Nr. 289 Erscheint «glich mtt vrrSnahm« bei Sonntag». Dis »Siebten Samfflenbratter* werben beir ote-mc wöchentlich betgelegt Dc «MK b €W fr»' «schstn aumaUtch einmal Donnerstag, 8. Dezember 1904 154. Jahrg. «mb fUrt/cg Bet ’IntDcxttiöLSOrurteitt. 6L Bangt, Netzen, cRebaftton, <&£peMttoti u. Druckerei: GchuIfkr.A, Let. Nr. 6L T«t«^-Adr. t Üa-elg« Oistzs» Eeneral-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen. Parlamentarische Verhanvlunqen. SLachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet. Deutlcher Neickstag. ^07. Sitzung vom 7. Dezember * "hr. Tas Haus »st schwack besetzt. am Bundcsrats^isch: Frhr. von Stengel, von Einem, Stuebel, Kraetke, von Tirpitz u. a. Die erste Beratung des Etats und der beiden Militär- Vorlagen totrb fortgesetzt. Abg. Schrader (freif. Vgg.): Unser Etat weist auch in diesem ^ahre wieder ein Denzit auf. Um es zu decken, bleibt kein anderes Mittel übrig, als die Erhöhung der Matrikularbciträgc. Nun lagen aber die Regierungen, daß eine Erhöhung über den bisherigen Satz nicht mehr möglich ist. Ja, was soll denn geschehen? Wenn die kleinen„ Staaten eine Erhöhung der Matrikularbeiträge nicht ertragen können, dann müssen eben die großen und leistungsfähigen herangezogen werden. Die großen Bundesstaaten verstehen es ja auf alle mögliche Weise, sich Geld zu machen, insbesondere Preußen, das ja neuerdings als Mittel dazu es auch benutzt hat, die kleinen Staaten zu Lotteriegcmeinschaftcn zu zwingen. Wenn man neue Steuerprojekte erwägt, so können Tabak und Bier nicht in Frage kommen, um so mehr als ja auch schon einer der Mitregenten, wie „National-Zeitung" sagt, der Abg. Spahn sich dagegen erklärt hat. Neue Steuern vorzuschlagen, wird Sache der Regierung sein, vielleicht kommt ihr dabei aber der Abg. Müller- Fulda wieder zu Hilfe. Unsere Ausgaben wachsen ganz naturgemäß, so muß es denn aber auch bei den Einnahmen sein. Englands finanzielle^ Verhältnisse sind durch den kostspieligen südafrikanischen Krieg sehr wenig berührt worden. Warum? Weil man dort in Kriegsjahren in der Lage ist, die Steuern zu erhöben, weil man sie in Zeiten, wo kein Bedarf ist, wieder herabsetzt. Bei uns epistiert leider eine solche Quotisierung der Steuern nicht. Vom neuen Zolltarif erwarte ich nicht viel. Ich bin fest überzeugt, daß der Etat für 1906 noch schlechter sein wird, als der jetzige. Deshalb ist auch eine Reform der indirekten Steuern nötig, unb zwar nach derselben Richtung hin, wie bei der Zuckersteuer. Hier haben wir deutlich gesehen, daß die Ermäßigungen unZ sehr erhebliche Mehreinnahmen brachten. Wenn man also aus den indirekten Steuern höhere Einnahmen erzielen will, dann muß man sie nicht erhöben, sondern ermäßigen. Die Mittel- ftandSpolitik deS Zentrums und der Rechten hat bisher noch nicht die mindesten Erfolge gezeitigt und wird sie nie zeitigen können, weil bie. moderne industrielle Entwicklung sich durch künstliche Mittel nicht aufhalten läßt. Ein Hohn auf die Verkchrspolitik ist es, wie die Regierung jetzt in Preußen bei der Kanalvorlage den Agrariern entgegenkommt, dadurch, daß sie ein Schleppmonopol und so hohe Mgaoen einführt, daß gewisse Waren, deren Beförderung auf den Kanälen von den