154, Jahrg Samstag, 5 März 1904 Nr. 55 Eichener Anzeiger General-Anzeiger, Amts- und Anzeigebiatt für den Kreis Eichen der Rotationsdruck und Verlag der Brühlffch« Unwerfuätsdruckeret. ÖL Lange, Dietzen. Redaktion. Expedition u. Druckerei: Schulstr. 7. Tel. Nr. 61. Telegr.-Adr.; Anzeiger Dietzen. Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags. Die „Gießener ZamtlienblSIter" werden dem „Anzeige oienno wöchentlich beigelegt. De ^hesfitz'»-. Land» ir» ‘ erscheint monatlich einmal ...........-ßten. Hl diesem StanDpruntt Lärm rechts.) Die Städter stellen auch andere Anforderungen an die Behandlung. Interessant sind mir daher auch die zunehmenden Klagen Lber die angebliche sozialdemokratische Verseuchung der Armee. Das ist genau so, wie bei den Unternehmern, sowie ein Arbeiter Ansprüche irgend welcher Art stellt, gleich heißt es: der ist, sozialdemokratisch verseucht. In Wahrheit handelt es sich hier um weiter nichts als darum, daß die betreffenden eben auf einer höheren geistigen Stufe stehen und daher auch höhere Bedürfnisse haben. Graf Caprivi hat ober gesagt, daß die Sozialdemokraten die besten Soldaten seien. Das ist ja auch ganz natürlich; denn die Sozialdemokraten sind Leute von höherer Intelligenz. sSchallendes Gelächter rechts.) Ja, um Sozialdemokrat zu sein, muß man eben ein höheres Maß von Einsicht haben. (Erneutes Gelächter rechts.) Es ist nicht die sozialdemokratische Gesinnung, cs ist das höhere geistige Niveau, das die Leute „anspruchsvoll" macht, sodaß sie sich mcht mehr der Willkür der unteren Vorgesetzten preisgegeben wissen wollen. Es laßt sich nicht leugnen, daß das Unteroffiziersmaterial zum Teck em sehr minderwertiges ist. Daher verzettelt sich die Ausbildung vielfach ins Zwecklose, es wird ein sinnloser Kadavergehorsam gezüchtet. Ter kommandierende General Graf von Mcerscheidt- Hüllessem äußert sich in seinem Buch über „Tie Ausbildung der Infanterie" sehr abfällig über den Wert unserer ganzen Parade- Ausbildung für den Ernstfall: parademäßig waren auch die Grenadiere von Jena gedrillt gewesen. Auch heute sollte Jena uns eine Mahnung sein, um uns von der überlebten Ausbildungsmethode zu befreien I So der kommandierende General! Wir als Volksvertreter haben die Pflicht, auf solche Urteile hinzu- weiscn und auf Aenderungen zu dringen. Ist doch die Armee das kostspieligste Element unseres StaatswesensI Sehr nachteilig ist auch der ewige Wechsel in den Systemen. Jeder neue General bringt auch ein neues Svstem mit. Tas ist ein ewiges Hin und Her, die Unruhe nimmt gar kein Ende. Redner geht hierauf auf eine Anzahl einzelner Fälle von Soldatenmißhandlungen ein, die durch die Zeitungen ja bekannt genug geworden sind. Vor allem verbreitet er sich über die „Brutalitäten, Unmenschlichkeiten und Grausamkeiten" im Rafi Breidenbach. Der Vorgesetzte Breidenbachs, Major Grolman, von dem das Gericht anuahrn, daß er von den Mißhandlungen hatte Kenntnis haben müssen, der also nach den Worten des Kriegsministers v. Einem unfähig sei, einen solchen Posten zu bekleiden, hat ganze 4 Wochen Stubenarrest bekommen. lSort! hortl) Als Redner noch weitere Fälle erörtern will, erinnert der Armee sich sehr geändert hat. Vor 30 Jahren rekrutierte sich unsere Armee noch vorwiegend aus der Landbevölkerung, also einer Bevölkerungsschicht, die in Bezug auf ihre geistige Kapazität gegenüber den Städtern doch entschieden inferior ist. (Unwillen, Murren, sie doch besprochen werden. Abg. Bebel sfortfahrend): Auch von unserer Seite wird anerkannt, daß strenge Disziplin in der Armee notwendig ist Aber durch solche Urteile wird sie nicht gefördert. Tas sind Urteile, die man draußen im Volke einfach nicht versieht! (-sehr Wichtig, bei den Soz) Generalleutnant von Boguslawski hat der Demokratie den Vorwurf gemacht, daß sie die Soldaten zu Widersetzlichkeiten aufreize. Wäre das der Fall, so müßte das doch gerade in Sachsen besonders hervortreten, wo die Sozialdemokratie dominiert. Davon ist aber gar keine Rede. Die Behauptungen des Herrn von Boguslawski sind nichts als gemeine Verdächtigungen. Wenn das Ehrgefühl eines Offiziers ein besonders feines ist, so sollte ein Offizier etwas mehr Objektivität und Anständigkeit sich befleißigen, als dieser Herr bis jetzt systematisch gegenüber der Sozialdemokratie an den Tag gelegt hat. (Unruhe rechts.) Es ist sehr bedauerlich, daß von dem Recht der Notwehr, das formell auch dem Soldaten zusteht, so gar kein Gebrauch ge- aeblich auf.) Abg. Bebel (Soz.) hat zunächst nichts dagegen einzuwenden, daß die Resolution Auer erst beim Etat des Reichskanzlers verhandelt wird. (Ter Vorredner hat dies offenbar gewünscht.) Er fährt dann fort: Charakteristisch ist e§„ daß zu späteren Titeln nicht weniger als 3 Resolutionen vorliegen, die sich mit den Soldatenmißhand- lungen beschäftigen. Auch die Rechte hat sich bemüßigt gefühlt, solch eine Resolution zu unterstützen; es scheint also auch dort em gewisses Maß von Einsicht eingekehrt zu sein. (Lachen rechts), daß es so nicht weiter geht. Selbst der Kriegsminister hat erklärt: wir müssen die Soldatenmißhandlungen aus der Armee herausbekommen. Alle Erlasse in dieesr Sache haben bisher nur minimale Erfolge erzielt. Tie Statistik, die uns vorgelegt ist, ist sehr unvollständig. Tenn natürlich gibt es sehr viele Mißhandlungen, die gar nicht zur Kenntnis der Behörden gelangen. Ganz töricht ist der Einwand, daß es sozialdemokratische Soldaten in der Armee gibt, die durch passiven Widerstand ihre Vorgesetzten reizen. Tas müßten sonderbare Soldaten sein. Weiß doch ein jeder, daß der Vorgesetzte so viele Mittel hat, den Untergebenen zu trietzen, oder — wie der Terminus lautet — zu „schleifen", daß wohl kein Soldat ohne Not diesen ungleichen Kampf aufnehmen wird. Es vergeht lerne Woche, in der wir nicht von schweren Soldatenmißhandlungen hören. So geht das nicht weiter. Wir wissen freilich, daß dies liebel auch beim besten Willen der obersten Instanzen nicht völlig ausgerottet werden kann. Aber wir haben vis jetzt auch nichts von enerigschen Maßnahmen gehört. Ueber die Soldatenmißhandlunaen haben auch verschiedene inaktive Militärs sich geäußert. Eine derartige Kritik hat allerdings an höchster Stelle sehr verschnupft. Es soll eine Kabinettsordre ergangen fein, die den Militärs die schriftstellerische Tätigkeit ohne Erlaubnis der vorgesetzten Behörde überhaupt untersagt. In Frankreich wird eine Durchaus andere Praxis beobachtet. In der französischen Armee haben die Militärs genau dieselbe Meinungsfreiheit wie jedermann. Diese Freiheit ist bis heute der französischen Armee ganz ausgezeichnet bekommen. Man wird auch bet uns zugeben, daß die französische Armee auf allen Gebieten ganz außerordentliche Fortschritte gemacht hat. Eine Kritik läßt sich auf die Darier ohnehin nicht unterdrücken; versucht man dies, so macht sie sich anderweitig Luft. Man darf auch nicht übersehen, daß mit zrinehmenden Entwickelung Deutschlands die Zusammensetzung Armee sich sehr geändert hat. Vor 30 Jahren rekrutierte sich macht wird. Der Paradedrill ist auch für die Offiziere selbst nichts Gittes Er muß auf die Dauer geisttötend wirken. Kein Wunder, daß die jungen Leute sich dann anderwärts schadlos zu halten suchen und es dann auch zu jenen Ausschreitungen kommt, die so bedauerlich und so kompromittierend sind! Es ist sehr fatal, daß die Schilderungen des Bilseschen Romans durch das Kriegsgericht so erwiesen worden sind! Nun soll es ja nach Herrn von Einem kein zweites Forbach in der Armee geben. Ja, da hören wir aber von ähnlichen Vorkommnissen in Pirna, in Chemnitz, m Liegnitz. (Wachsende Unruhe rechts) Und wie stebt es mit den Schilderungen des Grafen Vaudissin in seinem Roman „Erstklassige Menschen"? (Lärm rechts.) Ja, der Verfasser ist Militari (Zuruf rechts: Er ist ein Lump!) So, also ein Mann aus Ihrer Gesellschaft, ein hoher Militär, ist ein Lump! Gut, ich konstatiere das. Ob alles wahr ist. was in seinem Buch stebt — ich wem es nicht. Aber man hat auch die Schilderungen des Bilseschen Romans für unwahr erklärt, bis sie durch das Kriegsgericht erwiesen wurden. (Sehr gut! bei den Soz.) Liegt denn die Wurzel der Ucbelstände nicht in dem System selbst? Ein junger Kadett, der absolut nichts versteht, nichts vom Leben kennt, der ganz einseitig erzogen und gedrillt ist, gehört plötzlich zum „ersten Stand" im Staate. Das Kriechen vor der Armee, der Rewrve- leutnantsgeist, der unser ganzes öffentliches Letzen beherrscht — das ist es, das diese Dinge zeitigt! Und die Offtuere telbst werden durch die Anforderungen des „ersten Standes" allmählich verderbt. Sie müssen über ihre Verhältnisse leben, sie müßen Geldheiraten schließen! Daher kommt dann der zunehmende unsinnige Luxus in der Armee; die alten, vornehmen Familien können — wie die „Rh.-Wesff. Ztg." schreibt — da nickst mehr mitmachen; sie können mit den reichen Offiziersfrauen. Nicht konkurrieren, sie werden in den Hintergrund gedrängt, gesellschaftlich boykottiert. Daher läßt auch Angebot an Offizieren so bedeutend nach. Welch ein Geist herrscht jetzt im Ofsizierkorps! Ein Divisionskommandeur erhält den „blauen Brief", weil es der Kommandeuse nicht gefällt, daß er mit seinem Bruder, einem Lehrer, verkehrt: das verstoße gegen den „Tshin" man spricht nämlich in jenen Kreisen bereits chinesisch! (Heiterkeit.) Fortgesetzt wird man im Offizierskorps zu neuen Ausgaben genötigt: man denke an die fortwährenden Aenderungen in der äußeren Ausstattung, in der Uniform, in den Litzen, in den Schnuren, in den Medaillen, kurz alle die Kinkerlitzchen. Gibt es doch tn der Murine — wo es ähnlich zugeht, wie in der Armee — nach den „Hamburger Nachrichten" nicht weniger als 250 verschiedene Abzeichen! (Hört! hört!) lieber all dieze Geschickten hat bereits em aktiver hoher Militär, der kommandierende General Frhr. von der Goltz, seine Unzufriedenheit geäußert. Ueberall nur das Prunkende, Glänzende, in die Augen Fallende! Wie sind denn jetzt unsere großen Manöver? Im Volke herrscht die Heber« zeuaung, daß wenn in einem Kriege so verfahren werden wurde, wie in einem unserer Kaisermandver, die Niederlage Deutschlands besiegelt fei. Unsere Manöver, eigentlich eine ernste Sacke, sind heute nichts als glänzende Schaustellungen! In Fachkreisen denkt man auch immer ungünstiger über deren militärischen Wert. Man lese das Buch „Pbantastijche Manöver" von Frhrn. von Guhl; da wird das denkbar fchärfste Urteil über die modernen Manöver gefällt. Im Ernsffall wird mau alles verlernen müssen, Präsident Graf Ballestrem ihn daran, daß die Soldatenmißhandlunge.i, wie Herr Bebel selber gewünscht hätte, bei einem späteren Titel erst zur Soracke kommen sollten. Man könne sie doch nicht zweimal behandeln. Abg. Bebel (fortfayrend) erklärt, er wolle sie hier nur ganz summarisch heranziehen, um zu beweisen, daß gegen die Vorgesetzten nicht in der angemessenen Weise vorgegangen werde. Auch die Zahl der Selbstmorde nimmt in der Armee beständig zu. Und Der Erbprinz von Sachsen-Meiningen ist wegen seines bekannten Erlasses genötigt worden, seinen Abschied zu nehmen! Durch die Zeitungen ging die Notiz, daß der Bursche des komman-1 dierenden Generals von Vissing desertiert sei, weil er es vor Mißhandlungen nicht länger aushalteu konnte. Der General soll nur zu einigen Tagen Stubenarrest verurteilt worden lein. (Zu- j ruf rechts: Er ist schon wieder bei den .Soldatenmißhandlungen.) Präsident Graf Ballestrem: Ick muß dringend bitten, derartige Zurufe zu unterlassen Worüber der Redner zu sprechen hat, darüber habe ick einzig und allein zu entscheiden, sonst niemand. Es läßt sich überhaupt garnicht vermeiden, daß tn der allgemeinen Debatte Soldateunckßhandlungeu _ gestreift werden. Deswegen bin ich auch ein Gegner davon, Resolutionen aus der Debatte auszuscheiden, weil es sich garnicht umgehen läßt, daß Parlamcniarifche HerliannUniflen. Nachdruck ohne Vereinbarung nicht grtzkttct. Dentlcher Reichstag. 