Donnerstag, 26. Februar 1903 153. Jahrg. trittfignt mit Ausnahme M Gsmckag». Di .Elehevc Zamilienblätler- werden dem Luzeiger vierma wöchentlich betgelegt. Der ^rtstlch« Laiidwtrl- erlcheml monatlich einmal. Gießener Anzeiger efinwhwrfnA für be» efl^frrwtwe» t* P. ttiuito; tib den Lni-igenieil: 8e< RntohonSbrud und Verlag be Brühl Ich«» Uuuwcfuöieöiudnct (Pietsch iibcxl General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen. Parlamentarische Verhandlungen. Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet. Deutscher Reichstag. 267. Sitzung vom 25. Februar. Um 1% Uhr erscheint Präsident Graf Dallestrem am Präsidententische, schaut in den fast leeren Saal hinein und beginnt mit lauter Stimme die anwesenden Ab geordneten zu zählen, wobei er bis zur Zahl 6 gelangt, was er mit den Worten konstatirt: Also 6 Abgeordnete! Am Bundesrathstisch: Graf PosadowSkh u. A. Die zweite Berathung des Etats des Reichsamts deS Innern wird beim Kapitel Gesundheitsamt fortgesetzt. Aüg. Dr. Zwick (freis. Vp.) benutzt die Gelegenheit, um sich Wiederum über das Dorsäurcverbot zu äußern, dessen Berechtigung er nach jeder Richtung anzweifelt. Seit mehr als 30 Jahren wird die Borsäure zur Konservirung von Fleisch benutzt. Die Frage hat daher nicht nur eine wissenschaftliche, sondern auch eine Wirth- schaftlichc Bedeutung. Das Reichsgesundheitsamt ist für die Aufrechterhaltung deS Verbots; doch sieht ihm das Gutachten einer ersten Autorität, des Prof. Liebreich, entgegen, in dem nachgewiesen ist, daß von einer Gcsundheitsschädliwteit der Borsäure nicht die Rede sein könne. Redner verliest die Aussprüche einer großen Zahl von Gelehrten, die sich alle für die Unschädlichkeit der Borsäure erklärten. Das Borsäure-Verbot kann unseren Handel nur lähmen, da eS den ganzen Fleischexport unmöglich macht. Wenn man durchaus eine Kontrole haben will, dann führe man den Deklarationszlvang für daS Fleisch und die Wurstwaare ein, aber das Borsäure-Verbot muß schon im Interesse der Volksernährung aufgehoben werden. Ich schätze das Reichsgesundheitsamt sehr hoch, aber man kann seine Untersuchungen doch nicht zur Grundlage von Gesetzen machen, wenn die Richtigkeit dieser Untersuchungen von Autoritäten bestritten wird. ES giebt doch noch keine anerkannte Rcichsgcsundheits-Wissenschast. Abg. Dr. Dcrtel (kons): Der Vorredner hat die Sache der Borsäure zwar mit Begeisterung, aber doch mit maßvoller Besonnenheit geführt. Dafür bin ich ihm dankbar. ES ist dem ReichSgesund- heitsamt nie eingefallen, sich allein als Autorität hinzustellen und so gewissermaßen eine Reiclzsgesundheitsamts-Wissenschaft zu Ion» ftruiren. Professor Liebreich, auf den sich Herr Zwick beruft, hat sich noch 1895 in seinem Lehrbuch der Therapie dahin ausgesprochen, daß DorsäurcvergifUlngen Vorkommen können. Die Naturen sind ja verschieden. Manche mögen die Borsäure vertragen. Ich habe in meinem Magen schlimme Erfahrungen mit der Borsäure gemacht. ES liegt mir fern, irgend Jemand Voreingenommenheit vorzuwerfen; daS wäre unbillig. Professor Liebreich war jedenfalls nie eingenommen für die Nahrungsinittclmaßrcgeln des ReichsgesundheitS- omtS. Die Art, wie Herr Dr. Gerlach seine Polemik gegen daS Reichsgesundheitsamt geführt hat, ist jedenfalls unschön und unsympathisch. Wir müssen uns auf die wissenschaftlichen Autoritäten verlassen; wir selber sind keine Autoriiäten, weder Herr Dr. Zwick noch ich bilden unS ein, cs zu sein. (Heiterkeit.) Und die wissenschaftlichen Kapazitäten, vor Allem Professor Hofmann, haben sich dahin ausgesprochen, daß die Borsäure unmöglich ganz unschädlich sein könne. Der Dundcsrath mußte das Verbot erlassen als Prä- vcntivmaßregel, selbst wenn noch einzelne Wissenschaftler dissen- tiren. Der ganze Rummel gegen das Borsäurevcrbot ist nur geführt von den Flcischimporteuren und zu meinem Bedauern mich von den Echlächtervcrbändcn. Es ist gesagt worden, daß z. B. Frankfurter Würstchen ohne Borsäure nicht hergestellt und konscrvirt werden können. Mir hat aber ein Fachmann, Herr Stachelhaus, gesagt, daß die Frankfurter Würstchen keineswegs der Borsäure bedürfen. Er habe selber vor 14 Jahren solche Würstchen fabrizirt, die noch heute gut und genießbar seien. (Große Heiterkeit.) Gerade im Interesse des armen Mannes müssen wir an dem Dorsäurcverbot fcst- haltcn; denn dieses verhindert, daß ihm für sein Geld minderwcrthige Waare geboten wird. Man muß die Borsäure bekämpfen vom Standpunkt der Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbs. Herr Manasse — dessen Namen ja bei Ihnen (nach links) einen