Agrariern nicht gewünscht wird, geradezu von dem Verkehr auf den neuen Wasserwegen ausgeschlossen werden. Sogar auf den natürlichen Wasserstraßen will man ja in Preußen Abgaben einführen. Das kann aber glücklicherweise nicht ohne Zustimmung des Reichstages geschehen, und jdj hoffe mit Sicherheit, daß diese versagt werden wird. (Im Hause herrscht so große Unruhe, daß der Redner fast unverständlich wird.) Was die Militärvorlage anlangt, so erinnere ich an die frühere Gewohnheit, Heeresverstär^lngen mit dem Hinweise auf die Rüstun^ gen der Nachbarstaaten zu begründen. Tas fällt jetzt weg, denn Frankreich ist schon seit langer Zeit nicht mehr im stände, ohne Zuhilfenahme minderwertigen Materials seine Armee zu vergrößern. Jedenfalls wird Deutschland, weil es an sich größer ist als Frankreich und einen stärkeren Bevölkerungszuwachs hat, stets einen Vorsprung behalten. Auch die russische Armee dürfte in ihrer gegenwärtigen Gestalt dem deutschen Heere nicht gewachsen sein. Diese Grunde für eine Verstärkung der Armee fallen also fort. Gleichwohl halte auch ich es für notwendig, daß unsere Armee mit ihrer Organisation stets auf der Höhe bleibt. In Bezug auf die Bewaffnung scheint im Hause kaum mehr ein Zweifel zu bestehen. Streitig bleibt höchstens die Frage der Vermehrung der Kavallerie. In dieser Beziehung muß ich sagen, daß die Deduktionen hier im Hause, die gegen die Kavallerie sich richten, mich nicht haben überzeugen können. Ich bin der Ansicht, daß sie auch in einem künftigen Kriege noch eine große Nolle spielen wird. (Der Reichskanzler betritt den Saal.) Redner kommt jetzt auf die Kolonialpolitik zu sprechen, ohne im einzelnen verständlich zu werden. Er betont, daß, wenn die Neuorganisation der Kolonialverwaltung, die der Reichskanzler in Aussicht stellte, schon früher durchgeführt worden wäre, daß dann der Krieg mit den Hereros leicht hätte vermieden werden können. Mit einer kurzen Betrachtung über die Handelspolitik schließt Redner, er wünscht, daß wir wenigstens zu neuen Handelsverträgen gelangen möchten, welche unserem Handel und Gewerbe zu einem lebhaften Aufschwünge verhelfen. (Beifall links.) Abg. v. EzarlinSki (Pole): Ich glaube, mit unserer Schuldcn- wirtschaft geht cs noch lange Zeit weiter. Wir zerbrechen uns aber nickt den Kopf darüber. Nur das eine sage ich Ihnen: indirekte Steuern bewilligen wir nicht mehr. Ter Massenverbrauch der armen Lciite ist genug belastet. Wer die neuen Ausgaben will, der soll auch für die neuen Einnahmen sorgen. Wir haben uns darum nicht zu kümmern, solange man uns mir Ausnahmegesetzen bedenkt. Man proklamiert gegen uns die Revolution von oben, „von Gesetzes wegen". Im preußischen ?lbgeordnetenhausc haben sie ein Gesetz angenommen, das unserer Verfassung Hohn spricht. Man verbietet den Polen die Ansiedelung. Freilich, der Erwerb von Grund und Boden wird ihnen nicht untersagt. Aber was soll denn die Farce, daß man Grund und Boden besitzen, ihn aber nicht benutzen darf? Ter polnische Bauernsohn wird dadurch zwangsweise prolctarisrert. Na, viel Freude werden Sie an dieser Gcsetzcs- lnacherci nicht erleben! Selbst der Minister von Hammerstein in nicht im stände, das Nationalgefühl der