Nr. 209 Zweites Blatt Dienstag Er. September 1904 Gießener Anzeiger Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags. Redaktion, Expedition u.Druckerei: Schulstr.L, Tel. Nr. 5L Lelegr^Adr. i Anzeiger Gieß«» Die „Gießener FamiltenblStter" werden dem ^Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der -helstlche Landwirt"' erscheint monatlich einmal. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'sche» Unwersitätsdruckerei, R. Lang«, Gieße«, 154. Jahrgang General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Giehen. Aas Kaiserpaar ta Kolßein. Groß-Flottbek, 5. Sept. Bei Beginn der heutigen von schönstem! Wetter begünstigten Parade über das 9. Armeekorps überreichte der Kaiser den Obersten der betreffenden Regimenter neue Fahnen. Bei dem Llbreiten der Fronten begleiteten den Kaiser die Kaiserin in Kürassieruniform, die Großherzogin von Mecklenburg in Dragoneruniform, die Großherzöge von Mecklenburg-Schwerin und von OldeÄurg, der Kroriprinz, Prinz Eitel Friediüch, Prinz Heinrich, Prinz Albrecht, Prinz Friedrich Leopold und andere Fürstlichkeiten, sowie eine große Suite fremder Offiziere. Es fanden zwei Vorbei Märsche statt. Bei beiden führten ihre Regimenter vor: der Kaiser die Königsulanen, deren Unifornr er trug, die Kaiserin das Füsilierregiment „Königin" und die Pasewalker Kürassiere, dre Großherzogin von Mecklenburg ihr Dragonerregiment, d'er Großherzog von Mecklenburg die 89er und 17. Dragoner^ der Großherzog von Oldenburg sein Dra- gonerregiment und die 91er. Die Kavallerie und die Artillerie gingen das zweitemol im Galopp vorüber. Einen sehr guten Parademarsch machte das Landungskorps der aktiven Schlachtflotte mit den von Mannschaften getragenen Maschinengewehren. Bei dem Paradefeld hatten die Kriegervereine Aufstellung genommen. Altona, 5. Sept. Die Kaiserin kehrte heute mittag unt 1 Uhr 15 Min. zu Magen zur Jacht „Hohenzollern" zurück. Der Kaiser führte die Fahnenkompagnie vom Infanterieregiment Graf Bose Nr. 31 nach Altona bis zum Rathaus, wo der Vorbeimarsch stattsand. Hierauf ritt der Kaiser Wetter nach der ^Hohenzollern". Die Infanterie und Kriegervereine bildeten Spalier. — Der Reichskanzler war am Samstag zur Abendtafel und gestern zur Mittagstafel geladen. Gestern vormittag nahm der Kaiser den Vortrag des Reichskanzlers entgegen. Bei dem heuttgen Paradediner brachte der Kaiser folgenden Trinkspruch aus: In WiederhMng .dessen, waS ich dem Korps schon heute gesagt habe, spreche ich diesem meine vollste Anerkennung auS für die hervorragende Leistung und die vorzügliche Parade. Ich Ipreche dem Korps meinen Glückwunsch aus, für die Ehre, die ihm zuteil geioorden jft, daß so viele Regimenter durch Fürsten und hohe fürstliche Damen heute vorgcfühtt worden sind. Im Verein mit demselben stand das Landungsko-rps meiner Flotte. Ein glückseliger Aspekt, loie da Heer und die Wehrmacht zur See e inig in Gemeinschaft zusammenstehen zur Verteidigung des Vaterlandes. Wie einst die Laudungsabteilung w Peking gezeigt hat, daß stk ihren Mann zu stehen vermag im schweren Kamps, haben diese auch heute ihren Mann gestanden in einem strammen und schönen Korps. Sie haben Ihr Examen gut bestanden. Nm her Anerkennung, die ich dem Korps gegenüber hege, lund der Freude Ausdruck »u geben, die mir der heutige Tag bereitet hat, trinke ich auf daS Korps mit seinen Kontingenten und ihren ChefS und meine Marine: Hurra! Hurra! Hurra! General von Bock und Pollach erwiderte, itfbem1 er für die Anerkennung des Kaisers seinen tiefempfundenen Dank aussprach: Das beglückende Bewußtsein, die Zu- friedenhett des Kaisers erlangt zu haben, mache für die Offiziere und Mannschaften den 5. September zu einem Freuden- und Ehrentag. Ihr Sehnen und Streben gehe aber noch höhey: Nicht nur für dre Parade, sondern auch für jene ernsten Stunden, vorn deinen der Dichter singt: „Und an die Rippen pocht das Männerherz" könne er versichern, daß im Korps Männer-Herzen schlagen, die in unverbrüchlicher Treue für ihren höchsten Kriegsherrn fechten werden, und dieser Geist im Korps werde ein dauernder sein. Der General schloß mit einem Hurra auf den Kaiser. Heute abend fand bei den Majestäten Paradetafel im Kaiserhof für das verstärkte 9. Armeekorps und das Land- ungskorps der Marine statt. Heute abend fand Paradetafel in den Sälen des Kaiser? Hofes statt. Der Kaiser verlieh heute vormittag nach der Parade dem Füsilier-Regiment„Königin" Nr. 36 und dem Kürassier-Regiment „Königin" Nr. 2 die Düste der Kaiserin. Ferner verlieh der Kaiser dem Königs-Ulanen^ Regiurent Nr. 13 die Büste deS Grafen Waldersee. Oberbürgermeister Giese wurde zum Geh. Ober-Regierungsrat ernannt. Professor der Universität Mel Hensen erhielt den Noten Adlerorden 2. Klasse mit Eichenlaub, Professor der Uni- veesttüt Mel Klosteamann den Kronenorden zweiter. Klasse. Komische Tagesschau. Dem Grafen Ballestrem hat die Zentrumsfraktion des Deutschen Reichstages zu seinem siebzigsten Geburtstage folgende Adresse überreicht: Excellenz! Hochgeehrter Herr Reichstagspräsident! An der heutigen Feier Ihres siebzigsten Gebuttstages nimmt neben der gräflichen Familie mit besonderer Freude uitb berechtigtem Stolze die Zentrumspartei im Reiche, der Sie angehüreu, und die Zentrumsfraktion im Reichstage, .die Sie Jahre hindurch als Vorsitzender geleitet haben, den innigsten Anteil. Durch einen Unfall von den Schlachtfeldern Frankreichs abberufen, auf denen Sie in blutigem Ringen dem deutschen Volke des neuen Reiches Herrlichkett mit ersttitten haben, sind Sie in schwerer Zeit inneren Haders in die Reihen des Zenttums eingetreten, .um unter seinem Banner mit der