133 Jahrgang Mittwoch 26. August 1903 Kie yeutige Kummer umfaßt 8 Seiten. Em Neberfall in China. D.-B. HL. meldet aus Hongkong: Das Mitglied der Berliner Mission Ho hm eher ist am vergangenen Dienstag von Piraten angegriffen worden. Der Angriff fand bei Nanhung statt. Vier Kulis fielen über ihn her, plünderten ihn vollständig aus und fügten ihm schwere Verletzungen zu. Der Angriff geschah an demselben Orte, wo unlängst ein amerikanischer Ingenieur angegriffen wurde. Hohmeyer konnte sich nur Nr. 199 Erscheint täglich außer Sonntags. Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem Hessischen Landwirt die Gießener KamilieN' blätter viermal in der Woche betgelegt. Rotationsdruck u, Verlag der Brühl'schen Untveft.-Buch- u.Stein- druckerei (Pietsch Erben) Redaktion. Expedition und Druckerei: Schulstratze r. Adresse für Depeschenr Anzeiger Gießen. Fernsprechanschluß Nr. 51. Häuser auf den Boulevards sind deutsch; deutsche Hotels gelten als gut. Auf dem Boulevard des Italiens'und auf dem Boulevard Montmartre hört man mehr deutsch als englisch. Die deutsche Abteilung be^ Weltausstellung und die Wagnersche Musik haben den Franzosen, die mit einem starken Instinkt für geistige Größe ausgerüstet sind, einen tiefen Respekt eingeslößt. In Cherbourg fahren die Leute des nachts ans die Reede hinaus, um die „schwimmende deutsche Stadt", einen Dampfer unserer Amerikalinien, zu bewundern. In den Industriezentren der Provinz ist der deutsche Arbeiter, in den Kommissionshäusern der Handelsstädte der deutsche Kommis beliebt. Die französischen China- Lampser sind des Lobes voll über die Kameradschaft unserer Leute, die ihnen weit besser gefielen, als die englischen Rotmützen. Unsere Werkmeister und Arbeiter, die hinübergeschickt werden, unsere jungen Kaufleute, die hinausgehen, unsere Blaujacken auf der Kreuzfahrt — das sind unsere besten Friedensboten! Vor 30 Jahren hat unser Paßzwang manchen Arbeiter des Erwerbs in Elsaß-Lothringen beraubt und zum Deutsch feinde gemacht. Heute wirbt die Anerkennung tüchtiger französischer Sozialisten uns ebenfoviele Versöhnungsvermittler. Frankreich ist für unseren Jndustrie- absatz noch kaum entdeckt. Es sind erst 60000 deutsche Männer drüben, meistens Süddeutsche. Deshalb entstand die Versöhnungsliga auch in München. Wenn mehr junge Leute hinübergehen, dort bleiben, wenn unsere Ausfuhr wächst, und wenn wir die Leistungen der französischen Arbeiterschaft herzlicher anerkennen lernen, so werden sich diese natürlichen Methoden der Annäherung als die fruchtbarsten erweisen, zumal sie nichts mit der Frage: soll Elsaß-Lothringen „neutralisiert", soll es „ausgetauscht" werden?" zu tun haben. Ueber so müßige Fragen streiten in Frankreich Politiker und Militärs. Das Volk wünschst Ruhe und fruchtbare Arbeit. mit der Verantwortlichkeit vor dem Reichstage nicht weit her. Das ist ein schiefes Verhältnis, und läuft den Gesinnungen zuwider,'aus denen heraus die Verträge von Versailles im Jahre 1870 zwischen dem norddeutschen Bunde und den süddeutschen Staaten geschlossen wurden. Als den besten Interpreten dieser Verträge wird man wohl den Reichsbegründer Fürst Bismarck gelten lassen müssen. Bekanntlich hat er regelmäßig dem Oberhaupte des größten außerpreußischen Bundesstaates, dem König von Bayern, Bericht über den allgemeinen Gang der auswärtigen Politik erstattet, er wußte sich in steter Fühlung mit den süddeutschen Bundesstaaten und genoß dort das vollste Vertrauen. Das ist jetzt anders geworden, zum mindesten ist nichts darüber bekannt geworden, daß der Reichskanzler Graf Bülow sich den Oberhäuptern der deutschen Bundesstaaten gegenüber über seine Politik ausgesprochen oder sich mit ihnen über zu ergreifende Schritte