Montag 29. Juni 1903 Zweites Blatt. 153. Jahrgang Die heutige Dummer umfaßt 8 Seiten. den serbische Staatsumwälz- toieber Friede in den oorgesMen wäre. Dian die die go- filden herrschen. Der Bundesrat vertagt sich, die saure Gurke tritt üi ihre Rechte. Bald wird sich die politische Sommerstille beruhigend auf die Gemüter legen. In Aachen beabsichtigen die Sozialdemokraten Giltigkeit der Reichstagswahl anzufechten, weit Einsicht in (Die Wählerlisten nur fünf Tage möglich wesen sei. fiziere werden begnadigt, Amnestieakt ist der erste Erlaß, zeichnete. Kaum vierzehn Tage hat die Roosevelt und der Zar. Der amerikanische Präsident Roosevelt hat eine aus einige reaktiviert. Der den der König unter- Nr. 149 Erscheint täglich außer Sonntags. Dem GießenerAnzeiger werden im Wechsel mit dem Hessischen Landwirt die Siebener Kamillen, blätter viermal in der Woche bergelegt. Rotationsdruck u. Verlag der Brüh Plenen Unwers.-Buch- u.Etein- druckeret (Pietsch Erdens Redaktion. Srpeditton und Druckeret: Schn Ist raße 7. Adresse für Depeschenr Anzeiger Gießen. Fernsprkchanschluß Nr. 51. ung gedauert. £eute herrscht Straßen Belgrads, als ob nichts hat nur 'mal die Dynastie gewechselt. Friede wird auch bald bei uns in den vom Wa^lampf zerstampften GeTie Wahlen. Von dem Kampf um den Reichslagssitz oes 3. Hess. Wahlkreises (Lauterbach-Alsfeid-Schotten werden uns einige heitere Stückchen mitgeteilt: Von allen Richtungen waren antisemitische Redner Herrn Binoewald zu Hilfe geeilt. So erschien auch in S t u m p e r t e n r o d bei einem dortigen Grundbesitzer ein Antisemit aus dem Rheinland. Man machte sich in Gemeinschaft mit einigen anderen Stumpertenrod.r freunden der antisemitischen Sache auf oen Weg nach Ködvingc n. Ter Saal war gut besetzt; der Antilemü aus dem Rheinland ließ seiner Beredt - samkeit freien Laus, er dachte ganz Zböddingen zu sangen. Doch mrt te* Geschickes Mächten ist kein ewiger Bund Staaten stammende jüdische Petition an den Zaren durch den amerikanischen Botschafter in Petersburg übermitteln lassen zu Gunsten der bei den Kischinewer Judenverfolgungen in Not Geratenen. Rußland notifizierte darauf der Regierung der Vereinigten Staaten, daß es des Präsidenten Roosevelt Entschluß tief bedauere, die Bittschrift oorgelegt zu haben. Es hoffe, daß die Vereinigten Staaten mit den ihnen dargebrachten Sympathieäußerungen zufrieden seien. Das russische Auswärtige Amt werde die Petition zurückweisen auf Grund seiner Politik, sich jeder Einmischung in die inneren Angelegenheiten fremder Mächte zu enthalten und für sich selbst auf gleiche Behandlung zu bestehen. Nach der New Port „Times" ist der russische Botschafter Cassim in Washington über die Wendung der Dinge wegen der Haltung des. Präsidenten Roosevelt in der Kischinewfrage in Unruhe und erwägt ganz offen die Möglichkeit seiner Abberufung. Völitische Tagesschau. Wahlfälschungen sollen, wie wir schon am Samstag kurz berichteten, in Berlin von der Sozialdemokratie mehrfach verübt worden sein. Nach der „Kreuzztg." ergieöt sich aus den Listen, daß ein eganze Reihe von Personen Stimmen abgegeben hat für Wähler, die bereits verstorben oder nach auswärts verzogen sind. Heber die Vorgänge in Berlin ist den zuständigen Behörden Mitteilung gemacht worden. Die „Post" berichtet, daß Fälschungen an der Hand von Drucksachenversendungen an die Wähler im Verein mit genauer Kontrolle der Wählenden im zweiten Berliner Wahlkreis möglich geworden