Erstes Blatt. Donnerstag 9, Juni 1904 154. Jahrgang GieMner Anzeiger Eeneral-Anzeiger ™ Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen Nr. 133 • rftifint «Lgllch ander Sonntagfl. Dem Siebener Anzeiger werden im Wechsel mit dem Kesfischen Landwirt die Gießener Familien. Blätter viermal in der Woche beigelegt. Rotationsdruck u. Verlag der Brüh l'sehen Unioers.-Buch-u. Steindrucke ret. ÖL Lange. Redaktion. ErpedMo« und Yruaerei; Schul st ratze 7. Adresle für Depeschen: Anzeiger Gießen. FrrniprechanichlußNr 51. ve^aasprei», monantd)75 Ps^ viertel- jährlich Mk. 2JO; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 66 Pf.; durch diePost Mk.2.— viertel- jährL auflschl. Bestellg. Annahme von Anzeige« für bte Tagesnummer bifl vormittags 10 Uhr. ZeilenpreiS: lokal 1293L auswärts 20 Pfg. Verantwortlich füt den poItL und allgem. TeU: P. Witiko: für »Stadt und Sanb' und »Gerichtssaal*: August Goetz; für den Anzeigenteil: Hanfl Beck. heutige Kummer umfaßt 10 Seiten« Kelranntmachung. Die unterm 7. Mai ds. J§. für die Straße Lich— Hattenrod anqeordnete Sperre wird hiermit aufgehoben. Gießen, den 7. Juni 1904. GroßheT-rimsich^ <^isamt Gießen. __I. V.: Dr. Wag n e r. Bekanntmachung. Die unterm 25. v. M. verfügte Sperre der Kreisstraße «ton Großen-Linden bis zur Landesgrenze gegen Hörnsheim wird hiermit wieder aufgehoben. Gießen, den 8. Juni 1904. Gr'' - r Gießen. _ I. V.: Dr. Kranzbühle r. per Krieg zwilckiri, Japan und Außland Vor Port Arthur. Petersburg, 8. Juni. Die russische Telegraphenagentur erhält nachstehende Meldung aus Liaujang vom 8. Juni. Chinesen berichten: Am 6. Juni fanden mehrere sehr energische Angriffe auf Port Arthur statt, gleich- zeitig zu Master und zu Lande. Die Angriffe wurden mit großen Verlusten unter Vernichtung der dritten japanischen Armee zurückgeschlagen. Die Stellung der Japaner bei Kwansung ist sehr schwierig. Dieselben Quellen melden das Gerücht von einer Vereinigung der beiden russischen Geschwader vor Port Arthur, ebenso, daß eine Seeschlacht geschlagen worden sei, wobei vier große japanische Schiffe vernichtet seien. Die Nachricht wird von russischer offiziöser Seite verbreitet, verdient also, obwohl sie aus chinesischer Quelle stammt, iricht ohne weiteres als Märchen angesehen zu werden. Bestätigt Ice sich, so haben die Russen einen sehr großen Erfolg davon- 4 einigen, und Port Arthur ist von der japanischen Gefahr fürs sächsle befreit. Gestern brachten wir eine Nachricht, derzufolge kuropatkin zwei Armeen zur Verfügung habe. Von Paris her lmn aus russischer Quelle die Nachricht, es sei ein großes russisches £>eer unter General Lennewitsch von Wladiwostok die Küste entlang im Anznge, um den Japanern von Korea her in den Rücken zu fallen. Die Nachricht schien uns wenig glaub* würdig, darum gaben wir sie in Kleindruck wieder. Dieser versuch der Entsetzung Port Arthurs hätte eine verzweifelte Aehn- lcchkeit mit dem Marsche Mae Mahons nach Sedan. Immerhin muß irgend etwas von rustischer Seite geschehen sein. Es ist sehr wohl möglich, daß die dort beginnende Regenzeit für die belagernden Japaner bereits verhängnisvoll geworden ist. Sie Urchteten wohl, bald ihr Obdach zu verlieren und schutzlos im Morast liegen zu bleiben, in steter Gefahr, von Epidemien dahin- gerafft zu werden. So nwgen sie besondere Kraft angewendet hoben, um die Festung einzunehmen, und mögen dabei schwer unterlegen sein. Tie nächsten Depeschen werden ja wohl darüber Aufschluß geben. Frühere Meldungen über die Lage von Port Arthur lauten: Tokio, 8. Juni. Vier Kanonenboote unternahmen Montag Mitternacht eine sehr genaue Rekognoszierung bei Port Arthur zwecks Untersuchung der Einfahrt. Sie waren einer scharfen Beschießung ausgesetzt, wobei das Kanonenboot Nr. 4 achtmal getroffen wurde und einige Havarie erlitt. Ein Mattose wurde getötet, zwei verwundet. Amtlich wird gemeldet: Die über den angeblichen Untergang des Schlachtschiffs „Schiki- shima" verbreiteten Gerüchte entbehren jeglicher Begründung. Petersburg, 8. Juni. Ein Telegramm Alexejews vom 7. Ium meldet: Wie Kontreadmiral Witthoeft berichtet, wurde der russische rechte Flügel im Kampf bei Kinschau außer vom Kanonenboot „Bobr" noch von den Torpedobooten „Burni" und „Boiki" wirksam unterstützt. Die Schiffe kehrten darauf nach Port Arthur zurück. Am 26. Mai nachts wurden 10 Torpedoboote ausgesandt, von denen eins auflief und sank. Die Mannschaft wurde gerettet. Ein zweites Gefecht bei Wafangan. Inzwischen hat, wie General Sacharo bereits kurz mel- atie (vgl. unsere gestrigen Kriegsmeldungen) am 3. Juni bet Wafangau, dem Schauplatz des Krvalleriegefechts vom 30. Mai, ein neuer Kampf stattgefunden. Das heiße von 1 Uhr mittags bis zum Eintritt der Dunkelheit dauernde Zefecht brachte den Japanern einen Verlust von 60 Toten und 120 Verwundeten, worauf sie nachts znrück- gingen. Auf russischer Seite kämpften vier Bataillone, vier 8o knien und Artillerie unter General Ssamsonow. Sie drängten die Japaner aus dem Dorf hinaus, worauf die russische Artillerie den Kampf mit den GMrgSposittonen des Feindes begann. Für die Russen war der mit einem Lerrlust von 17 Mann erreichte Zweck des Gefechtes die -Feststellung der Stärke des Gegners, der übrigens weitere Triuppen heranzieht. Der Tod des Kriegskorresporrdenten Etzel. London, 8. Juni. Wie berichtet wird, wurde der Korre- froi-nbent des „Dailv Telegraph" Etzel, auf Befehl eines Mandarinen getötet. Weiteres vom Kriegsschauplätze. Petersburg, 8. Juni. Tie Russische Telegraphenagentur reHlbet aus Mu8)en vorn 8. Juni: Nach hier eingetroffenen siaoittchten beschießt ein aus neun Schiffen bestehendes japanisches Geschwader seit gestern die Küste zwischen ßs.Lniutschen uud Kaitschou. Paris, 8. Juni. In Petersburg kennt man nun die Ursache der Wiederbesetzung von Niutschwang durch die Russen, welche diesen Platz schon aufgegeben hatten. Alexe- jeto verlangte dringend alles rm April aus Mukden nach Niutschwang geschaffte Material zurück, weil es nördlich von Mukden benötigt wird. Daher verkehren täglich schwere Karren von Niutschwang nach Mukden. Kuropatkin will nicht! Wie dem Pariser „Matin" aus Petersburg gemeldet wird, ist dort die Nachricht eingettoffen, daß Kuropatkin sich geweigert hat, den Befehl des Generalstabes zu befolgen und vorwärts zu rücken, mit der Begründung, daß er die Offensive erst ergreifen könne, wenn die ihm versprochenen 400000 Mann um ihn versammelt wären. Er hat den Befehl nicht ausgeführt, ttotzdem ihm angedeutet wurde, daß er damit einem Wunsche des Koffers entsprechen würde, und hat daraufhin gebeten, nach Petersburg zum Rapport befohlen zu werden, um die Situation darlegen zu können. Wenn die Russen wirklich versuchen wollen, den Krieg gegen Japan vom grünen Tisch aus zu leiten, dann sind sie schon im voraus besiegt. Ob die in der Mandschurei stehende Armee stark genug ist, die Offensive zu ergreifen, kann jedenfalls Kuropatkin besser beurteilen, als die Herren in St. Petersburg, Im rnfs. Kriegsministerium wird entschieden bestritten, daß General Kuropatkin sein Hauvtauortter nach Norden verlegen will. Räuber. Tokio, 8. Juni. Die berittenen Chunchusen- räuberbanden beunruhigen in wachsendem Maße die Russen in der Mandschurei. 