vorher ins Einvernehmen gesetzt hat. Dies ist vielleicht die Ursache der verschiedenen „Spannungen" zwischen Berlin und den süddeutschen Höfen gewesen. Diese Spannungen werden wohl wiederkehren, so lange von Berlin aus über den Kops der süddeutschen Bundesfürsten hinweg die wichtigsten und folgenschwersten Entscheidungen getroffen werden. Als Fürst Bismarck Reichskanzler war, ist das Bedürfnis nach einem Meinungsaustausch über die allgemeine Reichspolitik in auswärtigen Angelegenheiten nicht laut geworden .In unserem Epigonenzeitalter sollte versucht werden, den fehlenden einen klaren Kopf und einen starken Willen dadurch zu ersetzen, daß man die leitenden Miuisterder anderen Bundesstaaten mehr als bisher zur Begutachtung politischer Maßnahmen heran zieht. Damit würde man nur im Geiste des Reichsbegründers handeln, bei den nichtpreußischen Bundesstaaten das Verantwortlichkeitsgefühl für den Gang der allgemeinen Reichspolitik stärken und dem Par- tikularismus etwas den Wind aus den Segeln nehmen. Voiitische Tagesschau. Die Polen in Berlin. Man schreibt uns aus Berlin, 25. August: Die Polen beabsichtigen offenbar, chr politisches Hauptquartier nach Berlin zu verlegen. Die Reichs- Hauptstadt ist in Aussicht genommen als Sitz der polnischen Zentral-Wahlkomitees, ferner soll in Berlin ein zweites polnisches Tageblatt herausgegeben werden. Das ist einmal ein Beweis für die ständige Vermehrung des polnischen Elements auch in der Reichshauptstadt, denn als Abonnenten und Inserenten kommen in der Hauptsache Polen in Betracht. Tann aber auch ein Beweis für die im polnischen Lager vorhandene Kapitalkraft. Die in Berlin lebenden Polen gehören vorwiegend der unteren Klasse an, von diesen allein können zwei Tageszeitungen nicht „leben". Es muß also aus dem polnischen „Kampffond" ein beträchtlicher Zuschuß nach Berlin gezahlt werden, und das ist umsomehr bemerkenswert, als das Polentum in der Reichs- Hauptstadt auf die Erlangung politischen Einflusses, die Gewinnung von Mandaten usw. nicht rechnen kann. Das könnte nur eintreten, wenn die Sozialdemokratie den Polen Terrain überließe, und daran ist nicht zu denken. Die süddeutschen Mundesstaaten und die allgemeine MeichspoMik. Ter Staatssekretär des Aeußern, Frhr. v. Richt- Hofen, hat vor kurzem bei dem Groß Herzog von» Baden politischen Vortrag gehalten urid sich! dami auch mit deut badischen Ministerpräsidenten ins Einvernehmen gesetzt. Wie der Karlsruher Hofbericht meldete, handelte es sich, bei dem Vortrage Richthofens um die gesamte nationale Politik. Vielleicht hat es sich bei dem Vortrag auch um die Spannung zwischen den Höfen von Berlin und Karlsruhe gehandelt, als deren Opfer in diesem Sommer der badische Gesandte in Berlin, Herr v. Jagemann, in den Orkus hinabstieg. Da auch der Kaiser und der Großherzog im Frühjahr eine fteundschaft- liche Zusammenkunft hatten, darf man annehmen, daß jetzt alles in Ordnung ist. Es ist noch nicht lange her, als auch von München Nachrichten kamen, daß zwischen der bayerischen Hauptstadt und Berlin eine Spannung bestehe, die sich aus der mangelhaften Berücksichtigung bayerischer Wünsche und Vorstellungen über den allgemeinen Gang der Reichspolitik ergeben hätte. Die norddeutsch^ Allgemeine und die Münchener Allgemeine dementierten zwar alsbald. Tatsache ist aber, so meint die nationallib. und alldeutsche ,Mhein.