seien. Diese Versendungen sind in diesem Jahre zum ersten Male durch die Post erfolgt. Von den verschictten Briefen an die 81000 Wähler des zweiten Berliner Wahlkreises sind etwa 5000 als unbestellbar zurückgekommen mit Bemerkungen, wie: „Aressat verstorben, A. unbekannt verzogen, A. verzogen nach (Angabe des Ortes)". Von diesen 5000 verzogenen oder verstorbenen Adressaten haben aber nichtsdestoweniger rund 1000 gewühlt! Unter diesen Wählern befindet sich z. B. der seit längerer Zeit in Swinemünde weilende Kaufmann .Hökscher, auf dessen Namen am 16. Juni gewählt worden ist, obgleich .Hökscher am Wahltage gar nicht in Berlin geweilt hat, ferner der Chemiker Auerbach, welcher seit vier Wochen in der Ratsapotheke in Thorn tätig ist, auf dessen Namen aber ebenfalls am 16. Juni gewählt worden ist. Höchst merkwürdig ist cs, daß im Hause Blücher- straße 67 sieben Wahlberechtigte verzogen waren, unbekannt wohin, und daß diese sieben dennoch sämtlich gewühlt haben. Im 95. Bezirke ereignete sich der wunderbare Fall, daß auch ein Wähler sein Wahlrecht ausgeübt hat, obgleich er im Gefängnisse zu Tegel sag! Zum Beweise, in welchem ungeheuren Umfange Wahl schwindel von der Sozialdemokratie betrieben ist, führt die „Post" noch folgendes au: 95. Bezirk: Heinrich, Gottlieb, Invalide, Wckemstr. 94 (befindet sich im Gefängnis Tegel). 92. Bezirk: Glatte, Ernst, Referendar, Teltowerstr. 16 (vev- storben). 24. Bezirk: Schmidt, Gottfried, Korbmacher, An- »7 (verstorben). 145. Bezirk: Robert, Carl, Arbeiter, ibachstr. 68 (verstorben). 125. Bezirk: Horn, Wilhelm, Kaufmann, Zossenerslr. 40 (nach Stuttgart verzogen!). 34. Bezirk: Ettlich, Ernst, Maurer, Puttkamerstr. 17 (nach Drewitz bei Wittenberg verzogen). 119. Bezirk: Roller, Walter, Lithograph, Solmsstr. 30 (nach Heilbronn verzogen). 93. Bezrik: Kampsschmieder, Maler, Teltowerstr. 28 (nach Magdeburg, Brandenburgstr. 2a b. Jäger verzogen). 64. Bezirk: Fehr, Ernst, Kaufmann, Dennewitzstr. 9 (unbekannt verzogen). 129. Bezirk: Bote, Hcinr., Rentier, Plan-Ufer 17 (nach Grünheide i. M. verzogen). 77. Bezirk: Krause, Wilh., Kausm., Kirchbachstr. 7 (nach Köln verzogen). Anzeige ist erstattet und Protest gegen die Wahl eingelegt worden. Wie wir schon mitteilten, ist zu untersuchen, in welchem Umfange die Sozialdemokratie kurz von der Feststellung der Wählerliste die Genossen aus Nachbarkreisen, in denen ihre Stimme nicht ins Gewicht fällt, in Wahlkreisen großer Städte, wo wenig Stimmen den Ausschlag geben, als zugezogen anmelden läßt, ohne daß tatsächlich eine Uebersiedel- ung stattfindet. zwischen zu viel verliebte Kußhände über den Ozean geworfen hätten, die dort Stimrunzeln erzeugt haben, und wenn wir das Geschwader nicht geradezu mit unseren Einladungen herübergezwungen hätten. Bei dieser Gelegenheit soll nun auch die Angelegenheit der S t a t u e F r i e d- richs des Großen erledigt werden, die man vielleicht am besten auf Räder setzt, weil niemand in Amerika ein dauerndes Bedürfnis darnach empfinde^ sie in seiner Nähe zu haben. Die amerikanische Presse brachte bieje diachricht mit dem Hinzufügen: es solle entschieden werden — ob die Schenkung überhaupt stattfinden sollte. Wenn diese Frage kurz mit Nein beantwortet würde, so würde die Zahl derer nicht gering sein, die diesseits und jenseits des Ozeans diese Lösung nrit einem „Uff" der Erleichterung aufnehmen würden.... Am letzten Samstag lief auf der kaiserlichen Werft zu Kiel der große Kreuzer „Ersatz ftaifer" vom Stapel. Durch den General-Feldmarschall Grafen Waldersee ist er auf Allerhöchsten Befehl „Roon" getauft worden. Der Kaiser, die Kaiserin, Prinz und Prinzessin Heinrich, die Prinzen August Wilhelm und Oscar, Reichskanzler Graf Bülow, der amerikanische Admiral Cotton sowie zahlreiche Ehrengäste wohnten dem Stapellauf bei. Was außerhalb der schwarz-weiß-roten Grerizpsähle in vergangener Woche die Welt bewegt hat, konnte noch immer gegenüber der serbischen Umwälzung kaum aufkommen. So wurden von zwei Staaten des Dreibundes Ministerkrisen gemeldet. Wahrend die italienisch e aber lediglich in Personalfragen wurzelte und rasch und ohne Folgen wieder wie eine Fata morgana vorüber zog, wird die ungarische über Ungarn hinaus Folgen haben. Sie hat einen weiteren Ruck der ungarischen Politik nach der chauvinistisch-magyarischen Seite hin bewirkt. Wieder war es die springendste aller politischen Fragen, die Heeresfrage, die die östreichisch-ungarische Regierung in eine Zwangslage gegenüber den Parteien brachte und sie zu einem unglücklichen Kompromiß zwischen Neichs- einheit und Magyarennationalismus llvang. Sie hat zwar die einheitliche Organisation und die oeutsche Armeesprache in der östreichisch^ungarischen Armee, gegen die die Magyaren schon lange Sturm laufen, noch einmal gerettet — ober nur, indem sie ihre lange geplante Forderung vermehrter Rekruteneinstellung fallen lassen mußte. So zerren die verschiedenen Nationalitäten des habsburgischen Völkermischmasches toeiter an den Wurzeln der Reichseinhell und werden nicht ruhen, bis der Baum einst einmal abstirbt. Der neue Ministerpräsident, der Banus (Stall- Haller) von Kroatien Graf Khuen Hjedervary, der schon kürzlich den Kroaten bei ihren Revolten die magyarischen Krallen gezeigt hat, wird noch unbedingter als sein Vorgänger Szett tanzen müssen, wie die chauvinistische Kossuth- partei Pfeift. — Daß aber die Deutschen Oesterreichs, die für chre nationale Zukunft daraus erwachsenden Gefahren immer Rarer erkennen, beweist das feste Zusammenschließen der deutschen ParteienOe st er re ichs mit Ausnahme der Alldeutschen. Ein ständiger Ausschuß wird versuchen, in allen wichtigen Fragen ein gemeinsames Vorgehen der Deutschen zu ermöglichen. In der serbischen Angelegenheit hat England die entschiedenste Haltung gezeigt. Es hat alle Beziehungen zu Serbien abgebrochen und seinen Gesandten abberufen. Die P for t e ahmte dieses Beispiel zum Teil nadjk erklärt aber jetzt freundlichst, daß die Zurückberufung des türkischen Gesandten in Belgrad keineswegs als Demonstration gegen König Peter gelten solle, sondern nur als Verurteilung des Königs mord es, dessen Sühne erwartet werde. Darauf aber wird sie wohl recht lange warten können. König Peter, der nun bereits seit fünf langen Tagen auf dem serbischen Thrünchen sitzt und sich über die Anerkennungsdepesche Kaiser Wilhelms „ausnehmend freut", zeigt nicht die geringste Lust dazu. Was ist denn auch grog vorgesallen? Die Kette politischer Morde, mit der man in Serbien Staatsstreiche von jeher prompt erledigt hat, ist um ein Glied vermehrt, Belgrad hat ein schauerliches Schaustück mehr. Der sorgsam bewahrte Blutflecken auf der Diele des königlichen Schlafgemachs, über den man nur einen kleinen roten Teppich gelegt hat, wird später, wie der immer wieder erneuerte berühmte Lutherklecks auf der Wartburg, den Fremden als nationale Ställe mit gehobenem .Gefühle gezeigt werden: hier