49. Sitzung vom 4. März. 1 Uhr. Das Haus ist s ch w a ch besetzt. Am Bundesratstisch: Kriegsminister v o n E i n e m , gen. Normaler, Major Gollwitz u. a. . _ Auf der Tagesordnung steht die zwecke Beratung des Mill- Die Beratung beginnt bei dem Titel „Kriegsminister . Zu diesem Titel liegen folgende Resolutionen vor: Abg. Dr. Beumer (nat.-lib.) beantragt: Tie verbündeten Negierungen zu ersuchen, den Mannschaften des stehenden Heeres und der Kaiserlichen Marine im Falle der Urlaubserteckung alljährlich für eine Reise in die Heimat und für eine entsprechende Rückreise in die Garnison freie Fahrt auf Den deutschen Eisenbahnen zu ermöglichen. „ M , Die Abgg. Eickhoff, Tr. Muller-Sagan (freis. Vp.) beantragen: die verbündeten Regierungen zu erfudjen, den Mannschaften des stehenden Heeres und der Kaiserlichen Marine im Falle der Urlaubserteilung alljährlich oder doch mindestens einmal wahrend ihrer Dienstzeit für eine Reise in die Heimat freie Hin - und Rückfahrt auf den deutschen Eisenbahnen zu ermöglichen und ihnen dabei tunlichst die Benutzung der Schnell- züge zu gestatten. . v ~ , Die Abgg. Freiherr Heyl z« Herrnsheim und Munch-Ferber (nat.-lib.) beantragen: in Erwägung darüber einzutreten, inwieweit die Gewinnung einer ausreichenden Zahl von Unteroffizieren für Armee und Flotte durch U e b e r b u r d u n g der einzelnen infolge ungleichmäßiger Verteilung der dlenstlicyen Obliegenheiten und durch unzulängliche Löhnungsverhaltniße erschwert ist, um tunlichst bald Verbesferungsvorschlage an den Reichstag gelangen zu lassen. .. Tie Abgg Auer und Gen. (Sozst beantragen: in Ergänzung der alljährlich dem Reichstag zugehenden Uebersichten über die Arbeiterverhältniss e der Heeres- und Marineverwaltung eine Denkschrift vorzulegen, in der aus Den bei Vergebung von öffentlichen Arbeiten und Lieferungen mit Unternehmern abgeschlossenen Verträgen die auf Löhne und andere Arbeitsbedingungen sich beziehenden Bestimmungen mitgeteilt werden. Abg. Müller-Fulda (Ztr., sehr schwer verständlich): Größere Abstriche waren beim Militäretat diesmal überhaupt nicht zu machen. Immerhin ist manches erzielt worden, wenn auch relativ sehr wenig. Tie Anträge auf Wiederherstellung der betreffenden Posten im Plenüm sind jedenfalls völlig aussichtlos. Was die erwartete Mili- tärvorlage betrifft, so können wir das eine jedenfalls schon jetzt betonen, daß es keinesfalls sich darum handeln kann, eine wesentliche Vermehrung der Friedenspräsenzstärke zu erreichen. Das ist aus- geschlossen. Es kann sich nur um eine organische Fortentwickelung des bestehenden Zustandes handeln. $m übrigen ist bereits von mehreren Seiten betont worden, daß Militärgesetze, Die fick über eine:, längeren Zeitraum (5 oder 7 Jahre) erstrecken, m Zulun st nicht mehr erforderlich sein werden und auch keine Aussicht auf Bewilligung hätten. Wir müssen jetzt sehr langsam und vorsichtig vorgehen (Tie Stimme des Redners verliert sich allmählich m em völlig unverständliches Murmeln. Ter Kriegsminister von Emern, um wenigstens etwas zu erhaschen, legt die Hände von Zeit zu Zeit an Die Ohren, gibt aber schließlch achselzuckend diese Versuche als ver- was man in den Kaisermanövern hört und sieht. Aehnlichen Urteilen von Fachleiiten begegnet man jetzt sehr häufig. Redner beruft sich des weiteren auf den Mililärschrfftsteller Karl Bleck- treu Ruse rechts: Aha!) Bleibtteu ist doch anerkannt em Fachmann. (Ter Kriegsminister winkt abwehrend nut der Hand.) Redner trägt dann zum Schluß seine bekannten Vorschläge zur Umwandlung des itebenber Heeres in eine Miliz vor. Kriegsminister v. Einem: In seiner 2 N stündigen Rede hm der Abg. Bebel wohl alle Tinge berührt, die m der Armee von Der Geburt des Rekruten bis zu fernem Ausscheiden aus der Armee vorkommen. Er hat die ganze Ausbildung des Soldaten geichtlDerr. Ich weiß nicht, ob ich im Stande fern werde, ihm auf diesen Pfaden ganz zu folgen. Einen großen Teil der Zeit hat er damit au-gefüllt, daß er gesagt hat:„Jch weiß es nicht es ist mir berichtet worden." „Es ist mir gesagt worden. „Ich habe es gebort. „CS sind unerhörte Zustände." „Bestimmt versichern kann ich es nicht, aber es ist mir gesagt worden." Wenn ich derartige Anschuldi- gungen gegen ein Mitglied Der sozialdemokratischen Partei oder gegen einen dieser Herren hier selbst richtete, ich bm überzeugt, Herr Abg. Bebel würde gewappnet mit Dem Panzer der Moral, mit Dem Sckwerte der sittlichen Entrüstung auf mich einfallen. Diese ollen Kamellen . . .(Gelächter bei Den soz.) Ja, olle Kamellen sind eS, 3 B die Geschichte von einem Divisionskommandeur, der tn Allen- ftein gestanden haben soll, am Sitze des Generalkommandos,, da wäre fein Vetter oder Bruder oder was weiß ich, Lehrer gewesen, und die Kommandeuse hätte sich entrüstet über seine nieDrige Herkunft und ihm den Umgang mit ihm verboten, sodaß er schließlich Den blauen Brief bekommen habe. — Ja, das ist doch Der vollkommenste bare Unsinn. Wenn Herr Bebel, der doch ganz außerordentlich genau Bescheid weiß in allen militärischen Fragen (Heiterkeit rechts), nur die Armeeliste zur Hand genommen hatte, fo hatte er gesehen, daß es gar kein Generalkommando tn Allen,tem gibt Heiterkeit), und wenn er sich weiter informieren wollte, w wurde er ersehen haben, daß das einzige Generalkommando, das dort tn Ostpreußen eriftiert, in Königsberg ist. So fällt also die ganze Geschichte in sich zusammen tote ein Kartenhaus. Ick komme Dann auf den Fall des Generals von Bisiing in Munster. Der Abg. Bebel sagt: „Von secks Seiten ist mir Darüber berichtet worden. Mir ist von keiner Seite darüber berichtet worden. Ich weih nichts davon. Ich weiß nur, daß man auch selbst im Milltarkabinett keine Ahnung davon hat. Ich weiß nicht, daß Herr von Blsting vor ein Kriegsgericht gestellt worden ist, was doch hatte geschehen müssen, wenn sein Bursche wegen Mißhandlung be,ertiert wäre. Kurz, ich weiß von der Sache gar nichts. (Heiterkeck.) Nun hat Herr Bebel mit großer Befriedigung Darüber gt sprochen, daß jetzt das ganze Haus, von der Linken bis zur Rechten, und auch die Regierung werktätig gegen die Mißhandlungen entschritte und der Meinung wäre, daß sie aus der Armee orisgerotter werden müßten. Herr Bebel, die Militärverwaltung hat stets auf diesem Standpruntt gestanden. (Abg. v. No r m a n n: Die Reckte auch! Gelächter bei den Soz.), und ick glaube nicht, daß hierin die Sozialdemokratie die führende Partei gewesen ist. (Erneutes Gelächter bei den Soz.) Ja, das muß einmal ausgesprocken werden. Ich glaube vielmehr: Keine Partei hat weniger Veranlassung, anzunehmen, daß sie hingewirtt hätte oder hinwirken konnte auf eine Besserung der Zustände in der Armee, als gerade die Sozialdemokratie. (Lärm und Geläckter bei den Soz.) Wenn Sie auf Ihrem Parteitag in Dresden (Minutenlanger Lärm bei den Soz.) — ja, haben Sie denn dort nicht Ihre wahre Meinung zum Ausdruck gebracht? (Sehr gut! rechts.) Wollen Sie sie jetzt verleugnen? (Unruhe bei den Soz.) — also, wenn Sie in Dresden als Schlußergebnis erklärt haben: die Gegensätze innerhalb unseres Volkes würden sich nickt mildern, sondern stets verschärfen, es sei Ihr Besttcben, die Kluft beständig zu erweitern: wie können Sie dann Darauf rechnen, daß friedliche, aesunde, harmonische Zustände tm Heere herrschen? (Sehr gut! rechts. Anhaltende Unruhe bei den Soz.) In das Heer kommen doch die Angehörigen aller Kreise und Stände. Wenn nun Leute dorthin kommen, die verhetzt sind durch derartige Lehren (Unruhe bei den Soz.), so werden die Gegensätze dort naturgemäß aufeinanderplatzen. Und daher darf ich Tagen: Keine Partei hat weniger Veranlassung, zu glauben, daß durch ihre Tättgkeit eine Besserung der Zustände in der Armee erzielt fei, als gerade die fozialdemokratisck)e! (Auhaltende Unruhe bet den Soz.) Sehen Sie sich doch einmal an, welche Anträge auf Ihrem Parteitag in Dresden gestellt find. Haben Ihre Parteigenossen in Elbing nicht verlangt, die Partei möge besckließen. unter Den neu emzustellenden Rekruten eine besondere Propaganda für die Sozialdemokratie zu entfalten? (Zuruf bei Den Soz.: Wurde ja abgelehntl) Die Partet- genoffen des ersten Berliner Wahlkreises haben einen Antrag gestellt, eine besondere Wahlagitation gegen Den Militarismus, für Die Einführung Der einjähriaen Dienstzeit, für die Notwehr von Soldaten gegenüber ihren Vorgesetzten usw. zu entfalten. Ja, wenn mit derartigen Instruktionen verletzen die Mannschaften in die Armee kommen, dann sind Sie (zu den Soz.) schuld an soundsoviel Mißhandlungen. lLärm und G-läckter bei den Soz.) . Ich will jetzt kurz noch über die Kritiken der inakttven Offiziere sprechen, über die sich Herr Bebel ausgelassen hat. Ich habe schon bei der ersten Beratung mich Darüber geäußert. Daß ich sagte: Wenn auch Kritiken natürlich sind, so bitte ich Doch, nicht immer nur Die Kritiken Der nicht im Dienst befindlichen Offiziere anzusehen, sondern auch die anzuhören, die noch in der Armee sind. Habe ich damit gesagt, daß ich eine Kritik überhaupt nicht will? Ich fape: Wir können eine scharfe Kritik zum Segen unserer Armee garnicht em- behren. Die inattiven Offiziere haben ja auch auf allen möglichen Gebieten der Organisation und der Ausbildung des Waffenwesens usw. uns Außerordentliches genutzt. Meine Bitte ging nur dahin, solche Kritiken zu vermeiden, die verhetzend wirken, die in das JBoII hinein Aufregung und Den Glauben bringen. Daß Die Armee nicht mehr so tüchtig sei, wie eS im Interesse Der LandesverteiDigung notwendig sei. Was ist nun aus diesen meinen Worten, die so obstttiv waren, gemacht worden? Am Tage nach jener Beratung brachte das „Berliner Tageblatt" einen Artikel unter der Ueberschr'st "Die Kritik der Gewesenen". Ta hieß cs: «Wir sind verurteilt zu Mumien!" „Wir dürfen nicht mehr denken!" „Wir sollen stille fein! Wir werden aber nicht stille fein, wir werden unfer Jttait geltend machen!" Ich hatte ja von alledem nichts gesagt. Es wurde bann weiter gesagt: „Wie kommt dieser Mann, der gestern noch gar nichts war, zu einer solchen Krittk? Eben tft er Krwgs- miniftcr geworden und hat sich schon mit einer gewissen Schnelngkeck den Ton angeeignet, der oben beliebt ist! Snaftwe :J^bc ähnliche Briefe an mich geschrieben. Ja, ich habe benJöetreffenDen, die so urteilten, das Stenogramm meiner Rede gefanbt. Sie baten mich bann um Entschulbigung: sie seien irregefuhrt. worden durch Herrn Oberst a. D. Gacdke! (Heiterkeit.) 