Nr. S88 Mittwoch, 7. Dezember 1904 Erscheint Ntgllch mtt VuSmchm» bet Sonntag». Di» »Siebener LamMevdlütter- werd« den r9bqei/u ohrmc wöchentlich beige!egt. De wWM b UMi te» * erschein momrMch einmal Gießener Anzeiger 154. Jahrg. fftetflthmflmttf mA vertag der VnShk'ßchM UxitxxeMttoDMtttd. 8L SaagO, Gtetze» Redaktion.Exvedttton «.Druckerei; Vchulftr.I. Lei. Nr. 6L Lelegr^Ldr.! Äa-etg« Vtetz« General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Sieben. Ich wende mich jetzt den Mitteln zu, die dazu dienen sollen, die Machtstellung des deutschen Voltes aufred-i- zu erhalten. IL yabe umsomehr dazu Anlatz, als wir ja ^ad;t werden, in einer neuen Militärvorlage Mittel hierfür zur Verfügung zu stellen. Insbesondere begrüßen wir die Vermehrung des Ausbildungspersonals. Wir erkennen an, daß sie erforderlich ist, schon um in noch höherem Maße den Soldatemniß- handlungen vorzubeugen, denn überlastete Unteroffiziere geraten leicht in einen Zustand der Nervosität, in dem sie sich nicht mehr beherrschen können. Wir bestreiten aber entschieden, daß cm verrohender Einfluß seitens des Militärs auf andere Bcvölkcrungs- klasscn Platz greife; im Gegenteil, im großen und ganzen sind diejenigen, die eine militärische Ausbildung genossen haben, stolz darauf und erinnern sich mit Vergnügen ihrer Soldatenzcit. Man muß aber dafür sorgen, daß Mißhandlungen möglichst^ausgerottet werden. Sehr zu denken gibt die kolossale Höhe der Strafen, die in dem ftrvtfcurger und D e ff a u er Prozeß die Richter gegen ihren eigenen Willen zu verhängen sich genötigt sahen. Man kann daraus den Schluß ziehen, daß eine Reform des Militär st r a f g e s e tz b u ch e s notwendig ist. Den beiden M t - litärvoclagen stehen wir freundlich gegenüber, auch der geforderten Erhöhung der Kavallerie. Durch die jetzt vorgeschlagene gesetzliche Festlegung der zweijährig e n T i e n st z e i t wird nur bestätigt, was wir immer gesagt haben, sie werde, nachdem sie einmal eingeführt ist, auch nicht mehr zurückgcnommen werden. Auf Die Marineforderungen brauche ich nicht einzugehcn, da sie sich durchaus im Rahmen des Flottengesetzes bewegen. Bezüglich des Herero- f e l d z u g e s konnten wir die Höbe der entstehenden Kosten nicht voraussehen, es wird also notwendig sein, das; auch die Gründe für den Aufstand in der Kommission ausführlich dargclegt werden. Nachdem der Aufstand einmal ausgebrochen ist, muß er auch niedergeworfen werden. Tas verlangt die deutsche Ehre und die Rücksicht auf die Ansiedler. Wir werden uns den Ansiedlern gegenüber, wenn es sich um ihre Entsdxidigung handelt, aud) nicht zu sehr auf den krassen Rechtsstandpunkt stellen dürfen, sondern eine weitgehende moralische Verpflichtung des Reiches ihnen gegenüber anerkennen. Wenn rechtzeitig für Vcrkehrsverbesserungen gesorgt worden wäre, wenn man be^ Zeiten die Bahn gebaut hätte, dann würde der Aufstand voraussickstlich keinen so großen Umfang angenommen haben. Ich kann der Mehrheit des Reichstages den Vorwurf nicht ersparen, daß sie sich zu viel Zelt genommen hat, den durchaus nöligen Bahnbau zu bewilligen. Für ganz recht halte ich es. daß der Reichskanzler sagte: Wir wolleii in eine ernste Prüfung eintreten, ob die Kolonialvcrwaltung nöd) weiter in ihrer jetzigen Organisation fortbestehen soll. Ich hoffe, daß man zi' dem Schluß kommt, daß man, wenn man überhaupt Kolonien haben will, auch etwas dafür tun muß. Die Achtung vor unseren Truppen und Ansiedlern tit bei uns so groß, wie man cs sich nur denken ferm. (Beifall bei den Nat.-Lib.) Für die Einführung von Diäten habe ich mich bereits im vorigen Jahre ausgesprochen. Die Gründe, die wir heute dafür anführen können, sind wesentlich die gleichen geblieben. Wir sehen, daß mehr und mehr einzelne Parteien ihren Abgeordneten Anwesenheitsgelder geben, daß dadurch ein Abhängigkeitsgefühl von der Parteileitung herbeigeführt wird, das durchaus verwerflich ist. Dieser Gefahr können wir nur dadurch begegnen, daß wir selbst Anwesenbeitsgelder geben, um geeignete Personen, die nicht die nötigen Mittel Haven, in den Stand zu setzen, daß sie ein Mandat annehmen können. Bedauerlid) ist es, daß cs iid) in dem Königsberger Prozeß herausgcstcllt hat, daß preußische Behörden nicht genau die Gesetze des Auslandes kannten. Ich stimme aber vollständig dem Reichskanzler zu, wenn er gestern mit großer Energie betont hat, daß es cm Mangel an Verständnis für das, was not tut, ist, wenn hier Versuche gemacht werden, schlechte Bc- ziefiuiiaen zwischen Deutschland und Rußland herzustellen. . Ich möchte mir die Frage erlauben, ob wir schon in den n ä ch - sten Lagen die Handelsverträge vorgelegt bekommen. Ich hoffe, bah die Absicht erreicht wird, welche wir bei der Durchsetzung des Zolltarifs gegen die rücksichtslose Ob- strilktion hatten (Lachen bei den Soz.), nämlich daß auf Grund des Zolltarifs neue Handelsverträge abgeschlossen werden können, welche der Interessen der verschiedenen Bevölkerungsschichten in gleicher Weis- gerecht werden; welche einen besseren Schutz der Landwirtschaft her beiführen, aber auch dem Export der deutschen Industrieprodukle förderlich sind. Wir sind der Meinung, daß wir für das Wohl des Volkes sorgen, wenn wir einen Ausgleich der Interessen der verschiedenen Bevölkerungsgruppen