-Westf. Ztg", jedenfalls, daß Klagen über „Unstimmigkeiten" zwischen den süddeutschen Bundesstaaten und der führenden Macht Preußen sich in den letzten Jahren immer häufiger vernehmbar machen. Ms beruhigerrdes Pflaster hat man jetzt einen Reich sschatzsekretär aus Süddeutschland genommen, indessen ist zu befürchten, daß damit das Uebel von Grund aus nicht kuriert wird. Die Reichsverfassung sieht in Artikel 8 einen Ausschuß für auswärtige Angelegenheiten vor, der sich zusammensetzen soll aus Bundesrats Mitgliedern der drei Königreiche Bayern, Württemberg und Sachsen und zwei vom Bundesrate alljährlich zu wählenden Bevollmächtigten anderer Bundesstaaten, worin Bayern den Vorsitz führen soll. Es ist nicht bekannt geworden, ob und wann einmal dieser Ausschuß Fleisch und Bein bekommen hat, aber es wäre dringend zu wünschen, denn der Ausschuß würde sich vielleicht als Regulator für unsere auswärtige Politik vortrefflich bewähren. In innerpolitischeu Angelegen- he .ten stellt das Plenum des Bundesrats diesen Regulator dar, in Fragen der auswärtigen Politik aber fehlt es an einer vorbeugenden Kontrolle. Hier entscheidet allein d-i-r Reichskanzler oder der Kaiser im Einvernehmen mit t Hamburg an Stelle Borgmanns gehen, der für ihn hierher kömmt. Wimpfener Fe st spie le. Glücklich ist der erste Spieltag des Wimpfener Festspieles vorübergegangen. Die Festhalle, die außen und innen chre Bestimmung durch! schönen Schmuck der Fahnen und Laubgewinde zeigte, nahm ein äußerst zahlreiches, zum Teil weit hergekommenes Publikum auf. Und es war ein be^fallfteudiges Publikum, dank dem Inhalt des Fesffpiels, der im ganzen trefflichen, im einzelnen vorzüglichen Darstellung, die dem unermüdlichen Fleiß des Leiters, Herrn Hoffchauspieler Viebeg aus T^armstadt und den schauspielerischen Talenten der Wiinpfe- ner alle Ehre machte. Schon der Prolog, der die geschichtliche und festliche Stimmung des Tages ausgezeichnet zu treffen wußte und sehr gut gesprochen wurde, erntete Beifall. Dieser steigerte sich von Stück zu Stück mit ihren geradezu pracksivollen Dekorationen, insbesondere int dritten Stück, wo der Hurter gründ einen herrlichen Blick auf das alle Wimpfen eröffnet. Dazu kam die bunte Pracht der mit Mühe in seine Wohnung schleppen. Der deutsche Konsul betrieb die eingeleckete Untersuchung energisch. lieber London wird noch berichtet, daß vier Kugeln den Missionar ins Gesicht trafen. Auch das Dienstmädchen seiner Gattin und ein Bootsmann wurden verwundet. Die „diordd. Allg, Ztg." bringt bte Meldung ohne Kommentar zum Abdruck. Daraus laßt sich wohl entnehmen, daß der Fall keine diplomatischen Weiterungen nach sich ziehen wird. Zum mindesten dürsten genauere Nachrichten, auch über die Sühnemaßregeln der chinesischen Regierung, abgewartet werden. Doch nicht nur aus dem südlichen, sondern auch aus dem nördlich en China kommen Meldungen vom deutsch- feindlichen Treiben der Zopsträger. Hier sind die deutschen Telegraphen lini en aus eine Strecke von oü englischen Meilen zerstört worden. Die im Norden stationierte Besatzungsbrigade kann solche Untaten sreilich nicht hindern, da sie auf wenige große Städte verteilt ist; aber die Frage drängt sich auf: würden Nicht schlimmere Untaten sich ereignen, wenn die Anwesenheit der deutschen Soldaten die chinesischen Banden nicht einigermaßen in Schach hielte? Die Zurückziehung oder Verringerung der Brigade dürste unter solchen Verhältnissen kaum geraten erscheinen. Kirche und Schule. — Vom evangelischen Predigerseminar zu Friedberg. Der „Franks. Ztg." wurde unlängst aus Friedberg geschrieben: Die Zilstände an dem hiesigen evangelischen Predigerseminar haben sich nachgerade zu einer völligen Anarchie entwickelt. Der Direktor ist seit tangerer Zeit schwer teideiid unO sucht Heitung in einer Anstalt. Die Gründe, die den Ausbruch des leidens m erster Linie veranlaßt haben, liegen an den Zuständen, die an der Anstalt herrschen. Der seil einer Reihe von Zähren dort tätige Prof. S. war s. Z. an die Anstalt berufen worden, um, wie er behauptete, das „Bekenntnis" zu vertreten. Tie