftreite, daß die Stimmung in diesem kaiserlichen Telegramm der Stimmung des dcuffchen Volkes entspricht. (Lebhafte Zusttmmung links.) Meiner Auffassung nach weilen die Sympathien des deutschen Volkes mehr auf Seite der Japaner als der Russen. (Sehr richtig! links.) Gewiß, wir bedauern alle die schweren Menschcn- verluste, aber Sympathien für Rußland haben wtt nicht. (Zuruf des Mg. v. Riepenhausen (kons.): Sie haben sie nicht! — Glocke des Präsidenten.) Präsident Graf Ballcsttem: Ich bitte, den Redner nicht zu unterbrechen, das hält nur die Verhandlungen auf. Abg. Bebel (fortfahrend): Wir kommen zu unserer Stellungnahme auch durch die Rücksicht auf das russische Volk. Wir haben jetzt wieder ein Beispiel erlebt, auf welcher Kulturstufe Rußland steht. Ein Arzt namens Sabusow wird von dem Generalmajor Kawalow zu einem Glas Wein geladen. Dort überfallen ihn Kosaken und prügeln ihn durch. Ich dächte, wir alle hätten das lebhafteste Interesse daran, zu wünschen, daß endlich einmal die Sonne moderner Kultur in die russischen Gefilde bringt. Wer weiß, was Preußen Jena und Auerstädt genützt hat — denn diese Niederlagen haben Preußen groß gemacht —, wer sich vergegenwärtigt, was für Oesterreich 1866 und für Frankreich 1870 bedeutet hat, — der wird hoffen, daß auch Rußland durch seine Niederlagen endlich zu einem Kulturstaat wird. Der Reichskanzler meinte bei der ersten Etatslesung: Wir hätten in der Mandschurei keine Interessen. Was sagt der „Ehrbare Kaufmann" in unserer größten Handelsstadt Hamburg? „Deutschlands Handel ist vernichtet, wenn Rußland die Mandschurei behält." Ich glaube, man kann zu der Einsicht der Kaufleute Hamburgs größere Zuversicht in dieser Beziehung haben als zu dem Reichskanzler. Ich hoffe, daß Deutschland nicht wieder die Gelegenheit wie 1895 wahrnimmt, um mit den anderen Mächten Annexionspolittk zu treiben. Wenn Deutschland, wie Herr Graf Bülow meinte, im Osten nichts zu suchen hat, so hgt es die Pflicht, größte Neuttalttät zu üben. Ich glaube, wenn Rußland unterliegt, können wiotuns und auch den Westmächten nur gratulieren. Dann wird endlich die Furcht vor dem tönernen Koloß schwinden und damit das Ver- langen nach immer neuen Rüstungen. So wird inbireft unser Finanzwesen eine Besserung erfahren. Mit Mühe unb Not haben wir biesmal die Zuschußanleihe beseitigt. Der Vertreter für Sachsen-Weimar klagte neulich in wehmütigen Tönen über die Finanznot seines Staates. Er hätte zu den Beispielen, die er anführte, noch eins von viel größerer Bedeutung hinzufügen können. Es ist ein Zeichen der Zeit, daß unsere Kulturaufgaben in geradezu erschreckendem Maße leiden durch unsere Kriegs- und Kolonialpolittk. Ich will dem Vertreter für Sachsen-Weimar sagen, wie dort die Kulturaufgaben leiden. Jena, eine unserer ältesten Universitäten und eine der hervorragendsten Städte deutschen Geisteslebens, konnte feit Jahren nicht mehr als Universität bestehen, wenn es nicht in hochherzigster Weise von dem optischen Institut des Herrn Zeiß unterstützt worden wäre. 80 000 Mark bezahlt dieses Institut, das 1000 Arbeiter beschäftigt hat, jährlich zu dem Etat der Universität; davon allein 30 000 Mark zu Besoldungen der Professoren. Ohne diese Gaben des Privatinstt- tuts bestände die Universität nicht mehr. Es sollte uns doch zu denken geben, daß die ersten Städte deutscher Geisteskultur nicht mehr ihre notwendigsten Ausgaben erfüllen können. Sehr viele kleine deuffche Universitäten befinden sich in einer ähnlichen finanziellen Lage. Sagte doch vor kurzem der Finanzminister Rueger in der Ersten sächsischen Kammer: „Angesichts der Beschlüsse des Reichstages würden die Einzelstaaten gezwungen sein, in noch höherem Maße als bisher die Erfüllung von Kulturaufgaben einzuschränken." (Hort! hört! bei den Soz.) Wer außerhalb des Reiches von solchen Zuständen hort, was mag der vom deutschen Volke denken, das so stolz ist auf seine geistige Höhe! Aber aus anderen Gebieten können wir Geld hinaustverfen, so für unsere Kolonien. Als ich neulich sagte, der südwestafrikanische Aufstand wird uns 50 Millionen Mark kosten, erhoben sich hier etliche Oho! Heute zweifelt keiner mehr daran, im Gegenteil, viele befürchten, das er uns mehr kosten wird. Die Ausdehnung des Aufstandes, die Widerstandsfähigkeit der Hereros habe ich, haben andere, hat auch die Reichsverwaliung wohl unterschätzt, sonst wären wohl andere Maßnahmen getroffen worden. Jetzt müssen weit größere Aufwendungen gemacht werden, um erfolgreich zu bleiben. Generalleutnant von Trotha ist plötzlich nach Südaftika beordert worden; urplötzlich! In dieser Plötzlichkeit zeigt sich, daß man glaubt, nur mit großen Mitteln zum Ziele kommen zu können. Wie man in der Wahl des Oberkommandierenden vom Obersten {jum Generalleutnant aufstieg, wird man wohl auch eine entsprechende Truppeneeböhuny vornehmen. Der Nachtragsetat kann recht schon werden. Ich will mein Urteil zurückhatten, aber eines muß ich schon jetzt sagen: Ich glaube, ein Mann, der Land und Leute kennt, toäre mehr als Höchstkommandierender am Platze gewesen, als ein Mann, dem das Land fremb ist. Das Schicksal der Kolonne Glasenapp zeigt eS uns ja, wohin das sonst führt. An die Schuhtrupve werden außerordentliche Anforderungen gestellt, Wochen hindurch müssen die Truppen biwakieren, schließlich ist auch noch der Typhus in erschreckendem Umfange auSgebrochcn. Man hat auch in Kolonialkreisen jetzt erkannt, daß der Aufstand kein Kinderspiel ist. Der gefallene Leutnant Reiß hat an seine Eltern geschrieben: Der Krieg ist der schwerste, den wir feit 1870 geführt haben. Um so mehr ist zu verurteilen, daß der Aufstand hervorgerufen ist durch das Verhalten unserer Landsleute gegenüber den Hereros. Der Missionar Meyer hat Ende März in einem Vortrage im Missionshause in Berlin ausgeführt, in Südwestafrika konnte jeder Weiße sein Haupt in den Schoß eines Hereros legen; der Herero lebte sparsam und zufrieden. (Zurufe rechts.) Ich muß mich doch auf Leute stützen, die Land und Leute kennen. Die Herero pflegten ihren einzigen Reichtum, ihre Herden. Aus diesen Berichten läßt sich schließen, was alles passiert sein muß, um solchen Haß hervorzurufen: Eine zügellose Gewinnsucht einzelner und ganzer Erwerbsgenosicnschaften, rigorose Schuldeintteibung, Rechtlosigkeit gegenüber den Weißen, Selbsthilfe durch die Weißen, dazu körperliche Mißhandlungen. Hatte ein Weißer einen Streit mit einem Herero, so schoß er ihn einfach nieder. Es war ja nur ein „rebellischer" Herero. Weiter: sittliche Verfehlungen Weißer gegen Herero-Frauen. Andere Volker haben andere Sitten, aber die Vergewaltigung der Frauen gehört nicht in den Sittenkodex der Hereros. Daher die scheußlichen Mißhandlungen und Verstümmelungen Weißer, die in die Hände der Hereros gefallen waren. Der Häisttt- Img Samuel hat in einem Briefe — er ist durch die ganze deuffche Presse gegangen — die Hereros angewiesen, die Missionare und Engländer zu schonen, aber die Deutschen, denen sollte kein Pardon gegeben werden! Das besagt alles! Ich richte heute noch einmal die Frage an die Kolonialverwaltung, die ich bereits neulich gestellt habe: Sind Frauen und Kinder Weißer getötet worden, und wieviel? Sind Frauen und Kinder Weißer geschont worden, und wieviel? Sind Herero-Frauen und -Kinder gefangen ober in Schutzhaft genommen, und wieviel? Diese Frage stelle ich deshalb, weil mehrfach behauptet worben ist, alles, was von Hereros in unsere Hände fällt, einerlei, ob Männer, Frauen oder Kinder, werde niedergemacht. Weiter: Sind Missionare getötet oder körperlich mißhandelt worden, und wieviel? Und endlich: Sind Herero-Männer gefangen genommen worden, und wieviel? Aehnlich wie in Südwestaftika liegt es auch in anderen Kolonien. So hat ein Berliner Blatt kürzlich einen Artikel gebracht, der die Zustände in unserer Kolonie Kamerun in furchtbaren Farben schildert. Der Arttkel ist von einem durchaus sachkundigen Herrn geschrieben und zeigt, in welcher Art mit unserem Gelbe bort ge- toirtfdiaftet wird. Ich habe mich gefreut, kürzlich von einem Herrn der Rechten zu hören, daß sie die Kolonialpolittk nicht mitgemacht hätten, wenn sie solche Folgen geahnt hätten. Ich sage Ihnen gang offen: Wenn sich ein Käufer für unsere Kolonien finden würde (Zurufe: Ob sich einer findet! Heiterkeit) — ich meine, es findet sich keiner —, der uns unser Anlagekapital und unsere Aufwendungen verzinst zurückzahlt (Heiterkeit) — umsonst wollen wir das Geld doch nicht hingegeben haben —, wir sollten unsere ganzen Kolonien ruhig verkaufen. Wir machten ein prächtiges Geschäft und formten uns gratulieren. (Sehr richttg I bei den Sozialdemokraten.) Ich bezweifle allerdings, daß sich jemand findet, der sie uns ab» kaufen will. Ich komme zu einem merkwürdigen Vorgang, der sich im preußischen Landtag kürzlich abgespielt hat. Dort ijt ein Gesetz vorgelegt, ba§ den Kontraktbruch der ländlichen Arbeiter in erhöhtem Maße bestrafen soll. In einer Zett, wo unsere Grundbesitzer unsere ländlichen Arbeiter immer mehr zu Hörigen machen, ist solch ein Gesetz etwas Unerhörtes. Ein solches Gesetz kann überhaupt nur der Reichstag machen. Dieser Vorgang zeigt uns auch, wohin der Kurs des Grafen Bülow zielt. Jetzt sieht man, es wird ein Unterschied zwischen den Arbeitern gemacht. Es gibt Arbeiter erster Klasse und zweiter Klasse. Im schneidendsten Widerspruch steht die Vorlage zu den heiligen Versprechungen der Regierung und des Reichskanzlers, der im Namen des Kaisers erklärte: „Wir wollen unsere Sozialpolittk fortsetzen; wir wollen für die Arbeiter sorgen." Ich kann nur sagen: Rußland, Mecklenburg und Preußen sind drei auf gleicher Stufe stehende Kulturstaaten. Graf Bülow sagte: „Preußen in Deutschland voran!" Das ist eine Floskel, ein schönes Wort, weiter nichts! Wir marschieren nicht voran, wir marschieren hinter drein! (Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Reichskanzler Graf Bülow: Der Herr