Nr. 156 Zweites Blatt. 154. Jahrgang Erscheint tSglich mit Ausnahme des Sonntags. Die „Gietzener Samilienblßtter* werden dem »Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der „hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal. Giehener Anzeiger Mittwoch 6. Juli 1904 Rotationsdruck und Verlag der Brühl Ich«, Unwersttätsdruckerei. R. Lange. Gießen. Redaktion, Expedition «.Druckerei: Schulstr.1. Tel. Nr. 5L Telegr.-Adr.: Anzeiger Gießen. General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Eießen. Ire heutige Wummer umfaßt 10 Seite«. Kus dem Jahresbericht der hessischen Keweröe- Jufpcktioue» für 1802. IL Die Statistik ergibt serrrer eine Vermehrung der jugendlichen Arbeiterinnen gegenüber einer Ver- minderung der männlichen jugendlichen Per- souen. Von den 1106 jugendlichen Personen sind 787 männlichen und 319 leiblichen Geschlechts. Im allgemeinen ist eine Zunahme der jugendlichen Arbeitskräfte zu verKeichineu. An dieser Zunahme ist besonders das Baugewerbe im Berichtsjahre beteiligt, während die übrigen Industriezweige nur verhältnismäßig unbedeutende Verschiebungen ausweiscn. Auf 100 jugendliche Arbeiter im ganzen kommen etwa 30 weibliche; im Vorjahre bestand fast dasselbe Verhältnis. Weigert Uebertretung der gesetzlichen Vorschriften über die Beschäftigung jugendlicher Arbeiter mußte eine Reihe von Anzeigen und Bestrafungen von BÜrieüsinhabern im Bezirk Gießen erfolgen. lieber die mit den vorgeschriebenen Arbeitsbüchern gemachten Erfahrungen wird berichtet, daß ihnen von feiten der jugendlicher Arbeiter immer noch nicht die gebührende Bedeutung beigelegt werde; sie würden häufig beim. Verlassen der Arbeitsstelle zurückgelassen. Zur Beschäftigung jugendlicher Ar bei ter - innen an Sonn- und Festtagen wurde im Bezirk Gießen einer Molkereischule durch den Reichskanzler ausnahmsweise Erlaubnis unter bestimmten Bedingungen erteilt. Die sechsstündige Arbeitszeit der schulentlassenen, noch nicht 14 Jahre alten Arbeiter in den Zigarren- f a b r i k e u ist im Bezirk Gießen, wie durch Revisionen festgestellt wurde überall eiu gehalten worden. Bezüglich der Lehrlingsverhältnisse in den Fabrikbetrieben des Aussichtsbezirks Gießen ift seit dem Vorjahre keine wesentliche Verärgerung eingetreten. Lehr- lingszüchtertzi wurde in keinem Betriebe an» getroffen. 12 fabrikmäßig betriebene Anlagen hatten schulentlassene Knaben aus Grund eines besonderen Lehrvertrages als Lehrlinge eingestellt; die Zahl dieser Lehrlinge betrug insgesamt 43, wovon 18 auf die Lehrlingswerkstätte des Eisenwerkes Lollar entfallen, deren Einrichtung sich dauernd gut bewährt. Bezüglich der Regelung der Lohnzahluna wird gemeldet, daß die nach Gew^Ordu. § 134 Abs. 3 zu führenden Lohnzahlungsbücher für minderjährige Arbeiter schwer zu kontrollieren sind und sich weder bei Arbeitgebern noch Arbeitnehmern einer Beliebtheit erfreuen. Die Aufsichtsbeamten haben auch keine Handhabe, die Führung dieser Bücher zu erzwingen, da das Gesetz das Nichtführen bisher nicht unter Strafe gestellt hat. Die Durchführung des auf Gruno von Bundescatsbe- ichlüssen nach § 139 a Gew.-Ordn, erlassenen Ver bots der Beschäftigung jugendlicher Arbeiter in Rohrzucker fabriken ,Zuckerraff inerten re. vom 5. März 1902 hat im Bezirk Gießen keine Schwierigkeiten geboten, lieber das Verbot gewisser Arbeiten nach § 120e Gew.-Ordn. wird von Gießen gemeldet, daß unliebsame Störungen in den von dem Verbot betroffenen Steiubrüchen und Steinhauerei en vor- gekommen sind. Dieses Verbot vom 20. März 1902 untersagt Die Verwendung von Arbeitern unter 16 Jahren zu eigentlichen Betriebsarbeiten fast ganz. Damit ist aber eine Gefahr für die Heranbildung eures tüchtiger! düachwuchses verknüpft, die BerücHichtigunß verdient. Heber die Arbeiterinnen und ihre Arbeitsverhältnisse wird ausführlich, berichtet. Von allen Fabriken und diesen gleich zu rechnenden Anlagen beschäftigen 914 oder 22.3 v. H. erwachsene Arbeiterinnen. Insgesamt werden in 1261 ober 22.8 v. H. aller Anlagen erwachsene Arbeiterinnen beschäftigt. An diesen Anlagen ist der Bezirk Gieße n mit 218 Anlagen beteiligt. In Fabriken ioerben 13 576 erwachsene Arbeiterinnen beschäftigt; babei kommen aus 1000 erwachsene Arbeiter 219 Arbeiterinnen. In allen gewerblichen Anlagen befinden sich 14 051 erwachsene Arbeiterinnen, von denen 6160 im Alter von 16 bis 21 Jahren stehen und 7891 über 21 Jahre sind. Bon der erwachsenen Arbeiterinnen kommen auf den Bezirk Gießen 2570 Arbeiterinnen, b. h. 19 Prozent der Gesammtarbeiterschaft (im Vorjahre 2411); bavon find 975 unter und 1595 über 21 Jahre ult. Die Zunahme der Arbeiterinnen im Bezirk fällt hauptsächlich auf die