2000 Mann bedrohen die Eisenbahn statt on zwischen Mukden und Liarj^ng. Statthalter Alexejew wies den russischen Gesandten in Peking an, die chinesische Regierung zur Unterdrückung dieser Räuberbanden aufzufordern. Deutsche Industrie. Düsseldorf, 8. Juni. In dem westlichen Industriegebiet tritt ein Nachlassen des Exportes nach den kriegführenden Staaten, besonders nach Rußland, hauptsächlich in Maschinen imb in verwandten Branchen in Erscheinung. Dagegen ist eine Zunahme des Exportes in Textilwaren konstatierbar, in denen umfangreiche Bestellungen Japans und Rußlands für Winterstoffe eingehen. Volitische Tagesschau. Preußische Ministerkrise? Die „Franks. Oder-Ztg." erfährt „zuverlässig", der Landesdirektor der Provinz Brandenburg, Frhr- v. Manteuffel, ei zum Nachfolger des Ministers des Innern auS- ersehen; Freiherr v. Hammer st ein werde nach dem Herbst z u r ü ck t r e t e n. Aus den Herrenhausreden des Frhrn. v. Manteuffel und Grafen Mirbach war von agrarischer Seite mit Recht der Schluß gezogen worden, sie seien „ein Beweis für den Willen der konservativen Pattei in Preußen, der jetzigen Wirt- chaftspolitik nunmehr ernsthaft entgegen- 5 utreten", so hatte wörtlich die „Agrar-Korresp." sich aus- gedrückt. Darauf aber hatte das amtliche Organ der Partei, die „Kons. Korresp.", erwidert: „Von einem Vorstoß der konservativen Pattei und von deren Willen, „der jetzigen Wittschaftspolitik nunmehr ernsthaft entgegenzutreten", kann nach dem klaren Wortlaut der Debatte keine Rede sein." Darauf erwiderte die „Agrar-Korresp.": Danach stehe man vor der an sich unbegreiflichen Tatsache: die Führer der konservativen Partei ettennen zwar und tadeln scharf die Fehler und Schäden der heutigen Wittschaftspolitik der Regierung (Beweis ihre Herrenhausreden); sie verneinen aber trotzdem ausdrücklich die Absicht, „dieser schädlichen Wittschaftspolitik nunmehr ernsthaft entgegenzutreten". Der Reichskanzler Graf Bülow werde von dieser Feststellung befriedigt Kenntnis genommen haben. Es könne also alles beim alten bleiben. Auf diese Bemerkung der „Agrar-Korrelp." hat die „Kons. Korresp." bisher nicht geantwottet. Man kann also darauf schließen, daß die preußischen Herren mit dem Grafen Bülow zufrieden sind und daß jene Herrenhausreden sich gegen den Frhrn. v. Hammer st ein richteten. Wenn jetzt da§ Gerücht auftaucht, daß Frhr. v. Hammerstein durch seinen Gegner, den Frhrn. v. Manteuffel, werde ersetzt werden, so hat das etwas für sich. Jedenfalls ist den einflußreichen preußischen Herren das reaktionäre Regiment des jetzigen Ministers des Innern noch nicht reaktionär genug, und es ist wohl möglich, daß ihm ein noch schrofferer Reaktionär zum Nachfolger gegeben werden wird. Ein Berliner Mitarbeiter schreibt uns: Das Gerücht hat insofern Wahrscheinlichkeit, als Frhr. v. Hammerstein offensichtlich leidend ist. Im übrigen gilt Frhr. v. Manteuffel als persona gratissima bei Hofe. Als preußischer Minister des Innern würde Herr o. Manteuffel freilich nur in bescheidenem Maße Gelegenheit haben, seinerseits den „starken Mann" zu spielen, nach dem er sich sehnt. Er würde höchstens noch inn eine Nummer „preußischer" regieren als Frhr. v. Hammerstein. Ganz anders aber läßt sich die Sache an, wenn man in der Ernennung des Frhrn. v. Manteuffel zum preußischen Minister die Vorstufe zur Berufung in das höchste Negierungsamt sehen müßte. Einstweilen heißt es, „den Minister abwarten". Feindliche Brüder. Es ist ein offenes Ge^inmis, daß zwischen Italien und Oesterreich-Ungarn nicht alles so steht, wie es bei Verbündeten sein sollte. Ueberraschen muß gleichwohl das unverhüllte Mißtra uen, das man in Italien dem Bundesgenossen gegenüber hegt. Da hat vor einigen Tagen die österreich-ungarische Regierung vei ihren Neuforderunaen, für Wehrzwe cke 120 Millionen für den Ausbau der Kriegsmarine verlangt und bewilligt erhalten. Das poli-i tische Vertragsverhältnis hindert die Italiener nicht, diesen Vorgang als gegen sie gettchtet zu betrachten, und wenn ettvas vor Ueberschätzung der Bedeutung des Dreibundes zu warnen geeignet ist, dann sicherlich der Umstand, daß in Italien die Rüstung gegen Oesterreich-Ungarn eine hervorragende Rolle auf wehrpolitischem Gebiet spielt. Für die Notwendigkeit dieser Rüstung tritt heute nicht nur der Abenteurer Garibaldi mit seinem Anhang ein: ernsthafte Politiker, ja sogar der Minister sind von ihr überzeugt, und besonders der Chef der Marineverwaltung, Admiral Mira> bello, braucht nicht zu fürchten, mit weitgehenden Forderungen im Parlament abgewiesen zu werden, wenn er auf die Marine Oesterreich-Ungarns sich bezieht. Es ist allerdings nicht zu übersehen, daß die Kriegsflotte Italiens an Gefechtswert derjenigen Oesterreich-Ungarns nachsteht, wenn sie sie auch an Schiffszahl übertrifft. Nur ein Teil der italienischen Kriegsschiffe darf als seetüchttg gelten. Es ist eben mit den vom Parlament für Marinezwecke bewilligten Summen in der unsinnigsten Weise gewirtschaftet worden. Wen die Schuld trifft, das wird die parlamentarische Untersuchungskommiffwn, bte ietzt ihre Arbeiten begonnen hat, ermitteln. Oesterreichs Ungarn hingegen hat mit seinem bescheideneren Marine- budget vortrefflich Haus gehalten. Es verfügt über einen aktionstüchtigen Bestand an Kriegsfahrzeugen und zudem über ein besser durchgebildetes Seeoffizierkorps und Mann- schaftspersonal. Wenn es heute zu einem Zusammenstoß' zur See zwischen Italien und Oesterreich-Ungarn käme, er würde zweifellos für ersteres ungünstig enden, zu einem zweiten Lissa werden. Italien ist bestrebt, solchem Ausganz vorzubeugen, eben weil es die Möglichkeit eines Konfliktes mit dem Bundesgenossen im Auge hat. per Kontraktvruch der Handarbeiter im preuß. Abgeordnetenhause. Im Abgeordnetenhanse bettet mim am Mittwoch über bett Gesetzentwurf bctr. die Erschwerung des Kontraktbruchs landwirtschaftlicher Arbeiter und des Gesindes. Abg. Wolff - Lissa (Fr. Vpt): Tas Gesetz will in seinem wesentlichen Paragraphen 1 drei Kategotten von Personen unter Strafe stellen. Den Arbeitgeber, der wissentlich ober fahrlässig kontraktbrüchige Arbeiter in seinen Dienst nimmt, den Vermittlern, der solchen Arbeitern ein neues Dienstverhältnis nachwttst und den Agenten, der zum widerrechtlichen Verlassen oder Nichtantreten des neuen Dienstes anreizt. Keine Bestimmung der Reichsgefetz- gebung bezeichnet ein derattiges Veralten als einen so schweren sittlichen Fehler, wie diese Begründung es tut. Eine zeitliche Begrenzung für die Verjährung des Kontraktbruches ist in der Vorlage überhaupt nicht enthalten. Der Arbeitgeber soll die „erforderliche Sorgfalt" anwenden. Das ist eine sehr dehnbare Bestimmung. Auch die Verleitung zum Konttaktbruch, die in bester Msicht erfolgt, ist unter Strafe gestellt, nicht nur die gewinnsüchtige. Damtt beseitige man den letzten Rest von Koalitionsfreiheit der Arbeiter. Man wolle mehr Arbeiter der Landwirtschaft zuführen, sie wahrend des Kontraktes an die Sckwllc fesseln. Aber wenn man das landwirtschaftliche Gewerbe so hcritntettetze, werde mindestens jeder tüchtige Arbetter