guten SUang haben muß — hat gesagt, daß die Borsäure nur dazu diene, um minderwcrthigeS Fleisch als frisch und tadellos erscheinen zu lassen. Sie soll die Phantasie des guten Zustandes Hervorrufen, ist also zweifellos ein Mittel des unlauteren Wettbewerbs. Wir erleben es freilich immer wieder, daß, so oft wir gegen die Surrogate auftreten, immer auf der linken Seite des Hmises dem Surogat ein Vertheidigcr ersteht, der sich mit liebreicher Begeisterung (Heiterkeit) schützend vor dasselbe stellt. Wir wollen bei der Wurst zwischen den beiden Enden schönes, gutes Fleisch haben, und nicht ein prä- parirtes, boracirtes, mumificirtes, undefinirbares und manchmal auch ungenießbares Gemenge. (Heiterkeit.) Wer aber ein unüberwindliches Bedürfniß nach Borsäure hat, der mag in die Apotheke gehen und seiner Wurst so viel hinzuthun, als er mag! Und guten Appetit! (Heiterkeit.) Abg. Dr. Teinhard (nat.-lib.): Wissenschaftliche Korporationen haben offen ausgesprochen, daß die Frage der Schädlichkeit oder Unschädlichkeit der Borsäure zwar noch nicht ganz geklärt sei, daß aber doch schon so viel Thatsachen festständen, daß das Verbot der Borsäure gerechtfertigt sei. Ich richte deshalb an den Reichskanzler die Bitte, das Borsäureverbot aufrecht zu erhalten. Staatssekretär Graf Posadowöky: Irgend eine autoritative Stelle muß für die Regierungen schließlich vorhanden sein. Wir können nicht lediglich ein kontradiktorisches Verfahren zwischen den einzelnen Gelehrten eröffnen, sondern müssen schließlich durch das Reichsgesundheitsamt entscl;eiden lassen, und diese Entscheidung muß so lange maßgebend sein, bis der Beweis geliefert ist, daß sie auf falscher wissenschaftlicher Grundlage aufgebaut war. Eine ganze Reihe von Autoritäten hat sich für das Reichsgesundheitsamt ausgesprochen, so Hofmann, Hernack, Boehm u. Ä. Wir können doch nicht so hilflos wie Pilatus stehen bleiben und fragen: Was ist Wahrheit? Wir müssen eine Entscheidung treffen. Auch in einigen Staaten von Auterika gilt das Borsäure-Verbot, nicht nur für Fleisch, sondern auch für andere Daaren. Tod Repräsentantenhaus hat vor Kurzem ein Gesetz angenommen, das jede Einfuhr von Nahrungsmitteln, die mit gefälschten oder nachteiligen Zusätzen versehen sind, verbietet. Die Waaren, die mit Borsäure versetzt sind, sollen nach Zeitungsnachrichten auch unter dieses Gesetz fallen. Ob der Antrag angenommen ist, kann ich noch nicht sagen, Doch zeigt schon die Stellung des Antrages, daß im Repräsentantenhaus auch die Ansichten über das Bor mindestens auseinander gehen. Die amerikanischen Regierungen haben jedenfalls niemals gegen unser Borsäure-Verbot remonstrirt. Daß eine scharfe Kon- trole bei uns besteht, bezeigt fdjon die Thatsache, daß in Hantburg Beschlagnahmen von Fleisch mti Bor vorgekommen sind. Solche Verbote pflegen ja immer in Jnteresscnkreisen zuerst Widerspruch zu finden, bis ein unschädliches anderes Mittel gefunden ist. So war es auch zuerst bei dem Verbot von zinkhaltigen Aepfelswcibtzn. Wir werden jedenfalls das Dorsäurcverbot nicht eher aufheben, bis uns nicht nachgewiesen ist, daß die Unterlagen deS Rcichsgcsund- heitsamts falsch sind. Dies ist aber bis jetzt noch nicht geschehen. Abg. Dr. LangerhanS (freis. Volksp.) bestreitet, daß der Zusatz von Dorsäure irgendwie schädlich sei. Cs gebe doch viel gemeinschädlichere Genußmittel, wie Alkohol und Tabak, uni) doch wolle Niemand dieselben verbieten. Abg. Dr. Certri (kons.) vertheidigt nochmals daS Verbot. Beim Alkohol und Tabak vergifte sich Jeder fteiwillig: man kenne ja die Schäden, und wem eS Spaß mache, trotzdem zu viel Alkohol oder Tabak zu sich zu nehmen, Der habe sich die Folgen selber zuzuschreiben. Dagegen sich ohne Wissen und Wollen verboten zu lassen (Heiterkeit), das habe man nicht nöthig. Abg. Dr. Müller.Meiningen (freis. VolkSp.) bringt die Gchcirn- mittelftage zur Sprache, über deren schablonenhafte Bcha.iDlung die chemische Jndusttie mit Recht Klage führe. Es sei ja selbstverständlich, daß man gegen schädliche Mittel vorgehe. Tas brauche man doch aber nicht gegen unschädliche, harmlose Mittel zu thun, die sich der Sympathien weiter Kreise der Bevölkerung erfreuen. Weshalb habe man z. B. Dr. Gustav Richters Pain-Expeller auf die Liste der Gehcimmittel gesetzt, das doch ein beliebtes Mittel sei? Redner bemängelt ferner den Erlaß des preußischen Kultusministers, daß Kurpfuscher, die ihr Gewerbe ausüben wollen, sich beim Kreisarzt anmelden müssen. Tas sei so recht eine bureaukratische Ausgeburt. Man schaffe dadurch nur ein konzessionirtes