Nr. 255 Erscheint täglich ander SönnlagS. Dem Gießener Anzeiger werden tm Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Giehener Faimlien« blätter viermal in der Woche beigelegL Rotationsdruck u. Verlag der Brü h t'schen Untoers.-Buch-u-Stein- druckeret (Pretsch Erbens Redaktion, Lrpeditron und Druckerei: Schnlstratze 1, Adresse sür Depeschenr Anzeiger Gietzcu. Acrniprechanschluß Nr. 51. Zweites Blatt. 153. Jahrgang Freitag 3V. Ottover iVyS jfUL'unmy wer* €& monal?rch75P^viertel jß&ßlsF V dW ▼ iäbrlich M. LL0; durch Gietztner Anzeiger w Eeneral-Anzeiger v wsfe Amts- und Anzeigeblatt sür den Kreis Gießen MM Kitzunll der Stadtverordneten. Gießen, 29. Oktober 1903. Anwesend: Oberbürgermeister Mecum, die Beigeordneten Georgi, Heyligenstaedt und Cu^fchmann und die Stadtverordneten Brück, Emmelius, Euler, Haubach, Helfrich, Huhn, Jann, Jughardt, Keller, Kirch, Leib, Loos, Orbig, Pirr, Dr. Schäfer, Schafsstaedt, Schiele und Wallenfels. Entschuldigt hatten sich: Dr. Gutfleisch, Heichelheim, Hanau, Krumm, Petri, Schwall und Faber. Kolonialpost. Berlin, 29. Okt. Gemäß dem Beschluß des Ausschusses 6er Deutschen Kolonialges ellschast richtete der Präsident der Gesellschaft, Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg, eine Eingabe an den Reichskanzler wegen Festsetzung der Befugnisse der eingeborenen Polizisten in den deutschen Schutzs gebiet en, worin laut „Deutscher Kolonialztg." auf die in letzter Zeit vorgekommenen Uebergrifse eingeborener Polizisten gegenüber den Weißen verwiesen und eine grundlegende, ins einzelne gehende Regelung der Bestimmung verlangt wird, die den Verwaltungsorganen und Gerichten eine zuverlässige Richtschnur abgibt. Es wird anerkannt, daß eine geordnete Verwaltung der Kolonien nicht durchführbar ist, ohne daß Farbige mit den behördlichen Befugnissen auch Weißen gegenüber betraut werden. (SS solle aber daran festgehalten werden, daß auch der mit Beamtenfunktion betreute Farbige dem Weißen Ehrfuchrt zu bezeichnen hat. Daher solle ein Eingeborener nur in Gegenwart und auf Befehl eines weißen Vorgesetzten gegen Europäer emschreiten dürfen, falls es sich nicht um Ergreifung von Verbrechern aus frischer Tat handelt. Aus Windhoek wird der „Nationalzeitung" über Greueltaten im Ovambola nd gemeldet: Auf deutschem Gebiet am rechten Ufer des Okovango sind folgende Deutsche von den unter-portugiesischer Oberhoheit stehenden Ovambos ermordet worden: Von den Leuten des Kapitäns YLambaze die Reis enden Eusmerich und Laug, außerdem die aus vier Köpfen, den Eltern und zwei Kindern, bestehende Familie Paasch, deren jüngere Tochter von den Leuten des Kapitäns Bambakautu geraubt wurde und festgehalten wird. Den letzteren Leuten fällt auch die Ermordung des Ansiedlers Arndt zur Last. Die Mörder wohnen am linken portugiesischen Okovangoufcr. Bekanntmachung. Betr.r Die Veranstaltung von Verlosungen innerhalb des Großherzogtums. Unter Bezugnahme auf unser Ausschreiben vom 9. Oktober ds. Js. (Kreisblatt Nr. 122) bringen wir hierdurch zur öffentlichen Kenntnis, daß Großh. Ministerium des Innern dem Vorstand des Evangelischen Kirchbau-Frauen-Vereins Darmstadt die erbetene Erlaubnis zur Ausgabe weiterer 1000 Lose und zum Vertrieb derselben im Großherzogtum erteilt hat. Gießen, den 27. Oktober 1903. Großherzogliches Kreisamt Gießeu I. V.: Dr. Wagner. I Vor Beginn der Tagesordnung wurde Sekretär Möckel als Protokollführer in der üblichen Weise dienstlich vereidigt, woraus Oberbgm. Mecum ein Dankschreiben der Witwe des Gasarbeiters Karl Schmidt, der eine Unterstützung von der Stadt zuteil geworden war, verliest und des Weiteren öffentlich feststellt, daß ein vor kurzem in der Stadt verbreitetes Gerücht, wonach die Person des Oktroiinspcktors Maser in die Kriegs gerichtsafsäre des Feldwebels Jeckel verwickelt und entlassen worden sei, auf Erfindung beruht. Der Beamte hat mit der Sache des damals Angeklagten nicht das Geringste zu tun. Es ist ein Schreiben des Bauunternehmers Rinn eingelaufen, das Oberbgm. Mecum verliest, worin B^ug genommen wird auf die Aeußerung des Stadtv. Wallenfels in der letzten Sitzung über das Gebäude an der Ecke der Ostanlaae und der Landgrafenstraße. Rinn bemerkt darin, daß die Pläne damals der Stadtverord- netenversammlung Vorgelegen hätten und daß man erst dann ein Urteil über den Bau füllen könne, wenn er vollendet sei. Stadtv. Wallenfels erklärte darauf, daß am 26. Juni das Gesuch in die Tagesordnung eingeschoben worden sei. Ob die Pläne vorgelegen Hütten, könne er nicht sagen; er wisse nichts davon und viele seiner Kollegen ebenfalls nicht. Jedenfalls habe er von sehr vielen Seiten abfällige Urteile über den Bau gehört. Er habe die Sache zur Sprache gebracht in dem Bestreben, die Stadt vor Schädigungen der schönen Anlagen möglichst zu bewahren. Im Publikum hätten Viele sich gegen diesen Bau ausgesprochen. Man möge bei derartigen Gesuchen in Zukunft das Kind beim Namen nennen; es sei von einem Hintergebäude die, Rede gewesen, Stall bleibe aber Stall. Herr Wallenfels beruft sich