Art, wie er diesen Auftrag durchführte, brachte es schließlich dahin, daß ihm die Kandidaten offen den Gehorsam aus sagten, ihm nicht nur ausdrücklich in Worten ihre Geringschätzung aussprachen, sondern auch seine Vorlesungen beuutzteii, um nicht zuzuhören. Die Behörde hätte entweder die streikenden Kandidaten entfernen, oder den Professor veranlassen müssen, seinen Abschied zu nehmen. Sie tat weder das eine noch das andere. Die un- haltbarLi Zustände dauern nun schon über ein halbes Lahr, ohne daß zu einer gründlichen Besserung Anstalten getroffen wären. Vielleicht erkennt, wenn es zu spät ist, auch die Behörde, deren bei der Berufung von S. befolgte Politik von Anfaiig an von der Mehrzahl der hessischen Geistlichen mißbilligt worden war, daß m geistlichen Dingen mit der Politik der schwebenden Wage doch nicht auszukommen ist. Diesen Artikel ließen wir bisher unbeachtet, weil es ihm gar zu sehr an positiven Unterlagen fehlte. Jetzt druckt ihn aber die „N. Friedb. Z." ab und fügt hinzu: „Die Verantwortlichkeit für den Inhalt obiger Notiz muffen wir selbstredend der „F. Z." überlassen, als den Tatsachen entsprechend müssen wir indessen die schon längere Zeil umhergehenden Gerüchte ansehen, daß an dem hiesigen Pre- digerseminar Zustände herrschen, die der Anstalt selbst nichts weniger als dienlich find und eine Aenderung unbedingt erheischen. Hoffentlich bleibt ein Eingreifen Großherzogl. Regierung nicht aus. Wie wir annehmen müssen im Zusam- rnenhang mck dem Gesagten, erscheint nachstehende uns zuge- koinmene 9lotiz: Predigerseminar Friedberg. Infolge der bedauerlichen Erkrankung des Herrn Direktor Prof. Dr. Weiffenbach hat Großh. Oberkonsistorium die Verkürzung des Sommer- ferne st ers um 14 Tage und die Entlassung der Kandidaten ohne Schlußfeier angeordnet. Auch das vergangene Semester hatte ohne Schlußfeier stattgefundeu, wir glauben in beiden Fällen infolge der geschilderten Umstände, wie auch eine damals von uns ver- 'iffenllichte Zuschrift aus Pfarrerkreisen vermutete". Aer Zöarenyausörand in Budapest. Wie wir gestern mitteilten, ist Budapest der Schauplatz eines schweren Brandunglücks gewesen. Ein großes Warenhaus ging in Flammen auf uud viele Menschen fanden einen, furchtbaren Tod. Wie aus dem Flammenmeer herausgeschbeudert, fielen aus den oberen Stockwerken des brennenden Hauses mensch^- liche Körper in die Tiefe. So oft ein Körper herabstürzte, ertönte tausendstimmig ein jammernder Aufschrei Umstehender. Mck. gerungenen Händen oder audgebreiteten Armen um^ Hilfe fieheno erschienen Gestalten, von empor- zuckenden Flammen grauenhaft erhellt an den Fenstern. Wieder unten ein markerschütternder Schrei. „Herabspringen" tönt es aus allen Kehlen. Frauen, die bei dem furchtbaren Anblick ohnmächtig werden, rufen um Hilfe, dazwischen schallen die Kommandoworte der Offiziere, die schrillen Signale der Feuerwehr. Nun kam das Schrecklichste. Wie von einem Höllenseuer beleuchtet, fallen von der Höhe des lichterloh brennenden Gebäudes menschliche Körper schon bald oder ganz verbrannt herunter. Der Sturz wird von neuem Wehgeschrei begleitet. Dann bahnen stch Feuerwehrleute mit leblosen Wesen, die sie in grauen Tüchern auf den Schultern tragen, einen Weg durch die Menge. Es ist ein langer Trauerzug. Plötzlich gellt eine Frauenstimme durch die Lüfte, übertönt den Lärm, das Prasseln der Flammen und die Signale. Ein Mädchen m entsetzlicher Angst um das Schicksal ihrer Schwester' ist wahnsinnig geruoroen. Ein junger Mann, der seine Mutter suchte, schlich an der brennenden Hauptfront des Hauses hin, setzte sich nieder, um nicht gesehen und fort- gennejen zu werden. Er kann nicht mehr denken, jein armer verwirrter Kopf kann nicht fassen, daß es