Kucvfuscher- thum. Ein Kurpfuscher in Flensburg bezeichne sich jetzt als „beim Kreisarzt angemeldcter Heilkundiger". (Heiterkeit.) Tas komme von der am grünen Tisch ausgearbeiteten Schablone. Durch daS Geheimmittelverbot sei die Presse sehr schwer betroffen: eS werde schließlich dahin kommen, daß sich jeder Jnseratenredakteur einen Chemiker und einen Mediziner zur Seite halten müsse. Die Materie müsse in einheitlicher Weise reichsgesetzlich geordnet werden. Staatssekretär Graf Posadowöky: Gegen die Veröffentlichung der Gehciminittelliste haben sich Bedenken erhoben, so daß davon zunächst abgesehen ist. Doch wird jedem Interessenten mikgeiheilt, ob sein Mittel auf die Liste kommt, so daß schon Widersprüche erfolgt sind. Die Sache unterliegt noch der Berathung in einem engeren Gremium. Ist die Liste erst veröffentlicht, so werden auch die Unannehmlichkeiten für die Presse aufhören, da sich dann jeder Redakteur durch einen Blick auf Die Liste überzeugen könne, ivas er empfehlen darf oder nicht. Wir werden nicht allzu scharf vor- gcljen., Tie Leute, die bekanntlich nicht alle werden, wird man auch urch solche Listen nicht schützen können. Doch gegen den gemeingefährlichen Unfug muß eingeschrillen werden. Abg. Dr. Derlei (lonjj stimmt den Ausführungen deS Abg. Dr. Müller-Mciningen in Bezug auf die Belästigungen der Presse bei: ein vorsichtiger Annoncenredakteur müßte jetzt immer eine Hand am Portemonnaie haben; man könne den Bundesrathsverordnungcn gar nicht Folge leisten, da man oft die Ausdrücke gar nicht verstehe. Die Veröffentlichung der Liste werde da hoffentlich Wandel schassen. In Bezug auf die Zusammensetzung der Liste habe er volles Ver- ttauen zum Reichsgesundheitsamt. Abg. Dr. Müller-Meiningen (freis. Volksp.) legt sich nochmals für Richters Pain-Expeller ins Zeug. Dbg. von Waldow Reihenstein (kons.) spricht seine Genugthuung über die Thätigkeit der neu eingerichteten biologischen Abtheilung für Land- und Forstwirthschaft im Reichsgesundheitsamt aus, die für Pflanzenschutz bereits jetzt Tüchtiges geleistet habe. Gute Erfolge seien schon bei der Bekämpfung der Kartosfelfäule und einer Kieferkrankheit erzielt worden. Abg. Dr. Müller Sagan (freis. Vp.) zollt gleichfalls der Thätigkeit dieser Abtheilung vollen Beifall, kann sich aber des Gefühles nicht entheben, daß es besser wäre, wenn sie nicht so vielerlei, dafür aber etwas Großes leistete, wenn sie weniger auf Spezialien, als auf große Gesichtspunkte Werth legte. Er selber habe Den Fall erlebt, daß ein Nachbar sich durch Berühren einer Zimmerpflanze eine Ver- aiftungserscheinung zugezogen habe. Die Pflanze habe zu den Primeln gehört, und er habe nachher in der Unterhaltungsbeilage einer Zeitung gelesen, daß durch eine Primelart, die vielfach als Zierpflanze im Zimmer benutzt werde, eine Hautkrankheit hervor- gerufen werde. Derartiges müsse von der biologischen Abtheilung näher erforscht werden; eventuell müsse diese beim Reichsgesundheitsamt ein Verbot des Handels mit derartigen Pflanzen bewirken. Abg. Schmidt Frankfurt (Soz.) tritt für die Schaffung eines Reichswohnungsamtes und einer Reichswohnungs-Jnspektion ein. Staatssekretär Graf Posadowsky erwidert, daß bereits ein Ausschuß gebildet sei zur Prüfung der Wohnungsfragen. Wenn dieser Ausschuß noch nichts Praktisches geleistet habe, so liege das an Der Ueberbürdung des Reichsgesundheitsamtes, das u. A. auch die wichtige Frage Der Verunreinigung der Flüsse zu bearbeiten habe. Vergessen sei die Sache aber nicht. Hierauf wird das Kapitel »Reichsgesundheitsamt" bewilligt. Die dazu gestellten Resolutionen werden in der dritten Lesung zur Abstimmung gebracht werden. Beim Kapitel „Patentamt" wünscht Abg. Dr. Paasche (nat.-lib.) eine Vermehrung der Stellen beim Patentamt. 13 Beamte seien in Den Etat neu eingestellt, doch würde dies wohl nicht genügen, um die Geschäfte schneller als bisher zu erledigen. Vor Allem fehle eS an höheren Stellen, bei 108 Räthen gebe eS nur 5 Direktorstellcn und einen Präsidenten. Die Möglichkeit, vorwärts zu kommen, sei also ganz minimal. Direktor im Reichsschatzamt Timlc erwidert, daß mich im nächsten Jahre voraussichtlich eine Vermehrung der Stellen cintrctcn würde. Eine Vermehrung der höheren Stellen bezw. Besserstellung der Beamten könne er jedoch nicht in Aussicht stellen. Abg. Dr. Paasche bittet im Interesse Der Weiterentwickelung unsere- Patentamtes Die Rcichöschatzverwaltung, ihren Wiocrstand gegen die Besserstellung der Beamten aufzugebcn. Abg. Dr. Müller-Meiningen beklagt eS, daß das Verhältniß bei