auf die Forderungen des Artikels 29 § 15 der Bauordnung und ersucht den Vorsitzenden, solche Pläne in Zukunft deutlich vorzulegen, denn er sei noch jetzt der Ueberzeugung, daß, wenn die Versammlung gewußt hätte, daß man dabei uw einen Stall zu befinden habe, das Projekt nicht genehmigt worden wäre. — Oberbgm. M ecu in erklärt, die Pläne hätten am 26. Juni osfengelegen, er habe aber schon in der letzten Sitzung mitgeteilt, daß das Gesuch genehmigt werden m ü ßt e. —Stadtv. Kirch schließt sich den Ausführungen des Stadtv. Wallenfels an und will ebenfalls Mittel und Wege suchen, solchen Verunzierungen vorzubeugen. In den paar Minuten, die der Ver- salnmlung nur zur Verfügung stünden, die Baupläne zu prüfen, sei es nicht möglich, ein kompetentes Urteil darüber abzugeben. Man müsse sich darauf verlassen, daß Oberbürgermeister und Baudeputation die Sache gründlich prüften, und er möchte den Wunsch aussprechen, daß der Oberbürgermeister und die Deputation selbst sorgen möchten, daß derartige Pläne keine Genehmigung fänden. Das Schreiben des Herrn Rinn könne im übrigen nicht geeignet sein, die Stadtverordneten mundtot zu machen. — Oberbgm. Mecu m erklärt nochmals, das Gesuch habe genehmigt werden müssen, sonst hätte sich der Gesuchsteller beschwert und Recht bekommen. — Auch Stadtv. Haubach giebt zwar in der Sache selbst den Vorrednern Recht; soviel er aber wisse, gebe es kein Mittel, das Gesuch abzulehnen. Und nur aus diesem Gesichtspunkt habe die Baudeputation ihren Antrag gestellt. i Beig. Georgi bringt besch-werdeführend vor, daß dem letzten Stadtverordnetenbericht des Gießener Anzeigers zu der Angelegenheit des Rinn'schen Gebäudes an der Ostanlage eine Bemerkung zu gefügt gewesen sei, die rncht von der Redaktion selbst Herrühren könne. (Es handelt ich wie wir bemerken wollen, darum, daß n a ch der letzten Sitzung vom 15. Oktober der Oberbürgermeister sich erinnerte, daß die bezüglichen Pläne der Stadtverordnetenversammlung am 26. Juni Vorgelegen hatten und daß er dies, indem er der Redaktion des Gieß. Anz. davon Mitteilung machte, auf dem raschesten Wege bekannt geben wollte. D. Red.) Beig. Georgi fuhr nun, als der Ober- bürgernreister bekannte, daß er selbst diese Mitteilung in die Zeitung gegeben habe, fort, daß es unzulässig sei, daß diese Sache, bevor die Stadtverordneten davon Kenntnis hatten, im Gießener Anzeiger gestanden hätte. (IL E. war es der selbstverständliche, weil kürzeste Weg, den hier Oberbgm. Mecum eingeschlagen hat, um die Sache zur schleu- nigsten Kenntnis der Stadtverordneten zu bringen. Die Presse wird häufig genug von den Behörden dazu benutzt, langwierige Instanzenwege abzukürzen, um das Publikum über etwas schnell zu unterrichten, woran die Oefsentlich- keit ein Interesse hat, und sieht selber eine ihrer Hauptaufgaben darin, als bequemstes Verkehrsmtttel zwischen Behörden und Publikum zu dienen. D. Red. d. Gieß. Anz) Das Baugesuch der Gail'schen Dampfziegelei, wobei es sich um einen Dispens nach § 5 der Baustatuten handelt, wurde genehmigt, ebenso folgende Baugesuche: des Joh. Gg. Pfaff für die Stephanstraße, des Wilhelm Hause für die Mäusburg und des H. Winn für die Bahnhofstraße. Der nächste Punkt der Tagesordnung betrefft dre Not-, wendigkett, eine Vorschulklasse anderweitig unterzubringen. Die Klassen dieser Schule waren seither teils im Gymnasium, teils im Turmhaus am Brand untergebracht. Da nun durch eineTeilung noch eine Klasse entstanden ist, steht man vor der Frage, wo sie unterzubringen sei. Gegen die Miete eines Raumes sei eingewandt worden, daß man die Vorschulklassen nicht noch mehr in verschiedene Anstalten zerstreuen solle. So sei denn der Ausweg vorgeschlagen worden, die Aula des Gymnasiums durch eine 2i/2 Meter hohe Bretterwand in 2 Räume zu teilen und in dem kleinen die Bibliothek unterzubringen, wogegen der Saal der Bibliothek für die Vorschulklasse frei werde. Die Schuldeputation stellt demgemä ßeinen Antrag mtt dem Zufügen, die Kosten möge die Stadtkafse tragen. Die Stadtverordnetenversammlung nimmt diesen Antrag an. Das Gesuch des $>. Winn um Abtretun g städt. Geländes an der Roonstraße — es handelt sich um 192 Quadratmeter — wird aus Anttag der Baudeputatton mit dem Preis von 13 Ml. sür den Quadratmeter genehmigt. Der Gelündeaustausch an der Roonstraße mit K. Stohr I. Wwe. wird von der Tagesordnung abgesetzt, Der mit W. S e i pp III. nach dem Antrag der Baudeputatton genehmigt. Die Str aß en b e zeichn un g Neuenweg und Neuenbäue hat vielfach zu Uuttarheiten und Irrtümern Anlaß gegeben. Die beiden Straßen schneiden sich in spitzem Winkel, aber seither wurde die gerade Verlängerung der Neuenbäue vom Schnittpunkt an Neuenweg genannt. Nun hat die Stadtverordnetenversammlung beschlossen, auch diese gerade Fortsetzung mit dem Namen Neuenbäue zu benennen und die Straße vom Kreuzplatz bis zur Johannesshraße Neuenweg zu heißen. Und Hustav v. Moser f. Nachdruck verboten. Von Paul Wittko. Freund Hein hat aus seiner unermüdlichen Wanderung öurch dieses Jammertal, genannt