gleichen Begeisterung, wie draußen für.die Ehre und Größe des Vater- larrdes, so im Innen: für unseres Volkes Glück und Wohl und für die Freiheit und die Rechte unserer heiligen Kirche zu kämpien, deren Selbständigkeit nad> unserer unerschütterlichen Ueberzeugung einen Eckpfeiler der Macht des Deutschen Reiches bildet. In unserer Milte sind Sie, Excettenz, bei der gemeinsamen Arbeit für die Aufgaben des Reiches und die Verteidigung unserer Kirche durch Ihre edelmännilsche Gesinnung und Unerschrockenheit smvie durch Ihren wettschauenden Blick uns im Streite für WaRhett, Freiheit und Recht zum Vorbilde geworden. Ihr Rat zur Einigkeit in unserem Handeln und zu scharfsinniger Vorsicht bei unseren Entschließungen hat der Partei die Achtung erheischende Stellung mtterrungen, die sie ttn Reiche einnimntt. Ihren bewurrüerirswürdigen persönlichen Eigenschaften ist durch Ihre Wahl zum PräsideMen des Reichstages der Tribut der Anerkennung gezollt. Mögen die Weltanschauungen der Parteien ttn Reichstage sich kreuzen, .bei Ihrer Berufung zum höchsten Ehrenamte, welches das deutsche Volk zu vergeben hat, hat die Erwählten des Volkes der gemeinsame Wunsch der Förderung unserer Arbeit beseelt. Und Ihres Feldherrn- amtes haben Euere Excellenz nach dem Urteile des Reichstages „in bekannter Vollendung, .mit vieler Sach- und Geschäfts- kenntnis, sowie mtt der Liebenswürdigkeit und Unparteilichkeit" gewaltet, welche auch die hochgehenden .Wogen unserer Kämpfe geglättet hat. Unter Ihrem Präsidium, dem seine äußere Ehrung durch besondere Gnadenbeweise Sr. Majestät des Königs von Preußen geworden ist, hat der Reichstag Entschlüsse gefaßt, welche für die Geschicke des deutschen Voltes von weittragender Bedeutung sind. Und so dürfen wir sagen, daß sich des heutigen Tages mtt Euerer Excellenz Familie und unserer Pattei der Deutsche Reichstag und seine Wähler herzlich freuen. Wir aber fühlen uns, um Sie als unfern Präsidenten im Reichstage geschart, im Herzen verpflichtet, Ihnen aufrichtigst und wärmstens für alles zu danken, was Sie für uns geleistet haben und leisten, sowie den Allmächtigen zu bitten, Sie unserer heiligen Sache, unserem Reiche und unserem Volke sowie der gräflichen Familie noch viele Jahre in ungeschwächter Geistesfrische und Körperkrcht frohgemut zu erhalten und Ihnen Ihrem Verdienste gemäß ein hohes Alter in Glück und Ehren zu gewähren. In Verehrung und Liebe die Zentrumsfraktion des Deutschen Reichstages gez. Graf v. Hompesch, Dr. Schaedler- Tr. Spahn (und viele andere). CD P 4— er o s n •3* s. 3 pr I ra o en 3 D =2 or 3 St- er-ry- * e «t : 3 o 3* . § » Xu* 2 3 G' 2. «3 L sagt: to Q) G o p «> 3 3. CP C er w $2 E CD E CD XJT» fr S «3-2 3 g 3 " *S’ K) S "d* ^*D 2* ZE? 3 3* ro er *5 tx 5 W —r, <1 3. •* 2 ■—' Q 5 fl) <-/■ ra «-t- er «•» Q § «B 8 *x- ® S § W s ??Ä»orÄ5&aa * = f Rs-asts »3 »B-Sa»?® 3 As g. 2 er er q" q 2 (0) cd er cd s au ü- a @ z 0 5 2 © w 2. 2. 3 CO gi ** « 'S s § S or 3 ro <0 Jft) CD O ö ES O er» ÖD E es SS SS s Ä _ SS rsr d" CD Jft) Or «B 5? 3 Or CD o Jft) Or 2* or 2> £ _ o @ 4*- o XE» er a SZ 3fi&gS*S » Bssf s er^ S I 2* g ä 3" Ö« D D o H O CD CD -t !zr Sa - s «0 E: r?>cD o» 3^5 ti: p K « ö 3 2 A, »ft) 33L Kr- • 3.» S «u 3 S w3 p a g’S 35 8 S8 p 3 op ro rr Qi (5) 3 rj (Q s 5 (5)3 3 -D -or 2 0 3 3 CD kl er fr LS s Es fr s fcO to 3 IDO 3 to CO 07« 3 § to 3 5» 2 § CD 'S 2-§ CP -^»o=> Ö3 3 S 5,3 D 2 3 «■ fr!? 8^3 rt^D s MC E O:-3> O E «-J-CP -*• O o ft ? rt OD 2 ® Ä ±- er 5 cd H er <»" 2. 2 5 P'Ä fr' 2 dcö 2 *“»« CD (Sl p < fr »Xc§ CD Z Z» tt H 'IfiS-sSS“« M J — 13 cn 8 E CD CD LZ,Z- Ift) CO H* 8 67 3 «er E 'S* 2 5 s. r»‘ Z D- ^cd" eo «s> __ D * Jft) e 6r « 2 ? E — ® 2 'r* ^2 5 "fr* fr 2. p CS Z fr I3 3 D , oü V —ri D csrlft =5 « sr 8 TO fr$ M E Sw H- 53 Tfcm Graßen Balle,Irem ftnb Aufrrft ^dtreiche Sympithie- bin> '. n un uigciaiVKiL Reic^m-ler Graf B ü low sandte int ttiexintmot Ter Gesamt Vorstand be$ Reid'StageS sprach in rinem Mikfhnnif 11ektrnnmit die Hofftumg auS, Nif; BaNestrem rtv.b LmS und entwickelte sich im Verkehr mit den Kolonien. TaS 19. Jahrhundert hat den Handel gründlich unrgestaltet. Der frühere Kaufmanns- stand führte zurzeit d.s Zunftwesens ein beschcutlickves Dasein; er hatte eine ständige &mb|dkift und kannte die Hast von heute nicht. Die Spekulation fehlte noch int 18. Jahrhundert. Später wurden jedoch die Zunstvorrechte abgesaxrfst und die Konkurrenz verschärfte sich Aber gerade diese Sckpvierigkeitcn waren die Ursache, daß sich der Handel LU einem Glanze erl>ob, der die Zeit der Jugger und amderer HarldelSkönige weit überftttchlt. 9tur crnS Krisen stoben sich HarrdelSvolker entwickelt. Gerade der deutsche Kruftnann hat Deutschland auS feiner Fedrigkeit hervor- gehoben, daS zeigen die lebten Jal)rzchnte. Tie gewaltige Entwicklung auf dem Gebiete deS Transports seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts, die Erbauung von Straßen und Eisenbahnen, daS Dampfschiff, der Telegraph, sie brachten eine ungeahnte Umwälzung des Handels. Tie Leichtigkeit dcS Transports leitet den deutschen Handel ins Ausland, die Messen und Märkte verlieren ihre frühere ÄedQUung, die Kunden wollen besucht sein, der Kaufmann muß 'reisen. Diese Umwälzung brack>te eine neue Entwick- lurrg deS HenXlSherufs mit sich, der Kaufmann ist mehr auf seine Gehilfen angewiesen, rocini er der Konkurrenz tm In- und Ausland widerstehen will. Aus bescheidenen Anfängen hat sich auS dem früheren Krämer der heutige Kaufmann entwickelt. Nur Augsburg, Mrnberg, Frankfurt, Danzig und andere Städte waren früher Bletropole des HandÄ; mit einemmale wurde jetzt der Hcurdel allgemein, der gewaltige Aufschwung reihüe auch Gießen in die Reihe der deutschen Handelsstädte, r— Den ersten Handel in Gießen haben die Ehatten mit den Römern geführt; es war ein reiner Tauschhandel mit Fellen, Honig, Pferden il dergl. gegen die feineren Produkte der Römer. Seit dem 12. Jahrhundert entwickelte sich ein Binnenhandel. In Gietzen war der Markt für die ganze Umgegend- es gab schon früh Handwerker und Gastwirte. 