aus dieser Flammenhöhle kein Entrinnen gicbt. Ein Feuer ballen jaust vor thm nieder und erschlägt ihn. Die Leiche wckd von zwei Feuerwehrmännern aufgehoben und davongetragen. Kaiser Franz Josef besuchte am Dienstag mittag die im Spital liegenden, bei dem Brande Verwundeten und richtete an alle tröstende Worte; dem Oberbürgermeister drückte der Kaiser ]ein tiefes Beileid angesichts des großen Unglücks aus, das die Hauptstadt in Trauer versetzte. Hierauf begab sich der Kaiser zu Fuß inmitten einer gewaltigen Menge nach b-cin t>r and orte und erkundigte sich, nack) den Lösch- -und Rettungsarbeiten. Er dankte allen, die daran beteiligt waren und richtete an den Oberbürgermeister folgende Worte: Ich wünsche, daß die Bau st akuten einer Revision unterzogen werden, damit in Zukunft solche Vorkommnisse verhindert werden; ich wünsche, daß die Entstehungsursache des Feuers gründlich untersucht werde mil festzustellen, wen bic Veranwortung für dieUnterlassung Die Angestellten des Warenhauses versammelten sich, gestern nachmittag. Es wurde festgestellt, daß keiner verbrannt ist, mehrere sind allerdings verletzt. Für die Brotlosen wurden Sammlungen veranstaltet Die seuerpolizeckiche Untersuchung der Brandstätte wurde unterbrochen. Die Besteigung des dritten und vierten Stockwerks ist lebensgefährlich. Auf Anordnung der Polizei wird ein Gerüst aufgeführt, das morgen früh fertig sein dürste. Bis dahin ist die Bergung etwaiger Leichen in den oberen Stockwerken unmögliche Es herrscht große Aufregung über die Art ber Warenhäuser. In dem Goldberger;chen Warenhause befand sich kein Notausgang und die Treppen waren aus Holz, sodaß sich das Feuer rafcnb schnell über alle Stockwerke verbreiten konnte. Auch die Feuerlchchetn- richtungen waren nicht in Ordnung. Als ein Angestellter die Löschvorrichtungen in Tätigkeit setzen wollte, kam kein Wasser. , . . . Wie Augenzeugen berichten, waren beim Ausbruch des Brandes etwa 300 Menschen in dem Warenhause. Binnen fünf Minuten hatte das in einem Auslagefenster durch einen elektrischen Funken entstandene Feuer sich ausge- breitet. Nach den bisherigen Angaben werden noch etwa 15 Menschen vermißt, genaues ist aber noch nicht bekannt. Ein Beaniter des Hauses, Alexander Glück, arbeitete im ersten Stock. Er flüchtete, da alle Auswege versperrt waren, ins Kloset, zerbrach dort in der Verzweiflung das Wasserleitungsrohr, um sich gegen die Hitze zu schützen, und wurde dadurch gerettet. In einer Stunde ist der junge Mann grau geworden. Eine Dame, welche Einkäufe besorgte, wurde von der zum Ausgange stürzenden Menge niedergetreten und verlor das Bewußtsein, wurde aber schließlich schwer verletzt gerettet. Da das Treppenhaus voll Rauch war, flüchtete der größte Teck der Bewohner in die Wohnung des Geschäftsinhabers Goldberger im vierten Stock. Nach der Aussage eines geretteten Dienstmädchens waren dort etwa 15 Personen. Die Möbel begannen schon zu brennen, alles kniete zum Gebet, als endlich die Feuerwehr mit Sprungtüchern kam. 5 oder 6 Personen wagten nicht den Sprung und verbrannten. Leider verunglückten am meisten die Hinabspringenden, weil die Sprungtücher zu klein waren. 9hir 9 Personen retteten sich durch den Sprung, 12 wurden dabei getötet. Wahre Heldentaten verrichtete der Polizei- Inspektor Bockelberg, der durch Flammen und Rauch hindurch eindrang und sechs Leute rettete. Aehnliches taten ein hauptstädtischer Lehrer und noch andere Herren. Ein Bewohner des Nachbarhauses wollte die in der Nähe seiner Wohnung befindliche Gittertür des Warenhauses, vor der zahlreiche Käufer und Angestellte verzweifelt um Hilfe riefen, sprengen. Ehe er aber eine Axt aus seiner Wohnung holen ■tonnte, stand schon das ganze" Treppenhaus im