3hm, xä) will Ihnen einmal zeigen, in welcher Weise der Herr Obers a D Gaedke Krittk übt — natürlich nur aus Liebe zur Armee (Heiterkeit), aber die Liebe geht manchmal eigentümliche Wege. (Heittrkeit.) Da schreibt Herr Gaedke: Der Generalstab schlafe schon fett Jahrzehnten. Nun mag man glauben, wenn der Generalstab fett Jahrzehnten in sanftem Schlummer liegt, )o macht Der C^ef baS tritt, benn wenn der Chef nicht schläft, kann «ich Der Generalstab nicht schlafen. (Heiterkeit.) Von Diesem Chef aber schreibt Herr Gaedke, n gehöre mit zu jenen Persönlichkeiten, auf deren Tätigkeit (also auf das Schlafen) jede Armee stolz sein könne. Er wirke in Der Stille, aber gerade das stille Wirken trage die segensreichsten Früchte usw. In solchen Widersprächen bewegt sich die Kritik des Herrn Gaedke. Ein weiterer Fall: Ein neuer Offizier hatte sich eingehend beschäftigt mit unserer Feldhaubitze. Er fand, sie enr- spreche nicht den Anforderungen, die man von ihr erwarten könnte. Nun, das ist seine Sache. Es sind darauf in verschiedenen Blättern eingehende Kritiken dagegen gerichtet worden, wo Fachmänner der entgegengesetzten Meinung Ausdruck gaben. Diese Kritik über die Feldhaubihcn bekommt nun Herr Gaedke in die Hand und schreibt: „Ich habe stets die Einführung der FelDhaubitzc für einen Mißgriff der Militärverwaltung gehalten. Das kommt aber von ihrer Vicl- geschäfttgkeit, von der Ucberstürzung, mit der dort alles geschieht, von ihrer Nachgiebigkeit gegenüber augenblicklichen Impulsen, die nur unnütze Geldausgaben verursachen, von dem ganzen Jrrgang und Zickzackkurs unserer Militärverwaltung." Das mag die Anschauung des Herrn Gaedke sein. Ich habe mich nichts dagegen, daß sie geäußert wird. Aber in einem anderen Artikel schreibt Herr Gaedke: „Unsere Heeresverwaltung ist stets mif dem bequemen alten Standpunkt stehen geblieben." Tas deckt sich doch nicht ganz mit dem Früheren. (Heiterkeit.) Ick möchte also warnen vor derarttgen Krittken, die doch wirklich nicht ernst zu nehmen sind. Herr Bebel hat ferner von einem Erlaß gesprochen, der an die Offiziere gerichtet sein soll und in dem jede Kritik verboten wird. Mir ist von einem solchen Erlöste nichts bekannt und daß, wenn er erlösten worden wäre, er keine Folge gehabt haben kann, das geht doch gerade mis der Broschüre des kommandierenden Generals von Meerscheidt-HüNessew hervor, die Herr Bebel zitiert hat. In dieser Broschüre wird mit einem Freimut ohnegleichen die gesamte Ausbildung unseres Heeres in eingehender, kenntnisreicher Weise besprochen. Viele Offiziere werden aus dieser Schrift eingehende Anregung schöpfen. Wenn Herr Bebel diese Broschüre erwähnt hat, so hätte er bei seinem umfangreichen Wisten auf militärischem Gebiete (Heiterkeit rechts) die ebenso fteimütige Kritik des Generals von Blume erwähnen sollen, der gesagt hat: „Herr von Meerscheidt- Hüllestem hat mit etwas schwarzen Farben gemalt. Er ist sehr temperamentvoll. Außerdem ist vieles von chm getadelt, was längst zum alten Eisen geworfen ist." Ich brauche von dem, was ich in der ersten Beratung gesagt habe, nichts zurückzunehmen. Ick sage, jede Ausbildung ist falsch, die nicht die kriegsmäßige Ausbildung in den Vordergrund stellt, aber, wenn Sie, Herr Bebel, glauben, daß die Paradeausbildung bei uns die Hauvrsache ist, so sind Sie vollständig falsch unterrichtet. Herr von Meerscheidt-Hüllessem beweist selbst in einer zweiten Broschüre, daß wir den Parademarsch brauchen, daß er auch zur kriegsmäßigen Ausbildung geradezu erforderlich sei. Von einer derartigen Zweiteilung, wie sie Herr Bebel sich vorstellt: von einer kriegsmäßigen Ausbildung und einer varademäßigen Ausbildung, ist eben gar keine Rede. Ich mache ferner darauf aufmerksam, daß in letzter Zeit ans dem Generalstabe selbst unter Billigung des Generalstabschefs eine Krittk hervorgegangcn ist, die sich dagegen wendet, daß gewisse Bestimmungen unseres Reglements so formalistisch angewandt werden, ohne daß der Geist derselben genügend berücksichtigt wird. Mehr kann man von einer Kritik doch nicht verlangen I Wenn Herr Bebel davon sprach, daß in der französischen Armee die Generäle größere Meinungsfreiheit haben, so ist ihm einmal zu erwidern: wir brauchen noch lange hier nicht einzusühren, was in Frankreich Mode ist. Im übrigen aber will ich Herrn Bebel nur sagen: der ^Chef der Armee, der Kriegsnnnister, versteht dort erheblich weniger Spaß als wie hier. Wenn dort eine Kritik nicht patzt, verschwindet der Betteffende sofort nach dem fernen Algier oder nach Pensionopolis. (Heiterkeit.) Ich kann es Herrn Bebel als dem Führer einer großen Partei nicht verdenken, wenn er sagt: um Sozialdcmottat zu sein, dazu gehört eine bedeutende Intelligenz (Heiterkeit rechts), und es sei begreiflich, daß die Sozialdemokraten die besten Soldaten seien. Ich habe schon einmal gesagt, daß ein intelligenter Mann, der der Sozialdemokratie angehört, mit großer Leichtigkeit das lernt, .was im Dienst verlangt wird, die Griffe, das Schießen usw., daß er äußerlich also ein ganz guter Soldat ist. Aber das ist eben nur ein guter Soldat, so lange es ihm paßt. Wenn nun Zeiten kommen, wo nicht bloß die Intelligenz ausreicht, sondern wo es darcnif ankommt, wie es im Herzen aussieht (Lebhafte Zustimmung rechts; Lachen bei den Soz.), und wie die Gesinnung ist, was mache ich dann mit einem so „guten Soldaten", wenn er sagt: „Nein! Nun nicht mehr!". Deshalb sage ich: die Gesinnung macht den Soldaten! (Stürmischer Beifall rechts.) Und ich kann nur wiederholen: ein Soldat, der auf königstteuem und religiösem Boden steht, der abex weniger gut schießt, ist mir lieber, als ein Soldat, der gut schießt, aber sozialdemokratisch gesinnt ist! (Großer Lärm und Lachen links.) Wie es mit der militärischen Intelligenz der Sozial- demottaten aussieht, hat mich ein Inserat gelehrt in einem Blatt, das kurz vor den Wahlen erschien. Da stand drin: „Wählt den Vizefeldwebel M. — Der ist Vizefeldwebel der Reserve, also geeignet, im Falle eines Krieges ein Bataillon zu führen." (Schallende Heiterkeit rechts.) Ja, wenn das Bataillon so leicht zu führen ist, wie Sie es sich denken (Abg. Stolle, der dem Redner gegenüber steht, fühlt sich getroffen und ruft: Ich habe ja garnichts gesagt! Große Heiterkeit), — dann wäre ich allerdings der Meinung, wir schafften das stehende Heer lieber gleich ab und gingen zu Ihrer berühmten Miliz über. (Heiterkeit.) Bei solchen Proben von militärischer Intelligenz werden Sie es uns nicht verdenken, wenn wir bei der Beförderung von Unteroffizieren, die Herr Bebel so dringend empfahl, von der Sozial- demokratte, d. h. aus der Intelligenz ^Heiterkeit rechts) zu wählen, anders denken, sodaß wir aus diesen Rat nicht hineinfallen (Znruf bei den Soz.: Sie befördern lieber Dumme I Heiterkeit), sondern daß wir Charakterfestigkeit, Königs- tteue, Vaterlandsliebe in die erste Reihe stellen. Wenn wir das tun, dann folgen wir ja nur ganz berühmten Mustern auf der linken Seite dieses Hauses, wo ja auch alles, was nicht ganz waschecht ist, munter hinansfliegt. (Große Heiterkeit rechts.) Daß, wie Herr Bebel sagt, die Beförderung nur abhängig sein soll von der größeren oder geringeren Ferttgkeit im Paradeschritt, davon kann keine Rede sein. Wenn man, wie ich, in den verschiedenen Stellungen gestanden hat, hunderte von Besichtigungen mitgemacht und es erlebt hat, daß Brigaden, Regimenter, Bataillone ihre Besichtigung anfangen, ohne auch nur an den Parademarsch zu denken, gleich bei der feldmäßigen Aufstellung so mutz das doch lächerlich wirken, wenn Herr Bebel in dieser Beziehung nicht besser Bescheid weiß. Sie, Herr Bebel, sind manchmal, wie es in einer Zeitung heißt: „Unschuldig wie ein Kind." Na, in dieser Beziehung sind Sie es auch wirklich. «"Große Heiterkeit rechts.) Herr Bebel hat es ferner gemißbilligt, daß die Beförderung eines Offiziers davon abhängig gemacht wird, daß er ein Durchschnittsmaß von Strafen nicht überschritten hat. Ich gebe Herrn Bebel darin Recht, es gab eine Zeit, da wurde darauf gehalten, daß jedermann eine gewisse Anzahl von ©trafen nicht' überschreiten durfte, wenn er befördert werden wollte. Das war der Ausfluß einer gewissen Pedanterie, aber das ist längst abgeschafft. Mtt so etwas sollte man doch wirklich nicht mehr kommen. Es ist ausdrücklich von Sr. Majestät angeordnet, daß derartige Statistiken, wie sie früher über die ©trafen geführt wurden, absolut verboten fein sollen, ©e. Majestät will nicht die Offiziere beurteilt wissen nach der Zahl der ©trafen, sondern nach der Leistung der Truppen. Herr Bebel hat, ohne selbst dazu Stellung zu nehmen, vor- gelesen, daß wieder verschiedene ©c6ri|tfteHer uns ein neues Jena prophezeien. Ich ehre die Herzenskümmernisse der Leute, die uns auf dem Weg nach Jena sehen. Es existiert ja wohl auch ein Buch „Jena oder Sedan". (Rus links: Ein Roman!) Gewiß, ein Roman, ich halte die ganze Sache für romanhaft. Was ist denn Jena? Jena ist eine Schlacht, die die preußische Armee verloren hat, nicht schlimmer als manche andere. (Rufe b. d. Sozd.: Na, na!) Die Ehre unserer Armee ist auf diesem Schlachtfeld völlig intakt geblieben. Kein Truppenteil hat dort seine Ehre in irgend einer Weise eingebüßt. Der Zusammenbruch des Staates kam erst später. Es folgte die schmachvolle Kapitulation der Festungen. «Zuruf bei den Soz.: Durch die Junker I) Es steht allerdings auch fest, daß diese selben Offiziere schon vorher an die damalige Militärverwaltung berichtet hatten, ihre Festungen seien einem Angriff nicht gewachsen. Der eigentliche Zusammenbruch des Staates erfolgte, weil eine kosmopolitisch angehauchte Bevölkerung den SlaatSinteressen so fern stand, daß sie, nicht wie in Spanien, die Parole befolgte: „Alles gegen den Feind!", sondern „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht!" iZuruf von den Sozialdemottaten: Das sagte ja der Kommandant von Berlin! Unrllhe rechts.) Heute ist so etwas unmöglich, heute, wo jeder mit allen Faserv an dem Staate hängt, ist ein Jena nicht möglich. Es sei denn, daß von einer gewissen Partei alle Vaterlandsliebe, alle Religion aus dem Herzen der Bevölkerung losgerissen wird. (Abg. Stadthagen ruft: Das tun ja die Konservativen I) Nicht die Kaiserfahne, nicht die Fahne der Armee, nur die rote Fahne der Sozialdemokratie kann uns nach Jena führen. (Zustimmung rechts, Gelächter bei den Soz.). Ich will, noch auf einzelne Punlte der Rede des Herrn Bebel eingeben. Er hat gesagt, der Erbprinz von Sachsen-Meiningen fei wegen seines Erlasses verabschiedet worden. Ich weiß, das ist durch die Presse gegangen. Ich muß aber hier erklären: Wen Seine Majestät als kommandierenden General anstellen oder verabschieden will, das ist lediglich eine Verttauenssache und eine Angelegenheit Seiner Majestät. (Zustimmung rechts.) Ich lehne es ab, darüber zu sprechen, schon deshalb, weil mir nichts davon bekannt ist. (Abgeordneter