Zigarrenindustrie, dann auf die Dampswäschereien in Bad-Nauheim und Umgebung. Die übrigen Jndustrie- gruvven unterliegen, da sie nur verhältnismäßig wenig weibliche Arbeiter beschäftigen, mir geringen Verschiebungen. Von den 2570 Arbeiterinnen sind 1807, also fast 8/4 allein in der Zigarrenindustrie tätig. Beispielsweise sind im Berichtsjahre 1'903 in der Stadt Gießen allein 814 weibliche Arbeitsträste, darunter 89 jugendliche, gegenüber 298 männlichen Arbeitern in diesem Industriezweig tätig gewesen. Das Uebertüiegen der weiblichen Arbeitskräfte in der Zigarr eninduftrie ist nicht zufällig, sondern findet seine Erklärung in der Eigenart des Betriebes selbst. Die Tätigkeit stellt an körperliche Leistungssühigkeit und Kraft des Einzelnen keine hohen Anforderungen. Daher findet bic weibliche Jugend in dieser Branche eine ihrem Körperbau zufagende und verhältnismäßig leichte Beschäs- tigung. Diese Tätigkeit wird einer Stellung als Dienstmädchen m e i ft vor gezogen, wohl auch des freieren, ungebundeneren Lebens halber. Auch ist stets Bedarf an weiblichen Arbeitskräften bei guter Bezahlung imb die Fabriken des hiesigen Bezirks können einem stärker dauei liche Folge davon ift aber der Dienstmäd ch e n - W e l in unserer Stadt. Um Bewilligung von Hebernr b ei tszeit gemäß § 138a Gew.«^5rdn. wem im Bezirk Gießen von sieben Fabriken nachgesucht wteden. Es machten aber bloß drei Fäbriken von der Erlaubnis Gebrauch, sodaß im ganzen nur 54 erwachsene Arbeiterinnen an 62 Tagen zu einer Heber arbeit von 1 bis LSStunden täglich herangezogen wurden. Ausnahmen nach. § 139 Abs. 2 Gew.-Ordn. (betr. anderweitige Regelung der Arbeitszeit) sind nur in Gießen bewilligt worden. Wasl die Arbeitszeit der Arbeiterinnen im allgemeinen betrifft,' so ist sie der Arbeitszeit der übrigen Arbeiter in der Regel gleich. Die Gewährung längerer Mittagspausen macht überall Fortschritte. Die Aufrechterhaltung der guten Sitten und des Anstandes erfordert: stetig die Aufmerksamkeit der Beamten. Die Fürsorge erAreckt sich hierbei nicht nur auf die rein äußerlichen Maßnahmen, die man von jedem Arbeitgeber verlangen kaum die Beamten geben sich vielmehr auch Mühe, den MißHelligkeiten Schranken Zu ziehen, die aus dem unvernuHdlich^u Zusammenarbeiten beider Geschlechter sich ergeben. Sie stoßen aber hierbei vielfach mit den Gewohnheiten der Bevölkerung zusammen, die in dSn Arbeitsräumen weiter gepflogen werden. Einzelheiten über Zustände dieser Art melden die Berichte von Mainz mid Offenbach. Den Anregungen der Beamten entsprechend ^wurden Ankleideräume verbessert und Abortanlagen versch-Hentlich gesäubert und zweckent- sprechend abgeändert. Karlamientansches aus Kesien. Der dritte Ausschuß berichtet über die Ersatzwahlen in den Wahlbezirken Bilbü und Bad-Nauheim-Friedberg. Er beantragt, die Wählen der Abgg. Bürgermeister Ullman n zu Nieder-Ei^enbach und Rechtsanwalt W in d e ck e r in Friedberg für grltig zu erklären. Der Abg. Haujjiel beantragt: a. die jährliche Stempelabgabe von 5 Mk. für eine Rad fahr karte nach Nr. 58 des TarW zum Gesetz über den Hrkundenstempel ist auf 3 M'k. h^r ab zu setzen, und die Ausnahmebestimmung unter Ziff. 2 zu Nr. 58 zu streichen; oder im Falle der Ablehnu.«g oieses Antrags: b. dem Absatz Ziff. 2 ist folgende Fassui^ zu geben: „Lohnarbeiter, Ge- werbetreibeud'e und in der Berufsausbildung stehende Perso-^'nen, welche das Fahrrad zum Transport nach und Ma der Arbeitsstelle benutzen (Schüler häherer Lehransta^en ausgenommen), sofern ihr jährliches Einkommen den betrag von 1500 Mk. nicht erreicht." In der Begründung ßührt er aus: „Die zurzeit M'tefcnbe Fassung von Nr. 58 des Stempel- tariss, welche eine Befreiung nur der Lohnarbeiter und Gewerbetreibenden von der jährlichen Stempelentrichtung für eine Rad- fabrkarte zuläßt, sch-ietzt eine unbillige Benachteiligung alter derjeuigen Pionen ein, welche zwecks ihrer Berufsausbildung das Fahrrad benutzßm und den Betrag von 5 Mk. jährlich entrichten müssen, obs'-wn sie in den meisten Fällen kein ober doch wesentlich geringer^ Einkommen als 1500 Mk. haben. Es sind dies solche Personen, die als Gehülfe bei den verschiedenen Aemtern an Privat-, Komrtmnal- und Staatsdienst verwendet sind, auch die Schuler der verststedenen BildungsMistatten, die höheren Schulen ausgenommen. ^Tich'err zu bereck-tigten Klagen führenden Miß- st.a n d sucht der Antrag zu heben, in der Erwägung, daß burd) eine Reduzierung ,iber gesetzlichen Fahrradfteuer von 5 Mk. auf 3 Mk. ,dcr Staatskasse kein oder doch kein wesentlich großer Ausfall eirtstehen dürjste, wenn nach Antrag a) die Abgabeerhebung durch.Streichung «:r Zister 2 zu 9er. 58 des Stempellariss auch auf