Montag 30. MärziNOS 153. Jahrgang Erstes Blatt mit bei, der minderwertigem Fleisch versorgt würden. Graf Stolberg-Roßla tritt den geäußerten Bedenken die sowohl im Interesse der ländlichen Produzenten, wie Freiheit in der Führung der Haushalte entsprängen. Tie Artikel 1—6 werden darauf angenommen. Bei Artikel 6 hat die Zweite Hammer einen Zusa yantra g Hä hier angenommen, hinter dem Worte »ober* einzuschal- ten .wo in Landgemeinden nach Ansicht des KreiSauSjchusseS hierfür ein Bedürfnis vorzuliegen scheint*. (Der Artikel dreht sich um die Errichtung von Freibanken auf dem Lande.) Degen diesen Zusatz wendet sich der Ausschuß- referent, derselbe sei unnötig, unter Umständen sogar gefährlich. Ministerialrat Weber schließt sich dieser Auffassung an. Abg. Köhler habe den Artikel nicht gelesen, oder ihn miß- oerftanöcn, sein Zusatz bezwecke daS Gegenteil von dem wag, die Landwirtschaft erreichen wolle. Ministerialrat Braun legt gleichfalls dar, daß die Bei» behaltung des Antrags Kähler zu schweren Schädigungen für die Landwirtschaft führen könnte, da nach diesem Antrag ein ganzes Stück Vieh, was mit Ausnahme weniger Teile noch genießbar wäre, einfach dem Wasenmeister überwiesen werden müßte. ES liege hier der eigenartige Fall vor, daß em hochagrarischer Ve rtre- ter eine gerade gegen die Landwirte gerichtete Maßregel befürworte. Ter Antrag Köhler wird darauf vom Hause einstimmig abgelehnt, im übrigen Artikel 6 wie die Artikel 7—14 genehmigt. Ministerialrat Weber bemerkt noch, daß daS neue Gesetz nunmehr wahrscheinlich 8—10 Tage nach dem 1. April in Kraft treten könne. Nachdem daS HauS noch dem Ersuchen der Zweiten Kammer an die Regierung um Einführung einer staatlichen Schlachlviehoersichcrung beigetreten ist, erklärt Ministerialrat Braun, ein solcher Gesetzentwurf liege bereits fertig da. Wenn nicht eine reichsgesetzliche Regelung erfolge, was nicht zu erroarlen sei, werde der Entwurf alsbald den Landständen vorgelegt werden. Darauf vertagt sich die Kammer. Nächste Sitzung unbestimmt. Nr. 75 Erscheint täglich außer Sonnlag«. Dem Dießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem Hessischen Landwirt die Lietzener Zamilien- llätler viermal in der Woche beiqelegL Rotationsdruck u. Verlag bei Brüh l'schen Unioers.-Biich- u.Stein- bruderet (Pietsch lieben) Rebaftwn, Eroedltion und Druckerei: Schal st ratze 7. tlbiefie für Deoeschen: Anzeiger Wiefern. Aerniprcchonichlutz -Jlr 5t. tzrfte hessische SländcLarnmer. R. B. Darmstadt, 28. März. Am Regierungstisch: Staatsminister Dr. Rothe, Finanz. Minister Dr. Dnauth und dte Ministerialräte Braun und Weber. Nachdem der Präsident Graf Görtz die Sitzung eröffnet, setzt das HauS die Beratung über den Rest des Etats fort und genehmigt denselben ohne Debatte. La die zweite Kammer die Bewilligung der drei Positionen 32 000 Mk. für Umbauten im Residenzschloß, 4000 Mk. für Pflasterung im Hof des Marstalls und 14 700 Mk. für die Forstwartwohnung bei Offenbach wiederum ad gelehnt hat, so tritt die erste Kammer jetzt diesem Beschluß bei, dagegen lehnte sie den nicht direkt in den Bereich deS Etats fallenden Antrag der zweiten Kammer, daß die Regierung für die Diätenbewilligung an die ReichStagSabgeord. neten eintreten möge, wiederum ab. Nachdem dann noch dem Finonzgesetz, in welchem die Gesamtausgaben aus 8 2ö3 765 Mk. festgesetzt find, die Genehmigung erteilt, ist der Haushaltse tat enbgiltig erledigt. Ohne Debatte wird darauf dem Gesetzentwurf über die Gericht sk osten und die Gebühren für Gerichts- Vollzieher rc. die Genehmigung erteilt lieber das Schlachtviehs und Fl e i s chb es ch au gesetz referiert der AuSschußberichteritaHer, Oberlandcsgerichtspräsident a. D. Tr. Knorr, der die Annahme des Art. 1 nach den Beschlüssen der Zwecken Kammer beantragt. Geh. Iustizrat Prof. Tr. Schmidt-Gießen spricht sein Bedauern darüber au5, daß man die frühere Beslim- mung, nach welcher auf vorherige Bestellung von auswärts bezogenes Fleisch ohne Rachb-schau eingeführt werden kann, ni*t habe bestehen lassen. Es fei zu befürchten, daß durch die jetzige Fassung deS Artikels in die Rechte der Familie ParlameutariicheS aus Hessen. Auf-die Anfrage der Abgg. Tr. Schmitt und Genossen, betreffend die Sicherheit von Zoll, und Steuer- kre dite, hat die Großh. Regierung in umfangreichem Schrift- ftflef erwidert. Es heißt darin: Die Regierung glaubt die Gewähr für Verluste durch höhere Gewalt, Kriegsgefahr ober solche Umüänbe, bic sie, bezw. ihre Beamten nicht verschuldet haben, ablehnen zu müssen. Dagegen wirb gegen bie Uebernahme ber Haftpficht für Schaben, welcher auS Versäumnis berjemgen Sorgfalt entsteht, welche bie Be- höröen bei bet Aufbewahrung von