die Erde, am 23. Oktober, in der schlesischen Stadt Görlitz, dieser beliebten ostdeutschen Pensionopolis preußischer Offiziere, Rast gemacht. An dre Tür des Hauses Blumenstraße Nr. 9 hat er gepocht, dem Bewohner, einem lieben alten Herrn von eleganter Offiziershaltung, dessen Augen noch vor wenigen Monden lustig leuchteten und dest en Schnur r- und Backenbart so wohl gepflegt war, sreundttch aus dre Schulter geklopft und ihm ein altvertrautes Wort rns Ohr geflüstert, ein Wort, das ihn vor 30 Zähren in die Reche der deutschen Zelebritäten geführt hat: „Ultimo . Und der alte Herr hat den Wink verstairden. Er hat an der Hand von Freund Hein nicht nur sem Hau^, sondern auch diese an Lächerlichkeiten so übervolle Welt auf Nimmerwiedersehen verlassen. Das schmucke Poetenheim, m dem länger denn vier Jahrzehnte der scheflenklingende Humor mit ftoher Ausdauer seine Pritsche geschwungen hat, steht nun öde und verlassen da, und in der Ecke u^er dem Schreibtisch, an dem der alte H^rr lntt unverwustticher Laune eine Unmenge unterhaltsamer Scherze ersonnen hat, ziehen jetzt vielleicht ein paar dicke Kreuzspinnen ihre Netze. Wenn wir den 9t am en Gustav v. lRoser Hören, dann umzieht unsere Lippen ein gemütliches Schmunzeln. Er ist uns allen ein guter alter Freund gewesen. Man hat ihn immer gern gehört, wenn er von der Duhne herab plauderte und scherzte, jeder von uns erinnert sich mancher von ihm uns bereiteten frohen Stunde. Muß das ent Racker gewesen sein in seinen Jugendjahren. So fe;ch und toll, so naiv selbstbewußt und doch so fast unanjtandig tuaendhast — vielleichjt so ein famoser Kerl wie Kamerad Reis-Reiflingen. Man konnte mit ihm über feine leicht lockeren, aber immer doch hübsch artigen Streiche so recht heilsam lachen, so wie es früher dRode war. Und anaesichts seines Todes beMeicht uns doppelte Wehmut. Wir haben in ihm einen Mattn von beftem Herzen und lauterster, echt ritterlicher Gesinnung verloren, emen Mann hrm naiv üerttaem Humor; und wenn wir uns auf unS ^ber recht besinnen, wenn wir ehrlich mtt uns selber smd, dann bemerken wir nicht ohne Bangen, daß uns schon lange vor diesem alten Manne jener gutmütige H-umor von gemächlicher Breite, den auch wir einst besaßen, verlustig gegangen ist. Moser, der Görlitzer Aristophanes, ist sich allzeit gleich geblieben, wir aber haben uns sehr verändert. Ob zu unseren Gunsten? Zum Teil wohl, zum Teil auch nicht. Wo sind die Zeiten jener unsäglich, harmlosen, lieben, törichten ltterarischen Dummenjungenstreiche, die uns Moser sein Leben lang vorgemimt hat und die uns einst so unbändig amüsiert haben! Einst öffneten wir alle unserem lieben Freunde Moser Herz und Hand, letztere zum Applaus. Wenn wir heute seine uns uralt anniutenden Scherze hören, dann finden wir viele von ihnen überlebt, in den meisten der gutmüttg und ftcundlich lächelnden Gesichter seiner zahllosen Schwankfiguren einen Zug von Fadheit, und ihre biedere altftänkische Kleidung nicht gerade geschmackvoll. In den letzten 15 Jahren haben sich die Nerven unseres Herzens, hat sich unser ästhettsches Empfinden gar sehr verfeinert und mit gelindem Schauder denken wir an jene Diluvialzeit deutscher Dramattk zurück. Moser, den wir einst für den Wilhelm Busch der Schauspiel-Bühne hielten, ist uns für sie heute das, was uns Millöcker sür die Oper ist. Wir lachen ja auch noch heute ein bischen mit ihm und über ihn, noch heute ist er uns, um a la Reif-Reif- lingen einen „meteorologischen" Ausdruck zu gebrauchen, in gewissem Grade ein guter alter Onkel, aber auch so überflüssig wie der brave Onkel v. Folgen in seinem „Reif". Doch toir sind leider alle auch ein bischen blasiert geworden, wir können keine rechte Freude mehr finden an harmloser Drolerie, wir können nicht mehr mit herzhafter Teilnahme lächeln, wenn uns ein müder, alter Großonkel seine alten Witzchen und Schnurren von anno Toback zum hundertsten Male erM)lt. Das ist das Betrübliche bei der mit uns vorgegangenen Wandlung. Eine natürliche gejchichtsgesetzliche Folge der festen Fügung des neudeutschen Reiches war es, daß vor dreißig Jahren die Blicke aller ganz ausschließlich auf die großen politischen Dinge gerichtet waren. Die welthistorischen Ereignisse von 1870/71 lasteten dermaßen auf aller Welt, daß die Künste von der Politik ganz erdrückt wurden. Aus keinem Gebiete der Kunst ist datuals irgendwie Bemerkenswertes oder gar Bleibendes geschaffen worden. Die ganze fästine Litteratur war lahm gelegt, und vollends auf dem Gebiete des Dramas entstand eine Gattung, die zwei Jahr» zehnte lang über einen embryonalen Zustand nicht herauskam und deren Probleme, wenn man ihr überhaupt solche nachsagen darf, völlig an der Oberfläche kleben blieben. Jsf- land, Kotzebue und der spießbürgerliche Benedix bildeten die Grundpfeiler, auf denen die lachenden Poeten damals weiter bauten, und schablonenhaft wie bei diesen blieben auch die Figuren des neuen bürgerlichen Schau- und Lustspiels. Mit der Psychologie mühten sich die Autoren gewöhnlich garnicht ab, und der äußere