Patentamts zu den Patent-Anwälten noch kein günstiges fei. DaS Patentamt dürfte die Patcnt-Atuvälte nicht als jüiie Untergebenen ansehen. Abg. Eickhoff (freif. Vp.) wünscht eine größere Beschleunigung bei den Eintragungen in das Waarcnregcster und eine größere Spezialisirung dieses Verzeichnisses. Staatssekretär Graf PosadowSky erwidert, daß er sich deswegen mit dem Patentamt in Verbindung setzen werde. Beim Kapitel „Reichsversicherungsamt" bittet Präsident Graf Voll es! rem die Redner, sich in der Debatte nut mit solchen Fragen zu beschäftigen, die wirklich mit dem Versicherungsamt in Verbindung ständen. Man habe acht Tage bei dem Titel „Gehalt des Staatssekretärs" über die Sozialpolitik dcbattrrt und müsse doch endlich mit dem Etat fertig werden. Abg. Schmidt-Warburg (Centr.) beklagt sich Darüber, daß man eö in schlesischen Heilanstalten abgclehrst habe, katholische Kranken- schwestern anzustcllcn. Tie Versicherungsanstalten gäben außerdem von ihren Geldern viele Millionen als Darlehen, aber zu ganz verschiedenem Zinsfuß. Auffallend sei es, daß man Den katholischen Korporationen stets den höchsten Zinssi ß berechne. Hier dürfte man doch nicht nach konfessionellen Rücksichten Vorgehen. Staatssekretär Graf Posadowsky bestreitet eS auf5 Entschie» denste, daß in den Heilanstalten die Konfessionen ungleich behandelt würden. In den Heilanstalten würde sowohl katholischer alS evangelischer Gottesdienst abgehalten. Er sei aber auch entschieden dagegen, daß Jemand gezwungen würde, an einem Gottesdienst einer anderen Konfession theilznnehmen. Bezüglich der Anlegung von Kapitalien habe er schon verfügt, daß jcyt ein besonderer Nachweis über die einzelnen Darlehen veröffentlicht werde. Tie Gründe deS differentiellen Zinsfußes seien ihm unbekamst, doch dürfe man bei der Anlage von Geldern nur die Sicherheit der Anlagen berücksichtigen, konfessionelle Gesichtspunkte dürften nicht in Frage kommen. Abg. Roesscke Dessau (freif. Vgg): Ich glaube nicht, daß von den Versicherungsanstalten ein Unterschied zwischen evangelischer Invalidität und katholischer Invalidität gemacht wird. (Lachen im Gentium.) Dagegen stimme ich dem Kollegen Schmidt-Warburg darin bei, daß Der Krankeusaal kein passender Ort für Andachts- Übungen ist, aber für Andachtsübungen überhaupt, nicht nur für evangelische. Es können ja auch Bekenner anderer Konfessionen oder auch Konfessionslose im Krankenhause fein. Will man durchaus Andachtsübungen, so veranstalte man sie in einem von dem Krankensaale abgetrennten Raum. (Zustimmung links.) Ich möchte die Gelegenheit benutzen, um gegen eine Behauptung der „Kreuzzeitung' Verwahrung einzulegen, daß man die ' ganze sozialpolitische Gesetzgebung den konservativen Parteien zu daiiken habe. Turch solckze Behauptungen, wenn sie unwidersprochen bleiben, bilden sich leicht Legenden, da nur wenige in der Lage finD, fie auf ihre Richtigkeit nachzuprüfen. Allerdings haben die freisinnigen Parteien und Mich die sozialdemokratische gegen manche der Arbcsterversicherungsgesctze gestimmt, doch waren chre Motive nicht arbeiterfeindliche, sondern ergaben sich entweder aus speziellen Punkten der Gesetze oder daraus, daß diese Gesetze nicht weit genug gingen. Redner sucht dies nachzuweisen, indem er Die einzelnen G«.sehe durchgeht und die Stellungnahme der einzelnen Parteien zu derselben dargelegt, besonders hebt er hervor, daß auch zahlreiche Mitglieder der Rechten und des Centrums gegen diese Ge ehe gestimmt haben. Sodann geht Redner auf die Reden Der Abga Gamp und Hilbck beim Titel „Gehalt des Staatssekretärs" ein, und führt eine Reihe von Zahlen zum Beweise dafür an, daß die von den Untemehmerii gezahlten Beiträge zu den VersüchcrungS-Ge- setzen nur sehr niedrig seien. In jüngster Zeit ist eS vo>gekommen, daß Berufsgenossenschaften sich dem Centralverband deutscher Industrieller angeschlosscn und Beiträge für ihn g-zahlt haben. DaS ist nach dem Gesetz entschieden unzulässig. Die Beschwerde deS Abg. v. Salisch, daß viele Heilanstalten, z. B. Die in Beelitz, zu luxuriös gebaut sind, ist unbegründet. Man hat diese Anstalten nur nach dem berechtigten Grundsatz gebaut, daß für Kranke gerade daS Beste gut genug fei. Hoffentlich wird die Rechte eS sich in Zukunft überlegen, ehe sie von der Tribüne deS Reichstags solche Angriffe erhebt. Abg. Molkenbuhr (Soz.) klagt Darüber, daß bei so vielen Unfällen keine Rente bezahlt würde, weil die Unfälle auf dem Wege von und zur Arbest geschehen seien. Dbg. Schmidt-Warburg führt aus, er habe nicht verlangt, daß katholische Kranke