Hoffmann-Berlin ruft: Und Sie sind Minister? — Große Heiterkeit.) Tatsächlich ist übrigens der Erbprinz von Sachsen-Meiningen nicht verabschiedet, sondern als Armee - Inspekteur angestellt. Herr Bebel hat weiter von einem Urteil gesagt: Solche Urteile versteht das Volk nicht! Das wundert mich nickt, wenn die betreffenden Fälle von den sozialdemokratiscken Blättern immer ganz anders dargestellt werden, als sie in Wahrheit verlaufen sind. Da ist z. B. der Heidelberger Fall als ein ganz harmloser Scherz hingestellt, während cs sich dort um Meuterei handelte, um das schwerste Vergehen, das in einer Armee vorkommen kann, um Meuterei, verbunden mit Ausruhr ja wohl, mit Aufruhr! Das muß nach dem Strafgesetzbuch so bestraft werden. Sie (zu den Soz.) wenden sich immer an die falsche Adresse mit Ihren Klagen. . *sie macken immer den Militarismus verantwortlich. Allein jenes Strafgesetz ist 1872 vom Reichstag geschaffen worden. Glauben Sie, 'daß dieser Reichstag, 2 Jahre nach dem großen Kriege, weniger human, weniger kenntnisreich gewesen ist, als Sie es heute sind? Tie Tisziplin muß der Armee auf alle Fälle erhalten bleiben. (Sehr richtig!) Teshalb brauchen wir unsere Gesetze und müssen, wenn derartige Tinge vorkommen, ernst und stteng strafen. Cs handelt sich um" die Grundlagen der Armee, um die Tis ziplin, um ihrm Lebensnerv, und an die wollen wir uns nicht kommen lasten. (Beifall.) Ter Abg. Bebel sagt: Was sagt der Minister zu Pirna? Wenn er Pirna mit Forbach vergleicht, so hat er Forbach überhaupt nicht verstanden. In Forback war leider so ziemlich alles faul, und wenn Herr Bebel in der Kommission nack Pirna gefragt hätte, was mich ja an und für sich als preußischen Vertreter garnichts angmge, wenn er mich in der Kommission gefragt hätte, wo mir sozusagen unter uns jungen Mädchen waren (Große Heiterkeit), dann hätte ich ihm klar und deutlich darüber Auskunft geben können. Hier aber in der allgemeinen Oeffentlichkeit, wo jeder uns zuhört und Damen anwesend sind, ist mir das nicht angenehm. Wenn er aber wisten will, was ich gesagt hätte, so erinnere ich ihn an die Worte des sterbenden Valentin an Gretchen in Goethes Faust. Da kann er's nachlesen, da steht's ganz genau drin. (Heiterkeit.) Ich möchte, ohne weiter daraus einzugehen, bloß die Frage an die Herren Sozialdemokraten richten: Glauben Sie denn, daß solche Zustände, wie sie in dem Buch von Baudissin geschildert werden, in der Armee wirklich eristieren? (Rufe bei den Soz.: Ja!) Sie glauben das nicht, m. H.I (Lebhafte Rufe bei den Soz.: Doch! doch'.). Die Herren nicken mir zu. Wenn Sie glauben, daß es bei uns so zuginge, wie es in dem Buck geschildert wird, dann — nehmen Sie es mir nicht Übel — dann sind Sie Philister. (Große Heiterkeit.) Tann sind Sie keine re- Dolutionäre Partei. (Sehr richtig! rechts, Lachen bei den Soz.) Aber ich bitte Sie doch! Wenn solche Zustände wären. Sie brauchten ja doch bloß mit dem Finger zu winken und Sie hätten Ihren Zukunftsstaat. (Heiterkeit.) Mit einer so korrumpierten Gesellschaft ist man doch leicht fertig. Aber es ist nicht so, und Sie glauben es auch nicht, und Sie winken auch nicht. (Heiterkeit. Sehr gut! rechts.) Bei einer anderen Gelegenheit hat Herr Bebel einmal gesagt, das letzte Bollwerk, die Armee, wanke schon. Zweierlei ist daran falsch. Die Armee ist Gott sei Tank garnidit das letzte Bollwerk, sondern das letzte Bollisierk des Staates (Quruf bei den Soz.: Tas sind die Junker! Große Heiterkeit.) — das sind nach meiner Meinung die köstlichen Schätze, die in Bürgerkreisen und in Ar- beitertteisen, im Adel und wohin Sie blicken, noch vorhanden sind an Gottesfurcht, Vaterlandsliebe und Königstreue. (Lebhafter Beifall.) Und wenn Herr Bebel meint, die Armee wankt, so ist er im Irrtum, denn sie ist gegründet auf ein Offizierkorps, das — Sie mögen schreiben, was Sie wollen — doch noch feststeht. (Beifall.) In dem Buch soll der Offizierstand heruntergeristen werden, obwohl man ganz deutlich erkennt, daß der Offizier der Führer der Nation Ist. Er ist ihr Erzieher. (Lebhafter Widerspruch bei den Soz.) Jawohl! (Erneuter lebhafter Widerspruch bei den Soz.) Von meinem Standpunkt aus muß ich sagen, daß der Offiziersstand durch das, was er im Kriege geleistet hat, als Führer des Heeres sich den Tank der Nation für alle Zeiten gesichert haben sollte. (Beifall; Widerspruch und Lärm bei den Soz.) Aber die langen Friedensjahre macken derartige Verdienste vergessen. Was hat der Offiziersstand getan, um die Meinung gegen sich zu bringen? Weil er in unentwegter Treue, Hingebung und Arbeit seinen Dienst getan, seine Pflicht erfüllt hat und fest zu feinem allerhöchsten Kriegsherrn stand? (Sehr wahr!) Noch, nie ist ein Stand so mit Schmutz beworfen worden wie der Offiziersstand in letzter Zeit in dem Buck von Baudissin und im „Simplieiffimus". Ich kann nur die Worte der „National-Zeitung" unterschreiben: „Der „Simplieiffimus" stellt den schädlichen Bazillus dar.^der jedes Ideal, eines nach dem andern, zu ertöten juckt." (Sehr richtig!) Wenn schwere Zeiten kommen, dann werden an die Offiziere die Anforderungen gestellt, wieder voranzugehen, die Führung zu übernehmen. Glauben Sie, daß ein Offizierskorps, das in gebrückter Lage, in gesellschaftlich untergeordneter Nolle im Staate stände, bereit, ja überhaupt im Stande wäre, eine derartige Führerschaft zu übernehmen? Nickt, wenn der Offizier sich den bunten Nock anzieht, ist er schon dieser Mann, sondern jeder ein- zelne Offizier soll sich sagen: „Was Du ererbt von Deinen Vätern hast. Erwirb es, um es zu besitzen I" Er soll sich in die Traditionen des Heres einleben, er soll sich durchdringen mit dem Geist der Armee, und dieser Geist ist heute noch ein guter. (Beifall.) Noch ein kurzes Wort über die Manöver, die Herr Bebel in den .Kreis feiner Bettachtungen gezogen hat. Ich habe gestern abend ein Buch vom Generalstab geschickt bekommen, das jetzt neu erschienen ist und den südaftikanifchen Krieg behandelt. Ich habe noch keine Zett gehabt, durchzulesen, aber beim Ausschlagen fiel mir ganz zufällig ein Ausspruck von Lord Kitchener in die Augen, die Ausbildung der englischen Führer würde mangelhaft bleiben, solange man sich nicht zu größeren Manövern entsckläffe; er bewundere die großartig angelegten deutschen Manöver. Das fei die feinste Art, in der sich ein Führer in der Führung großer Massen üben könne. Sobald er freie Hand gehabt habe, sei es eine seiner ersten Maßnahmen gewesen. Die Anlage von Manövern anzuordnen, wie man sie bis dahin in England nicht kannte. Es ist ungemein leicht, Manoveranlagen und Manöverdurchführungen zu kritisieren. Heute noch streiten sich Gelehrte darüber, ob der Aufmarsch des preußischen Heeres im Jahre 1866 durch Moltke ein Meisterwerk oder ein Vergehen gegen die Kriegskunst gewesen fei, trotzdem er den Sieg davongetragen hat. In de schlesischen Armee, die unter Führung eines Gneisenau ganz wesentlich zu den großen Erfolgen beigetragen bat, bestanden zwischen den Generalen die heftigsten (Streitigkeiten über Den Aufmarsch. Im Jahre 1866 und auch noch 1870 richtete Steinmetz Briefe an Moltke, worin er ihm schrieb: „Ich verstehe Ihre (Strategie nicht." Vielleicht hat er sie auch nach dem Siege nicht verstanden. Sie ehen daraus, wie äußerst vorsichtig man in seiner Kritik sein muß. Ich weiß nicht, wer Guhl ist, aber ich halte seine Krittk für durchaus nicht richtig. Wenn Sie glauben, daß ick mit Jeder Manöveranlage, mit jeder Durchführung einverstanden bin, so irren Sie sich. Ich habe mich manchmal gefragt, warum ein Kollege das oder das tut, aber ich habe nie geglaubt, daß etwas, was nickt meiner Ansicht entspricht, deshalb unrickstig wäre, und daß das Deutsche Reich dadurch ins Wanken käme. Man muß mit einer Derartigen Kritik bescheiden sein, und namentlich der ältere Offizier. Steht nun in Dem Artikel: „Ich bin gezwungen, mich so auszudrücken ans, Liebe zum Heere und weil ich die Schäden sehe, die dadurch entstehen. Videant consules!" — und Tautet die Unterschrift nun gar „Oberst a. D." — so konnte der Minister ein Gruseln bekommen. Heiterkeit.) Ein Manöver kann man nicht an der Hand der Land- ärte kritisieren, mau muß Rücksicht nehmen auf die Bevölkerung, die Bebauung, auf das Manöver des Vorjahres und auf tausenderlei Dinge, die Der betrcffcnDc Kritiker garnidit beurteilen kann, von denen er keinen blaffen Schimmer hat. Alles, war Herr Bebel vorgebracht hat, kann ich als zutreffend und als richtig in keiner Weise anerkennen. Unsere Manöver entbehren niemals eines großen Zuges in ihren Anlagen, und ihre Durchführung wird, soweit das überhaupt im Frieden möglich ist, kriegsmäßig gestaltet. Daß ein Manöver mal falsch sein kann, ist nicht zu leugnen; wir sind abhängig von Wind. Wetter, Wegeii, Gegend und allerhand Kompli- kattonen, die auch im Kriege eintreten können, sie treten audi im Frieden ein. Nun aber einfach den Stab zu brechen und zu sagen, unsere Manöver taugen nichts — das geht dock zu weit und entbehrt der objektiven fachgemäßen Kritik. Ick möchte also auch in dieser Beziehung bitten, vorsichtig zu sein. Die preußische Armee ist vor 1866 kritisiert, läckerlidi gemacht, heruntergeriffen nach allen Richtungen, und sie ist doch marschiert über Köuiggrätz nach Wien. Und wenn wir Gelegenheit haben, wieder für das Vaterland einzu- treten, Dann bin ick Der festen Uoberzeugung, Daß sich Dieser gute Geist wieder in uns finden wird. (Beifall.) Das große Gefüge des Heeres im kleinen und großen wird zusammengehalten durch die üttfidie Pflicht. Wirke jeder an feinem Teil Dahin, Daß diese sitt- üdie Pflicht Dahin geht, fick zu unterwerfen, nickt gegen den (Stächet zu locken, sondern in seinem Innern aus Treue zum Vaterlande Dienst zu tun und sick das zu bewahren, was unser großer Dichter ausgesprochen hat: „Aus Vaterland, aus teure schließ dich an, Das halte fest mit Deinem ganzen Herzen, Da sind die starken Wurzeln Deiner Kraft!" lLekckatter Beifall.) Abg. Frhr. Hept zu Herrnsheim (nat.