Nr. 251 Vrschetut täglich außer Sonntags. Dem Gießener Anzeiger werden tm Wechsel mit dem Kesfischen Landwirt die Eietzener Familien' Höhet viermal in der Woche deigelegt. Rotationsdruck u. Vertag der v r ühl'sche« Untverk.-Buch- u. Stein- Drucker« (Pretsch Erben) Schalstrabe 7. Ubrefle für Depeschen: «u-etger Gtetzeu. gernwrrcdan!ch!uß s)lx. 5L Zweites Blatt. 153. Jahrgang Montag 26. Oktober LVOS jfflSöW O monatlich 7b Pw viertel» JVV ▼ [W W V iährltch Ml. 2L0. durch Gietzener Anzeigers General-Anzeiger v sSSäts. Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen MW V zeigentetl: Hans Beck. Air heutige Wummer umfaßt 8 Seiten. Jer Kaiser in Küstrin. Küstrin, 24. Oktober. Unter dem Jubel der Bevölkerung und dem Donner der Geschütze traf der Kaiser heute vormittag hier ein zur Enthüllung des Denkmals Johanns von Küstrin. Der Bürgerineister hielt eine Ansprache, in der er u. a. ausführte: Küstrin sei als Hauptstadt der Neumark eine Stätte von Ereignissen, die von weltgeschichtlicher Bedeutung werden sollten, gewesen, denn hier habe der erste evangelische Hohen- zollernfürst Hans residiert. Hier habe er zum ersten Male das heilige Abendmahl nach evangelischer Weise genommen und damit seine Zugehörigkeit zum Luthertum öffentlich erklärt. „Solus spes mea Christusa (meine einzige Hoffnung ist Christus) sei sein Wahlspruch gewesen, und dies sei auch heute noch die Feste und die unerschütterliche Grundlage, auf die das Hohen- zollernhaus und sein Reich sich stütze. Redner schloß mit einem dreifachen Hurra auf den Kaiser. Nachdem sodann die Hülle des Denkmals des Markgrafen Johann gefallen war, nahm der Kaiser den Ehrentrunk der Stadt entgegen, wobei er auf die Ansprache des Bürgermeisters erwiderte. Die Ansprache des Kaisers lautete wie folgt: patriotischen und warm, empfundenen Worten hat soeben der Herr Bürgermeister int Namen von Küstrin mir hen Willkommen ausgesprochen und zugleich den Einfluß, die Wirksamkeit und die Bedeutung des Herrschers geschildert, dessen Standbild hier enthüllt worden ist. Indem ich Küstrin meinen herzlichen Dann ausspreche für den begeisterten Empfang fettens seiner Bürgerschaft und die schöne Ausschmückung ihrer Stadt, kann ich auch hinzufügen, daß es mich mit Freude und Befriedigung erfüllt, diese Stätte historischer Erde zu betreten. Wir haben soeben vernommen, auf welcher Grundlage das L^ben des Fürsten aufgebaut war. Diese 'Grundlage ist es gewesen, die meineu Vorfahren und meinem Hause zu der Stellung geholfen uud uns dahin gebracht hat, tt>o wir jetzt stehen. Diese Grundlage ist auch die meinige; ich habe es erst vor wenigen Tagen ausgesprochen. Die Stadt Küstrin ist mit unserem Hause auf das innigste verknüpft gewesen, sie hat Meien der gewaltigsten meiner Vorfahren Stätte und Heim gegeben: dem Großen Kurfürst en und dem Groß en König (Friedrich IL). In schwerer Zeit ist hier der Große Kurfürst verwahrt worden, um späterhin in einzig dastehender Arbeit ein Land wieder emporzuheben, aus einem Zustande, wie er kaum in einem anderen herrschte. Ein Land, welches zerrissen, zerstampft, verwüstet und verkommen am Boden lag, hat der jugendliche Fürst, unbekümmert durch die Größe der Aufgabe, zu hoher Blüte emporgebracht und zu bedeutungsvoller Stellung unter den Mächjteu, und der große König hat in seiner Jugend in schwerer Stunde hier die Schule durchmachen müssen, die es ihm ermöglichte, nachher der Mann und der Charakter zu warben, als den ihn die Vorsehung brauchte, um aus Preußen das zu machen, was es geworden ist. Wir können wohl annehmen, daß er in den schweren Stunden, die er hier durchgemacht hat, in sich llargeworden ist und