Bühneneffekt, auch wenn er sozusagen an den Haaren herbeigezogen wurde, war ein für allemal Trumpf. In jener Zeit erlebte Gustav v. Moser die lautesten Bühnenerfolge, die ja allerdings nie schwerwiegend zu sein pflegen. Wie viele andere vor ihm und nach ihm tst er nach jahrelangem Umwege durch eine Reihe preußischer Kasernenhöfe wohlsituierter Inhaber von Sitz und Stimme auf den unteren Hängen des deutschen Parnaß geworden, mit einem dickleibigen Büchlein von Tantiemenquittungen als Zivilversorgungsschein in der Brusttasche. Ein Leutnant und ein Dichter find ja bekanntlich durchaus nicht so grundverschiedene Existenzen. Wir brauchen ja garnicht bis auf Heinrich v. Kleist, aus den Grafen Platen, den Freiherrn v. Gaudy, auf Friedrich de la Motte-Fouquee usw. zurückzugehen. Denken wir doch nur an den wegen seiner Hohenzollerndramatik hoch beehrten Major a. D. Joses Laufs und an den wegen seines allzu offenherzigen Garnisonromans in diesen Tagen verhafteten Forbacher Leutnant Bilsen. Gustav v. Moser Hütte in diesem Mnter sein 60 jähriges Leutnantsjubiläum feiern können. Anno 1843 hatte er, 18jährig, den prinzlichen Pagenrock mit der preußischen Leutnantsunisorm vertauscht. 13 Jahre später hatte er seinen Abschied genommen und sich auf sein schlesisches Rittergut zurückgezogen. Erst zu Beginn des 6. Jahrzehnts des vorigen Jahrhunderts hat er sich, zunächst ganz schüchtern, mit ein paar Einaktern aus das tatenreiche Feld der Bühnenlitteratur begeben. Anfangs waren's nur kaum bemerkte Scharmützel, denen er aus diesem Felde sich aussetzte. Genau 30 Jahre nach dem Betreten seiner militärisck)-en Laufbahn und ebenso genau 30 Jahre vor feinem Tode gewann er aus den Brettern, die die Welt bedeuten sollten, seine ersten größeren glorreichen Schlach- Tie von der Baudeputation vorgeschlagene Er h ö h- uug des Kredits für die Unterhaltung detz Straßen Pflasters für das laufende Jahr um ICOO Mk. wird ohne Debatte genehmigt. Ein kleiner Zusatz zu dem Vertrag mit der Gemeinde Queckborn, der schon am 8. Oktober der Beratung der Versanunlung vorgelegen hat, wird auf "Antrag der Queckborner Gemeindevertretung und Befürwortung der Baudeputation angenommen. Für die Kläranlage und das Haupt ab sluß siel wird das linke Lahnufer entlang die Enteignung von Gelände beantragt. Es haben darüber seither schon Verhandlungen geschwebt, die nicfyt zum Ziele führten, da die Besitzer (es sind zusanrmen ca. 50) zu hohe EntsclMigungen forderten. Die Versanunlung beschloß nun nach den Auseinandersetzungen des Oberbürgermeisters an der Hand der Pläne, die Enteignungen zu den anfänglich! festgesetzten Taxwerten, die zwischen 30 Pfg. und 3 Mk. such bewegen, ins Werk zu setzen und zwar von zusammen 71800 Quadratmeter für die Kläranlage und 22 500 Quadratmeter für den Kanal. Tie Gesamtsumme, um die es sich handelt, beträgt etwa 40000 M k. Ter Firma Jäger il Rumpf werden Kanalarbeit en übertragen für die Westanlage im Betrage von 11000 Mk. und für den Schiffenbergerweg von 3000 Mk. Im Schulhause in der Neustadt betrug seither die Vergütung für die Reinigung von 3 K l a s s e n r ä u m e n 75 Mk. Da eine Klasse hinzugekommen ist, genehmigt die Versammlung die Erhöhung der Vergütung auf 100 Mk. Außerhalb der Tagesordnung wird dem hiesigen Zweig verein vom Roten Kreuz auf seinen Antrag Ausbildung einer Hilfskolonne mit Befürwortung des ors Hahn zu bestimmten Zeiten die Turnhalle der Stadt -Mädchenschule kostenlos zur Verfügung gestellt. Bezüglich des Erlasses einer Polizeiverordnung .wegen Verabfolgung geistiger Getränke sollen noch Erhebungen angestellt werden; dieser Punkt wird daher von der Tagesordnung a b g e s e tz t. Das Gesuch um Erlaubnis zum W i r t s ch a f t s - betrieb des Aug> und Louis Datz hier für'Seltersweg 23 wird genehmigt, das der Oranienbrauerei zu Dillenburg für Neustadt 1 wird, wie früher schon einmal, weil in der Nähe schon 15 Wirtschaften sich befinden, abgelehnt, das des Phil. Hofmann für Wetzsteingasse 8 dagegen genehmigt. Damit war die Tagesordnung erschöpft. Es werden von einzelnen Stadtv. nod) verschiedene Angelegenheiten zur Sprache gebracht. Stadtv. Emmelius führt Klage darüber, daß von Spaziergängern im Philosophenwald beim Betreten des Waldes und Sammeln von Laub so viel Pflanzungen weggerissen und zerstört würden. Die Stadt möge veranlassen, daß hier Abhilfe geschaffen werde. Stadtv. LZirr will bei Beerdigungen auf dem Friedhof am Rodberg mehr als bisher zur Aufrechterhaltung der Ordnung getan wissen. Es sei bei größeren Beerdigungen seither leider vielfach vorgekommen, daß Neugierige und Unbeteiligte in großer Zahl sich in das Schiff der Kapelle gedrängt und dort den Leidtragenden den Platze versperrt hätten. Er schlage vor, daß man durch einen entsprechenden Anschlag am Hauptportal diese Störungen zu verhindern suchen möge. Unbeteiligte möge man auf die Emporen verweisen und das Friedhofs- Personal demenfiprechend anweisen. Auch am Grabe selbst würden die Leidtragenden vielfach durch unberechtigten Andrang im Platze