Lohnarbeiter und Gewerbetreibende mit Einkommen unter 1500 Mark ansgckehnt würde. Eine Ablehnung dieses Antrags muß aus Billigkv.tsgründen die Ausdehnung der Abgabefreihert auch auf die obev. genannten Personen zur Folge haben, wonach ^isf. 2 zu Nr. 5|8 die unter b) beantragte Fassung zu erhalten Man wird dß.esen Antrag des Michelstäb ter Abgeorbneten auch bei uns ip Oberhessen, wo das Rad noch viel mehr als bisher in den Dienst von Handel, Industrie, Landwirtschaft und '.Gewerbe treten tonnte, mit Freuden begrüßen. Uns sÄb mehrere Fälle bekannt, in denen kleine Gewerbe tr eilibe nd e aus Gießen und den dtachbar- orten Gießens,. deren Einkommen sich über 1500 Mk. in manchen Jahrchn kaum erhebt, ihre und ihrer Gehilfen Räder, die ilzne^i für die Betreibimg ihrer Geschäfte von größter Wächtitzkeik sind, haben verkaufen müssen, weil die Fahrvad-Steuer von jährlich 5 ML ihnen aus die Dauer als zu drückende Last erschienen ist. Aber auch besser situierte Besitzer von Fal)irüdern, die um ihrer Ge- smidheit willeuc ihr Rad in den Sommermonaten allwöchentlich durchschnittlich vielleicht nur einmal zu benutzen im ftajibe waren, haben wegen der lästig' hohen Steuer das Radeln auf gegeben. Viele andere haben es der Steuer wegen überlMupt nicht begonnen. Daß die hohe Steuer das Geschäft der F-ahrradhändler und Fahrradfabrikanten wesentlich beteilrft und deren Steuerkrast unnötig mindert, unterliegt feinem Zweifel. Komische Tagesschau Die hessische Wahlkreiseiuteilnng. Von unsrem Darncstädter Redaktions Bureau geht uns algeuder Druücht zu, datiert vom 5. b. Ml.: Der auf 14 Mitglieder verstärkte Wahlre ch ts aus - ch u ß der «fit^-iteu Kammer tuar gestern und heute Mr Beratung der Wahlkreiseinteilung zusammen. Ent- Men den von interessierter Seite schon heute abend ge- lijsentlich verbreiteten Dfeldungen über die einmütige Stimmung im Ausschuß wollen wir konstatieren, daß die 93eratu n ö nichts weniger aIs ruhig und friedlich verlief Sowohl die Väihlkreiseinteilung für Ober- Hessen, r.flie namentlich die für Rheinhessen rief teilweise sehp erregte Debatten hervor, was auch dadurch zum Ausdruck laut, daß ein Abgeordneter unter lautem Protest gegen die Ablehnung seiner Anträge b'.in Sitzungssaal verließ und nicht lvieder- kehrte. Wst' man uns versicherte, sollen in Ober Hessen einzelne Wählt reise bei der Einteilung besonders bevorzugt worden sein, währerid andere zere i s e luäeder g a r 11 i ch t b er ü cksichtigt ivurden, wie z. B. Lauterbachs Schlitz, Herbstein, Hlrich- te in, Sch otteu-Lan buch it. a. ES loerbcn daher mehrere ^Abgeordnete ihre Zustimmung von dem Verlauf der Plenarverhandlung abhängig machen. Zur weiteren Erledigung von Differenzen re. ist auch für Donnerstag früh 9 Hhr noch eine neue Sitzung des Ausschusses anbe- raumt. Wie verlautet, soll ein MitKied des Ausschusses beabsichtigen, bei der Plenarberatung am Donnerstag den Antrag zu stellen, die Vorlage ohne die Wahlkreis ein teilung zu verabschieden und den Beschluß zu fassen, daß die Festsetzung der ländlichen Wahlkreiseinteilung, wie es auch im Regierungsentwurf vorgesehen war, im Wege der Verordnung erfolgen soll. Ein solche Ausweg wäre mit Freuden zu begrüßen. Den Beratungen wohnten von der Großh. Regierung Geh. Staatsrat Krug Mr Nidda und MinisterialM Weber bei; auch eine größere Anzahl nicht dem Ausschuß angehöriger Abgeordneter war bei den Beratungen zugegen. Wie in der Sitzung erzählt wurde, soll Wg. Erk (Wahlkreis Nidda-Orteuberg) bestimmt erklärt haben, ba§. er aus der nationalliberalen Partei aus treten und sich den Bauernbündlern als Mitglied anschließen werde, angeblich aus Anraten seiner Wähler. In Friedberg und Bingen hat man bereits sehr energisch gegen den Beschluß der Kammer auf Entziehung des Landtagsmandates protestiert. 3n Friedberg wurde eigens zu diesem Zwecke von Bürgermeister Stahl und den Landtagsabgg. Damm und Win deck er eine Versammlung einberufen, die äußerst stark besucht war. Es fielen scharfe und entrüstete Worte gegen die Kammerrr^rheit. — In Bingen beschlossen in außerordentlicher Sitzung die Stadtverordneten nach einem Referate des Landtagsabg. Pennrich, im Namen der Stadt energischen Protest gegen den Beschluß der zweiten Kammer einzulegen. — Wie verlautet, plant auch Alsfeld eine Protesterklärung gegen den Kammerbeschluß. Die badische Verfaffuugsreforvu Die erste Kammer icahm soeben den Gesetzentwurf betr. bce Berfafsungsreform nach den Beschlüssen der Kommission mit allen gegen die Stimme des Fürsten Karl von Löwenstein an. Tie Verfassungskommission hatte folgende drei Hauptgesichtspunkte als für die erste Kancmer maßgebend ausgestellt: 1) An der Gestaltung der