eigenen Gelbern und Wertpapieren be5 Staates anzuwenden pflegen, nichts weiter zu erinnern gefunden, sofern der Hinterleger die Erklärung abgiebi, daß er bie baulichen unb sonstigen ber Hintec- chiungen zur Sicherung der hinterlegten Gegenstände für genügend gelten einbegriffen werde, namentlich bei OssizierS- oder Beamtcnfainillen, denen Fleischsendungen au» der Heimat oder ihrem früheren Wohnsitz zugmgen. Er gebe anheim, ob nicht bei Erlaß bet Aussührungsbestimmungen noch hierauf Rücksicht genommen werben könne unb bitte die Regierung, eine nähere Erläuterung zu geben. Ministerialrat Webel: legt dar, wie der Artikel entstanden sei. Derfelbe solle DCihmbem, daß ein Megger ge- werbsmäßig minderwertiges Fleisch in die Städte liefere unb so den Metzgern in der Stadt eine ungerechte Konkurrenz bereite. Hier werde die Gebühr für die Rachbejchau eine au«, gleichende Wirkung autzuben. Ter Cberbürgeimeifler von Mainz habe erklärt, er füge sich ber von ber Kammer be- schlossenen Bestimmung, bedauere aber, daß der Absatz 8 nicht überhaupt gestrichen wurde. Et habe auch in emem heule früh eingetroffenen Schreiben au8 Mainz angefragt, ob cs nicht möglich fei, in den Ausführungsbeslimmungen daS beizubehalten, was bisher für Mainz bestimmt war. Ministerialrat Braun bemerkt, eS feien hier zwei Möglichkeiten vorhanden. Beziehe em Stadtbewohner von auswärts gewerbsmäßig Fleisch, so unterliege efl der jetzt in allen Bundesstaaten durchgeführten Fleischbeschau. Dagegen bleibe von Privaten bezogenes Fleisch, z. B. von Hausschlachtungen, ober auch ber Braten, den die Offiziers, frau von ihrem elterlichen Gut erhalte, ja von der Fleisch- beschau und daher auch von der Nachbeschau befreit, einerlei, ober durch die Post oder auf anderem Wege gesandt werde. Man könne in den Städten mit Schlacht hauSzwang wohl bie bestehenden Verhältnisse zunächst aufrecht erhalten, dagegen müsse dahingestellt bleiben, wie sich event. der Richter zu der Sache verhalten werde. Auf Wild erstrecke sich diese Bestimmung Überhaupt nicht, da daS neue ReichSgesetz nur für Rindvieh, Schweine, Schafe, Ziegen und Pferde gelte. Geh. Kommerzienrat Michel- Mainz glaubt, daß man mit der jetzigen Beickmmung des Gesetzes wohl auSkommen werde. Dieselbe verhindere, daß die Slädte gewerbsmäßig auf ein paar Tage jujammen führen wirb, braucht sie nicht säuberlich zu bangen. PhoSphoraesetz wie Kranken- verficherungsnovelle sind ihrer Annahme so sicher, wie nur irgend etwas, unb Graf Dülow konnte frei unb fröhlich feine Reise nach ber Heimat der Frau Reichskanzler in, nach dem sonnigen Süden, antreten. Daß ihm bet untiuurf zur Abänderung des Reglements für bic Reichs» tagSwahlen, mit dem er eine größere Sicherheit für da« Wahlgeheimnis sck)af|en nriU, die österliche Er» horung beeinträchtigen könnte, erscheint ebenfalls ausge- schlossen. Bon denen, die Wert auf die Beobachtung schon oersaisungsmäßig gewährleisteter Garantien legen, wird diese Vorlage freundlich aufgenommen, unb man kann es ruhig ber Zukunft überlassen, die Lücke auszufüllen, die noch ofien bleibt. Für den Reichstag heißt es angesichts des Entwurfes aut — aut, entweder annehmen oder ablehnen, ein Trittes gibt es nicht. 2m hessischen Landtage hat man eS immer weniger eihg, die Osterpaufe eintreten zu lassen. Der Haupt- voranschlag ist ztvar am letzten Samstag definitiv verabschiedet worben, die zweite Kammer aber wird morgen ihre Sitzungen wieder aufnehmen, um Hauptsächlich über bie Wahlbeanstandungen Beschluß zu fassen. Tie er|ic Kammer hat verhältnismäßig recht eifrig bie Nach revif ton des HanShaltSgesetzes vorgenommen unb erledigt. Die heischen Peers zeigen, baß ihre parlamentarische Vereinigung nichts weniger als ein überfälliger Zopf ist. Sie betrachten die erste Kammer keineswegs nur als ein Mittel, auch ihrerseits hin und roieber vor dem Lande einige mehr ober weniger ojicntaiiDe Reden zu halten, sondern f.e lei|tcn ui ihrem Parlament wackere Arbeit. Bei der Budgetberatung erledigten ne zwar bie meisten Posten in überein,dimmendem Sinne mit den AcsckMsen des anderen Hau|es. Sie bewilligten indeisen die als erste Rate von der Regierung geforderte Summe von 558 7 00 Mark für die Er- weitcrungsbauten der Technischen Hochschule, welche von Der zweiten Kammer abgelebnt worden war. Diese mußte sich also mit der Angelegenheit nochmals beschäftigen Nachdem geaen das Ende der über ztvet Schu gen sich ausdehnenden lebhaften Debatten schließlich Ercillinz Rothe versprochen hatte, eine Erhöhung der Äfcucgicn- gclder für ausländische Polytechniker eintreten zu lauen, wo durch eine Einnahme von 5O-6O0OO Mark erzielt werden würde, endete denn auch die zweite Kammer ihr