begriffen hat, daß seine Lebensaufgabe die sein müsse, zu der er sich nachher als König bekannte, daß er der erste Diener des Staates sein müsse. Das konnte er nur Urnen durch Unterordnung, durch Gehorsam, mit einem Wort durch das, was wir als Preußen mit Disziplin bezeichnen. Und diese Disziplin muß ebenso im Königshause, wie im bürgerlichen Hause, im Heere wie im Volk wurzeln. Respekt vor der Obrigkeit, Gehorsam gegen die Krone und Gehorsam gegen den elterlichen und väterlichen Einfluß, das müssen wir aus diesen Erinnerungen lernen. Diesen Eigenschaften entspringen dann diejenigen, die wir mit P a t r i o t i s m u s bezeichnen, nämlich Unterordnung des eigenen Ich, des eigenen Subjekts zum Wohle des Ganzen. Das ist es, was uns in dieser Zeit besonders nottut. Ich habe aber die feste Ueberzeugung, daß in den alten historischen Mauern von Küstrin dergleichen Eigenschaften am Tage sind, und wenn darüber nocb ein Zweifel gewesen wäre, so wäre er geschwunden angesichts der Haltung und der Stimmung der Bürgerschaft und der schönen patriotischen Worte, die heute hier gesprochen sind. Daß diese Eigenschaften unter den Märkern und vor allem unter den Küstrineru nie aussterben mögen und daß Küstrin mit gutem Beispiel vorangehen möge, für das Vaterümd zu leben und zu wirken in guten und in schweren ^agen, daraus trinke ich diesen Pokal!" Nach einer kurzen Unterhaltung mit den Mitgliedern der Familie v. Burgsdorff begab sich der Kaiser nach dem Schloßhos, wo das Denkmal des Großen Kurfürsten als Kurprinz enthüllt wurde., Bei beiden Enthüllungen' wurde Salut geschossen. Später besichtigte der Kaiser das Friedrichszimmer, die Büste des Großen Kurfürsten von Haverkamp und das Medaillonbild des Oberhauptmanns v. Burgsdorff. Bei dem Besuch des Friedrichszimmers blickte der Kaiser aus dem historischen Fenster, von dem aus Friedrich II. als Kronprinz die Hinrichtung Kaitc's sah. Nach- ' dem der Kaiser noch unter Führung der Geistlichkeit die Gruft des Markgrafen Hans iv der Marienkirche besichtigt hatte, fuhr er unter den Huldigungen der Menge nach dem Bahnhofe, von wo alsbald die Rückreise nach Potsdam angetreten wurde. — Bildhauer Professor Schaper erhielt den Kronen- orden zweiter Klaffe mit dem Stern, Pros. Janensch den Kronenorden 3. Klaffe. Parlamenrarisches aus Hessen. Die Wahl des Abg. Orb im Wahlbezirk Offenbach- Seligenstadt will nicht zur Ruhe kommen. Sie war bekanntlich von der zweiten Kammer am 1. April für un- giltig erklärt worden. Bei der Neuwahl am 3. Juni erhielt er wiederum die absolute Mehrheit. Gegen die Wahlmännerwahl in Bieber wurden aber Rellamationen erhoben. Ter Kreisausschuß des Kreises Offenbach kam am 19. Aiai nach Vortrag der Akten und Anhörung der Parteien, sowie nach gepflogener Beratung zu folgender Entscheidung, den Rekurs als unbegründet anzusehen. Aber es wurde noch ein zweiter Protest etngereicht, und alsbald wurde ferner gegen die in diesem Protest ansgef-ellten Behauptungen seitens des sozialdemokrattschen WaMkomitees zu Bieber Verwahrung eingelegt und der Gegenseite verschiedene Unregelmäßigkeiten zugeschoben. Das Ergebnis langwieriger Untersuchungen war schließlich, daß 98 Wähler übrig blieben, die sich vielleicht nicht im Besitz der hessischen Staatsange- l)örigkeit befinden, aber, wie festgestellt wurde, gewählt haben. Es mühte nun zunächst eine Vernehmung der 98 'Wählergeschehen und, soweit der Besitz der Staatsangehörigkeit mit der Abstammung von einem Hessen begründet wird, in die zweite, dritte oder gar in irie vierte Generation zurückgehen. Absolut genaue Feststellungen werden sich in den meisten Fällen überhaupt nicht treffen lassen. Ehe