in die Stadt ziehen und sich der Industrie zuwenden. Daher sei seine Pattei nicht in der Sage, dem Gesetze ihre Zustimmung zu gebew Landwittschaftsminister v. Podbielski: Die Verhältniffe der großen Städte können unmöglich auf unsere einfachen I3ni* lichen Verhältnisse Anwendung finden. In der Jndusttte arbttten die Leute vielfach mit täglicher Kündigung, der Landwitt hat bei jedem Engagement bedeutende Ausgaben für Reffevergütung, Mietgeld und Vermittlungsprovffiort. Für die wenigen Tage der Ernte kann nun natürlich ein Nachbarbesitzer leicht dreifachen Lohn bieten. Seine Vermittler locken die Leute im Krug an, und am nächsten Morgen hat der Bauer niemand mehr. Gegen solche Vermittler müssen wir einschreiten. Die gesetzlic^n Bedenken, halte ich nicht für durchschlagend. Das Gesetz soll hauptsächlich die Saisonarbeiter treffen, Leute, die gar nicht einmal unserem Vaterlande an gehören und sich bei der Unkenntnis unserer gesetzlichen Verhältnisse leicht verlocken lassen. Was man hier im Gesetz behandle, unterliegt durchaus der preußischen Zuständigkeit. Tas Gesetz trifft wahrhaftig nur die v agieren de Bevölkerung, die ohne jedes Verantwortlichkeitsgefühl den Dienst verläßt. Er bitte, dem Gesetzentwutt Zustimmung »u geben. R ei n e ck e (Fkr.): Als alter Praktikus Foime er dir Auffassung Wolffs nicht teilen. Den Arbeitern wolle man nicht schaden, sondern sie im GegeMeil vor der Versuchung bewahren. Abg G oldschmidt (Fr. Vpt): Die Regierung hat früher dre Ansicht Oertreten, daß eine solche gesetzliche Bestrafung des Kontraktbruchs gegen das Reichsgesetz verstos-e. Damals ftihtte man vom Regierungstisch aus, daß eine solche Bestrafung einen vermehrten Abfluß der ländlichen Arbeiter in die Industrie zur Folge haben würde. Der jetzige Entwurf enthält schwere Ver- itoße gegen die im Paragraphen 1 der Gewerbeordnung gewähr- leistete Gewerbefreiheit, gegen die Paragraphen 34 und 38 der Gewerbeordnung. Alle Arbeiter von der Sozialdemokratie bis 8U den Konservativen fordern mit der größten Entschiedenheit die Mlehnung dieses Gesetzentwurfes. Nun hat der Landwittschaftsminister gemeint, man wolle nur die ausländischen Saisonarbeiter treffen. Warum sage man es nicht im Gesetz? Die schuld aber an dem vorliegenden Gesetzentwutt trage das Zentrum. Sein Redner hat den Minister stimuliett, diese Vorlage auszuarbeiten. Das Gesetz verdiene eigentlich keine Kommissionsberatung, Ablehnung ohne Kommffsionsberatung wäre das verdiente Schicksal. Minister Dr. Schönstedt: Warum diese Vorlage gegen die Bettassung verstoßen solle, hätte Herr Goldschmidt nicht ausgeführt. Die Neichsgewerbeordnung ist kein Teil der Reickss- vettassung und aus ifrr kömie die verfassungsmäßige Unzulässigkeit eines Gesetzes nicht deduziert werden. Es handelt sich um eine strafrcchtkfibe Frage, die im ReiclMrafgesetzbuch nicht geregelt ist und deshalb der Landesgesetzgebung unterliegt Abg. Herold (Ztr.): Man wolle auch den Landarbeitern das Koalitionsrecht nicht verweigern, wenn auch die Verhältnisse in der Landwirffchaft wesentlich anders liegen und die Schädigungen durch einen Streik viel größer sind. Dieser Entwutt be* mit ,enbc8 ecte beträgt. nen 7-M 6.^ ' ♦ 2.20 ' • 0.50 ' MäuM r Solterswei^ . araie. er i» fräa ««* md PorzeH Meuws*y Spargelschalen> und Kirschen* ualitit, ; I I niit& / 1Cheß> ft*,- j greife ydtfö 0 dürfe noch sehr wesentlicher Abänderungen; denn bestrafe man nach der Vorlage die ländlichen Unternehmer, so zwingt man die kontraktbrüchigen Landarbeiter in die Stadt, bestraft man aber auch die industriellen Unternehmer, die kontraktbrüchige Arbeiter in Lohn nehmen, so macht man diesen jede Existenz unmöglich. Wir wollen eigentlich nur die Arbeitnehmer bestraft sehen, die Arbeiter zum Kontraktbruch verleiten, um sie für sich zu gewinnen. Tie Hauptsache wären nicht die Strafbestimmungen, sondern Hebung der Landwirtschaft, damit sic bessere Löhne zahlen kann. Mg. Glatzel lntl.): Es scheine zweifelhaft, ob in dem Aesehentwurs alle Härten beseitig! und alle Bedenken überwunden sind. Jedenfalls wolle man die Vorlage wohlwollend prüfen. Die Vorlage wird an eine Kommission von 14 Mitgliedern verwiesen. Deutsches Keich. Berlin, 8. Juni. Ter Kaiser und die Kaiserin /lnternahmen heute morgen einen Spazierritt. Von halb 10 Uhr hörte der Kaiser den Vortrag des Ehefs des Zivilkabinetts, Wirkt. Geh. Rats v. Lucanus, empfing in Audienz den Gesandten von Paraguay in Gegenwart des Unterstaatssekretärs v. Mühlberg, den Präsidenten der Akademie der Künste, Geh. Negierungsrat Prof. Otzen, den Fürsten Ferdinand Radziwill und nahm die Meldung des Kontreadmirals Grafen Baudissin entgegen. — Prinz Heinrich von Preußen begab sich heute mittels Automobils von Kiel nach Darm st ad t. — Der Rcichsschahsekretär Frhr. v. Stengel hat dem Reichstag einen Uebersichtsplan des in Berlin und den anschließenden Vororten vorhandenen Grundbesitzes des Reichs und des preußischen Staats nebst einem Verzeichnisse der in dem Plane nachgewiesenen Reichsgrundstücke überreicht. — Die Budgetkommission des Reichstages beriet heute zunächst über den Kostenanschlag und die Finanzierung der Eisenbahn Dar-es-Salam. Tie Kommission nahm den 05ese Kent Wurf in der Fassung der Vorlage und dazu folgende Resolution Er'zberaer an: „Der Reichstag wolle beschließen, dem vorliegenden Gesetzentwurf in der von der Kommission beschlossenen Fassung die verfassungsmäßige Zustimmung zu erteilen, wenn in der Baukonzession der Ostafrikanischcn Eisenbahngesellschaft die Spurweite der Bahn auf mindestens einen Meter festgesetzt wird. — Der Senioren konvent des Reichstages besprach heute die Geschäftslage des Hauses. Es selten zunächst erledigt werden die Gesetzentwürfe über die Kaufmannsgerichte, über die Rcblausbekämpfnng, über die beiden Kolonialbahnen und die Münznovelle. Ob der Nachtragsetat für Südwestafrika noch an den Reichstag kommt, ist zweifelhaft, da die Rechnungen sehr schwierig sind. Sind diese Vorlagen verabschiedet, dann steht die Vertagung in Aussicht und zwar bis zum November. Mit der Erledigung des noch auszuarbeitenden Pensums hofft man Ende nächster Woche fertig zu werden. — Der Seniorenkonventdes Abgeordnetenhauses war heute zusammengetreten. Nacb längerer Erörterung neigte man sich der Ansicht 'U, die Vertagung der Session Anfangs Juli und ein Wiederzusammentreten des Landtages Anfangs Oktober zu befürworten. In diesem Sinne sollen die Fraktionen um ihre Meinung befragt werden. Alsdann wird der Seniorenkonvent am Freitag zur endgiltigen Entscheidung nochmals zusammentreten. Potsdam, 8. Juni. Heute nachmittag fand in der russischen Kolonie ein Vlumenkorfo zum Besten der Augusta Viktoria-Krippe statt. Um 5 Uhr erschien die Ka i s er in in einem ä la Daumont bespannten Vierspännerwagen, der mit Marschall-Niel Rosen dekoriert war. Die Kaiserin fuhr die Reihen der Korsowagrn ab. Sämtliche Musikkapellen der hiesigen Garnison spielten die Nationalhymne. Hierauf setzte sich die Kaiserin an die Spitze der Wagen und der Korso nahm seinen Anfang. Es nahmen außerdem teil: der Kronprinz, Prinz und Prinzessin Friederich Leovold, sämtliche in Potsdam anwesenden