nur von katholischen Schwestern gepflegt werden sollten. Er habe sich nur darüber beschwert, daß in einer üben wiegend katholischen Gegend Katholiken nur von evangelischen Diakonissen gepflegt würden. Hierauf vertagt!aS Hang Die weitere Berathung auf Dan» nerstag 1 Uhr. Vorher stehen Petitionen und an letzter Stelle die K r a n k e n - N o v e l l e auf Der Tagesordnung. Schluß 6’/i Uhr. Macetouien. Ter russische „Regierungsbote" veröffentlicht folgendes Kommunique über die Reformaktion für Ma- ceoo n i e n : Tas politische Leben glaubensverwandter Völkerschaften unermüdlich verfolgend, hat die Kaisers. Regierung, durch ihre Gesandten über die wahre Sachlage rechtzeitig benachrichtigt, nicht aufgehört, die ernsteste Aufmerksamkeit der Pforte auf die unaufschiebbare Notwendigkeit der Verbesserung der Lage der Christen in den Vilajets Saloniki, Kvssowo und Vronastir zu richten. Dem im Oktober 1902 nach Jalta berufenen Botschafter in Konstantinopel wurde die Ausarbeitung eines Projektes der wesentlichsten Reformen aufgegeben, mit der Anweisung, die Pforte auf das dringende Bedürfnis der schnellsten Anwendung derselben hinzuweifen zur grünbhdjen Beseitigung der Ursachen der Unzufriedenheit der Unterthanen. Eine Mitteilung gleichen Inhalts erhielt auch der türkische G.sandle Turkhan Pascha, der den Kaiser in Lwadia begrüßt. Tie türkische Regierung erklärte sich bereit, freundschaftliche Ratschläge zu befolgen. Tas im November 1902 veröffentlichte Reform-Jrade enthält aber keine genügende Garantie für die Verbesserung der Lage der Christen, dient daher auch nicht zur vollständigen Beruhigung. Trotz der erteilten Ratschläge dauert die Agitation der Revolutionskomitees zur Aufhetzung der Bevölkerung gegen die Pforte fort Angesichts der äußerst beunruhigenden Lage beauftragte der Kaiser den Minister des ueubereit anfangs Dezember Belgrad und Sofia zu besuchen und dort im Namen des Kaisers eine Mitteilung folgenden Inhalts zu machen: Nach wie vor sind Rußlands Bestrebungen darauf gerichtet, die Pforte zu den schnellsten Reformen in den drei ,eu.c,.., -.l . . _ y ; .....,s n. vä i,c dal>. un;rL„Lu.> |ü. l f. ..-,.n S.-a.^n, die mö lichj.cn Maßnahmen zur ^-ahrung der Ruhe auf dem Balkan zu treffen und den revolutionären Absichten L.-ioerstand ent» gegenzujetzen. Nur so kann sie auf Rußland rechnen. Ter König von Serbien und der Fürst von Bulgarien beeilten sich, oem Grafen Lamsoors zu versichern, daß ihre Regierungen bemüht sein werden, die fernere Agitation zu unterdrüarn. Dtachvem dies Drr.prrchen ersül.t war, sprach die Käisrrl. Regierung der bu.gaUso,cn R.g.erung für die in der letzten Zeit ergriffenen >jiaMiia^meu u,re oorle Befriedigung aus. Graf Lamsdorf reiste von Belgrad nach Wien, wo zwischen den bewen Ministern des Aeußeren gemäß dem Avkommen von lo9< besondere Beratungen pattfanden. Tieselben endeten mit der Feststellung der Hauptgrundlagen der Reformen in den drei Vilajets. An» sangs Januar wurde das v-v- amm den Botschafter» Rußlands und Oesterreich-Ungarns in Konstantinopel mit- geteilt Nach Beratung über die lokalen Verhältnisse sollten sie ein ausführlicheres Reformprojekt für die drei Vilajets ausarbeiten. Nach Genehmigung desselben durch beide Regierungen wurde dasselbe am 17. Fcb.uar den Signatar- Mächten vertraulich mitgeteilt, um die Angelegenheit im Falle der Billigung Rußrands und Oesterreich-Ungarns bei der Pforte zu unterstützen. Frankreich, Italien, Deutschland und England drückten ihre volle Bereitwilligkeit dazu aus. Tie Botschafter Rußlands und Oesterreich-Ungarns wurden sodann beauftragt, das Reformprosekt dem Sultan vorzulegen. Nach Darlegung der Reformvorschläge wird dann in dem Kommunique weiter ausgcführt: Diese Maßnahmen, welche in der Zukunft eine weitere Anwendung finden können, erscheinen genügend, eine weseniliche Verbesserung des Lebens der Christen zu sichern. Außerdem soll in einigen Gegenoen unter der Leitung der Botschafter in Kon^antmopel eine ausreichende Kontrolle durch die Konsuln über die Anwendung der Reformen eingerichtet werden. Bei der Benachrichtigung der Vertreter aus der Bal- kanhalbinscl über die erzielten Resultate habe die kaiserliche R.gftrung es für n?