Abg. Bebel hat sein» Rede eröffnet mit einem Ueberblick über die gegenwärtige internattonale Weltlage. Ich werde ihm auf dieses Terrain nicht sehr weit folgen, muß aber doch einige Bemerkungen richttg stellen, die mir der Korrektur besonders bedürftig erscheinen. Der Herr Abg. Bebel hat ein T e I e g r a m m berührt, welches Se. Majestät der Kaiser aus Syrakus an Se. Majestät den Kaiser von Rußland gerichtet hat. Der Herr Wg. Bebel hat den Wortlaut dieses Telegramms nicht richttg wiedergegeben. Aoer allerdings hat Se. Majestät der Kaiser in feinem Telegramm an Se. Majestät den Kaiser von Rußland der warmen Teilnahme Ausdruck gegeben an dem schweren Unglücksfalle, bei welchem so viele brave Leute in der Erfüllung ihrer Pflichten in den Tod gegangen sind. Ich bin überzeugt, daß diese? Gefühl menschlicher Teilnahme nicht nur von der Mehrheit dieses hohen Hauses, sondern auch von der Mehrheit des ganzen Landes geteilt wird (Sehr richttg! rechts.) und ich kann bei dieser Gelegenheit nur meinem Beoauern Ausdruck geben über die Art und Weife, wie in einem Teil unserer Presse und namentlich in unseren Witzblättern neuerdings die Unglücksfälle eines uns benachbarten und befreunbeten Landes zum Gegenstände gehässiger, hämischer, spötttscher Arttkel und Zerrbilder gemacht werden. (Zusttmmung rechts.) Wenn aber, meine Herren, der Herr Abg. Bebel schon in jener Anteilnahme Sr. Majestät des Kaisers an dem Unglück des „Pettopaw- lowsk" eine Abweichung von der uns gegenüber dem ostasiattschen Krieg auferlegten Neutralität erblickt, wie kann er es denn verantworten, daß er wieder derartige Angriffe gegen unseren russischen Nachbarn gerichtet hat, daß er in so unverhüllter Weise gegen ihn zu Felde gezogen ist unter Zuhilfenahme historischer Analogien, daß er in unverblümtem Tone gesagt hat, er wünsche eine Niä>er- lage Rußlands. (Sehr wahr! rechts. Widerspruch bei den Soz.) Das ist eine Abweichung von jeder ehrlichen, ftriften und loyalen Neuttalttät, die wtt gegenüber dem gegenwärtigen ostasiattschen Kriege nach beiden Seiten hin einnehmen, eine Abweichung und eine Verletzung der Neuttalttät, die ich als verantwortlicher Minister nicht mitmachen fann. (Beifall.) Der Herr Abg. Bebel hat sich dann auch über die Lage der Dinge in Südwestafrifa verbreitet. Er hat zunächst die militärischen Operationen kritisiert. Ich glaube, m. H., daß bei der gegenwärtigen Lage der Dinge in Südwestafrika eine solche Kritik — ich will mich sehr schonend ausdrücken — mindestens nicht sehr zeitgemäß ist. Was soll denn jetzt mit solchen Erörterungen erreicht werden, wie sollen wir beim jetzt, wo wtt garnicht in der Lage sinb, bie Beteiligten zu hören, zu einem richtigen Urteil gelangen? Wenn überhaupt auf Grund eines gesicherteren Materials, als e§ uns heute zur Verfügung steht, unseren Offizieren draußen ein Vorwurf gemacht werden kann, so würde es doch höchstens der Vorwurf sein, daß sie ihre Person und ihr Leben zu rücksichtslos in die Schanze geschlagen haben. (Lebhafter Beifall.) Das ist ein schöner Vorwurf. Und ich muß sagen: die Art und Weise, wie unsere Leute und Offiziere dort vorgegangen, der hohe Prozentsatz der gefallenen Offiziere ist die beste Widerlegung der generali- fierenlen Vorwürfe, die gerade in der letzten Zeit gegen unser Offi« zierkorps erhoben worden sind. Nun hat der Abg. Bebel auch gemeint, der AuSbruch des Aufstandes wäre zum Teil wenigstens zurückzuführen auf das Verhalten, auf Ausschreitungen, auf Grausamkeiten unserer Landsleute drüben in Südwestafrika. Ich überlasse es dem Herrn Kolonialdirektor, die einzelnen Fragen, welche Herr Bebel an die Kolonialverwaltung gestellt hat, zu beantworten. Ich möchte meinerseits doch das Nachstehende sagen: Gewiß sind unsere Landsleute drüben auch Menschen von Fleisch und Blut, und wie andere Kolonialvölker, so haben auch wir die traurige Erfahrung machen müßen, daß Leute, denen es an der nötigen Selbstzucht fehlt, unter dem Einfluß des Klimas, der größeren Machtvollkommenheit und Bewegungsfreiheit- sich zu Ausschreitungen hinreißen ließen. Aber solche betrübenden, tief traurigen Einzclfallc bilden doch Gott sei Dank eine verschwindende Ausnahme gegenüber der großen Anzahl unserer Landsleute, die dort in Selbstzucht ihre harte Arbeit verrichten. Das halte ich für meine Pflicht, gerade jetzt gegenüber unseren so schwer betroffenen Landsleuten in Südwestafrika von dieser Stelle aus zu erklären. Tas erkläre ich auch gegenüber einzelnen Angriffen, die von feiten der Missionare gegen unsere Landsleute drüben erhoben sind, und ich kann nur bei aller Hochachtung für die Missionare meinem Bedauern darüber Ausdruck geben, daß sie diesen Augenblick, wo so viele Deutsche das Opfer roher Barbarei geworden sind, gewählt haben, um ihre Angriffe zu erbeben. Ich kann nur sagen, in dem uns drüben aufgedrängten Kamvf ist der Platz der Missionare an der Seite ihrer Landsleute. Ich kann ihnen weder das Recht der Neutralität zwischen Deutschen und Hereros zuerkennen, noch das Amt eines Angreifers oder eines Richters. Dann hat Herr Bebel weiter berührt die Trupvensendungen nach Südwestafrika. Darüber möchte ich im allgemeinen das Nachstehende sagen: Man hat gemeint, daß wir von vornherein mehr Trupven hätten nach Südwestafrika schicken sollen. Es ist auch gesagt worden, daß die Truppensendungen hätten rascher vor sich gehen sollen. Demgegenüber betone ich, daß ich von dem ersten Tage an, wo die erste Nachricht eintraf über den Aufstand in Südwestafrika, sowohl der Kolonialverwaltung wie dem Gouverneur von Südwestafrika keinen Zweifel darüber gelaßen habe, daß ich die Verantwortung übernähme für alle Truvpensendungen nach Südwestafrika, die aus militärischen Gründen irgendwie notwendig erscheinen und aus militärischen Gründen erforderlich würden, daß ich die dadurch entstehenden Kosten vor diesem hohen Hause vertreten würde. Svar- samkeit dort, wo es sich um die Rettung so v-.'ler bedrängter Landsleute, wo cs sich um das Ansehen unserer Fahne, um den militärischen Erfolg handelt, wäre in meinen Augen im höchsten Grade unangebracht, wäre in meinen Augen geradezu ein Verbrechen. Es find dann auch genau so viele Truppen mit der äußersten Beschleunigung nach Südwestafrika geschickt worden, als von militärischer Seite für notwendig erklärt wurden, als von militärischer Seite verlangt wurden. An diesem Standpunkt werden wir auch weiter fefthalten, und für diesen Standpunkt hoffen wir auch die Zustimmung des hohen Hauses zu erlangen. Was die Entsendung des Generalleutnants von Trotha betrifft, so ist der Sachverhalt ein sehr einfacher. Die Leitung der Operationen war zunächst dem Gouverneur von Südwestafrika, dem Obersten Leutwein überlasten, welcher dank langjähriger Erfahrung Land und Leute in Südwestairika am besten kennt. Als sich berausstellte, daß nach dem Urteil des Gouverneurs, des Obersten Leutwein selbst, größere, stärkere Truvpensendungen notwendig wurden, ergab sich eine doppelte Schwierigkeit', einmal die Notwendigkeit, daß die größere Truppenzahl mit einer größeren Anzahl Stabsoffiziere als Kommandeur einen General erfordert, und dann die Erwägung, daß der Leiter der militärischen Operationen schon aus territorialen Rücksichten nicht länger der Gouverneur der Provinz sein konnte. Der Leiter der militärischen Operationen, der gezwungen ist, in den dortigen unwegsamen Gegenden, in den Grenzgebieten zu operieren, kann nicht gleichzeitig in Windhuk sitzen. Auf das, was der Herr Abg. Bebel ausgeführt hat über das Gesetz, das das preußische Staatsministcrium im preußischen Land tage eingcbracht hat über die Erschwerung des Vertragsbruches landwirtschaftlicher Arbeiter, gehe ich nicht ein. (Lachen und Zurufe bei den Soz.: Na, natürlich! Die alte Drückereibergerei!) Ich lehne es ab, mich hier auszusprechen über die Motive, welche die preußische Staatsregierung bei. ihrem Vorgehen leiteten. (Erneutes Lachen bei den Soz.) Darüber mich auszusprechen, ist der Ort der preußische Landtag. (Lachen und Lärm bei den Soz. Zurufe: „Wo Sie ganz unter sich sind!" „ReichstagsscheuI" Anhaltende Unruhe. Vizepräsident Graf Stolberg erhebt sich und legt die Hand an die Glocke. Der Lärm legt sich aber von selbst, da der Reichskanzler, die Zwischenrufe nicht beachtend, in seinen Ausführungen fortfährt.) Endlich hat der Herr Abg. Bebel auch gemeint, daß in der Welt so viel Antipathie, so außerordentlich viel Neid und Haß gegen uns vorhanden wären. Ich bestreite, daß diese Antipathie in so hohem Grade vorhanden ist, wie Herr Bebel behauptet. Wenn das aber wirklich zutrifft, so würde das nur ein Grund mehr sein, unsere Rüstungen so zu halten, daß wir allen Eventualitäten der Zukunft mit Ruhe entgegenschen können. Denn ein Mittel, unberechtigten Haß und Neid — und der Haß und der Neid gegen uns find unberechtigt, denn wir haben seit 33 Jahren eine eminent friedliche Politik gemacht (Lachen bei den Soz.) — ich sage: ein Mittel, Haß und Neio zu entwaftncn, anders, als indem man sein Schwert scharf erhält, ist noch nicht gefunden worden. (Beifall rechts und bei den Nat.