Prinzen und Prinzessinnen, die hohen und höchsten Hofchargen und das gesamte Offizierkorps mit seinen Damen. Ter Zug bot ein farbenreiches, prachtvolles Bild. Koburg, 8. Juni. Tas Endergebnis der gestrigen Wahlmännerwahlen für den Landtag ist, daß in sämtlichen 11 Wahlkreisen bürgerliche Kandidaten gesiegt haben Ter einzige bislang sozialistische Wahlkreis Oeslau fiel an den Freisinn. Karlsruhe, 8. Juni. In der heutigen Sitzung der ersten Kammer erklärte Staats Minister v. Brauer 6et der Beratung des Eisenbahnbetriebsbudgets, er bedauere, d;aß der Zeitpunkt für die Schäftung von Reichseiscnbahnen verpaßt sei. Redner denke nicht daran,mitPreufien in eineEisenbahngemein- schaft zu treten, wie es Hessen getan habe. Die Betriebsmittelgemeinschaft sei geboten, und in dieser Beziehung hätte in Frankfurt eine vertrauliche Besprechung stattgefunden, welcher Minister Dudde und er selbst beigewobnt hätten: weitere Schritte würden geprüft werden. Auch die Versonentarifsrage sei besprochen worden: hier lägen die Schwierigkeiten bei Baden, welches ungern das Kilometerheft aufgeben w^lle und die Einführung der vierten Wagenklasse zurückweise. Stuttgart, 8. Juni. Die Kammer der Standes- herren nahm entgegen dem Beschlüsse der Kammer der Abgeordneten vom 5. Februar 1903, wonach die B.'zirksschul- aufsicht in der Regel als Hauptamt mrsqeübt wird, und als Bezirksschulaufseher im Hauptamt Schulmänner oder Geistliche angestellt werden, mit 13 gegen 11 Stimmen einen Antrag des Fürsten Quadt an, welcher die Bczirksschul- a u f s i ch t i m H a u p t a m t e z u l ä ß t, als Bezirksschulaufseher aber ausschließlich Geistliche beider Konfessionen angestellt wissen will. Ter Ministerpräsident zog hierauf die Volksschulnovelle zurück. Ausland. London, 8. Juni Erzherzog Friedrich, der dem König den ihm vom Kaiser von Oe st erreich verliehenen Feldmarschalls st ab überbringt, ist heute nachmittag hier eingetroffen. — Unterhaus. David Morgan fragt an, ob die Regierung eine Information in Betreff des Abkommens oder Handelsvertrages zwischen Deutschland und Rußland erhalten habe. Unterstaatssekretär des Aeußern Percy erwidert, eine derartige Meldung sei unbegründet. Rom, 8. Juni. Aus Mailand, dem Zentrum der italienischen Franzosenfreunde wird gemeldet, daß der dortige Bürgermeister zum Ehrenmitglied des Pariser Gemeinderates ernannt ist und künstlerisch geprägte Insignien erhielt. Genf, 8. Juni. Aus Armenien liegen hier folgende Meldungen vor: Nach einem Bombardement von mehreren Tagen und einem erbitterten Widerstand der Armenier nahmen die türkischen Truppen Gueligouzan bei Sassun, wohin die armenische Bevölkerung von 45 durch Brand zerstörten Dörfern geflüchtet war. Die von Andra- nit gefül)rten Aufständischen flüchteten kämpfend gegen die Höhen von Talvorik. - Tausende von Frauen, Kindern und Greisen, die nicht folgen konnten, wurden erbarmungslos niedergemetzelt. Talorik wird beschossen. Die abgeschlossenen Aufständischen leisten Widerstand. Tie ganze Gegend von Musch ist ungeachtet der Anwesenheit der Konsuln terrorisiert. Hochstehende russische Beamte an der kaukasischen Grenze suchen die Türken, Kurden und Armenier aufzureizen. Konstantinopel, 7. Juni. Die Pforte teilte den Botschaftern der Ententemächte offiziell mit: Die Gerüchte, daß Rußland Passage für einige Kriegsschiffe der Schwarzmeerflotte durch die Straße der Dardanellen verlangte, sind unbegründet. Tie Meldung des „Temps", daß nach Konsularberichten die Zahl der armenischen Opfer bei den jüngstenVorgängenimGebietvonSassun 5000 betrage, ist vollkommen falsch. Es hat keine Konsularuntersuchung stattgefunden. Die Zahl der Opfer ist nicht festgestellt. Sie wird immerhin auf einige Hundert geschätzt. Washington, 8. Juni. Nach einem hier eingegangenen Telegramm sind amerikanische Marinesoldaten in Marokko gelandet. H.ffenttiche Sitzung des internationalen Arauerikorrgresses Berlin, 8. Juni. Im Bcethovensaal fand eine öffentliche Frauenversammlung des internationalen Frauenkongrcsses statt. Der Saal war geschmückt mit Lorbeerbäumen und Fahnen in den Farben der verschiedensten Nationalitäten. Auf dem Präs d-n'entisch prangten zwei Blumenbouquets. Tie Versammlung war äußerst zahlreich besucht. Bei ihrem Erscheinen wurde Miß Susane Antony, die 85jährige Telegicrte von Rochester, von der Versammlung stürmisch begrüßt. Hierauf nahm das Wort Frau Marie Stritt aus Dresden, welche ein herzliches Willkomm entbot imb sämtlichen Mitarbeiterinnen an dem großen Werke der Hebung der Frauen mit den wärmsten Worten dankte. Das rapide Wachsen des Weltbundes sei in erster Linie Miß Wright Sewall, Vorsitzenden des Bundes in Jndianopolis zu danken. Tie Rednerin ging auf die Ziele des Bundes ein und schloß mit den Worten, daß die heutige Tagung des Kongresses erfolgreich und fruchtbringend für den Frouenweltbund sein möge. Miß Sewall nahm hierauf das Wort. Sie entschuldigte sich zunächst, daß sie des Deutschen mangelhaft mächtig sei. In humyrvollen Worten sprach sie für die von Frau Stritt ausgesprochene Anerkennung ihren Dank aus. Alsdann nahm sie die Hand der Miß Susane Antony und stellte sie der Versammlung unter großem Beifall als ihre Lehrerin vor. Miß Antony sprach in ihrem heimatlichen Idiom über den Frauen-Weltbund, worauf die finnländische Delegierte der 85jährigen Greisin ein Rosenbouquet überreichte. Es gelangten Begrüßungsdepeschen aus Wien und Rom zur Verlesung. Fräulein Helene Lange, rauschend begrüßt, hielt eine ganz kurze humorvolle Willkommensrede. Hierauf stellte Miß Sewall sämtliche anwesende Delegierte einzeln vor. Jede derselben dankte in ihrer heimatlichen Sprache für den Empfang und übermittelte die Grüße ihrer Schwestern in der Heimat. Zum Schluffe hielt Miß Sewall, die Präsidentin des Frauen-Wcltbundes", eine mit stürmischem Beifall aufgenommene Rede über den Zweck und die Ziele des Frauen-Welt- bundcs, welche" darin gipfeln, die Einheit der Menschheit herbeizuführen. Zu der großen Propaganda ■ des Friedens und der Arbittation würden wahrscheinlich noch zwei andere Vorschläge hinzugefügt werden, und zwar die Bewegung für die politische Anerkennung der Frauen und Gleichverantwortlichkeit beider Geschlechter für eine reine Moralität. Was die Gesellschaft bisher von der Frau gefordert habe, solle dann auch von dem Manne gefordert werden. Die Frauen dächten nicht an eine Revolution, sondern an eine Evolution. In der Schwäche der Frau liegt ihre Stärke und in dieser Schwäche sähe sie den Sieg ihrer Ideen. Damit schloß unter großem Beifall die Versammlung. Ans Stadt und Land. Gießen, den 9. Juni 1904. "" Personalien. Se. Kgl. Hoh. der Großherzog haben dein Geh. Kirchenrat und Professor a. D. D. Adolf Köstlin in Darmstadt das Ritterkreuz 1. Kl. des Ludewigs- ordens verliehen, dieselbe Auszeichnung außerdem dem Kriegsgerichtsrat Linck beim Gouvernementsgericht Mainz, seither beim Gericht der Großh. Hess. (25.) Division, und dem Oberstabsarzt Dr. Papenhausen beim Ulancn-Regiment Großherzog Friedrich von Baden (Rhein.) Rr. 7, seither Stabsarzt beim 1. Großherzogl. Jnfantcrie-(Leibgarde-)Regiinent Rr. 115. — Dem Pfarrer Dr. Albert Bey