anstreben, nicht aber Die eine Gruppe gegen die anderen rücksichtslos aufeinanderhetzen. (Beifall.) werden! Stellen Sie sich doch nur die großen Landstriche vor. Wie will Graf Bülow es möglid) machen, allen Schwarzen die Feuerwaffen aus der Hand zu nehmen? Das ist ja doch vollständig ausgeschlossen. Und dann: wie wird Denn in unseren Kolonien gewirtschaftet? Was ordnet nicht alles unsere Kolonialverwaltung an? Hierüber wäre eine Denkschrift sehr am Platze. Dtan spricht jetzt in kolonialen Kreisen allen Ernstes von einem zu erlasienden Eheverbot für Die Weißen mit den Schwarzen. Man will also das Ebenbürtigkeitsprinzip auch nach Den Kolonien verpflanzen. (Heiterkeit.) So führen wir unsere „Kulturmission" durch! Ich denk?, wir würden unserer Kulturmission in Wahrhesi genügen, wenn wir lernen würden, uns nach Der Decke zu strecken und in unseren Aspirationen nicht über das hinausgehen, waS wir leisten können Mit Der Haltung des Reichskanzlers gegenüber den ostasiatischen Wirren sind wir einverstanden. Wir wollen den Boden strengster Neutralität nicht verlassen. Weder in Ostasien, noch irgendwo in Lippe. Erwünscht wäre es, wenn in die Telcgraphenl"itungen solche Widerstände eingesetzt würden, daß Telegramme nicht früher ankommen, ehe sie offiziell interpretiert sind. (Heiterkeit.) Die Beilegung des russisch-englischen Konflikts ist von allen FreunDen Des Völkerfriedens mit Freuden begrüßr worden, ebenso die dadurch bewirkte größere Anerkennung des schiedsgerichtlichen Verfahrens. Auch die Botschaft des Präsidenten Roosevelt, die ein neues Haager Schiedsgericht cinberuft, begrüßen wir mit dem gleichen Gefühl. Dieser Weg füht zum Völkerfrieden, sicherer, als Der Der Weltrüstungen. Jetzt sollen wir roicDer eine neue Erhöhung Der FrieDenspräsenzstärke bewilligen. In Den Motiven Der Militärvorlage wird gesagt, Daß Frankreich trotz seiner um 20 Millionen geringeren Einwohnerzahl in der Zahl der Streiter, die es ins Feld stellen kann, uns überflügelt habe. Das muß ick aber auf Das entschiedenste in Abrete stellen. Die Zahlen ergeben ein ganz anderes Bild. Den Beweis für Die Notwendigkeit der neuen Militärvorlage fiat Herr von Einem überhaupt nur sehr kursorisch geführt. Die Mehrausgaben für Die Neubewaffnung einzelner Truppenteile sind wir schließlich bereit, zu bewilligen, wenn Sie uns nachweisen, daß dis neuen Geschütze Den alten so weit überlegen sind. Um so mehr müssen wir aber genau Prüfer!, ob auch eine Erhöhung der Truppen- Pariamenlarifche Verhansrunffen. Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet. Deutscher Reichstag. 106. Sitzung vom 6. Dezember, 1 Uhr. Das Haus ist schwach besetzt. , Am Bun Desratstische : Graf v. Bülow, von Einem, Graf Posadowsty, v. Tirpitz, Frhr. von R i ch t h o f e n , Frhr. v. Stengel, Stuebel, Krätke. Die erste Beratung des Etats und der beiden Militärborlagen wird fortgesetzt. Dbg. Frhr. von Richthofen-Damsdorf (kons.): Nach der hoch- bedeurfamen Rede Des Reichskanzlers will ich mich lediglich auf geschäftliche Ausführungen beschränken. Die Militärvorlage wird dann später von einen meiner Freunde behandelt werden. Ich werde.Deute Darauf nicht eingehen. Wenn wir einen lieberfdilag über Den Etat machen unD Die Mattikularbeiträge dem Anleihebedarf hinzurechnen, so kommen wir auf ein Defizit von rund 500 Millionen Mk. Es ist also unbedingt notwendig, daß neue Einnahmequellen erschlossen werden. Unsere Sad)c ist es aber nicht, mit neuen Projekten zu kommen. Das mag das Neichsschatzamt tun. Wenn es uns eine Vorlage bringt, so werden wir sie sorgfältig prüfen. Wie steht es übrigens mir der Wehrsteuer? Wir haben ja im vergangenen Jahre eine dahingehende Resolution angenommen. Was hat der Bundesrat damit gemacht? Die Handelsverträge werden hoffentlich in einer Weise zu stände kommen, daß wir ihnen freudig zustimmen können. Tie Meistbegünsrigung findet Dabei hoffentlich ihr definitives Ende. (Zustimmung rechts.) Tie Notwendigkeit der Finanzreform bezweifelt wohl niemand mehr. Wir müssen uns Der größten Sparsamkeit befleißigen — Darin stimme ich dem Zentrumsredner bei —; aber die notwendigen Ausgaben Dürfen wir deshalb nicht unterlassen, da lassen wir uns auch nichts abknapsen. Daß dauernde Ausgaben, wie die zur Neubewaffnung des Heeres, durch eine Anleihe gedeckt, auf das Extraordinarium übernommen werden, damit können wir uns nicht einverstanden erklären. Das halten Abg. Dr. Müttcr-Sagan ffreif. Vp., schwer verständlich. Da er Der Tribüne Den Rücken zukehrt): Tie Art, wie sich Der Kanzler gestern über die Diäte nftagc geäußert hat, erinnerte mich an ein Couplet von Schmasow, Das man jetzt in Varietes hört. Wenn Der Kaiser in Breslau Den Wunsch nach Dem schlichten Mann aus Der Werkstatt ausgesprochen hat, so hätte es Doch für Den Kanzler nahe gelegen, sich zu fragen, wie Der schlichte Mann ohne Tiätcn ein Mandat ausüben kann. (Sehr gut! bei Den Freis.) Das eine steht fest, Daß Der Kanzler sich heute ablehnender als je zu Den Tiätcn verbält. Wir wollen Doch Die Diäten nicht in unserem Interesse haben, fonDcrn aus allgemeinen Erwägungen heraus. Mit Dem Abg. Bebel bin ich Der Meinung, Daß Der Reichstag wegen Der Vorfälle in Südwest-Afrika früher hätte cinbcrufcu werden müssen. Wenn cs sich um hunderte