beschränkt; man solle Sorge tragen, daß die Neugierigen mehr im Hintergründe sich aufstellten. Oberbgm Mecum ist auch zu Ohren gekommen, daß bei einer letzten größeren Beerdigung durch Neugierige, ^darunter Frauen in hellen Kleidern, Störungen, sogar Wortwechsel und Streitigkeiten, vor- gekommen seien. Der Friedhossaufseher habe bei Beerdigungen viel zu tun und sei nicht in der Lage, überall die Ordnung aufrecht zu erhalten. Er, der Oberbgm., wolle versuchen, durch Anbringung einer Tafel mit Aufschrift am Portal diesen Zuständen abzuhelsen. Er fügte noch hinzu, daß es ihm sehr leid tun würde, wenn das nichts nützen und er genötigt würde, durch uniformierte Potizeibeamte solchen Störungen zu begegnen. (Tresen wirklich beschämenden Vorkommnissen muß in der Tat energisch entgegen- ^etreten werden. Wie gefühllos und roh ist es, wenn an so ernstem Ort die Neugierde sich! breit macht. Es ist sehr lehrreich, auf die Personen an achten, die in Hellen Kleidern sich auf Friedhöfen so ordinär benehmen. Fruchtet die Tafel am Portal nichts, dann sollte man mit solchem Gelichter allerdings kurzen Prozeß machen. D. Red.) Stadtv. Kirch erklärt, er habe auch wiederholt Leidtragende klagen gehört darüber, daß beim Austritt aus der Kapelle zum Grabe selbst unwürdige Zustände herrschten. Die Neugierigen drängten sich zuerst zur Tür hinaus und besetzten die Treppe, sodaß die Leidtragenden nicht wüßten, wohin sie sich! zu begeben hätten. Er schlage vor, dem abzuhelfen, indem man auf der anderen Seite den Ausgang nehme, hinter der Kapelle herum sich begebe und in geordnetem Zug hinter dem Sarg zum Grabe gehe, wie das überall der Fall sei. Es würde sich vielleicht auch empfehlen, den Friedhofswärter auf dem alten Friedhof zur Aufrechterhaltung der Ordnung hinzuzukonrinandieren. Beig. Georg: meint, die FriedhofsLommission möge die Sache in die Hand nehmen, worauf Stadtv. Haubach bemerkt, er glaube nicht, daß dies nötig werde, da die Verhältnisse auf dem Friedhof eben noch neu seien und nach den vorgebrachten Anregungen die Sache sich tvohl ganz von selbst machen werde. Auf eine Bemerkung des Stadtv. P i r r erklärt Oberbgm. Mecum, es stehe bei Begräbnissen aus dem Friedhof am Nahrungsberg jedermann frei, dort, wie auf dem neuen Friedhof, die Kapelle zu benutzen. Auf Antrag werde sie kostenfrei. zur Verfügung gestellt. Nur dürften der Stadt sonst keine Unkosten verursacht werden. Damit ist die öffentliche Sitzung beendet. Zer Irozeß wegen Kindesunterjchreöung gegen Sie Orafin Kwilecki. in. Berlin, 29. Okt. Die Zeugin Falkonska bestätigt nochmals ihre gestrige Aussage. Sie habe Tinge beobachtet, woraus sie bis in die neueste Zeit auf einen intimen Verkehr des Grafen und der Gräfin schließe. Ein entfernter Verwandter der Gräfin, Rentier v. Moszenski erklärt, als er den Knaben gelegentlich gesehen habe, sei ihm sofort die Fanlilienähnlichkeit aufgefallen. Die Hebamme, die die Gräfin vor 24 Jahren entbunden hat, bekundet, die Entbindung sei leiast gewesen. Fräulein v. Ward eska bemerkt, die Hanpidelastungszengin Andruszewska sei in Wroblewo schlecht behandelt worden; sie wurde nach ihrer Aussage mißhandelt, weil sie sich weigerte, ihr vorgelegte Papiere zu unterschreiben. Die Falkonska hält der Zeugin vor, daß sie in Gegenwart einer Schwester der Falkonska gesagt habe, sie sei von der Gräfin schlecht behandelt worden, sie werde sich rächen. Die Wardeska behauptet nur von schlechter Behandlung gesprochen zu haben. Land- aerichtsrat Foth, der die Untersuchung .führte, erklärt, die Ermittelung der Wahrheit sei besonders schwierig gewesen wegen des grenzenlosen Unterwürfigkeitsgefühles der meisten Zeugen, besonders der Ossowska. Sie habe erst ein Geständnis abgelegt, nachdem sie durch ein Schriftstück schwer belastet sei, das ein Schuldbekenntnis enthielt. Die Arbeiterfrau L e w a n d o w s t a will bestimmt wissen, daß die alte Andruszewska am Geburtstage des Knaben sowie vorher in Wroblewo anwesend war. Hedwig Andruszewska ei allgemein für verrückt gehalten worden. Andere Zeugen wissen nicksts von der Anwesenheit der Andruszewska am Geburtstage des Knaben. Zeugin Boguslawa sah die Gräfin 1896 im leichten Neglige und bemerkte, daß die Gräfin in anderen Umständen war. Frau v. Poninska suchte die Angeklagte am dritten Tage nach d-er Geburt aus und fand sie ganz im Zustande einer Wöchnerin, blaß, ermattet und stark gealtert. Sie sei der innersten lieber* zeugung, daß die Gräfin wirklich geboren habe. Die Aehn- lichkeit des Kindes mit der Mutter sei unverkennbar gewesen. Hierauf wird die Verhandlung auf morgen vertagt. Aus Stad! unö Kauö. Gießen, 30. Oktober 1903. *• Provinzialausschuß. Mittwoch den 4. November l. Js., vormittags 9 Uhr, findet im Sitzungssaale des Regierungsgebäudes dahier, Brandplatz Nr. 9, eine öffentliche Sitzung des Provinzialausschusses der Provinz Oberhessen mit folgender Tagesordnung statt: 1. Gesuch des Kaspar Müller zu Gießen um Erlaubnis zum Likörausschank in dem Hause Lindenplatz Nr. 12 dahier. 