schlag zu Niederhausen in der bayerischen Pfalz wurde die evangelische Psarrstelle zu Hering, Dekanat Groß-Umstadt, übertragen. ""Irrenanstalt. In der weiteren Förderung der Irrenanstalt weilten gestern die Ministerialräte Weber und Reidhardt, sowie Oberbaurat Klingelhöfer von Darmstadt hier. Die Herren begaben sich in Begleitung von Provinzialdirektor Dr. Breidert und Beig. Curschmann nach der für die Erbauung der Anstalt in Aussicht genommenen Baustelle im Licher Walde. Es scheint hiernach, als wenn mit der Inangriffnahme des Baues bald begonnen werden sollte. '"Eine Besichtigung des städt. Wasserwerks^ Queckborn fand gestern vormittag unter großer Beteiligung der Stadtverordneten statt. Wir werden darüber morgen ausführlicher berichten. "" Vortrag über Kanalisation. Gestern abend hielt in Anwesenheit von etwa 200 Personen im Cafß Leib Oberbaurat Schm ick aus Darmstadt einen hochintereffanten, klaren und allgemein verständlichen Vortrag über die hiesige Kanalisation und die Hausanschlüsse. Oberbürgermeister M eeu m schickte voraus, daß es, nachdem das Werk der hiesigen Kanalisation seit zwei Jahren begonnen worden sei, die Fortführung wohl noch zwei Jahre lang dauern werde und in einigen Monaten auch mit den Hausanschlüssen begonnen würde, von allgemeinem Interesse für die hiesigen Einwohner sein dürfte, über dies große Werk eingehende Erläuterungen zu hören, die Oberbaurat Schmick in liebenswürdiger Weise zu erteilen sich bereit erklärt habe. Den etwa 11/2 stündigen Vortrag werden wir heute nur in den Umrissen skizzieren, um ihn später ausführlich wiederzugeben. Im Interesse der Ge- sundbeitspgege liegt es, dem Untergrund einer Stadt, wo sich Unreinlichkeiten aller 9(rt im Boden ansammeln könnten, ganz besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Auch in Gießen hat man dies erkannt, und bereits Ende der 80 er Jahre haben die städtischen Behörden sich mit dieser Frage befaßt. Unter dem früheren Oberbürgermeister Gnauth wurden eingehende Verhandlungen über die anzuwendenden Systeme gepflogen, und der frühere Stadtbaurat Schm an dt hat im Verein mii Geheimrat Dr. Gaffky über diese Dinge ein Gutachten aufgestellt, wonach die Entwässerung in der Altstadt nach gemeinsamem System, die der Außenstadt nach getrenntem System geschehen sollte, liebet diese Begriffe der gemeinsamen und getrennten Systeme für Abwäffer und Regen- wasser gab der Redner klare Aufklärung, ebenso darüber, wie man dazu kam, in der Außenstadt dieses und der Altstadt jenes System anzuwenden. Die topographische Lage, die Gefällsverhältniffe gaben darauf die Antwort. Dann wurde das Kanalnetz unserer Stadt, seine Haupt- und Nebensammler nnd die Kanäle einer Betrachtung unterzogen, wobei die besonderen Schwierigkeiten, die das Werk machte, erwähnt wurden. Im Stadtgraben mußte eine gute Fundamentierung geschaffen werden, bei der Kreuzung der Bahnhofstraße und Westanlage mußte der Hauptsammler den Stadt- ringgraben kreuzen, dann unter der Wieseck hindurch unter- führt werden. Welche Untersuchungen wegen des Einflußes des wechselnden WafferstandeS der Lahn auf das Kanalnetz angestellt wurden, wurde dargelegt. Die sogenannten „Not- auslässe" in die Wieseck oder die Lahn wurden ganz ver- mieden, um zu verhindern, daß Schmutzwasser in die Flüße komme. In den Untersuchen über die Abwässer mußte in Betracht gezogen werden, daß in der Altstadt 250 Seelen auf 1 Hektar, in der Außenstadt nur 120 auf 1 Hektar kommen. Auch die Niederschläge rourben für die Dauer do*. 10 Jahren geprüft, wobei sich ergab, daß bei uns auf ein Hektar 200 Liter Regen in der halben Stunde kommen. Dabei fällt für die Kanalisierung der Abgang für Verdunstung und Pflanzenwuchs in Betracht. Die mechanische Kläranlage, 1000 Meter unterhalb der Wieseckmündung, wurde eingehend erklärt, und über die Abfuhr des Schlammes und seine Behandlung (Kompostierung) Mitteilungen gemacht. Ferner wurden einzelne Teile der Kanalisation, die Einbeziehung des Klingelbachs, der große Schneeschacht am Kreuzplatz, besprochen. Dann kam man zu den Profilen der Kanäle, deren Spülung und Lüftung und endlich auch zu den Hausinstallationen, wobei keinesfalls falsche Sparsamkeit angewendet werden darf. Undichtigkeit der Röhren muß vor allem vermieden werden. Das Ortsstatut über die Haus- installationen ist fertig; es liegt dem Kreisamt vor. Unbilliges wird nicht verlangt, und im allgemeinen soll beim Anschließen der jetzt vorhandenen Jnstallattonen an die Leitung großes Entgegenkommen gezeigt werden. Nach- dem Oberbaurat Schmick noch der Ueberzeugung Ausdruck gegeben hatte, daß das große Werk der Kanalisation und die großen Kosten dafür zum Heil der Stadt ausschlagen würden, war der Vortrag zu Ende, und Oberbgm. Mecum sprach dem Redner den Dank der Versammlung aus. Auf eine Anfrage macht Oberbaurat Schmick noch Angaben über Keller- entwäßerungen und beantwortete zum Schluß noch eine kleine Anfrage des Stadtv. Löber. Daß die Stadtverordneten übrigens zahlreich anwesend waren, ist selbstverständlich. Zahlreiche Pläne und Karten, die auf dem Bühnenraum des Saales aufgehängt waren, hatten die Ausführungen des Vortragenden veranschaulicht. Gegen 10’/, Uhr war die Versammlung, die nach 8 Uhr begonnen hatte, beendet. *' Kaufmännischer Verein. Den Mitgliedern des Kaufmännischen Vereins bietet sich am nächsten Sonntag, wie aus der heutigen Annonce ersichtlich ist, eine günstige Gelegenheit, unseren schönen Münzenberg einmal näher kennen zu lernen. Der Ausflug verspricht recht lohnend zu werden. So viel uns mitgeteilt wurde, ist für Musik, Tanz und Unterhaltung, sowie billige Preise für Kaffee und Abendeßen bestens gesorgt. Auch der Fahrpreis (Mk. 1.20 für Hin- und Rückfahrt) ist billig, so daß die Teilnahme gewiß recht groß sein wird. "Die Zahl der Todesfälle, ausschließlich der Totgeborenen, betrug in der Woche vom 15. bis 21. Mai in Mainz 34, Darmstadt 20, Offenbach 29, Worms 12, Gießen 16, zusammen 111, davon 29 im ersten Lebensjahre. Todesfälle pro Jahr und 1000 Einwohner kamen aus Mainz 19,7, Darmstadt 13,2, Offenbach 25,8, WormS 13,8, Gießen 30,3 (ohne 3 Ortsfremde 24,5). — Die Todesursache anbelangend, verstarben an Rachenbräune (Diphtherie) 1 (Mainz), an Keuchhusten 3 (2 in Mainz, 1 in Darmstadt), an Diar- hroe und Brechdurchfall 7 (2 in Mainz, 4 in Offenbach, 1 in Gießen), an Lungenschwindsucht 21 (8 in Mainz, 3 in Darmstadt, 6 in Offenbach, 1 Worms, 3 in Gießen), an akuten entzündlichen Krankheiten der Atmungsorgane 17 (4 in Mainz, 3 in Darmstadt, 4 in Offenbach, 2 in Worms, 4 in Gießen), an Gehirn-Apoplexie 4 (1 in Mainz, 2 in Offenbach, 1 in Gießen), an allen übrigen Krankheiten 55 (16 in Mainz, 10 in Darmstadt, 13 in Offenbach, 9 in Worms, 7 in Gießen): gewaltsamen Tod erlitten 3 Personen (Darmstadt). "* Der Schneider als Millionär. Wie die Wiener „Polst. Korresp." erfährt, sind die über den Rbein- hart'schen Millionennachlaß gepflogenen amtlichen Erhebungen ohne allen Erfolg geblieben. Von einem solchen Nachlaße ist weder dem Generalkonsulat in Kalkutta, noch den indischen Behörden etwas bekannt. Damit ist auch die Meldung gegenstandslos, daß ein armer Schneider