vollzog sich ein politisches Ereignis ersten Ranges, das eine neue glücklichere Aera für Serbien heraufführte. Und die Urheber dieser Aera sollte man bestrafen? Es sind 85 Offiziere an dem Komplott beteiligt — der König ist vorläufig noch geradezu umringt von Mitgliedern des Komplotts, die seine besten Freunde sind. Darum ist es weiter nicht überraschend, daß er bei dem großen Offizier s-Empf ang am Freitag, als er über 900i Offizieren die Hand drückte, sagte, keiner solle aus seinem Vaterlande wegen seiner politischen Vergangenheit ausgewiesen werden. Er, der König, kenne die Bitterkeit einer Ausweisung, da er sie 45 Jahre gekostet habe. Ter König erkundigte sich nach den Persönlichkeiten, welche jeit dem Königsmord Serbien verlassen hätten, und sagte, man solle ihnen bei der Rückkehr wegen des Vorgefallenen keine Schwierigkeiten machen. Der Justizminister unterbreitete dem König eine Amnestieliste. Alle politischen Verurteilten werden freigelassen, anderen wird die ©träfe ermäßigt. Alle bestraftenOf- , _ Ä VezogSprersr Q / > d monatlich75jJUoterteU Gießener AnzeigerW General-Anzeiger .“S " den poltt and atigern. Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen MW U i KP tetaenteti: Pan« Beck. Völitische Wochenschau. Zu derselben Zell, da sonst in Deutschland der Mann mit den drei Buchstaben „M. d. R." auf der Visitenkarte in den Gründen des Schwarzwaldes, an den Gestaden des Vierwaldstätter Sees oder im kühlen Wellenschlag am Ost- oder Nordseeftrond von den verflossenen Kümpfen der pollli- schen Saison, an denen er teilgenommen hat ober doch wenigstens hätte teilnehmen können, zu träumen pflegt, wenn ihn nicht die Heuernte zu 5)aufe hält, hat es heuer für das politische Deutschland recht erheblich gezuckt. Die Tage der Hauptwahl und der Stich wahl haben das Alte umgestürzt und ein anderes Bild vor unsere Augen heraufgeführt. Ganze Parteien sind fast von der Bildfläche verschwunden, andere, die seit Jahren emsig versuchten, an die Oberfläche zu steigen, sichren weiter ihre Molluskenexistenz unterhalb des Wasserspiegels. Hervorragende parlamentarische Führer — sofern wir, was vielfach bezweifelt wird, solche überhaupt in der letzten Session im Vergleich mit oen klassischen Zeiten unseres Parlaments noch besessen haben — klangvolle Namen sind in den Tiefen der Wahlurne verschlungen und das verwaiste Parlament wird sich neue parlamentarische Größen aufziehen müssen. Wird der Liberalismus, der jetzt 51 Angehörige der nationalliberalen Partei, 21 der freis. Volkspartei, 9 der freis. Vereinigung, 6 der deutschen Volkspartei, im ganzen also nur 87 (bisher 103) Rcandate zähll, in wichtigen Fragen sein gemeinsames Votum in die Wagschale werfen ober werden weiter die zentrifugalen Kräfte nach rechts und links die Uebermacht behalten? Wird die ncllionalliberale Partei nach rechts schwenken oder werden Sozialdemokratie und Freisinn sich enger verbinden? So viel Wünsche, soviel Fragezeichen, zu denen noch das eine große kommt, mit dem vielleicht alle anderen erledigt sind: ob nicht doch alles beim alten bleiben wird? — Denn ttotz der Empfindlichkeit der Verschiebungen haben die Neuwahlen doch feine Aenderung von Grund aus herbeigeführt. Mll mehr Lärm als früher werden sich die 81 Sozialdemokraten (Höchst hat nun doch nicht den Sozialdemokraten, sondern den Z e n - trumsmann Jtschert gewählt) vor dem Kaiserhoch erheben und den Sitzungssaal verlassen. Ob aber in der