Rauch, so daß er >a,rn Eingang seiner Wohnung ohnmächtig niederfiel. Dies machte seine Familie aufmerksam, die ihn rasche hineinzog. Durch ein Seitensenster rettete sich bann die ganze Familie in den Hof des Nächst) cuchauses. Ob die im Geschäft um Hilfe Rufenden gerettet wurden, konnte bisher nicht festgestellt werden. Die Ruinen des Warenhauses, dessen Eisentonstruttion vollständig zerstört ist, drohen ein- zupürzen. Der Verkehr auf der überaus belebten Kerepeser Straße mußte deswegen eingestellt werden. Bet dem Brande find au et) acht Mitglieder der Feuerwehr mehr oder minder schwer verletzt- Aus Stiüst uuit Ailw. Gießen, den 26. August 1903. Personalnachrichten. Laut „Darmst. Ztg." ist dem Fmanzminister Dr. Gnauth vom Kaiser der Kronenorden erster Klasse verliehen worden. — Se. Kgl. H. der Großherzog haben Allergnädigst geruht, am 8. August dem israelitischen Lehrer Leopold Wertheimer zu Heldenbergen das Silberne Kreuz des Verdienstordens Philipps des Großmütigen zu verleihen. — Das Ehrenzeichen für Mitglieder freiwilliger Feuerwehren wurde verliehen durch Allerhöchste Entschließung Sr. Kgl. Hoh. des Grohherzogs vom 1. Juli d. Js. den Mitgliedern der fici- willigen Feuerwehr zu Weisenau: Josef Heller, Kommandant, und Josef Rauch dort. ** Landesuniversität. Der hierher berufene ordentliche Professor für Landwirtschaft und Direktor des landwirtschaftlichen Institutes, Prof. Dr. Gisevius ist in Königsberg organisatorisch ganz hervorragend tätig gewesen. Auch in Gießen fällt ihm die Ausgabe zu, sich bei der geplanten Erweiterung des landwirtsck-chllichen Institutes zu betätigen. Im Jahre 1858 als Sohn des Landrats Gisevius in Allenstein geboren, besuchte er ba§ Kneiphösische Gymnasium in Königsberg, um dann dort und in Bonn-Poppelsdorf zu studieren. Nachdem er zunächst in Poppelsdorf das kulturtechnische Examen bestanden und in Bonn mit der Dissertation: „Beiträge zur Methode der Bestimmung des spezifischen Gewichtes von Mineralien und der mechanischen Trennung von Mineralgemengen" den philosophischen Doktorgrad erworben hatte, legte er 1884 in Königsberg das große landwirtschaftliche Staatsexamen ab, um dann 1895 ebendaselbst auch das exarnen pro sacul- tate doeendi (Oberlehrerprüfung) zu bestehen. Mick)aelis 1886 wurde er Wanderlehrer des „O st p r e u ß isch en landwirtschaftlichen Zentralvereins" und hat als solcher im Winter 1887/88 in dessen Auftrag die landwirtschaftliche Winterschule in Braunsberg neu eingerichtet. Ostern 1888 an die berechtigte Landwirtschaftsschule zu Dahme (Mark Brandenburg) als ordentlicher Lehrer, später als Oberlehrer berufen, wurde er 1896 dort zum Direktor ernannt. Arn 15. Mai 1898 erhielt er einen Ruf an die Universität Königsberg als außerordentlicher Professor und hat hier hauptsächlich die Ausgestaltung des landwirtschaftlich-physiologischen Laboratoriums und des landwirt- s ch a f t l i ch - b o t a n i s ch e n G a r t e n s zu einem modernen Institut für Pflanzenproduktion, Knlturtechnik und Ma- schckienlehre ins Auge gefaßt, sowie mit Hilfe der Landwirtschaftskammer die Einrichtung von Feldversuchen, welche später zur Erwerbung des V er such s- feldesWaldgartensürdie Landwirtschastskammer und die Universität führten. Hier werden neben permanentem Düngungsversuch und Versuchen über Fruchtfolge die Prüfung fremder Getreidesorten und die Züchtung ostpreußischer Sorten angestellt. An diese Zentrale Waldgarten für Sortenprüfung schlossen sich Filialen in Ost- und West- pr eu ß en an. So hat die w e stpr e u ß i sche Lan d w irt- schaftskammer 5000 Mk. für das Jahr 1903 zu solchen Zwecken zur Verfügung gestellt. Unter Professor Gisevius Leitung werden diese Filialversuche von praktischen Landwirten