Polen wegzupusten. In keinem Zeitalter, in keinem Lande der Erde hat man es gewagt, auf solch gewaltsame Weise vorzngehen, mir so vergifteten Waffen zu kämpfen. Vor zwei Jahren bat der Kaiser im Stadthause in Posen den Polen die Wahrung ihrer Stammescigenschaftcn zugesagt. Leisten seine Beamten ihm Folge? Ungesäumt und ohne Zaudern tun sic das Gegenteil von dem, was der Kaiser befoblen. In kindischer Weise ändert man die Familiennamen. Tie unnatürliche, verkehrte Aussprache und Verdrehung der polnischen Namen, der Ausdruck „Pana Czarlinski" statt „Pana Czarlinska", all das klingt einem polnischen Ohre so, als wenn man mit einem scharfen Messer über Porzellan fährt oder als wenn man ein Stück Tuch entzweireißt. Und dann diese Verdeutschung der Ortsnamen! Sie sagen: die Franzos"ii lagen „Nice" und nicht „Nizza". Ja, aber das qt doch noch nicht dasselbe, wie wenn man statt „Jablonowo" „Bülow- Hausen" oder statt „Jnowrazlaw" „Hoheusalza" sagt! Der letzte Nest des polnischen Religionsunterrichts wird ausgemerzt, und gegen die Polen wird ein Militärbovkott ins Werk gesetzt. Und da sollen die Polen „gute Deutsche" werden? Die Militärvorlage lehnen meine Freunde ab. Wir haben die unausgesetzten Rüstungen satt. Weshalb immer gegen den Nachbar rüsten? Den Polen hat man alles genommen, man spottet des Satzes: „Justitia est fundamentum regnoruml". Mag der Bundesrat dafür sorgen, daß den Polen ihr Recht gegeben wird. Geschieht das nicht, so werden wir unsere Pflichten als Staats-! bürger zwar noch wie vor erfüllen, aber auf irgend welche politischen Konzessionen lassen wir uns nicht ein. (Lebhafter Beifall bei den Polen.) Abg. Hilpert lbahr. Bauernbund) bleibt vorwiegend unverständlich, dürfte sich aber in kleinbäuerlich-agrarischem Sinne äußern. Von der Militärvorlage scheint er die zweijährige Dienstzeit annehmen, die Erhöhung der Präsenzstärke aber ablehnen zu wollen; je mehr Soldaten desto mehr junge Leute würden vom Land in di" Städte gelockt, wo sie sich amüsieren und bann nicht mehr zurückkehren wollen. Abg. Dr. Stockmann (Np.): Herr Spahn hat es sich nicht versagen können, toieber Paritätsbeschwerden vorzubringen. Ich glaube, das war wohl nicht nötig. Ebensowenig brauchte Herr Bebel den Freiherrn von Mirbach in die Debatte zu ziehen. Tie Sache ist im preußischen Abgeordnetenhause zur Genüge geklärt worden. Es ist dort festgestellt worden, daß Freiherr von Mirbach in uneigennnützigster Weise gehandelt hat, und die evangelische Kirche wird ihm stets danken, lr>as er Zur Beseitigung der Kirchen- not getan hat. (Zuruf links: Nicht aus eigenen Mitteln! Heiterkeit.) Daß er dies nicht aus eigenen Mitteln getan hat, ist mir wohl bekannr Er hat aber dafür gesammelt. Wenn Herr Bebel den Vorwurf der Heuchelei erhoben hat, so trifft dieser Vorwurf eine Partei, die mit uns die große Not in den geringen Klassen kennt und trotzdem die großen Mittel, die ihr aus freiwilligen und unfreiwilligen Arbeitergroschen in so reichlichem Matze zusließen, nur verwendet, um Unzufriedenheit zu erregen und für ihre Parteigänger Sinekuren zu schaffen. (Lachen bei den Soz.) Noch ein Wort über unsere Kolonialpolitik! Man darf doch nicht vergessen, daß