127b eröffnete der Gastwirt Dtenges eine Wirtschaft; er trieb auch Handel. Die Kaufleute aus Süddeutschland gaben den Anstoß zur Entwicklung der Gießener Kaufmannschaft. Doch die Straßen wimmelten von Räubern und Gesindel, nnd eS bildeten sich die Geleitschaftcn, die für hohe Abgaben die M'kwfleiüc begleiteten und schützten. In Gießen besorgten dies die Herren von Gleiberg. Eö entwickelte sich der erste Handel mit landwirtschaftlichen Produkten: Gemüse, Obst, Getreide, Mohnsamen und Wein. Der Wein aiiS Gietzen am Hardtberg galt als einer der besten damaliger Sorten, und der Weinhandel erhielt sich biS znm Ende des 17. Jahrhunderts. Daneben bestand der Honighandcl und die Viehzucht. Die Naturprodukte kamen auf Midere Märkte. Trotzdem stand der Außenhandel auf einem bescheidenen 9Hi)ean und nahm am Hanfabnnd wenig Tell. Aber fortan reiht sich ein Hande ISztveig an den andern. Wie es in einer alten Chronik heißt, tvurde dnrch Gründung der Universität 1607 daS Brauereigewerbe und die Tabaks ab rikat i on zu einer „eisernen Not- Wendigkeit". Schriftsteller Laufach urteilt im Jahre 1776 über daS Gießener Bier in seinem derben Stil sehr abfällig, ebenso über die Produkte der Branntweinbrennereien: „Wer nicht von einem Quantum von sechs Kreuzer Schnaps berauscht wird, der muß schon ein kapitaler Säufer sein." Große Schwierigkeiten wurden dem Tabakhandcl. Die Krämer mußten durch Verordnung von 1664 schüvcrc Abgaben zahlen, und hohe Stenern lagen aus Tabak. Züchter und Händler erhoben vergebens Protest. 1793 wurde daS Tabakrauchen auf den Straßen verboten, und diese Verordnung bestand Ttüd) bis ins 19. Jahrhundert. Dem Kaffee handel wurde noch übler mitgespielt. 1750 schreibt daS Gießener; Wochenblatt: „Der -wssee ist in Gießen sck>on so gemein, datz man ihn sogar in Häusern findet, wo manchmal kein Brot ist." Da erschien eine Ver- ordnung, die den Kafseeverlaus verbot.^ Das war ein fdimerer Schics für den Handel. Die Stadt verbrauchte fd>on damals für 40 000 Gulden Kajfee und Zucker. Der Rat der Stadt schrieb den Bürgern vor, wieviel Kaffee sie kaufen durften. Eine neue Industrie entstand: man bereitete Surrogate für Kaffee aus Gerste, Kartoffeln, Zichorien, gelbe.. Rüben inib Tickwurzel n. Die Bürger, lvelche Kaffee trinken wollten, mußten sich im Rathause einjchreiben inib ack-t Zvreuzcc bezahlen. Wer von auswärts Kaffee in die Stadt brachte, erhielt zehn Reichstaler Strafe. Eine Vecorbnung von 1776 drohte ebenfalls große Strafen und ölonzesjionscntziehung an. Endlich gab die hesfijck>c Regierung 1797 den Kaff ec krieg aus, unb im selben Jahr wurde das erste öffentliche Eajö konzejjionicrt; dessen Besitzer hieß Philipp Eberhardt Schwalb. Manche Gclverbsz-veige brachte noch die Universität mit, so den Waffenhandel, Buchhandel und daS Juhr- wejen. Eine miete)(ante Verordnung, die bis 1829 bestand, erließ 1779 die Universität gegen das Borgen der Studenten. Die Kaufleute dursten ihnen nur borgen für 5 Gulden Kaffee und Getränke, P/t Gulden für Fuhren und 1 Gulden jur StufeUvichsen. Johann Philipp Krieger gründete 1750 die Univer)itätsbilchhandlung, eine Leih- vibliotl-ek und das erste periodisch ersd>einende Wock)eri- blatt. Er war aber aud) Kaufnmnn und verkaufte neben Büchern aud; Häringe. TaS Wochenblatt stellte nad). zwei Iahten auf kurze Zeit sein Erscheinen ein. 1765 erscküen eine Verordnung, wonach die Slmifleute ihre Ein- kaussbücher vorllegen mußten. Die Preise oer Waren und Bück)er schlug die Polizei össentlich an. DaS Wochenblatt brachte 1770 eine Schilderung der Stadt: ^Gießen ist noch keine schöne Stadt, daS Vieh wird noch täglid) durch die Straßen getrieben, die Straßen finb schlecht und schmutzig, die Häuser klein und häßlich, unb viele offene Misthaufen und Ställe sind an der Straße." Während des amerikanischen Krieges entwickelte sich ein G e t r e i d e h a n d e l nach Amerika, und dcchurch, daß die Tabakzufuhr abgeschnitten wurde, hob sich die heimische Industrie bis 1803. Durch die Kontinentalsperre wurde 1806 der Ausfuhrhandel lahmgelegt. Für die heimische Industrie war dies segensreich, denn es befreite von der gefährlichen Koiikiivrenz des Auslandes, aber die Handelstätigkeit war 15 Jahre gelähmt. Als jedoch der Corsar das 19. Jahrhunderts seine Träume auf St. Helena vernichtet sah, da atmete Industrie und Handel auf6 neue auf, trotz der englischen Konkurrenz. Von da ab beginnt die Zeit des ZollschutzeS. 1334 entstand der erste deutsche Zollverem, dem sich auch Hessen anschloß; dies war der erste Schritt zur deutschen Einheitsbewegung. Die Handelsverträge belebten den Kaufmann lvieder unb die beutschen Produkte erkämpften sich allmählick) den Welttnarkt. Der Norddeutsche Bund brachite neued Blut in das wirtschaftliche Volksleben. 1870/71 erhielt die Nation wieder ihren Platz an der Sonne. Die Zeit des alten Handels wich einem neuen Geist. Deutsche Schisse brack-ten deutsche Produkte und Kultur zu oen Völkern, die vorher verächtlich auf den deutschen Michel gesehen hatten. Äe glorreiche Wiedergeburt Deutschlands brachte einen Siegeslauf des Handels mit sich, uno diesen Wandel hat and) Gießen mit durchlebt. Die Gießener Industrie, die schwere Schicksale überdauert hatte, stand jetzt achtunggebietend da. Gießen nimmt auch am Export und Welthandel teil durch die Erzeugnisse seiner zahlreichen Jndustrieprodukte. 