der Provinz W e st p r e u ß e n ausgesührt und die Ergebnisse in Jahresberichten zur Verfügung gestellt. In Ostpreußen hat der In st er bürg er Zentralverein für Litauen und Masuren in ähnlicher Weise die Resultate der Wakdgarter Versuche der Praxis näher zu bringen gesucht. Neuerdings sind auch aus Anregung von Professor Gisevius in Ost- und Westpreußen im Anschluß an diese Einrichtung mit Unterstützung der beiber- fettigen Landwirtschaftskammcrn ein ostpreußischer und em weftpreußischer Saatenbauverein ins Leben gerufen worden, die die Vermehrung guter fremder und einheimischer Sorten in die Hand genommen haben. Gi s e v i n s verfolgte mit der Begründung dieser Saatenbauvereine den Zweck, die D>auer seiner Züchtungsversuche zu gewährleisten, indem er sie von seiner Person unabhängig machte. Heber seinen Nachsvlger ist bisher noch nichts bestimmt. *' „Die Entstehung und Entwickelung der Gießener Tabakindustrie" betitelt sich, wie wir heute berichtigend mitteilen wollen, die Jnaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der philosophischen Fakultät der Ludwigs-Universität, die einen Bruder des früheren Gießener Handelskamniersekretärs, den Handelskammersekretär zu Ulm, Otto Kehrn, zum Verfasser hat. § Butzbach, 25. Aug. Heute wurde das Feld- artil lerie-Regiment Nr. 61 in hiesiger Stadt und den Nachbarorten einquartiert. Unser Bataillon (die 168er) hat sich von Mainz aus heute zu den großen Schieß- und Exerzierübungen nach Griesheim begeben. — Zum Namenstag unseres Landesherrn hatten einige Gebäude dahier heute Fahnenschmuck angelegt. — In Ostheim ist nun mit dem Bau des neuen Schulh auf es am nordöstlichen Ortsausgange begonnen worden. W o r m s, 25. Aug. Die hiesige Spenglerinnung richtete an die hessische Handwerkskammer eine Eingabe mit dem Verlangen, Schritte zu tun, damit von allen staatlichen und städtischen Submissionen in Hessen alle Nichthessen ausgeschlossen werden sollen. GerichtssM. ** Gießen, 25. August. S t r a i t a m m e r. Gegen das Urteil des Großh. Schößengerichls Gießen, das den Mitangeklagten Ehristopy W a g e »i b a ch, Schmiedlehrling in Allen-Buseck, wegen gemeinschaftlich begangener Körperverletzung zu 60 Mk. Geldstrafe verurteilte, legte derselbe Berufung em. Tas Gericht sprach ihn aus Grund der heutigen Beweisauinahme von Strafe und Kosten ; r e i. — In der Person des Johannes Reuter von Dauernheim stand ein schon vielfach vorbestraftes JndividniMi vor den Schranken des Gerichts. Der Aiigeklagte har sich am 20. Mm l. Js. bei dem Landwirt Lröll in Rairirod verdirigt und erklärt, den folgenden Tag jcmeit Dienst antreten zu ruolien. Daß er zur Zeit noch im Dienst bei Metzgerineister Schlörb in Ulrichsteiii ftaub, verschwieg er. Nach Empfang vorr 1 Mark Draufgeld entfernte er sich, ohne wiederzukehren. Das Gericht verurteilte ihn wegen Betrugs m wiederholtem Rückfalle unter Annahme mildernder Umstände zu 5 Monaten Gefängnis. — Die Verhandlung gegen den Maurergesellen Kaspar W ä eh t e r X. zu Gambach fand bet verschlossenen Türen statt. Es wird ihm zur Last gelegt, sich gegen § 176 pos. 3 Str.-G.-B. vergangen zu haben. Das Urteil lautet auf Fr e i- s p r e ch u n g mangels ausreicheiiden Beweises. — Ter Tienst- knecht Karl Mauer von Schweinsheupten war bei Gutspächter Esan in Großen Bnseck bedienstet. Am 2. Juli l. Js. entfernte er sich unter Mitnahme eines kleinen Geldbetrags, sowie von Pantoffel, Kragen u. s. w., die den zwei Aiitbedielisteten, mit denen er das Gesindezimmer teilte, gehörten. Er hat diese Sachen aus einem Gebäude mittels Einstelgens gestohlen und sich daher des schweren Diebstahls schuldig gemacht. Das Gericht verurteilte den geftänbigen Angeklagten zu 8 Monaten Gefängnis. UmverMts