kokettes Sträuben unb bewilligte mitvallen gegen ,.7 Stimmen bie Summe. Damit ist bie Erweiterung endgilttg genehmig^ Zn D.zug auf bie Reick-stagsdiaten sind d.e beiden Kammern aber immer'noch verjchiLener Meinung. Ta die zweite Kammer in Bezug auf bauliche Veränderungen im «wirin städter Residenzschloß auf ihrer Ablehnung beharrt, wußte wohl itocr übel die erste Kammer auch^>za und ckmen dazu sagen. DaS AuSführungSgcsetz zur Schlachtvieh- _unb Fleischb-sck-au ist nun auch glücklich unter Lach und ^ack) gebracht, nur em verwunderlicherweise höchst antiagrarifajer Zusatzantrag des Herrn Köhler in Langsdorf fand die Mißbilligung der ersten Kammer. Uebrigens hat in der zwecken Kammer der Sozialistenhäuptling Ulrich für eine fähige Würze der Debatte nach besten Kräften beigetragen, fee bat bei G-legenhett der Besprechung ber &nt|C|tigung Saftet eS für geschmackvoll gehalten, von preußischer Schweinerei unb dergl. mehr zu reoen. (Durch em bedauerliches Versehen eines unserer technischen Beamten sind in dem Parlam.nrSderichte unserer Rr. 76 die kräftigsten Worte Ulrichs unter das Referat über die Verhandlungen der ersten Kammer geraten, ebenso der Beginn der Besprechung über die dringliche Anfrage der Abgg. Noack und Genossen, betrefiend bic Lohnoerholtni,|e an der ehemaligen Main-Neckar-Eiscnbahn.) . f Tas bmifelfpicl über den vermin der Neuwahlen zum Reichstage ist nun auch zu Ende. 520^) ber o;ji- ziellen Versicherung der „Norod. Allg. Zkg. beabsichtigt die Reichsregierung den Ablauf der z y.itcn ^le^g.bungs- heriobe des Reistages zu benutzen, um zu bew.i|.n, baß sie es auch versl.ht, den Buchstaben der Veisaiiung biS au| das Tüpfelchen zu beobachten Am 16. Juni gch. die Wahlperiode yi Ende unb am 16. Juni sollen, wie vor fünf Türinfl*prci#i monamrt)76'KL.Dtfrte(. idbrtidj Mk. 8.20; burdl 'Jlbbole- u. Ziveigsiellen moiinihct' to PI.; durch bie Posi 'SIL 2.— Dienet- jäbrL ausschl. Besiellg. Annahme von Anzeigen kür bie taoeeiiuminec bii pormuiag* 10 Uhr. 3alenpm»; total au»ivan» 2U Pig. Cexaniroorihd) *üt den polit unb aüflem. Teil: P. Will ko. tut ,etabt unb Xfanb* unb Jttendnriaal*: August ® ö n . hn den An- neiaenreck: t>an< Beck. unverändert. Die fünf Kolonien Englands in Südafrika, Kapland, Natal, Transvaal, Oranje und Süd-Rhodesia, haben sich zu einem Zollverein zusammengeian, bcficn Hauptbedeutung in der Gewährung ber Borzugvkn Handlung für die englische Einfuhr liegt Alan Hai hierin anscheinend das erste Ergebnis der Reise Chamberlains zu erblicken, der es als einen Erfolg betrachten darf, daß es ihm gelungen ist, die südaseikaiiisch'n tp-Urnieri zu veranlassen, bem 1697 von Kanada gegebenen Beispiel nachzu- eifcriL Fraglich bleibt dabei nur, ob die Kolonien nicht etwa selbst noch unter ihrer Freigebigkeit zu leiden Haden werden. , Aus Venezuela hat die vergangene Droche insofern eine Ueberraschung gebracht, als Präsident Castro bem itongrefo feinen Rücktritt anzeigte, diesen aber nad) einigen dühituenbcn Zögern roiberiiuf, nachdem ihm der Kongreß ein Vertrauensvotum erteilt k/alte. Welche Absick)ten hinter dieser Komödie stecken, läßt sich noch nicht erkennen, die in Venezuela interessierten Mächte werden aber jedenfalls gut tun, dem Präsidenten scharf auf die Finger zu seben, wenn sie nicht wollen, daß all ihre Maßregeln am Ende doch vergeblich gewesen sind. Den südamer.kunisck-cn Machthabern ist nicht zu trauen, mögen sie nun in Venezuela, Eolumbia oder sonst wo bad Regiment fuhren. Tas zeigt sich neuerdings auch auf den in den fübauieritaniMcn Gewässern liegenden Inselrcpubliken, von denen Haiti und San Domingo in Konflckt zu neraicn drohen. Fn Südamerika ist eben nicht nur die Erde vulkanisch, sondern die Völker sind es nicht minder in hohem Maße und ohne alljährliche Eruption geht es nicht ab. Das wird so lange Dauern, bis Bruder Jonathan vom Norden herunter kommt und „im Interesse des Friedens" die Hand auf die unruhigen Geister legt Dann ist die südanierikanische F-rage gelöst und der selige Monroe kann ruh.g weiter schlafen. Fahren, bie Neuwahlen fiatifuibcn. Das Reich wird also auch diesmal nicht einen Taa, nicht eine Stunde ohne Parlamentär.sche Veitietung bleiben. Inzwischen ist feiten» der preußischen Regierung bereits die Weiiung an die B.Hörden ergangen, die Vorbereitungen für die Wahl ungesäumt zu treffen und bic Aufstelluna der Wählerlisten, sowie die Abgrenzung der Wahlbezirke berbeizusührcn. — ler ReichSkaasaba. Dr. Barth tritt in der „dlation" mit Entschiedenheit für ein einheitliches Zusammenwirken aller liberalen (Elemente ein. Zu den Politische Wochenschau. Gießen, 30. März. Fm immer noch inschriflslcsen Reichshause am Königs- platze in