1872 entstand ein mächtiger Auffchtvung, dem später eine EmnatMng und 1876 der NiÄergang folgte. Erst anfangs der 80er Jahre konstatierte die Handels- kanrmer eine Besserung. 1888 war das Bankgeschäft gehemmt, der Fellhandel flogt, der Absatz der Landespro- dukte war schlecht, die Tabatinduscrie stand ungünstig, nur Roheisen gut. Das Vertrauen auf Kaiser Wilhelm II. war berechtigt, seine Jtiedenspolittk brachte eine Neubelebung des Handels. Die Regierungen schlossen Schutzzölle; 1891 wurden die Zölle erhöht, 1892 mit der autonomen Schutz- Politik gebrochen. Der deutsche Exporlltandel atmete auf, 1895 Ivar ein günstiges Handelsjahr bei fast allen Branchen. Die Tabak- und Zigarrenindustrie erreichte 1899 ihren ziulnnnationspunkt, 1900 trat eine Koise ein, gegen Ende 1902 konstatierte die Handelskammer eine Besserung, und heute herrscht ein lebhafter Geschäftsgang. Das AuSseben des heuttgen Handelsbildes ist ein sehr erfreuliches und hoffnungsreiches. Durch die Umwandlung der Prinzipien des allen Handels ist aus der ehemaligen Krümerftadt eine achtunggebi ete nde Handels- stadt geworden, c^rvs Billow, unser Reichskanzler, hat einmal gesagt, datz die Städte sckon feit Heinrich dem Städtcgrünoer ein Hort des Handels unb dadurch der Bildung und Freiheit seien. Der Redner schloß mitt den Worten: „Eines aber bleibt für dM Kaufmann ewig wahr: Ehrlich währt am längsten." Dann Mächte der Vortragende noch einige Mitteilungen über den Verband reisender Kaufleute, der am 27. Dezember 1884 gegründet wurde und jetzt bereits 10 280 Mitglieder zählt und über ein Vermögen von 2 600 000 Mark berfügt. Von der Witwen- und Waisenkasse wurden 530, von der AlterZversicherungskasse 38 Personen unter- stutzt. Der Kriegsreservefonds zählt 28000 Mk., der Fonds derMtitwenkasse l OOO OOO Mk., der Fonds der Unterstützungs^ kcrsse 284 000 Mk. Voll Interesse lauschte die Zuhörerschaft den lehrreichen und interessanten Ausführungen " oes Redners, welchem am Schluffe seines lV^stündigert Vortrages reicher Beifall zuteil wurde. Aus Stadt und Sand. Gießen, den 6. September 1904. ** Die Ziehun g s tag e her 6. Klasse der 4. Hess.- Thür. Staatslotterie sind nunmehr in folgender Meise festgesetzt: 20., 21., 22., 23., 24., 26., 27., 28., 29. und 30. September und 3., 4., 5., 6., 7., 10. und 12. Oktober d. I Der amtliche Ziehungsplan für die 5. Hvss.- Thür. Staatslotterie ist erschienen. Die Lotterie ist wieder in 6 Klassen mit 41000 Gewinnen und 6 Prämien im Gesamtbetrag von 12 Millionen 6 Tausend Mackk Gewinnsumme eingeteilt. Die erste Klasse wird gezogen im Dezember 1904, die zweite im Januar 1905, die dritte und vierte im Febpuar 1905, die fünfte im März 1905 und die sechste und Schlußklasse im April 1905. ** Warnung vor Einbrechern! Am Sonntag morgen entdeckten die Bewohner der Parterrewohnung eiues Hauses an der Ostanlage, daß in der Speisekammer ein Napf mit dicker Milch geleert war und andere Eßwaren fehlten. Offenbar hatte sich in der Nacht jemand eingeschlichen und durch das Gitter des offenen Fensters sich die Sachen herausgelangt, um sie sofort zu verzehren. Heute nacht nun ist ein zweiter, schwerer Diebstahl in dem Nebenhause verübt worden. Durch das offene, nicht vergitterte Speisekammerfenster ist der Dieb in die Speisekammer eingestiegen, hat sich eine Zervelatwurst, ein großes Stück geräucherten Schinken, 3 Flaschen mit Kindermilch und mehrere Eier angeeignet, ist dann in die naheliegende Küche eingedrungen und hat in einer unverschlossenen Schublade ein Portemonnaie gesehen, in dem sich 2 8 bis 3 0 Mk. befanden, sowie fünf 10 Pfennig-Briefmarken. Das Geld und die Briesinarken hat er an sich genommen, das Portemonnaie dagegen verschmäht. Man sah heute morgen in der Küche Flecken von einer Stearinkerze. Hoffentlich gelingt es unserer Polizei, des gefährlichen Diebes habhaft zu werden. ** Hessische Handwerkskammern We bekannt, findet derzeit dfe Prüfung eines Entwurfes einer neuen Maß- und Gewichtsopdnung statt, wozu auch die Kammer auf Ersuchen der Großh. Staatsregierung hin sich geäußert hat. Insbesondere hat sie gewünscht, daß beim faß weisen Verkauf nicht nur die Wein, Obstwein und Bier enthaltenden Fässer, wie im Entwurf "vorgesehen, sow- dern auch die Branntwein, alkoholfreie Getränke und Liköre enthaltenden Fässer auf ihren Rauminhalt geeicht sind. Die Eiche und Nacheiche der Fässer^ in welchen diese Getränke (Branntwein und alkoholfreie) geliefert werden^ ist ebenso notwendig wie bei den übrigen GetränLen. Der Käufer von Branntwein und alLoholfäien! Getränken hat das Recht, den Nachweis zu verlangen, daß das ihm gelieferte Quantum! aiuch wirklich im Fasse vorhanden ist und verdient gewiß ebenso den Schutz, wie derjenige Käufer, welcher Wein, Obstwein oder Bier bezieht. Vetter gibt die Kammer der .Erwägung anheim, ob es sich nicht empfiehlt, auch für die Wassermesser die Eichung vorzuschreiben, wenn die hier in Betracht kommenden Schwierigkeiten zu überwinden sind, da iM.Entwurf nur die Eich ung der Gasmesser vorgesehen ist. Nach> dem Entwurf soll die Nacheichefrist für Bierfässer auf zwei Jahre, für Wein- und Obstwein fasser aus drei Jahre bemessen werden. Hier wären vor allem noch Branntwein-, alkoholfreie Getränke- sowie Likörsässer einzuschalten. Die Nacherchefrist für Bier- sowie auch für Wein- und Obstweinfässer ist zu lang be-i messen, indem besonders letztere Fässer durch chre dünneü Wandungen verhältnismäßig mehr an Inhalt (infolge Eintrocknen, Reif antreiben rc.) verlieren, als