-Lib. Lachen bei den Soz.) Kolonialdirektor Dr. Stübel: Auf die bereits ftühcr gestellten Anftagen des Abg. Bebel, die er auch heute wiederholt hat, hat der Gouverneur Oberst Leutwein telegraphisch folgende Antwort erteilt: „Ein Befehl, keine Gefangene aufzubringen, ist nirgends gegeben (Hört! hört!); auf Frauen und Kinder wird nicht geschoßen (Hort! hört!), einige Frauen und Kinder gefangen und nach Verabfolgung von Kost unbelästigt fteigelassen; im Gefecht unverwundcte Männer bis jetzt nicht gefangen, Verwundete schießen im Buschgefccht bis zur Unschädlichmachung weiter, oder werden von Stammesgenosien mitgeschleppt; sonstige Gefangene vor Kriegsgericht gestellt; genaue Zahlenangaben nicht möglich; kein Fall von Vergewaltigung von Hercrofrauen früher oder jetzt; die Hereros früher auch gegen Weiße Frauen grausam, jetzt nicht mehr, wohl aber bei gemeinsamem Kriegszug 1896. Herero- frauen auch von uns geschont; drei Weiße Frauen getötet, einige verwundet oder mißhandelt; kleine Kinder oder Missionare geschont; weil Kriegszug nur gegen Deutsche schonen Hereros Ausländer aus Politik." Zu diesem Telegramm ist heute morgen noch folgendes Telegramm eingegangen: „Gerechtigkeit gebietet, früherem Telegramm hinzuzufügen, daß Rettung weißer Frauen durch eingeborene Christen er- ist." enn der Gouverneur uns hier mitcilte, daß von Vergewaltigungen von Herero-Frauen weder früher, noch jetzt etwas im Schutzgebier bekannr ist, so haben wir dieser Versicherung wohl Glauben zu schenken, und ich meine, daß es sich, wenn der Herr Abg. Bebel auf Zustände zu sprechen gekommen ist, gegen die Einwendungen vielleicht vom moralischen Standpunkt gemacht werden können, jedenfalls nicht um Vergewaltigungen von Frauen haiidelt, sondern um Verhältnisse zwischen Weißen und eingeborenen Frauen, wie sie in keinem Koloniallande überhaupt nicht existieren. (Unruhe und Bewegung.) Ueber die Behauptung, Frauen seien mißhandelt worden, ist eine besondere telegraphische Korrespondenz mit dem Gouverneur Leutwein geführt worden, deren Inhalt ich dem Abg. Bebel und denjenigen Herren Abgeordneten, die sich für diese Einzelheiten interessieren, jederzeit zur Verfügung stelle. (Zuruf bei den Sozialdemokraten: Lesen Sie sie doch vor!) Ich komme auf einige Feststellungen zurück, die der Herr Abg. Bebel seinen Fragen tn seiner Rede vom 19. März angeschlosscn hat. Der Herr Abg. Bebel hat damals gesagt, er stelle fest, daß jetzt ein furchtbarer, unauslöschlicher Haß gegen alles Deutsche in den Schutzgebieten besteht. Meine Herren, diese Feststellungen sind mit den Tatsachen doch nicht im Einklang. Ich möchte zu ihrer Widerlegung mich auf Aeuße- rungen von Missionaren beziehen, gegen deren Vertrauenswürdigkeit der Herr Abg. Bebel vielleicht am wenigsten Einspruch erheben wird. Es liegt mir hier die Aussage eines Missionars vor, in der es folgendermaßen heißt — cs handelt sich um eine protokollarische Aussage des Missionars Kullmann —: Ich habe bestimmt den Eindruck, daß die große Menge der Hereros friedlicher Gesinnung ist. Ich habe imer von verschiedenen Seiten, auch von Seiten der Kapitäne, gehört, wie sie unter einander fragten, wie der Krieg eigentlich entstanden ist und wie andere darauf sagten, sie hätten sich auch schon ost gefragt, sie wüßten es auch nicht. Und in derselben Aussage heißt es einige Seiten später: es hätten sich Leute dahin hören laßen, für sic sei cs nicht günstig, wenn die Hereros den Sieg davon trügen, denn unter der deutschen Herrschaft hätten sie sich Vieh halten können. Wenn aber die Hcrcros wieder die Herren wären, sei es nicht mehr möglich, weil alles Vieh nach ihrer Sitte den Großleuten gehöre. Das sind Aeußerungen des Missionars, die ganz bestimmt nicht dahin gehen, daß durch das ganze Hererovolk ein unauslöschlicher Haß gegen das deutsche Volk und die deutsche Herrschaft gebt. Wenn der Abg. Bebel weiter am 19. März behauptet hat, daß die Hereros die Angehörigen anderer Nationen offenbar schonten und daß jetzt schon festgcswllt sei, daß in einer Anzahl von Fällen Frauen und Kinder der Deutschen von den Hereros geschont worden seien, so möchte ich hierauf anführcn: es kann zugegeben werden, daß sich in den Hereros eine eigentümliche Beherrschung der Denkweise des Wilden durch die des Kulturmenschen gezeigt hat. (Bewegung.) Die gelegentliche Schonung deutscher Frauen, die Schonung der Missionare, Engländer und Buren hat deutlich den Einfluß der Shiltur auf die Wilden erkennen laßen. Wenn die Schonung der Engländer sicher einen egoistischen und politischen Hintergrund hat, so ist die Schonung der Missionare zweifellos auf die besseren Regungen des Menschenherzens zurückzuführen. Aber das scheint doch zu weit zu gehen, wenn man in Anbetracht dieser Momente bei der Mordlust gegen Deutsche auf mildernde Umstände plädieren wollte. Nein, dem nichts als Wilden will ich seine Mordlust gegen jedermann zu gute halten. Wir erkennen ihm gegenüber alles an, was jenseits seines Strebens liegt. (Sehr wahr! rechts.) Aber dem Herero, der durch seine langjährigen Beziehungen zur Kultur des Weißen, der durch seinen Kontakt mit den christlichen Missionen sehr wohl zwischen gut und böse unterscheiden kann, der heute mit teuflischer Wut über die Deutschen hersällt, während er die Engländer verschont, wird kein mildernder Umstand ^'gebilligt werden könne», es ist im Gegenteil eine gewaltige Verschärfung für die Beurteilung der unbedingten Verwerflichkeit seiner Handlungsweise. Tic Mißion steht selbst nicht an, öffentlich zu erklären, daß, hier nur eremplarische Sühne am Platze sei. (Zuruf bei den Soz.: So, so!) Ich möchte in dieser Verbindung auf eine weitere Aeußerung von Missionaren über die Ursachen des Aufstandes eingehen. Ein der Hercro-Mißion angehörender Millionär hat sich in einem Briefe folgendermaßen geäußert: Ich bin öfter von Offizieren und anderen böhergestellten Beamten gefragt worden, was ich für die Ursache des Aufstandes halte. Ick habe geantwortet, zunächst die Mißstimmung, der allgemeine Haß gegen das Hereinkommen und die Besitzergreifung des Landes durch die Deutschen, dann aber auch die vielfach ungerechte Behandlung, die sich namentlich die Händler gegen die Eingeborenen zu Schulden kommen ließen. Nun aber fährt er fort: ..Wer die Verhältnisse genau kennt und unparteiisch urteilen will, muß zugestehen, daß auf beiden Seiten gefehlt wurde; die Hereroleute wurden bedrückt, aber vielfach sind sie selbst schuld; ihre Lage war noch keineswegs verzweifelt. (Lachen bei den Soz.) Niemand konnte sie zwingen, ihr Land zu verkaufen. (Erneutes Lachen bei den Soz.) Wir Millionäre haben sie genug ermähnt und gewarnt und sind ihnen mit dem besten Beispiel borangegangen, aber wir predigten tauben Obren. Haß und Unaufrichtigkeit, die den Hereros eigen sind, haben dieses Verderben heraufbeschworen." (Zurufe bei den Soz.) In Verbindung hiermit gestatte ich mir, noch aus einem weiteren Millionsberichte etwas vorzulegen, und zwar handelt es sich um den Inspektor der Rheinischen Mission, der sich über die schlechte Behandlung, die^ angeblich und ja auch in Wirklichkeit den Hereros von den Weißen zugefügt worden, folgendermaßen äußert: „Es ist nicht zu bestreiten, daß die Eingeborenen roh behandelt worden sind, sogar von einfachen deutschen Arbeitern. Dagegen schien es mir, daß wenigstens unter den Beamten das Bestreben herrschte, die Eingeborenen gerecht zu behandeln (Zurufe bei den Soz.) und sie gegen Vergewaltigungen zu schützen." (Erneute Zurufe bei den Soz.) Daß der Krieg in den Grenzen zivilisierter Kriegsführung bleibt, dafür ist »ns bisher jedenfalls der Oberst Leutwein unbedingte Bürgschaft gewesen. Wir haben gamicht daran zu zweifeln, daß in dieser Be-iehung der General bou Trotha in den Fußstavfen des Obersten Leutwein wandeln wird. Im übrigen geben die Soldatenbriefe kein objektibes Bild, selbst wenn sie ohne Absicht von Fälschungen geschrieben find: das ist doch durch reichliche Erfahrungen bewiesen und ist auch natürlich. Im vorliegenden Falle kommt noch die ungeheure Erbitterung hinzu über die Greuel, die seitens der Hereros gegenüber unsere» Landsleuten verübt worden sind. Gerade der Umstand, daß Missionare geschont worden sind und die Racheakte auf Deutsche beschränkt blieben, kann doch gewiß keine Milderung in der Stimmung der deutschen Soldaten erzeugt haben. Wie kann unter diesen Umständen bei unseren Landsleuten eine Neigung zur Schonung des Feindes im Gefecht vorhanden sein? Und nur um das Gefecht handelt es sich. Das schließt nicht aus, daß seitens der Verwaltung mit allen Mitteln darauf hingewirkt worden ist, daß der .Krieg ohne jede unnütze Grausamkeit in den Formen zivilisierter Kriegsführung vor sich geht. In dieser Richtung möchte ich ein Telegramm mitteilen, das an den Oberst Leutwein vom 28. März seitens des Reichskanzlers ergangen ist. Darin heißt es, daß die in der Preße mitgeteilten Briese den Reichskanzler veranlaßten, den Obersten Leutwein drauf hinzuweisen, Verstöße gegen die Humanität, Mißhandlungen von Frauen und Kindern, auf jeden Fall cntgegenzutreten und entsprechende Anweisungen zu erlaßen. Was Bebel über Kamerun mitgeteilt hat, entbehrt zu sehr der genauen tatsächlichen Begründung, als daß ich hier daraus antworten könnte. Es mag ja vorgekommen sein, daß Straßen und Brücken nicht in dem Zustande waren, wie es sich gehörte. Mir ist es indessen nicht bekannt. Vermutlich war es der Fall, aus Sparsamkeitsrücksichten, weil die betreffenden Fonds keine Mittel für die Unterhaltung von Straßen und Brücken vorsahen. Daß aber ähnliche Ereignisse, wie in Deutsch-Südwestafrika solche vorgekommen find, in Kamerun möglich wären, muß ick nach meiner Kenntnis der Verhältnisse von Land und Leuten durchaus bestreiten. Es existieren in Kamerun keine Völkerschaften von der Größe und Stärke der Herero. Es kann auch in Kamerun gar keine Rede davon sein, daß Hinterladergewehre sich in dem Besitz der bärtigen Völkerschaften finden. Der Handel an der Westküste von Afrika beschränkt sich den Verträgen entsprechend auf den Verkauf von Feuersteingewehren. Wenn wir es beklagen, daß jüngst bei einem Aufstande in Kamerun neben einem Bezirksamtmann mehrere weiße Angestellte der Nord- wcst-Kamerun-Gesellschaft getötet worden sind, so ist doch der Auf- stand, um den cs sich bandelte, bereits niedergeworfen, und es besteht nicht die geringste Gefahr, daß weitere Folgen daraus für das Schutzgebiet erwachsen können. Wenn der Herr Abg. Bebel schließlich gemeint bat, daß wir, wenn wir unsere Kolonien zum Kaufe anbieten würden, keinen Käufer finden, so möchte ich das unter allen Umständen als eine Behauptung hinstellen, für die cs an jedem Beweise fehlt. (Lachen bei den Sozialdemokraten.) AIS