zweiten Kammer, wie sie in der Fassung der letzteren gefordert wirb, soll möglichst wenig geändert weichen; 2) die Zusammensetzung der ersten Kammer soll im wesentlichen nach dem Negierungsentwnrf gebildet werden; 3) — und das ist das Entscheidende — die staatsrechtlichen B efugnisse der ersten Kammer in bndgetrecht- licher Beziehung sind den veränderten Verhältnissen entsprechend im allgemeinen ^taatsinteresse zu erweitern. Die Erweiteo' ung des Budgetrechts — welche die Befugnisse beider Kammern ungefähr gleichstellt — soll ausdrücklich das Gegengewicht bilden^für das direkte Wahlrecht und eine Waffe gegen die Sozialdemokratie. Der Kommiffionsberivht ergebt sich hier zu bemerkenswerten allgemeln-politischen Auslassungen. Tie heutige sozialdemokratische Bewegung, so heißt es darin, werde vielfach in zu einseitiger Weise als eine rein fojiale ausgefaßt und demgemäß als eine menschlich gerechtfertigte unterstützt; tatfächllch sei sie aber im tiefsten Grunde eine politische Bewegung von eminenter Tragweite, indem sie — bewußt und unbewußt — aus die Herstellung reiner Demokratien, Zunächst des parlamentarischen Regierungssyltems, im weiteren Verlaufe der Republik zutreibe. Ter Geschmack an dieser Richtung habe bereits weit über die Grenzen der eigenllichen sozialdemokratischen Partei hinaus im Volke Wurzel gefaßt. Was wir bedürfen, sei Stärkung der Autoritäten, vor allem der Monarch»; gegenüber den Fortschritten des Radikallsmus. Das einzig noch ernsthaft dem Zustandekommen der badischen Verfassungsrevision im Wege Stehende ist, daß die erste Kammer verlangt, die Einstellung der Budgetsätze in das Finanzgesetz — welche jetzt nach den Bewilligungen der jweiten Kammer erfolgt — solle künftig nur nach .den übereinstimmenden Beschlüsien beider mauser erfolgen. Ddese Verschiebung des bisherigen Verhältnisses beider Kammern war weit nrehr eine staatsrechtliche als eine politische Tatsache; sie dürfte kaum jenrals in absehbarer Zeit in Anbetracht unserer Parteikonstellation praktisch werden. Eine zweite Kontroverse dürfte weniger Schwierigkeiten bereiten: die neue Wahl-- kreiseinteilung. Das Zentrum vor allem ist mit dem Ne- gierungsentwurs unzufriedell, und sein alter Führer Geistl. Rat Th. Wacker, der in entscheidenden Augenblicken der Partei — trotz der Zurruhesetzung x— noch immer die Direktiven erteilt, hat soeben einen Gegenvorschlag veröffentlicht. Zweifellos hat er damit Recht, roemi er der Großstadt Mannheim sechs — statt der von der Regierung vorgesehenez: fünf — Abgeordnete (von r<4) zugebilligt haben will. Das führende Zentrumsorgan, der „Badische Beobachttr" erllärt aber, daß „bie Verfassungsrevision keinesfalls an der Wa hl- kreiseinteilung scheitern wird." ♦ e Die Verfasiungsreform in Württemberg. Ebenso wie in Hessen, Baden und Bayeric steht auch in Württemberg die V e r f a s s u n g s r e f 0 r nc so sehr int Vordergrund des politischen Interesses, daß alles andere dagegen zurück- tritt. Im ganzen sind vier Staitdpunkte gegenüber der Reform vorhanden: ablehnend, gleichgiltig, gemäßigt, radikal. Tas Zentrum verhäll sich ablehnend; sein Wunsch geht dadin, daß alles beim Alten bleibt, weil eine Verfassungsreform ohne Beseitigung des UebergciuiclXS der großenteils ausländisch^ klerikalen Staiüx^sherren in der ersten Kammer einfach unntöglidi ist; gleichgiltig ift der größte Teil des Bauernbundes, und zwar aus zweierlei Gründen: einmal ift wirklich den dauern die Verfassungsrevision an sich kein Anliegen erster Gütesodann aber hat es.die Bundesll'itung .nötig, oder glaubt lvenigstens es nötig zu hoben, beim Zentrum lieb Kind zu bleiben. Gemäßigt sind die N a t i on a 11 i b e r a 1 e n , sofern sie von vornherein damit rechnen, baü eine Beseitigung der ersten Kammer nicht in Frage konnnen faiui, und deSl-alb nur eine solche Reform wollen, durch welche die zweite Kammer das llelKrgciuicbt des klerikalen Fendaladels beseitigt wird. Zu den iR'mätzlgten sind aber auch die Demokraten zu rechnen. Sie rufen zwar „Weg mit der ersten Kammer!", richten aber ihre Taktik so ein, daß sie sich nicht von vornherein auf ein „Nein" gegenüber einem etwaigen Rcgierunaöentwurf feftlcgeu, der die Beseitigung der ersten Kammer nicht bringen wird, dagegen verbeißen sich die Sozialdemokraten in die radikale Forderung der Abschaffung der ersten Stamm er derart, daß sie feder weniger radikalen uieform jetzt schon den Krieg erklären und dabei selbst mit dem Feuer eines VeriassungSbruchs spielen. Laß ein folcbe» Vcr hatten dem Fortschritt bient, glaubt tvohl ine Sozialdemokratie Selber nicht. Geld Dir m tm tftnafkit m itten über btr Novelle -um Münz- Ffitz t*tdfd4j bncugtr Unbeliebtheit ber neuen Fünsmark- uje du: nn '^ui-Jx -ut zu einer bemerfenOuertai Cntfdüieping uefubit Ter vom fHeidtMage -itfvrbeneu Reuprügiing von Trei* marb'tuden hcu der thiuMtut z»var nicht entsprod-eri, er hat viel* mehr n*\)en Chckv Tifierenz die ganze Novelle scheitern lassen. 