Sozialdemokratie die Reformer Bernstem und Dr. David oder die Revolutionäre Koutsky und Bebel die Vorhand haben werden — auch darüber ist es müßig, schon jetzt Bellacht- ungen anzustellen. Vorerst versinkt der neugewählte Reichstag für Monate in die Bergessenhell. Die polllische Welt hat Zell zum Atemholen, Zell zu ernstem Durchdenken des Geschehenen! In Hamburg folgte dem Wühl-Schlachtruf: hinweg mit der Monarchie", dem die sozialdemokratischen Massen in allen Wahlkreisen zum Siege verhalfen hatten, faurn vier Tage darauf der tausendfache Zuruf der festlich gestimmten Bürger: ,Loch Kaiser Wilhelm!" Wahrlich, daß vier Tage vorher rot gewählt war, das sah man, nach dem Prunk der viel schönen Reden zu urteilen, der Stadt Hamourg nicht mehr an! Nicht weniger als 225000 Mark halle man für ein paar Stunden des Kaiserbesuchs ' ausgewendet — der Schmuck, der Jubel, das Weller, alles ließ den Monarchen den Eindruck des Wahltages voll- e kommen vergessen. Kaiser Wilhelm hat ihn denn auch in seiner schwungvollen, stolzen und zuversichtlichen Rede bei der Einweisung des Schillingschen Kaiser Wilhelm-Denkmals vor dem Rathause Hamburgs nicht erwähnt. Nur ganz leise klang es durch seine begeisterte Verherrlichung der Zellen Wilhelms I. hindurch, daß manche schwarze Berge politischer Arbeit sich heute vor uns auftürnien. Der Kaiser hat sich gern unter den Hamburgern — beim Rathausmahl, im Hasen, beim Derby, dann bei der Cuxhavener Jacht- regatta — seines Lebens und des aufblühenden Hamburger Verkehrs- iumb Wirtschaftslebens gefreut, und die einflußreichen Reederkreise Hamburgs lassen es denn auch stets an nichts fehlen, die für ihre Interessen so wartvolle Teilnahme des Kaisers für Hamburg immer von neuem zu beleben. Daß neben mancher harmlosen Liebenswürdigkeit und mancherlei Byzantinismus auch der republikanische Unabhängigkeitssinn der Hamburger nicht ganz erstorben ist, beivies, daß die Stadt die ihrer geschichtlichen Ueberzeugung und ihrem Geschmacke widersprechende Bezeichnung „Wilhelm der Große" nicht auf das Denkmal gesetzt hat. Lieber hat man es vorläufig ganz ohne Inschrift gelassen. Von Cicxhaven führte der Weg der kaiserlichen Jacht „Hohenzollern" durch den Nordostseekanal zur Kieler Woche. Hier bei den Rennen des Kaiserl. Jachtklubs sollten wir uns der Ehre freuen, von einem amerikanischen Geschwader besucht zu werden, das zur Verherrlichung der Rennwoche erschienen ifL. Was vor Jahresfrist dem Prinzen Heinrich drüben an Liebenswürdigkeiten erwiesen ist, konnte jetzt den amerikanischen Offizieren und Matrosen überreichlich heimgezahlt werden. In Byzantinismus gern einmal arbeitende Blätter, wie das „Derb Tagebl.", wissen bereits ihren staunenden Lesern zu berichten, daß man in Marinekreisen Amerikas über das liebenswürdige Urteil des deutschen Kaisers über die amerikanische Marine entzückt sei. In seinem Bericht über das Marine-Departement soll Admiral Ccllton erklärt haben, daß der Kaiser bei dem Besuch des amerikanischen Flaggschiffes sehr herzlich und teutselig gewesen sei. Er habe die Mannschaft und das ganze Schiff besichtigt und dem Kommandanten gegenüber seine hohe Anerkennung hierüber ausgesprochen. Ob der Admiral der amerikanischen Republiken wllklich das Wort „leutselig" gebraucht haben wlld'? Jedenfalls könnte man sich mehr dieses amerikani- scheu Freundschaftsbesuches freuen, wenn wir nicht in nmtzte es n lisch« Wi wegen der reichs, Ma so hieß es, Der Las M üoner