wir unsere Kolonien erwarben, hat cs keineswegs an solchen Nachbarn gefehlt, die uns unser Vorgehen in jeder Weise schwer machten und die unter allen Umständen verhindern wollten, daß wir Kolonialvolitik trieben. Wenn der Herr Abg. Bebel meint, daß das deutsche Volk bereit fein würde, seine Kolonien aufzugeben gegen den Ersatz dessen, was dort an Geld und Gut investiert ist, so glaube ich, daß der Herr Bebel sich irrt. Ich meine, weite Streife des deutschen Volkes würden in höchstem Matze entrüstet sein, wenn in irgend einer Weise seitens der Kolonialverwaltung ähnliche Ideen auch nur als möglich hingestellr werden könnten. Abg. Gamp (Rp.): Ick hatte gehofft, die 2. Etatslesung hätte Herrn Bebel und seinen Freunden genügend Gelegenheit gegeben, ihr Redebcdürfnis zu befriedigen. Ich will Herrn Bebel nur wenig antworten: Heber den Kontraktbruch ist Herr Bebel anscheinend falsch unterrichtet. Das Preußische Gesetz richtet sich nicht gegen die Arbeiter, sondern gegen die Arbeitgeber und die gewissenlosen Vermittler. — Wir wissen, daß Herr Bebel stets mit seinen Sympathien auf der Seite der Gegner Deutschlands steht. Zu bedauern ist nur, daß sich Herr Bebel bei feinen Angriffen auf einen Missionar stützen konnte. Herr Bebel meint, unter den Heer- und Marinelasten litten die Kulturaufgaben. Ich glaube, für Preußen gilt dies nicht; denn die große wasserwirtschaftliche Vorlage, von der viele behaupten, das Geld für sie werde zum Fenster hinaus- getoorfen, zeigt doch, was Preußen für Kulturaufgaben ausgeben will. Ich habe mich eigentlich nicht zum Wort gemeldet, um eint große Rede zu halten, sondern nur um Einiges richtig zu stellen. Zunächst möchte ich dem toürftcmbergifrbcn Bevollmächtigten Herrn v. Schicker erklären, daß ich über die Zustände im Gefängnis zu Rottenburg falsch unterrichtet war. Tas Handwerk wird durch die Gefängnisarbeit in keiner Weise geschädigt. Welch ein Ton heut unter den Sozialdemokraten herrscht, ersieht man aus Folgendem: Ein ehrenwerter Anwalt sagte in einer Broschüre, wir könnten mit den Sozialdemokraten weiter verhandeln, wenn chrc 18jährigen Burschen die Bürger in Harburg auch auf dem Trottoir gehen ließen. Diese wenigen Worte, die ich hier im Reichstag gelegentlich erwähnte, haben den Sozialdemokraten Veranlassung gegeben, eine Protestverfammlung abzuhalten, in der der Anwalt ein „ehrloser, gemeiner, niederträchtiger Mensel'" genannt wurde. Nach dem Dresdener Parteitag, wo sich die Führer der Sozialdemokraten mit Schmutz beworfen naben, ist solch ein Ton ja nichts Neues. Aber ich glaube, Herr Bebel sollte doch etwas für die Besserung des Tones sorgen? Tas Tritte, was ich sagen muß, richtet sich gegen Herrn v. Gerlach. Herr v. Gerlach meint unter Benennung eines Gutes im Kreise Wohlau: es würden dort Hungerlöhne gezahlt. Ich habe nun von dem Besitzer die Mitteilung erhalten, daß Die Angriffe des Herrn v. Gerlach unberechtigt sind, daß die Arbeiter dort vielmehr gut gelohnt sind. Herr v. Gerlach ist, als er als Redakteur der „Welt am Montag" dieselben Angriffe erhob, mit 25 Mk. Geldstrafe belegt worden. Abg. v. Gerlach (freis. Vgg.): Ich kann meine Angriffe nut aufrechterhalten. Es ist richtig, daß ich mit 25 Mk. bestraft bin wegen Beleidigung. Ich glaube, die Strafe zeigt bereits, daß ich den Wahrheitsbeweis in vollem Umfange geführt habe und nur wegen formaler Beleidigung bestraft bin. Abg. Stadthagen (Soz., mit allgemeinem Oho! begrüßt) pole« mifiert gegen den Abg. Gamp und bestreitet die Behauptung des Reichskanzlers, daß das Kontraktbruchsgefetz ins Abgeordnetenhaus gehöre. Das Gesetz gehöre in den Reichstag, da es einen Eingriff in die Reichsgesetzgebung darstelle, dies habe sogar Herr von Miguel anerkannt. Tas Gesetz sei nur in dem andern Hause eingebracht, weil es hier nie eine Mehrheit finden würde. Es verstoße nicht nur gegen den Geist, fondern auch gegen den Wortlaut der Reichsverfassung. Es wolle den Kontraktbruch bestrafen, während die Rechte beim Börsengesetz ihn geradezu gefördert habe. Abg. Arendt (Reichsp.) meint, es sei eine harte Strafe für den Reichstag, daß er die Rede des Vorredners mit anhören müsse, weil im Abgeordnetenhaus kein Sozialdemokrat sei. Ter Reichskanzler werde wohl besser wissen, was in den Reichstag gehöre oder nicht, als der Vorredner. Redner polemisiert dann gegen den Abg. Bebel, der als Hannibal-Fischer II. aufgetreten fei und die deutschen Kolonien verkaufen wollte. In England würde er schon Käufer finden. Deuffehland könnte bei feiner Expansionskraft die Kolonien nicht entbehren, besonders nicht im Interesse der Arbeiter. Die Früchte, die wir jetzt säten,, würden toir hundert- itnb tausendfach ernten. Bebels Weltanschauung sei eine rückständige und philisterhafte. Der Reichskanzler möge die Kon- seguenzen seiner letzten Worte ziehen und dafür sorgen, daß Deutschland auch zur See stärker werde. Er hoffe, daß die Wähler in Frankfurt a. O. auf die Hcrerorede des Abg. Bebel dieselbe Antwort geben würden, wie in Altenburg. Hiermit schließt die Generaldrskussion, es folgt die Spezialdiskussion. Der Etat des Reichstags wird bewilligt. Beim Etat des Reichskanzlers bemerkt Abg. Dr. Semler (nat.-lib.): Ich möchte hier den Fall der Ausweisung eines deutschen Staatsangehörigen aus Rußland und Sibirien zur Sprache bringen. Dieser deutsche Staatsangehörige mit Namen Steingrubcr war feit fünf Jahren in Tomsk in Sibirien als Vertreter einer Reihe von deutschen Firmen etabliert. Er hctt dort Maschinen und dergleichen Artikel vertrieben. Er ist ein bescheidener Mann, von angemeffenem Auftreten, ausgestattet mit den besten Referenzen, die ihm auch nachrühmen, daß er überdies ein kluger Mann sein soll. Am 22. Februar russischen Stils, also am 7. März, hat Steingrubcr in einem Speisewagen der sibirischen Bahn gesessen und ein Mahl eingenommen. Hinterdrein kam eine Reihe von Offizieren in den Wagen hinein. Steingrubcr ist, wie es in Deutschland Sitte ist, still und bescheiden auf seinem Platz verharrt, bann ist der Zugführer gekommen, hat Steingrubcr in sein Coupe genommen unb ihn bar auf aufmerksam gemaait, baß er einen russischen Großfürsten nicht gegrüßt hat. Ec hat ben Großfürsten nicht gerannt, sonbern nur gesehen, daß Offiziere sich gegrüßt haben. Das hat er auch dem Zugführer gesagt, wie es scheint, ohne Erfolg. Hinterher soll der Zugführer seinerseits ein Protokoll ausgenommen haben, welches aber der Betreffende nicht unterzeichnet hat. Steingrubcr würbe zunächst fixiert, auf Veranlassung des deutschen Konsuls kurze Zeil freigegeben, bann toieber sistiert und hat bann dort vier Wochen bleiben müssen. Dann hat er vom Gouverneur bte Ausweisung erhalten. Er mußte Sibirien innerhalb dreimal 24 Stunden, Rußland binnen vierzehn Tagen verlassen. Er hat dem auch sofort Folge gegeben unb fern Geschäft unb gesamtes Vermögen bort gelassen. Er hat sich bann an die bcutschc Botschaft in Petersburg getoanbt unb ist von dieser in dankenswerter Weise unterstützt worden; das will ich gern hier aussprechen. Und er hat auch Entgegenkommen bei der russischen Behörde gefunden. Die Ausweisung aus Rußland ist alsbald rektifiziert worden. Nach Rußland kann er zurückkehren. Aber dort hat er nichts zu suchen, sein Geschäft liegt in Sibirien, und diese Ausweisung ist bisher nicht zurückgenommen. (Hort, hort! links.) Aus wiederholte Vorstellungen hin hat er bann erfahren, daß nachträglich noch allerhand Bedenke» gegen ihn geltend gemacht worden seien. So soll er angeblich bei einem Hoch auf den Zaren sich nicht mit erhoben haben. Tas wäre natürlich überaus unpassend gewesen. Aber ich bezweifle nicht, daß, wenn das wahr gewesen wäre, schon damals die Ausweisung erfolgt wäre. Der Mann ist für sein Leben schwer geschädigt, und ich bitte den Herrn Reichskanzler, dem Falle seine Aufmerksamkeit zuzuwenden. Der Fall hat Beunruhigung hervorgerufen, und ich wäre dankbar, wenn wir eine beruhigende Erklärung vom Regierungstische bekommen könnten. Staatssekretär Tr. Frhr. v. Richthofen: Der Herr Abg. Dr. Semler hat bereits betont, daß wir die Angelegenheit des Herr» Steingrubcr auf5 angelegentlichste geführt haben. Ter erweiterte Antrag, der dahingeht, den Ausweisungsocfehl, der für ihn noch für Sibirien besteht, zurückzunehmen, ist von uns mit lebhafter Befürwortung nach Petersburg weiter gegeben worden. Ich hoffe, daß es unseren Bemühungen gelingen wird, die Zurücknahme der Ausweisung zu erlangen und den russischen Behörden die Uebcrzeugung beizubringen, daß die Charakterisfik, welche Herr Dr. Semler eben von dem Ausgewiesenen gegeben hat, nach allen Richtungen zutreffend ist. Wir werden nach Möglichkeit für die Angelegenheit cintretcn. Geheimrat Hallch kommt auf die Ausführungen des Abg^ Grober wegen der Ausweisung französischer Ordensschwestern aus dem Elsaß zurück und sucht das Verhalten der elsaß-lothringischen Behörden in dieser Angelegenheit zu rechtfertigen. Abg. Gröber (Zcntr.) bleibt bei seiner Darstellung. Sie fei seinerzeit unwidersprochen durch die Presie gegangen. Wäre wirklich nichts daran, so hätte man sie früher dementieren können. yZoifi einer foeiferen PTuSeinnnbcrfebima aftüfdficn bent Grbelm- rcrt Hallet) und dem ?lbg. G r,ö b e r mird der Etat des Reichskanzlers und der Reichskanzlei bewilligt. Es folgt der Etat des N u s w ä r t i g e n Amts. Abg. Dr. Miiller-Sagan ffreif. Pv.l: Am 19. April d. I. führte der Staatssekretär ftrlir. v. Richtbofen auf meine Anregung mis, daß die deutschen Staatsbürger jüdischen (Glaubens in Rußland nickt anders bebandelt werden als die Israeliten Enalands und Amerikas. Mir sind nun von zuverläs'iaer Seite Mitteilungen zugeaangen. die darauf binauSgeüen, daß den amerikanischen und englischen Juden die russische Regierung sich in erbeblichem Grade entgegenkammend''r zeiat als den deutschen Juden. Bei dem SPofifhioHen, das der Staatssekretär für diese Angelegenheit gezeigt bat, darf ich