Berlin ist Stille eingetreten. Wo bis zum Beginn ber vergangenen Woche nock' die Redewut wahre Orgien feierte, damit der Stimme Schall und der Worte Sckstvall zu den Fenstern hinausdrinae ins Land unter bie Wähler- massen, walten jetzt die Sweuerfrauen ihres Amtes, die Sieid,»boten aber sind zurückgekehrt zu ihren heimischen Penaten, um noch einmal daS Bewußt|ein ihrer parlamentarischen Würde mit Ruhe zu genießen. Schneller, als sich entarten ließ, hat, wie ber hessische Landtag, auch ber Reichstag den Etat ins Trockene gebracht, unb er hat sogar noch Zett gesunden, auch das Gesetz über die Ein- schränkung der gewerblichen Kinderarbeit in letzter Lesung zu erledigen. Um dies zu erreichen, mußte er freilich nach den roodjenlangcn Debatten, die er der zweiten Beratung des Haushaltvp.anis gewibmet halte, bei der dritten Lesung ein Galopptempo einsckflagen. Zn zwei SitzungS- tagen bewältigte er diesmal bie ganxe, ungebeuer rocit- fchichtigc Etatsmaterie und genehmigte sogar noch eine Reihe von Forderungen, die bis dahtn heiß umstritten waren. Ter ^.tupp.nubungsplatz bei Reubammer wurde noch in letzter Stunde bewilligt und ebenso die mil.tartechnische Akademie. Sogar die U,ambarabahn gelangte zur Annahme, sodaß die Regierung trotz der v.clen und großen Abstrid)e, die ne sich diesmal gefallen lassen mußte, nut dem Endresultat dir Etatsberatung doch noch recht zufrieden fein kann. Um das, was nach Ostern den Reichstag nock) einmal Gietzener Anzeiger General-Anzeiger 67 Amts- und Anzeigeblalt für den Kreis Gießen verschiedenen Gruppen des Liberalismus, die sich innerlich sehr nahe stehen, sodaß sie den Kamps gegen die andern Parteien gemeinsck-aftlich fühicn könrnen, regnet er die süddeutsche Bollspartei, die freisinnige Bolkopartei, die frei- finnige Bereinigung und die dkärional-Sozialen. Einen großen Teil der 9iationalliberalen könnte er getrost hinzuzählen. Jedenfalls würde es nichts ftyaben, wenn man überall da, wo man bie Notwendigkeit einer Aenderung in der Zufammensetzung bed Retchötago eitinnt hat, bas Feuer schürt, solange eS Zett ist. Nach bem Vorgänge von Rußland, Oesterreich-Ungarn, der Schweiz und Italien ist auch Norwegen ans Werk gegangen, seine Zollgesetzgebung entsprechend ber Richtung zu gestalten, bie bas Deutsche Reich bem Auslände gewiesen hat. Dabei aber verfährt es doch nicht so summarisch, wie die deutsche Regierung. Eine ganz empsindliche Benachteiligung des beutfdien Exports nach Norwegen schien nad) den von der Kommission des Storlh.ng vorgeschlagenen Zollsätzen bevorzustehen. Nun aber hat das Storti-iug soeben den von ber Mehrzahl bes Zollausschusses gestellten Vorschlag betr. einen Wertzoll von 5 Pro», auf Maschinen verworfen. Ter beftehenbe Zoll auf Maschinen bleibt somit laste und eintretenden Falles auS dem Mangel besterer Vorkehrungen Ersatzansprüche für Verluste nicht herleite. — Der Meinung, die Bank für Handel und Industrie werde in Bezug auf die Annahme der von ihr acceptierten Wechsel als Sicherheit für Zoll- und Steuerkredit grundsätzlich begünstigt, wird mit, folgender Bemerkung entgcgengetreten: Es sind seit dem Jahre 1897 auch von anderen Firmen ausgestellte Avalwechsel zugelasten worden, und durch die im vergangenen Jahre erlastenen Vorschriften ist dieselbe Erleichterung für Wechsel solcher Banken, die gleiche Sicherheit bieten wie die Darmstädter Bank, ausdrücklich angcordnet. Ebenso können auch Privatbankiers nach jenen Vorschriften in der gleichen, erleichterten Form Sicherheit für Zoll- und Steuerkredit leisten, wenn dem Erfordernis vollständiger Sicherung der gestundeten Abgaben damit ausreichend entsprochen wird. Heber die Wahl der DarmstädterAbgeordneten wird ausführlich berichtet. Am 29. Oktober fand die Wahl von 116 Wahlmännern statt. Von diesen erschienen im Wahltermin 104, und es entfielen auf Buchhändler Ludwig Saeng 99 und Fabrikant Wilhelm Langenbach zu Darmstadt 97 Stimmen, auf Landgerichtsrat Dr. Buff 3 und Oberbürger, meister Morneweg 2 Stimmen. 