dickwandige Bierfässer, nkkndestens jedoch ebensoviel. Aus dem Grunde empfiehlt es sich, um den Schaden für die Interessenten nicht zu groß zu machen, auch bei Wern, Obstwein, Branntwein, alkoholfreien Getränken sowie Likör die Nacheiche- frist allgemein auf höchstens ein Jahr zu bemessen. Zur weiteren Durchführung der dezimalen Abstufung oes metrischen Systems sieht der Entwurf den 'Wegfall des ein Viertel-Hektoliter und ein Biertel-Lrter vor. Mit Rücksicht auf die Gewohnheiten des Publikums und 'auf den Umstand, daß im Detailgeschäft mit großen Grammzahlen zu rechnen ungemein schwierig ist. halten wir die Beibehaltung des ein Viertel-Liter für dringend erwünscht, ebenso die Zulassung von ein Viertel-Mo. Der Entwurf sieht ferner in § 22 vor, daß Zuwiderhandlungeit nur in „Ausübung eines Gewerbes" bestraft werden sollen. Nun sind in der Landwirtschaft, deren Verkäufe vielfach nicht als „Ge?- werbe" aufgeführt werden, sehr häufig insbesondere unrichtige Viehwagen feshgestellt worden. Die Kammer hat daher die Forderung vertreten, daß alle in landwirtschast- lichen oder nicht gewerblichen Betrieben vorhandenen Wagen den gleichen Bestimmungen unterworfen sein müssen, wie die übrigen Wagen der Gewerbetreibenden im Sinne der Gewerbeordnung. ** Eine Sonnenfinsternis. Am 10. September, wird die zweite und letzte Sonnenfinsternis dieses Jahres stattfinden. Da her Mond zu dieser Zeit in großer Erdnähe sich befindet, wird seine Fläche für uns größer erscheinen, als die bereits in mittlerer Erdferne stehende Sonnenscheibe. Die Sonnenfinsternis wird daher vollständig sein, das heißt, die Sonne wird vom Monde völlig bedeckt er> scheinen. Die Verfinsterung beginnt am 9. September um 71/4 Uhr abends und ist am 10. September vor halb 1 Uhr morgens zu Ende. In Europa wird jedoch dieses Naturereignis nickst sichtbar sein, sondern am stillen Ozean und seinen Inseln; also in der Gegend des gegenwärtigem Krieges wich man dies am besten beobachten können. In früherer Zeit würde das Eintreten einer solchen Himmels- erfcheinung von den kriegerischer Parteien sehr abergläubisch ausgenommen worden sein. Und mehr als einmal ward dieses vermeintliche übernatürliche Wahrzeichen deS Himmels als entscheidend für das Schicksal des Krieges gehalten. Heute, wo wir diesen Naturvorgang uns längst naturgesetzlich zu erklären vermögen, lvissen wir wohl, daß nicht an den leisesten ZusaMurenhang mit unseren Angelegenheilen auf Erden gedacht werden kann. Mondfinsternisse finden im gegenwärtige» Jahre gar nicht statt. * Klein-Linden, 4. Sept. Die Bürgermeisterwahl findet nächsten Mittwoch von 4—7 Uhr statt. Es sind außer dem seitherigen Bürgermeister aufgestellt: Gemeinderechner Germer und Bauunternehmer Bernhardt. w. Nidda, 4. Sept. Die gestern stattgehabte Beerdigung des irrt 35. Lebensjahre verstorbenen Kaufmannes Otto Fischer gab Zeugnis von der großen Beliebtheit des Verstorbenen. Alle hiesigen Vereine beteiligten sich an dem Leichenbegängnis. Der giemischjte Chor unter der Leitung des Pfaprers Werner sang dem Heimgegangenen das AbschieMeb: ^lieber den Sternen, da toirb es einst tagen." ? Gedern, 4. Sept. Gestern abend kehrte eine hiHrge Familie vom Felde heim und sand die im Alter von beinahe 70 Jahren stehende Großmutter nicht vor. Man begab sich sogleich auf die Suche und fand schließlich, die Gesuchte in einer sogen. ,MrsserVaute" tot vor. Man nimmt an, daß die Verunglückte vom Schlage getroffen worden, umgestürzt und ertrunken ist. W. Grebenhain, 5. Sept. Die Wassepversorg- ung von Grebenhain war schon längere Zeit eine sogen, „brennende" Frgge. Die überwiegende Mehrheit der Orts- bürger war von der Notwendigkeit einer Trinkwasserleitung überzeugt, gleichwohl schien die Sache keinen Fortgang zu nehmen. Auf ^Anregung verschiedener Ortsbürger wurde darum dem Gpoßh. Kreisamt Lauterbach am 25. August eine Petition mit 7 9 Unterschriften überreichst, worin, gebeten wird, dem gewünschten Unternehmen staatliche Fürsorge zu widmen. Demzufolge weilten hier am 29. Aug. Kreis rat Dr. Wallau und Kulturtechniker Künz. Gemeinsam mit diesen Herren besichtigte der Gemeinderat mit unserem Bürgermeister und Beigeordneten die vorgeschlagenen Quellen; das Resultat war recht zufriedenstellend und man beschloß in der unmittelbar darauf folgenden Sitzung, zur Errichtung einer Wasierleitung sofort mit dem Aufgraben der Quellen zu beginnen. Drese Vorarbeiten wird Kultur- techniker Kunz leiten. Der jetzige Zeitpunkt wird als der günstigste für das Schürfen gehalten wegen des so außergewöhnlich niederen Grundwasserstandes. In der Talsenkung zwischen Villaweg und Bahndamm, sowie weiter über dem Ahlmüllersbrunnen soll zunächst die Erschließung der zu tage tretenden Quellen geschehen und auf reichlich Wasser wird gehofft. Bei gutem Resultat in Bezug aus Menge und Güte des Wassers soll der Kostenvoranschlag aus gearbeitet und dann erst definitiver Beschluß über die Ausführung der Anlage gefaßt werden. Kreisrat Dr. Mallau stgnd mit grpßer Sachkenntnis dem Orts Vorstand zur Seite und stellte seine reichen Erfahrungen in deck Dienst dieser Sache. Vom Staate darf wohl eine Unterstützung erwartet werden. Die Kosten der Hydranten wird wie in der Hauptsache die Landesbrandkasse tragen und da die Anlage als Druckleitung gebaut wird, würden in die Gemeindekasfe jetzt schon jedes Jahr 180 Mk. aus der Brandkasse zurückvergütet werden. Hoffentlich kann die Leitung im nächsten Jahre schpn fertig gestellt und damit einem allgemeinen Bedürfnis abgeholsen werden g. Büdingen, 4. Sept. Bei der Gemeinderats- wahl am 2. d. M. wurden wiedergewählt die Herren Dveser