2. Durchführung des Flucht- lmienplanes für den Seltersweg vor dem Hause Nr. 75; hier: Enteignungsantrag der Stadt Gießen. 3. Reklamation gegen die Bürgermeisterwahl zu Vockenrod. 4. Beschwerde des Spenglers Georg Kreuder zu Nidda gegen den Kreisstraßenmeister Krafft daselbst. 5. Neubau des Georg Heinrich Keil I. zu Ettingshausen; hier: Rekurs gegen eine kreisamtliche Verfügung. ** Achte General-Versammlung der Vertrauensmänner des Hilfsvereins für die Geisteskranken in Hessen. Das Großh. Ministerium, Abteilung für Schulangelegenheiten, hat die Kreis-Schulkommissionen ermächtigt, denjenigen Lehrern, welche Vertrauensmänner des Hilfsvereins sind — es sind deren zurzeit über 300 — den zum Besuch der Generalaersammlung (16. November) erforderlichen Urlaub zu erteilen. Die hierin ausgesprochene Anerkennung der Zwecke des Hilfsverems verdient den wärmsten Dank, und dieser Dank dürfte in einer zahlreichen Beteiligung der genannten Vertrauensmänner an der Generalversammlung den richtigsten und natürlichsten Ausdruck finden. ** Denkmalschutz. Das im Juli dieses Jahres et* lassene Gesetz über den Schutz der Denkmäler hat in Hessen bereits vielfach das Interesse an den Denkmälern der Vergangenheit neu belebt und mannigfache Anregungen zur Folge gehabt. Nunmehr soll eine alle Volkskreise umfassende Organisation geschaffen werden. In erster Lime sollen den Baubeamten, Denkmalpflegern, der Ministerialabteilung für Bauwesen und dem Denkmalräte als behördlichen Organen Hilfsarbeiter — Architekten, Kunsthistoriker und Historiker — beigegeben werden. Dabei soll, um ein einträchtiges Zusammenarbeiten zu erzielen, der häufig hervortretende Gegensatz zwischen Architekten und Historikern ausgeglichen werden. Historisch gebildete Hilfsarbeiter werden sich unter den akademisch gebildeten Lehrern, Geistlichen, Mitgliedern der Geschichts- und Altertumsvereine finden. Daneben sollen überall Vertrauensmänner herangezogen werden, wobei weniger eine fachmännische Bildung als Verständnis und Liebe für die Aufgaben der Denkmalpflege die Hauptsache sind. Ihre Tätigkeit soll in der ständigen Aufmerksamkeit auf die Denkmäler der näheren Umgebung bestehen. Zum Beispiel haben sie von jeder Gefährdung eines Denkmals dem Denkmalpfleger Nachricht zu geben. Diese Einrichtung wird besonders dazu beitragen, die Denkmalpflege volkstümlich zu machen. Auch den Altertums- und Geschichtsvereinen, sowie dem Verein für Heimatkunde soll eine geeignete Stelle in dieser Richtung ein- geräumt werden. Die Organisation soll ferner ebenfalls auf den Schutz der Werke der Bildhauerei, Malerei und des Kunstgewerbes ausgedehnt werden, ebenso auf die Altertümer. Für den Urkundenschutz fehlte es bisher fast an jeder Organisation. Da es sich hierbei vor allem um einen Schutz der zum Teil sehr verwahrlosten Archive der bürgerlichen und kirchlichen Gemeinden handelt, bei dem Mangel gesetzlicher Handhaben und Befugnisse aber nicht viel zu erreichen war, wird auch auf diesem wichtigen Gebiete eine umfassende Organisation geschaffen werden. § Butzbach, 29. Oki. Die evangelische Kirchengemeinde- vertretung läßt eine Sammlung freiwilliger Beiträge zur Ausschmückung der Markuskirche veranstalten. Von Hauptlehrer Storch wurde ebenfalls ein Fenster mit Glasmalerei für diese Kirche gestiftet. ) ( Grünberg, 28. Okt. Die Ehefrau P. von hier wollte gestern von einem Wagen steigen, glitt dabei aus und brach ein Bein. — Der am Montag abend auf dem Marktplatz in Gießen überfahrene junge Mann ist der hiesige Bäcker K. H. h. Wallenrod, 29. Okt. Gestern abend fuhren die in Lauterbach beschäftigten Arbeiter Heinr. Kern und Valentin Geißler in einer Wagenabteilung nach Hause. K. hatte G. früher schon einmal überfallen und vom Gericht einen Denkzettel dafür bekommen. In der Bahn machte sich Kerns ten. Damals entstand en, zunächst eigentlich nur für die damalige Gorlitzer Soubrette bestimmt, „Das Stiftungsfest" und „Ultimo", Stücke, die heute noch zu den dauerhaftesten Säulen des deutschen Bühnenrepertoires gehören, die einfach nicht tot zu megen sind, denn wie aus dem Lastest des Zauberkünstlers springen hier die drolligen Situationen verlockend und verführerisch hervor. Beides waren zwar flüchtige und nach alter Humoristenart einseitig verzerrte, aber doch charakteristisch umrissene Spiegelbilder des hebens, die Mos er's eigenstes Naturell, das auf den „Witz", den Situations-, Figuren- und Wortwitz, besonders zugeschnitten war, nicht verleugneten. Im „Ultimo" war sogar ein Konflikt vorhanden, zwischen Professor und Kaufmann, zwischen Wissenschaft und kommerzieller Spekulation, der allerdings von episodenhaftem Beiwerk stark überwuchert wurde. Der große Erfolg dieser -beiden bürgerlichen Komödien spornte ihn zu außerordentlicher dramatischer Fruchtbarkeit an. Er erinnerte sich seiner lustigen Leutnantszeit und schuf in seinem „Veilchensresser" (1876) den Typus eines leicht enrpfäng- lichen Courschneiders, den prächtigen, frischen, nie um den rechten Ton verlegenen Husaren schweren ö ter v. Berndt, der noch heute