in Bensheim a. d. B. mit vier anderen ebenso armen Glücklichen der Erbe jenes seligen Generals Reinhart sei. X Rod he im a. B., 8. Juni. Der Vertreter des hiesigen Gewerbevereins bei der diesjährigen Generalvecsamin« lung der Gewerbevereine des Regierungsbezirks Wiesbaden in Nassau a. d. Lahn brachte folgenden Antrag ein : Generalversammlung wolle beschließen, den Zentralvorstan zu veranlassen, dahin zu wirken, daß bei den fiskalischen Holzversteigerungen der Kaufpreis gegen Stellung von Bürgschaft wie früher bis zu einem späteren Termine kreditier werde." Dieser Antrag wurde angenommen, und da aucy noch von anderer Seite ein ähnlicher Antrag vorlag, 1° wurde als allgemeiner Zahlungstermin für gesteigertes Ho z der 1. September gewünscht. . , i'. Alsfeld, 8. Juni. In der heutigen Sitzung des Kreistages hat dieser nach längerer Beratung endg.lt, g und einstimmig die Erbauung eines bis krau en- Hauses für den Kreis Alsfeld besckloyen. Diesem so Alsfeld errichtet werden, nachdem sich die Verwaltung d,e,e Stadt bereit erklärt tjat, jährlich einen Zuschuß von 2500 ^r. zu leisten und das Gelände unentgelttich zu stellen. taa1,0 waten- *7 unter der j ä. "tfd"«""10' im ® JtOP«"-6“.8!* Ä’6‘^ ’i-^Trn A3« z«r°stiirit-d-r -kSM Meißner, über -Wien noch ! ^ verlassenen in s°»lge!°llen «erschwii-den- binnen tejent die $an Pr-sel^M stufen onfgefhegen, Verlobte wirklich I« tu der für die -rra Nachforschungen erg wurde nach allen Jt eine Spur nach Pa begaben sich vorige um dort weitere R Züchen vergeblich, sächlich, auf einer ! funken. Fräulein < rückwärts und übet Meißner wurde kre Aber bald faßte er s er nicht zu Widers und erllärte sich die Hand zu reichen würde. Sie wurde Kur — Der Reichl kanzler hat, wie wir cron zu deßen sechz in welchem er dem $ digen Muse" d Verfasser der prää Kriegsnovellen, die macht nun zu den ! merkung: Das kling Leutnant von Versew Münchener „Jugend" deuten Vorbehalten, „schneidige Muse" bat tigen aber nicht, dir zu üben. Die Angel Minister sind mehr t und man kann wirt, mitten einer. Fülle auf Kommando Geiss tag, ein Jubiläum s.ch die vielen Tri und Geschmack scbw der sicher der bele hatte, sucht gern nm b'sweilen eine Disso irgend jemand allerhöchste ,n Mes Deuts f,men hübschen Ein! v°n Gehein Achsen wäre? & 5 eme andere Ai A es ist nicht gern LQuf >sem Gel M aufmutzen kan Ä^salls, solchen E sem Telegra m schrecken gewal wäre als glauben, bc All! LKZ w--d- »on , V ist mit 273 'ft“" UC|ct %’’ere SBqhi ?erttete?d^ dem übet bnÄnriQ den Vern-k^. Ulkten u»un! '^gen HinmÜ^ nac ‘Men m S-ngen Aes Abe, tz fallet erhielt Sä; >«>;» me; Genick, 11 wurden ,bt 'S- em S^n»:. 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Auch auf der Strecke Weihwasser- Görlitz gerieten große Waldstrecken in Brand. * Kopenhagen, 8. Juni. Bei dem Hofjuwelier Anderson in Stockholm wurden bei einem Einbrüche Schmucksachen im Werte von 10 0 000 Kronen gestohlen. * Kopenhagen 8. Juni. In Lidköping in Schweden ertranken fünf junge Leute während einer Luftfahrt. * 3 ü rich, 8. Juni. Hier erschoß sich auf dem Friedhöfe der Direktor einer großen Baumwollspinnerei im Kanton Solothurn, nachdem er an der Börse außer seinem eigenen Vermögen noch große der Gesellschaft gehörige Summen verloren hatte. Angeblich betragen die Passiven eine Million Francs. * Bern, 8. Juni. Bei einem Ausftuge in den Berner Jura st ü r z t e der Wirt Mischler aus Biel ab. Er war sofort tot. * Tunis,8. Juni. Der chinesische Dampfe r „Kopinski" stieb in der Nähe von Torelli auf einen Felsen und sank. Von den 28 Mann der Besatzung sind 14 ertrunken. * Zu der Wiederauffindung des Professors Meißner, über die wir bereits berichteten, wird aus Wien noch folgendes mitgeteilt: So tragisch sich das Geschick der verlassenen Braut zu gestalten schien, es hat sich alles in Wohlgefallen aufgelöst und Fräulein F., die selbst ihren verschwundenen Bräutigam gefunden hat, wird binnen kurzem die Gattin des Professors Meißner werden. Dem Professor Meißner waren im letzten Augenblick Bedenken aufgestiegen, ob er auch die um so viel jüngere Verlobte wirklich werde glücklich machen können. Er erschien zu der für die Trauung festgesetzten Stunde nicht und die Nachforschungen ergaben, daß er Wien verlassen habe. Es wurde nach allen Richtungen telegraphiert und bald führte eine Spur nach Paris. Fräulein F. und ihre Großmutter begaben sich vorige Woche nach der französischen Hauptstadt, um dort weitere Recherchen anzustellen. Lange blieb ihr Suchen vergeblich. Endlich erblickten sie den Gesuchten tatsächlich, auf einer Bank sitzend, in tiefes Nachdenken versunken. Fräulein F. näherte fich ihrem Bräutigam von rückwärts und überraschte ihn mit einem Kuß. Professor Meißner wurde kreidebleich, er zitterte am ganzen Leibe. Aber bald faßte er sich- und den Bitten der Braut vermochte er nicht zu widerstehen. Er schloß sich den Damen an und erklärte sich von Herzen gern bereit, Fräulein F. die Hand zu reichen, wenn ihm Verzeihung gewährt werden würde. Sie wurde ihm denn auch zuteil. Kunst und Wissenschaft. — Der Reichskanzler an den Dichter. Der Reichskanzler hat, wie wir mitteilten, an den Dichter Detlev v. Lilien- cron zu dessen sechzigstem Geburtstag ein Telegramm gerichtet, in welchem er dem Poeten für die vielen Gaben seiner „schneidigen Muse" dankt. D. v. Liliencron ist bekanntlich der Verfasser der prächtigen „Adjutantenritte", der meisterlichsten Kriegsnovellen, die wir Deutsche besitzen. Das „Leipz. Tgbl." macht nun zu den Worten des Reichskanzlers ine treffende Bemerkung : Das klingt, als hätte Graf Bülow Liliencron mit dem Leutnant von Versewitz verwechselt, dem beliebten Mitarbeiter der Münchener „Jugend". Es war dem preußischen Ministerpräsidenten Vorbehalten, dieses große Wort zu finden, denn eine „schneidige Muse" hat die Welt noch nie gesehen. Wir beabsichtigen aber nicht, auf Kosten des Reichskanzlers irrtferen Witz zu üben. Die Angelegenheit hat auch eine ernste Seite. Die Minister sind mehr oder weniger stark in Anspruch genommen, und man kann wirklich von ihnen nicht verlangen, daß sie in- mitten einer. Fülle nicht immer angenehmer ernster Geschäfte auf Kommando Geistesfunken sprühen, wenn gerade ein Geburtstag, ein Jubiläum oder ein Kongreß es erfordert. So erklären sich die vielen Trivialitäten, die sonst Männer von Verstand und Geschmack säuerlich niederschreiben würden. Graf Bülow, der sicher der belesenste Kanzler ist, den Deutschland jemals hatte, sucht gern nach einer individuellen Note. Daß diese Note bisweilen eine Dissonanz hervorbringt, ist begreiflich. Man sollte irgend jemand ernennen, der nichts weiter zu tun hätte, als allerhöchste, höchste und hohe Kundgebungen in gutes Deutsch zu bringen und vielleicht gelegentlich einen hübschen Einfall zu produzieren. Sollte sich unter der Unmenge von Geheimräten kein einziger finden, der dieser Aufgabe gewachsen wäre? Schließlich gibt es außer der militärischen doch noch eine andere Art der Repräsentation: die g e i st i g e, und es ist nicht gerade angenehm, wenn unsere führenden Männer sich auf diesem Gebiete forttvährend Schlappen holen, die man leicht aufmutzen kann. In