prmlkvolleu tische Sedeui beizmnesseu-, auf « aus dem Ha Mvmgma auch in dec besuche den W sowoh Äe Frage, Pom mit d entscheidende Lumal Vatikans M des Besuche- Ä-mbes fid als Privcckr sich im La Lage sein, Mcktntt ai iu mißMl tonnen, den weisen, daß mit der Tat Nuntius, F vertreten i Man fer politischen publit im ( Konkordats Auch pi eine schwiQ Haupt eines Ein n Vir nit ^stagsfr, Kniendes ® ift nicht §Wt Dorf g Knntc d Ordnung °Utzechen k mit alb berhinder Äet h°ben. fa ? llnb°t D.'eine 'Mm »M» l 6) [g außer Jem®'« »M oieon Loch« v" z «drrlse ! MW* Königtum ( Träger der eine dem ss rechtlich an( als vrotesta und Man der Papst weilenden Wiener hos Kaiser Fran ivir bereits solle, was ■ ist . Ter Sä*« tre^yü ““CU'V Oon 8.*te, gan, euiem ($ die ir UJ9 "Fort«,. £ Werden 8**6 die >ä S seien'°L°ldem ietjenT^ ' nachd $u flechten. Einige gut deutsche Worte des Bürgermeisters don Köddingen klärten die Zuhörer auf und mit einem iWalc predigte der Antisemit nur noch vor seinen Stum- vertenröder Freunden und — leeren Sitzplätzen. Am Tage vor der Stichwahl wurde die antisemitische Agitation mit der Dampfdreschmaschine betrieben. Es wurde gedroht: Wenn chr nicht Bindewald wählt, nehmen wir Stumpertenröder euere Dreschmaschine nicht mehr zum Dreschen unserer Frucht. Tie Köddinger gaben die rechte Antwort. Kreisrat Dr. Wallau erhielt 77 und Bindewald nur 19 Stimmen. — Dieselbe Agitationsgesellschaft versuchte auch in R e b g e s h a i n ihr Heil. Tort wurde der Kriegsplan umgekehrt ausgefübrt. Tie Tampfdreschmaschine tarn zuerst ins Feuer und der nachfolgende Vortrag sollte dann alle Rebgeshainer Wühler gefangen nehmen. Für die schönen Versprechungen wurde jedoch die antisemitische Agitationsgesellschaft so ausgeulkt, daß sie im schleunigsten Tempo die heimatlichen Gesilde aufsuchte. Rebgesham wählte einstimmig Kreisrar Tr. Wallau mit 66 Stimmen. — Doch die Krone von allem Wahlhumor hat sich das Folgende verdient: Am Tage der Stichwahl waren abendÄ die antisemitischen Wähler non Groß-Felda einmütig versammelt und warteten auf die Siegesdepesche ihres Bolksmannes Bindewald. Bald lief ein Telegramm des Inhalts: „Gesiegt im Kreis Als- felo mit 1OUO Stimmen Mehrheit" ein. Diese Nachricht' rief unter den Anwesenden einen wahren Sturm von Sie- gesfteude hervor. Getränke standen in überreichen Vorräten zu jedermanns freier Verfügung. Die Kapelle ließ die flottesten Weisen ertönen. Wohl nirgends war eine Siegesfeier in so kurzer Zeit köstlicher arrangiert worden. Doch kaum gedacht, war der Lust ein End gemacht. Es lief nämlich ein Telegramm ein, welches die vollständige Niederlage Bindewalds verkündete. Die Veranstalter der Festlichkeiten zogen sich unbemerkt zurück. Im antisemitischen Lager aber herrschte ftöhlicher ungetrübter Festjubel, bis der Morgen graute und mancher wackere oberhessische Deutsche trank immer noch eins — auf Kosten der Unterlegenen. Dem „Darmst. Tägl. Anz." wurde aus dem Wahlkreise Erbach-Bensheim berichtet: Wie Ihnen vielleicht unbekannt sein dürfte, hat Herr Rau, der sozialdemokratische Kandidat unseres Wahlkreises, um bei den patriotisch gesinnten Bauern Anklang zu finden, aus Kaiser und Großherzog ein Hoch ausgebracht. Ich konnte es nicht glauben, habe es aber von einem waschechten, sozialdemokratischen Augenzeugen gehört. Das ist doch, wo sonst die Sozialdemokraten überall dem Kaiser und dem Landesfürsten die Ehrerbietung dadurch versagen, daß sie da, wo ein Hoch auf