und Hinkel, neugewählt die Herren Len- hardt und Dotten Worms, 4. Sept. Das Gesuch des evangeli schen Bundes um Hepgabe des Theatevsaales im städtischen Spielhause zu der Oktobe^veranstaltung — mit einem Vortrag des Grafen vo n Hoensbroech — ifc wie wir schon mitteilten, auf Grund der Erwägung abgelehnt worden, daß nach einem früher gefaßten Beschluß die Theaterräume nicht zu politischen Zwecken" vermietet werden dürfen. Hierzu wird dem ^ageblatte^' geschrieben: „Die Gründe, die den Verwaltunssrat (für das ftäbt Spiel- und Festhaus) bei ferner Entschließung geleitet haben, sind darin (ü. h. in dem Antwortschreiben der Bürgermeisterei) deutlich zum Ausdruck gebracht und die Unbegründetheit der Angriffe damit von selbst bargetan. Insbesondere wird dadurch auch die geradezu wi'bersinnige Annahme widerlegt, als habe sich der Verwaltungsrat bei feiner Entscheidung durch Rücksichten auf Parteien beeinflussen lasten. Daß der Vortrag des Herrn Grafen v. Hoensbroech ein politischer sein wird, .ist nickst nur zweifellos, sondern auch von einem der Herren Veranstalter des Vortrages ausdrücklich zugegeben worden. ,Auch eine Bezugnahme auf P a p st - und Bismarckfeier kaim eine Inkonsequenz oeS Verwaltungsrates im vorliegenden Fall nicht bartun. In dem einen Fall wurde der Theatersaal erbeten zu einer Jubiläumsfeier zu Ehren des Papstes Leo XIII.. des Oberhauptes der katholischen Kirche, was doch nicht rwtwendig eine politische Feier fein muß und nickst gewesen ist, im andern Fall wurde die Bisnmrckfeier als ein ftäbtifdjeS1 Fest von der Stadt zu Ehren ihres Ehrenbürgers veranstaltet unb schon dadurch war eine politische Feier ausgeschlosse n". Dagegen wendet sich in aller Schärfe die „Wormser Ztg." Sie betont, daß die Msmarckfeier tatsächlich politischer Art war und daß in der Festrede des Direktors Schädel ausdrücklich ein Vergleich zwisch,en dem politischen Einst und dem politischen Jetzt gezogen war, in der Ansprache weiter von „unseren (polittschen) ©egnem", vom „inner- politischen Leben" die Rede, und ferner direkt auf die Agitation der sozialdemokratischen „Wortführer^', airgespielt worden war. Schließlich richtet die „Würms. Ztg." an die Stadtverordneten die Bitte, die Behandlung des Falles^ in protestantischem Sinne in die Hand zu nehmen. Aie Atucht der Prinzessin von Koöurg. Die Vorgeschichte der Flucht. Tie engere Vorgeschichte der Flucht läßt man allgemein mit einem Zusaurmentreffen der Prinzeffin mit Mattachich in der Dresdener tlunftausstellung am 28. Juli beginnen. Die verschiedensten Versuche Mattachick)s, sich der Prinzessin zu nähern, waren bis dahin in der Hauptsache immer gescheitert. Da äußerte die Prinzessin den Wunsch, Die Dresdener Kunstausstellung zu sehen, und der.mit ihrer Beaufsichtigung betraute Dr. Pierson begleitete sie dorthin. .Tie Prinzessin blieb in einem der Säle etwas zurück. Als Tr. v. Pierson sich nach ilyi; umsah, sand er sie im Gespräch mit Mattachich. Die Prinzessin drohte mit einem Austritt, wenn man sie nickst mit Mattackstch nxiterreben lasse, und so wurde diesem die Fortsetzung des Gesprack)ö bewilligt Damals soll die Flucht verabredet worden fein. Eine weitere Verständigung zw-üscl-en l>Nattachich unt> der Prinzessin Luise soll einerseits durch ein Tienstmadchen des Wettiner Hofes, andererseits burä) einen Herrn erfolgt sein, der der Prinzessin gegenüber wollte und ihr Zeichm geben konnte. Man glaubt, das Mädck>en habe Briefe an einem bestimmten Platze verborgen, von dem sie die Prinzessin im geeigneten Augenblick an sich nahm. Die Fluckst ist loohl in der .Art ausgeführt worden daß die Prinzessin in das Zimmer des unter ihr unter^brachten „Herrn au5 Graz", der btö zum Tage der F-lucht im dritten Stockw-evk go- wolmt hatte, uui> von dort ins Freie und in das Automobil gelangte. Aus verschiedenen Veröffentlichungen läßt sich ein Bild der an der Flucht beteiligten Persönlich ketten gewinnen. Der „Herr aus Graz" und angeMid)e Hotelier Weitzer ist von Heiner, kE- tigev Gestalt und großer Beweglichkeit; er bat blondes Haar und spricht den steirffch-östreichischen Dialekt. Von der Prinzessin Luise eMwirst ein Berichterstatter der „Wiener Zeit", .der Ende Aprll Gelegenheit hatte, mit der Prinzessin von Kobnrg im Lindenhof zu sprechen, folgende Schilderung: „Die Aehnlichkeit der Pfinzossin mit ihrer Schwester Stefanie ist unverkennbar. Nur ist Prinzessin Luise bedeutend stärker, wohl auch etwas größer. .Tas Haar ist — das läßt sich trotz des braunen Schleiers, den die Prinzessin um den Kopf geschlungen hat, sofort erkennen — stark ergraut; in Schläfen uM> Wangen hat die Zeit manche Furche gegraben. Trotzdem ist die Prinzessin, dank ihrer majestätischen Gestalt, .noch 'immer eine schone Frau. Sie trägt ein lichtgraues, lang hmurtterwallendes Kleid, darüber einen lichtbrauneu Paletot, auf dem Kopf ein breitrandiges Filzhütchen, an den Füßen braune Schuhe. In der in schwedisches Leder gekleideten Rechten hält sie einen bunten Sonnenschirm, mit bem sie lebhaft gestikuliert. Tie Prinzessin ist ungemein heiter gestimmt. Unter fortwährendem Gelächter erzählt sie von den Abenteuern ihrer Ausfahrt." Heute kann man mit ziemlicher Gewißheit annehmen, daß die gute Laune nur vorgetänscht war, um die Umgebung einzulullen. Immer bestimmter tritt ba» Gerücht auf, daß die letzten entscheidenden Beratungen über die Flucht der Prinzessin Luise in Florisborf bei Wien stattfanden. Wie verlautet, wußte der Freund Mattacksichs, der Grazer Hotelier Anton Weitzer, der, wie bekannt ist, persönlich bei der Flucht der Prinzessin mitgewirkt hat, seinen Bruder Josef Weitzer den Wirt des