das Offenbacher Kreisamt sstl) jedoch entschloß, in diese mit großen Kosten und vieler Arbeit verbundene Untersuchung einzutreten, machte es der Staatsbehörde Vorlage mit der Bitte, es wolle zunächst eine Aeußernng der zweiten Kammer bezw. des Wahlprufungsausschusses herbeigeführt werden, in welchem Umfange'die Untersuchung geführt, und to>b nicht vorher dem Einsender des Protestes anem- psohlen werden soll, seine Behauptungen mehr als dies bisher geschehen, zu präzisieren. Die Ausjchußmehrheit ist der Ansicht, daß auch, nach dem weiteren Protest namentlich in der Richtung, ob die Ende des vorvorrgen Jahrhunderts and des vorigen Jahrhunderts nach Bieber eingewanderten Nichthessen die hessische Staaten gehöriglett erworben haben, weitere Nachforschungen nicht anzustellen sein dürften. Cs würde dies sonst der Weitläufigkeit und der damit verbundenen Kesten wegen unzweckmäßig erscheinen. Tie Ausschußmehrheit sieht deshalb davon ab. Wenn selbst die in dem Gegenprotest des sozialdemokratischen Wahl- komitees angegebennen Ungesetzlichkeiten erwiesen werd«: sollten, so würden diese 13 die Differenz zwischen der Stimmenzahl des Höchstbestimmben der Wahlmänner der bürgerlichen Parteien und derjenigen des Minöestbestimm- ten aus sozialdemokratischer Seite von 39 nicht begleichen können. Ganz besonders aber führten die Erhebungen des Kreisamts Offenbach die Mehrheit des dritten Ausschusses zu dem Beschluß, zu beantragen, die Wahl des Johs. Orb zu Offenbach zum 2lb geordneten für den 16. Wahlbezirk der Provinz Starkenburg für giltig zu erklären. Die Minderheit des Ausschusses (Abg. Bahr und Pennrich) hält die Angelegenheit insofern nicht spruchreif, als immer noch bezüglich 98 Wähler, die ihr Wahlrecht' ausgeübt haben, die hessische Staatsangehövigkeit zweifelhaft erscheint. In Anbetracht des Umstandes, daß die Differenz zwischen dem Niedrigstbestimmten der gewählten Wahl- männer und dem Höchstbestimmten der Unterlegenen nur 39 Stimmen beträgt, hält die Minderheit weitere amtliche Erhebungen hinsichllich der Staatsangehörigkeit genannter 98 Personen für unerläßlich und stellt demgemäß den präjudiziellen Antrag: die Kammer wolle die Sache vorerst von der Tagesordnung absetzen und die Regierung ersuchen, durch das Kreisamt Offenbach weitere genaue Erhebungen, soweit angängig, durch eidllche Vernehmungen hinsichtlich der Staatsangehörigkeit der in Frage kommenden 98 Personen anstellen zu lassen. Mehrere Eürgaben an die Kammer betreffen die Beseitigung des Hochwasserschlauches zwischen Bürgel und Offenbach. Die Orte Bürgel und Rumpenheim liegen aus einer Landzunge, welche durch eine starke Krümmung des Mains nod) Nordwesten gebildet ist. Bei Hochwasser wird das südwestlich von beiden Orten gelegene tiefer liegende Gelände (Hochwasserschlanch) überschwemnrt und bietet einen natürlichen Abfluß der Flutwelle, welche oberhalb Rumpenheim den Main verläßt und unterhalb Bürgel sich wieder in den Main ergießt. Beide Orte sind während dieser Zeit völlig von dem Verkehr nach außen abgeschlossen, da die Kreisstraßen Mühlheim—Rumpenheim einerseits und Mrgel—Offenbach andererseits durch dieses alte Main- flußbett führen. Nach den regierungsseitig angeführten statistischen Wasserstandsbeobachtungen über den Zeitraum von 1826 bis 1890 kommt auf durchschnittlich 7 Jahre eine Ueb erschwemmung von je 2 bis 3 Sagen Dauer. Wenn auch diese Hochwasser stände verhältnismäßig sollen ein* treten — und durch die in den letzten Jähren auf Staatskosten ausgeführten Uferbauten, welche einen Aufwand von rund 126 000 Mk. verursachten —, zum Tell abgeschwächt und vermindert werden, so dürfte dieser Zustano aus