2 Stimmzettel waren ungültig. Gegen die Gültigkeit der Wahlinännerwahl sind protestierende Vorstellungen eingelaufen. Beiden Wahlprotesten ist als Grundlage die Betonung der Geringfügigkeit der Stimmendlfferenzcn bei den zwei in Betracht kommenden Kandidatenlisten gemeinsam, welche sich laut amtlicher Zu- saminenstellung der bezüglichen Wahlergebnisse wie folgt be- ziffern: Abgesehen von zwei auf beiden Kandidatenlisten be* Endlichen Wahlmännern, welche mit 3639 resp. 3635 Stimmen 'wählt wurden, entfielen auf die Majorität: 3 Wahlmänner mit 1828 Stimmen, 72 , , 1827 , 30 , , 1826 7 , , 1826 1 Wahlmann , 1824 , Minorität: 97 Wahlmänner mit 1823 Stimmen, 10 „ , 1822 3 „ , 1821 , 1 Wahlmann „ 1820 , 2 Wahlmänner , 1819 „ wobei an Stelle von 3 der Qualistkation ermangetnbcn Wahlmännern der Majorität auf 3 von den Hüchstbeslinunten der Minderheit, durch das Los Bestimmte, zurückgegriffen wurde. — Es steht somit fest, daß der Unterschied zwischen dem Mindest bestimmt en der Majorität und dem Hächstbestinimten der Minorität nur 1 Stimme betrug, und eine Verschiebiing des Stimmenverhältiiiffes um nur 4 Stimmen bereits als genügend erscheinen würde, um eine Alterierung der Majoritätsverhältnisse in Bezug auf die weitaus übewiegende Zahl der Wahlmänner herbeizuführen. Die Ermittelungen des Polizeiamts Darm- ergaben, daß 1 Person am Tage der Wahl die hessische Staatsangehörigkeit überhaupt nicht besessen, aber trotzdem abgestimmt haben, 2 Personen, welche ab|hmmten, zur Zeit der Wahl in Bessungen gewohnt haben. Und zwar haben zweifellos bei der Wahlmännerwahl zu Unrecht gewählt mindestens 20Personen. Jedenfalls dürfte es angezeigt erscheinen, bei der bevorstehenden Reform unserer Wahlgesetzgebung darauf bedacht zu sein, Mittel und Wege zur möglichst wirksamen Abhülfe der in Folge der seitherigen Praxis zu Tage getretenen Mißbräuche und Unzuträglichkeiten zu finden. Der Ausschuß beantragt bekanntlich einstimmig die Wahl von 115 Wahlmännern der Haupt- und Residenzstadt Darmstadt und im Anschlüsse daran die Wahl der Abgeordneten Saeng und Langenbach für ungültig zu erklären und die Regierung zu ersuchen, auf Grund revidierter Wahllisten eine Neuwahl der Wahlmänner der Stadt Darmstadt zu veranlassen. Der Abg. M ö Hing er beantragt: Die Kammer wolle die Regierung ersiichen, die Frage in Erwägung zu ziehen, auf welche Weise eine Angliederung der lanbioirt- schaftlichen Versuchsstation an die Technische Hochschule unter Errichtung eines Le hrstu h l§ fürAgri- kulturchemie ermöglicht werden kann, und der Kammer entsprechende Vorlage zu machen. Fas Klnmenmedium Anna Rothe vor Kericht. Schluß. Berlin, 28. März. Nach den verschiedenen, einander sehr widersprechenden Lmsänglichen Zeugenaussagen, die noch xin paar Tage in Anspruch nahmen und viel Abstruses zu tage förderten, wurden die S a ch v e r st ä n d i a e n vernommen. Als erster gab Dr. Dessoir, Pros.ssor der Psychologie an der Berliner Universität, sein Gutachten ad. Er erwähnt einleitend, daß er mit den Dingen, die hier zur Sprache gekommen, sich eingehend beschäftigt und nicht nur die spiritistische Literatur eifrig studiert, sondern auch über ICO spiritistischen Sitzungen bcigewohnt habe. ES mangele hier vor allen Dingen an einer zureichenden Beobachtung. Zu einer solchen gehörte, daß die Beobachter sich um daS äu beobachtende Objekt systematisch hätten verteilen müssen, da sonst eine zuverlässige Beobachtung nicht möglich sei. AuS vielfachen Erfahrungen wisse er, daß oft m der unbegreiflichsten Weise Tatsachen von Zuschauern entstellt werden, nicht aus bösem Willen, sondern infolge von Anregungen und Einwirkungen, die in der Umgebung der betreffenden Personen liegen. Ein Taschenspieler, dar Liebhaber der Taschenspielerci war, habe einmal mediumistische Experimente nachgeahmt, ohne den Zuschauern etwa- davon jit agen, daß cs sich nur um Nachahmungen handelte. Auf einen Wunsch haben bann die Lecknehmer Berichte abge- tattet über das, ws fte gesehen haben. Die Berichte sind xmn auch in spiritistischen Zeitschriften abgedruckt worden und man konnte daraus ers.hrn, tote die einfachsten Taschenspielkunstslücke zu Phänomen geworden waren. Zu emer genauen Beobachtung derartiger Dinge seien auch gewisse technische Kenntnisse notrocnbig. Wer nicht weiß, wie die Apporte künstlich hergestellt worden können, ist nicht im stände, ein Urteil zu fällen. Der Zeuge Hut mehreren Sitzungen mit der Rothe beigewohnt Skii, was er gesehen, war ein in kläglicher Weste ausgefühetcr Schwindel. Zeder Taschenspieler würde sich fefjamen, in so wenig ausreichender Weise zu arbeiten. Der Tisch war verhängt, der ie Neuwahlen zum Reichstage, die im herannahenden zweiten viertel dieses Jahres stattfinden und für die weitere Entwickelung unserer reichspolitischen und wirtschaftlichen Verhältnisse von entscheidender Bedeutung sein werden, machen es jedem Manne zur pflicht, aus der Teiinahmlosigleit, die leider immer weitere llreise unseres Volke; befällt, hervorzutreten und sich zu orientieren sowie aus dem Laufenden zu erhalten über alle die Gesichtspunkte, die bei den Wahlen ins Auge zu fasten sind, sollen diese in Wahrheit zum Wohle unsere; großen deutschen Vaterlande; beitragen. Da; beste und einzig sichere Mittel zu solcher Information ist da; Lesen einer gut, schnell, zuverlässig und objektiv berichtenden, sorgfältig zu- sammengestellten Tageszeitung, wie sie für bas Gebiet der Provinz Oberhessen und der benachbarten preuhischen ttreije der Gießener Anzeiger, da; größte politische, zur Zeit der Parlaments« tagungen in der Stadt Gießen zweimal täglich erscheinende Organ in den genannten Bezirken, darstellt. 