es etwas ganz anderes ist, ob wir es mit einem Feind in Europa zu tui haben od"r mit emem Feind, mit der Kampfesweisc der Eingeborenen Afrikas. Die Behandlung der Eingeborenen in Afrika war eine durchaus falsche, sic sind dadurch zu der Ansicht erzogen worden, daß wir ihnen gegenüber nicht mehr die Herren sind. Ich verzichte, näher darauf einzugehen, da ja der Kanzler zugegeben hat, daß Fehler gemacht sind. Es war ein Fehler, daß die Verb. Negierungen nicht größere Mittel für die Kolonien gefordert haben, ebenso wie es ein Fehler war. daß der Reichstag durch seine übertriebene Sparsamkeit die Regierung von größeren Forderungen abgeschreckt hat Aber auch etwas gut^s hat der Aufstand gezeitigt, das Kolonial-Jnteresse ist dadurch geweckt und die Organisation unserer Kolonialverwaltung wird eine bessere werden. Erfreulich ist die Einstellung einer Entschädigung für die Farmer in Südwestafrika in den Etat. Soll aus den Kolonien etwas werden, so müssen wir uns die alten erfahrenen Farmer zu erhalten suchen. WaL die Frage der Auswanderung betrifft, so haben wir ja nicht viel Kolonien, die Auswanderungszwecken dienen können, ei kommen neben Südwestafrika nur einige Teile von Ostafrika in Betracht. Ter Abg Bebel verkennt vollkommen die Bedeutung der Kolonien, das beweisen seine Aeußerungen über Kiautschou. Ich hoffe, daß Kiautschou für uns noch einmal das wird, was Hongkong für die Engländer ist. Ich schließe mit dem Wunsche, daß tyir dazu gelangen mögen, unsere Kolonien immer mehr zu entwickeln zum Segen des Vaterlandes. (Beifall rechts.) Abg. Zimmermann (Antis.): Die Art und Weise, wie Frhr. v. Mirbach die Gelder aufbrachte, war jüdisch (Heiterkeit), so jüdisch, daß selbst die jüdischen Bankiers davor einen Schrecken bekamen. (Heiterkeit.) Solche Skandalfälle sind Wasser auf die Mühle der Sozialdemokratie. Tie Aenßerung von Herrn Bebel, es scheine, daß das Tcutsche Reich ein Freudenhaus sei, trifft in gewissem Sinne zu; von Feierlichkeiten, Tenkmalsenthüllungen u. dgl. haben wir des Guten fast zu viel, unsere Minister sind dadurch so sehr in Anspruch genommen, daß sie nicht einmal Zeit haben, Handwerker zu empfangen. Ist Deutschland ein Freudenhaus, so ist der Reichstag jedesmal, wenn der Etat kommt, ein Klagehaus. Um ans der Finanzklemme zu kommen, ist die Einführung einer progressiven Einkommenssteuer nötig. Ter Militärvorlage stehen wir snmpathisch gegenüber, über die Deckung der Kosten werden wir noch reden. Auf die auswärtige Politik will ich nicht eingehen, sondern nur mein Bedauern darüber ausdrücken, daß der Kanzler sich von einem Journalisten wie Bashsord interviewen läßt. Der Reichskanzler, der es so eilig batte, das englische Volk zu beruhigen, läßt sich Zeit, wenn es gilt, das deuts ch c Volk zu beruhigen. Ich vermisse in unserer auswärtigen Politik den großen Zug, wir sind durch Bismarck verwöhnt, dann freilich sind wir mit eiskaltem Wasser übergossen. Für den Mittelstand geschieht zu wenig. Für das artigen Kinder des Mittelstandes, der das festeste Bollwerk der Monarchie bildet, wird nichts getan, die unartigen Kinder der Sozialdemokratie verzieht die Negierung. Noch immer leiden wir an den Nachwirkungen der