von Millionen handelt, muß Der Reichstag einberufen werden, zumal Da ein ganz anderes System in Afrika Platz gegriffen hatte. Alle Tage gehen neue Truppen nach Dem Kricasscbauplatz ab. Zunächst müssen wir reinen Tisch schaffen mit Den Aufwendungen für Südwestafrika, sonst kommen wir mit Dem Etat überhaupt nicht in OrDnung. Dieser Etat war ja schon antiquiert, als er publiziert wurDe. Mein» politischen Freunde haben bisher Zurückhaltung geübt gegenüber Den Forderungen zur Niederwerfung Des Aufstandes, wir haben auch heute keine Veranlassung, Die tapfern Offiziere und Mannschaften zu kritisieren, aber das hindert uns nicht, zu sagen, was ist. Was soll in Teutsch- Südwestafrika werden? Die Regierung erachtet Die Errichtung zweier neuer Bezirksämter für nötig, sie legt Den Schwerpunkt nicht mehr in Die zentrale, fonDcrn in Die lokale Verwaltung, sie setzt an möglichst vielen Stellen selbständige lokale Verwaltungen ein. Ist diese Organisation richtig? Nack) unserer Ansicht entsteht dadurch) die Gefahr, Daß Die Herren in Der Kolonialverwaltung noch selbstänDiger wirtschaften, als jetzt. Es wirD von Der Kulturmission gesprochen, Die wir in Afrika zu erfüllen hätten. Es i)t so eine Sache mit solch einer „Kulturmission". Selbst wenn es möglich märe, Die Dortigen Wüsteneien in ein Paradies umzu- manDeln, so wäre es Doch eine Ungesetzlichkeit, Die Kosten hierfür Der Gesamtheit Der Steuerzahler aufzubürDen. Die hunderte von Millionen, Die wir Dort in Die Steine und Dornen tverfcn, holen wir nie wicDer heraus. Halten Sie sich Doch einmal Die Zahlen vor Augen! Und Sie werden auch nie Der Eingeborenen Herr zahl notwendig ist. Ter Vermehrung der Infanterie und Vcrkehrstruppen stefiett wir nicht )o antipathisch gegenüber, wie Der der Kavallerie. Mutz diese wirklich um 2C Schwadronen vermehrt werden? Wir können uns des Eindrucks nicht erwehren, daß die Kavallerie ihre Rolle ausgespielr hat. Redner scheint hierauf einige Witze zu machen, wie aus der zuweilen ausbrechenden Heiterkeit seiner Frakttons- frcunDc zu entnehmen ist. Zu verstehen sind diese Witze auf Der Tribüne nicht Da Redner mit dem Rücken gegen diese gewandt spricht. Er kommt Dann auf die äußere Politik: Man schifft frohgemut auf den Ozean der Weltpolitik, vergitzt aber, Segel, Steuer und Takelage in guten Stand zu setzen. Die Produktionskraft des Landes wird geschwächt. Jetzt will man noch gar neue Verkehrsabgaben einführen, als cd wir an Verkehrsschranken nicht schon mehr als genug Härten. Es ist überhaupt jetzt nicht die Zeit, mit neuen Steuern zu kommen. Die wirtschaftliche. Zukunft war nie dunkler, als jetzt. Noch weiß man nicht, was Die neuen Handelsverträge bringen. Alles ist ungeklärt. Möge Die Reichsregierung eine vernünftige Wirtschaftspolitik machen. Dann wird sie auch die Mittel bekommen, die sic für ihre Ausgaben notwendig hat. Mache sie eine gute Polin! dann wird sie auch gute Finanzen haben. (Beifall bei der freis. Volksp.) Abg v. Kardorff (Rp.): Ja, m. H. (Heiterkeit), Herr Mülles Sagan meint, wenn wir Die Steuern und Zölle herabsetzen, Darm werden aud) die Finanzen des Reichs besser werden. Das verstehe ich nicht. Sehen Sie sich einmal doch die anderen Staaten an! Welche madjer denn d'e meisten Fortsck)ritte? Doch gerade die streng schntzzöllnerifchen Staaten, und Herr Müller-Sagan toiC die Zölle her absetzen oder aufheben? Mit einer solchen Politik würden wir wirklich nickst weit kommen. Ja, m. H. (Heiterkeit), ich bedauere es sehr, daß der Herr Abg. Richter, Der sonst immer fiter die Etatsrede zu halten pflegte, durch schwere Krankheit verhindert ist ne auch diesmal zu halten. Wir haben mit Herrn Richter über 30 Jahre lang stets in lebhaftem Kampfe gestanden, aber ich habe allen Respekt vor seinen Kenntnisien, vor seinem Fleiße, vor der Festigkeit und Zuverlässigkeit seines Charakters, lLebhafte Zustimmung.) Ich muß sagen, es ist in der Tat durch fein Fehlen eine Lücke für den Reichstag entstanden und wir wollen hoffen, daß es der ärztlichen Kunst gelingen werde, ihn bald wieder zu uns zu führen. (Lebhafte Zustimmung.) Eine Reichseinkommensteuer wird nicht zu erlangen fein; es können noch Jahrzehnte vergehen, ehe sich hierfür eine Reichstags- mehrheit findet. Vor allem gilt es, die Finanzverhältnisie in den Einzelstaaten zu konsolidieren. Die großen Staaten sind gegeiv über den kleinen im Vorteil, sic besitzen die Eisenbahnen und ziehen daraus Revenuen, aber zu diesen Einnahmen tragen doch die Kleinstaaten auch bei, sie zahlen also eine indirekte Steuer. Es wäre also nur billig und gerecht, wenn man die Lage der Kleinstaaten besserte. Nene Stenern sind nicht schwer zu finden; die Kohlen ließen sich besteuern; eine Steuer von 10 Pf. pro Tonne würde schon eine schöne Einnahme bedeuten, ohne den Preis zu heben. Auch das Roheisen könnte eine Steuer ertragen. Ich bin nicht dafür, man soll mir nicht nachsagen, daß ich für solche Steuern eingetreten bin, aber das beweist doch, daß man, wenn man will, schon neue Steuern findet. Gestern hat das Abgeordnetenhaus sich mit der Frage der Einführung einer Umsatzsteuer beschäftigt, für die Einzelstaaten würde sich eine solche Steuer nicht eignen, wohl aber für das Reich. Der Abg. Bebel meinte gestern, Herr Spahn hätte die Verteuerung