'Abfi ui anderer Be-ietZ»inünsmardtacren und dafür ;<> Millionen in Zwei- und 15 IViKuuien in GimiMrt aidcn ausgeprägt lverden sollten. Liesen Amrag >u der Bundis rat auch angenommen. Per AuiiiaKd ui 5>iui|<6-S»üön>r|tafrißtf. Lre Hiuaussendung non L ruvpen und Vvr- töten nack dem Lriegsjchauplntz bi Südlvcsdasrika voll- zlleht sich dem Programm entjprednub, nne es von Anfang an ausgestellt wurde, nachdem eS sich l-crausgcstellt harte, daß zur crrdgrltigen Niederwerfung der Aufständischen gri^ßere Truppeuwrengen unter einer besonderen, nicht gUadyeitia burd) Berwaltungsgeschüfte üi Ausprud) geuom- menen Oberleitung erforderlich scicn. Die ^tbiransportc uns der Hounar massen nach den AuSschijjungsin*rhältnisjcn m Hwakopmitnd «regelt werden. Mehr als 300 Tonnen tonnen bicr pro ^ag selbst unter ßini^igx'n Lerüältnissen rrichr gelandet werden. Bei den letzt noch ausstehenden Lransporren tkuibell cö sich ui der Hauptsache nur noch um E r satz- und Etappen truppen^ von denen für die Sicherung und Besetzung der rüeQoärtigen Bertnndungen und für den Ausbau des Nad)richt«iwejeus eine um so «roßere Zahl gebraucht wird, je weiter die eigentlichen Lwnpstruppen sich von der Eisenbahn entfernen, unb die bdonber* unentbehrlich jein lverden, wenn, wie vorauü- zcheben, nach der Nrederwerfung der Herero die Ovambv uir BoNnäßigkeit angchalten werden sollen. — Wie ein Etliches Telegramm vom 3. Zull, meldet, sind Reiter Richard Lindner aus EllcrSdors ^Lolmrg-Goll>a) am L b. 3Ä. unb Reiter Alois Schmidt aus ÄUinborf ^KreiS Neisse) am 15. Juni d. I. in Otjoso-ndu an Typhus verstorben General v. Trotha melbct aus Okahan dja: Der Händler Wallace wurde vernommen. Er behauptet, vou den Hereros Mitte Januar nach Beraubung seiner Habe gewaltsam als Gefangener mitgcschloppt worden zu sein. Lr oerlleß die Herero am 8. Zunt. Diese jigeu riach seiner turnt) alle Meldungen bestätigten Angabe mit allen Werften und allem Bieh bei Grog-Kleys (?), südlich des Waterber gs, zwischen Water berg und dem Omu- rambafiuB um Ombujo-Wunboro herum. Sie halten den Onmrambafluß besetzt. Michael bäU mit seinen Leuten den Paß bei Ommveroume. — Dre Arbeiten zur Verlängerung der Mole von Swakopmund werden wieder auigenommen werden Wallace, der vorläufig in Hast verbleibt, flieht die Störte der Hereros aus 25000 Köpfe an, davon mindesurns 2000 LriegSleute mit Gewehren Kirche und Schule. — Hessische Kirchenbücher Bekanntlich mußten zur- zen da int Rheinllmde unter fianzösricher Herrschaft standen, die Lircheubücher der linksrheinischen Pfarreien an die Mairien, denen bic Führung der Zivilstandsregister über- rrag.m wurde, abgelleierr werden Znfolgrdessen sind drc Lllesten Kirchenbücher bis aus den heutigen Lag bei den Bürgermeistereien verblieb'n. Neuerdings macht sich nun unter der evangelischen GeiAichkeu Rheuchcuens das Bestreben gelteno, diese Bücher wieder für die Pfarreien zuruckzugewinnen, und -war im Zntrr- esfe der geschichtlichen Forschung. Die Kirchenbücher aus früherer Zeit enthalten nämlich nicht nur Protokolle über Taufen, Trauungen und Beerdigungen, sondern vielfach auch dazwischen tingeitreute Notizen über irnrtwürd.ge Vorkommnisse, die für die gesanchtliche, speziell für die Lrchevg schichtliche Forschung wertvoll sind. Zm Unterschiede vou den Pfarreien m Starkenburg und Ober Hessen find somit die rheillhesiischen Pfarreien arm an geschiöstlichem Material. Tos ist namenllich lest, ba die kirchengeschichtliche Forschung in Hessen durch die Begründung emer .^Zeitschrift für hessische Kirchengefchichre" m ein neues Stadium getreten ist, zu beklagen, unb das hessische Oberkonsiswrium ist deshalb bet dem Ministcrium des Zirnern vorstellig geworden, daß die in Frage stehenden Kirchenbücher wieder an die Pfarreien zurück gegeben werden möch^u. Tas Ministerium hat jedoch erklärt, daß diese Rückgabe unstarrhail sei und nur auf gesetzgeberischem Wege erfolgen könne, da die Aufbewahrung von znrchcuoüd^rn in den marsons communes eine Folge des französischen Gesetzes vom 20. September 1792 sei. Dagegen sind bic rhernhessischen Kreis- änrtcr vom Staatsminister angennqen worden, ine ihnen unter* stellten Bürgermeistereien zu veranlassen, den Geistlichen jederzeit die alten Zeirchenbücher zur Einsicht vorzulegen und deren Benutzung auch außerhalb der T«ienstrLnme der Bürgermeistereien In gestatten. tztaöl und Land. Gießen, den 6. Juli 