Nachrichten. — Die neu errichtete ordentliche Professur für romanische Philologie an der Universität Tübingen wurde dem außerordentlichen Professor Dr. V o r e tz s ch in Tübingen, die neu er- richtetete außerordentliche Professur der englischen Philologie dem Lektor Professor Dr. Fran z, und die neu errichtete außerordentliche Professur für Geschichte dem Profeffor Dr. Kornemann (früher in Gießen) übertragen. "Kunst und Wissenschaft. — Dr. Theodor Koch vom königl. Museum für Völker» künde zu Berlin, der im April ds. Js. eine Forschungsreise nach den Nebenflüssen des Amazonen st romes antrat, ist, wie man uns mitteilt, am 10. Juli glücklich in Trinidade am oberen Rio Negro angekommen. Er gedenkt sich von hier zum Rio JsLma und Rio Uaupss zu wenden, wo eine2lnzahl noch unerforschter Jndianerstämme dem Ethnologen ein reiches Arbeitsfeld bieten. Tie Rio Negro-Reise ist etwa auf ein Jahr berechnet. Wettere Forschungen sollen bann einigen südlichen Nebenflüssen des AmazonetistromeS gewidmet fein. Kopenhagen, 24. Aug. Der Historiker, Reichsarchivar Bricka, ist geftern gestorben. — Der in Gießen wohlbekannte Schauspiele». R a m s e y e r erzählt in einem Berner Blatt von den Fahrten, die er mit einer eigenen Truppe unternommen. Eines Tages kam er mit dieser in einen Flecken im bernischen Emmental und begab sich zum Herrn Gemeindepräsidenten, um von diesem die Erlaubnis zur Veranstaltung einiger Vorstellungen zu erbitten. Ta maß das würdige Gemeindeoberhaupt den Schauspieler vom Kopf bis zu den Füßen und hielt, nachdem er die Zeugnisse Ramseyers aus verschiedenen schweizerischeii Städten durchgesehen, folgende kurze Ansprache: „Säget, schämet Ihr ech jetzt nid, da so ‘ga z'schan- spilere, so 'n chräftige Bursch, wie Dir syt? Ganget Ihr ga schaffe V* — Der Wiederaufbau des Eampanile in Venedig ist, wie nach dem Blatt „Avanti" der Architekt Luca Beltrami, der bedeutendste Fachmann Italiens, behauptet, unmöglich. Die ersten Versuche hätten bereits die Unmöglichkeit bewiesen, auf dem morschen Unterbau den kolossalen Ban des Eampanile wieder aufzurichten. Beltrami sagte, daß durch die Fundamentierimg die umliegenden Ciebäube der größten Gefahr ausgesetzt würden. In j>em Kampf ums Dasein der Kinder bilden die besonders im Sommer aiiftretenden Alagen- und Tarmkrankheiien die schlimmsten Feinde. Ter beste Schutz gegen dieselben ist eine rationelle Ernährung, welche bei möglichster Schonung des Magen- Darmkanals dem Organismus die zu seinem Aufbau notwendigen Nährstoffe znführt und ihn dadurch gegen Krankheit widerstandsfähig macht. Eine solche Ernährung geschieht durch die Tarreich- img von Kufeke's Kindermehl nut Milch, welches die in der Muttermilch enthaltenen Stährstosfe im richtigen Verhältnisse besitzt, die von der Natur nicht für die kleinen Ntenschen bestimmte Kuhmilch durch die Herstellung einer icinflodigen Gerinnung im Magen des Kindes dem kindlichen Verdauungsapparat anpaßt und durch Gehalt an seinen Atiiierall und Eiweißstoffen die Entwickelung des Knochen- unb Muskelsysterns auf das Günstigste befördert. ________________________________________ 5528 Mäs und abgeracked nach vollbrachtem Tagewerk noch irisch und munter ist, meil sie sich durch den Gebrauch von Gioths gemahlener Kernseife mit Salmiak und Terpentin beim Kochen der Wäsche die Arbeit des Reibens fast aus dem Wege geräumt hat. Ein Versuch übcrAcuat Per Packet 15 Pfg. Fabrikant: I. Gioth, Hai,au. 6 9 3735 Wenn auch M engsten berg'» Wegne^i«; eine Kleinigkeit teurer ist, als die gewöhnlichen oder die nur sogenannten Weinessige, so haben Sie doch von den 10 Pfg. 0 en beHereii a!of)lfleicbmact und feine SJittflenbcidnucrbcn. ' " M- ZMsnÄMsL» MMLvvu Eiten & Keussen, Krefeld.