Soffen, daß er diese Sache noch einmal wohlwollend prüfen wird Staatssekretär Frlir. v. Richtliofen: Uns ift in keiner Weise gekannt, daß eine Differenzierung zwilchen englischen, amerikanischen Juden einerseits und deutschen Juden andererseits bestebt. Ich werde aber dem Vorredner sehr dankbar sein, wenn er mir privatim die Einzelheiten mitteilen will, damit sich eine Handhabe finden laßt, um einen besseren Zustand berbeizuführen. Abg. Eickhofs ffreif. Vp.) wünscht die Errichtung eines Reichs- Schulamts zur Beaufsichtigung der deutschen Schulen im Ausland. Freilich sei das eine cura posterior. Doch müsse zweifellos etwas mehr für die Auslandsschulen geschehen. Mir einem Reichszuschuß allein sei es nicht getan. Man müsse auch für geeignete Lehrkräfte sorgen. Tas beste wäre, wenn man Lehrer aus deutschen Schulen offiziell beurlaubte und an solcl)e Auslandsschulen versetzte. Tas würde jenen Schulen zugute kommen und auch diesen deutschen Lehrern, die im Ausland ihren Horizont erweitern könnten. Natürlich müsse diesen Leheern die Amtszeit im Auslande voll, even- htefl sogar noch mehr, angerechnet werden. Staatssekretär Frhr. v. Rtchthofcn erwidert, er werde die vom Vorredner behandelten Fragen, soweit sie jein Ressort betreffen, in Erwägung ziehen. Abg. Tr. Otto Arendt fRp.) stimmt dem Abg. Eickhoff in ollem, was er über die Wichtigkeit der deutschen Auslandsschulen gesagt, zu. In dem, waS dafür geschehe, stehe Deutschland hinter anderen Kulturnationen noch weit zurück. Der Etat des Auswärtigen Amts wird ohne weitere Tebaitc bewilligt. Im Kolonialetat, dessen Beratung darauf folgt, werden n. a. „zu Darlehen an Geschädigte, sowie tu Hilfsleistungen an Bedürftige aus Anlaß der Verluste infolge des Eingeborenenauf- standes" 2 Millionen gefordert. Abg. Patzig fnatl.s beantragt, die Morte „an Bedür' che" zu streichen. Dieser Ausdruck gebe der Sache eii"-n für die Betroffenen etwas unwürdigen Ebarakter. Er wünscht ferner eine Erklärung vom Regierungstisch, eaß die Ansiedler auch weitere Unter- 'ti'tzung erhalten würden, falls die 2 Millionen nicht ausreichen sollten. Abg. Luttmann fwirrsch. Ra f wird dem Antrag Batzig -u- frimmen und ist auch bereit, weitere Beihilfe tu gewähren. Er bat nur das Bedenken, daß diese Hntmrühini'-’i e" ■ g nvifi den Landgesellschaften gewährt werden würden. Das " de rrfScr nicht tnm Segen der tiolonie ausschlagen, sondern nur zum llnftam. Er wünscht eine ausdrückliche Regirrungserklärnug über fen Punkt. Im übrigen aber findet er es ganz felbstverstäiidlie! diß der Beihilfe der Charatrer des Almosens genommen ivrbc: aus diesem Grunde ist er für die Streichung des Dem Abg. Palna beanstandeten Ausdrucks. Kolonialdirektor Stuebcl: Die Stimmung, die in den Kreisen der Geschädigten herrscht, hat der erste Herr Vorredner richtig wiedergegeben. Ich will nicht ann firnen, daß die Geschädiamn ihre Drohung wabrmachen und das "and verlassen. Immerhin handelt es sich uni Imponderabilien infolge verletzten Ehrge'iihls infolge der Zurückweisung eines angeblichen Relsanspriiebes. Wir müssen für den wirt'chaftlichen Wiederaufbau die vollen ^lrbeiis- hafte und die größte Arbeitssreudigleii der schwer - An i-edl--r -rir ffen. Wir mü'sen den Leuten die G iv" ' eit sie ih> Zukunft nicht mit ihren aerrii liefen P-irychm'^en i e,'innen verbitterten, hoffnungslosen Er>''eiwen können mir ni i • erreichen. Im Interesse der Heilung der von dein Aufstande gejchlagenen Wunden, im Inle.refs» einer baldmöglichst wieder auszunebmenden wirtschaftlichen Tätigkeit n den Scknitzgebieien und im Interesse der Aufrichtung der nieder» ae'chlageuen Geyler möchten wir noch einmal daftir eintreten, daß man es nicht bet der durch den Be'chluß der zweiten Lesung fest- gelegten Form beläßt, sondern eine Form wählt, von der wir uns einen Nutzen für das Schutzgebiet versprechen. Dem Abg. Patzig, der eine beruhigende Zusicherung vom Negierungslische verlangte dar, wir locifcrc Mittel bereit stellen würden für den Fall, daß die jetzt emaesfellten nicht genügten, kann ich nirit eine Erklärung im Namen der verbündeten Reaiernngen zukommen lassen. Wir sind von der Ansicht ausgegangen, das; die eingestellte Summe ausre beit wird, um unfern Ansiedlern die Aufnahme ihrer wirfschaftlieben Tätigkeit zu gestatten. Sollte das nicht möglich sein, 'ollie durch eine einzusetzende Kommission feftnefteßt werden, daß in dieser Beziehung in Notstand verbleibt, >o wird es der Zukun-' Vorbehalten sein müssen, in die'er Be- ziehung die nötigen Schritte zu tun. Für mc ne Person kann ich naiiirlich nur 'ageii, ' in die Kolw ialverwaltiing in die-em Falle ganz bestimmt für ein ol.hes Mehr seinerzeit cintretcn wird. Dem Abg. Luttmann erwidere ich. da: <■ noch nicht fe'tfteht, ob die Gesellschaften, vor allem die beiden großen Gesell- schaften, gegen die eine gewisse 'lnimosität beste ', Ansprüche erbeben wer en Ich werde aber das tun, w's vom Standpunkte strenger Gereänigleit von der K 'onmiucrmnitnn-i erwartet wird unti versichere, das; die ur gnngen die von HauS ans gegeben werden, beachtet werden 'ollen. blbg. Fr»r. v. Richthofen lons.) ist für den Antrag, ebenso Abg. Dr. Stockmann (Rv.). Abg. Patzig empfiehlt nochmals feinen Antrag und hofft, daß bei der Verteilung der 2 Millionen möglichst wohlwollend ver- 'ahren werbe. Der Antrag P-tzia lvird hierauf ab gelehnt und der Etat r r i" c r " n tert genehmi : t. ebcifo der \ ' o o ii i a -Efe.-' '■ ■ : ivciieic auf - ; c ; a >3 1 “ A — ccyiuj O4 li.jr. 3>er Krieg zwislven Aapan rmd AuKtand. Petersburgs. Mai. Die Rnsj. Talagraphenagentur erklärt die Londoner Zeitungsmeldung fi r vollkommen unbegründet, wonach Statthalter Alexejew auf gemeinsames Ersuchen Kuropatkins und des Admirals Srrydlow zurück berufen und Großfürst Nikolaus Nikolajewitsch zu seinem Nachfolger ernannt worden sei. Söul, 9. Mai. (Reuter.) Der japanische Konsul in Gensan telegraphiert, daß russische Truppen, deren Stärke nicht bekannt sei, mit berittenen Banditen aus der Mandschurei in einer beträchtlichen Entfernnng oberhalb Widschus den Jalu überschritten und auf dem Vormarsch nach Stldosten Tschangdschin, das etwa hundert Meilen westlich von Sioengtschin liegt, besetzten. Laut einer Shanghaier Drahtung des „Daily Telegraph" besagen Pekinger Nachrichten, daß die Russen sich anschicken, die chinesische Eisenbahn zwischen Kao - pangtze und Si nmintung mit Beschlag zu belegen. Sie bauen Forts auf beiden Ufern des Liao- Flusses in der Nähe von Sinmintung. Ein Privatkorrespondent des „Reuterschen Bureaus" meldet aus Petersburg: Statthalter Alexejew habe dem Kaiser telegraphiert, daß er das Hauptquartier nach C h a r b i n verlege. Die Admiralität gebe bekannt, daß sich das Geschwader des Admirals Jessen in W l a d i w o- st o k befinde. Es heiße offiziell, daß der G e n e r a l st a b Kuropatkins in Liaujang bleibe und nicht die Absicht habe, die gegenwärtige Position aufzugeben. London, 9. Mai. Wie aus Tientsin gemeldet wird, ser wahrscheinlich^ auch Muk den unhaltbar und die Russen würden aus Eharbin zurückkehren. Nach chinesischen Berichten soll der in MuDen angekommene General Alexejew vor seiner Abreise aus Port Arthur leicht verwundet worden sein. Tokio, 9. Mai. (Renter.) Die offizielle Ver- /u st liste der Japaner in der Schlacht am Jalu am 1. Mai beträgt: Von der Garde tot: ein Offizier und 20 Mann, verwundet 7 Offiziere und 122 Mann: von der zweiten Division tot: ein Offizier und 84 Mann, verwundet 13 Offiziere und 305 Mann: von der zwölften Division tot: 3 Offiziere li.nib 76 Mann, verwundet 5 Offiziere und 263 Mann. * Charkow, 9. Mai. (Rufs. Telegr.-Ag.) Heute begann die teilweise Mobilisierung der Truppen der Stadt und des Distriktes. Washington, 9. Mai. (Reuter.) Staatssekretär Hay hatte heute eine Besprechung mit dem Präsidenten Roosevelt über die Frage, ob es angebracht sei, ein Kriegsschiff nach Niutschwang zu senden, das die Interessen der Fremden bei einer eventuellen Plünderung wahrnehme, während der Zeit, in der die Stadt von den Russen geräumt und von den Japanern besetzt werde. Mehrere amerikanische Kriegsschiffe befinden sich in zwei bis drei Tagesfahrten von Mutschwang. In der Nähe von Tschemulpo üst die „Raleigh", „Helena" und „Wilmington" liegen bei Wentschang und die „Cincinnati" ist nach Tschemulpo unterwegs. Petersburg, 9. Mai. Das Finanzkomitee beschloß heute offiziell die Aufnahme einer russischen äußeren fünfprozentigen Anleihe in Höhe von 300 Millionen Rubel. Dieser Beschluß wird noch heute die allerhöchste Genehmigung erhalten. Die Anleihe wird in Frankreich untergebracht. Paris, 9. Mai. Wie die hiesige Ausgabe des N e w - S)ork Herald" aus Newyork meldet, ist die neue j ap a* nisch e A nleihe dort u n g ü n st i g ausgenommen worden. Volitisthe Tagesschau. Kaiser Wilhelm in Baden. Wir lesen in der „Neuen Bad. Landesztg.": " Die Kaiserreife durch Baden macht wieder viel zu reden infolge der großen Anarchistensurcht. Vor ein paar Jahren hätte man solchen Apparat nicht in Bewegung gefetzt, selbst wenn der Zar durch unser so lammfrommes Baden gefahren wäre. Von Schwetzingen ab stand bis Donaueschingen an jedem Uebergang ein Gendarmerieposten: in Karlsruhe war ein Sergeant und ein Schutzmann auf beiden Seiten der geschlossenen Barrieren postiert als der kaiserliche Sonderzug die Strecke passierte. Strenger Befehl war an alle Stationsämter hinausgegangen, daß außer den unmittelbar Bediensteten keine menschliche Seele bei Durchfahrt des Zuges auf den Bahnsteigen verweile, jedes verdächtige Objekt mußte entfernt werden. Jede Weiche wurde revidiert, ob sie in Ordnung ist. Blockstationen, die sonst gewöhnliche Wärter oder Ablöser bedienen, mußten mit Assistenten, also mit Beamten besetzt werden, welche die Verantwortung zu übernehmen hatten. — Auf der andern Seite wird diesmal eine Neuerung in dem kaiserlichen Sonderzugsfahrplan registriert. Bekanntlich ist es der Wunsch des Kaisers, daß sein Zug nicht übermäßig rasch fährt, in der Regel werden 65 Kilometer pro Stunde zurückgelegt. Diesmal befahl der Kaiser, rascher zu fahren, so daß ca. 80 Kilometer pro Stunde zurückgelcgt wurden. Der Aufstand in Aeulsch-Südwestafrika. Man meldet aus Windhuk: Wie aus absolut sicherer Quelle verlautet, hat Gouverneur Leutwein beschlossen, gleich nach Uebergabe der Geschäfte an den Generalleutnant von Trotha nach Deutschland zu gehen. Die Elite älterer Afrikaner erblickt hierin eine eminente Gefahr für ganz Deutsch- Südwestafrika, da sein Rücktritt oder Weggang unbedingt den sofortigen Abfall aller bisher treu gebliebenen Stämme einschließlich derjenigen im Süden bedeuten würde. Die Truppen verlören damit zugleich ihr unentbehrliches Träger- und Wächter-Personal, das trefflich bewaffnet ist und würden sicher zu den schlimmsten Mordta ten bereit sein. Die Situtaiton ist demgemäß s e h r e r n st. 400 Freiwillige von der Garnison in Trier meldeten sich nach Deutfck'«'Südwestafrika. 