Mittwoch SS. Juni 1903 Zweites Blatt. 153. Jahrgang BZ Gießener Anzeiger w General-Anzeiger v Amts- Md Anzeigeblatt für den Kreis Giehen vezugSpret-r monakllch7bP!., oterteb jährlich Mk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch die Post Mk. 2.—viertel- jährl. auSfchl, Bestellg. Annahme von Anzeigen ür dre Tagesnummer Ots vormUtagS 10 Uhr. ZetlenprelS: lokal 12Pf^ auswärts 20 Pfg. Beraatwortlich tüt den poltt und allgem. Teil: P. Wtttto- für „Stadt und Land'' und -Gerichtsjaal": August Götz; für den Anzeigenteil: Hans Beck. Nr. 145 Erscheint täglich außer Sonntags. Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Gießener Kamiliem blätter viermal in der Woche beigelegt. Rotationsdruck u. Verlag der B rü h l'fchen Untverj.-Buch-u.Stein- druckerei (Pietsch Erbens Redaktion. Expedition und Druckerei: Schnlstratze 7. Adresie für Depeschenr Anzeiger Gießen. Fernsprechanschluß Nr. 5L Are heutige Yummer umfaßt 10 Seiten. Ein ernstes und kurzes Wort. Schlicht und ernst appellieren wir für den 25. Juni, den Tag der Stichwahl, an das Pflichtgefühl des deutschen Wählers. Nicht mehr die Partei — das Vaterland ruft. Die Sozialdemokratie will ihren Sieg vom 16. d. Mts. Lm 25. Juni vervollständigen. Sie hofft wohl gar, mir hundert Abgeordneten in den Reichstag einziehen zu können. Die Sozialdemokratie aber darf nicht die Früchte ihres Sieges ernten. Die sozialdemokratischen Siege sind in Wahrheit Siege des Auslandes. Drei Millionen Stimmen sind für die Sozialdemokratie abgegeben worden, d. h.: Drei Millionen Männer sind dem vaterländischen Gedanken abtrünnig. Das Ausland kann triumphieren ob solcher deutschen Schande! Deutsche Männer! Solltet Ihr nicht wünschen, solche Schande wieder wett zu machen? Drei Millionen pflicht- vergessene, abtrünnige Männer giebt's in Deutschland — das hat der 16. Juni gezeigt. Was soll sich nun am 25. Juni Herausstellen? Der Tag der Stichwahl soll zeigen, wie viele Millionen Männer gewillt sind, der sozialdemokratischen Gefahr zu begegnen, sich in Treue zum nationalen Gedanken u bekennen und fest zu Kaiser und Reich zu stehen. Der 16. Juni hat uns vor dem mit Hohn triumphierenden Ausland geschändet. Am 25. Juni wollen wir die Schande auslöschen. Das Vaterland ist in Gefahr. Das Vaterland ruft. Wir wollen in seine Dienste treten. Kaiser Wilhelm üöer die Schiffahrt. Cuxhaven, 23. Juni. Abends 8 Uhr wurde auf dem Dampfer „Mvltke" von der HamburgssAmerika-Linie ein Festmahl geaeben, an dem der Kaiser teilnahm. Der Ehrenpräsident des Norddeutschen Regattavereins, Bürgermeister Dr. Mönckeberg, brachte ein Hoch auf den Kaiser aus. Er wies in seiner Rede auf die Begründung des Vereins für die Seefahrt hin, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, größere Jachten zu erwerben und mit deutschen Matrosen auszurüsten. Auch hierzu habe der Kaiser den Impuls gegeben, wie aus allen Gebieten maritimer Interessen. Auf den Trinkspruch des Bürgermeisters Dr. Möncke- äerg erwiderte der Kaiser: 3 Ich darf wohl aus ganzem, tiefstem Herzen den Dank aussprechen für die liebenswürdigen und beredten Worte des Grußes, die soeben an mich ergangen sind. Mir ist es eine große Freude, meine Herren, wieder unter Ihnen zu sein und mit Ihnen diesen schönen Tag verleben zu dürfen und mich zu überzeugen, wie das Verständnis und die Passion für den Segelsport vorwärts geht und wie aus dem Gebiete des Jachtbaues und der Jachtflotte, die an den Start sich drängt, wie von Jahr zu Jahr, so auch in diesem wieder bedeutende Fortschritte zu verzeichnen sind. Es ist in der freundlichsten Weise darauf Bezug genommen worden, daß die schöne Jacht, die den Namen der mächtigen Hansastadt Hamburg trägt, und die zum erstenmale sich aus der Elbe gezeigt hat, meiner Initiative zu danken ist. Das ist wirklich zuviel