■ wäre der Zusammenbruch schon damals fertig gewesen. Im weiteren Verlaufe der Verhandlungen kommt die Bckdung des Treocrhausse- Eonfortiumo, zur Sprache. Ter Vorsitzende hält Exner vor, alle Geschäfte _ seien augenscheinlich unternommen, um einen möglichst geringen Besitz an Treberaktien in die Bilanz stellen zu können. Exner bestreitet das. Ta die Leipziger Bank dem Konsortium angehörte, hätten die Geschäfte auf das Konsortialkonlo gebracht werden müssen. Es kommt der Vorschuß zur Sprache, den die Leipziger Bant der Trebergesellschaft zum Zwecke der Gründung einer russischen Tochtergesellschaft gegeben Hal- Tie Leipziger Baur hat dafür von der russischen Gesellschaft einen Garantieschein über zu liefernde 3 #.50 000 Mk. Obligationen erhalten. Exner bemerkt, es fei kein neues Geschäft gewesen, sondern habe im Rahmen des Aufsichtsratsbeschlusses gelegen, nach welchem der Treberaesellschaft ein Kredit bis 10 Millionen Mark gewährt werden sollte. Sachverständiger Plaut bemerkt, das Geschäft habe ebenfalls den Zweck gehabt, die Trebergesellschaft zu enilasten. Es sei völlig unzulässig, Werte zu beleihen, die noch gar nicht existierten. Sodann werden mehrere Geschäfte, die als Reportgeschäfte bezeichnet wurden, untersucht. Tie Sachverständigen bestreiten, daß es Reportgeschäfte seien. Die Geschäfte seien augenscheinlich nur zur Täuschung der Zulassungsstelle der Berliner Börse geschlossen morden. Darauf wird die Verhandlung auf morgen vormittag 9 Uhr vertagt. Vtrnlischles. * Berlin, 25. Febr. Ans dem Lehrter Bahnhof machten heute Abend zwei aus Halle zugereiste Knaben von 14 bezw. 15 Jahren einen Selbstmordversuch. Sie schossen sich in die Brust und wurden schwer verletzt in die Charits gebracht. * Posen, 25. Febr. Der seit einigen Tagen ver- chwundene Regierungssekretär Karnetzky aus Posen wurde in der Nähe von .Krummhübel (Schlesien) erfroren aufgefunden. * Mannheim, 25. Febr. Die Verhaftung zweier angesehener Persönlichkeiten wegen Sittlichfettsvergehen erregte in weiteren Kreisen peinliches Aufsehen. T^er eine )cr Verhafteten ist der attkatyolische Stadtpfarrer Bauer, ein hoher Sechziger, der anoere der Bankbeamte Arthur Benckiser. * Paris, 25. Febr. Gestern abend kam es im Theater Grand Guignel zwischen zwei Journalisten zu einem charfen Wortwechsel, dem ein Zeugen-Austausch folgte. Das Due ll wird in den nächsten Tagen stattfinden. * Vigo, 25. Febr. Während des gestrigen Faschings- treibcns kam es anläßlich der Verhaftung eines Maskierten zu einem Zusammenstoß zwischen der Polizei und einem Volkshaufen, der für den Verhafteten Partei nahm. Da die Polizei in Bedrängnis geriet, erschien eine kleine Abteilung Infanterie. Sie gab, angeblich auf Befehl des Leutnants, Feuer auf die Menge. Ein 13jähr. Junge wurde getötet, fünf andere Personen verwundet, darunter eine tätlich, die auch alsbald verstarb. Die Volksmenge hatte ich maskiert, um so besser gegen den ihr verhaßten Polizei- Inspektor zu demonstrieren. Letzterer hatte die Polizisten bei öfteren unbedeutenden Anlässen mit dem Säbel auf die Menge einhauen lassen. Der Bürgermeister reichte feine Demission ein. Heute sind alle Läden zum Zeichen der Trauer geschlossen. * Prag, 25. Febr. Wie im sächsischen Hochlande, wurden vorgestern und gestern auch in Graßlitz und Umgebung heftige Erderschütterungen mit unterirdischem Rollen wahrgenommen. ES wurde fein Schaden angerichtet Zan-cl uni» Uerkchr. Uollnwirlschast. — BuderuSsche Eiscuwerke, Wetzlar. Wie der „Fttf. Zlg." mitgeteilt wird, wurden in der Sitzung des Auffichtsrais, in der der Abschluß für 1902 vorgelegt worden ist, die Abschreibungen auf Mk. 750 000 (:. V. Mk. 854 822) und die Zuweisung zur Erneuerungs-Reserve auf Mk. 500 000 (im Vorjahre Mk. 850 000) festgesetzt. Diese höhere Rückstellung erfolgte, weil infolge der geplante« direkten Verwertung der Hocbofengase umfangreiche Er- neuerungs- und Ersagbanten erforderlich sind, die eine erhebliche Inanspruchnahme der Erneuerungsrücklage in 1903 bedingen. Ter Reingewinn belauft sich danach auf 'Ulf. 497 251 (i. V. All. 752 865). Der am 24. März d. I. in Frankfurt a. M. stattfindenden Generalversammlung soll eine Dividende von 5 pEt. (i. V. 7 pEt.) air das Aktienkapital von Mk. 7 Milioncn vorgeschlagen werden; außerdem sind All. 24 862 ('.Dir. 37" 643) für die Reserve, Mt.42711 (All. 64 831) als Tantiümen für Aufsichtsrat und Vorstand, All. 30 000 (All. 100 000) Zuweisung zum Untersiützungsbestand, Mk. 20 000 (Alk. 14 000) für Gratifikationen an Beamte und für gemeinnützige Zwecke vorgesehen, wonach als Vortrag Mk. 21365 (Mk. 16 688) bleiben. Frankfurt a. VI., 24. Febr. Tie Providentia, Frank furter Versicherungsgesellschaft, schlagt wieder 50 All., die Rück- verücherungsaklietigeiellschaft Providentia wieder 55 All. Tun- dende vor. Kassel, 24. Febr. In dem Konkursverfahren über daS Vermögen der Trebertrocknungs-Gesellfchaft bringt der