falschen liberalen Gesetze. Die Regierung muß sich endlich auf ihre Aufgaben besinnen, gegenüber der roten und der goldenen Internationalen den Mittelstand zusammen- zuschlicßcn. Siegt die rote und goldene Internationale, dann ist das Jahr 1870 und 1871 nur das letzte Aufflackcrn eines Abendrots gewesen. Es muß jetzt heißen: Reichskanzler, gehe Du voran! Abg. Storz (Tcutsche Vp.): Tic einzige Möglichkeit, ans der schlechten Finanzlage herauszukommen, besteht in der Einsührung direkter Steuern. Tie neue Militärvorlage können wir nicht bewilligen, wir können die Forderungen mit ruhigem Gewissen ablehnen; denn eS kommt nicht sowohl aus die Zahl der Soldaten, als auf den Geist an, von dem die Armee beseelt ist. Tic harten Urteile von Militärgerichten, wie sie in den letzten Tagen ergangen sind, zeugen von mangelndem Verständnis der Richter. So ist in dem Prozeß in Dessau vollkommen übersehen, daß auch das Mili- tärstrafgesetz den Begriff der Notlvehr kennt. (Sehr richtig! links.) Hoffenlich wird eine höhere Instanz dieses Urteil aufheben. Völlig unnötig ist eine Vermehrung der Kavallerie; der Aufklärungsdicnst geschieht viel besser durch Automobile und Ballons. Die Kanalpolitik sollte statt in Preußen im Reich gemacht werden. Redner hält dazu ein Reichswassergesetz für notwendig. Sodann kommt Rcdmr auf das Telegramm des Neichstagspräsi- benten an den Kaiser zu sprechen und bemerkt: Ich freue mich, daß der Präsident wieder so Wohl und gesund hier ist. Nach dem Telegramm zu urteilen, mußten wir glauben, daß er „erstorben" ist. Präsident Graf Balleftrem: Einen Akt des Präsidenten, den er als solcher während der Ferien vollzogen hat, zu kritisieren, steht einem einzelnen Abgeordneten nicht zu. Glaubt ein Abgeordneter, daß Der Präsident bei irgend einer Gelegenheit nicht richtig gehandelt hat, so möge er einen Antrag beim Hause ein- bringen, daß es dem Präsidenten einen Tadel ausspricht. Nur das Haus steht über den Präsidenten. (Lebh. Beifall rechts.) Ich bitte, in dieser Sache nicht fortzufahren. Abg. Stsrz tritt zum Schluß seiner Rede dafür ein, daß Elsaß-Lothringen beschließende Stimmen im Bundesrat bekommt und bemerkt, daß die Sozialdemokratie durch eine Beschränkung des Wahlrechts nicht bekämpft werden könne, dadurch I werde sie nur gestärkt. Abg. Singer (zur Geschäftsordnung): Die Auffassung, die der । Präsident eben kund gegeben hat, daß tin Abgeordneter nicht das i Recht habe, hier eine Handlung des Präsidenten in den Bereich ! seiner Besprechung zu ziehen, deckt sich nach der Ansicht meiner i Freunde nicht mit der Geschäftsordnung. Präsident Graf Balleftrem: Es ist mir sehr wertvoll gewesen, die Auffassung des Herrn Singer kennen zu lernen; die meinige ist es nicht, und die meinige ist vor der Hand hier maßgebend. (Heiterkeit und Beifall rechts.) Hierauf vertagt das Haus die weitere Beratung auf F r c i r a g 1 Uhr. Schluß 5 Uhr. NttchLgcsccht. (Aus dem Briefe eines russischen Offiziers.) Tajaneltun 21. Dft./3. Nov. 1904. Am vorigen Sonntag zogen vom Morgen bis zum Abend Truppen und Trains durch das Dorf Tajaneltun, das am rückwärtigen Abhang unserer Stellung liegt. Ob das die Japaner von ihrem Fesselballon beobachtet oder