1904. w Polizeibericht. In der vergangenen Nacht wurde von Schutzmannspatrouillen im Weichbild der Stadt nach Obdachlosen ic gesucht und eine Anzahl Leute von hier in Freiguartier betroffen. Der Philosophenwald wurde gestern abend emer polizeilichen Kontrolle unterzogen, weil er in letzter Zeit häufig bei Tag und Nacht durch liederliche Dirnen rc. belagert und unsicher gemacht wird. *• Der Lahntal-Sängerbund feiert, wie wir schon erwähnten, am 9., 10. und 11. Juli in Grünberg sein diesjähriges Bundesfest. Ungefähr,700 Sänger werden daran teilnehmen. Näheres geht aus dem Inseratenteil hervor. * Sommerurlaub für kaufmännische Angestellten. Tie Ferienzeit ist herangekommen. Allenthalben werden Vorbereitungen zu Erholungsreisen getroffen. Im LauftnannSstande flieht es zwar heute schon eine Reihe an- gesehener Handelshäuser, die ihren Angestellten einen Urlaub gewähren, jedoch muß man immer sagen, daß diese Firmen seither nur einen kleinen Bruchteil sämtlicher Handelsbetriebe bildeten. In den meisten Handelshäusern müssen die An- gestellten ohne Unterbrechung auch in den Sommermonaten Tag für Tag hinter dem Ladentisch oder vor dein Pulte flehen. Es wurde deshalb vor Jahren bei den Beratungen über die Gewerbenooelle im Deutschen Reichstage bereits die Frage aufgeworfen, eine Ferienzeit für Handelsangestellte gesetzlich anzuordnen. In Anbetracht der großen Schwierigkeit n. öic sich einer gesetzlichen Regelung dieser Angelegenheit entgegenstellen würden, ist zu hoffen, daß immer weitere Äreife der selbständigen Kaufmannschaft für ihre Angestellten einen Erholungsurlaub freiwillig emsühren werden. 5349 Anerkennungsschreiben vorzüglicher Lieferungen aus allen Kreisen wurden an dieser Stelle von der Möbelfabrik und Lager Th. Brück, Giessen, Ecke Schlossgasse—Kanzleiberg zur Veröffentlichung gebracht. Diese sowohl une eine weitere Serie noch nicht verbreiteter Referenzen stehen Jedermann gratis und franko nebst einigen photographischen Aufnahmen der besteingerichteten Eabrik- und Verkaufsräume zur Disposition und dürfte es sich empfehlen, vor Ankauf von Möbeln, Betten, Teppichen, Vorhängen etc. sich zu wenden an das 1858 gegründete Möbel fabrikations- und Ausstattung s-Geschäft Th. ff rück, Giessen, Ecke Schlossgasse— Kanzleiberg—Brandplatz. — 10 Schaufenster. — 100 Zimmer- i iiii ichtungen. — Lieferung franko jeder Bahnstation. — Telefon 373. — höchste Auszeichnung: überhessische G ewerbe- Ausstellung. — Lin gute- Geschäft. Die Norddeutsche Versicherungs-Gesellschaft in Hamburg halle bei dem Gordon- Bennot Rennen die Haftpflicht imb Unsall-Derstcherung übernommen und erhielt vom Deutschen Automobilklub für die paar Stunden der Dauer des Renneuü als Prämie die schöne Summe von 7300 Mk., tuojilr sie nicht einen Pfennig Schadensfall zn zahlen hatte. -fi Klein-Linden, 5. Juli. Der Jlurfchütz Klein fand nn (Karten des Zugführers Maus eine prächtige europäische Sumpfschildkröte von ca. 25 Ctm. Länge. Der Garten grenzt an mehrere Fischteiche, an denen schon in rüheren Jahren einzelne Exeniplckre gesehen wurden. « Allen dors a. d. Lahn, 4. Juli. Am Sonntag fand in unserer Gemeinde eme ordentliche Kirchen- Visitation der Schuljugend und der katechiLmuslehrpflichtigen Jugend durch den Superintendentzm Petersen-Darmstadt im Begein des Pfarrers pemebad) statt. (!) Lich, 5. Juli. Das Visenbahnkomitee der pro- jektierleu Bahiilinie Lich — Grünberg bereiste gestern die Strecke per Wagen und kehrte in den betreffenden Ort- chaften ein. Die Herren nahmen mit bcu Ortvvorständen nochmals Rücksprache über daü Stellen des Geländes. Alle Gemeinden, außer Harbach, haben sich hierzu bereit erklärt. Man hofft, daß die Strecke spätestens im Herbst in Angriff genommen wird. L Eberstadt, 5. Juli. Bel prächtigem Wetter feierten wir am Sonntag das bOjühri ge Sti stungSfest, verbunden nut Fahnemveihe des Gesangvereins Lieder- kranz. 9lad) einer Vorfeier am Samstag abend, bestehend rn Konzert auf dem Iestplatz, Wecknuf am Sonntag morgen und Empfang der auswärtigen Vereine, von denen 22 erschienen, bewegte sich um 2 Uhr ein stattlicher Festzug, bestehend au» MusilkorpS, Radfahrern, Gründern des Vereins, SchiiMaffen, Feftdanien, Ortöoorftanb> Festkoniitee rc. durch die nut Fahnen und Gmrlanden geschmückten OrtSstraßeii nach dem Fcslplatz, wo bald die deutschen Lieder ertönten und für allerlei Kurzweil gesorgt wvr. Die Festrede hielt Lehrer Junker, der Dirigent des festgebeuden Vereins. Gründer sind noch 8 mn Leben, babti unser alter Lehrer Haffeibaum und unser damaliger Psarvcr, jetziger Dekan L P. EellariuS, der trotz fein« 84 Jahve der Einladung zum Feste Folge geleistet hatte und eine herzerfrischende Aiisprache hielt, sich besonders über die Gründung des Vereins aus- lasiend. Em Feuerwerk am Abend bildete tut hier noch nie gesehenes Schauspiel. Am Nlontag sanb daS Fest in kleinerem Maßstabe seine Fortsetzung und liegt nun als schöne Erinnerung hinter unS, mit dazu berufen, die sich m diesem Jahre hier ereigneten unliebsamen Dmge zu verwischen. 