-lib., schwer verständlich, da er Der Tribüne Den Rücken zudreht): Wer hat den eigentlich die besondere Intelligenz in der Sozialdemokratie? Herr Bebel ober fierr Sckipvel? Wenn im Zukunftsstaat jemand auf Grund von Romanen da§ Milizheer angreifen würde. Der würde dock sicher fofort verbannt werden. Redner wendet sich dann der Begründung feiner Refolutton zu. Leugnen läßt es sich nickt, daß imfer Unter» offizierkorps überbürdet ist. Meine Freunde haben das vollste 93er» trauen zu dem Kriegsminister und hoffen, daß die gestrichenen l'uteroffizierstellen wieder hergestellt werden. Da auch das Zentrum Dem Kriegsminister fein Vertrauen ausgesprochen hat, hoffe ick. daß es auch für diese Stellen stimmen wird. Die Unteroffiziere sind jetzt so überbürdet, daß sie sick fortgesetzt in einem Zustande Vr Ueberreiztbeit befinden. Auch muffen diese Leute bester besoldet n’crben. Gegenwärtig hat selbst ein Fabrikarbeiter einen lieber- 'ckuß, von dem er sich einige ArinA"nlickkeiten leisten kann. Das 'run aber ein Unteroffizier und ein Feldwebel nicht. Ick' bitte Sie deshalb, bei Den sväteren Titeln nn'er"' Anttag auf Wiederher» stellung der geftrichenen Positionen anzunehmen. Es handelt sich ''ei Der Aufbesserung der Unteroffiziere auch um ein Stück sottaler Frage. Herr Bebel allerdinas hat für die nichts übrig. (Beifall.) Abg v Normann lkons.): Ertteul'ck in der Rede Bebels war, daß er heute feine Miliz weniger warm als sonst verteidigt fiat. Die SoldatenmißhanDlungen verurteilen auch wir und haben auch stets alle Maßnahmen befürwortet, die Abhilfe schaffen^ könnten. Wir haben nur uns bewegen verwahrt, daß solche Vorgänge vom eimeitigen Standpunkt aus behandelt würden. Mißhandlungen werben fieber streng bestraft. Der Unteroffizier ruiniert sich in einem unbedachten Moment feine ganze Zukunft. Wenn man aber den Unteroffizier immer als Verbrecher hinstellt, setzt man ihn in der Oeffentlichkeit herab und raubt ihm seine Arbeitsfreude. Ich halte es deshalb für -ipine Pflicht, dem Unteroffizierstand unser volles Vertrauen auszufprecken. Ich begrüße es mit Freuden, baß ber Minister die Unteroffiziere aufbessern will. Wir sehen Darin das beste Mittel, um die Mißhandlungen zu beseitigen. Tie schlimmen Vorkommniffe in Dem Offizierkorps bedauern auch wir, aber in jedem Stande gibt es Unwürdige, auch unter den ©ojaldemo» traten. Ich hoffe jedoch, daß diese Vorkommnisse den Offizier ber» entlassen werden, noch mehr Selbstzucht zu üben. Daß Der Lurus zugenommen hat, gebe ick zu, aber es gibt doch noch im Offizierkorps eine schone, alte, traditionelle Einfachheit. Unser Offizierkorps ist das beste der Welt und wird es bleiben. Literarische Zerrbilder unserer Offiziere können bei uns nur Entrüstung und Abscheu Hervorrufen. (Beifall rechts.) Abg. Dr. Müller-Meiningen (fr. Vp.): Der Kriegsminister hcn die Vorgänge von 1806 ganz einseitig dargestellt. Der preußische Staat brach zusammen, weil er auf den Lorbern Friedrich des Großen einschlief, der Gamaschenzopf trug die Schuld. Dem Bürgertum konnte man keinen Vorwurf machen, von ungesundem Kosmopolitismus war nicht die Rede. Ohne das Bürgertum wäre der Staat ganz zu Grunde gegangen. Das Volk mußte ja gegen den Willen des Königs den Staat heraushauen. Selbst konservattve Geschichtsschreiber geben zu, dah der Geist der Verknöcherung die Niederlagen von 1806 verschuldete. Mit allen schonen Reden kann der Kriegsminister uns nickt darüber hinwegtäusckeu, daß ieht audi sckon wieder ein Geist der Verknöcherung herrscht. Ueberall wird darüber „raisonniert", selbst in den Kreisen der akttven Offiziere, so groß war die Unzuftiedenheit noch nie. Vom „Vorwärts" b's zur „Kreuzzeitung" finden Sie Belege dafür. Denken Sie dock, an die Artikel der „Schlesischen Zeitung" über die fortwährenden Uniform-Aenderungen! Ueberall wird über den zunehmenden LuxuS und den Mangel der kriegsmäßigen Ausrüstung geklagt. Im vorigen Jahre hat der Kriegsminister auf meine Anfragen über diesen Punkt nickt geantwortet, obwohl die Bekleidungsfrage um zweifelhaft zur Zuständigkeit des ReickstagS gehört, ©eit 1868 haben wir 33 Abänderungen in der Uniform, die mit mindestens 1000 Mark das Budget des einzelnen belasten. Darunter muß auch die Kriegstüchtigkeit leiden. Wenn man so manche Gigerl-Leutnants in der Friedrichstraße sieht, mit dem Monoele und dem dreißig Zenttmeter hohen Kragen, da muß man sich wirklich fragen, ob das noch Mitglieder unserer glorreichen Armee sind. Der Kriegsminister sagt zwar, diese Aenderungen sind dock nicht zum Vergnügen da. Aber einer muß doch ein Vergnügen daran haben, nur nicht die Offiziere. Viele Aenderungen sind Verschlechterungen, denken Sie nur an die grauen Mäntel! Die KasinoS sind die Brutstätten der versimpelten Engherzigkeit und Einseitigkeit, der Geist der Verschwendung und des Luxus wird dort geradezu großgezogen. Ob Bayern staatsrechtlich verpflichtet ist, alle Aenderungen mitzumachen, weiß ich nicht. Sogar Der konservative General von Boguslawski spricht sich für eine Vereinfachung Der Uniform aus. Alle anderen Länder sind in der Vereinfachung borangegangen, da hätten wir doch alle Veranlaffung, dies auch zu tun. Amerikanische Blätter haben geschrieben, daß bei uns eine zweite Garnitur aus grauem Zeug in Vorbereitung sei. Ich bitte den Minister um Auskunft darüber, ob dies wahr ist. Bei den Vorbereitungen und Proben | der neuen Stoffe und Aenderungen soll Das hiesige Warenhaus für BKEZ bei Worms gelegene Grundstück des Gastwirts Kräuter erwerben möchte, da durch die Anlage der neuen Rheinbrücke das Gasthaus von allem Verkehr abgeschnitten wurde. Finanzminister Dr. Gnauth erklärte sich bereit, das Grundstück aus den Mitteln des Dispositionsfonds zu erwerben, aber nur unter der Voraussetzung, daß der Besitzer nicht den event. früheren Wert, sondern den nach der Sache jetzt angemessenen Preis verlange. Abg. Molt Han spricht den Wunsch aus, daß bei der neuen elektrischen Bahnstrecke Mainz-Lchwrstein und Wiesbaden das Brückengeld von 6 auf 5 P,g. herabgesetzt werden möchte. Ministerialrat Becker erwidert, es sei Aussicht dafür vorhanden, die Regierung werde die Sachss in Erwägung ziehen. Das Kapitel lvird darauf in Einnahme mit 284 792 Mk. und in Ausgabe mit 112 260 Mk. genehmigt, ebenso eine Rachtragsforoerung von 730 Mk. Weiter werden genehmigt die Kapitel: Meteorologische Beobachtungen 5600 Mk. (Abg. Köhler regt an, auch eine landwirtschaftliche Wetterstation, ähnlich der in Weilburg, zu errichten.), Internationale Erdmessung 2800 Mk., Betriebstranlenkaste, Einnahme 1800 Mk., Ausgade 19 000 Mk., Privat- und außerhejsischss dem OffizlerZkorpS kierauskommen. Tin Ventil muß immer da fein, ein Vorgesetzter kann es allen Oifizieren nickst recht machen. Die Offiziere mögen räfonnieren, aber sie gehorchen, und dieser Geist wird in der Armee nicht gefährdet. «Beifall.) Bayerischer Bevollmächtigter General v. CndreS: Derfffbg. Müller - Meiningen glaubte mir mit kameradschaftlichen Mittei- lungen betreffend die köistgl. bayerischen Offizierlorps kommen zu müssen. Ich möchte ihm bemerken, Bayern ist nicht verpflichtet, die verschiedenen Uniformändernngen der preußischen Armee mitziimachen. Wenn es das bisher getan hat, so ist dies ein Beweis dafür, daß es sie für außerordentlich praktisch gehalten hat. Die neuen Uniformändernngen sind zum großen Teil nicht etwa der ruisischen Armee entnommen, sondern unserer kameradschaftlichen Armee, der bayerischen. Es entstammt ihr z. B. die Farbe der Mäntel und auch der Umhang, der bei uns schon 1866 und 1870 mitgemacht hat, ferner entstammen ihr die parallelen Knöpfe am Rock. Wir hatten sie eingefiihrt, »veil es anders ungeheuer schwierig war, den Grad der Schiefheit festzustellen. (Stürmische Heiterkeit.) Auch die braunen Handschuhe hatten sich ’rtion bei unS vorzüglich bewährt, sie bildeten einen Ersatz für die früheren grauen, mit denen wir sch.echte Erfahrungen gemacht hatten. Wenn man uns endlich fragt, warum die bayerische Regierung keine Dbftruttion machte, so kann ich nur antworten : Sie hielt die Obstruktion für unvernünftig. (Schallende Heiterkeit.) Auf eine Benierkung des Abg. Dr. Janncz (Eli.), der die Metzer Wasserfrage zur Sprache bringt, gibt Geheimrat HnUey eine eingehende Schilderung der kruheren und jetzigen Wasserverhältnisse in Metz Es solle jetzt eine neue Wasserleitung eingerichtet werden, die tadelloses jirnuroaifcr liefere. Die Einzelausführungon des Redners bleiben im übrigen tm Zusammenhänge unverständlich. Hierauf vertagt das Hails die weitere Beratung auf Sonnabend 1 Uhr. Schluß 6; Uhr. Kommandant. sGroße Heiterkeit.) Denn wenn eS der Kommandant gewesen wäre, würde ich ein Telegramm auf meinem Tisch gefunden haben. Leutnant so und so, weil er den und den Anzug getragen hat, mit so und so viel Stubenarrest bestraft. (Große Heiterkeit.) Ich kann dem Herrn Müller auch mit solchen Telegrammen aufwarten. (Heiterkeit.) Herr Müller sprach auch über Bayern, doch scheint er nicht so recht orientiert zu sein, wenn er bie Verordnungen nachsehen wollte, würde er finden, daß Bayern die Kummerfaltc schon lange hat. (Heiterkeit.) Es ist sehr schwierig für die Verwaltung, eine Uniform zu finden, die für alle Verhältnisse passend ist. Eine Uniformfarbe, die für Transvaal oder China passend ist, paßt nicht für uns. Im Sommer iieht eine Farbe ganz anders aus, als im Winter. Oesterreich wollte das Hechtgrau seiner Iägcrröcke auch bei der Infanterie einführen, es hat ca ausgegcbcn, weil das Hechtgrau im Sommer weit besser zu sehen war, als das Schwarz der Infanterie. Im Winter sah man das Grau fast gar nicht. Deshalb haben wir auch die grauen Mäntel und haben graue Litewken für die Landwehr eingeführt, damit diese Herren, die vielleicht etwas dick geworden sind (Heiterkeit), es recht bequem haben. Herr Müller - Meiningen meinte nun, der Chef der ersten Abteilung des Warenhauses, der von einem unheilvollen Erfindnugsdrang beseelt sei, gehe bei mir aus und ein und dränge fortwährend auf Neuerungen. Ich kenne den Herrn überhaupt nicht, und wenn er zu mir mit irgend einer Erfindung käme, würde er sicher ebenso schnell heraus wie hcreinlominen. (Heiterkeit.) Richtig ist es, daß wir das Waren- hans beschäftigen, wenn wirProbenanfertigen lassen. Irgendwomufien wir doch arbeiten lassen und das Warenhaus arbeitet schnell und gut Unpraktische Sachen sind nicht eingesiihrt. Kein Otfizier wnrde 2. B. den neuen Umhang, der ihn gegen die Unbill der Witterung 'schützt, da er immer leicht mitgenommen werden kann, wieder aup geben wollen. Auch das goldene Koppel ist sehr praktiich. Ich trage meins schon feit fünf Jahren nnd werde es noch lange tragen; beim man bat jetzt eine Methode errunben, mit deren Hilfe man diese Sachen, wenn sie lange gebraucht find, wie neu wieder auffrischen kann. Eine tiefgehende Unzusriedenhett herrscht unter den Offizieren wegen der Neuerungen durchaus nicht. Wo aber auch über mich räionniert wird, da sage ich cmiarfi: Schimpft über mich, soviel Ihr tvollt, aber laßt es nur nicht aus Staatseisenh ihnen, Einnahme 11 ICO S? : An'ga *c 5053 Mr., Münzwescn 700 Mk., Staatsrenten 267 v-.-j Mr., Sterbequar tale 3900 Mk., Allgemeiner Fonds für Vertretungs- und Aushilfskosten 60000 Mk., Porto und Telegraphen, resp. Fernsprechanlagen 98 200 Mk. Ohne Debatte wird dann die 11. Hauptabteilung, Ausleihungen und Staatsschuld, Einnahme 1232 442 Mk., Ausgabe 12168979 Mk. genehmigt. Von der 12. Hauptabteilung wird Kap. 115, Pensionen, Einnahme 603 473 Mk., Ausgabe 3 691375 Mk., mit dem Antrag des Ausschusses auf Mitzulassung der Turnlehrerinnen, sowie der an der Ausbildung von Handarbeitslehrerinnen beteiligten Lehrerinnen der Alice-Jndustrieschulen bewilligt. Abg. Weidner führt hier Beschwerde darüber, daß die Bestimmung, nach welcher die Handarbeitslehrerinnen an den Volksschulen auf dem Lande, die über 12 Stunden in der Woche beschäftigt sind, Pensionsberechtigung haben, die in weniger als 12 Stunden beschäftigten aber nicht Die Letzteren könnten doch nichts dafür, daß sie weniger beschäftigt würden. Tie 13. Hauptabteilung, Verhältnis zum Reich, weist in Einnahme 11348 523 Mk., in Ausgabe 11948 327 Mk. aus. Tie Posten werden genehmigt, ebenso die 14. Hauptabteilung, indisponible und reservierte Fonds, Ausgabe 282 768 Mk. Mk., und die Rachtragssordcruna „Zur Abführung an den Ausgleichsfonds" 159 000 Mk., letztere Summe unter dem Vorbehalt der Annahme über die Bildung eines Ausgleichssonds. Ta mit ist der 1. (Verwaltungs.