fürstliche Personen ausgebracht wird, zuvor fluchtartig den Saal verlassen, nichts als eine Bauernfängerei. — Genützt hat dieser Pseudomomentpatriotismus allerdings dem Herrn gar nichts. Vielmehr ist dort Geheimrat Haas gewählt wordey. Die Wahlen und das hessische Zentrum. Zm ganzen Großherzogtum wurden bei der letzten Wahl 193 273 Stimmen abgegeben. Davon fielen aus das Zentrum 17,1 Proz. gleich 33 025 (1898: 12,9 gleich 18599). Doch entspricht das Stimmenverhältnis lange nicht dem Prozentsatz der katholischen Bevölkerung. In Hessen ist ein Drittel der Bevölkerung katholisch. In Bingen-Alzey weisen, so schreibt die „Köln. Volksztg.", 39,2 Proz. Katholiken 6078 Zentrumsstimmen auf (zu wenig in Prozenten 14,2). Alsfeld-Lauterbach hat 4,8 Proz. Katholiken und 500 Zentrumsstimmcn (zu wenig 18,4 , Bensheim-Erbach bei 25,5 Proz. 3258 (2'-,0), Friedberg-Büdingen bei 17,6 Proz. 1909 (38,1 h Wo^ms-Heppenheim bei 44,1 Proz. 5918 (42,5), Mainz-Oppenheim bei 62,5 Proz. 8151 (51,2), Offenbach-Tie bürg bei 41,7 Proz. 6316 (56,1), T arm stad t-Gro ß- gerau bei 11,1 Proz. 901 (70,8). In Bingen ist infolge des Mangels an ausgedehnter Industrie die Sozialdemokratie schwach gegenüber Mainz-Oppenheim, Offenbach-Tieburg und auch Worms. Ter Zuwachs des Zentrums im Großherzogtum Hessen verteilt sicy folgendermaßen: Bingen- Alzey 6078 (1898 war ein Kandidat nicht aufgestellt; 1893: 4479), Bensheim-Erbach 3258 (1898 ebenfalls ohne Zentrumskandidat), Worms 1711, Offenbach-Dieburg 1080, Darmstadt-Großgerau 901 (1898 ohne Kandidat), Mainz- Oppenheim 729, Friedberg-Büdingen 635, Alsfeld-Lauterbach 180. Im Kreise Gießen-Grün berg waren es 1898 79 Stimmen, Die diesjährige Zahl ist bekanntlich 105. Worms hat den stärksten Zuwachs aufzuweisen, einen noch stärkeren als Bingen-Alzey seit 1893. Man schreibt uns von in. .ivnalsozialer Seite, daß Herr von Gerlach der nationalsozialen Partei seit ihrer Gründung im Jahre 1896 angehöre und bereits vor fünf Zähren in Marburg als Narwnalsozialer kandidiert habe. Er sei niemals Ultra-Antisemit gewesen und habe dieselbe politische Emtwicklung durchgemacht wie Naumann und die anderen „jüngeren Christlichsozialen": die vom christlichen zum nationalen Sozialismus. — Das Haupt der Christlichsozialen ist bekanntlich Stöcker, den das „Polit. Handbuch für nationalliberale Wähler" ben „geistigen und Nährvater der antijemitischen Bewegung nennt." Gerlach war aber noch vor vier oder fünf Zähren einet der ergebensten Gefolgsmänner Stöckers. Tas Wahitomitee der Sozialdemokraten in Marburg hatte, wie wir schon berichteten, den unbegreiflichen Beschluß gefaßt und von einer Parteiversammlung genehmigen lassen, sich der Wahl zu enthalten. Allein )ie Parteigenossen kehrten sicy nicht oaran: bis auf wenige Ausnahmen stimmten sie, dem „Vorwärts" gehorchend, ür v. Gerlach^ Am vernichtendsten ist der Wayiausfall für die Antisemiten. Dereu Führer hatten die Parole ausgegeben, nun für den Bünbler und Konservativen Freiherrn v. Pappenheim zu stimmen. Allein massenhaft gingen die Antisemiten ins n a t i o n a l so z i al e Lager über, damit bekundend, daß sie vom Bündlertum nichts wissen wollen. Zn F r a n k f u r t a. M. ist nach der „Franks. Ztg." das Mehr, das der sozialdemokratische Kandidat gegenüber der Hauptwahl erhalten hat, zum größten Teil aufs Konto der antisemitischen Stimmen zu etzen. In Lippe-Detmold (bish. freis. Vp.) wurde am 27. Meier-Jobst (freis. Vp.) gewählt mit rund 8000 Stimmen gegen Becker (Soz.) mit 4000 Stimmen. Im Wahlkreis Homburg-Kusel (bisher nat.) erhielt Stauffer (Bund der Landwirte) 6195 St., Thiel (natlib.) 