ob um Geld stets willfährige Chinesen es ihnen gemeldet hatten — jedenfalls wurde das ganze Tal mit Schrapnels und Granaten überschüttet. Trotzdem behielt das Leben in den Erdwerten — beide Armeen haben sich in meilenweiter Front eingegraben — seinen gewöhnlichen Anblick. In chinesische wattierte Jacken und Kassians gehüllt, schliefen die Mannschaften auf den mit Kanliangstroh bedeckten Wallgängen und Pritschen. Beim Einbruch der Dunkelheit aber wurde gegessen, dann ging es an die Arbeit, an das Vertiefen der Laufgräben, an das Aufklären vor der Front. c _ Ich übernachtete zum Montag bei meinem Kameraden K. Kapitonowitsch in Tajaneltun in einer Bauernhütte, deren Dach nicht aus Ziegeln, sondern aus Kauliangbündeln bestand; eine Zimmerdecke war nicht darunter und jo blinzelte der Mond ^durch die Ritzen und erfüllte unsere Umgebung mit dämmerigem Schimmer. Aus dem Papierfenster zeichnete sich der flickernde Schatten der Tamariske auf dem Hose ab. Man hing seinen Gedanken nach und konnte nicht recht schlafen, obgleich es sich auf dem warmen Hang, dem flachen chinesischen Ofen, ganz behaglich lag. Aus einmal irgendwo in der Ferne ein dumpfer f 1)1. g: Bum! dinc Sekunde jpater hörte man es auf der ganzen Linie krachen, dazwijchen knatterte das Kleingewehrfeuer. „Schon wieder!" böhnte mein Kangnachbar und zog sich die Decke ü.er den Kopf. , Und wenn lie in die Hütte hü: einschießen, ich steh nicht auf. schlafen will ich!" m r Al f A Schon mahnte der Bursche: „Der Herr General sind cuil> aufgeftanben!" Aber ein Knurren war die einzige Antwort. Ich ging hinaus. Cr> luiir kalt draußen, und im sahien Mrnd- licht erschien alles um uns herum noch csiaantischer und finsterer. Ter Lärm hatte UNS g.t"..i t, Gest t spielte sich drei Werst weiter ab, am Torse Huanschun und dahinter. Ein wundervoller Anblick so aus der Ferne: am dunklen Himmel blitzten überall, weil die japanischen Batterien nachts nur Salven schießen, in feurigen Buketts die Schrapnels auf und aus den Mörsern sah man direkt die Feuergarbe emporschießen. Ich ging hinüber zum Njcjhinskij-Negiment. Es war geradezu ein beklemmendes Gefühl, sich den totenstillen Linien zu nähern. Unsere Jnfan^ terie jchoß noch nichit. Älls ich au kam, sah ich allerdings, daß nicht etwa alles verlassen war. Tie Mannschaften standen Kopf an Kopf hinter der Brustüvehr und starrten angestrengt in das Vorgelände: auf dem nächsten Hügelkamm erschienen verschwommen im duftigen Mondlicht, dunkle Ketten japanischen Fußvolks. „Bataillon — Feuer!" Unsere Salve krachte, die Tausende kleiner Geschosse pfiffen durch die Luft, in der Ferne erstarb das Summen, der Bleihagel jchlug an die Erde, an die Bäume, durch die Kaulianggarben^ — vielleicht ' auch durch menjchllche Leiber. Man sah jedenfalls inchts. Tak, toi, tak, trrr, ging jetzt drüben bei den Japanern das Schnellfeuer los und sie sandten auch ihre Schrapnelfalven hierher, wo fie in langer Kette das Aufblitzen unserer Schüsse gesehen hatten. „Bataillon — Feuer!" Unsere zweite Salve, ein einziger gewaliiger Schlag! Das Feuern der japanischen Schützenlinie ist inzlvischen auch unserer Artillerie unter General Wassiljew sichtbar geworden. Tie Leute