1. Bad Salzhausen, 6. Juli. Nun ist auch für unser Bad die Hochsaison gekommen. Alle vorhandenen Logirzunmer find besetzt. Der Besuch dell BadcS weist gegen rüher eme bedeutende Steigerung auf. Auch die Zahl der RachmittagS-Badegäste, die aus der Umgegend nut den MittagSzügen eintreffen, um die Badegelegenheit zu benutzen, ist ungewöhnlich stark. Wie man härt, betragen die Einnahmen der Budekaffe schon das DoppeÜe gegen tue besten Erträgniffe der gleichen Zett früherer Jahve. Der schon früher chwer empfundene Mangel an einem ausreichenden Bade ha uS hat sich noch nie so fühlbar gemacht alS m diesem Jahre. Hoffenllich hat die Behörde bald em Einsehen und beschert unS fürs nächste Jahr nn neues Badehamv. I. Büdingen, 6. Juü. Dem in Muhestand versetzten Schulrat Buß, KreisschulInspektor hier, ist von verschiedenen Lehrern eme besondere Ehrung vor (einem Wegzuge zugedacht. Diese soll, rote man hort, bestehen in einem AbschiedvkommerS mit Ueberreichung emeL sinnigen Geschenke! U Marburg, 5. Juli. Hier hat sich ein aus den hervorragendsten Einwohnern der Stadt zusammengesetzter 'Ausschuß gebildet, welcher Vorbereitungen trifft, gelegentlich deS 400jähngen Geburtstages Philipps deS Großmütigen, der hier am 13. November 1504 das Licht der Welt erblickte, das Franz Treller'sche Volksbühnen- piel ,Philipp der Großmütigedurch geoaemsameS Wirken der Bürger- und Studentenschaft zur Aufführung zu bringen. Kleine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbarstaaten. In AlSseld und den uniliegenden Orten war am Freitag daS Artillerie-Regiment Nr. 47 auS Fulda emquartiert; es befindet sich auf dem Marsche zum Truppenübungsplätze Senne bei Paderborn, wo eS Scharf- chießen abhält. — In Nieder-Ofleideu stierte daS Ehepaar Wilhelm Rieß seine goldene Hochzeit. DaS Ehepaar teht im Alter von 75, bezw. 73 Jahren und erfreut sich noch bester Gesundheit. — In Homberg a. d. O. beging die Feuerwehr ihr 25jährigeS SttftungSsest, wcczu viele Wehren erschienen waren, darunter auch Grünberg. — In Ettingshausen feierten der Beigeordnete Johannes Oppec und seine Ehefrau, geb. Keil, am 3. d. M. ihre filbeme Hochzeit. vermischte». * „Marquis von Bcnzcnl) ose n". Hinter dem vor einigen Jahren in Greiz, der Residenz von Aeuß ä. L., er- schicnenen MarquiS von Monteplat, her sich auch noch Benze von Benzenhofen nannte unb vom verstorbenen Fürsten Heinrich XXII. von Reuß ä. L. den Kammers ^rnlltel erhielt, ist jetzt wegen Urkundenfälschung und Beleidigung ein Steckbrief erlassen wvrden. Wie verlautet, stammt der jetzt 46 Jahre alte „Marquis" aus Giebicheustesti. bei Halle und heißt Ltw Benze. ,(B. ist Versasser cmes übles, lanawciligeii und viele Sellen langen „Sanges" auf Kaiser Friedrich. Ende dcr achtziger Jahre lebte Benze als „Benze von Benzen Hosen" und „deutscher Dichter" in Wiesbaden, wo er seinen „Sang" erscheinen ließ, der ihm Hohn und Spott in Menge emtrug. Er pflegte mit dem Huie auf dem Haupte, weil er aln permanenten Kopfschmerzen zu leiden behauptete, in Wahrheit aber nidjt seine Perrücke dcrangieren mod/te, in dortigen literarischen kreisen zu erscheinen und sich mit dem Vorträge von absurden Gedichten, Erzeugnissen unfreiwilliger Komik, zu blamieren. D. Red. des „Gieß. Anz.^ ♦* Ter in Mülhausen L E. verstorbene Groß^ industrielle Köchlin (siehe Gieß. Anz. Nr. 155, 2. Bl..) ruft einem Leser des Gieß. Anz. ein Verscl>cu ins Gedäckstiils, das in der ernsten Zeit des Jabres 1870 viel Heiserkeit erregte. Köä>llN hatte, so scheint es, den Mund gegen die „Prvssiens" etwas zu voll genommen. Ties veranlaßte ein deutsches Blatt, ihm folgende Ne ine Warnungstafel aufzuftecken, die mit den nachfolgcn- oen Ereigni.ssen ihre Wirtung gewitz nid)t verfehlen tonnte; „Küchtt, Köchli, Kriech' ins Löchli, Son)t zerllopst man Dir die knöcküi!" Wenn man an dieses Berschen erinnert, barf man wohl auch die Hoffnung aussprechen, daß sich der verstorbene „Ehrenbürgermeister" in bic ungewohnten Verhältnisse unter den „VrnssienS" zu schicken verstanden und im Frieden mit ihnen gestorben ist. Kunst und Wissenschaft. Ter Gießener UniversitälS-Prvfessor Georg. Gassky, der als Nachfolger Robert Kochs an die Spitze des Instituts für Infektionskrankheiten in Berlin tret i wird, gehört zu den ältesten Schülern Kochs. Er war einer (edier ersten