Konkursverwalter nwimehr an die nicht bevorzllgien Gläubiger eine Abschtagsdwidendc von 2 */, pEt. zur Auszahlung. Märkte. Gießen, 26. Febr. ich Marktbericht.) Ter gestrige Schweinemartt hatte einen Auftrieb von 650 bis 700 Stück Tiere, darunter etwa die Hälfte F-erkel. In der ersten Stunde oot der Markt ein Frühes Bild, es fehlte an Kundschaft, und die wenigen Reflettanten, die gekommen waren, verhielten sich den immer noch hohen Preischrder- ungeit der Verkäufer gegenüber ablehnend. Später fand sich so nach und nach die Kundschaft ein, aber ein flotter Handel kam überhaupt nicht in Gang. Tie Lanoleute scheuen bei der durch die ftühcren Hohen Preise hervor- gerufenen Neberproduktton tn fetten Schweinen, die ein Sinken der Preise verursacht hat, davor zurück, Magervieh, noch dazu bei den setzt cingetretenen hohen Kartoffelpressen, zu mästen, hierzu kommen die immer noch Höpen Preise für Jungvieh, von denen die Käufer behaupten, sie stünden nicht im Verhältnis zu den Preisen des Fettoiehes. Das Geschäft in F-erkeln wurde gegen Schluß des Marktes noch recht lebhaft, in Springern und )u}roereren Ein reg-- schweinen waren lhc Umsätze jedoch sehr unbedeuteno. Die gezahlten Preise aller Gattungen entsprachen den Preisen der letzten beiden Märkte. Von dem Vorrat blieb ein erheblicher Teil unverkauft. Arlleiterliewegung. Aus Rotterdam meldet man: ^nt ganzen Lande sind jetzt die Bahnhöfe mit Sicherheitswachcn von Truppen, Polizisten, Landwehr-Soldaten und Freiwilligen besetzt. ES wird fein Urlaub mchr erteilt. Die neue Depeschenzensur gegen die Arbetterführer kam gestern zum ersten Male in Saarbant in Anwendung, als ein sozialistischer Führer aus Amsterdam Genossen kommen lassen wollte, um gelegentlich einer Verhanolung wegen Streik-Delikten im Gerichts saale Demonstrationen zu veranstalten. Dem Absender wurde das Telegramm samt seinem Gelbe zurückgeschickt. In mehreren großen Städten wird auf Befehl der Regierung die Feuerwehr in Bereitschaft gehalten, um die öffentlichen Gebäude zu schützen. ilflU'ltf Mi'lvlUMli. Originaldrahtmeldungen des Gießener Anzeigers. Kapstadt, 25. Febr. Chamberlain ist heute nach England abgereist. Bei seiner Abreise wurden chm enthusiastische Kundgebungen veranstaltet. Berlin, 25. Febr. Gestern hat sich hier ein Bund der Kaufleute fonftituiert 170 Vereine hatten Vertreter gesandt, die 219 000 Mitglieder repräsentieren. D»e. Konstituierung erfolgte nach dem Muster des Bundes der Landwirte. Dortmund, 26. Febr. In FriedrichShorst bei Bekum stürzte ein Zementsilo ein. Zwei Personen wurden getötet. Für unsere Hausfrauen. Es ist wichtig, zu wiffen, daß die in jeder guten Kucht geschätzte Maggi-Würze, auch wenn die Flasche offen steht, von unbegrenzter Haltbarkeü ist. Der jeder Originalflasche betgegebcnc Würzesparer (gläsernes Röhrchen), der eine bequeme, tropfenweise Verwendung der Maggi-Würze ermöglicht, kann daher dauernd an Stelle des Korkes auf der Flasche belafjen werden. Feuilleton. Mainz, 25. Febr. Den Tradittonen des Mainzer Karnevals gemäß ward auch auf der Bühne dem närrischen Humor gehuldigt. An zwei auseinander folgenden Abenden wurde die von einem alten Narrhallesen gedichtete Lokal- Posse „Das Heiratsfieber'" von Ernst aufgeführt, bei der der Sohn des Verfassers anwesend war und dem Namen des einst so beliebten Bürgers der schuldige Ehrentribut gezollt ward. Es wirkten beim Spiel auch altbewährte -arnevalsredner mit und die Pausen des fast nur von Narrhallesen besuchten Stückes wurden durch Absingen närrischer Chorlieber ausgesüllt. Cs war ein eigenartiges Bild, im Publikum nur die karnevalistischen Embleme zu schauen. Am Sonntagäbenb gab man Ofsenbachs lustige Götterparobie „Orpheus in der Unterwelt", bei der namentlich der Prinz^ von Arkadien (H. Herz) durch seine urgelung^nen Lokalcouplets oas beifalls.ustige Publikum ergötzte. Auch das Paar „Orpheus und E u r i di c e" fand in H. Zörnitz und Frl. Ziegler vorttefsliche Vertreter. Auch der bi^ modernen Frauenoestrebungen so köstlich persiflierende Schwank Jakob.,s: „Los vom Manne!" entzündete wieder wahre Lachsaloen. Daun entsprach noch die Strauß- sche Operette: „D ie Fled er m aus" der tollen Faschings- faunc. ©ine Fortsetzung von Suderman ns „Hei- matt" ist am Sladtlheaier in Plauen unter dem Titel „B e r g e 11 im g" mit Erfolg zur Ausführung gelangt. Der Verfasser des Stückes ist Max Schurnrn, der Eheftd,ie- balteur ber „Neuen .Vogtl. Zig." und Verfasser eines in Versen geschriebenen Dramas „Proserpiua". lieber ben Inhalt biefer bramatischen Ilias post Lomerum schreibt der „Vogtl. Anz.": „Sudermanlis „Helmatt", das trotz mancher Schwächen imposanle Wert' eines großen Büh.ien'. dichters, schließt bekanntlich mit einer Art Frag.'