6213 St. Die noch ausstehenden Ortschaften sind für Thiel ungünstig. Somit Stauffer gewählt. Das Zentrum stimmte ziemlich geschlossen ür den Bund der Landwirte. Aus Thorn wird gemeldet: Am Freitag abend ent- tand das jetzt bestätigte Gerücht, bei der Reichstags- Stichwahl habe nicht der Pole, sondern der Kandidat der DeutschenGraßmann (natlib.) gesiegt. Darauf sammelten sich vor der Expedition der polnischen Zeitung hunderte von Polen an, die einen derart wüsten Lärm machten, daß Polizei einschreiten mußte. Ein Polizcibeam ter wurde niedergestoßen, worauf die Sttaße mit blanker Waffe geräumt wurde. Tie Rädelsführer wurden verhaftet. Die sozialdemokratische Fraktion soll, wie ein parlamentarischer Berichterstatter erfährt, beabsichtigen, für das Amt des 1. Vizepräsidenten einen Genossen zu präsentieren. Sie hoffl, da das Haus zu Beginn nie allzu zahlreich besucht wird, den Genossen auf den Präsidentensessel zu setzen. Der Alterspräsident des neuen Reichstages wird Abg. v. Winterfeld-Menkin (kons.) sein. Er steht im 76. Lebensjahre. Vormals war es Abg. Lingens (Z.) Das jüngste Mitglied bleibt Abg. Rosen vm (Soz.), im 33. Lebensjahre stehend. Er ist das jüngste Mitglied bereits feit 1898. Sensationsbkätter, wie der „Frkf. General-Anz" u. A., hatten aus Dresden die Meldung von einem bevorstehenden Rücktritt des sächsischen Staatsrnininisters von Metzsch verbreitet. Diese Nachricht bestätigt sich nicht. In diplomatischen Kreisen, so schreibt man uns aus Dresden, ist man vielmehr der Ueberzeugung, daß der Slaats- mimfter, dec bis zur Beendigung seiner Kur in Wiesbaden weilt, sich kräftiger als sonst fühlt und in den nächsten Jahren sich noch nicht m das Privatleben zurückzuziehcn gedenkt. — Dec Termin für die Wahlen zum sächsisch er, Landtage ist auf Mitte September festgesetzt. Der Vorstand des sozialdemokratischen Landesvereins beschloß, die gegenwärtige Volksltimmung auszunutzen und mit aller Entschiedenheit in die Agitation für die Wahlen einzutreten. Die Landtags wählen in Preußen werden, wie ein parlamentarischer Berichterstatter wissen will, erst Mitte Novenibec stattfinden, jedoch mit Rücksicht auf die Doppel- Mandate vor der Einberufung des Reichstages. Von den neu in den Reichstag gewählten Abgeordneten ind 84 Doppelmandatare, das heißt sie haben im Reichstage wie im preußischen Abgeordnetenhause einen Sitz, das Zentrum hat in seiner Mitte 34, die Konservativen 21, NationaUiberalen 9, die Reichspattei 8, die freisinnige Volks- partei 5, die Polen 4, die freisinnige Vereinigung 1 (®o» them), die Antisemiten 1 (Werner), die Dänen 1 (Jessen). ♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦»♦♦♦♦♦Hm Bestellungen auf den Gießener Anzeiger das größte und bestunterrichtete Blatt Oberhessens und der Nachbargebiete, werden für bie Monate Juli, August und September bei allen Postanstalten, unseren Trägern, unseren Zweigstellen und in der Expedition, Schulstraße 7 in Gießen, angenommen. veranschlagt zu Alk. Neue Mlitjks-Sttiiige empfiehlt billigst 4496 Georg Wallenfels Markt 21. Telephon 46. 48,13 216,93 2063,13 zwar: Erdarbeiten Maurerarbeiten Pflasterarbeiten Lieferung von Cemenl HialMiirtojjeln Wter ZMcln rohren u. Einfallröste 151,50 Gießen, den 26. Juni 1903. 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