gesagt, denn es steckt in den Hansastädten und zumal in Hamburg so enorm viel Initiative, daß, wenn man bloß den leisesten Hinweis gibt, so geht auch schon die hanseatische Unternehmungslust ihren Weg und weiß ihren Weg zu finden. Es ist mir eine besondere Freude gewesen, die heutige Regatta mitsegeln zu können. Es ist das erstemal, daß ich mit einem ebenbürtigen, gleichartigen Gegner zu kämpfen hatte und, ohne diese unangenehme Bestimmung der Zeitvergütung empfin- zu müssen, unter der ich Jahre lang gelitten hatte. Die Herren, die bisher den Vorteil davon gehabt hoben, werden das vielleicht nicht io begreifen, aber angenehm ist es doch, wenn man einen ebenbürtigen Gegner hat, zumal, wenn sich aus des Deckes Planken das Staatsoberhaupt von Hamburg bewegt, der heute zum erstenmale sich der Elbe vermählt hat. Es ist sodann erwähnt worden, daß der neue Hasen meinen Namen bekommen hat. Ich bitte, auch dafür den herzlichsten Dank aussprecheu zu dürfen. Es ist eine imposante, gewaltige Anlage und was mich bei derselben am meisten gefreut hat, ist, zu hören, daß sie schon wieder zu klein ist. Möge das stets so in Hamburg der Fall sein. Da wir nun von Schiffahrtsinteressen sprechen, so ist es am heutigen nur eine Freude, auch eines Ausbaues derSchisfahrtsinteressen zu gedenken, der in alle Zukunft mit dem Namen .Hamburgs sich rühmlichst verknüpfen wird. Vor wenigen Jahren hatte ich auf einem Schiffe der Hamburg-Amerika- Linie hamburgischen Mnnern, von denen leider einige schon heimgegangen sind, die Idee nahegelegt, auch für unsere Handelsflotte zu einer Sicherheitsmarke za kommen. Nach unendlichen Mühen und selbstloser, hm- aebender, stiller Arbeit ist das große Werk gelungen und unsere Haudelsslotte steht nun bald vor dem Augenblick, wo für sie die Marke eingeführt wird, und ich glaube im Sinne Ihrer aller zu sprechen, die mit den Interessen unserer Haudelsschisfahrt verknüpft find, und ine wissen, was für chic Bedeutung in dieser Marke liegt, wenn ich demjenigen der sich in außerordentlicher Hingabe und regstem Eifer und unermüdlichem Fleiß dieser Arbeit unterzogen hat, unseren herzlichsten und tiefgefühltesten Dank aus- spreche. Mein lieber Krogmann! Ich hoffe, daß, wie dieses große Werk den uneingeschränktesten Beifall von Arbeitgebern und Arbeitnehmern gufenden hat, es dazu beitragen wird, die absolute Zuversicht in die Sicherheit unserer Schiffe und die Ehrlichkeit unserer Reeder zu setzen. Ich hoffe, daß mit dieser Marke der Name Krogmann und Hamburg sich verbinden wird. Ich möchte den Akt des Dankes nicht schließen, bis ich auch Ihnen von hier aus ein Zeichen meiner Anerkennung überreicht habe. Ich überreiche Ihnen hiermit als Zeichen meines Dankes den Kronenorden 2. Klasse, und hoffe, daß Sie denselben lange Jahre mit Ehren tragen mögen, und daß die Seeleute, Kapitäne sowohl wie Mannschaften, sich stets Ihres Namens mit Dank erinnern werden. Alles, was ich sonst auf dem Herren habe, fasse ich zusammen in den Ruf: Hamburg, der Norddeutsche Regattavereiu und die Amerika-Linie hurra, hurra, hurra! Zur Stichwahl. Die „Deutsche Volksmacht" der Herren Hirschel, Bindewald und Konsorten veröffentlicht in ihrer neuesten Nummer ein gar niedliches Artikelchen, aus dem wir nur folgende der markantesten Stellen zur allgemeinen Erbauung und Belustigung und zur Charakterisierung jener Herren hier herausheben wollen: Die goldene und die rote Internationale ringen um den Sieg. . . . Alle zielbewußten Parteigenossen stimmen mit Bürgermeister Köhler darin überein, daß es uns gleichgültig sein kann, ob ein Vertreter der roten oder der goldenen Internationale in den Reichstag zieht. Wir haben in diesem Wahlkamps gezeigt, daß uns nicht Parteiegoismus leitet, indem wir in Kreisen, wo wir eine bedeutende Anhängerschaft