3n Bezug aus Schnelligkeit der vericht- erstattung und hinsichtlich seiner Ueichhaltigkeit, mit den vlätlern der Großstädte konkurrierend, bietet der Gießener Anzeiger fortgesetzt ein getreue; Spiegelbild de; politischen, wirtschaftlichen und sozialen Leden;, unterrichtet über alle be- merken;werten Vorgänge aus dem Gebiete der rvissenschast und ICitnft und darf sich rühmen, mit seinen Nachrichten ,,2iu» Stadt und Land" in seinem weiten verbreilungsbezirk unerreicht 6a= zustehen. Je frühzeitiger die Bestellungen erfolgen, desto größer ist die Garantie, die für rechtzeitige und pünktliche Lieferung geleistet werden kann, wir bitten de;halb, die Erneuerung de» rlbonne- nients, resp. Neubestellungen aus den Gießener Anzeiger alsbald bei der nächsten Postanstalt, bei den Briefträgern oder in unserer peditio» bewirken zu wollen. Die Zeitungsträger und Zweigstellen liefern den Gießener Anzeiger weiter, falls keine Abbestellung erfolgt. Anzeigen jeder Art finden, schon wegen der großen Verbreitung des Gießener Anzeigers, unter dem kaufkräftigen Publikum ganz Oberhesiens die denkbar weiteste und erfolgreichste Wirkung. Stuhl, auf welchem die Rothe saß, war so gestellt, daß im Zimmer eine Art dunkles Dreieck entstand. Diese Dunkelkammer benutzte sie, um von dort aus ihre Apporte au bringen. Die Kleideruntersuchung war eine Farce, sie dauerte eine Minute. Zu einer vollkommenen Untersuchung gehörte, daß sich Frau Rothe splitternackt hätte ausziehen und auch ein:« gynäkologischen Untersuchung h tte unterwerfen müssen. Sie bat in ziemlich plumper Weise die ganze Aufmerksamkeit der Teilnehmer auf ihre rechte Hand gelenkt und mit der Linken gearbeitet Jede Pause benutzte sie, um in geschickter Weise das Kommende vorzubereiten. Ihre technischen Fertigkeiten sind gar nicht sehr groß, aber sie hat die sehr große Fähigkeit, die Aufmerkjamkeit abzulenken und Die Schwäche der Anwesenden auszunutz n. Sic macht sonst unter fibr minderwertigen D.dingungen ihre Trics. ES ist immerhin möglich, daß sie unter veränderten Vewußtseinszuständen, nicht mit reinem und ungetrübtem Bewußtsein ihrer betrüberrschen Maßnahmen handelt, gewissermaßen einen „heiligen Betrug" verübt, daß si. glaubt, eine höhere Mission zu erfüllen, und einer heiligen guten Sache zu dienen. Die ist nicht durchaus und schlechtweg eine einfache Betrügerin, sie ist gewiß von ih.en Fähigkeiten überzeugt, außerdem besitzt sie die Kunst, großes Vertrauen zu erwecken. Der Sachverständige erinnert an daS bekannte Taschenspielerstückchen,, wo der Taschenspieler eine Apfelsine sechs- bis achtmal in immer höheren Abständen in die Lust wirft und jedesmal mit der Hand tiefer hinabgeht. Der letzte angebliche Wurf geht mit der ganz tief h.rabhängenden Hand von statten. Der Taschenspieler legt die Apfelsine aber auf den Schoß deS Zuschauers und tut nur so, als wenn er sie in die Luft werfe. Alle Zuschauer sind aber überzeugt, daß sie in der Luft verschtvunoen ist. Das ist ein Beispiel, wie durch die Vorbereitung, durch Erregung der Erwartung Täuschungen hervorgerufen werden können. Staatsanwalt: Hat der Herr Sachverständige eine Erklärung dafür, daß die Blumen unversehrt und „taufrisch" rum Vorschein kamen? Der Sachverständige giebt die Möglichkeit zu, daß dies mit Hilfe eines nassen WachSleinwand- beutclü geschehen sein könnte. Dr. Henneberg: Denn Frau Rothe vorauösah, daß sie längere Zeit brauchte, um zu apportieren, kann sie dieselbe durch Ei- konserviert f^ben. Verteidiger Dr. Echwindt: Sann der Sachverständige sich das Hellschen vom philosophischen Standpunkt aus ernären? Prof. Dessoir: Solche Täuschungen kommen au.., bei ganz normalen Personen vor, und in öielen Fällen handelt es sich nicht um Hallucinationen, sondern um Illusionen, daß sie z. y. einen Vorhang für eine Gestalt usw. ansehcn. Vertewiger: Sie nehmen bann also wohl an, daß eS reiner Zufall ist, wenn die Beschreibungen, die Frau Rothe von manchen Personen gegeben, richtig waren? P.of. Dessoir: Ja! Verteidiger: Es ift doch, merkwürdig, daß diese Probleme und Apporte in Der Leffentlichkeck wissen- schaftlich noch nicht widerlegt worden sind. Prof. Drsfoir: Man mußte ja dann unsere ganze Jahrlaufende aite roijen» schaftliche Erfahrung, die ganze mise.