150, die angenommen wurden, reisen in dieser Woche ab. parlamentarisches. Berlin, 9. Mai. Dem Abgeordnetenhause ist heute ein Gesetzentwurf betreffend dieErhöhungdes Grund- Kapitals der Seehandlung zngegangen. — Im Abgeordnetenhause wurde der Gesetzentwurf betreffend Errichtung eines Oberlandesgerichtes in Düsseldorf nach mehrstündiger Beratung an eine Kommission von 14 Mitgliedern verwiesen. Kirche und Schute. — Die Hessische Missionskonferenz, die den Zweck hat, ihre Mitglieder und Freunde auf dem Wege wissenschaftlicher Arbeit tiefer in das Verständnis der Theorie und Praxis der Missionsfragen einzuführen und die Sache der Mission in der Presse zu vertreten, hat in der Person des Pfarrers Leydhecker zu Auerbach a. d. B. einen neuen Vorsitzenden erhalten. Ihre Jahresversammlung, die im vor. Jahre in Friedberg stattfand, soll im Derbst dieses Jahres in Darmstadt abgehalten werden. Zwei der bedeutendsten Missionsmänner Deutschlands- Haben Referate zugesagt, nämlich der Leiter der Herrnhutermission, Missionsdirektor Buchner von Bertelsdorf, und der bekannte Herausgeber der „Evangelischen Mission", Julius Richter von Schwanebeck. — Die Bemühungen des Vorstandes, eine geeignete Persönlichkeit zur Bearbeitung der Geschichte der Mission in Hessen einschließlich dem hessischen Hinterland zu gewinnen, sind von Erfolg gewesen. Pfarrer Sic. Dr. Diehl von Hirschhorn a. N. hat sich in dankenswerter Weise bereit erklärt, die Arbeit zu übernehmen. Derselbe bittet die Missionskreise Hessens um gefällige Zusendung geeigneten Materials und dankt herzlich für lebe Mithilfe. — Der Deuts ch e Verein für.Knabenhandarbeit wird seinen 16. Kongreß in den Tagen vom 1.—3. Juli in Worms abhalten und ladet außer seinen Vereinsmitgliedern jetzt auch alle Freunde und Förderer seiner Bestrebungen zur Beteiligung ein. Die seit dem letzten Kongreß des Vereins in Karlsruhe 1899 verflossenen Jahre sind sowohl für den Ausbau der Theorie des Knabenhandarbeits-Unterrichts wie auch für die Erprobung der in der Unterrichtspraxis gangbaren Wege nicht ungenutzt geblieben. Indem die Vereinsleitung davon absieht, die theoretische Grundlegung des Handarbeitsunterrichts zum Gegenstände besonderer Erörterung auf dem bevorstehenden Kongreß zu.machen, glaubt sie beit Interessen bet Schule am meisten da- burch zu bienen, baß sie die Aufmerksamkeit auf ben in ben Volksschulen ber Stabt Worms eingeführten „Werkunterricht" hinlenkt, b. h. auf den mit einfachen Mitteln im Schulraum betriebenen und in bie Lehrfächer ber Volksschule ein- gereihten Hanbarbeitsunterricht, besten Durchführung in Worms unter Leitung bes Schulinspektors Scherer, mit Zustimmung nnb Unterstützung ber staatlichen unb stäbtischen Behörben, möglich war. Der Kongreß wirb den deutschen Schulmännern Gelegenheit geben, sowohl diesen Unterrichtsbetrieb praktisch kennen zu lernen, wie auch die Begründung der leitenden Gesichtspunkte zu hören. Außerdem wird die Gestaltung, die der Knaben-Hand- arbeitsunterricht ohne äußeren Zusammenhang mit der Schule in den sog. Schülerwerkstätten angenommen hat, sowie seine Stellung im Knabenhort und in den Hilfsschulen zum Gegenstand der Erörterung gemacht werden, auf Grund der Erfahrungen, die man in Schülerwerkstätten, Knabenhorten und Hilfsschulen bisher gemacht hat. Etwa gewünschte nähere Auskunft über örtliche Angelegenheiten wird die städtische Kongreßgeschäftsstelle zu Worms, und über die einzelnen Punkte der Tagesordnung selbst Seminar-Tirektor Dr. Pabst in Leipzig, Scharnhorst- straße 19, erteilen. — Zur Feier deS 50jährigen Bestehens der Amthorschen Höheren H a n d e l s l e h r a n st a l t in Gera fand ein Schulaktus unb ein Festkommers statt. Ter Fürst sowie ber Erbprinz, welche zurzeit nicht in Gera anwesenb waren, brachten ihre Glückwünsche schriftlich bezw. telegraphisch zum Ausbruck. Von alten Schülern und Freunben ber Anstalt liefen zahllose Glückwünsche ein, eine beträchtliche Anzahl war persönlich erschienen. Tie Stabt Gera benannte bie Straße, au welck)er bie Anstalt liegt, Amthorstraße. Aus Stabt unb £nnb. Gießen, den 10. Mai 1904. *• Personalien. Se. K. H. der Großherzog haben den von der Mehrheit der Erben des Fürstlich Fuldaischen GeheimeratS von Buseck, genannt Münch, auf die evangel. Psarrstelle zu Rödgen, Dekanat Gießen, präsentierten Pfarrer Georg Groth zu Wingershausen für diese Stelle bestätigt.— Dem städtischen Polizeikommissär Jakob Freinsheimer zu Bingen wurde das Silberne Kreuz deS Verdienstordens Philipps des Großmütigen verliehen. — Der Großh. Regier-» ungsassessor Dr. Otto Michel in Bensheim wurde vom 1. Juni 1904 an mit der Aushilfeleistung bei dem Großh. Kreisamt Darmstadt beauftragt. — Ernannt wurde am 4. Mai der Hilfswärter an der Zellenstrafanstalt Butzbach Wilhelm Gabriel Fenchel zum Gefanqenaufseher an dieser Anstalt. — Am 5. Mai wurde der Pfandmeister für den Beitreibungsbezirk Wald-Michelbach Karl Reinhard Frank zu Wald-Michelbach in gleicher Diensteigenschaft in den Beitreibungsbezirk Offenbach III versetzt. — In den Ruhestand versetzt wurde der Weichensteller in der Hess.-Preuß. Eisenbahngemeinschaft Heinrich Mathesius zu Stockheim. Bad Nauheim, 9.Mai. Folgende Unterhaltungen finden in dieser Woche statt: Mittwoch nachmittag von 4—6 Uhr auf der Terrasse Konzert der Kurkapelle. Donnerstag (Himmelfahrttag) nachmittags von 31 a—6 Uhr und abends von 7—9 Uhr auf der Terrasse Konzert der Kapelle des 5. Großh. Hess. Infanterieregiments Nr. 168 aus Offenbach a. M. Freitag nachmittag von 4—6 Uhr auf der Terrasse und abends 8—9Vz Uhr im Saale Konzert der Kurkapelle. Samstag nachmittag von 4—6 Uhr auf der Terrasse und abends 8—91/, Uhr im Saale Konzert der Kurkapelle. Sonntag den 15. Mai Konzert der Kapelle des Großh. Hess. Jnfanterie-(Leib-Garde)-Regiments Nr. 115 aus Darmstadt. Abends von 8—9% Uhr im Saale Symphonie-Konzert der Kurkapelle. Das Kurtheater beginnt Montag den 16. Mai. sd. Darmstadt, 8. Mai. „Ungelegte (Ster* können in geeigneten Fällen doch in Wert kommen, wie der nachstehende, dieser Tage in einem Mainz sehr benachbarten Orte passierte Fall, der uns in verbürgter Weise erzählt wird, beweist. Ein geistlicher Würdenträger kam auf einem Spaziergang, den er in Begleitung seines getreuen Vierfüßler? „Caro" machte, durch besagten Ort, wobei Caro eine Anzahl der zur Zeit fleißig eierlegenden Zweibeiner aufscheuchte und eins derselben, das sich nicht schnell genug seinem Gesichtskreis entziehen konnte, etwas unsanft zauste. Er folgte zwar bald dem Ruf seines Herrn, doch machte diesem doch der Gedanke Kummer, daß vielleicht eines der Hühner ernstlichen Schaden genommen haben sollte. Er ließ daher bei dem Hühnerbesitzer in entgegenkommender Weise anfragen, worauf dieser erklärte, daß wohl keines seiner einträglichen Tierchen eingegangen, aber eines seiner besten so erschreckt und krank sei, so daß es seit dem Momente keine Eier mehr lege. Sein Schaden betrage, für ca. 25 Tage pro Ei 10 Pfg. berechnet, ca. Mk. 2.50. Der geistliche Herr machte hierauf kurzer Hand gute Miene und übermittelte dem Geschädigten Mk. 2.50 für „un gelegte Eier". — Auch ist in Castel in den letzten Tagen der sehr seltene Fall vorgekommen, daß ein Vater, ein Arbeiter, der schon mehrere Sprößlinge sein eigen nennt, durch die Hebamme von der Ankunst eines neuen Weltbürgers benachrichtigt, alsbald auf dem Standesamte daselbst einen Knaben anmeldete, während sich bei der Zurückkunft herausstellte, daß der Knabe nur ein — Mädchen war. Außer der Enttäuschung wird er nun verschiedene Scherereien mit den Behörden haben, wenn auch die Umwandlung von Josef Theodor in Josefa Theodora keine Schwierigkeiten macht. Kleine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbarstaaten. Die Verhandlungen gegen die sozialdemokratische Mainzer „Volkszeitung" wegen der „Kretschmann-Briefe" finden am 30. Mai vor der Strafkammer statt; angeklagt sind die Redakteure Adelung und Döller wegen Beleidigung deS Oberleutuants a. D. Balser und des MajorS Nickel. — Als Rechner der evangelischen Kirche in Mölsheim ist vom Großh. Kreisamt Worms Frau Anna Maria Stoltz verpflichtet worden. Es dürfte dies der erste derar- artige Fall im Großherzogtum sein. — Am Samstag fand in Frankfurt die Hauptversammlung des Vereins zur Bekämpfung der Schwindsuchtsgefahr in der Provinz Hessen- Nassau und dem Fürstentum Waldeck statt. — In Homberg wurde Bürgermeistereisekretär Müller wegen schweren Sittlichkeitsoergehens, das er an einer Hausiererin im Gefängnis begangen hatte, verhaftet. Müller hatte sich für einen Arzt ausgegeben._________________ Historische Kommission für Kessen und Waldeck. u. Marburg, 9. Mai. Im Scnatssaale der Universität zu Marburg fand am 7. Mai die siebente Jahresversammlung der Historischen Kommission für Hessen und Waldeck statt. Ihr ging eine Sitzung des Vorstandes am selben Tage vorauf. Sieben den in Marburg ansässigen Patronen und Mitgliedern waren von auswärts erschienen u. a. die Herren Oberoorsteher von Baumbach-Kassel, Graf von Berlepsch-Schloß Berlepsch, Landrat von Bischoffshausen-Witzenhausen, Staatsarchivar Dr. Dieterich-Darmstadt, Generalmajor Eisentraut- Kassel, Oberbürgermeister Dr. Gebeschus-Hanau, Baron von und zu Gilsa-Gilsa, OberbibliothekarProf.Dr.Haupt- Gießen, Dr.Kartels-Fulda, PrivatdozentDr.Köhler- Gießen, Oberlehrer Dr. Küster-Hanau, Landesrat Dr. Osius- Kassel, Frhr. v. Pappenheim-Karlshafen, Geh. Rat Prof. D r. A. S ch m i d t-G i e ß e n, Generalsuperintendent D. Werner- Kassel, Akademielchrer Zimmermann-Hanau. Der Vorsitzende, Prof. Frhr. v. d. Ropp, begrüßte die Anwesenden und erteilte zunächst das Wort an Herrn Prof. Wenck zu einer Festrede zum Gedächtnis Landgraf Philipp des Großmütigen. Sie würdigte Persönlichkeit und Charakter des Fürsten in scharfen Urnrissen und entrollte ein lebendiges Bild seiner historischen Bedeutung, ohne Schatten und Fehler zu verhüllen. Ihr Wortlaut wird an anderem Orte veröffentlich! werden. Der Vorsitzende gedachte sodann der im verflossenen Berichtsjahre verstorbenen Mitglieder, der Herren Geh. Reg.