durch die Zölle zugegeben. Das ist nicht der Fall, aber wenn die Lebensmittel durch die Zölle wirklich verteuert würden, so darf man doch nicht vergessen, Da*ß diese Verteuerung auf Der anderen Seite für die Arbeiter durch bessere Arbeitsgelegenheit wieder wett gemacht würde. Die Beiträge für die Alters- und Invalidenversicherung werden wahrscheinlich verdoppelt werden müssen. DaS mutz uns veranlaßen, in dem weiteren Ausbau der sozialen Gesetze recht vorsichttg zu sein. Aus seine Angriffe auf die ReichStagSmehrheit fiat bereits Herr Dr. Sattler Herrn Bebel die Antwort erteilt. Herr Bebel sprich! ja nicht für den Reichstag, sondern für die große Maste Derer Draußen, die nicht alle werden. (Heiterkeit.) Da wird er immer Eindruck machen, besonders wenn er so heftig ist. Ich würde es auch wünschen, wenn gute Reden auf Kosten der Redner gedruckt und verbreitet werden; Herr Bebel wurde bann vielleicht kürzer reden. (Heiterkeit.) In Rußland dürfte er nicht so lange reden. Dann würde nach Dortiger Sitte ihm einfach der Stuhl weggezogen. (Heiterkeit.) Daß die einjährige Dienstzeit nur für Reiche da ist, stimmt nicht, sie ist für ®ebtIDctc, auch für DorfschuUehrer. Daß Herr Bebel der Bildung nicht sehr hold ist, weiß ich vom Dresdener Parteitag her. (Große Heiter- wir für eine ungesunde Finanzpolitik. Ta sollte man schon lieber die Malrikularbeiträge erhöhen. Redner kommt dann aus den Kolonialkrieg und spricht den Kämpfern in Südwestafrika feine । uneingeschränkte Anerkennung aus. Kolonialkriege sind wie Naturereignisse, wie schlagende Wetter. Es ist schwer, ihrer Herr zu werden. Mit ven Ursachen des südwestafrikanischen Aufstandes werden wir uns genau zu beschäftigen haben, dazu soll uns die uns vorgelegte Denkschrift Dienen. Wir werden für Südwest- aftika das bewilligen, was die verantwortlichen Stetten, für notwendig erklären. Unsere frcuDige Sympathie würde die Ausgestaltung Der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amts zu einem selbständigen Neichsamt sinden. Sparsam müssen wir sein, aber was notwendig ist, müsten wir ausgeben. (Beifall rechts.) Abg. Dr. Sattler (natL): Ta die bisherigen Etatsreden in 1 Diesem Iabre so lang geworden sind, so ist es nicht auffallend, daß sie auch im großen und ganzen auf sehr viele Einzelheiten cin- gegangen sind. So lange Reden wie z. B. die des Herrn Bcbcl lassen sich eben an der Hand dieses Etats nicht halten, wenn man sich nur mit Den allgemeinen Gesichtspunkten beschäftigt. Man ist vielmehr schon gezwungen, viele Tetails hincinzumengen. Energischen Protest mutz ich gegen Den Vorwurf Des Herrn Abg. Bebel einlegen, daß die Verfassung von uns verletzt ist. Verfassungs- änberungen haben in Den letzten Jahren überhaupt nicht stattgefunden und *ie Geschäftsordnung ist Doch ganz etwas anderes als die Verfassung, oder sollten auch Sie, Herr Bebel, etwa beide mit einander ocrwechseln? Derartige Vorwürfe muß ick) also auf das entschiedenste zurüchweisen, ebenso auch die Vorwürfe gegen die gegenwärtige Gesellschaft, in Der nur Charakterlosigkeit, Strebertum, Feigheit, Heuchelei herrschen soll. Aus dieser Be- merfuna des Abg. Bebel muß man schließen. Daß er sich in einer Gesellschaft bewegt, wo Derartige Eigenschaften vorwiegen. (Heiterkeit und Lachen bei den Soz.) Wenn man erwägt, mit welchen Ausdrücken bei den Parteitagen sich die Herren regulieren, so wird man nur in dieser Annahme bestärkt. (Lachen bei den Soz) Es gehört ein hoher Grad von Unver— (der Präsident spitzt Die Obren —antwortlichkeit (große Heiterkeit) dazu, um Derartige Ausdrücke zu gebrauchen. Tabci haben sich doch bet uns wirklich Die Regierung und die Volksvertretung Hand in Hand die größte Mühe gegeben, den wirtschaftlich Schwachen.zu helfen Es ist also im höchsten Maße unverantwortlich, nut bicien beleiDigenDcn Worten ohne Anführung bon Tatsacyen gegen ferne Volksgenossen vorzugehcn. TaS mutz ich zurückweizen. ^oifall.) Ter f o z i a l v o l i t i sch e Geist der faqcrhcficn Boftchaft Wilhelms I. herrscht auch noch jetzt. Wir sehen, wie die Ausgaben für die Versicherungsgesehgebung sich Üeigern. Auch jetzt sind wieder 5 Millionen in den Etat eingc]e(?t um die Wohnungen Der Arbeiter und kleinen Beamten zu berbenern. Dem Wunsche des Abg. Spahn schließe ick mich allerdings auch an, daß für Die Heimarbeiter noch etwas geschehen müsse. Diefi na n z i eJ l c n Verfiä11nissc Des Reichc § sind aber freilich in recht bedenklichem Zustande. Der Etat von 1905 bietet eigentlich einen erschreckenden Anblick. Daß jetzt im Etat eine strengere Scheidung von Ordinarium und Extraordinarium borgcnommen ist, ist ;a ein formaler Fortschritt, aber Dem wider)pricht es, wenn aus der anderen Seite 51 Millionen außerordentlicher Anleihe für ordentliche Etatsausgaben verwandt werden. Wir lehen, Daß and) in diesem Jahre wieder 189 Millionen den ^""^ustaaten an Rücküberweisungen zuflicßen, die nachher wieder durch Matrikular- beiträge eingebrachl werden müssen. Das iü ein Grund sur Die Unsicherheit unserer finanziellen Verhältnisse. Em ^uDere Grund aber liegt nach meiner oft betonten Ansicht in Der ^at- fadie, daß die Stellung der Reichsfinanzverwaltung nicht dieiemge Selbständigkeit hat wie die des preußischen Finanzmmi)tcrs. Auch ich bin der Meinung, daß