. : gegriffen. Die große Sängerin stirdt — so führt er aus — balb nach dem Vater, dem sie das Hertz- gebrochen; ihr Sohn wird Jurist, kennt aber das Schicksal seiner Eltern nicht. Der Streber v. Keller aber ist zu einem hohen Posten im Kultusministerium gelangt und mit Orden und anderen Auszeichnungen überschüttet worden. Auch an Familien- glüick fehlt es chm scheinbar nicht. Er hat eine Vernunstehe geschlossen und ist Vater einer reizenden Tochter. Fünfundzwanzig Jahre find seit dem Tadc des Oberstleutnants Schwartze bahingerauscht. Da lernt burch einen Zufall Magbas Sohn bie Tochter v. Kellers kennen. Tas junge Paar liebt sich und — vergeht sich in sünbiger Glut. Der Streber v. Keller aber ist ein heimlicher Sünber. Er ist zum Urkuttdenfälscher unb Dieb geworben und hat eine Biertelmilliou Mark Kirchcnbaugelder Unterschlagen. Um seine Unterschlagungen decken zu können, will er seine Tochter zur Ehe mit einem Geldprotzen auö Afrika zwingen. Unb als sich biese weigert, weil jie schon einem anbern angehört, ba enthüllt er ihr seine schweren Verfehlungen, um bann erfahren zu müssen, baß seine eheliche Tochter unb fein unehelicher Sohn sich in Blutschanbe vergangen haben. Die Vergeltung bricht herein. Aber sie schmettert nicht nur ben Hauptschulb:gen nicber, ber wegen Urkunben- sälschuug unb Unterschlagung verhaftet wird, sondern zugleich auch die Tochter, die einem burch die Aufregung verursachten Schlaganfall erueat, unb den Sohn, bem mck der Schwester zugleich bie Braut entrissen wirb. „Die Sünben ber Väter sotten heimgesucht werben an den Kinbcrn . . . Jena, 25. Febr. Geh. Mebizinalrat Riedel, ber Direktor ber chirurgischen Klinik, schreibt zum Geraer Aerzte streik: „Die Geraer Krattlenkasseu schicken seit Jahr unb Tag säst alle ihre Kranken nach Hatte ober Leipzig, weil bie Preise bort nichtiger sind, als in Jena. Alle Bemühungen der Geraer Aerzle, hierin Wandel äu schaffen, waren bisher umsonst; nur ganz vereinzelte Kranke, die 'hr energisch für Jena sich ausgesprochen halten, kamen Hierher. Im Jahre V 02 waren c-5 secps Angehörige ber . ."lrtut! 1 fje und . Arlg< -',ö.!ge orr Texttlbetriebs- j irar- uf sft. Ganz ncueidüigs, am 1^. F-?bn.ar, g.reibe als die Textilkrankenkasse mit ihren bisherigen Aerzten gebrochen und nur solche Aerzte angestellt hatte, bie außer halb des allgemeitten thüringischen Aerztevereins stehen, schickte derjenige Arzt, um ben ber ganze Streit entbrannt ist, einen Kranken mit gänzlich inoperabler Geschwulst in bie Poliklinik. Ter Kranke wirb sorgfältig untersucht unb wieber heim geschickt, weil von einer Operation gar keine Rebe fein konnte. Wäre der Kranke in plötzlicher Lebens gesahr gewesen, hätte er sofortiger Operation bedurft, um aus dieser Gefahr gezogen zu werden; hätte er bei spielstveise an einem eingeklemmten Tarmbruche, an Darmverschlingung usw. gelitten, so wäre er sofort operiert, und bei der Kasse wäre nachträglich ungefragt worden, ob sie zahlen wo.le oder nid)t. Möglich, daß fic Zahlung abgelehnt hätte, was andere Kassen unter fast gleichen Umständen schon getan haben, sodaß der Freibettenfonds der Klinik eintreten mufrte. Wo es sich um raschen Ein griff zur Rettung eineS Menschenlebens handelt, ba spielt bie Kostenfrage keine Rolle für mich. Bei dem überwiesenen Kranken lväre eine Operation geradezu ein Mißgriff gewesen, sie hätte sein Leben abgekürzt, nicht verlängert. Daß ich ben Verkehr mit der T ex t i l k r o n ke n- fasse ab gelehnt habe, bas gcs^,ah im Interesse aller derjenigen Lassen von Thüringen, bie nicht Miiglieber dieser Kasse in Gera sind, also im Interesse weitaus der großen Mehrhett der Kranken. Die gesamte im Vereine befindliche ^erzteschaft Tljüringens stehl auf der Seite der früheren Kassenärzte, stellt sich schroff gegenüber den jetzigen; bie Klinik hat zu wählen zwischen jener erdrückenden Mehrheit von Aerzten und diesen wenigen; da kann cs gar feine Frage fern, aus welche Seite sie sich stellt; wo die Mehrheit ber Aerzte ist, da ist auch bie Mehrheit ber Kranten, für diese ist in Jena zu sorgen, nicht für jene wenigen. Die Tcxtilfiantenkafsc ist in eine vollständige Ausnahmestellung geraten, sie wild die Folgen dieser Ausnahmestellung zu er.ragen haben, bis sich die Mitglieder ber Kranfenkafte zu energischen Schritten ent- schließen unb einen neuen Vorstand wählen, der wiede'- normal Verhältnisse schafft."