Dienstag, 28. April 1903 153. Jahrs. wrjufTTni tag i wtn txinrnaz^TTT OvTrnuig*» Di .Gietzen« -TmiffeAdlöNer- werden dem Lnzetger viemu» wöchenUich detgelegt. Der -$m j Eeneral-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den ttreis Eiehen. Parlamentarische Verhandlungen »em daS Ge- r?ht,n9 ßUnlnftnnhhf'r TaaeZordnuna' bilden sollte, vorge- man den Vorständen der Ortskrankenkassen den Vorwurf mache, daß 0 f! 208 3 ' fu «efdjärtifoiialiiten zLcht-n. fo bujuly a-ücht. wie di. ütotu. ien die sozial- standekommenL stecktem Wege zu erreichen, $n seiner Wirkung ist Beides dasselbe. rtM. ti_v vi. r. ' ~'0%t Gebäude 6 C n 9ufmAntrag des Abg. Dr Spahn wird nunmehr die drttte Lesung des Gesetzes 6ctr. PhoSohorz u nd w a ar e n die gebet, die doch da mitzureden hätten, dem zustimmen könnten. Schon diese Erwägung allein widerlege jenes Gerede, das lediglich von Aerzten aufgebracht sei, die ihren Rollegen, die nebenbei Sozialdemokraten sind, ihre gute Kastenprari» nicht gönnen. Da» ganze Vorgehen der Aerzte gegen die Kassen sei überhaupt mehr als sonderbar. AIS ob d,e Kassen an der schlechten wirthschastlichen Lage der Aerzte schuld seien! Er müsse entschieden bestreiten, das, die von der Kaste gezahlten Honorare der Aerzte heruntergingen. ES ginge den Kassenärzten nicht schlechter, al» den Bahnarzten, Polizciärztcn, Armenärzten ufro. Einseitig die Lage der Kaisenärzte heben, würde bedeuten, die große Krankenversicherung lahm- legen, um den Aerztestand zu heben und den Aerzten eine stände», gemäße Existenz zu verschaffen. Natürlich sei auch er für eine Bcstcrung der Lage der Aerzte. Doch müstc die Regierung, wenn sie in dieser Beziehung etwa» thun wolle, auch allgemein für die Aerztcschaft, und nicht gerade für die Kastenärzte sorgen und ent- spreäiend die beabsichtigte (Enquete veranstalten. Er — Molkenbuhr — sei früher Anhänger der freien Aerztewahl gewesen. Durch die Agitation der Aerzte sei er indesten zum Gegcntheil bekehrt worden. Er habe eingesehen, daß die Frage von den Aerzten nicht vom idealen Standpunkt, sondern lediglich von der Erwägung au8 behandelt werde, wie am meisten Honorar au» den Kasten herauSzuschlagen fei. Die Kassenärzte werden in Wirklichkeit nicht so schlecht bezahlt, wie eS den Anschein habe. Die Aerzte könnten bei dieser Honori- rung schon ganz nette Einnahmen haben und könnten ganz ausreichend davon leben. Abg. Lenzmann (freit Vp) ist der Meinung, daß eS eine dringende Aufgabe sei, die Acrztefrage zu lösen, und zwar nicht nur im Interesse der Aerzte, sondern auch der Kranken. Er könne sich im Wesentlichen dem Abg. Trimborn anschließen. Bei den Bahn- ärzten benutze die Regierung ihre Macht, um politisch auf die Aerzte emznwirken. Eo sei einem Bahnarzt gedroht, er werde seine Stelle verlieren, wenn er nicht die Agitation für den fortschrittlichen Kandidaten laste. So bald alö möglich müste man die freie Aerzte- ^aatssekretar Gras PosadowSkp erwidert, man könne mit der fflearinbuna wohl einverstanden sein, aber dennoch Bedenken gegen die Form de» Antrags haben. Die einzelnen Restart» hatten selbstständig über die ihnen bewilligten Gelder zu verfügen und tragen dem Rechnungshof gegenüber auch die Verantwortung. Vielleicht sei aber eine Mitwirkung dcS Rcichsschatzamt» erwünscht und noth- wendig, um auf eine gleichmäßige Durchführung allgemeiner Finanzgrundsätze hinzuwrrken. Die Frage fet aber von so ffroBcr staatsrechtlicher Bedeutung, daß sie nicht so einfach durch diesen Antrag gelöst werden könnte. _ . . Abg. Hug (Eentt.) tritt für den Antrag Sattler em, wahrend Aba Dr. Spahn(Centt.) bemerkt, daß er prinzipiell zwar nicht gegen den Antrag, aber doch dagegen sei, daß eine so wichtige tirag«! m dem jetzigen Stadium der Vcrhaiidlungen so ohne Weiteres erledigt werde. Redner beantragt schließlich d,e Ueberweisung der Materie an die um 7 Mitglieder zu verstärkende Geschaftsordnungskom. m^,Uabg. Dr. Sattler (nat.-lib.) betont, daß durch seinen Anwag erst der verfastungsmäßig richtige Zustand hersestellt werde. Der Reichskanzler sei allein verantwortlich. Allerdin^ hcttten die Ressorts über die ihnen zur Verfügung gestellten tfonb» zu ent= scheiden. Aber die Ueberschreitungen seien ihnen eben nicht zur Verfügung gestellt, fallen also ausschließlich m den Verantwort- lichkeilsbereich des Reichskanzlers. Er bitte, seinem Antrag hier im Plenum stattzugcben. . . w Präsident Graf Ballestrem betont, daß der Antrag ferner Ansicht nach eine Abänderung bezw. Ergänzung ^rGeschaNsordnung dmstclle, da bis jetzt dem Plenum keinerlei Einfluß auf Handlungen der Immission zuftehe. Daher sei der Vorschlag ®l’Q6torDÄtoI(nat.4i6.) gi-bt sich, bet MM*. nicht dem eigenen Triebe, mit dem Antrag Spahü zufrieden. Der Antrag Spahn wird hierauf angenommen. Die Ueberficht der Einnahmen und Ausgaben für 1900 wird Abg. Trimborn ((Eentr.) bestreitet auf» Entschiedenste, daß der qu. Zusoch