der einen oder anderen Form sollte jedenfalls solchen Entgleisungen vorgebeugt toerben. Als Graf Bülow sein Telegramm gedruckt las, ist er wahrscheinlich erst mit Schrecken gewahr geworden, wie banal das llang, was frisch Hingen sollte, und wie wenig es ihm gelungen ist, die Persönlichkeit Liliencrons zu charakterisieren. Wenn dieser mckts weiter wäre als „schneidig", dann wäre er verteufelt wenig, und wir glauben, daß gerade der Kanzler diese Eigenschaft, wo sie den einzigen Vorzug eines Mannes bildet, nicht allzu hoch einzuschätzen geneigt ist. ___ Universitäts-Nachrichten. — Kösener S. C. Der Kösener Korpsverband tritt in diesem Jahre in das 50. Jahr seines Bestehens. Er wurde im Jahre 1855 durch die Vereinigung der Korps von heben Universitäten gegründet: im Laufe des nächsten Dezenniums schloßen sich alle anderen S. C. an, sodaß schon lange vor der Gründung des Deutt'chen Reiches in dieser Weise ein einigendes Band unter den Deutschen bestand. Auf dem diesjährigen, vom herrlichste Pfingstwetter begünstigten Kongresse in Bad Kösen an der Saale wurde von 21 S. C. ein augenblicklicher Bestand von 2696 aktiven und inaktiven Korpssttidenten gemeldet. Der stärkste S. C. ist mit 273 Inaktiven und 209 Aktiven der zu München, dann folgt mit 141 und 109 Tübingen, mit 128 und 106 Heidelberg, mit 113 und 92 Bonn. Herichtsfaal. — Unglaubliche Sold aten schindereien. Die Unteroffiziere Wannack, Christant und Grigat wurden dieser Tage vor dem Kriegsgericht in P illau abgeurtellt. Der Vertteter der Anllage verlangte Ausschluß der Oefientlichkert, den aber das Kriegsgericht ablehnte. Hervorzuheben ist, daß bei den Vernehmungen die Zeugen anfangs überhaupt nichts wollten und erst nach Vorhaltung ihrer fiüheren Aussagen und strengen Hinweises auf die Bedeutung des Eides ihre Aussagen abgaben. Eines Abends, als schon ein Teil der Leute schlafen gegangen war, erhielten zwei Kanoniere von Grigat den Befehl, feder solle aus der Kanttne für fünf Pfennig Kautabak holen. Nach Ausführung dieses Befehls mußten sic auf der Stube in Gegenwart des Unteroffiziers den K a u t a b a k e s j e n. Wahrend sie mit dieser Mahlzeit beschäftigt waren, erschien Christant und sagte- Eßt mit Schmalz, das schmeckt bester!" und nahm aus dem Schranke des Kanoniers Barowsli Schmalz heraus. Natürlich würgten die Soldaten lange an dieser greulichen Speise, und da das dem Unteroffizier Wannack zu lange dauerte, so zog er mit den Warten: „Habt Ihr es noch nicht aufgcfreh en' , das Seitengewehr des Grigat aus der scheide verletzte erst dem Kanonier Jelschus mehrere Hiebe über den Rücken packte den Borowski am Genick, zog ihn über den Tisch und bearbeitete auer deshalb namentlich I Anfangs- u fand die außcrordcnt- th. Gießen, 8. des Schaaffhausenschen ab 1. Juli 1904 und ung- reise . 219.30 . 137.80 . 189.10 mäßig auf gegangen, das Grünst: werden, und nur selten gibt der De ft. Kredit . Deutsche Bank Tarinstädtcr Bank Bochumer Guß . liche Generalversamrnlung der Niederrheinischen, Kreditanstal t, Kommanditgesellschaft, Peters u. Co., statt. Dieselbe genehmigte den vorgelegten Fusionsvertrag mit dem A. Schaaffhausenschen Bankverein einstimmig ohne Widerspruch und ohne lange Erörterung. Für je 4200 Mk. Kommanditanteile der Niedcrrheinischen Kreditanstalt einschließlich der Dividendenkoupons per 1904 werden je 3000 Mk. neue Aktien r kann kaum alle " "braucht >lußkuv>e. 200.50 219.10 137.87 189.— 199.62 Harpencr Bergbau . . 199.70 Tendenz: Schwach. Krefeld, 8. Juni. Heute nachmittag Bankvereins mit Dividendenberechttgung 168 Mk. bar gewährt. Märkte. Juni. Der dieswöchige Viehmarkt aucy dielen derart mtt dem Deitengeweyr, daß der Geschlagene I vor Schmerzen laut aufschrie. Beide Opfer dieser brutalen Mißhandlung mußten sich am andern Morgen übergeben und der ' spürten infolge der Schläge auch noch am folgenden Tage! Schmerzen. ,Der Gerichtshof hat insgesamt auf fünf Mono Gefängnis gegen Wannack erkannt. Christant erhielt vier Woche- Mittelarrest, Grigat drei Monate Gefängnis. Von der Verhängung । der Dearadat'on W d"s Gericht ylbst^nd aenammen. hatte einen Vorrat von ca. 1250 Stück Großvieh, 300 Kälber und 700 Schweinen. Für Milchware fehlte es nicht an Käufern, die zahlreich vom Rhein, Main, von der Sieg und von den Badeplätzen an den Markt gekommen waren. Auch der Handel in Zuchtvieh, jüngeren Kuben war wohl infolge des großen Futterreichtums sehr gut. Die Preise für Kühe hielten sich auf der Höhe der letzten Märkte, nur schwere Tiere gingen hierüber hinaus. Fettvieh war wenig am Markt und ging nach Rheinland und Westfalen bei guten Preisen glatt ab. Fahrvieh war etwa in 25 Stücken vorhanden und ging schnell, zu teilweise recht guten Preisen fort. Der Kälbermarkt war weniger gut, und es war in dieser Ware nur ein Geschäft zu machen bei erheblich billigeren Preisen als sonst. Sehr wenig Handel brachte der Schweinemarkt. Die Landleute der Umgegend, welche auf unserem Markt ihren Bedarf decken, erhalten für die fette Ware so niedrigen Preis, daß die hohen Magervieh- resp. Jungviehpreise, welche die Händler fordern, in keinem Verhältnis stehen und mancher Landwirt daher lieber die Schweinemast einschränkt. So kam es denn gestern, daß der Vorrat nicht nur stark überständig blieb, sondern daß die Verkäufer bei dem Nachlaß, den sie gaben, nur um zu verkaufen, auch nichts verdienten. Es wurden bezahlt für Milchkühe 1. Qual. 440—500 Mk. (einzelne sehr schwere Exemplare noch darüber), 2. Qual. 350—400 Mk., 3. Qual. 260—300 Mk. per Stück. Gehandelt wurde per Zentner Schlachtgewicht: fette Rinder 1. Qual. 70—72 Mk., 2. Qual. 67—69 Mk., fette Kühe 1. Qual. 64—66 Mk., 2. Qual. 62—63 Mk., Kälber 1. Qual. 72—75 Mk., 2. Qual. 67—70 Mk., 3. Qual. 57—62 Mk. Gangochsen gingen das Paar ab je nach Güte zwischen 700—900 Mk. Das Paar junge Ferkel wurden untergebracht für 28—36 Mk., ältere für 40—50 Mk. Ueberständig blieben der halbe Bestand der Schweine, ältere Milchkühe und ältere fette Kühe, sowie ein Heiner Rest leichter Kälber. Nächste Martttage: am 28. und 29. Juni; am 2 9. Juni auch Krämermarkt. c£anbwirf|'(fißft. Aus Ober Hessen, 8. Juni. Infolge der günsst ien Witterung hat die Heuernte allenthalben ihren Anfang genommen. Das <>-ras steht überall, namentlich aber auf trock- ncren Lagen, so gut wie feit Jahren nicht. Auch alle anderen Feldfrüchte stehen ausgezeic'n.t Die Obstbäumc haben gut angesetzt, das Korn steht manns'och, die Kartoffeln find gleich- Vieh an Händler ober Metzger ab, woraus die hoh P für Schlachtvieh sich erHaren. Dlinde! und Verkehr. Volkswirtschaft Berliner Börse vom 8. Juni 1904. (Mitgeteilt von der Bank für Handel und Industrie, i . >s;en.) Privat-Diskont 2T/R Prozent. Eingesandt. (Für Form und Inhalt aller unter dieser Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.) Das Wohltätigkeitsfest zu Gunsten des roten Kreuzes in Darmstadt hat, wie man hört, dank der Qpfer- willigkeit des Publikums und der am Zustandekommen des Festes Mitwirkenben, die hübsche Summe von 2400 Mk. erbracht. Der Betrag soll, ebenso wie die in Darmstadt aufgebrachten bebeutenben Summen, bem russischen Zentral-Komitee überwiesen werden. Im Interesse der Humanität find wir mit dem Zweck der Spende gern einverstanden. Vielleicht erinnert man sich aber bei dieser Gelegenheit auch einmal daran, daß unsere deutschen Brüder — hörst Du, Michel? — in aufreibendem Kampfe, dessen Ende noch nicht zu ermessen ist, in Afrika sich verbluten und Hunderte von deutschen Witwen und Waisen dort im Elend sich befinden, deren Hab und Gut vernichtet und deren Gatten und Brüder ermordet worben sinb. Arminias. Meteorologische Beobachtungen der Station Gießen. Wetter 5 Juni 1904. ■'S' - 'S ■Z jO o — ~ e C"S 8. 