Assistenten. Atü Mod), zuvor Phtzsikus in Wöllstein, aus Grund seiner eindriuglüMn Untersuchungen über den Milzbrand und die Wuud- infektionskrankheiten in das laiserliche Gesundheitsamt berufen und dort mit der Leitung des damals neu begründeten bakterio- logisdxn Laboratoriums betraut wurde, nahm er bic Hilfsarbeiter des Gesundhellsamtes zu feinen Gehilfen. Er machte sie als die ersten mit seinen neuen Methoden der Bakterien- lorschung vertrant, und nahm gemeinsam mit ihnen die Tnrä-- fvrschung der Lehre von den ansteckenden Mllankheiten auf den neu gewonnenen Grundlagen in Angriff. Zu diesen Hilsüarbellcru gehörte Gafslli, der, wie wir schon mitteilten, als Militärarzt zum Gesundhettsamt kommandiert worben war. Tie erste Arbeit, die Gas (kl) im Laboratorium des Gesundheitsamtes zu leisten hatte, schloß, so lesen mir in der „Voss. Ztg.", an Kochsche Forschungen an. Es war das experimentelle Studium einer der Wund' infektionslranklkiten, der Scpticämie. Und zwar hatte Gafsly jein besoubercü Augenmerk auf zwei Fragen zu richten; erstens auf die vorscificitende Giftigkeit und zweitens aus bie accomobalive Züclüung der Mnudinsellionserreger. Sehr Wichtig erwies sich Gasiklis nächste Arbeit, die sich auf den Erreger des Thphuü dezietst, den Koch und Eberth unabhängig von einander aufgc* fiinden hatten. Gaffki) eriveilt'rtc die Kenntnis des Nachsveises und der Züchtung dcr Ttzphnsbazrllen (o wesentlich, daß sein Name neben denjenigen der erflcn Entdecker des Typlwsbazillus genannt wird. In der Folge wurde Gassky von Koch noch zu zwei aroßangclegtcn Untersuchungen hcrangezogen. Tie eine hatte den Milzbraiid zum Gegenstand. Es galt, Pafteursäie Angaben nachzuprüfen und Grawitzschc Versuche zu berichtigen. Tie andere Versuchsreihe bezog sich auf die Technik der Tesinfektion, für die Koch uiid feine Mitarbeiter ganz neue Gesicl-tspunkte und Regeln fefllegten. Mü Koch 1883 zum Sllidium der Eholera auSHcsandt wurde, wählte er Gassky zu seinem Arbcllsgenpssen. Gasskv ging mit Koch zuerst nach Egypten und dann nach Indien und stand ihm bei den Forschungen zur Sette, die zu der Entdeckung des Edoleraerregers führten. Koch hat GasfkvS Mitarbeit u. a. dadurch anerkannt, duß er iljm bie Ausarbeitung des Berichts über die wissenschaftliche Fal)-rt übertrug. 1881 wurde Olaffky alS Kochs Nachsolger Letter des balleriologisclirn LaborawriumS im Gefiindheitsnd Mitarbeit hergesteltten umfassenden Berichte, die vom kaiserlichen Gesundhcitsamte in Truck gegeben wurden, der eine über die Clwlera in Hamburg, der andere über bie Pest in Indien gehören zu den beste« neueren Büchern zur Seuchen- kundc. Von Einzelstudlcn Gaffkys find noch zu nennen solche über Wurstvergiftung, über WohnungSdcsinfektion, über Arfenik- vergiftung u. a. m. gfliiDcl und Verkehr. Vulksivütschast. Bankaktien. Jetzt, nach Ablauf des ersten Seineslers dürlle em kleiner Vergleich interessieren, wie die Aktien der hauptsächlichsten Banken zu anfang Juli des v. JrS. gegen Anfang Juli ds. Jrs. standen. Die Aktionäre der Berliner Bank, die der Angliederung an die TeiUsche Bank entgangen ist, haben daraus jedenfalls keinen Nutzen gezogen. Am 2. Juli 1903 standen die Aktien 91.70 und gegenwärtig notieren sie ca. 84. Die Aktien der Berliner Handelsgesellschaft sind gegen das Vorfahr gerade um 2°/n gesunken, die der Kommerz- und 4),skontobank um 1 °/Q gestiegen. Ganz merkwürdig ist die Kursbewegung der Aktien eines immerhin nut tonangebenden Institut«, der Tannstadter Bank gewesen. Im Jrüi 1903 notierten sie 137.20 und gestern 188. Etwas mehr Leben und Bewegung herrschte in den 'Aktien der Deutschen Bank; diese sind um rund !•/• gestiegen, während daS Stcmdardpapier, Diskonto- Kornmanditananleile, gegenüber dem Vorjahr nur eine Avance von 0.20° 0 auiweisen konnte. Auch die Bewegung m den Aktien der Dresdner Bank hätte bedeutender sein können ; sie haben ganze30/<> gewonnen. Die Aktien der österreichischen Kreditanstalt, des einst tonangebenden SpckulatwnSpapieres, haben 7°/e verloren, und einzig diejenigen Kapitalisten, die schon im vorigen Juli Aktien des Schaafshansen- schen Bankvereins besaßen, und sie bis jetzt gehalten haben, können wirklich vergnügt sein, denn ihr Besitz ist um rund 16J/0 gestiegen. Meteorologische Beodirchtungen der Station Gießen. Wetter Juli 1904. *2 Z 5. 8“ 748,9 21,1 9L 50 WNW. 2 Sonne>isd)em 5. 9" 749,1 17,2 10,9 75 WNW. 1 Bew. Himmel 6. 73» 749,7 15,4 11,3 87 W. 2 ■ • Höd)ste Temperatur am 4.—o. Juli ----- -4- 21,1b C. Niedrigste , , 4.-5. „ =4- 6,19 C. Foulard - Seide — Zollfrei! — Muster an Jedermann! — 300 Seideufabnkt. Henncber#, Zürich. 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