auf griesgrämige Grillen wie Insektenpulver neuester Ernte gegen Motten und anderes lästiges Ungeziefer wirkt. Freilich nicht gleich erkannte der heutere Schwank- und Lustspielpoet, daß er dem einstigen schneidigen Jünger des Mars sein Bestes zu verdanken habe, daß die Porträtierung des Leutnantsthpus nach seiner komischen Seite hin feine Spezialität Jen, daß ihn vereinst als den Leutnants-Dichter und Dichter-Leutnant par excellence jedermann vor dem lachenden geistigen Auge behalten werde. Er begab sich zunächst auf ftemde Gebiete. Aus dem benachbarten Polen, von dem Gute des Großgrund- ;bei'itzers Grasen Fredro dem Aelteren entnahm er sein nächstes Stück. Dieser Graf Fredro jen. wird in Literaturgeschichten emphatisch der „polnische Moliere" genannt. Treffender wohl verglich, man die Grafen Alexander Fredro Vater und Sohn mit Alexander Dumas pöre und fils. „Mädchenschwüre" (1877) nennt sich eins der hübschesten Lustspiele des älteren Fredro, aber der deutsche Edelmann verdeutschte leider die Figuren in dem Stück des polnischen Edeimannes. Besser hätte er dem Stück die polnische Lokalfarbe gelassen, das hätte ihm im Deutschen größeres literarisches Interesse verliehen. Tie Mojer';che Bearbeitung des polnischen Lustspiels macht fast den Gin-^ druck eines echten Moser, erinnert aber doch auch in seiner Zierlichkeit ein wenig an die Grazie Scribes. Von Polen wandte er sich dann nach England, von wo er sich den „Bibliothekar" (1878) heruberholte, Szenen aus dem englischen hagh-lise von ergötzlichster Verwechslmigskomik. Dieses waren seine beiden einzigen Wanderungen außer Landes. Er kehrte definitiv zu feinen heimischen Penaten zurück und brachte noch in demselben Jahre eine tolle kleinstädtische Stadtverorvnetenkomödie heraus, den „HY- v o ch o n d e r", diesen wackeren kleinbürgerlichen Hausvater, oer nicht sündhaft, doch auch nicht so ganz tugendhaft, nicht dumm, aber auch nicht so ganz aufgeklärt, im ganzen vorurteilsfrei, doch von einer Marotte besessen ist, die ihn zum 5^ypochonder machen könnte, wenn §err von Moser mehr Moliörisch zu Werke gegangen wäre. Das Jahr 1879 bedeutete für ihn insofern einen Wendepunkt in feinem Schaffen, als er fortan bei feinen dra- matijchen Arbeiten sich zumeist eines Kompagnons bediente. Seine erster Mitarbeiter war L'Arronge, und die Frucht der gemeinsamen Tätigkeit „Der Registrator auf Reise n", den Emil Thomas, der bekannte Berliner Komiker, vor einigen Jahren wieder vor das Lampenlicht gezogen hat. L'Arronge wollte damals von diesem Experiment des Wied erb elebens nichts wissen und meinte, er würde, als der „halbe Vater" des Stückes, an Tantieme eine baumwollene Weste verdienen. Und er hat sie damals auch richtig verdient, diese baumwollene Weste, aber sie hatte Seidenstreifen und in der Tasche steckte ein Taus endmarkschein! In den nächsten Jahren verband sich Gustav v. Moser mit Franz v. Schönthau. Der preußische Leutnant a. D. und der ehemalige östreichische Marinekadett entrierten einen „Krieg im Frieden" (1880), den die deutschen Bühnen noch lange nicht abrüsten werden und der heute noch bisweilen auf deutschen Hoftheatern sogar au Kaisers Geburtstag aufgefuhrt wird. Bon den anoeru Kompagniearbeiten der beiden Herren sind nur noch „Uu(ere Frauen" am Leben geblieben, ein Stück von echtem Lust- spielton und echter Lustspielidee, in dem der brave Lohndiener Pfeffermann die weltersahrene Bemerkung macht, daß sich doch in jedem Haus alles um die Liebe drehe. Tiefes gute Wort hat hen.e freilich nur sehr bedingte Giltigkeit, denn viele „unserer Frauen" von heute mochten j am liebsten die ganze „dumme" Liebe an den ersten besten ' 9kagel hängen wie einen alten Jtlpon und ihre flatternden Fahnen mit der Stand artenin schrist „Los vom Mmne" erbittert in den Kampf um Gleichberechtigung auf politischem und sozialem Gebiete tragen. „Glück bei Frguen" errang damals auch Moser mit seinem Lustspiel, das er also betitelt hatte und in dem er den Scheinerfolg und den wahren durch Herzenseigenschaften erzielten Eindruck auf Frauenherzen wirksam gegenüberstellte. Dann aber kam, 1885, ein Hauptschlager, „Reif-Reiflingen", dieser köstliche Schwank aus dem Leben eines Leutnants, Öen selbst ein Mitterwurzer gern darftellte. (Schluß folgt.) — Berlin, 29. Okt. Heute mittag fand die feierliche Eröffnung der Kinderklinik in der Charite in Anwesenheit des Kultusministers, des Ministerialdirektors Dr. Althofs, des Generalstabsarztes Leuthold und der Professoren v. Bergmann, v. Leyden und anderer statt. Der Direktor Geheimrat Heubner gab in seinem Vortrag ein Bild der historischen Entwicklung und Behandlung kranker Kinder. Der Kultusminister erwiderte mit einer Anerkennung der vorzüglichen Neueinrichtungen, die der Wissenschaft und der Menschheit forderlich fei. Direktor Heubner überreichte das erste Exemplar seines im November er- fcheinenden, von Fachkreisen mit Spannung erwarteten Lehrbuches Kinderheilrunde. Direktor Heubner erhielt den roten Mlerorden dritter Klasse. — Prof. v. Behring