es Sache der Regierung t)t, uns neue Steuern vorzuschlagen. Aber ich muß Mich gegen Den Herrn Abg. Bebel wenden, wenn er sagt, er hätte nichts dagegen, wenn die Einkommensteuer bei Den großen Vermögen bis auf .20 siroz. ausgedehnt würde. Bedenken Sic doch, wie ist es deiin^ctzt. ^ci einem Einkommensteucrsatze von 4 Prozent und bet einem kommunalen Steuerzuschlag bon 200 Prozent kommt man.ja Won zusammen zu 12 Prozent, und wenn Dann noch ©rinü^, Ge bände-, Kirchen- und Gewerbesteuer hinzukommt, und tote m manchen Gemeinden auch noch eine besondere Schuldner, so werden Sie-mir zugeben, daß m der Aat m vielen Fallen die Steuern nicht sehr hinter 20 Prozent zurückblciben. lSehr richtig!) Glaubt also Herr Bebel wirklich, daß er einen ^underbollen Effekt erzielt, wenn er uns solche Dinge hier vorfuhrt: Ware wirklich besser, er sähe sich erst einmal ordentlich Die Verhältnisse an. ehe er solche Dinar borbrinat. leit) Respekt fror dem französischen Offizierkorps hat nicht nur Herr Bebel, auch unsere Offiziere haben Vor den französischen ollen Respekt In Bezug aus die Flotte nehmen Wir einen anderen Standpunkt ein ivi? der Vorredner Deutschland mutz Weltpolitik treiben, und dazu bedarf cö einer starken Flotte. Wir wollen Wellpolitik in der ruhigen, frornclnnen und versöhnlichen Art treiben, wie sie der Reict'<'kanzlcr und gestern Iiargeführt hat. Unsere Finanzlage ist nicht so traurig. Warten lvir doch erst mal ab. waei unS der neue Zolltarif für Einnahmen bringt! (Lachen bei den Soz., Beifall rechts.) Abg. Liebermann fr. Sonnenberg (Antis.): Tie Rede des Schabsekretärs mutz unS allen -u denken geben, wir danken ihm, datz er mit dem Sfrstem der Verschleierung gebrochen hat. Wir müssen aus der Anleihewirtschaft heraus. Wie die Finanzen saniert Werben sollen, ist in erster Linie Saä'e der Regierung. Eine Inserateusicuer halte ick für einen unglücklichen Ausweg, dadurch würde nur die gute Presse geschädigt. Empfehlenswerter wäre eine Aifichenstcuer. k'techt ernst sollte man an die Einführung einer Wehrsteuer gehen: die Iudcnschaft würde sich freuen, ipcmt man sich für Geld front Militärdienst befreien konnte. Tu' russischen Juden zeigen ihre .^ri.'götüchtigkcit sa dadurch, das; sie massenhaft über die Grenze fliehen (Lackens, die Juden fühlen sich doch als Nation, sic stammen aus der Pandorabüchse. (Heiterkcir bei den Antisemiten. Lachen links.) Den Versuch einer ReichLcinkommensteucr kann ich nur empfehlen, obwohl ich die Schwierigkeiten nicht verkenne. Redner geht sodann ausführlich auf die Organisation der Armee ein und ent wickelt iucblsondere die Bedeutung der Kavallerie, bte auch heute noch nicht bl es; für den AufkläruuaSdieu.st. sondern auch für die Verfolgung des Feindes und auch in der Schlacht selbst sehr grotz sei. Tic Kafrallerieattacken im Manöver sind nicht zu entbehren; sic müssen geübt werden, damit die Leute im Ernstfälle nicht in einander hineinreiten. Herr Bebel Null den Hauptleuten _ die Bferde »reichen. Ja, sollen sich die Hauptleute, wenn sic auf den Schießplatz müssen und mit ihrer Zeit auskommen wollen, da sic ihre an verschiedenen Orten beschäftigten Soldaten kontrollieren müssen, etwa immer eine Drösche nehmen? (Heiterkeit.) Herr Bebel wcitz doch rech: schlecht Bescheid in militärischen Dingen. Ich möchte wirklich ein Zeichner für Witzblätter oder ein ZirkuS- direktor sein. (Heiterkeit) um August auf dem Steckenpferd (stürmische Heiterkeit) einmal eine Kavallericattacke reiten zu lassen. (Anhaltende Heiterkeit.) Ein Freund der zweijährigen Dienstzeit bin ich nicht, ober man muß sie eben behalten, da sic sich nicht mehr zurückziehen läßt. Diejenigen, auf deren Trängen sie cin- geführt ist, haben dann aber aueb die heiligste Verpflichtung, mit allen Mitteln dafür zu sorgen, datz sie dem Heere nicht zum Schaden gereicht. Mit dem Miliisnstem dcS Herrn Bebel, mit seinen alle 14 Tage stattfindenden Schützenfesten, können wir nichts anmngen; mit einem derartig au-5-gebildeten Heere würden wir dem von Herrn Bebet so sehr gepriesenen fran-oiis.l'en Heere schwerlich enrgegentreten können. Unseren Truppen' in Afrika zolle ich vollste Anerkennung. Kritik an den Fehlern, Die dort begangen sind, will ich jetzt nicht üben, eS ist eine gute Sitte im Vaterlande, das wenigstens so lange nicht zu tun, als deutsches Blut noch vergossen wird. Sehr bedauerlich ist cs, datz durch Blitzgriffe im Innern viel Unzufriedenheit erregt wird. Wozu verbietet man meinen Freunden in Hessen ein Volksfest? Dem Zentrum würde man daS nicht bieten. Durch solche Mißgriffe werden nur Sozialdemokraten gezüchtet. ES^ ist aber nicht die Aufgabe unserer Landräte und Minister, Sozialdemokraten zu machen. (Große Heiterkeit.) Bedauerlicherweise hat der Reichskanzler sich wieder gegen dic Diäten«ausgesprochen. Er meinte, man dürfe cS dem Bundeörat nicht übel nehpien, wenn er einen Antrag dcS Reichstages auch einmal ablchnt. Der Reichstag hat ja auch oft genug Regierungsvorlagen abgelehnt. Da^. ist doch ein merkwürdiger Standpunkt, auf den sich der Reichskanzler da stellt. Ta könnten wir ja versucht sein, ihm einmal sein Gehalt zu streichen, nach dem Grundsätze: „Haust du meinen Rothschild, lau ich deinen Rothschild!" (Große Heiterkeit.) In der Lippe Angelegenheit