225 742,9 21,2 9,2 05 Still. Sonnenschein 8. 93S 742,6 15,8 9,7 73 Still. Bew. -Simmel 9. 7»‘ 742,8 13,9 8,4 71 NE. 2 Bed. Himmel Höchste Temperatur am 7.—8. Juni — 4- 21,9u C. Niedrigste „ „ 7.-8. „ = + 9,80 C. Gießener landwirtschaftlicher Wetterdienst Voraussichtliche Witterung in Heften für Freitag, den 10. Juni 1904: Meist trüb, etwas kühler, Regensälle, besonders im Süden und Westen. Näheres durch die Gießener Wetterkarte. besten Inhaber der deutsche Kaiser tst, Kermpolich, ist hier cingetroffen, um dem Kaiser einen eisernen Ring, der f -i besonderen festlichen Gelegenheiten als Zeichen ehemaliger- cldentaten von den Offizieren des Regiments getragen wird, z:r liberreichen. Hannover, 9. Juni. Gestern abend wurde nach einer OLbe des Professors Dr. o. Hanstein die Gründung eines Vereins der nationalliberalen Jugend Hannovers beschloßen. 150 Mann traten sofort dem Vereine bei. Eisenach, 9. Juni. Die Kirchen-Konferenz sprach ihre ernstesten Bedenken hinsichtlich desAbweichen? einzelner Gemeinden und Geistlichen von der Kirchenordnung, betreffend den Einzelkelch bei der Abendmahls^ feier, aus. Antwerpen, 9. Juni. Eine furchtbare Feuersbrunst, welche in der Nähe der Asia-Bassins, wo sich die großen Depots befinden, ausbrach, greift mit großer Heftigkeit um sich, hauptsächlich unter den Vorräten einer Holzfirma. 91 o m, 9. Juni. Aus wohlunterrichteten Kreisen erfährt der Korrespondent der ^Germania", daß eine Besserung der Beziehungen Frankreichs zum Vatikan in Aussicht stehe. In nicht allzu ferner Zeit soll ein neuer Botschafter in Rom eintreffen. RunttuS Lorenzelli verbleibt bis auf weiteres auf seinem Posten. Budapest, 9. Juni. Die 15jährige Tochter deS Historikers und Archivars an der hiesigen Universität, Kan ky, hat sich aus unbekannter Ursache im Garten der Lehrerbildungsanstalt, erhängt. Budapest, 9. Juni. In der Kasse der Backer» gehilfen wurde ein Manko von 5000 Kronen entdeckt. Belgrad, 9. Juni. Die Regierung bestellte in Frankreich 80 Schnellfeuergeschütze und wird zur Bezahlung derselben bei der Ottomanbank in Paris eine Anleihe von 25 Millionen Francs aufnehmen. Newport, 9. Juni. Das Unterseebot Fulton blieb 12 Stunden 23 Min. unter Wasser. Es ist damit die Möglichkeit bewiesen, 300 Meilen untee See zurückzulegen. New-Pork, 8. Juni. Nach einem Telegramm aus Cripplecreek (Colorado) kam es in Dusenville bei Victor zu einem blutigen Zusammenstoß zwischen 200 vom Sheriff zur Aufrechterhaltung der Ordnung verwandten Leuten und 150 Bergarbeitern aus dem Cripplrcrek-Distrikt. Fünf unionistische Bergarbeiter wurden getötet, fünfzehn gefangen genommen. Den Bergarbeitern, die sich auf den umliegenden Hügeln verschanzt haben, wurde eine Menge Waffen und Munition abgenommen. Vom Kriege. Petersburg, 9. Juni. Aus Liaohang wird gemeldet: Der Angriff der Japaner gegen Port Arthur am 6. ds. geschah sowohl von der Landseite wie von der Seeseite, wurde aber mit großen Verlusten zurück- ge schlagen. Einer ihrer hervorragendsten Generale soll gefallen sein, was die Japaner sehr entmutige. London, 9. Juni. Die Great Northern Telegraphen- Company meldet, daß das Kabel zwischen Japan und Korea unterbrochen ist. Da dies die einzige Telegraphen-Linie ist, über die eine Nachricht von Port Arthur kommen kann, so wird angenommen, daß dort entscheidende Ereignisse vor sich gehen und daß die Japaner das Kabel erst wieder freigeben werden, wenn sie amtliche Berichte über das Resultat veröffentlichen könne, was, wie man glaubt, in zwei bis drei Tagen zu erwarten ist. — Eine Depesche der Central-News aus Tschifu besagt: Am Sonntag gegen Mitternacht griff die japanische Flotte, die aus 12 Schiffen bestand, Port Arthur an. Der Kampf wurde mehrere Male erneuert. Eine Anzahl Torpedoboots'zerstörer näherten sich dem Hafen, um Minen zu legen und Brander vorzuschicken. Montag morgen um 11 Uhr wurde das Bombardement wieder aufgenommen. Wien, 9. Juni Aus der hiesigen japanischen Gesandtschaft ist bisher keine Bestätigung des von London^ aus verbreiteten Gerüchts, daß Port Arthur gefallen und 10000 Tote und Ver wun dete zu beklagen seien, eingetroffen. Petersburg, 9. Juni. Der russische Kriegskorrespondent Dantschenko telegraphiert, daß die Japaner bei W a f a n g o am 3. Jimi den Rückzug auf Kintschau begoirrten haben, wo sie die Rassen anhalten wollen. Nach^ Mitteilung von Chinesen haben oie Japaner in dem Gefecht den Verlust des Generals Akkiama zu beklagen. London, 9. Juni. Dem „Globe^" wird aus Shanghai telegraphiert: Eine russische Brigade unter dem General Stackelberg sei Samstag von Japanern bei Wafung- tien geschlagen worden und habe sich nach Taschitschao zurückgezogen. Paris, 9. Juni. 25 japanische Transportschiffe stehen vor Talienwan in Erwartung der Fertigstellung einer neuen freien Einfahrt. — Aus Petersburg roirb gemeldet, daß zwei Regimenter Ural-Kosaken in Mulden eingetroffen sind und sofort Ki'ropatkin zur Verfügung gestellt wurden. Der koreanische Gouvernerir von Kawan, von welchem es hieß, er sei von einem Kosaken getötet, ist nur verwundet. Petersburg, 9. Juni. Gerüchte über eine neue Explosionskatastrophe im Hasen von Kronstadt sind unbegründet. Temperatur der Lahn und der Luft am 9. Juni 1904. Nach Recmrnur gemessen mittags zwischen 12 und 1 Uhr. Wasser 17°, Lust 20°. Albert Rübsamen. Neueste Melduinuu. Originaldrahtmcldungen des Gießener Anzeigers. R. B. Darmstadt, 9. Juni. (Eigener Drahtbericht). Es wird bestimmt versichert, daß der Selbstmörder Rotärmel auf dem Fußboden seiner Hastzelle mit Kreide noch eine längere Aufzeichnung machte, aufs Bestimmteste seine Unschuld beteuerte und die Urteile der Sachverständigen für falsch erklärte. Berlin, 9. Juni. Der neu ernannte Befehlshaber des österreichischen Infanterie-Regiments Nr. 34, Telephonischer Kursbericht. Frankfurt a. 51.. 9. Juni. 3’/2% Reichsanleihe . . 101.95 3% do. ... 90.15 3'/,o/g Konsole .... 101.95 3°/n do 90.10 Hessen .... 99.75 3'l,% Oberhessen . . . —.— 4% Oesterr. Goldrente . 100.80 4XIS% Oesterr. Silberrente 100.10 4% Ungar. Goldrente . . 99.25 40/. Italien. Rente , . . 103.20 4Vt% Portugieser , . . 60.95 30/ Portugiesen 60.00 1% C. Türken .... —.— Türkenlose 128.00 4% Griech. Monopol.-Anl. 47.00 4*/,% äussere Argentiner 4&50 3°/n Mexikaner .... 26.45 4,/2',/n Chinesen .... 87.55 Electric. Schuckert . . . 105.40 Nordd. Lloyd . . . . 101 40 Kreditaktien . . . , . 200.50 Diskonto-Kommandit. . . 186.40 Darmstädter Bank . . 137.70 Dresdener Bank .... 150.50 Berliner Handeleges. . . 152.40 Oesterr. 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