-schädliche Feftfteckung von dem Wesen der Materie über bei Häufen werfen. Die BeweiSlast liegt aur ver cmveren ötnri ws muß strenger, ganz objektiver und strikter Beweis geführt werden, der nicht von der BoebachtungS Fähigkeit d s Ci..z. Inen abhängig ift. Tie Angeklagte selbst mag gutgläubig gewesen sein, und es mag bei ihr viel ebleS Streben bau ei gewesen fein. Sachverständiger Tr. Henneberg bemerkt zu der Frage der Hellseherei aus seinen mit der Angeklagten in derCharits gemachten Erfahrungen, daß die Angeklagte zuerst ganz diffuse Beschreibungen von Personen gab,, und daß dann unter bet Mitwirkung der bett. Zuschauer selbst, aus deren unbewußten Zwischenbemerkungen, ihre B.mcikangen immer spezieller und eingehender rouroen. Was wir von der H.lisch. rei gehört haben, ist eine pa.hrlogische Erscheinung, die aber nicht als Geisteskrankheit aufzfa.sen ist. Zeuge Gerling bekundet, daß der Impresario I ent sch es verstanden h.be, Ram r.enmitglüber auszu- horchen. Tie von ihm auSgcyorch.en Tinge wurden bunn später von Frau Rothe vorgebracht. ES habe sich bieS ganz beutlich in einer Sitzuna gezeigt, wo man ihr eine Falle gestellt hatte, sodaß sie oirrckr auf falsche Angaben bineingefallen war. Sachverständiger Tr. Henneberg: Frau Ro.he ist nicht geisteskrank und nicht schwachsinnig, fonbern c.freut sich einer großen geistigen Regsamkeit uno ungcwih.ck.chcn Beobachtungsgabe. Sie yigt aber anderswo Spuren von Hysterie. Ob die Anfausiustande echt ober f.meliert sind, kann nicht gesagt werden. Daß manchmal Simulation oor- lag, ist unzweifelhaft. Anders liegt c5 bei dcm Trance» zuftand, in welchem sie Reden hält. Bei dem Mangel ob* jehiücr Kritiken über den echten Trancezustand kann man nur sagen, daß, wenn es sich um echten, tiefen Trance handelt, die Frage der Anwendbarkeit des § 51 zu diskutieren ift. Ein solcher tiefer Trance liegt aber bei der Angeklagten nicht vor. Bei den Apporten ist ein Trancezustano ausgeschlossen, und wenn darin ein Betrug zu erblicken ist, so kommt § 51 nicht in Frage. Sie ist in gewissem Sinne eine pathologische Schwindlerin, aber hysterisch beeinflußt und von ben Spiritisten selbst drangsaliert. So hat beispielsweise die Fürstin Karalke die Angeklagte schon morgens aus dem Bett geholt uiib zu Sitzungen mitgenommen. Man müsse daran denken, daß ihre ganze Karriere als Medium mit ihrer hysterischen Konstitution in Verbindung sicht. Sie kann sich nicht jederzeit Har vor Augen führen, was in ihrem ganzen Wesen Schauspielerei, Betrug, Selbsttäuschung ist. Ihre strafbare Zurechnungsfähigkeit ist herabgesetzt, da aber das Strafgesetz diesen Begriff nicht keimt, muß gesagt werden, daß $ 51 nicht anzuwenden ist. Sachverständiger Professor Dr. Puppe : Die Probleme der Apporte seien die durchsichtigsten. Fhnen stehe er skeptisch gegenüber, im übrigen müsse er sagen, daß solche komplizierten Manipulationen, wie sie bei den Apporten gemacht werden mußten, nicht im Trance gemacht seien. Als Taschenspielerin würde sie nicht reuffiert haben, denn ihre Tricks sind plump und ihre Fähigkeit, das Publikum zu täuschen, zeigt sich nur in jenem eigentümlichen spiritistischen Milieu, wo die Sitzungen mit Gebet eröffnet wurden, wo man sich „95ruber" und „Schwester" nannte und andere derartige Dinge vorkamen, die auf empfängliche Gemüter wirken. Der Trancezustand der Frau Rothe erscheint nocht echt, da er sehr schnell kam und sehr schnell wieder vorüberging. Was die medizinische Seite betrifft, so muß heroor- gehoben werden, daß Frau Rothe, die sich seit März v. I. in Haft befindet, in der ganzen Zeit feinen abnormen Geisteszustand gezeigt hat; in der Eharits hat sie nur einen einzigen geringfügigen Schwindelanfall gehabt. Diese Ausbeute ist sehr klein bei einer Frau, die glauben machen will, daß sie in einem abnormen Zustand sich befinde. Der Sachverständige kommt zu dem Schluß, daß bei der Angeklagten ein gewisses vermindertes Bewußtsein vorliege, aber keine Aufhebung der freien Wille nS- beftimmung. Nach dem Gutachten der Sachverständigen tritt bet Zeuge Professor Dr. Sellin nochmals vor, um in einem langen Vortrage die wunderbarsten Manifestationen der Frau Rothe zu bezeugen und zu bekunden, daß die Gutachten Der Sachverständigen fehlerhaft seien. Darauf nimmt Staatsanunckr tzriedheim das Wort: „Es ist Sache der Theologen, zu prüfen, was und wieviel von dem Spiritismus zu halten ist. Für uns handelt es sich nur um die Frage, ob die Angeklagte strafbare Handlungen begangen hat und ob sie Dafür verantwortlich zu machen ist. Frau Roche stand vermöge ihres Intellekis weit über ihren Kreisen. Dadurch i|t sie früh auf die Bahn gelenkt worden, die sie schließlich auf die Anklagebank gebracht hat. Wir haben gehört, daß sie schon in einer Gastwirtschaft in Ärimmitfajau Kartenkunststücke gemacht hat. Dann will