teilt mit, daß die Meldung, die Villa Krupps aus Capri sei in seinen Besitz übergegangen, um dort eine Anstalt für Serum behandln ng zu errichten, ein Phantasiegebilde sei. — Ponta Delg ad a (Azoren), 29. Okt. Das deutsche Südpolarfchiff „Gauß" mit der unter Leitung des Prof, v. Drygalski stehenden Expedition ist heute hier eingetroffen. — Stockholm, 29. Okt. Nord enskjo eld beabsichtigt, eine n at urhisto risch-a n t h ropo lo gij ch e Expedition nach den Grenzbezirken von Peru und Bo- livia zu unternehmen. Die Abreise ist für Dezember 1903 oder Januar 1904 in Aussicht genommen. Für die Dauer der Expedition sind 15 his 18 Monate in Aussicht genommen. Zorn darüber durch Schimpfen Lust. Geißler wies die Beschimpfung zurück und erinnerte ihn an das Gericht, wohin er wieder kommen könne, wenn er nicht ruhig wäre. Als beide nun hier ausgestiegen waren und in das Dorf kamen, fiel Kern über Geißler her und bearbeitete dessen Gesicht und Rücken mit seinem Messer. Blutüberströmt zeigte er sich der Ortspolizei. Die Verletzungen scheinen glücklicherweise nicht lebensgefährlich zu sein. -i- Marburg, 26. Oft. In unserer Musenstadt findet vom 31. Oktober bis 2. November in den Anlagen des Gasthofes , Schützenpfuhl", dem historischen Wirtshaus an der Lahn, die 1. Verband s - Geslügelausstellung des Verbandes der Geflügelzuchtvereine im Regierungsbezirk Kassel unter dem Protektorat des Landgraftn Alexis von Hessen statt. Die Anmeldungen für die Ausstellung sind — trotzdem nur Verbandsmitglieder ausstellungsberechtigt sind — wider Erwarten so zahlreich eingelaufen, daß die Ausstellung nicht nur die Leistungsfähigkeit des jungen Verbandes dokumentiert, sondern auch im Stande sein wird, ein wahres Bild von dem Stande der Geflügelzucht unserer engeren Heimat zu geben. Kleine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbarstaaten. Herr Badeverwalter Stohe in Salzschlirf teilt uns mit, daß er sich nicht zur Ruhe zu setzen beabsichtige. Meteorologische Beobachtungen der Station Gießen. Oktober Barometer auf 0° reduziert Temperatur der Luft Absolute Feuchtigkeit Relative Feuchtigkeit Windrichtung Windstärke Wetter 1903. 29. 2“ 7393 11,6 8,8 87 SW. 2 Bed. Himmel 29. 9“ 740,5 10,0 8,7 95 W. 2 Bed. Himmel 30. r^tb 743,7 8,5 8,1 98 SW. 2 Bed. , Höchs e Tem perutur am 2 8. bis 29. O tobet h 11,60 C. 9tiedrigste 58. , 29. + 4,5u C. Gingesanöt. (Für Form und Inhalt aller unter dieser Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.) Gießen, 30. Oktober. Der gestrige Einsender hat ganz recht. Die Bahnhos- straße, das von jeher bei Verkehrangelegenheiten, wie bet fest- lichen Anlässen vernachlässigte Stiefkind der Stadt Gßieen, „erfreut' sich seit einer Woche wieder der ganz besonderen Fürsorge »es Diefbauamtes. Tte durch die K a n a l if at io n der Löwengasse ausgeschachteten Erd- und Schlammengen (ein 2mt bediente sich kürzlich des Ausdrucks p hu § b r c et ) werden längs der rechten Seite der Straße in einer Hohe und Brette gelagert, daß die hier wohnenden Geschäftsleute nach Wetterführung des Dammes bis zur Wolkengasse bald von jedem Verkehr abgeschlossen sein werden. Wäre gleich zu Anfang der -arbeiten an der Löwengafse flott abgefahren worden, so wäre die Bahnhofstraße von dem Morast und der hierintt verbundenen Geschäfts schädigunq verschont geblieben. Wir haben noch gerade genug von den Monaten April—Mai—Juni, und schon wieder wird ims die Straße so gut wie von jedem Verkehr abgeschlossen. Gegen edpttt*»fett ist der Schnupsenäther „Forman" anzuwenden, der ärztlicherseits mehrfach als „geradezu ideales Schnupf en mittel" bezeichnet wird. Bei leichtem Schnupfen For- inan-Watte(Dose30Pfg.),bei starkem Schnupfen Forman-Pasiillen (50 Pfg.), zmn Inhalieren mittels Riechgläschens. Wirkung frappant: Bei beginnendem Schnupfen fast unfehlbar. In allen Apotheken. Man frage seinen Arzt. 8125 für Herren. M ALM Serie II Serie I enthält auch Ulsters und Raglans Mark Mark. 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Im Gaswerk findet nur ein Verkauf von über 5 Zentner Koks statt; dagegen ist bei folgenden hiesigen Firmen der glmttrtaf im GMcks von 1 H» 5 Zeutner eingerichtet, nämlich bei den Herren: Bacheuheimer & Schaumberger, Marburgerstraße 22, Andreas Euler, Stemstraße 11, Joh. Fischer, Alicestraße 19, H. Hof, Bahnhofstraße 34, Gcbr. Kahl, Frankfurterstraße 151, Ed. Klinket, Bahnhofstraße 10, Emil Lotz, Kirchenplatz 9, Emil Pistor Nachfolger, Marktstraße 10, Georg Schäfer, lücherstraße 2, August Struck, Bismarckslraße 6, Georg Unverzagt, Grünbergerslraße 13. Diese Firmen berechnen obenstehende Preise unserer Gaskoks samt Anfuhr wie das Gaswerk und verabfolgen dieselben auch in Mengen unter 5 ZeMnern. Die Preise unserer Gaskoks für die Abnehmer autzerhalb der Gemarknug Gictzeu ermäßigen sich um den Betrag der Oktroirückvergütung von 4 Pfg. für den Zentner. 63 Städtisches Gas- und Wasserwerk Gietzen. Neui Telegramm! E®0 rwageü Georg Wallenfels Marktplatz 21. Telephon 46. 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