einen Eingriff in die Selbstverwaltung der Kasten bedeute. Auch unsere Gemeinden, die doch SelbstverwaltungSkörper seien, hätten dieselbe Bestimmung zu refneftiren. Abg. Stadthagen (Soz.) suchr nachzuweisen, daß diese De- sttmmung die Selbstverwaltung in sehr schwerer Weise beeinträchtige. Für die Nothwendigkeit der Selbstverwaltung beruft er sich u. A. auf einen Ausspruch des Fürsten Bismarck in seinen »Gedanken und Erinnerungen". Abg. Roesicke ist für den sozialdemokratischen Antrag auf Streichung der neu eingcfügten Bestimmung im § 35. Die Verhältnisse der Jnvalidttätsanstalten könne man nicht auf das Kranken- kastengesetz übertragen, denn dort handle c3 sich um staatüche Anstalten und große Objekte, hier aber um Kasten-Vorstände und oft ganz geringfügige Sachen. Abg. Trimborn polemisirt gegen den Abg. Stadthagen. Eine unberechtigte Beschränkung der Selbstverwaltung könne man nicht in dem Zusatz erkennen. Nach weiteren Bemerkungen des Abg. Molkenbuhr bemerkt Staatssekretär Gras Posadowsky, eS sei absolut keine Rede davon gewesen, das Selbstverwaltungsrecht zu beschrälcken. Alle öffentliche Macht komme vom Staate, die Krankenkassen seien keine originären Institutionen, besäßen aber trotzdem weitgehende Rechte. Viel wichtigere Institutionen, B. die Provinzialverwaltungen, müßten sich ein viel schärferes Aufsichtsrecht gefallen lasten, der Oberpräsident hätte sogar dort das Recht, alle Beschlüsse au suSpen- diren, von denen er annehme, daß sie dem Staat schädlich seien. Dort sei es ein Außenstehender, während hier dem Vorsitzenden der Kaste das gu. Recht gegeben werden solle. Von diesem sei doch eine chikanöse Handhabung des Gesetzes nicht zu erwarten. Nach weiteren Bemerkungen des Abg. Stadthagen (Soz.) schließt die Debatte. Der sozialdemokratische Anttag wird abgelehnd, § 35 in der Kommifsionsfastung angenommen. Bei § 38, der von der verhältnißmäßigen Berttetung bet Arbeitgeber handelt, erflärt auf Anregung des Abg. Trimborn (Centr.) Gehennrath Dr. Gucken Addenhausen, daß die Entscheidung dcS Oberverwaltungsgerichts in Bezug auf die Anwendung deS Proporrionalwahlsvstems bei den Krankenkassenwahlen nach Ansicht der Regierung nicht zutreffend fet* Das Proportionalwahlverfahren ließe sich vielmehr in einer Weise auSbilden, daß es den gesetzlichen Anforderungen an die Art der Wahl durchaus genüge. Redner beruft sich auch hierbei auf den bekannten SIzialpolttiker Stadttath Flesch. Nachdem noch Abg. Stadthagen (Soz.) gesprochen, werden die §§ 38 bis 41 angenommen. Sodann wird die Weiterberathung auf Dienstag 11 Uhr vertont. (Vorher: Interpellation Kohl ((Eentr.), betreffend Fleischbeschau, und Rechnungssachen.) Schluß 6K Uhr. Sklaven, die ärztliche DrariS zu einer Marttwaare geworden. Herr Molkenbuhr sagte in Der ersten Lesung, daS sei statisttsch nachgewiesen, daß die Aerzte jetzt bester gestellt wären. Ja, mit der Stattstik ist e» eine eigene Sache. In einem kleinen Ort z. B. starb ein Kind und ein reicher Mann „erhing" sich. (Heiterkeit.) FlugS rechnete ein Statistiker auS: In dem Orte starben 50 Prozent durch Selbstmord. (Große Heiterkeit.) Die Aerzte, die mit den Kasten Verträge abschließen, sind ja beinahe dem Hungertode preisgegeben. Die Kassenvorstände bestehen viel zu sehr auf ihrem Schein, ein Kastenvorstand hat sogar einmal gesagt: „£ie Aerzte müssen unter der Knute der Arbeiter stehen!" (Zuruf bei den Soz.: Namen nennen, wenigsten» den Ortl) Den Namen sage ich nicht. (Zuruf bei den Soz.: Niederträchtig!) Den Zuruf „Niederträchtig" beziehe ich selbstverständlich nicht auf mich, sondern auf das Verhalten der bett. Kaste! (Unruhe bei den Soz. Vicepräsident Büsing erklärt, den Zuruf nicht gehört zu haben.) Redner geht ausführlich auf die Kassenarztfrage ein und verliest eine große Reihe von Mittheilungen über Kontrakte, die die Kasten Wahl einführen. Abg. Frhr. v. Richthofen skonf.) spricht sich geg« demokratischen Anttäge auS. Im Jntereste deS Hust des Gesetzes dürfte man die Aerzteftage nicht mit dieser Novelle verquicken, denn die Aerztefrage fei so kompliztrt, daß man sie nicht Deutscher Reichstag. 297. Sitzung vom 27. April, 11 Uhr. Ta» Hauö ist schwach besetzt. Am BundesrathSttfche: Graf PosadowVkh, Frhr. von lthielmann, v. Ttrpih u. A Rach debatteloser Erledigung einiger RecknungAfachen tritt ba» Hau» in die zweite Berarhung dc» NachtragS-EtatS (Forderung für den Neubau für daS ReichSmarine-Amt). Berichterstatter Abg. Prinz e. Urenberg referirt über die Kam« mifsionSberathung. Die Kauf Preisfrage gab in der Kommission Anlaß zu einer langen und gründlichen Diskussion. Die Grundstücke in der Bellevuesttaße hätten, so wurde bemerkt, keinerlei Konjunktur- Werth, deshalb sei auch der geforderte Preis nach Ansicht von Sachkennern viel zu hoch. So sei eine» dieser Grundstücke vor 10 Jahren mit 590 000 Mk. bezahlt worden, und jetzt fordere der Verkäufer auch nach