- Rat Dr. Hartwig in Marburg, Prof. Dr. Höhlbaum in Gießen und Sanitätsrat Dr. Schneider m Fulda, welche der Kommission seit ihrer Begründung angchört hatten. Zu ihren Ehren erhob sich die Versammlung von den Sitzen. Sodann teilte er mit, daß aus dem Vorstande ausgeschicden seien Herr Geh. Archivrat Dr. Reimer zufolge seiner Versetzung nach Coblenz und die Herren Heraeus und Prof. Dr. Suchier in Hanau aus Gesundheitsrücksichten. An ihrer Stelle hat der Hanauer Geschichtsverein Herrn Oberlehrer Dr. Küster delegiert und wählte die Versammlung die Herren Graf Berlepsch, Dr. Wilhelm Heraeus und Professor Dr. Wiegand zu Vorstandsmitgliedern. Zum stellvertretenden Vorsitzenden des Vorstandes an Stelle von Prof. Höhlbaum wurde Ob erb i bl. Prof. Dr. Haupt in Gießen gewählt. Zu Mitgliedern der Kommission wählte die Versammlung die Herren Pfarrer Lic. Dr. Diehl in Hirschhorn, Dr. Fabarius, Direktor der Kolonialschule in Witzenhausen, Oberlehrer Lic. F. Herrmann in Darmstadt, Rektor Lürssen in Wetzlar, Dr. Dersch, Dr. Grotefend, Archivar Dr. Merx und Oberlehrer Dr. Wintzer in Marburg. Die Rechnung des Schatzmeisters, Geh. Archivrat Dr. Könnecke, dem die Versammlung die Entlastung für seine Rechnungsführung erteilte, ergab eine Einnahme von 24 106 Mk. gegenüber einer Ausgabe von 8560 Mk. Erschienen ist im Laufe des Jahres die dritte Lieferung des hessischen Trachtenbuches von Geh. Rat Professor Dr. Justi, der in Bälde eine vierte Lieferung als Abschluß folgen wird. Auch konnten der Versammlung der bis auf einige Buchstaben des Registers vollendete Druck des ersten Bandes des Friedberger Urkundenbuches und die ersten Bogen des ersten Bandes der hessischen Chroniken, welche Professor Dr. Diemar bearbeitet, vorgelegt werden. Weitere Arbeiten gehen demnächst in den Druck und wird hierüber und über die sonstigen Unternehmungen der demnächst erscheinende Jahresbericht das Nähere enthalten. Erwähnt sei jedoch, daß die Kommission einen Ausschuß zur Herausgabe einer neuen Publikationsreihe von „Quellen zur Geschichte des geistigen und kirchlichen Lebens in Hessen im Zeitalter der Reformation" unter dem Vorsitz von Professor Dr. Haupt-Gießen bestellt hat. Für diese Veröffentlichung wird in erster Linie Herr Privatdozent Dr. Koehler in Gießen ivirksam sein. Die Festschrift der Kommission, „Das Bild Philipp des Großmütigen", bearbeitet von Geh. Archivrat Dr. Könnecke und Professor Dr. von Drach wird -bis zum Säkulartage, dem 13. November d. Js. erscheinen. Der Landesausschuß zu Kassel hat der Kommission zur besseren Ausstattung des Werkes einen Zuschuß von 2000 Ml. bewilligt, wovon die Versammlung nut lebhaftem Danke Kenntnis nahm. Vertnijehte». * Berlin, 9. Mai. In Großlichterfelde bei Berlin erschoß sich der Sohn des Oberbürgermeisters von Breslau, der Student des Forstsachs Kari Bender, der beim zweiten Gardeschützen-Bataillon zurzeit eine Hebung als Vizeseldwebel der Reserve machte und kurz vor der Beförderung zum Offizier stand. Man nimmt an, daß Bender, der sich geistig überanstrengt hatte, die Tat in einem Anfall von Geistesstörung beging. Detmold, 8. Mai. Eine Sensationsangelegenheit, die das Fürstentum Detmold seit einer Reihe von Jahren in Atem hält, geht jetzt ihrem gerichtlichen ^Abschluß entgegen. Die Anfänge der Affäre liegen etwa sechs bis sieben Jahre zurück. In jene Zeit gingen zuerst einer Reihe lippescher „Notabein" anonyme Briese zu. Die Briefe erinnerten in ihrem Inhalt stark an die Kotze-Briefe, die so viel Aerger und Aufregung bervorriefen. In der Form unterschieden sie sich von jenen dadurch, daß sie handschriftlich zu Papier gebracht waren, und zwar mit einer außerordentlich charakteristischen Handschrift, nach der sie in den Untersuchungsakten die „Antiquabriese" heißen. Die Zuschriften folgten sich rasch und richteten sich an immer mehr Empfänger, ohne daß es möglich war, den oder die Absender zu ermitteln. Besonders wurden ein HerrKr a ch t, Sohn des Großindustriellen Geh. Kommerzienrat Kracht, sowie ein Fräulein W., Tochter des Geh. Kommerzienrats W., von dem Verfasser als Adressaten bevorzugt. Kracht jun. trat an die Spitze eines Ermittlungskomitees, das sich zur Aufklärung der Affäre bildete. Hohe Belohnungen, die das Komitee auf die Namhaftmachung des Briefschreibers aussetzte, führten zu keinem Resultat. Dann gab es einen Zwischenfall. Ein Detmolder trat mit der Beschuldigung hervor, Kracht jun. selbst sei der Anonymus. Ter Versuch, in dem Beleidigungsverfahren, das die Folge dieser Behauptung war, Beweise für deren Richtigkeit beizubringen, glückte nicht; der Ankläger wurde zu einer Geldstrafe verurteilt, was übrigens nicht verhinderte, daß hier und da seine Annahmen und Folgerungen schon damals nicht für ganz unbegründet angesehen wurden. Jedenfalls verdarb der Prozeß dem Schreiber der Briefe den Humor nicht, denn er setzte seine Arbeit fort und zwar bis in das Jahr 1899 hinein. Dann verstummte er plötzlich. Dies Verstummen fiel zeitlich zusammen mit der Verlobung und -Vermählung des Vorsitzenden des Aufklärungskomitees, Kracht, mit der oben erwähnten Tochter des Geh. Kommerzienrats Wk — Jahre vergingen. Der Vater des jungen Gatten, Geh. Kommerzienrat Kracht, starb, und sein Sohn wurde Chef des väterlichen Hauses. Da, um die Mitte des vorigen Jahres, meloete sich der Anonymus plötzlich wieder. Bald hier, bald dort trafen seine Kundgebungen ein; in kurzer Zeit wurden sie abermals zur wahren Landplage. Diesmal ging der Stäats- anwaltschast eine Strafanzeige zu, die sich gegen Kracht richtete. Große Aufregung entstand, als man erfuhr, daß aus das Ergebnis einer Haussuchung hin Kracht in Untersuchungshaft genommen worden war. Man hatte nämlich, wieder eine Analogie zur Kotze-Äfsäre, Löschblätter gesunden, die Abdrücke von Bruchstücken mehrerer der anonymen Briese enthielten. Noch größer aber wurde die Erregung, als auch nach der Festnahme des vermeintlich Schuldigen die Unglücksbriefe nach wie vor versendet wurden. Auf diese Tatsache hin wurde K. gegen Hinterlegung einer hohen Kaution auf freien Fuß gesetzt. Die Staatsanwaltschaft requirierte nunmehr die Hilfe der Berliner Kriminalpolizei. Ein Berliner Kommissar weilte unter der Maske eines Schriftsachverständigen etwa acht Wochen lang in Detmold und Lemgo. Aus seine Veranlassung hin wurde nunmehr über Frau Kracht, geb; W., Untersuchungshaft verhängt; das Verfahren ergab die Erhebung der Anklage gegen bad Krachtsche Ehepaar wegen vielfacher Beleioigung usw., in dem demnächst Termin zur Hauptverhandlung angesetzt werden wird. Nach Ansicht der Änklagebehörde ist Frau Kracht die Hauptschuldige; sie gilt namentlich als Verfasserin der Antiquabriese, von denen 110 Stück vorliegen. Die Aufregung im Fürstentum ist ganz gewaltig; die Familien beider Angeklagten sind den ersten des Landes nahe verwandt. * Paris, 10. Mai. Im Hotel Regina erschoß sich ein Student Namens Clarke, der Sohn eines Millionärs in San Francisco, infolge enormer Spielverluste in Monte Carlo. * Bozen, 9. Mai. In den Cadorschen Dolomiten hat ich der Monte Spolo gespalten. Ungeheure Felsmassen kürzten ins Tal und zwar ins Gebiet von Balabso. Zahlreiche Häuser wurden zerstört. Drei Personen, die sich in ihren Hütten befanden, wurden getötet. Die Ortschaft Colaso und Balabso mußten geräumt werden, da neue Felsstürze befürchtet werden. * New York, 9. Mai. In der dritten Avenue an der 57. Straße erfolgte aus der Hochbahn ein e Kolli- ion und Entgleisung. Die Züge waren gedrängt voll von Passagieren. Die Wagen brannten. Mehrere Wagen hingen von der Hochbahninstruktur herab. Ein Motorsührer ift tot und zehn Personen sind schwer verletzt. Viele Personen sind leicht verletzt. * Vom Dampfer „Kurfürst"/ Nach einer Mitteilung der Deutschen Oftasrika-Linie werden sämtliche Passagiere des bei Sagres (Südportugal) gestrandeten Dampfers „Kurfürst" mittels eines holländischen Dampfers nach Lissabon gebracht. Von dort werden sie, soweit Platz vorhanden, mit dem am 7. Mai von Lissabon abgehenden Dampfer „Prinzessin Viktoria Luise", die übrigen mit dem am 10. Mai Lissabon verlassenden Dampfer „Prinz Sigismund" nach Hamburg befördert. Die Mannschaft des „Kurfürst" bleibt an Bord. Nach einer späteren Mitteilung ist der Dampfer „Kurfürst" durchgebrochen und total verloren. Bergungsdampfer versuchen den Dampfer zu bergen; das Gepäck ist in Lissabon gelandet. Kerichtssaal. R. B. Darmstadt, 9. Mai. Wegen M aj estätsbeleidig u n g , begangen durch unflätige Äußerungen über den Kaiser, Satte sich heute der Taglöhner Wilh. B u ch m ü l l e r aus Mühl- eim a. d. Ruhr, geb. 8. Sept. 1859, vor der hiesigen Strafammer zu verantworten. Der Angeklagte halte am 12. April b. I. in Mörfelden dem edlen Gewerbe