-)Teil b e5, Ha ushaltsetats erledigt. Vom 2. Teil (V e r in ö g e n s r e ch n u n g) wird Kap. 118, Reste aus früheren Jahren, Kap. 119, Kameral- und Forstdomänen, Residenzschlotz Tarmstadt 24000 Mk., Ti?nsl- usw. Gebäude für die Oberförsterei Grebenau 17 000 Mk, Forstwartwohnung Jägersburg 16 000 Mk., Versteigerungs- Halle beim Groß-Gerauer Falltorhaus 4200 Mk. und für Wiederherstellung des Schlosses Lichtenberg 44 850 Mk. be- Kescher Landtag. R. B. Darmstadt, 4. März. Am Regierungstisch: Staatsminister Dr. Rothe, Finanzminister Dr. Gnauth, Geh. Staatsrat Krug zur Nidda und mehrere Ministerialräte. Die Sitzung wird um 9y4 Uhr eröffnet und die gestern unterbrochene Debatte über Kap. 103, Bauwesen, fortgesetzt. Staatsminister Dr. Rothe erklärt unter Hmwers auf die gestrige Debatte, die Regierung könne auf die so hoch bedeutsame Frage der Verunreinigung des Rheins und des Mains heute noch keine umfassende Antwort geben und behalte sich dieselbe für später vor. Bisher sei die Regierung hinsichtlich der Fäkalieneinführung in die Flüsse stets sehr vorsichjtig zu Werke gegangen. Sie habe dieselbe bis jetzt nur für die Stadt Mainz gestattet und dies auch erst nach jahrelangen gründlichen Erfahrungen resp. Urteilen der Sachverständigen, auch das Reichsgesundheitsamt habe sich dafür erklärt und die Genehmigung sei nur unter ganz bestimmten, weitgehenden Kautelen erteilt worden. Er gebe anheim, heute von einer weiteren Debatte darüber abzusehen und die Frage vielleicht durch eine Interpellation zur späteren Erörterung zu bringen. Dann werde die Regierung gern zu einer gründtichien Darlegung ihrer Stellung bereit sein. Das Haus beschließt daraus die Vertagung der Debatte über die Flußverunreinigungen. Abg. Noack stellt hieraus den Antrag und motiviert ihn kurz, daß die Großh. Negierung baldmöglichst einen Plan zu einer Neuordnung des gesamten hessischen Bauwesens ausarbeiten wolle. Abg. Reinhart spricht den Wunsch nach einer Neuregelung der Kosten für die Baggerungsarbeiten re. aus. Abg. Brauer beklagt die Verunreinigung der Ohm. Ministerialrat Frhr. v. Biege leb en bemerkt dann zu der früheren Klage des Abg. Horn über die alte Friedhofsmauer in Seligenstadt, die Mauer sei ein wertvolles Denkmal aus dem 11. Jahrhundert und deshalb ihre Erhaltung von hohem Jntere),e. Bezüglich der früheren Klage des Abg. Noack wegen dec unschönen Mauern am Auer- bacher Schloß, die alles Strauch- und Epheuschmuckes beraubt wurden, bemerkt der Regierungsvertretcr, daß die teilweise Entfernung des Pflanzenschmucks durch notwendige Ausgrabungen bedingt wurden; es seien auch nur solche Bäume rc. entfernt worden, deren Entfernung im Interesse des Schutzes des Mauerwerks nicht zu umgehen war. Abg. Noack bestreitet die Notwendigkeit dieser Arbeiten. Das Schloß übe seine Wirkung als Ruine nur in dem Rahmen der dasselbe umgebenden grünen Natur. Man dürfe in der Denkmalspflege nicht zu weit gehen, sonst bringe man sie beim Publikum in Mißkredit. Nach kurzer weirerer Debatte wird das Kapckcl mit 546 Mk. Einnahme und 536 400 Mk. Ausgabe genehmigt. Bei Kap. 104, Brücken und Ueberfahrten, regt nach einigen Wünschen des Abg. v. Brentano der Abg. Seelinger die Frage an, ob nicht der Staat sich bereit erklären wolle, den Betrieb der Fähre zwischen Lampertheim und Nordheim zu übernehmen, event. möge man darauf bedacht fein, den Staatszuschuß zu erhöhen. Abg. Reinhart schließt sich diesem Wunsche an. Die Unzutraglichkeiten bei der Fähre seien offenkunoig, cs würde durch die Betriebsübernahme seitens des Staates auch eine größere Betriebssicherheit erreicht werden. Weiter wün,chl Redner, daß der Staat das früher an Station Rosengarten Krof. v. Arygalskls Snbpolar. Spedition. Gießen, 5. März 1904. Eine große Gunst wurde der Gesellschaft für Erd- u n d V ö l k e r t u n d e dadurch zuteil, daß der ruhmreiche S ü d p o l ar f o r s ch e r P r o f. v. Dry g a l s ki, der erst vor kurzem von seiner Expedition zurückkehrte, vor ihr am 1. März als einer der ersten aller wifienscyaftlichien Gesellschaften über seine Forscherreise berichtete. Dem Gelehrten ' wurde denn auch bei seinem Erscheinen lauter Beifall zuteil, der sich nach Beendigung seiner überaus klaren und interessanten Ausführungen noch steigerte. Ter Vortrag und die zahlreichen Lichtbilder haben einen tiefen, nachhaltigen Eindruck, bei allen Anwesenden hinterlassen. 28 Monate dauerte die Reise des „Gauß", eines nach dem Vorbilde der „Fram" für die Expedition erbauten vortrefflichen Schif.es. 14 Monate war es von südlichem Polareis eingeschlossen, 14 Monate waren den Arbeiten auf Inseln und im Kapland gewidmet. Schon am Aequator .begannen die Arbeiten der Forscher, hier wurden schon Spuren des Einflusses festgestellt, den der Südpol durch Wärmedisferenzen und die Tierwelt des Meeres bis in diese Region hinein ausübt. Eine malerische Schilderung entwarf der Redner vom Südpolarmeer, das ihm nach Verlassen von Kapstadt bald entgegentrat. Stetige schwere Seen, Stürme und kalte Strömungen, die hier herrschen, sind die Veranlassung, daß seither wenig über dasselbe gearbeitet i|i. Tie Reisenden besuchten die dort lagernden Inselgruppen, um die Tierwelt zu erforschen und erdmagnetische Arbeiten auszuführen. Tie Inseln — die Erozetinsel und Kerguelen — find vulkanischen Ursprungs, ohne Bäume, durch stete Niederschläge vecsumpst. Ihre Fauna besteht aus Pmguinen, Seeelephanten und Kanin- cken, die, einst dort ausgesetzt, jetzt die gesamte Vegetation zu vernichten drohen. Auf den Kerguelen wurde eine meteorologische Station errichtet, hier starb auch das Mitglied der Expedition Tr. Enzenpergcr, der trotz aller Ungunst uno Mißgeschicke viel zu leisten vermochte und dem der Redner einen warmen Nachruf wiomete. Am 3. Febmar verließ der „Gauß" Heart-Eiland und gelangte nun ins Eisgeörel. Während englische, schottische und norwegische Forscher andere ^olargebiete besuchten, wandten jicl; die deutschen dec Region juofich der Kerguelen zu, lueit ijie^iivLL illui völug, Unkenntnis herrschte. Frühere Exp.dckivnen ua.en n..r wenige Breitegrade vorgedrungen, uno cs be^arwen über die Grenzen von Land nnd 9Jicer abweicyenoe Ansichten. Verhinderte ~anb werteres Vordringen, jo mupte sich wenigstens eine gute Atweitsgetegenyeit bieten. In der -tat jt.eß Trl-ga^kr schon auf der Breite des Polartreije» _ auf Land. Tre Schiffahrt in jenem Gebiete loar uuperjt schwierig. Vor der Küste bilden sich feste Schollen, von denen em £eu nach Norden treibt, sooaß ein Zugang von Listen nach Wessen unmughu}- ift. Es gelang aus vO Grad Ost einen Weg zwischen ^iüilentum^ie6Lii nach Süden zu suwen, wobei sestgestcllt wurde, dap das aus der Karte verzeichnete B.ulkesland niast e^i.iieri. Balo mehrten sich bic Eisberge, eine Tünung tarn auf, ine au, sre.es Meer nach Süden schließen lieg; statt 3960 Nieter Tte>e, lotete man bald 270 Meter, der Wind zeigte, den Eharakter eines Landwindes, und aui 21. Feoruar 1902 erreichte man Land. Neues, noch von keinem Mensuln gesehenes Land! War dem weiteren Vordringen nun em Ziel gesetzt, so war doch eine große geographische Frage getost. Ein Betreten des in Gis begrabenen, in stiller Größe liegenden Gebietes mit einer 50 Meter Hohen steilen Gisküste war unmöglich. Man versuchte nun, der Küste nach Lüesten zu folgen. Um Bewegungsfreiheit zu erhalten, bewegt«- Linie Bin < . nz . . »heim 19760 Mk., bewillig!? . eglei...,n ein "Nacht, ag für Erweiterung dcs Bahnhofes Stockheim (Gießen—Gelnhausen) 354000 Ntt., und für Vermehrung der Betriebsmittel 970000 Mk. Für An- und Verkauf von Jiaatsdomänen werden 10000 Mk. Einnahme und 188 0 Mk. Ausgabe genehmigt, sowie ein Nachtrag, bctr. den Ankauf eines Teils des früheren Darmstädter Lofs neben dem Ständehaus, 1237 Quadratmeter für 110 000 Mk., angenommen. Abg. Müller-Darmstadt bedauert, daß sich die Re- gierun'g den Ankauf des ganzen Baugeländes habe entgehen lassen; man hätte dorr große Staatsbauten, z. B. für die Lotterie usw., errichten können. Finanzminister Dr. Gnauth entgegnet, das Finanzministerium habe cs nicht für angemessen erachtet, das Objekt im Werte von 4—500 000 Mk. zu erwerben. Tie Stadt Tarmstadt habe es ja auch nicht gekauft. Tic Etatsberatung wiro darauf um IV2 Uhr abgebrochen. Nächste Sitzung: Dienstag 10 Uhr. Armee nnd Marine eine große Nolle spielen, namentlich der Chef der ersten Abteilung soll fortwährend auf Aendcrungen dringen. Ist dies wahr? Wir find keine Gegner der Armee, wir bekämpfen nur da§ Widerfinnige und Unrichtige. Wir kritisieren Nicht der Kritik wegen, sondern um Besserung zu schäften. Kriegsminister v. Einem: Um eine Lcgendenbildung nicht auf- kommen w lassen, muß ich sagen, daß die Armee ld06 geschlagen ist, weil sic der neuen Kriegsweisc Napoleons nicht gewachsen war. Es ist auch richtig, daß der Aufschwung von 181-/13 das großartigste war, was die Welt gesehen hat. Weiteres habe ich auch vorhin nicht gesagt. Es ist kein Zweifel darüber, daß der Krieg-,- miniftcr für alles verantwortlich ist. Ich habe auch deshalb, bie Kabinettsordre über die Achselklappen unterschrieben, Re man letzt, mit Ausnahme von Oesterreich, überall hat. Die goldenen Schnüre sind ein Akr des Wohlwollens, das der Kaiser einzelnen 9teguncntern verliehen hat. Die Aenderungen in der Uniform find ^um großen Teil wescmliche Verbesserungen. Vor zwanzig Jahren durften wir nur mit langen Hosen reiten, da mußten die Offiziere damit lelchr über die Felder laufen. Ist es jetzt nicht ein großer Fortschritt, daß wir bic langen Stiefel eingeführt haben? Nun tmrb gejagt, icber Offizier müsse bei einer Meldung in langen Lachttefeln erscheinen. Das ist eine Ente. (Heiterkeit.) Viel geredet wird über die grauen Mäntel. Früher hatten wir fünf verschiedene Mantel- farben in der Armee. Ist es nicht ein großer Fort,chritt, daß wir jetzt eine einheitliche Farbe in der ganzen Armee haben? Nun kann man fragen, weshalb sollen die Knöpfe schief fern, sie können ja ebenso aut grabe fein. Gewiß. (Heiterkeit.) Aber wenn der eine die Knöpfe grabe, der andere sie schief tragen wurde, so würde das doch sehr schlecht aussehen. Deshalb ist es doch wohl besser, daß eine Stelle, die zu sagen hat, eine einheitliche Regelung vorschreibt. Nun sprichst der Vorredner über den Luxus in der Armee, auch bei den Manövcrn. Nun, ich glaube, wenn Herr Tr Müller auf vier Wochen verreist, dann nimmt er sicher weit mehr mit, als ein Leutnant ins Manöver mitnefirnen darf. (Groge Heiterkeit.) Ich werde ihm die Vorschriften und mich das Maß des Koffers schicken, ich glaube, das, was Herr 'Muller * mitnimmt, kriegt er nicht da tzmem. (Heiterkeit) Nun will Herr Müller in der Friedrichstraße Mode- leutnants gesehen haben. Es ist aber ein großes Glück für diese Leutnants'aeweien, daß