der stattgehabten Ermäßigung noch 800 000 Mk. Die Vertreter de» Reichs Marineamt» erwiderten, gerade nach Ansicht der Sachkenner fei diese» Geschäft ein gute» zu nennen. E» sei vom Polizei-Präsidium eine offizielle Taxe eingefordert worden über den Werth aller Grundstücke an der Bellevuesttaße, es sei diese Taxe aber um 400 000 Mark noch höher als der jetzt verlangte Preis. Bei dem einen als Beispiel für die behauptete Forderung angeführten Grundstück lägen die Verhältnisse folgendermaßen: Der jetzige Kontrahent habe daS Grundstück vor 10 Jahren in der Subhaslation für 590 000 Mark erworben, und dabei seien 100 000 Mark Hypotheken ausgefallen. Da nun da» Grundstück bisher er» tragSloS dagelegen batte, wäre e» durchaus leine unmäßige Forderung, wenn unter Anrechnung der ausgefallenen 100 000 Mark Hypotheken und der inzwischen aufgelaufenen Zinsen 800 000 Mark verlangt werden. Man könne ja die Differenz zwischen der ersten Vorlage und dem jetzigen NachttagSetat verschieden berechnen; wenn man aber Kapital gegen Kapital berLcksichtige, fo betrüge die Differenz 802 000 Mark. Die große Mehrzahl der Kommtssion verblieb bei der Ansicht, daß die für da» Marineyrundstück gemachte Offerte zwar recht günstig, die Forderung für bte Terrains in der Bellevuesttaße Dagegen titel zu hoch fei. Die Marineverwaltuna könne ja thr jetzige» Gebäude zu hohem Preise verkaufen und sich Dann ein billigere» Terrain auSsuchen. Die Vertteter Der ReichS- MarinevsNr.iliiing erklärten zunächst e» für unDenkdar, DaS jetzige Grundstück zu verkaufen, ohne ein anDere» Heim gefunben zu haben. Die Untergrundbahn fei keineswegs allein auf Da» Marineamt an» Sc wiesen, könne vielmehr auch durch da» Nachbargrundstück von Bertbeim Den Tunnel legen. ES feien eine große Anzahl von Grundstücksofferten bei Dem Marineamt etngeaangen, von Denen die bis zur Dritten Lesung De» Etat» vorliegenden sämmtlich eingehend geprüft toorDcn feten. Keine habe den zu stellenden Anforderungen entsprochen. Die Gärten in der Königgrätzerstraße, welche in der Diskussion ebenfalls erwähnt worden, könnten ntdjt in Bettacht kommen, weil im Garten DcS Auswärtigen Amt» die Dienstwohnung DeS Staatssekretärs sich befinde. Deren Neubau sehr erhebliche Kosten verursachen würbe, und Die beiden letzten nach dem Brandenburger Thor zu gelegenen Gärten dem Kronfideikommiß gehörten. Nachdem dte Vorlage somit in der eingehendsten Weise nach allen Richtungen hin besprochen und geprüft worden, erfolgte die Abstimmung, welche mit 20 gegen 6 Stimmen die Ablehnung derselben ergab. _ ,,, , Da» HauS stimmte ohne jede Debatte dem KommissionSbeschluh zu. Da die Vorlage in allen Theilen abgelehnt ist, findet eine dritte Berathung nicht statt. Es folgt die Fortsetzung der zweiten Berathung der lieber» sicht Der ReichSauSgaben und -Einnahmen für 1900 Hierzu liegt ein Anttag de» Abg. Dr. Sattler (nat.-lib.) vor: »Alle Anfragen der Rechnungs-Kommission zur weiteren Aufklärung der in Den Uebersichten und Rechnungen der ReichSauSgaben und -Einnahmen gegebenen Erläuterungen sind an den Reichskanzler zu richten." . , Der Berichterstatter Schwarze ((Str.) refenrt über die Verhandlung der Kommission und ersucht um Sblehung dieses Anttag», da er auch in der Kommission abgelehnt fet. 0bg. Dr. Sattler lnat.-lib.s'befürwortet feinen Anttag, der- felbe fei nur mit 2 Stimmen Mehrheit abgelehnt toorben. Der Antrag sei von großer Wichtigkeit für unsere ganze Finanzverwaltung. Bei ber EtatSaufstellung spiele freilich ba» Reichsschatzamt eine große Rolle, in ber Rechnungs-Kommission habe der Reich»,chatz- fefretar aber erklärt, baß er über Etatsüberschreitungen und anbere Rechnungsfragen keine Auskunft geben könne, alle Anfragen feten an die einzelnen Restarts zu richten. Die» fei doch em unhalt- Da» Gesetz ttrfrb fast einstimmig en bloc angenommen. Nur Abg. Dr. Pichler und einige andere Lenttumbabgeordnete stimmen Dagegen. Hierauf wird die zweite Berathung de» Krankeu-Ber- sicherungS-Gefetze» fortgesetzt. Die Berathung beginnt beim § 26 a De» bestehenden Gesetzes. Dieser Paragraph fetzt die Leistungen fest, die Die Ortskrankenkassen ihren Mitgliedern zu gewähren haben, ferner setzt er die Kürzungen fest, die durch Ortsstatut beschlosten werden können. Außerdem giebt er den Kasten daS Recht, Verttäge mit bestimmten Aerzten und Apotheken abzuschliehen. Die Novelle deschräntt sich darauf, nur die Konsequenzen früherer Paragraphen (26wöchentliche rttankengeldzahlung. Kran- kengeldzahlung für Geschlechtskrankheiten u. f. w.) zu ziehen. Die Aerztefrage wird nicht darin berührt. Abg. Trimborn (tttr.) bemerkt, » werde über da» Abhängig- keitSverhältnih ber Aerzte zu ben Kasten geklagt. Die Kasten sollen sogar zuweilen einen Druck auf die politische Ueberzeugung der Aerzte auSüben. Da müste endlich Wandel geschaffen werden. Redner schlägt vor, baß eine Kommission gebildet werbe au» den legitimen