die Dauer nicht bestehen bleiben. So lange jedoch^ die beiden in erster Linie beteiligten Gemeinden — Bürgel und Rumpenheim — sich nicht einigen können und ein Cindeichungs- projekt wegen der durch ProfAveränderrrng ungünstig beeinflußten Abslußverhälmi^se des 5^ochöoassers die Zustimmung der übrigen interessierten Gemeinden am Dlainstrom nicht erhält, befindet dec Ausschuß sich, nicht in der Lage, der Kammer ein Ersuchen au die Regieruu,g wegen Vornahme weiterer mnjangreich.er Vorarbeiten vorzuscylagen, sondern beantragt: die Knuvmer wolle beschließen: die Vorstellungen zurzeit für erledigt zu erklären. Volillsche Wochenschau. Tie „Nordd. Allg. Ztg." schreibt offiziös: „Die angekündigte Beratung der Finanzminister der größeren Bundesstaaten über finanzielle Angelegenheiten hat unter dem Vorji',> des Reichskanzlers und später, in seiner Vertretung, des Reichsschatzsekretärs am 19., 20. und 21. d. M. statt gesund en. Dem Vernehmen nach galten diese Beratungen aussckstießlich der Erörterung und dem Meinungsaustausch über die Auf st ellungdesReichs Haus- Haltsetats für 1904 sowie Anregungen zur Abstellung von Mängeln, die sich in den zurzeit geltenden finanzgesetzlichen Bestimmungen des Reiches bemerkbar gemacht haben. GrößereSteuervorlagen waren nicht Gegenstand der Beratungen. Dem vorbereitenden Charakter der Verhandlungen entsprechend konnten förinlicye Beschlüsse nicht gefaßt werden, und es läßt sich zurzeit nicht sagen, in welcher Richtung sich die Ergebnisse dieser Minister-Konferenz bewegen werden." Mit dieser bescheidenen Auskunft über die Konferenz der deutschen Flnanzminister ist uns nun freilich nicht sonderlich gedient. Sollte man wirklich von neuen Steuern kein Wörtchen haben fallen lassen? Die Löcher der Reichskasse müssen doch auf irgend eine Weise zugestopst werden. Vorläufig bleibt nun allerdings nichts anderes übrig, als abzuwarten. Der neue Reichstag wird ja auch noch ein Wort zu den in mystisches Dunkel gehüllten Ergebnissen dieser Berliner Konferenz zu sagen haben. Der bayerische Ministerpräsident Frhr. v. Pod e* wils hat in der vergangenen Woche die Beziehungen der Bundesstaaten zum Reime, speziell zu Preußen, als die allerbesten bezeichnet. In den süddeutschen Königreichep hat es besonders guten Eindruck gemacht, daß in letzter Zeit hervorragende Reichsbeamte aus Bayern und Schwaben nach Berlin geholt worden sind. Zum Frhrn. v. Stengel, dem aus dem bayerischen Staatsdienst stammenden Schatzamts- Staatssekretär, ist jetzt der neue aus Württemberg stammende ReichAgerichtspräsident, der bisherige Direktor im Reichsjnstizamt Dr. Gutbrod gekommen. Sofern die sonstigen persönlichen Bedingungen genügen, was ja von Dr. Gutbrod versichert wird, kann man derartige ^Nennungen freudig begrüßen. Sie zerstören den namenllich in Bayern noch immer weit verbreiteten Irrwahn, daß alles „verpreußt" werden sollle, sogar der Raupenhelm und die Briefmarke werden angetastet. Man hält aber krampfhaft an seiner Briefmarke fest. Es ist so schön, beim Bekleben jedes Briefes speziell bayerisch-patriotisch empfinden zu können. Die Regierungen sind freilich rricyt so abergläubisch. Der bayerische Ministerpräsident versicherte, gerade Kaiser Wilhelm sei von der Heiligkeit der Verpflichtung, die bayerischen Reservatrechte zu wahren, aufs tiefste durchdrungen. Das habe der Kaiser ihm ausdrücklich versichern lassen, und Graf Bülow sei natürlich derselben Gesinnung. Kaiser W i l h e l m hat übrigens auch in anderer Beziehung seinen Standpunkt von neuem prägnant zum Ausdruck gebracht. Er hat die Konftrmation seiner Sohne zum Anlaß genommen, um sich zwar nicht ausdrücklich, aber dem