Herr Müller sie gesehen hat und nicht ihr Willigt. Beim Titel Staatsdomäncn werden 25 500 Mk. für Erwerbung einer Klenganstalt und 12 500 Mk. für eine Jorstwartwohnung in Osfenbacfi verlangt. Ueber die Erwerbung der Klenganstalt entspinnt sich eine lange Debatte, an der sich die Abgg. Tr. Buss, Ulrich, Molthän, Breim er u. a. beteiligen. Tie beiden Forderungen werden schließlich genehmigt. Bei Kap. 121, Saline und Badeanstalt Bad-Nauheim, werden 35000 Mk. für einen neuen Musikpavillon, 10000 Mk. für neue Projcltierungskosten und 20 000 Mk. für eine Süßwasserbeschafsung beim Schwalheimer Brunnen gefordert. Ersrerc Forderung wird dem Ausschußantrag entsprechend abgelehnt, die beiden anderen angenommen. Bei Kap. 122, Staatseisenbahnen, werden für ein Verbindungsgeleife bei Isenburg als Restsorderung 9200 Mark, für Aenderung der Dahnsteiganlage Bingen 100000 Mark, für Erweiterung des Bahnhofs Hungen 100000 Mk. (Abg. Köhler bringt hier einen Antrag m betreff einer veränderten Geleiselegung ein, zieht ihn aber wieder zurück, nachdem ihm bedeutet worden, daß es dafür zu spät sei), Verlegung der Haltestelle Ranstadt 100 000 Mk., Bahn- hofserwciterung Ingelheim 100 000 Mk., Erweiterung der Magenreparaturwerkstätte Tarmstadt 2JO000 Mk., Stcaßen- überbau über die Nahe bei Bingen 55 000 Mk., Bahnhofserweiterung Maldhof 40 000 Mk., Erbauung einer Haupt- werkstätle, dritte Rate 900000 Mk. Abg. Weidner wünscht, daß man der Gemeinde Tauernheim seitens der Regierung mehr Entgegcntommen zeigen möge. Bei Titel Umgestaltung der B a h n h 0 s s a n l a g e n zu Tarmstadt, deren Kosten aus 10000000 Mk. veranschlagt sind, fragt Abg. Müller wegen der Verzögerung der Ausarbeitung des Projekts an. Finanzminister Dr. Gnauth erwidert, die Bearbeitung sei ersa)wert worden durch das Ableben des ersten Bearbeiters und auch dessen Nachfolgers. Er habe heute die Mitteilung erhalten, daß die Eisenbahndirettion Mainz noch in diesem Monat in nähere Verhandlung mit der Stadtverwaltung Tarmstadt zu treten beabsichtige. Tie im Etat als zweite Baurate ge- I orderte Summe von einer Million Mark wird darauf iin Einverständnis und entsprechend dem Ausschußaiitrag wiederum, wie im vorigen Jahre, bis zur Vorlage des Bahnhoss-BauprojeiLs vom Etat abgesetzt. Zur Erweiterung dcs Bahnhofs Mainz werden darauf als zweite Baurate 900 OOu Mk., zur Herstellung und Verbesserung von reimen- uno Signalftcliweiken usw. 569 600 Mk., zur Hers.ellung von schwerem Oberbau auf den hessischen Streuen dcs Eiseubahndirektwusbezirt.es Mainz 1200 000 Mk., zur Ausrüstung der int hesjtschen Staatsgebiet bclcgencn Schncllzugsjrrecken mir sprechern 107100 Ml., für Strecreuvtockierungen auf der man sich zwischen ganz alten Eisbergen, zog sich dann aber nach Norden zurück, wo freies Meer vorhanden war. Hochldramatisch schilderte nun Trygalski, wie das Cis von Osten in rasender Fabrt auf das Schiff eingedrungen sei, wie Pressungen entstanden seien, wie wirkliche Berge ihm gegenüberstanden, wie der Schneesturm über sie dahin- suhr und optische Täuschungen verursachte —, dann trat ein heftiges Scharren ein und das Schiff lag unbeweglich fest! Ter „Gauß" lag in der Flachsee und somit war günstige Gelegenheit gegeben, eine Station zu gründen; wäre es in die Tiessee geraten, würde es in das offene Meer hinausgetrieben und gutes Festlegen untunlich gewesen sein. Eine Anzahl prachtvoller Lichtbilder, die nun vorgesührt wurden, schilderte anschaulich die Inselwelt der Kerguelen und des Heart-Eilands, des Eises in seinen vielen Spielarten, der Schollen, Pressungen, Schneewehen, Tafelberge und der Eisstruktur. Auch die Fauna wurde vorgesührt, besonders Robben und Pinguine, sowie der mächtige Albatros. — Aus Schollen wurden wissenschaftliche Stationen begründet. Ter Redner entwarf eine lebhafte Schilderung der Schneestürme, die mit elementarer Gewalt daherbrausen, auf wenige Meter jede. Umsicht verhindern, die Stationen gefährden und die Reisenden zwingen, oft bis 48 Stunden in einem engen Zelt zu verweilen, aus dem man sich später herausgraben muß. Tas Schiff war oft durch diese 3—5 Tage dauernden Stürme in einen Schneeberg vergraben. Ein eisfreier Berg, „Gaußberg" getauft, der sich an der Küste erhob, war das Ziel von Schlittenexpeditionen: dort wurden umfangreiche Beobachtungen angestellt auf dem Gebiete der Klimatologie, des Erdmagnetismus, der Geologie, der Fauna und Flora. Abermals belebten vorzügliche Bilder den Vortrag. Im südlichen Sommer endlich stieg die Temperatur zuweilen über den Gefrierpunkt. Man dachte an die Befreiung, aber sie mißglückte, bis am 28. Februar 1903 das Eis in der Richtung einer angelegten Schuttstraße, die einen offenen Kanal hervorgerufcn hatte, barst und das, Schiff frei wurde. Nach zwei Monaten des Kampfes mit dem Eise kam der „Gauß" in nördliche Eisdristen und erreichte am 16. März freies Meer. Ter Plan, von neuem vorzudringen und zu überwintern, mißlang; die Tiefsee verhinderte dauernden Aufenthalt, auch lag das Neueis bereits zu dicht. Am 9. April 1903 erfolgte dann nach einem furchtbaren Schneesturm die Rückkehr. So hat die „Gauß"- Expedition unter Führung des Prof. v. Trygalski in der verfügbaren Zeit erreicht, was zu erreichen war. Sie hat auf 10 Längegrade neues antarktisches Gebiet, das Kaiser Wilhelm II.-Land, nachgewiesen und biologische geologische und physische wertvolle Beobachtungen gemacht, die ihrer wissenschaftlichen Ausbeutung harren. Turch gemeinsames Arbeiten haben sich die verschiedensten Kräfte und neue Methoden der Wissenschaft erproben können; eine Kette von Erfahrungen ist gesammelt, die auch der alten Heimat der Forscher dienen wird. Mit diesem vaterländischen Ausblick schloß der berühmte Gast seinen hochbedeutenden Vortrag. — Ter letzte Vortrag dieses Winters wird Donnerstag, den 10. März, stattfinden. Herr Tr. S. Passarge aus Berlin wird über seine Reisen in Guayana berichten. K. Ker Krieg zwischen Japan und Dußland. Ter „Agence Havas" wird aus Shanghai gemeldet, die Japaner hätten in Tscbemulpo alle zur Ausschiffung von Truppen errichteten Anlagen abgebrochen und die Ausschiffungen dort eingestellt. Tie allgemeine Annahme ginge dahin, daß nunmehr Ts chn a m p o mit seinem seit einigen Tagen eisfreien Hafen der H a u p t l a n d u n g s- platz geworden sei. Tie Russisch-chinesische Bank von Niutschwang hat die Vorbereitungen, nach Mukden zu gehen, abgeschlossen. Frauen und Kinder bereiten sich auf das Verlassen des Ortes vor, in dec Annahme, daß die japanische Flotte, sobald der Fluß in ungefähr 14 Tagen eisfrei wird, zu erwarten ist. Angesichts der Unmöglichkeit, die Küste dort zu verteidigen, bis die Witterung den Bau von Gräben und Befestigungen gestattet, sind die Russen darauf vorbereitet, sich aus die Haupteisenbahnlinie zurückzuzieben und sich darauf zu beschränken, im Innern des Landes einen Vorstoß der Japaner durch ein Gefecht aufzuhalten. Es verlautet, daß die Absicht vorliegt, die schwer zu verteidigende Ebene westlich von Teschikiau wenn möglich zu halten wegen der Eisenbahn, die Mukden mit Port Arthur verbindet, und zwar soll die Linie Haitscheng-Liaujang die äußerste Grenze des Zurückwcickens sein. Es scheint indessen, daß wegen der exponierten Lage der Eisenbahn an diesem Punkte und des fast sicheren Erscheinens der Japaner, ehe die Witterung das Anlegen von Verteidigungswerken gestattet, die Russen ganz darauf gefaßt sind, daß Port Arthur abgeschnitten und belagert wird. „Taily Chronicle" meldet aus Tokio, es verlaute, 1500 Russen hätten den Jumen-Fluß bei Horyong überschritten und von den Amtsbureaus des Bezirks Besitz ergriffen. Sie verwendeten naturalisierte Koreaner als Spione. Tas Reuter'che Bureau berichtigt eine Meldung aus Tokio dahin, daß nicht in Tokio, sondern in Söul in die Wohnung des Ministers des Aeußern und seines Sekretärs eine Bombe geschleudert wurde. Die Bombe hat ein unbekannter Koreaner geworfen. Tie Verletzten, ein Sekretär und zwei andere Beamte, erhielten keine schwere Verletzungen. Kriegsberichterstattung in England. Daß auch beim Kriege trotz des grimmigen Ernstes der Ereignisse zu Zeiten der Humor nicht fehlt, ist eine bekannte Tatsache, und an unfreiwilligem Humor hat sich die englische Presse schon so manches gute Stückchen geleistet. Vor allen werden die Kriegsberichte der „Daily Mail", so angenehme Frühstückslektüre sie für den englischen Spießbürger bilden mögen, offenbar nicht überall ernst genommen, wie folgende scherzhafte und dabei recht bissige Ankündigung einer, englischen Wochenschrift beweist: Eine Million Russen getötet! Ein Japaner verwundet! Offizielle Nachricht! Bericht eines Augenzeugen! Um die enorme Nachfrage nach falschen und irreleitenden Nachrichten vom Kriegsschauplätze zu befriedigen, haben wir unter enormen Kostenaufwand uns die ausschließlichen Dienste der führenden Leuchten der literarischen Welt gesichert, die als Spezial-Korrespondenten nicht nur auf dem Kriegsschauplätze, sondern an allen Orten dienen werden, wo möglicherweise Gerüchte auftauchen können. — Unser Krieas- korrespondent Mr. „Steve", England, kabelt uns, daß Die Beziehungen im fernen Osten gespannte sind, und diese erschütternde Nachricht wird von Mr. Henry Britain in einem aus Fleet Street, London, datierten Telegramm bestätigt. Es folgen dann einige sogenannte Telegramme, die nur lokales Interesse haben. Dann fährt der Artikel fort: Eine Million Russen gefallen. — Von unserm Kriegskorrespondenten in My-Lie (z. D. „Meine Lüge"). — Ich bin soeben hier von Port Arthur aus mit dem Spezial- Radium-Luftschisf angekommen. Die russischen Beamten haben mich schwer mißhandelt und mir gesagt, meine Informationen seien ganz falsch gewesen. Jetzt liege ich im Hospital. (Bemerkung des Redakteurs: Ein Blia auf die Karte wird den Leser sofort überzeugen, daß es höchst unwahrscheinlich ist, daß in Won-Lung eine Million Russen nicht getötet worden sind. Es ist klar, daß unser Korrespondent unter Anwendung von Gewalt gezwungen worden ist, seine erste wahre Erklärung zu widerrufen. Ein Japaner verletzt. — Ein japanischer Kanonier (?) ist zufällig (?) von seinem Kameraden (?) auf den linken Fuß (?) getreten worden. (?) Man hofft auf seine baldige Wiederherstellung. parlamentarisches. Berlin, 4. März. Die 'Kommission desReichs- tages zur Beratung des -Gesetzentwurfs betr. Kaufmannsgerichte nahm in zweiter Lesung den § 11 betr. Beisitzer und den § 12 betr. Teilnahme an den Wahlen in der Fassung der ersten Lesung an. Bei § 12 gab Geheimrat Schneider im Namen der Regierungen von Bayern, Württemberg und Baden, Geheimrat Fischer im Namen der sächsischen Negierung die ausdrückliche Erklärung ab, die genannten Regierungen würden im Bundesrate gegen das Gesetz stimmen, wenn da!s aktive Wahlrecht der Frauen ins Gesetz ausgenommen würde. Nachdem auch die übrigen Bestimmungen des Gesetzes in zweiter Lesung erledigt waren, faßte die Kommission einstimmig eine Resolution, in welcher die Beschleunigung und Verbilligung des Zivil Prozeßverfahrens, insbesondere für die zur Zuständigkeit der Amtsgerichte