Vertretern ber Aerzteschaft, bie Die Bedingungen fest- seht, unter denen ein Arzt bie Vertretung einer Kaste übernehmen Dürfe. Jeder Arzt, der sich diesen Bedingungen unterworfen, solle zugelaffen werden. Zugleich könne diese Kommission bei vor kommenden Streitigkeiten al» Schiedsgericht fungiren. Jetzt sei es sogar zu Sttike» ber Aerzte gekommen: gewiß eine widerwärtige Erscheinung! Die Kommiffion habe eine Resolution beschlosten, bie sich mit dieser Materie befdjäftigt Hoffentlich werde auch die Regierung ihr Augenmerk darauf richten. Abg. Münch-Ferber (nat.»Iib.): T» giebt Wohl kaum fo viel Aufopferungsfähigkeit und Jbealisirung, wie e» im Aerztestand zum Durchbruch gekommen ist. Deshalb sind bie Aerzte auch seiner Zett bei der Krankenversicherung so schlecht weggekommen. Bei un» in Deutschland ist eS nun einmal so: Wer etwa» erreichen will, muß schreien! (Zuruf bei den Soz.: Sie schreien genug!) DaS ist nicht richtig. DaS thun sie erst jetzt. Damals, wie daS Gesetz zu Stande kam, haben Die Aerzte sich nicht zusammengethan. Jetzt haben sich ganz unleidliche Zustände herausgebildet. Da» jetzige Verhältniß der Aerzte zu ben Kastenvorständen ist ein unwürdiges. ES verleitet die Aerzte geradezu, GeschäftSsosialisten zu werden. WeShalb hat die» Gesetz nicht schon bie freie Arztwahl eingeführt? Die Aerzte erhalten jetzt für Konsultationen lächerliche Honorirung, in Berlin 30—85 Pfg., für einen Besuch 60 bi» 70 Pfg. Auf dem Lande ist e» noch schlimmer. In manchen ländlichen Bezirken erhalten die Aerzte 6, 7, 8 Pfg. für eine Konsultatton. für einen Besuch 20 Pfg.l Wo soll das hinführen? Die Münchener Aerzte gebrauchen jetzt das Koalitionsrecht, sie kündigen alle Verttäge mit ben Kasten. Al» Kampfmittel empfehlen sie den Sttike. Tm Sttike von Akademikern ist aber eine äußerst traurige Erscheinung! Und schließlich hat doch die Sache selbst nur, haben die Patienten darunter zu leiben. Man muß endlich dieser tieftraurigen wichtigen Sache näher treten und sie einer befriedigenden Losung entgegenbringen. (Lebh. Beifall.) Abg. Hoffmann-Hall (fübb. Vp.) bedauert es, daß die Regierung den Entwurf emgebracht hat, ohne bie Aerzte zu fragen. Die Zustände, bie jetzt bestehen, sind gänzlich unhaltbar. Wenn man heute nicht für die Aerzte sorge, würden wir bester thun, etwas Andere» zu thun. Die Lösung der Aerzteftage ist weit wichtiger als alle anderen Puntte, Denn jetzt sind bie Aerzte beinahe zu kurzerhand erledigen könne. Nach weiteren Bemerkungen ber Abgg. Beckh-Kobury (freif. Vp.) und Albrecht (Soz.), ber bemerkt, daß er den Zuruf „Niederträchtig" gemacht, weil der Abg. Hoffmann keine Namen nennen wollte, sowie Pohl (freif. Vp.) schließt die Diskussion. § 26a wird, unter Ablehnung der sozialdemokratischen Anttäge. in der Fassung ber Kommission angenommen. § 35 legt dem Vorsitzenden bc5 Vorstände» bie Pflicht auf, Beschlüste der Kastenorgane, welche gegen die gesetzlichen oder statutarischen Vorschriften verstoßen, unter Angabe der Gründe mit aufschiebender Wirkung zu beanstanden. Dte Beanstandung soll mittels Bericht an die Aufsichtsbehörde erfolgen. Die Sozialdemokraten beantragen, diese neue Bestimmung zu streichen. Abg. Molkenbuhr (Soz.) begründet diesen Anttag. Der Zusatz bedeutet einen Angriff auf bie Selbstverwaltung ber Arbeiter, bie gewissen Kreisen längst ein Dorn im Auge ist. Sonberbar ist nut, baß bie Regierung in dieser versteckten Weise vorgeht. Im Grunde ist es ja Der Hoffrnannsche Plan, ber kurz vor ber Novelle veröffentlicht würbe unb bamals einen Sturm ber Entrüstung in ben Arbeiterkreisen, weit über bie sozialdemokratischen hinau-, erregt hat. Was dieser offen wollte, daS sucht die Regierung auf ver- mtt ben Aerzten geschlossen haben. Vicepräfibent Büfmg ersucht den Redner, im Jnttreste der Verhandlungen nicht fo viel vorzulefen. Abg. Hoffmann (fortfahrend): Ich habe mir daS Beste bis zuletzt auf gespart (Große Hetterkeit) und möchte deshalb noch ein bischen vorlesen. Redner berlieit wettete Artikel aus dem Aerzte- Äorrespondenzblatt und anderen ärztlichen Zeitschriften. Ein Artikel trägt bie Uebetschrist: „Schamlosigkeit emeS Kastenvotstandes", in allen Artikeln wird über brutale Behandlung ber Letzte geklagt. Ein Kastenvorstanb hat sich sogar Remunerationen von bem Arzt auSgcbeten, bann würde er auch stets für ihn eintreten. Man müßte eS auch ben Kasten verbieten, mit ben Kurpfuschern, diesen BolkS- betrügem, Verttäge abzuschließen. Man sollte bie Kurpfuscherei überhaupt unter Strafe stellen. Abg. Spöthmann (freif. Vp.): Man sollte die Lasten nicht auf die Schultern eine» Standes abladen. Man hat aber unzweifelhaft in dem Gesetz ben Aerzten schweren Schaden gethan. Die Gefahr besteht, daß der Aerztestand immer mehr proletarisirt wird. Vielfach sind Die Aerzte selbst schuld, sie buhlen um bie Gunst bet Kaffem Dem kann man durch die Einführung der freien Aerztewahl