sie ihre Begabung als Hellseherin entdeckt haben. Sie unternahm Reisen, zunächst in Sachsen, bann durch ganz Deutschland und ins Ausland. Nun kann man doch nicht länger von einer KesseljchmiedSfrau sprechen. Sic hatte durch ihren Umgang mit hochg.b.ldeten Personen nicht nur Schliff erhalten, sondern auch etwas Bildung, und die Zeugen, welche meinten, daß die Angeklagte sich in ihren Lrance-Reden in Ausdrücken bewegte, die über ihrem Bildungsgrade standen, sind in einem Irrtum befangen. Sie besaß wie viele Frauen ein großes Maß von Delbstb.h.rrsch- ung, und dieses bedurfte fie, um ihre Rolle mit Erfolg ourchzuführen. Sie hatte nebenbei etwas FaScinierenbes in ihren Äugen, was Unbefangene beeinflussen kann. In jelbstbewußter, kluger und sicherer Weise hat sie die Sitzungen mit ihrem Impresario borbereitet. Ihre Trance- Jicocn bestanden zumeist auS religiösen Bemerkungen, die sich sehr leicht auswendig lernen lassen. Sie benutzte dazu ein alted Gesangbuch auS dem Jahre 1839. Möge ihr Bewußtsein auch etwas getrübt gewesen sein und fie sich in einem Zustande von Halb träum befunden haben, ihre Willenskraft war keineswegs auSgefchlof'en, denn mit vollem Vewitßtsein hat sie den Zuhörern vorgespiegelt, ich kann Euch Grüße von den Geistern in Form von Blumen, Apfel- |inen usw. bringen. Die Verhandlung hat ergeben, daß die Angeklagte mit ihrem Jmprefario Hand in Hand ging und dadurch ist auch der aerneinschaftliche Betrug er- loiefen. Taß es der Angeklagten darauf ankam, rechtS- midrige DermögenSvorteile zu erringen, ist außer Jroeifel, denn durch die Erhebung von E.ntntiSge.d wurde i ie in den Stand gesetzt, einbessereSLebenzuführen, eme größere Wohnung zu halten und weite Reisen zu machen. Geschädigt wurden die, welche Opfer orachten in der Erwartung, daß sre nicht einer Schwindlerin in die Hände fallen. ES liegen also alle TatbestandSmerk- male deS Betruges vor. Der StaatSamvalt kommt zu dem Schluß, daß die Angeklagte in 50 Fällen schuldig zu sprechen sei. Bei der Straiabmefsung müsse man be- rüd|iajtigen, daß es sich doch um em gemeingefährliches Verhalten handle. Die Angeklagte habe auf d ie heiligsten Gefühle der Menschen spekn« unb fei in rig verbreitet. ross 2. IX ö. tzavcr, Hari August 6. ®ro|, Karl 2626 Zozelsgaffc v. 2492 : JsmpfMlkttti SldMjlüflitzk 4 mcl, Konrad mcl, Wilhelm Verkaufsstelle« in toteren: 6art Lch»aab, Hoff., Selter»- wea «eorg Adami, Frankiurlerslr. 9, Heinrich Heyne, Wall- lhorstraße, «aepar »üUcr, Lmdenplatz. zugeiagen ivorDen: 1. Adam, Johann 10. 11. Sie ist eine -------, L Jahr im Gefängnis gefeficn, unb wenn man von einem Cpfer des Spiritismus reiten kann, fo ist die Angeklagte ba$ ÜMbiger, Rudolf Rosenberg, Eyrrsticm 15. 6d»awhaeöt. Heinrich 13. Schneider, August e-»pfiehlt täglich Irisch: Dossmisch Zäagerllulch Muttermilch Loiken. Gesangbücher für Beerenweine. — Südweine. Mit höchsten Preisen ausgezeichnet. 2584 Fr. Leo .Nachfolger (C. Herber), SelterSweg 58. . Appel, Georg 3. Lynslooherfen, August Peter 4. Torr, wmil Trinkkuren Im Hause mit Lamacheider Stahlbrunnen CT wegen »einer Haltbarkeit flberaos wirkiMn E3&CT bei Blutarmut, Frauenleiden, Nerrenschwlche, nach Wochenbetten, Operationen, Blutverlusten. ■“ Ausführliche Mitteilungen kee’.enlo« dveh die Verwalt*»DgrdeeLauiBcbelder Siall 1 braunen. Bopynrd a.Bh. E.-kXlÜich Mit IrztÜcher Gebrauchs - Anweucag 1» Minenlwveeriueiluagen. 14. Liohr, Julius 15. Lhormer, Jol)anneS 16. Walter, Pcier 17. Zimmer, Lhnsttan. Btlz-ftmdla Srfiea alkoholfreies Hiftilchungs-Heiränk. Empfohlen von ersten Autoritäten LeutschlaudS. Keneral-Pertreter: Conrad Roth, Hießen, Wohne von heute an Alicestratze 23, ll. | Klarenaar, Kti§tSinwiIL I eitgen, den 26. März 1903. 2645 | Feigtbung von Aauarbtiten. Für den Reubau ter katholischen Kirche zu Gießen sollen die Zimmer-, Lpcnglcr-, Dachdecker- und Lchlosser- arbeiteu, sowie die vlitzableiteranlage vergeben werden. Zeichnungen und Bedingungen liegen bet dem Architekten ÄoderbecC in Gießen, Wilhelmstraße 3, und bei dem Archiv icfieu L. Becker in Mainz, PfandhauSsiraße 5, offen. An- öcbotSformulare können gegen vorherige Einsendung von 70 Psg. für die Blitzableckeranlage und 1.20 Mt. für jede der übrigen Arbeiten vom Architekten L. Becker in Mumz bezogen werten. Angebote sind bi8 zum 11. April, abenbs 8 Uhr, einzu enden an den 2608 Katholischen Kirchenvorstand zu Sieben. Bekanntmachung. Wir billigen hiermit zur allgemeinen Ke.....niS, daß die Stencrzcitel über 4iaaUet der Witwe eines höheren Beamten in Darmstadt finden junge Mädchen, die sich tm Hauöhalt re. vervollkommnen wollen, liebevolle Pflege u. gute Pension. 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