gehörigen Rechtsstreitigkeiten gefordert wird. — Die Budgetkommission des Reichstages setzte die Beratung des Marine-Etats fort und strich bei dem Kapitel „Reise- und Marschkosten" von den mehr verlangten 47 675 Mk. 2 5000 M k. und bei der Mehrforderung von 174 000 Mk. zur Beförderung von Briefen, Telegrammen, Post- und Frachtstücken 100000 Mk. Sodann wurde die Weiterberatung auf den 8. März vertagt. Berlin, 4. März. Im preuß. Abgeordnetenhause stand heute die zweite Beratung des Eisenbahn- Etats auf der Tagesordnung. Titel 1 der Einnahmen aus dem Personen- und Gepäckverkehr wurde bewilligt und zwei dazu vorliegende Anträge der Budget-Kommission überwiesen. Bei Beratung des Titels 2, Einnahmen aus dem Güterverkehr, trat Vertagung ein. — Tas Herrenhaus hat heute das Wi ld scho n g e s etz in der Kommissionsfassung angenommen und Petitionen erledigt. Der Präsident Fürst zu Inn- und Knvphausen teilte mit, daß vor dem 14. April das Haus nicht mehr zusammentreten werde. Aus Stadt und Land. Gießen, den 4. März 1904. ** Leipziger Quartett- und Konzertsänger werden unsere Stadt besuchen und am Dienstag, den 8. März abends unter der Leitung ihres Direktors Eyle im Neuen Saalbau einen humoristischen Abend veranstalten. Mainz, 4. März. Laut einer Veröffentlichung im Mainzer Tageblatt hat das Gouvernement eine Verfügung erlassen, in der unter dem Hinweis, daß vielfach in letzter Zeit bei Schlägereien zwischen Zivil- und Militär- Personen, die von Zivilisten ohne Grund herbeigeführt wurden, sich die Soldaten schlapp und energielos benommen hätten, darauf aufmerksam gemacht wird, daß die Soldaten jedem Konflikt wenn irgend möglich aus dem Wege gehen sollen, um das gute Einvernehmen mit der Zivilbevölkerung von Mainz aufrecht zu erhalten, daß aber andererseits verlangt wird, wenn es nötig ist, von der Waffe so energisch Gebrauch zu machen, daß sich in Zukunft derartige Nowdy-Elemente, um die es sich allein handelt, hüten, einen Soldaten wieder anzugreifen. — Ein Maler aus Flomborn wurde in Osthofen verhaftet. Er hatte in Augsburg 100000 Mark gestohlen, von denen nur noch 7000 Mark bei ihm gefunden wurden. Frankfurt, 4. März. Die Polizei setzt ihre Nachforschungen nach dem Raubmörder fort, trotzdem Bruno Groß noch in Haft ist. Noch immer wird auch die Altstadt streng bewacht, da man die Täter oder Mittäter in verdächtigen Kreisen dec Altstadt vermutet. Es sind auch Einzelheiten bekannt geworden, die diese Vermutung bestärken, doch müssen sie mit Rücksicht aus die polizeiliche Tätigkeit geheim gehalten werden. Ter des Mordes I verdächtige Bruno Groß hat täglich Vernehmungen zu bestehen. Es wäre, wie der Gen.-Anz. meint, sehr vorteilhaft, wenn mehr Leute, bei denen Groß in den Jahren seines Hierseins gewohnt hat, sich der Behörde zur Verfügung gestellt hätten. Tie Furcht, selbst wegen der seinerzeit versäumten polizeilichen Wohnungsmeldung des Groß in Strase zu kommen, mag allerdings manche Vermieter abgehalten haben — ganz unnötig, da das Unterlassen derartiger Anmeldungen lediglich eine Uebertretung ist, die in drei Monaten verjährt und außerdem die Behörde aus einer so unbedeutenden Sache angesichts der Wichtigkeit des Mordsalles sicherlich kein Kapital geschlagen haben würde. Was den Aufenthalt des festgenommenen Groß in der Hast betrifft, so ist zu bemerken, daß er ein zwar verschlossenes, aber durchaus ruhiges und sicheres Benehmen zur Schau trägt. Kürz nach seiner Festnahme haben an oen maßgebenden Stellen eingehende EtNvägungen statt- gesunden, ob man den Verdächtigen im Gerichtsgefängnis aus dem Klapperfeld, in welchem im allgemeinen alle diejenigen Personen interniert zu werden pflegen, gegen welche der Untersuchungsrichter Haftbefehl erlassen hat, untergebracht werden soll, oder aber in dem als sicherer geltenden Polizeigesängnis zu verbleiben hat. Man entschied sich für das Gefängnis auf dem Klapperfeld, wo Groß in eine in der Nähe der Militärwache befindliche, absolut sichere Zelle verbracht wurde. Eine besondere Gefängniswache beschäftigt sich nicht mit dem Eingelieserten, doch sind 'diesem zwei handfeste und als sonst zuverlässig geltende Mitgefangene zugesellt. — In dem Keller eines Hauses in Bornheim wurde gestern durch Zufall eine grausige Entdeckung gemacht, die auf ein Verbrechen hinzudeuten scheint. Man sand dort in der Erde vergraben bie Leiche eines Kindes zwischen ein und zwei Jähren, die noch nicht sehr lange an jener Stelle zu liegen schien. Nähere Umstände sind noch nicht bekannt. * Berlin, 4. März. Aufsehen erregt die Flucht des 57 Jahre alten Kaufmannes Hermann DanielowSki, der seit 18 Jahren ein Stettiner Weinhaus vertritt und 40 000 Mark unterschlagen hat. Er hinterließ einen Brief, in dem er mitteilt, daß er sich wegen falscher Spekulationen das Leben nehmen würde. Seine Schwester wurde am 23. v. Mts. mit einem Schuß in den Kopf in die Universitäts-Klinik eingeliefert und starb dort. Jetzt taucht die Vermutung auf, daß sie sich nicht selbst erschossen habe. * Berlin, eine Witwen st ad t. Die Witwen sind in Berlin so zahlreich, daß man mit ihnen eine ansehnliche Provinzialhauptstädt bevölkern könnte. Die Fortschreibung der Bevölkerung Berlins nach Familienstand-Klassen hat ergeben, daß am 1. Januar 1900, 1901, 1902, 1903 hier 92 802, 95 459, 97 368, 99 058 Witwen vorhanden gewesen sein müssen, und inzwischen dürfte die 100 000 überschritten worden sein. Der Zuwachs setzt sich zusammen aus dem bedeutenden Ueberschuß der Verwitwungen Berliner Ehefrauen über die Wiederverheiratungen hiesiger Witwen und dem nicht unbeträchtlichen Ueberschuß des Zuzuges verwitweter Frauen nach Berlin über den Wegzug solcher nach außerhalb. Von Anfang 1900 bis Anfang 1903 stieg in Berlin die Zahl der Witwen um 6256. Die dazwischen liegenden drei Jahre hatten 17 635 Verwitwungen gebracht, aber nur 3098 Wiederverheiratungen, es blieb also ein Ueberschuß von 14 537. In den drei Jahren waren als zugezogen gemeldet worden 16017 Witwen, die sich durch Wegzüge (nebst Zuschlag für Unvollständigkeit dec Meldungen) um 13 831 verminderten, sodaß hier ein Ueberschuß von 2186 blieb. Der Gesamtüberschuß wäre 16 723 gewesen, er wurde aber durch den Tod von 10 467 Witwen auf 6256 verringert. In den drei Jahren wuchs in Berlin nach dem Ergebnis der Fortschreibung die Zahl der Witwer von nur 17 649 auf nur 19140, es sind also reichlich fünfmal so viel Witwen wie Witwer vorhanden. Das Mißverhältnis erklärt sich daraus, daß bei den Witwern die Wieder- verheiratung sehr viel häufiger ist als bei den Witwen, während zugleich die Zuzüge von außerhalb bei den Witwern weniger zahlreich sind und im übrigen durch die Wegzüge voll ausgewogen werden. Auch wissen die Witwen sich in Berlin derart nützlich zu machen, daß sie dem zweifel- naften Glück der Wiederverheiratung das beschauliche und nicht selten vergnügliche Leben als Witwe vorziehen. Vergnüglich deshalb, weil die Berliner Witwenbälle davon zeugen. Diese Bälle genießen einen gewissen Ruf; sie sind nicht von Pappe, wie der Berliner sagt, und die Witwen sollen sich „gottvoll" dabei amüsieren. Also! * Newpork, 4. März. In Lima richtete ein Erdbeben heute morgen beträchtlichen Schaden an. Seit 30 Jahren fand kein so heftiges Erdbeben statt. *Björnson in Tirol. Aus Schwaz im tirolischen Jnntal schreibt uns ein Korrespondent: Der gefeierte norwegische Dichter Björnstjerne Björnson nimmt seit langem alljährlich für einige Zeit Aufenthalt in unserer altertümlichen, vom Stammschloß der Frundsberger hochüberragten Bergknappenstadt. Heuer nun ist der Dichter, von dessen Werken so manches — zum Teile wenigstens — in unserem Touristen- und Sommerfrischstädtchen entstanden ist, schon hier eingetroffen und in feiner Wohnung vom Bürgermeister der Stadt mit einer Ansprache, von ber Stabtkapelle mit einem musikalischen Stäubchen begrüßt worben. Eisenbahn Zeitung. — Im Verkehr Berlin mit Sübdeutschland wirb derv-Zug 5 zwischen Berlin und Fr an kfurt a. M. beschleunigt. Er trifft 47 Minuten früher als bisher in Berlin ein und zwar 10.52 abends. Auch die Personenzugverbindung aus dieser Strecke wird verbessert. Der morgens vom Anhalter Bahnhof in Berlin abgehende Personenzug wird im Sommer erst um 9 Uhr 35 Min. später abfahren, aber seine bisherige Ankunftszeit in Eisenach 2C. beibehalten. Wie im Vorjahr wird wieder die Zahl der Schnellzüge zwischen Berlin und Frankfurt a. M. vermehrt. Kerichtssaal. Posen, 4. März. Die Strafkammer verurteilte den früheren Verleger der „Praca", Martin Biedermann, und den früheren Redakteur des Blattes, Dr. v. R a k o w s k i, zu 6, bezw. 9 Monaten Gefängnis. Die Verurteilung geschah wegen Verbrechens und Vergehens gegen die §§ 332, 333 und 347 des Strafgesetzbuches, Beamten be st echung und Fluchtbegünstiaung. Paris, 4 März. Prozeß D r e n f n s. Die Sitzung wird um die Mittagsstunde wieder eröffnet. Baudoin fährt in seiner Rede mit der Geschichte des Prozesses fort und geißelt die Machenschaften, die angeblich zu dem Zwecke ins Werk gesetzt wurden, um die Ehre der Armee zu retten. Er unterzieht die im Prozesse von Rennes gegen Dreysus erhobenen Belastungen einer Prüfung und weist die Hinfälligkeit aller aus dem berüchtigten Bordereau gegen diesen heroorgegangenen Anschuldigungen zurück. Die Verhandlung wurde sodann vertagt. Auszug sus den Atsu-kggmtsregisterv der Steht Gießen. Aufgebote. März. 1 Ludwig Adolf Hahn, Grabsteinhändler in Gladenbach, mit Dina Marie Langsdorf dahier. 1. Dr. phil. Christoph Knipper, Handelskammer-Svndikus dahier, mit Johanna Walbaum in Göttingen. 3. Joseph Michael Merz, Lehrer in Glauchau, mit Mathilde Kathinka Elisabeth Tribns dahier. Eheschließungen. Februar. 27. Georg Zörb, Kaufmann dahier, mit Emine Weber Hierselbst. März. 1. Karl An ton Schmitz, Kaufmann in Frankfnrt a. M., mit Hedwig Charlotte Schmalenbach dahier. Geborene. Februar. 21. Dem Dienstmann Karl Reuter IT. ein Sohn, Wilhelm. 24. Dem Taglöhner Johannes Hofmann III. eine Tochter, Elisabeth Margarethe. 24. Dem Bäckermeister Ernst Muth em Sohn, Adolf Hermann Robert. 25. Dem Kellner Alexander Hermann Herr eine Tochter, Margarethe Luise. 25. Dem Eisendreher Karl Enz eiu Sohn. 25. Dem Mehgermeister Heinrich Decker em Sohn. 25. Dem Fabrikanten Gustav Hornberger eine Tochter, Gerta Bertha Johanna. 26. Dem Hilfskesselwärter Heinrich Friedrich Uhl ein Sohn, Wilhelm Fritz. 26. Dem Kutscher Heinrich Leipold eine Tochter, Marie. 26. Dem Küfer Norbert Körber em Sohn. 27. Dem Schlößer Albert Franz Otto ein Sohn. 27. ^em Schuhmacher Wilhelm Strack ein Sohii, Karl Otto Bernhard. 28. Dem Hilfsheizer Adolf Stumpf eine Tochter. 28. Dem Schlosser Heinrich Pfeuster ein Sohn, Karl. 28. Dem Bahnarbeiter Georg Horst ein Sohn. 29. Dem Bahnarbeiter Konrad Margou eine Tochter, Lina Elisabeth. 29. Dem Bureaugehilfen Georg schatch eine Tochter, Elsa Bertha. März. 2. Dem Telegraphenleltungs- Aufseher Friedrich Rudolf eine Tochter. Gestorbene. . Februar. 27. Luise Bretthauer, 73 Jahre alt, Prwatm da« hier. 28. Wilhelm Fritz Uhl, 2 Tage alt, Sohn des Hilfskesselwarters Heinrich Friedrich Uhl dahier.