abhelfen. Die Aerztefrage ist längst spruchreif. Bei der jetzigen Bezahlung ber Kassenärzte ist eine gründliche Behandlung überhaupt nicht möglich, wie können die Kranken da Vertrauen zu ben Aerzten haben. Deshalb muß man balbmöglichft bie freie Aerztewahl unb ein Marimalgehalt einführen. Abg. Rösicke (freif. Vgg.): Durch die Art und Weife, tote die verschiedenen Aerzte-Vereine und einer der Vorredner die Aerzte vertreten, dient man den Aerzten nicht. Die angeführten Fälle sind, wenn man die große Zahl der nach Tausenden zählenden Krankenkaffen in Bettacht ?iebt, doch immerhin nur vereinzelt I Man braucht da nicht gleich nach Gesetz und Staat zu schreien! Ein politischer Druck auf bie Aerzte seitens der Kanenverwaltungen, wenn ein solcher hier und ba vorkommt, ist natürlich unter allen Umständen zu verdammen. Man darf da aber auch nicht pharisäisch urtheilenl Jede Partei faste sich an ihre eigene Brust! Wer beeinflusse beim nicht, wo er cs könne? Die Aerzte sollten nicht Hilfe vom Staat erwarten, sondern vielmehr den Weg der Selbsthilfe be- schretten. Gartz verfehlt wäre es. Die freie Aerztewahl gesetzlich festlegen zu wollen. Diese fei in vielen Fällen, namentlich aber für das Land, gänzlich unbrauchbar. Durch bie freie Aerztewahl fei bie Krankenkontrole auch sehr erschwert. Abg. Molkenbuhr (Soz.) wendet sich acgen die Ausführungen der Abgg. Tttmborn unb Hoffman-Hall^in Der Aerzteftage. Wenn In einem kleinen Ort | Die Arbeiter finb bie Baumelster gewesen, bie baß gri ' ’ ..... -ber Krankenversicherung errichtet haben. Jetzt, nad)bi i [ bäubc vollendet und solide und fest dasteht, soll der Baumeister zur Thür herauskomplimentirt werden! Vicepräsident Büsing ruft nachttäglich den Dbg. Albrecht zur Ordnung, weil er dem Abg. Hoffmann-Hall gegenüber ben Ausdruck ^niederttächtig" gebraucht habe. Londons Bürger schicken her^lichie gelegentlich des Empfanges ihres Aer KSnig von Krrgtand in Aom. König Eduard ist am Montag vormittag von Neapel Ttcuf) Rom abgereift und dort am Nachmittag um 3 Uhr eingetroffen, am Bahnhofe vom König von Italien empfangen. Ferner waren zur Begrüßung erschienen der Herzog von Aosta, der Graf von Turin, der Herzog der Abruzzen und der Herzog von Genua. Als er eintraf, svielte die Musik die englische Nationalhymne. Die beiden Könige umarmten und küßten sich dreimal auf bas herzlichste. Nach dem Vorbeimarsch oer Ehrenkompagnie fuhren die Majestäten unter den Hochrufen der Volksmenge durch die herrlich geschmückten Straßen nach dem Terminiplatz, wo der Bürgermeister Fürst Colonna und die städtischen Behörden den König begrüßten. Die Majestäten trafen im Quirinal um 31/2 Uhr ein. Die Begrüßung zwischen König Eduard und Königin Helene war außerordentlich herzlich Nach Aufhebung der Truppenabsperrung strömte die Volksmenge auf den Platz und bereitete beiden Königen, die sich mit der Königin mehrmals auf dem Balkon zeigten, begeisterte Kundgebungen. Eine Stunde später fuhr der englische König, eskortiert von Kürassieren, nach dem Palast der Königin-Witwe Margherita und stattete einen Besuch ab. Der Lordmayor von London telegraphierte dem Fürsten Colonna: Londons Bürger schicken herzlich Grüße Roms Bürgern gelegentlich des Empfanges ihres Beliebten Königs Eduard in der Hauptstadt des großen alienischn Königreichs. Fürst Colonna antwortete: Rom ist stolz, den Souverän einer großen Nation gastlich aufzunehmen, die immer eine anfriclftige treue Freundin Italiens war, und erwidert mit brüderlichm Gruß die Grüße der Stadt London. Der dem König von England beigegebene Vertreter des Londoner Foreign Office, Harding, fuhr in den Vatikan, um mit Rampolla die Einzelheiten des Besuches des Königs beim Papste zu formulieren. Der Besuch erfolgt Mittwoch 3 Uhr von der englischen Botschaft aus. Der Gegenbesuch fällt aus. Dafür wird eine Spezialmission, mit Monsignore Stonor an der Spitze, nach London geschickt. Z)er König von Sachsen in Wien. Wien, 27. April. Heute vormittag 9% Uhr traf der König von Sachsen auf dem festlich geschmückten Südbahnhofe ein. Tort hatten sich eingefunden der Kaiser in der Uniform seines sächsischen Ulanenregiments, die hier anwesenden Erzherzoge, Prinz Philipp von Sachsen- Coburg-Gotha, der deutsche Botschafter mit dem Botschaftspersonal, die diplomatischen Vertreter der deutschen Bundesstaaten, der östreichisch-ungarifche Gesandte in Dresden und die Spitzen der Zivil- und Militärbehörden. Die Monarchen umarmten und küßten sich herzlich. Nach Begrüßung der Erzherzöge und nach Vorstellung der Gefolge fuhren die Monarchen zur Hofburg, auf dem Wege von begeisterten Zurufen begrüßt. Zn der Hofburg wurde der König von den Hofchargen und dem Minister des Aeußern empfangen. Heute mittag nahm der König das Frühstück beim Grafen und der Gräfin Rex auf der sächsischen Gesandtschaft ein. Prinzessin Mathilde von Sachsen verließ mittels Hofsonderzuges bereits