Sinne nach zu den Anschauungen der modernen Theologie, wie sie in dem erst am letzten Samstag wieder zur Hostajel gezogenen Berliner Prosessor Har- nack ihren Achrer sieht, zu bekennen, zu einer Anschauung, die der Wissenschaft ihr volles Recht gibt und das Wunderbare in der christlichen Lehre nicht als das Hauptsächliche in den Vordergrund ruckt. Auch in seiner neuesten Küstriner Rede, die wir an anderer Stelle unserer heutigen Nummer mitteilen, betont der Kaiser seinen lutherischen Standpunkt." Er gibt dann dem historischen Worte Friedrichs des Großen, der Monarch sei der erste Diener des Staates, seine eigene Auslegung. Das Persönliche nur jlüchtig streifend, wendet er sich an seine Märker wieder mit der Mahnung, daß „Gehorsam gegen die Krone" oberste Staatsbürgerpflich-t sei. Im Wnigreich S a ch s e n haben sich Regierung und Volk über eine Reform im Sinne der Modernisierung des Berfas jungslebens geeinigt. Der Wahlreformentwurf der' sächsischen Regierung ist von den dcationalliberalen, Freisinnigen und Sozialoemo traten ab gelehnt, da er nach! wie vor der Landwirtschaft die Hälfte sämtlicher Landtags- jiye zugesteht, unter den anderen Berufen aber eine Reihe unberücksichtigt läßt. Da von der Lonjervativen Mehrheilt der Kammer das Schicksal des Entwurfes abhängt, die Negierung es a^ber kaum zum Versajsungskouslikt kommen lassen wird, so droht wieder einmal Die ganze Wahlresorm- geschichte so auszugehen, wie in Sachsen seit langem alles politische Unternehmen, wie das Hornberger Schießen. In Italien hat das Ministerium Z a n a r d e l l i unmittelbar nach dem Aufschub der Reise des Zaren von Darmstadt nach Rom demissioniert. Wie die neuesten italienischen Bläller melden, betraute König Victor Emanuel Giolitti mit der Bildung des Kabinetts. Giolitti habe indessen, wie es heißt, obwohl er erklärt habe, daß er sich stets zur Verfügung des Königs halte, zlvei oder drei Tage Bedenkzeit ausgeveten, bevor er den endglltigen Auftrag annehme. Giolitti hatte eine herzliche Zujcunmen- tunjt mit Zanardclli. Die Blätter Roms heben ferner mit rühmenden Worten hervor, daß der König sich wegen des Gesundheitszustandes Zanardellis persönlich nach Eonsulta begeben habe, um sich mit ihm zu besprechen. Ob man durch das Opfer!j>es Ministeriums die Verstimmung ztvi- schen dem Zaren und Italien beseitigen irnni, die in Sachen oes ausgefallenen Gegenbesuchs ein getreten ist, bleibt unwahrscheinlich. Im Vatikan wurde auch in der letzten Woche der Marrn ^er volitischen Tat gefunden. Pius X. hat sich lange mit X Kui [auft, i W folgte 1902. 2,7 2,5 2,9 2,3. Geschäfts - Empfehlungen liefert billigst Briihl'sche Universitäts-Druckerei. in Empfang nehmen soll. Hierzulande wird dieses Unternehmen mit Freuden begrüßt. Kleine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbarstaaten. Der Leiter des Kgl. Landgestüts in Dillenburg, Landstallmeister v. Nathusius, ist gestorben. — Frau Postsekretär Plath in Homburg, welche ihr Hündchen vor dem Ueberfahren retten wollte, wurde von dem Wagen der elektrischen Bahn gefaßt und geschleift. Sie erlitt ziemlich schwere Verletzungin. — In Frankfurt a. M. ist der Bauunternehmer Weiß aus Fessy bei Metz, bekannt als Erbauer der Befestigungen Helgolands, auf der Durchreise einem Schlaganfall erlegen. malen bezeichnet. Winterweizen Winterspelz . Winterroqgen Junger Klee e»1 Adttße g deshalb einmal mit seinem Protektor, der in ihm einen Rivalen zu wittern begann. Er wird als ein äußerlich liebenswürdiger, gewandter, im übrigen als still fanatischer Charakter geschildert. Die Kar- irntäle sind natürlich sehr ungehalten, oaß Pius nicht einen sder ihrigen gewählt