billige ich daS Vorgehen deS ReichShanzlerS nach jeder Richtung. Ich möchte aber auch volle Anerkennung dem jungen Regenten zollen, der sich durchaus tadellos benommen Ixit. Ich teile daS Bedauern des Herrn v. Kardorff, datz der Reichskanzler sich gerade den ungeeignetsten englischen Journalisten ausgesucht hat. um ihn zu empfangen. Gewiß hat er c5 nicht gewußt, datz Herr Bashford einmal so dreist war. einem deutschen Postbeamten mit seinen Papieren auf die Finger zu klopfen. Würde er da3 in einem anderen Lande getan haben, so würde er dort für die Dauer unmöglich sein. Aber bei uns wird er vom ReichS- kanzler empfangen. Ter Reichskanzler hätte doch über diese Sache orientiert sein müssen. Nun wünscht Herr Scherl, der, wie öS scheint, mit seiner Liebe dem Reichskanzler ganz besonders nahe steht, in seinem Blatte, (Heiterleit) wir möchten doch mit England recht bald in ein möglichst herzliches Verhältnis kommen. Nun, das wird wohl nicht gelin. en. Tie englische Politik verbietet uns d^iö fortgesetzt. Wir können den Engländern den Burenkrieg nicht vergessen. Wic ist c5 denn jetzt in der ehemaligen Republik der Buren? Ter Bur liegt tot im kalten Feld, Ter Englishman beherrscht die Weit, Ter Kuli strömt in Massen rein. Der Jude steckt den Vorteil ein. (Stürmische Heiterkeit.) Zu besonderer Liebe gegen England kann man unö nicht zwingen. Ist eS doch bezeichnend- daß' die Engländer in Südwestafrika deutsche Krieger entwaffnen und dadurch die Herero direkt als kriegfübrendc Macht anerkennen. Die sollen wir Liebe für die Engländer empfinden, die unsere HccreSetnricbtungen, die Waffen- f.iten unseres Heere? und Tinge, dic jedem Deutschen heilig sind, beschimpft haben? Den Angriffen dcS Abg. Bebel gegen Die Ilm« ocrsitälSbehörden mutz ich entgegentreten. Darum sollen unsere Universitätsbehörden nicht die Papiere der russischen Studenten prüfen, angesichts der vielen nihilistischen Bestrebungen unter ihnen? Wenn die Maurer auf dem Bau einen neuen Kollegen bekommen, fragen sie ihn doch ebenfalls: Hast Du auch reine Wäsche? (Heiterkeit.) TaZ Rasscubewutztsein müßte sich noch stärker bei unS entwickeln. Die weiße und gelbe Rasse stehen sich schroff gegenüber (Lachen bei den Soz.); vom Osten droht die gelbe Gefahr (Erneutes Lachen bei den Soz.); Rußland ist dort jetzt Vorkämpfer für die Erhaltung der europäischen Kultur. (Schallendes Gelächter links.) Sie kennen alle das Bild mit der Unterschrift: „Völker Europas, wahret Eure heiligsten Güter!" Dic Russen hatten jetzt gegenüber den Japanern die heiligsten Güter Europas zu schützen. (Gklrtdjtcr bei den Soz. Zuruf: Den Wuttkil) Der gelbe Feind würde, wenn er siegte, ganz gewiß nicht in Korea Halt machen Er würde unß Kiautsckou wegnehmen. Das haben japanische Offiziere in Uebermut und Trunkenheit, offen ausgesprochen. (Zuruf bei den Soz.: Tie schießen wenigstens nicht auf Fischerboote!) Bedauerlich ist c6, daß lvir noch immer kein Gesetz zur Fern- haltung der Ausländer haben. Kein Wunder, daß unter solchen Ilmsländen große Unzufriedenheit herrscht, zumal Da auch unsere wirtschaftlichen Verhältnisse die Unzufriedenheit vermehren. Hoffentlich werden die Handelsverträge nicht wieder so ausfallen iric die Eaprivischen. Für den Mittelstand mutz endlich etwas geschehen. Wie grotz auch die Unzufriedenheit in weiten Kreisen ist. sie darf niemals zur Verzweiflung am Vaterlande führen. Ten Vorteil davon lucrhcn mir dic Sozialdemokraten haben. Nach Ansicht des Abg. Bebel freilich ist alles so verrottet, datz das Gccthcsckc Wort zutrifft: WaS besteht, ist wert, daß cs zu Grunde geht. (Ruf: Sehr richtig!) Herr Bebel stimmt mir bei, er vergißt nur, daß Goethe dies Wort dem Teufel in den Mund legt. Ihre Partei natürlich ist der Jungbrunnen. Nein, genau die, Fehler, die in der bürgerlichen Gesellschaft vorhanden sind, zeigen sich auch in der sozialdemokratischen, und das wird im Zukunftsstaat noch schlimmer sein. Alle unangenehmen Typen der bürgerlichen Gesellschaft finden sich auch bei Ihnen (zu den Soz.). Sehen Sie sich nur um: da sitzt der gewisseulosse Rone (Heiterkeit), da sitzt daS Modegigerl (erneute Heiterkeit), da haben Sie auch den Ausbeuter, den Protz (anhaltende Heiterkeit), da finden Sie den Trottel (schallende Heiterkeit). Ja. meine Herren, da schauen Sie sich nur um (große Heiterkeit) — außerhalb des HauseS (stürmische Heiterkeit). Und lvenn Sic dann zu der Erkenntnis der Wahrheit gekommen sind, daß überall gesündigt wird, nicht nur bei den bürgerlichen Parteien, sondern auch in der Sozialdemokratie, und wenn Sie,es dann noch wagen, sich so turmhoch über dic bürgerlichen Parteien zu erheben, daun trifft auf Sic das Wort des Heilands zu, daS er an die Pharisäer richtet: Ihr Otterngezücht. (Stürmische Heiterkeit). Hierauf vertagt das Haus die lv eitere Beratung dcS Etats auf Mittwoch 1 Uhr. Schluß Uhr. cSnflige Sicöen. W. Gießen, 7. Dezember 1904. Die in der nordwestdeutjchen Tiefebene unweit Bremen gelegene Großh. Residenzstadt Oldenburg hat nur etwa die Größe von Gießen. Jndcß zeichnet sie sich vor unserer Srabt wesentlich aus durch einen großen Reichtum an schönen öffentlichen und privaten Gärten, ihre jchmueke niederdeutsche Landhausarchitektur und die gegen unsere Verhältnisse geradezu märchenhafte