besitzen, die Nationalliberalen unterstützt haben, weil die detr. Kandidaten dem Bauer das Seine gönnen und in diesem Sinne wirken. Anders liegen die Dinge in Gießen; unter der Protektion unseres Erbfeindes, des hohen Beamtentums, kam dort eine Vereinigung zustande zu dem ausgesprochenen Zwecke, den B a .. e r n st a n d seiner Vertretung zu berauben. Für liberale uud Freisinnige in Gießen war das Einende: Der Haß gegen den Bauernstand!.. Uebrigens kommt es jetzt aus einen Sozialdemokraten mehr oder weniger auch nicht an, nachdem die Politik, deren Vertreter Heyligenstaedt ist, solche in schwerer Menge geschaffen hat. Also, um mit dem letzten Scherze zu beginnen, die Politik, deren Vertreter Heyligenstaedt ist, habe die Sozialdemokratie geschaffen! Das sagen jene Herren einem Manne nach, dessen Wohlfahrtseinrichtungen in seiner Fabrik von seiner Arbeiterschaft öffentlich in Wählerversammlungen in Nachbardörfern dankbar anerkannt worden sind. Sprach sich doch in einem Orte der Rabenau ein Heyligenstaedtscher Arbeiter öffentlich auf das entschiedenste gegen falsche sozialdemokratische Behauptungen über die Verhältnisse in der Heyligenstaedt'schen Fabrik aus! Warm trat dieser Mann für seinen Brotgeber, der ihm und feinen Genossen stets nur Gutes getan hat, ein! HerrHeyligenstaedt übt Wohltaten auf Wohltaten an seinen Arbeitern wie deren Angehörigen und kargt nie, wenn er erfährt, daß andere darben, seien sie nun seine Angestellten oder Hinterbliebene von diesen, oder ihm gänzlich Fremde. Er vermeidet dabei aber alles protzenhafte Heroorkehren seiner Mildtätigkeit und wirkt im Stillen. Das aber ist echter Liberalismus, der Versuch der Versöhnung materieller Gegensätze! — Den Liberalen allein hat die deutscheArbeiterschaft die Arbeiterschutz-Gesetzgebung zu verdanken und den die berechtigten Wünsche der Arbeiterschaft wohl verstehenden und sie nach aller Möglichkeit berücksichtigenden Bundesregierungen. Also der Liberalismus und die Regierungen tun nach Kräften das Ihre zur Hintanhaltung der immer übermäßiger werdenden Forderungen der Arbeiterschaft, während die meisten anderen Parteien aufs schroffste allen Arbeiterforderungen gegenüberstehen und so das Anwachsen der Sozialdemokratie mit allen ihren Kräften fördern. Indem jetzt der Hess. Landtagsabgeordnete Hirschel in seinem Blatte die Kandidatur Heyligenstaedt bekämpft und fast direkt mit dürren Worten für die Sozialdemokratie eintritt, bestätigt er die Richtigkeit des schönen alten Erfahrungssatzes: „Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber!" Wenn er dabei nach „berühmten" Mustern ganz ohne jeden Grund die hessische Beamtenschaft den „Erbfeind" des Bauerntums nennt, so befleckt er sich und seine Gefolgschaft damit in schlimmster Weise. Ueber alle anderen Injurien des Herrn Hirschel, die hier zu erwähnen unnütz ist, gehen wir lächelnd hinw"g. Ebenso ungehörig und gänzlich unerweislich aber ist die Bemerkung, der Liberalismus hasse den Bauernstand. Das Gegenteil ist der Fall! Der Liberalismus bemüht sich unausgesetzt, dem Bauernstand auf die Beine zu helfen, nach besten Kräften, soweit irgend die Lebensbedingungen der Gesamtheit das zulassen. Der Liberalismus „haßt" weder rechts noch links, handelt vielmehr nach der guten alten staatsmännischen Devise: Jedem das Seine! Gebt dem Bauer, was des Bauern ist, und dem Arbeiter, was des Arbeiters ist, aber auch dem städtischen Bürger, was des Bürgers ist! Das hat Herr Heyligenstaedt allenthalben und stets auf das bestimmteste betont, daß er den bäuerlich en Interessen dienen will, in soweit den anderen Ständen dadurch kein wesentlicher Abbruch geschieht! Und Herr Heyligenstädt ist ein Mann, dem man v ertrauen darf. Maser verspricht, das hält er nach dem Grundsätze: Ein Mann ein Wort! Der Bauer