hat. Merry del Val soll am 9. November Kardinal werden. Die deutsche Zentrumsprcsse dagegen schwelgt in Lobeshymnen über die Tatsache, daß Merry del Val kein Italiener, sondern ein Halbeng- länder, Halbspanier oder H albitaliener ist. Nichts könnte je trefflicher die Jnternationalität der katholischen Kirche symbolisieren, als diese nationale Verschwommenheit. Wie es scheint, hat er als interimistischer Staatssekretär mit Pius X. bereits mitgewirkt an der einzigen politischen Entscheidung, die sein Herr bisher gefällt hat, nämlich im ,^sservatore Romano" zu erllären, daß Loubet htt Vatikan nicht empfangen werden könne, lediglich^ weil das mit der Tradition des heiligen Stuhles nicht vereinbar sei. In Berlin war er Vertreter des Papstes beim Begräbnis Kaiser Wilhelms L, König Vmard hat er im Namen des Papstes zur Thronbesteigung beglückwünscht, und die Rechte der kallwlischen Kirche in Kanada zu schützen, wozu er nach drüben entsandt wurde, ist ihm nicht gelungen. Er wird also wohl nicht eine so hervorragende Nolle spielen und ein so einflußreicher Prälat werden, wie sein Lehrmeister Rampolla. Aber durch Milde und Versöhnlichkeit kann er manches zum Frieden der Völker beitragen. Scheint dieser Friede auch, soweit die Wirren auf dem Balkan ihn stören, vorläufig gesichert, so rumort es wieder in Ostasien. Aber wenn die Kriegsgerüchte bezüglich Rußlands und Japans neuerdings nicht verstummen wollen und beide Mächte eifrig weiter rüsten, so scheint hier die Arbeit der Diplomatie doch schließlich den ftied- lichen Ausgang der Spannung zu verbürgen. Nachhaltiger dürften die Folgen einer anderen zunächst viel harmloser erscheinenden Störung internationaler Beziehungen sich gestalten, die zwischen Kanada, Nordamerika und England eingetreten ist. Durch den Schiedsspruch in der Alaskafrage verliert Kunada fast die Hülste seiner pacifischen Mste samt wertvollen Goldfeldern an die Vereinigten Staaten, die seinerzeit Alaska von Rußland lgekaust haben. Die Kanadier rechneten in ihrem Optimismus darauf, das Schiedsgericht werde die Küste vor den vorgelagerten Inseln ausrechnen. Das Schiedsgerücht hat ihnen unrecht gegeben. Es hat auch auf ihre wirtschaftlichen Interessen am Besitze eines notwendigen Zuganges zum Ozean keine Rücksicht genommen, sonderm nur nach dem Wortlaut der Verträge geurteilt. Künftig ist der wichtige Lyanfjord, der die Kommunikation durch die Felsenküste ins kanadische Inland ermöglicht, den Kanadiern abgeschnitten. Es behält nur noch den Portlandkanal. Diese Entscheidung, der die kanadischen Vertreter des Schiedsgerichts ihre 'Unterschrift verweigert haben, gibt den Beziehungen Kanadas zu (strgland einen Stoß. England tut in seinem Interesse nur einen Schritt weiter auf dem Wege, vor den Pankees zurückzuweichen, um der imperialistischen Idee zu dienen. Man will nm jeden Preis die amerikanische Freundschaft im Interesse des briti- ffchen Imperialismus pflegen. Aber was bringt den Kanadiern dieser Imperialismus ein, wenn er ihnen solche Wunden schlägt? So ist man denn jetzt unter dem demütigenden ^Eindruck dieses Schiedsgerichts in Kanada daran, einmal sernstlich seine Beziehungen zum Mutterlande zu revidieren. "Ein Reichsüberdruß greift um sich und die alte und so natürliche Idee, sich! der freien Nachbarrepublik anzu- schließen, mit der man ja ursprünglich ein Ganzes bildete, taucht bereits im kanadischen Parlament mit aller Lebhaftigkeit auf. Sechste ordentliche evangelische Landessynode. (Originalbericht des „Gieß. Anz.") V. R. B. Darmstadt, 24. Okt. Nachdem die heutige Sitzung um 91/4 Uhr eröffnet und das Gebet gesprochen, auch ein-neuer Antrag Wahl-Langen