des Bettelns obgelegen und, als er von einer Frau darüber Vorhaltungen bekam, die in- krimierte Aeußerung getan. Zu gleicher Zeit hat er auch dem dortigen Polizeidiener, der ihn wegen Bettelns verhaften wollte, gewaltsamen Widerstand geleistet und nach ihm geschlagen. Der schon vorbestrafte Angeklagte wurde wegen der beiden Delikte zu vier Monaten Gefängnis und vier Wochen Haft verurteilt und soll nach Verbüßung der Strafe der Landespolizei überwiesen werden. — Fortgesetzter schamloser Sittlichkeits-Verbrechen an seinem eigenen Töchterchen hatte sich der 42 jährige verheiratete Fabrikarbeiter I. Phil. Herdt aus Groß-Gerau schuldig gemacht, gegen den heute die hiesige Strafkammer unter Ausschluß der Oefsentlichkeit verhandelte. Das Urteil des Gerichts lautete dem Antrag des Staatsanwalts entsprechend auf 2 Jahre Zuchthaus. Der Prozeß in Kischinew. Aus Kischinew wird vom 8. Mai berichtet: Gestern wurde gegen die Exzedenten Woiti- schcnko, Berdidschin, Dobrowolski, Georgitza, Alexejew, Bandariew und Krautor verhandelt. Die vier Erstgenannten waren angeklagt der Ermordung zweier Personen, der Chaja Leo Kigil und des Jsak Weinstein, um den eine Witwe und sieben verwaiste Kinder trauern. An hundert Zeugen waren für die im Zusammenhang mit diesen Mordfällen stehenden Verbrechen angemeldet. Berdidschin und Krautor waren außerdem der Vergewaltigung der Rebekka Schiff und Sima Seitschik während der Plünderungen in der Nikolaigasse angcklagt. Die Verhandlungen endeten mit der Verurteilung des Woitischenko zu fünf Jahren Zwangsarbeit, alle übrigen wurden wegen „unzureichender Beweise" ihrer Be- teiligung sreigesprochen. Arvetteröewegung. Hamburg, 9. Mai. Die in den Brauereien von Hamburg, Altona und Wandsbek beschäftigten Brauer und Brauereiarbeiter sind heute infolge von Lohnstreitigkeiten ausstän- d i g geworden. Handel und Verkehr. Volkswirtschaft. Köln, 9. Mai. In der heute stattgehabten Generalversammlung des Walzdrahtverbandes wurde beschlossen, mit den neuen Walzdrahtwerken in Tifferdingen, Bürbach und Völklingen ein weiteres Abkommen bis zum 30. September zu treffen. Infolgedessen soll eine Kommission neue Satzungen ausarbetten. Berlin, 9. Mai. In der heutigen Sitzung des Aufsichtsrats der D e u t s ch e n B a n k wurde beschlossen, einer demnächst einzuberufcnden außerordentlichen General-Versammlung die Erhöhung des Aktienkapitals um Mk. 20 Millionen durch Ausgabe neuer Aktien mit Dividendenberechtigung ab 1. Januar 1905 zum Kurse von 200 Prozent in Vorschlag zu bringen. Anlaß zu dieser Erhöhung bildet ein vorbehaltlich der Genehmigung der beiden Generalversammlungen zwischen der Deutschen Bank und der BerlinerBank getroffenes Abkommen, welches das Aufgehen der Berliner Bant in die Deutsche Bank zum Zwecke hat. Den Aktionären der Berliner Bank sollen gegen Mk. 8000 Aktien der Berliner Bank mit laufendem Dividendenschein Mk. 3600 junger Deutscher Bankaktien mit Dividendenschein ab 1905 gewährt werden. Hiernach sind zum Umtausche der Mark 42 Millionen Berliner Bankaktien erforderlich Mk. 18 900 000 Deutsche Bankaktien. Der durch den Uebernahmepreis erzielte Mehrerlös auf die restlichen Mk. 1100 000 Deutsche Bankaktien fließt ebenfalls in voller Höhe dem Reservefonds der Deutschen Bank zu. Das Kapital der Deutschen Bank wird sich alsdann auf Mk. 180 Millionen und die bilanzmäßige Reserve auf rund Mk. 78 Millionen belaufen. Berlin, 9. Mai. In der heutigen Gesellschaftsversammlung der Verkaufs st elle vereinigter Glühlampenfabriken G. m. b. H. wurde der Antrag eines Mitgliedes auf Auflösung a b geljJ) n t. Die Gesellschaft setzt ihre^Tät^igkeit fort. Wqcttliihtllkderjichlttr Todesfälle in ttr Statt tofitij. 16. Woche. Vom 10.—16. April 1904. Einwohnerzahl: angenommen zu 27 öOO (inkl. 1600 Mann Militär) Sterblichkeitsziffer: 41,6 nach Abzug von 10 Ortsfremden: 22.68 c/oo. Kinder Es starben an: Zusammen: Erwachsene: im vom Altersschwäche 1. Lebensjahr: 2.—15. Jahr 2(1) 2d) — — Tuberkulose der Lungen Tuberkulose anderer 8(1) 3(1) — — Organe 2(1) 1(1) _ 1 Schlagfluß 1(1) 1 (1) —— Herzleiden Kl) 1 (1) — _ Gehirnentzündung 2 — 2 Unterleibsentzündung 1 (1) Kl) — — Leberentartung 1 1 —* —- Nierenentzündung 2(2) 2(2) —— W— Wochenbeltfleber 1 1 — —• Lebensfchwäche Rhachitis KD — 1(1) 1 — 1 — Eitervergiftung Kl) — 1(1) — Krämpfen 2 — 1 1 Lungenentzündung 1 — — 1 Summe 22 (10) 13 (8) 4 (2) 5 Anm.: Die m Klammern gesetzten Ziffern geben an, wie viel der Todesfälle in der betreffenden Krankheit auf von auswärts nach Gießen gebrachte Kranke kommen. Feuilleton. — Lenbach und Bismarck. In der „Köln. Ztg." wird /erzählt: Als wir zur Zeit des 80. Geburtstags des Fürsten Bismarck im Schlosse zu Friedrichsruh vor den neben tausenderlei andern Dingen dem Fürsten in großer Anzahl geschenkten Gemälden standen, kam mir (dem Erzähler) Lenbach gegenüber unwillkürlich die Frage in den Mund, wie denn eigentlich des großen Staatsmannes Verhältnis zur bildenden Kunst sei. „Die Aehn- lichkeü und alles, sozusagen Verstandesmäßige in den Bildern weiß er mit der ihm eigentümlichen Gedankenschärfe vielleicht klarer als wir Künstler selbst zu erfassen, aber eigentliches Kunstverständnis hat er nicht so viel." Eine bezeichnende Handbewegung begleitete diese Worte Lenbachs, die auch zu der Frage veranlaßten, ob ihm das wirklich voller Ernst sei. „Ich "läge", wiederholte Lenbach, „daß der Fürst für die Kunst als solche, mit der sich zu beschäftigen ihm ja auch die Zeit fehlte, weder Verständnis noch Interesse hat." Tas Geräusch von Schritten hinter uns ließ mich umblicken, und ich gewahrte den Fürsten, der die letzten Worte gehört haben konnte und, nach seinem eigentümlichen Lächeln zu schließen, vielleicht auch gehört hatte. Lenbach aber war nichts weniger als verlegen. Denn derartige Offenheiten hätten, wie er mir später erläuterte, weit davon entfernt, Bismarck zu verletzen, seine, Lenbachs Beziehungen zum Fürsten geradezu ein- geleitet und befördert. — Peter Hille f. Ter begabte Dichter Peter Hille ist am Samstage int Krankenhause zu Groß-Lichterselde bei Berun feinen Leiden erlegen. Er litt seit einiger Jett an Kopfrose; dazu kam ein Unfall, den er, auf einem Bahnsteig erlitt. Er war auf einer Bank eingeschlafen, im Schlaf heruntergestürzt und hatte sich dabei blutende Verletzungen im Gesicht zugezogen. Am 3. d. M. wurde er in schwerkrankem Zustande in das Kreiskrankenhaus zu Groß-Lichterfelde eingeliefert. Als Todesursache wird jetzt ärztlicherseits Lungenödem und Urämie angegeben. — Hille war zu Erwitzen bei Driburg 1854 geboren und hat außer Skizzen und Gedichten eine Reihe von Romanen und Schauspielen veröffentlicht. „Ein Einsiedler und ein Bohßme" ist Peter Hille von einem seiner besten Freunde genannt worden, und damit ist der weltfremde und absonderliche Mensch, der jetzt die Augen geschlossen hat, trefflich charakterisiert. Wer kannte ihn, ehe er fein seltsames Kabarett in einer Weinstube in Berlin auftat, um dort jeden Montag die wunderlichste Gesellschaft um sich zu versammeln? Ein kleiner Kreis von Fachgenossen, deren Verehrung für den Sonderling mit dem wallenden Haupte und Barthaar und dem vernachlässtgten Aeußern nicht ohne Lächeln dargeboten wurde. Und wer kein Fachgenosse war, der begegnete ihm nur dem Lächeln. Dennoch war Hille ein Dichter, ein Dichter allerdings, der aus dem genialischen Zigeunerleben, in das er durch seine Neigung geraten war, sich nicht emporraffen konnte zum rechten Künstler. Trotz seiner Absonderlichkeiten hatte man ihn gern, denn er besaß das Gemüt des Kindes, und man wird seiner gedenken als eines überaus begabten, aber wunderlichen Poeten, der in der letzten Sturm- und Drangperiode der deutschen Literatur die Hoffnungen vieler auf sich vereinte. - — Aus Frankfurt a. M. meldet man: Von den am Samstag zur ersten Aufführung gelangten drei Einaktern hatte Oskar Blumenthals geift» und anmutsvolle Plauderei „Wann ju ir altern" ' bin stärksten Erfolg. Das Publikum folgte gefesselt und nut lebhaftem Anteil den Reden des wehmütig entsagenden Helden, die von Edgar Bolz mit überzeugender Jnntgllit meiüerhaft gesprochen wurden. Frl. Boch sekundierte wacker. Die Darsteller wurden fünfmal gerufen. Voraus ging Wildes „Salom e", die eine neue Art Sensationswirkung erzielte. Das Publikum wurde förmlich hypnotisiert. Vortrefflich gab Fräulein Hedwig Lange die Titelrolle. Die satirische Schnurre, „Die E m p f e h l u n g", von Maurey, wurde von den Herren Schwarz, Bauer und Diegelmann stilgerecht wiedergegeben. — Aus Barmen wird geschrieben: Ganz Barmen steht schon seit Monaten unter dem Zeichen der T h e a t e r s r a g e. Nach vielen Debatten in der Stadtverordnetensitzung, in Volksversammlungen, Volksstimmen in der Presse usw. hat der Neubau begonnen und wächst bereits zusehends heran. Welches Interesse die Barmer Gesellschaft an ihrem nicht leicht erkämpften neuen Theater nimmt, wurde dieser Tage bei der Veranstaltung des dreitägigen Bazars zum Besten des Neubaus ersichtlich, und infolge des überaus regen Besuchs, sowie der Opferwüug- keit der Teilnehmer scheint der Betrag von 30 000 Mark, mit dem der Reinertrag in das Budget eingesetzt war, nicht nur erreicht, sondern weitaus überschritten zu sein.. Das Gelingen des Ganzen ist in erster Linie das V c r d i e n st des rührigen K o- mitee-Vorsitzenden, des Herrn Robert Barthels, der denn auch von Oberbürgermeister Lenze nach Verdienst gefeiert wurde. Das Festspiel ist von Walter Bloem, dem Verfaffer von „Es werde Recht", gedichtet worden. . L Budapest,^ Mai. Im Abgeordnetenhauie wurde Maurus Jokai vom Kullusminister Berzewiczy, vom Präsidenten Perczel und vom Abgeordneten Thaly ergreifende Nachruse gewidmet. Tas Leichenbegängnis ist heute unter gewaltiger Beteilig- ung aller Kreise der Bevölkerung verlausen. Der MiM)wrprail- dent, sämtliche Mitglieder des Kabinetts sowie zahlreiche Ab- orbuungen waren erschienen.