Wohlfeilheit fast alles deffen, was man zur Lebensführung nötig hat. Doch sie ist nicht nur für alle Nichtoldenburger, die durch ein Mißgeschick dorthin verschlagen werden und als »Ausländer" von den Eingeborenen voller höchsten Mißtrauens gemieden werden wie Pestilenz, Lepra und andere unangenehme Unpäßlichkeiten, sondern selbst für viele Ureinwohner von Stadt ober Land Oldenburg ein Nest von ödester Langeweile. Wohl keine deutsche Stadt von der Größe Oldenburgs hat eine so große Anzahl schöner und elegant ausgestatteter Restaurants und vornehmer Cafes wie diese Residenz eines deutschen Großherzogs, und alle diese Lokale gedeihen auf das allerbeste, denn der Wirtshausbesuch ist fix ziemlich das Einzige, was die Bewohner Oldenburgs ort „Genüssen" kennen. Ter Wirtshausbesuch und —das Spiel. In Oldenburg spielt eigentlich jeder, der „ein bischen was ist". Tas hat uns ja jetzt wieder der Ruhstrat-Prozcß gezeigt. Der Herr Justiz- und Kultusminister Ruhstrat spielte, die Oberregierungsräte und Regierungsräte spielen, die Offiziere spielen, die Juristen spielen — alle aber in streng nach Ständen und Rängen getrennten Lokalen, die viel zu geheiligt sind, als daß andere Sterbliche als Standes- genoffen sie zu betreten würdig wären. Und der frühere Oldenburger Oberlehrer Tr. Ries, der durch seine anonymen Anschuldigungen bekanntlich die Veranlassung zu dem ganzen Ruhslrat-Skandal gegeben hat, spielte auch. Neben den reinen Hasardiers, die „meine Tante, deine Tante", „Tempel", und „lustige Sieben" forcieren, gibt es solche, die „mir" pokern, also nach reichsgerichtlicher Entscheidung an der Grenze von gut und böse stehen und nicht strafbar sind, und schließlich noch solidere, die lediglich Skat spielen! Wie hoch diese Poker- nnb Skatspieler, zu benen auch Minister Ruhstrat gehörte, feitbem er aus Rücksicht auf sein Amt unb seine Würbe bem eigentlichen strafbaren Hasarbspiel entsagt hatte, pointiert haben, wirb allerbings nicht gesagt. Nach ben Aussagen ber Zeugen müssen aber auch bei biefen Spielen ganz hübsche Sümmchen umgesetzt worben (ein. Einen klasisichen Ausspruch, der ein prächtiges Exemp- lum dazu bietet, wie man in Olbenburgor Boamtenkreisen über bas Hasarbieren heute wie ein ft denkt, tat Staatsanwalt Tr. 3immen. Er vertrat im jüngsten Prozeß gegen den stellvertretenden Redakteur des „Residenzboten" Schiveynert, der dem Minister Ruhstrat vorwarf, er habe im Prozeß gegen Biermann einen Meineid geleistet, die Anklage. Als der im Verlauf der Verhandlung unter der Beschuldigung des Meineids verhaftete Kellner Mayer ailssagte, and) StaatL- ilt Dr. Fimmen Hove selbst im Oldenburger Zivil kasrno „Luüige Sieben" gespielt, da rief der Staatsanwalt auS: „ .'l ch Gott, das war in meiner Referendar zeit!" Also, io folgert man notwendigerweise allenthalben außerhalb des Landes Oldenburg, für einen Referendar (Accessist) hat cs nichts BedenklicheL an sich, durch Hasardspiel gegen die . erst wenn man LtaatSanwal ita.'tsanwalt ober Minister wirb, muß man aus Rücksichten der Klugheit das „Jeuen" aufgeben, weil cö sich doch nicht schicke silost gegen da^ Strafgesetzbuch zu verstoßen, bas man ci z. h gegenüber als schreckliche Waffe hanbhabt. Es macht der i .nun G rnpel nut Küimnelblättchen-Spielen 100 Ober 200 t einem Spieltlub anzugehören, in dem ein Spieler, der zur Zahluug von 300 Mk. Spielschulden gedrängt wird, die Worte ausstoßt: „Ja lieber Freund, wenn das Dein letztes Wort ist, findest Du mich morgen im Himtefluß!" Es war entschieden eine Eiterbeule, die der Oldenburger „Resideuzbote", ein Blatt, das Von einem wegen kläglich unbedeutender Dinge von bem dünkelhaften Verleger des offiziösen „Oldenb. Gen.-Anz." entlassenen und in seiner Existenz und Zukunft von diesem schwer geschädigten Redakteur, dem unglücklichen Biermann, in höchster materieller Not gegründet worden ist, aufgestochen hat, als er die Ruhstrat-Cnthüllungen in Szene setzte. Allerdings wurden von diesem Blatte und seinen Hintermännern schließlich auch Behauptungen aufgestellt uud Schlutzfolgerungen gezogen, für die sie, als es zum Treffen kam, die Beweise schuldig blieben, zumeist freilich nur aus bem Grunde, weil die Gcwährsmäiiner sich, sobald Gefahr drohte, mutlos zurückzogen. Oldenburgs Verklicktheit, um ein neues Wort zu bilden, schreit wahrlich zum Himmel. So ereilte auch Schweynert, den Nachfolger Biermanns in der Redaktion des Oldenburger „Residenzboten", dasselbe Schicksal wie seinen Vorgänger. Auch er mutz wegen Ruhstrat-Be- Icibigung ein Jahr Gefängnis ab sitzen. Biermann selbst knb oer Redakteur des in Baut erscheinenden sozialdemokra- tkichen „Nordd. Vvlksblattes" Metzer werden später gleich- salls wegen Beleidigung des Ministers Ruhstrat noch zur Veraiitwortuug gezogen werden. Tte Nuhstratgeschichte hat also noch nicht zum letzten Male die Oefseuclichkeit oe- schäjtigt, zumal eine Neoisionsverhaudtung in diesem Prozesse auch noch in Aussicht steht und der Kellner Meyer des Meineids bezichtigt worden ist. Tabei bleibt Minister Ruhstrat, ber nach Aussage des Zeugen Latnrnus früher der tollste Spieler im Oldenburger Zivilkasino war, nach wie vor ruhig in seinem Amte als Justiz- und Kultusminister. Es scheint sich an ihm das Wort zu bewahrheiten, das; der Herr an