Florisdorser Rathauskellers, zu besttmmen, die zur Durchführung des Planes erforderlichen Geldbeträge vorzustrecken. Josef Weitzer tat dies, nachdem ihm ein Dokument vorgewiesen worden sei, worin sich ein großes Pariser Unternehmen verpflichtete, jener Person oder den Personen einen hohen Betrag, angeblich 150 000 Francs, guszu- zahlen, die die Prinzessin befreien und sie auf französische Gebiet bringen würden. Im Mai fanden allnächtlich im Florisdorser Rathaus'keller Besprechungen statt, woran auch eine dicht verschleierte Frau teilgenommen haben soll. Trotz den Meldungen die Prinzessin sei in der Schweiz, glaubt man, daß sie bereits auf französischem Boden sei. Geza M attachich Von Geza Mattachich hat nach dem Erscheinen seines BucheS Felix Salten in der „Zeit" die folgende Schilderung entworfen: „Ein ganz schlanker, schmalschulteriger^ lang gewachsener Mensch. Auch die lahmste Phantasie kleidet ihn auf den ersten Blick unschwer in die Kavallerieuniform, denn er hat diese typisch österreichische Gestalt und lässige Haltung des Aristokratenofsiziers. Auch bas Ge.sicht ist schick. Keineswegs hübsch. Keineswegs das Antlitz eines schönen Mannes, aber ein elegantes Gesicht. Die Nase springt weit vör und die Wangen fliegen so weit zurück, daß sie nur wie seitliche Fortsetzungen und Anschlüsse der Nase erscheinen. Sie ist vornehm, diese 9tase. .Gleich von der Wurzel an kraftvoll geschwungen. ,(fin touragierter Bogen. Sehr freundliche und ungeheuer gutmütige Augen. Wen dieser Mensch lieb hat, .dem ist er willenlos ergeben. Tas sprechen diese Augen. Tie Stirn ist knapp so breit, daß ein deutlicher Eigensinn darauf Platz hat Aber in dem ganzen Gesicht herrscht ein einziger Ausdruck: Gutmüttgkeit. Tazu eine zärtliche, weiche Stimme. Ruhig. Verhaltenes Temperament Zuttaulichkeit und Treue. Das hört man aus jedem Ton. Im ganzen: ein Mann, dem man es zutraut, grauen in sammetweiche, warme Liebkosungen einzuhüllen, sie mit kleinen, schmeichelnden, streichelnden Huldigungen zu berauschen. Ein anschmiegsamer, ^karessanter Mann, ohne Spur von Koketterie, dafür aber kindlich Und das ist gerade die verlockendste Art. So bescheiden und so, als ob es nicht eben viel wäre, spricht er von feinen Erlebnissen, vom Zuchthause, vom Dunkelarrest, von allem, was er verloren, daß man sich immer selbst daran mahnen muß, ein wie ungeheuerliches Schicksal dieser Mann zu tragen hat. Nur wenn er von der Prinzessin redet, .totrb et wärmer. .Und da hat er nur ein einziges, wenn auch schüchtern geäußertes, aber merkbar leidenschaftliches Streben: daß man ihm glauben möge, Luise von Koburg sei gesunden Geistes, sei vornehm, .edel, liebenswert und ..einet Gliedern Handlung Anfähig." Die zivilaerichtliche Seite der Entführung. Prinzessin Luise von Koburg ist ihrem Gatten, dem Prinzen Philipp von Koburg entflohen. Prinzessin Luise ist aber auch rechtsgültig für geisteskrank erklärt worden und hat sich der irren- ärztlichen Bewachung durch die Flucht entzogen. Ter verlassene Ehegatte tann die Rückstellung feiner untreuen Gattin durch das Gericht verlangen, ebenso ist ixu, Kuratelsgericht verpflichtet, den entwichenen Geisteskranken festnehmen zu lassen. Diese beiden Umstände waren im gegebenen Falle wohl zu beachten. Nun ist das Oberhoftnavschallamt im Sinne einer Juftizministerial-Ver- ordnung vom 8. Juni 1858 Personalmstanz der Familie deS Prinzen August 'von Koburg-Gotha; die Hilfe dieses Gerichts hat fohm Prinz Phllipp anzurufen. Aber auch für die Prinzessin Luise als Gattin des Prinzen ist das Forum des Oberhofmarschall- amts begründet; dieses ist ja auch bekanntlich seinerzeit gegen die Prinzessin eingeschfitten und hat sie auf Grund eines gerichtS- ärztlichen Gutachtens entmündigt Das Oberhofmarschallamt setzt sich einerseits aus Hofbeamten, andererseits aus Richtern des Wiener Lmrdgericksts zusammen; Berusungsinstaitz ist der oberste Gerichtshof. Von ungarischer Sette ist fdjon oft die Streitfrage aufgeworfen worden, welches Recht — ob östreichisches oder ungarisches — dieses Hofgericht anzuwenden hätte. Bisher wurden stets die Bestimmungen östreichischen Rechtes und Verfahrens zur Anwendimg gebracht, und man wird auch im vorliegenden Falle von der Regel nickst abgehen. Hierbei muß betont werden, daß nach östreichiichem Rechte bav Hofmarschallamt nunmehr das offiziöse Verfahren einzuleiten haben wird, .welches nicht so sehr an strikte Regeln gebunden ist, sondern vieles dem billigen Ermessen deS Richters überläßt. Die Gatterrrechte des Prinzen Philipp von Koburg.ivirb das Gericht, nur wenn es von ihm angerufen wird, zu schützen haben, als Kuratelsbehörde der Prinzessin hat eS von Amtswegen vorzugehen. Da Prinzeffin Luise außer Landes geflohen ist, ^wird die Rechtshilfe auswärttger Staaten in Anspruch genommen werden müssen. Nun ist am 14. November 1896 die Haager Konvention zustarche gekommen, in der sich Belgien, .Spanien, Frankreich, Italien, Luxemburg, die Niederlande, Portugal und die Schweiz unter gewissen Bedingungen zur Gewährung gegenseitiger Reckstshttfe verpflichteten. Später sind auch Schweden-Norwegen, Oesterreich-Ungam, daS deutsche Reich, Dänemark, .Rumänien und Rußland dieser Konvention beigetreten. Nach Artikel 5 der Konvention können die Vertragsstaaten in allen Zivil- und Handelssachen sich durch Er- suckffchreiben an die zuständige Behörde des betreffenden Staates wenden, „um zu erwirken, daß sie innerhalb ihres GcsckKfts- Ereifcä eine richterliche Prozeßhandlung oder eine andere ger'icht- liche Handlung vornehmen". $ie auswärtige Behörde ist sodann verpftichtet, dem Eüsuckxm zu entsprechen (Artikel 7), mrd nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen kann die angesuchte Intervention verweigert werden, so wenn die Echtheit der Urkunde nicht feststeht oder wenn im ersuchten Staate die Erledigung doö Lln- fuchens nicht in den Bereich der Gerichtsgewalt fällt (Arttkel 7, 1 und 2.) TpineSsallS würden also die auswärtigen Behörden in die Untersuchung der Frage ein treten dürfen, ob die Prinzessin wirklich nod) geistes°ttank ist, .und ob daS gerichtSärztliche Gutachten auf rechtmäßige Art zustande gekommen ist. Er- wälmeuswert wäre schließlich nod», daß die Uebermittlung der Srchsschreiben stets auf diplomatischem Wege zu erfolgen bat, nur mit Deutschland ein unmittelbarer Gcsckwstsverkehr zwischen den beiderseitigen Staaten zulässig ist. Es ist somit klar, daß Prinzeiffin Luise im Betrettmg'ssalle den östreichl.schen Behörden übergeben werden müsste. ♦ Wie der Porcher „Tempö" mitteilt, hat die Prinzessin Luise von ft0bürg beschUststm, gegen den Prinzen Pbilipp von Koburg eine Klage auf Herausgabe der N. it- gift im Betrage v on 5 M i 11 i 0 n en M a r f anzilsirengeil. Die sächsischen ^richte lassen die Prinzessin und ihre Ent- ffthv« mwerchtu Mit Gegenwärtigem beehre ich mich, den Bewohnern von Giessen und Umgebung die gefällige Mitteilung zu machen, dass ich das in Jeder Stilart and Preislage. Anfertigung nach gegebenen Zeichnungen in eigenen Werkstätten. Mit Offerten und Kostenanschlägen stehe bereitwilligst zur Verfügung. Besichtigung meiner Lagerräume, sowie meiner fünfzehn komplett eingerichteten Masten immer ohne Kaufzwang gerne gestattet. Hochachtungsvoll 16 Kaplansgasse 18. Telephon No. 399. von Braut-Ausstattungen, Hotel- und Restaurant-Einrichtungen Peter Kronenberg' weiterfhhre. Es wird stets mein Bestreben sein, nur gute, solide Waren bei mässigen Preisen zu führen und bitte ich, das meinem Vorgänger geschenkte Vertrauen auch mir gütigst bewahren zu wollen. Zugleich empfehle bei Bedarf mein reichhaltige» Lager in allen Arten Kasten- und Polster-RflöbeBn, StüSiBen etc. Peter Kronenberg früherer Leiter der Firma H. C. Werner. Möbel Fabrik Lager mn Ausstattungsgeschäft der Firma H. C. Werner erworben habe und als alleiniger Inhaber unter der Firma Antreten: Turmhaus am Brand. DaS Kommando. 2.20 , Bahnhofstraße 27. la. Wnmachzwetscherr per Pfund 8 Pfg., bei 10 Pfund 7 Pfg., bei 25 Pfund 6 Pfg. Gebrüder Berdux — Schmidts — Patent-Waschmaschinen D. R. P. mH Doppelboden und Metalldeokel sind allen voran —125000 Stück Im Gebrauch — Jedes einschlägige Geschäft führt diese Maschinen. Generalvertrieb: C. KOCH, BERLEBURG. «“/4 Gießener Freiwillige Feuerwehr sowie B ■/, Pflichtfeuerwehr III. u. IV. Notte Mittwoch de« 7. September, abends pünktlich 81/* Uhr Nur feinste Jtal. Tafcltrauben per Pfund 28 Pfg. 5 Pfund-Kistchen 1.25 Mk. Geschäfts-Verlegung. Unfer Geschäft befindet sich seit dem 1. September m Gießen Aue KrusiUferchch. Julius Rosenthal & Co. Häute, Felle, Därme und Metzgerwerkzeuge. Telephon Nr. 69. 7189 Zur Bürgermeister Wahl in Klein-Lindon ist aufgestellt: Oemeiuderechner Job« Germer. Gr ist ein Mann von Umsicht und Gerechtigkeitssinn, er wird seine ganze Kraft für das Wohl der Gemeinde und ihrer Ortsdürger einsetzen und jeden unparteiisch behandeln. In seiner vierjährigen eh Gemeinderechner hat er gegen Arm imb Weid), Vanb wirte und Arbeiter das gleiche Entgegenkommen gezeigt und sich dadurch unser Vertrauen erworben. 05095 Biele LauHmrtt, Saiilüverlkr, Arbeiter u. Balrnbciiinte. Uebermorgen Ziehung . , d« Hleßener Jferde-Lotterie. Lose ä 1 Mk. bei allen Lofegeschasten und dem General- ■ «Leuit 7199 Richard Buchacker, Neuenbäue 11. gan6irbtil5f^ltmfrl.(flnliinaan Gieße«, Südanlage 7. Swinn des Unterricht» in allen weibliche« Handarbeiten, sowie Ännfterbeiu«, Brandmalerei, rtefbrand, Schnitzerei, rederplnftik u. s. w. 7187 Donnerstag den IS. September 1904. Öt 1 n Nc fSIofft Kr-m e AMr, ilgad e nolttl tenr Doch fa tum b läufig \ riefte sie nid Der flefanntr yescf»cr m flfit der s des tzeoßben« -er Vam Kunden Ärft soll de Ä toii Dritan nover für rii N Hi fotte.T Uchtg- no6 finden 1 3lo bcsyv stein öffentl und 1 v. Ha Herrn vermö des H Hanm geben! kann i Denn dann i Stfnrmi talüfr ohitott eiten berat, Ma bet $ °ur« lchlyy^. ve ,Lflein lüftet, robufte btt »«berg, «h 8ep *flroBijr -41 bie bg . V"'- “1 tciniqr'r kr*ii ift cj'i > a - Ohne teuere Zutaten schmackhaft zu kochen, ermöglicht |'S UU||*7n Man beachte die ■■Ul Zu. jedem Originalfläschchen beige- ■ gebens Anleitung. Adolf GelSSe, SelterSweg 2, Ecke am Kreuz. , Unübertroffen! A billig, wohlriechend u.sparsam, auch für feine Wäsche u.ais Toilette-Seife. 8811/, t Rc»tten'Gift JL „Ackerlon“ 1 staatlich anerkannt als sicherstes Mittel zur schnellen und vollständigen Ausrottung. Packet 60 Pfg. Philipp Schwager Wwe.,Git|jrii [6583] Freß- und k Müstpuwcr „Monopol.“ Packet 50 Pf. Alleinverkauf bei Adolf Bieler, Viktoria-Drogerie, 7186| Marktstr. ö. Biele kranke leiden an: Blutarmut, Bleiche sucht, Nerven-, Plagen- und Ver- dauungsjchwäche, Mattigkeit, Abmagerung, Angstgefühl, Kurz- atmigteit, Herzklovfen, Ropswey, Rückenschmerzen, Appetitmangel, Blähungen, Sodbrennen, 2luf- slotzen, Erbrechen re. und siechen oft langsam dahin, ohne den wahren Grund ihrer Leiden zu ahnen und da» richtige Heilmittel zu finden. 69U4 Auskunft über em ganz hervorragendes, ärztlich wärmstens empfohlenes Heilmittel erteilt auf Grund eigener Erfahrung und zahlreicher Dankschreiben Solcher, die dieses Mittel gleichfalls mit bestem Erfolg gebraucht haben, gern an Jedermann kostenlos Eonrad Schmitz U., Godesberg a. Rh. SD hl»« tHhompsorTs Seifenpulver oAa/iÄe