die Station Meidling und begab sich in das Augartenpalais. Bei dem Galadiner zu Ehren des Königs Georg brachte der Kaiser folgenden Toast aus: Etv. Majestät Besuch ist mir ein neuer Beweis unserer wahren herzlichen Beziehungen und es erfüllt müh mit lebhafter Freude, da ich in Ew. Majestät den bewährten vieljährigen Freund und Herrscher eines benachbarten Landes begrüße, welches politische und wirtschaftliche Bande mit uns enge verbinden. Indem ich Etv. Majestät herzlichst und wärmstens für den freundschaftlichen Besuch danke, erhebe ich mein Glas auf das Wohlergehen Ew. Majestät und auf eine lange glückliche Regreruttg. König Georg erwiderte: Es lvar mir ein wahres Herzensbedürfnis bei der Anhänglichkeit, die mein Haus und ich von jeher für das Haus E10. Majestät empfunden haben, und der Verehrung, die ich für Etv. Majestät von jeher gehegt, sobald es mir möglich war, hicrherzueilen. Ich habe mich heute von neuem überzeugt, daß Ew. Majestät frisch an Geist und Körper sind, wie Sie es ftüher waren. Mein inniger Wunsch geht dahin, daß Ew. Majestät es vergönnt sein möge, lange Jahre zum Wohle Ihrer Völker und Hecke Ihres Reiches und zur Freude aller Ihrer Verehrer und Freunde ftisch und gesuno an Geist und Körper zu regieren. Wahlbewegung. R. D. D a r m st a d t, 27. April. Die Vertrauensmänner der nationalliberalen Partei für den Wahlkreis Tarmstadt-Großgerau waren gestern nachmittag zu einer Versammlung in der „Stadt Pfungstadt" einberufen, um die Kandidaten frage für den Reichstag endgiltig zu entscheiden. Nachdem Justizrat Schmeel die namentlich vom Lande stark besuchte Versammlung eröffnet, über die bisherigen Verhandlungen in Betreff der Kandidatenfrage Mitteilung gemacht und Rechtsanwalt Dr. Stein als Kandidaten empfohlen hatte, nahm dieser selbst das 2&ort, und legte ausführlich feine Stellung zu den allgemeinen Fragen der Reichspolittk und besonders zu den demnächst von dem neuen Reichstag zu lösenden verschiedenen Fragen unserer Handelsvertragspolitik dar. Die Rede wurde mit stürmischem Beifall ausgenommen und Dr. Stein darauf einstimmig zum Reichstagskandidaten proklamiert. In der Deoatte sprachen sich Brauereibesitzer Hildebrand-Pfung- stedt, Bürgermeistereisekretär Hirsch-Arheilgen und Oberlehrer Backes-Darmstadt in wärmster Weise für die Kandidatur Stein aus, der nach, seinem in der Versammlung entwickelten klaren Programm der beftgeeignete Vertreter für die nationale und liberale Wählerschaft sei. Ein mck- anwesender Führer der antisemitischen Partei, Frhr. Schenk zu Schweinsberg, erklärte sich gleichfalls mit der Kandidatur des Dr. Stein einverstanden. Man darf daher annehmen, daß sich auch die Antisemiten im Wahlkreise für die Wahl dieses Herrn entscheiden werden. Die Versammlung nahm einen recht animierten Verlauf und man trennte sich nach einem Schlußwort des Justizrat Schmeel mit einem dreimaligen Hoch auf das deutsche Vaterland. Parlamentarisches. Berlin, 27. April. Das preuß. Abgeordnetenhaus erledigte heute zunächst Petitionen, darunter die des Fransurter Journalisten- und Schriftsteller-Vereins um reichsgerichtliche Regelung des Strafvollzuges und die Einführung einer besonderen Strafverbüßungsart für die wegen nicht gemeiner Vergehen Verurteilten. Sie wurde der Regierung als Material überwiesen. Hierauf wurde ein freikonservativer Antrag auf Einsetzung einer ständigen Kommission für Handel und Gewerbe angenommen. Tie Berstaatlichungsvorlage und der dazu gehörige Nachtrags-Etat werden in zweiter und dritter Lesung genehmigt. Ter Feuerlösch-Gesetzentwurs wird in zwecker Lesung mit einem konservativen Anträge angenommen, wonach in rheinisch-westf. Landgemeinden die erlassenen Polizei-Verordnungen der Zustimmung der zum Erlaß von Ortsstatuten zuständigen Organe bedürfen. — Die Kommission des preuß. Herrenhauses hat in dem Gesetzentwurf betreffend Vorbildung für den höheren Verwaltungsdienst den § 4 der Regierungs-Vorlage wiederhergestellt. — Ter freisinnige Kandidat für den zweiten Berliner Reichstags-Wahlkreis, Prediger Gräbner, ist gestern auf der Kanzel von einem leichten Schlag an fall getroffen worden und hat deshalb, trotzdem er sich inzwischen wieder erholt hat, seine Kandidatur zurückgezogen. An [eine Stelle wird der Landtagsabg. Kreitling als freisinniger Kandidat ausgestellt. — Wie ein parlamentarischer Korrespondent berichtet, wird die konservative Interpellation über die Handelsverträge am Mittwoch auf die Tagesordnung des Reichstages gesetzt werden. In konservativen Kreisen befürchtet man, daß die von der Regierung verlangte Erklärung ausweichend lauten wird. Aus Stadt und Saud. ^Personalien. S. K. H. der G r 0 ß b e r z 0 g haben dem früheren Pfarrer in Fürth Jakob Schmitt, z. Zt. in Neustadt i. O., das Ritterkreuz 1. Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmütigen verliehen, und den Hauptlehrer an der Gewerbeschule zu Micyelstadt Ludwig Schalk zum Hauptlehrer an der Gewerbeschule zu Worms ernannt. „g" Hausen b. Gießen, 25. April. Die Schülerzahl IranLfurt und seine Dichter. Unter der Spitzmarke „Goethe und die Frankfurter" schreibt die „Köln, ßtg.*: ,Wie es für einen normalen Mann ein zweifelhaftes Vergnügen ist, eine berühmte Frau zu haben, so ist eS auch für eine Stadt eine nicht immer ungetrübte Ehre, einem großen Menschen als Geburtsort gedient zu haben. Denn die böse Außenwelt ist nur zu leicht geneigt, mit dem Riesen- maßstab des Emen die ganze Umgebung zu messen, in der er ausgewachsen ist, und kommt bann gewöhnlich zu dem geringschätzigen Ergebnis, daß solch ein Krähwinkel gar nicht wert sei, einen so gewaltigen GeisteShelden zu seinen Rick- bürgern zu zählen. Heinrich Heine hat in diesem Sinne Goethe uud die Frankfurter in einem satirischen Sonett behandelt, das unter dem Titel „DaS projektierte Denkmal Goethes zu Frankfurt am 9Hain" in dem Anhang zum „Buch der Lieder" steht. Der Dichter giebt dort den Frankfurter Handelsherren den höhnischen Rat, ihr Geld lieber zu behalten und auf ein Denkmal ihres großen ^litbürgcrS zu verzichten, denn Ein Denkmal hat sich Goethe selbst gesetzt. In Windeln war er einst euch nah, doch letzt 5rennt euch von Goethe eine ganze Welt, Euch, die em Flüßlem trennt vom Sachsenhauser. Die Anregung zu diesem grimmigen Ausfall auf die Frankfurter, die gewiß Heinrich Heine nie etwas zu Leide getan hatten, scheint durch eine, im Jahr vor dem Entstehen des Denkmalprojekts erschienene Schrift des Bonner Geologen Joh. Jakob Röggerath gegeben worden zu sein. Der Plan, in Frankfurt ein Goethe-Denkmal zu errichten, findet sich im März 1838 in der „Kölnischen Zeitung" erwähnt; im Jahre 1837 hatte Weber in Bonn die Reisebriefe Nögge- raths über feinen „Ausflug nach Böhmen und die Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte in Prag" gedruckt. Darin berichtet der Bonner Oberbergrat bei seinem Aufenthalt in Frankfurt und dem Suchen nach Goethe's Geburtshaus folgende Anekdote, die er von einem glaubwürdigen Bekannten habe: Auf dem Hirschgraben be- -Km cm addiättia raick wandelnder, wohlgekleideter Herr, an den er die Frage richtete: „Können Sie, mein Herr, mir etwa das HauS Goethe's zeigen?" Sinnend und forschend um sich her blickend, antwortete dieser: „Das HausGoethe? Das ist nicht hier; es muß entweder falliert haben ober weggezogen fein." Nachdem mein Erzähler einige Schritte weiter gegangen war, begegnete ihm ein zweiter wohlgenährter Herr, welcher dem Ansehen nach zu den Notabeln Frankfurts gehören mußte, und an ihn richtete er nochmals die Frage. Der behagliche Mann erwiderte etwas langsam, dabei an der Uhrkette spielend: „Sie setzen mich in einige Verlegenheit, mein Herr! Ich bin zwar ein Buchhändler, hier feit mehreren Jahren etabliert, aber ich wüßte es Ihnen nicht zu sagen; darum bekümmern sich die Fremden, wir Einheimischen achten auf dergleichen nicht." Dem Leser dieses sehr glaubhaft klingenden Geschichtchens drängt sich die Annahme unwillkürlich auf, daß Heine, der damals in Paris lebte, sie in der Sonntagsbeilage der Kölnischen Zeckung gefunden und sich flugS nicdergesetzt habe, um feinen Groll über solches Banausentum mit dem bekannten Sonett Luft zu machen." Soweit die Köln. Ztg. Die Jrkf. Ztg. ist sehr ärgerlich über diese Anekdote und meint boshaft: „Muß der Mann, der das HauS Goethe für eine Firma halt, just em Frankfurter gewesen sein f Vielleicht war er ein Ge schafts- m a n n aus Köln, der zur Messe hierher gekommen war und, den Kopf mit feinen Ziffern voll, in diesem für den Ruf unserer Stadt so verhängnisvollen Moment den Hirfchgraben oafsierte." Ich hatte das Gcschichtchen keineswegs nur für erfunden, möchte vielmehr im Anschluß daran ein wunderhübsches, von ernsthaftester Seite mir als durchaus wahrhaft verbürgtes unfreiwilliges Bonmot einer jungen Frankfurter Patriziertachter erzählen. Als vor vier Jahren in außerordentlich prunk- voller Weise von dem offiziellen Frankfurt der 150. Geburtstag Goethes begangen worden war, da sprach sie gelassen das große Wort aus: „Mit dem hätt mer auch nit so arg viel Umstand' gemacht, wenn er nit en Jud ge- w e f c wär!" Seit dem „tollen" Jahre 1848 lebt in Frankfurt Wil Helm Jordan, der geniale poetische Wtcdererwecker der unserer Gemeinde ist in den letzten Jahren fo rapid gewachsen, daß der seitherige Schulsaal nicht mehr genügt Der Gemeinderat hat deshalb beschlossen, im nächsten Jahre einen Schulhausneubau aufführen zu lassen. Zu- gleich wird alsdann eine zwecke Klasse errichtet werden, da Sie Schülerzahl gegenwärtig schon annähernd 90 beträgt und eine weitere Steigerung derselben in den nächsten Jahren bevorsteht. -i- Lich, 26. April. Zur Verschönerung unseres Städtchens und seiner Umgebung hat die imjjcrgangenen Winter erfolgte Beseitigung des sogenannten Schlammgrabens viel beigetragen, der