hatten dort auch schon längst nicht mehr geschlafen und saßen in den Mannfchaftsunterstanden bereit, in jedem Augenblick an die Geschütze zu eilen. Tie Batteriechefs verglichen mit der Uhr in der Hand deu Zeitunterschied zlvischen Feuererscheinung und Knall biim Feinde, um darnach die Enlfernung zu schätzen. „Aufsatz ‘JO! Brennzünder!" Aus allen Erdwerken stürzten die Mannschasteic hervor, in dem wunder.i .Jen Ansage, i ' chrca l-n: ' KaftanS, mit chinesischen Filzhütchen auf dem Kopf. „Ter Reihe nach! Zwei Patronen \" klang irgendwo von oben her aus der Finsternis heraus das Kommando. In gemessenen Zwischenräumen krachten die Geschütze, indem sie schnell ihre Zungen aus dem Maul streckten: die Geschosse heulten und stöhnten auf ihrem Fluge durch die Nacht. Ebenso antwortete der Feind. Solch ein Nachtgefechit hat meist nur ein minimales Ergebnis, und ist. praktisch betrachtet, Munitionsverschwendung. Aber, wie immer, konnte ich auch hier den großen moralischen Eindruck eines solchen nächtlichen Kampfes beobachteiu Es ist, als wenn zwei in einem Zimmer mit verbundenen Augen Eingeschlossene aus einander schießen. Der Feind gelangte nicht bis an unsere Linie heran. Ter Angriff war abgeschlagen. Hin und wieder brummte noch eine Kanone. Das war aber nur noch ein unverlangtes Draufgeld. Bind war alles still. Noch slauden die Jrr- fauteristeu hinter der Brustwehr, die Kanoniere an ihren Geschützen, aber die Ebene dem Femde zu war wie ausgeslorben. Aus irgend einem Torf her klang durch die ruhige Nacht das Gebell eine» Hundes. Man konnte sich in dem tiefsten Frieden in mijcrer Steppe versetzt glauben. Ich kehrte in mein Häuschen zurück. Mein>»vackerer K. Kapitonowitfch schlief fest. Er hat sich an allen Särm schon längst gewöhnt. Tas Licht, das ich angezündet, mar heranter- gebrannt und ging aus; als ich wieder auf dem Kang lag, sah ich noch lange das glimmende Pünktchen deö Dochtes. Als ich aufwachte, stand die Sonne hoch am Himmel. Auf dem Hofe drofch mein Quartierwirt Kauliang und sein Eselchen bradtfe neue Garben herein. Ich ging auf die Höhe. In den todrillmn- gräbt* n schlief alles. Au cd bei den Japanern luar es still. Aus lauge ^lainfolonueii, und in der ebene zwischen beiden Heeren gingen die chinesischen Zauern friedlich ihrer gewohnten Arbeit aut dem. Acker nach . . . rsqnrg; an aaqiu® er? er? N HrptzSLStznv ü) (piptp UOjßl)3W an *lß‘W c c D uao|J ■3CU(pS) an c C vD C « G? X o » an CT c vO an CT CD C o CT) CT) CT CT) an ct vJa* an CT CT CT C ff CD CT C CT 2 o an CD CT) "ct CT CT? >b o CT « £ CT o H CT et CD CT K *CT 2* » CT TM CT iCT o 2 CD »D CT CT) CD O & -CT g CT £ o CT» U O -=> B o> •*5 O e# p g S £ CT av CT CT2 CTT CT — &3 js an CT CT. M> ff tu CT- CT CT «“* ~ an CT ~ i— 6» .«-* ff O ÜL J-* 'Z ° 6*9 ,' an CT '- CT CT "CT Sfc-Z *— CT CT t£O CT ud(pdid| mwH A « o CT CT WS g X o D o ff ° Ld 2 CT CT ___ oi S «»’S rqu»H otpiaoicu ZvD *° •CT" an ^CT ct an 'n. ’ß* O O CT® CT <- •_> CT7 .«*, tu C _____ ^r? « ‘c’ D CT 0 o "CT s C ff V Ä C2 " cn«2- s - W 'S s c? . O l> CT — an e •u tu £ CT CT) X) g.2 u o lt7 CT) - — CT) CT Z ö uslpsaqsD oasqu^ o p ________CT) TD -« . 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