einem gebesserten Sünder ein größeres Wohlgefallen hat, als an zehn Gerechten. Allerdings ist es auch fraglich, ob es — wie die Verhältnisse in Oldenburg nun einmal liegen — so einfach ist, für den Justiz- und Kultusniinister einen geeigneten Ersatzmann zu finden, der nicht selbst zur „lustigen Sieben"-Gesellschast gehört oder irgend einmal gehört hat. Tiese unangenehme Situation erklärt wohl auch die Nervo^ jität des Gerichtshofes gegenüber den Verteidigern des Angeklagten Schweynen, bic fch ließt ich die Verteidigung niederlegten, weil sie sich durch die Maßnahmen und Entscheidungen des Gerichtshoses in der Verteidigung behindert! fühlten. Von welcher Seite aus man also auch die Rnh- stratassäre betrachtet, zu einer Hebuna des Ansehens der Oldenburger Justiz trägt fie sicher nicht bei. Glücklicherweise stehen aber die Oldciwurgcr Zustande ivohl ziemlich einzig in Deutsch land da, und es ist ein Unfug der demokratischen Presse, für die Oldenburger Vorgänge die gejaulten gesellschaftlichen Verhältnisie im.' Reiche verantwortlich zn machen. Ein anderes aber ist es, wenn man den lteinfladtischen £ Ibenburger Amüsements der dortigen oberen Gesetlfchaftsschichten schuld gibt, der leider allenthalben vielfach üblichen ovcrf(äa)lid)en und unvernünftigen Jugend»ührung. Alkohol unb holde Weiblichkeit in den Jugendjahren und daneben ein bischen notgedrungenes Ochsen fürs Examen führen nur zu leicht schließlich oazu, daß diesen Herren im späteren Lebensalter als die einzige geistige aueguug außerhalb ihres Berufes das Spiel bleibt, wen» fie bem Alkohul unb ben Weibern nicht mehr so hulbigcn tönnen, wie in der lustigen Jugendzeit. H'urlamenlalischc.r. Berlin, 6. Dez. Die Bndgetkonnnission be§ Abgeordnetenhauses hat die Vorlage betreffend die Beteiligung des Staates an der Bergwerksgefellschaft Hibernia mit 14 gegen 2 Stimmen angenommen. Stuttgart, 6. Dez. In ber Kammer der Abgeordneten beantwortete der Minister des Auswärtigen Frhr. von Soden die demokratische Anfrage über eine bevorstehende ErscnbahnbetrieSm ittelgemein schüft. Der Minister erklärte, die Uebcrtragung der Eisenbahnen an daS Reich sei heute nicht mehr möglich; dazu sei der Zeitpunkt verpaßt. Auf der letzten Ministerkonferenz in Heidelberg sei aber beschlossen worden, den weiteren Verhandlungen einen von Württemberg ausgehenden Entwurf einer Eisenbahnbetriebs- niittelgcmcinschaft zu Grunde zu legen, der eine Wagenge- meinschast mit Gemeinschaft der Werkstätten vorsieht. Uebec die Personcntarifreform sei dabei keine Festsetzung erfolgt; jede Verwaltung habe da noch freie Hand. Daß von den Verhandlungen eine deutsche Verwaltung ausgeschlossen worden sei, davon sei keine Rede; auf der nächsten Konferenz im Januar 1905 werden im Gegenteil sämtliche Verwaltungen vertreten sein. Der Minister sprach dann noch die Hoffnung auS, daß das Unwesen der VerkehrSumleitungen mit der Be- triebSmittclgemeinschaft aufhoren werde. Wien, 6. Dez. Dem Abgeordnetenhaus ging heute ein Gesetzentwur-f zu, der den Schutz der Auswanderer zum Zwecke hat. Nowak und Genossen interpellieren die Gesamtregierung über den Stand der Handelsvertrags-Verhandlungen mit dem Deutschen Reich e. Sie verweisen auf die zahlreichen öffentlichen Interessen, welche mit dieser Angelegenheit verbunden sind, und fragen an, ob die Zeitungsnachrichten auf Wahrheit beruhen, nach welchen die Handelsvertrags-Verhandlungen zwischen Oesterreich-Ungarn und Deutschland gescheitert sind, unb ob die Regierung geneigt ist, der Oeffentlichkeit bekannt zu geben, worin hauptsächlich die Differenzen gelegen haben. Keer und Alotte. — Die Ansprache, die König Friedrich August von Sachsen kürzlich nach der Vereidigung der Rekruten an diese hielt, und die wir bereits auszugsweise mitgeteilt haben, hat wegen der Anrede der Soldaten mit „Sie" großes Aufsehen gemacht, doch wollte man anfangs nicht daran glauben, daß diese Anrede tatsächlich erfolgt sei. Der Bericht deL amtlichen Organs bringt aber nunmehr die Bestätigung der erste» Meldung. ■ ■ —■ _ — .. —3 Henchlssaal. Köln, 6. Tez. Tas Schwurgericht verurteilte heute ben Bankier Horn wegen Unterschlagung von Depots unter Zubilligung mildernder Umstände zu d r e i I a hr e n Gc f ä n gn is, wobei sechs Monate Untersuchungshaft in AnreäMung kommen Zweibrücken, 6. Dez. Die Strafkammer verurteilte den G c mein de schrei ber Führ in Duhn, welcher 5000 Mk. A r m e » k a s s c » g e l d er unterschlagen hatte, zu L Mona t e n G e s ä n g u i s. Die Marktpreise für Bich und Frucht und die Gießener Fleisch- und Brotpreise am 5. Dezember 1904. Höchste Schlachlviehpreise in Frankfurt a. M. Fleischpreise in Gießen Ochsen Kälber Schwcme 50 Kg. Schlachtgewicht 72—74 Mk. 7g Kg. Schlachtgew. 81—83Ps. 7, i»______*_ _ 58—59 „ V, Kg. 70-80 Pfg. V, , 70—74 „ V, „ 60-72 „____ Getreideprcise in M a n n h e i m Brotpreise in Gießen Weizen 100 Kg. 19,00 Mk. Roggen 100 „ 14,70 „ Weißbrot 2 Kg. 52 Pfg. Schwarzvrot 2 Kg. 48 Pfg. Schmutzige Küchenwäsche M und leichter als Gioty's Tcigseise. Mil dettelbe» gelocht, ist der Schmutz wie weggeflogen. Kein (il)lov. Anwendmig nach Ge- brauchsamvcisnng. Preis per Psimdpaket 20 Pfg. Alleiniger Fabrikant: F. Giolh, Hanau a. M. hv4*/* M. 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