sich den Geruchsnerven der Spaziergänger, die den an ihm entlang führenden Weg zum fürstlichen Park benutzten, in unangenehmer Weise bemerklich machte. Im krassen Gegensatz zu dieser Verschönerung steht aber der schauderhafte Zustand jenes Weges, der bei schlechter Witterung mit Pfützen und Schlamm bedeckt, fast unpassierbar ist. Frankfurt a. M., 27. April. Heute sand die 50- jährige Jubelfeier der Realschule der israelitischen Religions-Gesellschaft statt. Als Vertreter des Oberpräsidenten sprach Prvvinzialschulrat Dr. Kaiser. — Tie 78jährige Frau Anna Fueg stürzte sich aus dem 3. Stock ihrer im Wendelsweg gelegenen Wohnung und erlitt schwere innerliche Verletzungen, an deren Folgen sie bald darauf starb. Gerichtssaal. Gießen, 24. April. (Gewerbegericht) Den Vorsitz führt Oberbürgermeister Mecum. Als Beisitzer fungieren Bäckermeister Fr. Hennings und Schriftsetzer Adolf Hensel. — In der mehrfach verhandelten Klage- fache des Kellners Albert, zurzeit in Frankfurt a. M. gegen den Gasthofbesitzer Heinrich M. dahier kam Vergleich dahin zu stände, daß Beklagter dem Kläger auf die ein- getiagte Summe von 84 Mk. im ganzen 35 Mk. zahlt. Gingesanöt. (Für Form und Inhalt aller unter dieser Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.) Hundertste Geburtstage. Nächstens wird der 100. Geburtstag unseres großen Chemikers und Landsmannes Justus v. Liebig auch hier in Gießen gefeiert werden, und das — mck vollstem Rechte, denn es gebührt sich, daß ein Volk seiner gnoßen Männer in herzlicher Dankbarkeck gedenke. Aber hat man denn auch schon daran gedacht, daß in dieser Woche auch noch ein anderer großer hundertster bevorsteht, daß es bis nächsten Donnerstag, den 30. April, 100 der Jahre sind, daß dem deutschen Volke einen seiner größten, besten und deutschesten Atänner geboren wurde, einer der drei Paladine unseres unvergeßlichen, lieben ersten Kaiser-: Generalfeldmarschall Gras 0. Roon. Versetzen wir uns im Geiste 'darum dankbaren Herzens, an diesem 30. April an die stckle Gruft im großen Parke von Schloß Krobnitz in Schlesien, und legen einen Ehrenkranz nieder! — Unsere sehr geehrten Veteranen werden bei diesem Tankesund Liebeswerke, vor allen, gewiß bei der Hand sein. H. Arbeiterbewegung. Hamburg, 27. April. In einer heute mittag stattgehabten Versammlung proklamierten die Schuhmacher- Gesellen von Hamburg, Altona, Ottensen und Bergedorf einstimmig den Generalstreik, da die Arbeitgeber die geforderte Lohnerhöhung abgelehnt haben. Neueste Itltluuiujrii. vrigiualdrahtmeldungen des Gießener Anzeiger». Berlin, 28. April. Bei den letzten Unwettern sind m der Umgegend 194 Personen umgefominen. Hamburg, 28. April. Nach den bisherigen Ermittelungen sind wahrend des letzten Unwetter« 83 Schiffe untergegangen, 246 beschädigt worden und 223 Personen ertrunken. I I I I —-W—E Gegen Schnupfen hilft Forman. 1268 Nibelunge. Als er ebenfalls anno 1899, in dem Goethe- jahre, feinen 80. Gebuttstag feierte und ihm von den Gestaden des Erie- und Michigansees wie von den Hängen von Samos am ägäischen Meere, kurz aus allen Wetttellen, so weit die deutsche Zunge klingt, Glückwünsche ^dargebracht wurden nnd kostbarste Spenden, da sah man in Frankfurt m feiner einzigen Buchladenauslage das Porträt Jordans. Als ich in einer Buchhandlung Nachfrage hielt nach feiner damals soeben erschienenen letzten poetischen Gabe, der Gedichtsammlung „In Talar und Harnisch", da hatte das Ladenfräulein keine Ahnung von diesem Buche und meinte, der Mann fei wohl dieser Tage begraben worden! DaS war die Wirkung der umfangreichen Festartikel der gesamten Frankfurter Presie! — In einer der vornehmsten Frankfurter Weinstuben hörte ich an demselben Tage einen Herrn mit weißen BartkotelettS, dessen Antlitz von üppigem Wohlleben strotzte und an dessen sorg- sättigst gepflegten dicken Fingern ein paar Riesenbrillanten funkelten, auf die Frage seines Nachbars, ob er dem von der Stadt im „Frankfurter Hoft veranstalteten großen Festabend zu Ehren Jordans beiwohnen werde, wörtlich antworten: ^WaS geht mich der a? ES wär auch ohne dem sei Trilogie gange!" Vor der glänzend verlaufenen Feier im „Frankfurter Hof" fand im Schaufpielhause eine Aufführung von Jordans entzückendem Lustspiel „Durchs Ohr" statt. Nach dem zweiten Akte spielte sich folgendes charakteristssche Gespräch zwischen zwei neben mir im Parkett sitzenden, durch gewaltige Mensur- schmisse gezierten Herren ab: „DaS Stück ist famoS, haben Sie es schon gekannt?" „Nein," war die Antwort; „kennen Sie übrigen« feine Nibelunge?" „Nee, ich habe noch nichts von Jordan gelesen." „Ich auch nicht!" Und beide freuien sich baß darüber. — Und das alles an einem Tage, in der Stadt, in der Jordan, der Altmeister deutscher Dichtung, seit damals sage und schreibe 51 Jahren lebte! Sollte nach alledem das niedliche Gcschichtchen der „Köln. Ztg." wirklich nur aks „ben trovato emzuschätzen