also, der nicht Herrn Heyligenstaedt, sondern den Sozialdemokraten wählt oder, was auf dasselbe hinauskommt, sich seiner Stimme bei der Stichwahl morgen enthält, versündigt sich nicht nur gegen Kaiser und Reich, sondern schädigt sich selber aufs empfindlichste, denn von der „roten Internationale" hat er nichts als Hohn und Spott, von der „goldenen" indessen, um das scherzhaft verkehrte Wort deS Herrn Hirschel zu gebrauchen, treue und nutzbringende Unterstützung zu erwarten! Der Liberalismus, und mit ihm Herr Heyligenstaedt, will Förderung des Bauerntums durch Förderung der Viehzucht, durch Verbilligung der Futtev- mittel, durch Reform des Hypothekenwesens, das heute den einzelnen Bauer in di" Hände der Ausbeuter führt. Er will Befreiung des Mittelstandes von drückenden indirekten Steuern (Bier, Tabak) und Verbesserung der Versicherungsgesetzgebung, die heute den Heinen Landwirt und den Handwerker belastet. Er will eine Zollpolitik, die die Rohstoffe und Maschinen für Handel und Gewerbe n'cht verteuert, die die Exportindustrie fördert und damit deren drohende Konkurrenz für den Kleinbetrieb fern hält. Darurü auf zur Wahl des Herrn Heyligenstaedt! * » ♦ Aus der Laubacher Gebend wird uns geschrieben: Eine, rege Wahlagitation macht sich hier bemerkbar. Liberale und Sozialdemokraten halten überall Wahlversammlungen ab. Die Sozialdemokraten bemühen sich aufs äußerste, die Landwirte gegen Heyligenstaedt aufzuhetzen, finden aber nur bei wenigen, fast nur jungen Leuten, Anhang. Aeltere, besonnene Leute haben längst in der Sozialdemokratie den größten Feind der Landwirtschaft erkannt. Die Versammlungen des Herrn Heyligenstaedt find sämtlich sehr stark besucht. Das Programm desselben wird stets mit großem Beifall aufgenommen, sodaß in unserer Gegend wohl fast alle Landwirte — entgegen anderen Winken — für bett bürgerlichen Kandidaten Heyligenstaedt eintreten werden. Aus dem Wahlkreis Alsfeld-Lauterbach- Schotten schreibt man uns: Unser liberales Wahlkomite war in den letzten Tagen außerordentlich rührig bei der Arbeit. In den verschiedensten Orten wurden Wahlversammlungen abgehalten, und man ist der gewissen Zuversicht, daß unser Wahlkreis erfreulichen Fortschritt zeigt und den mittelalterlichen Antisemitismus mit seinen Abgeschmacktheiten als überwunden über Bord wirst. Man betrachtet Wallaus Wahl entschieden als gesichert, zumal man sich der gewissen Hoffnung hingiebt, daß die christlich, sozial en Wähler in Laubach und Umgebung und namentlich deren Führer sich jetzt doch eines besseren besonnen haben dürften, nachdem sie den Schacherhandel vernommen haben, den die Bindewaldsche Partei mit den Sozialdemokraten des benachbarten Wahlkreises Gießen beabsichtigte. Es wäre doch wahrlich unerhört, wenn sich in der Wahlurne die Stimmen der streng kirchlichen Christlich-Sozialen mit denen der kirchenfeindlichen Sozialdemokraten auf ein und denselben Abgeordneten vereinigen würden, zumal auf den Herrn Bindewald, der sich in Gemeinschaft mit seinen Agitatoren durch so unfeine Kampfesweise auszeichnet. Wir halten eine solche Abstimmung einfach für unmöglich, weil vollständig widersinnig. Vertrauen wir auf den vornehmen Geschmack und die edle Gesinnung aller Wähler! Mainz, 23. Juni. Entgegen dem Beschlüsse des natio» nalliberalen Landesausschusses hat die hiesige national- liberale Partei in ihrer gestrigen Sitzung beschlossen, in der Stichwahl nicht für den Zent rums kandidaten Dr. König einzutteten, sondern es jedem national- liberalen Wähler zu überlassen, demjenigen Kandidaten seine Stimme zu geben, den er für den besten Vertreter des Wahlkreises halte. In W o r m s hat das Komitee der Vereinigten Liberalen für die Stichwahl zwischen Heyl (nationalliberal) und Blum (Zentrum) Wahlenthaltung proklamiert. Auch die Sozialdemokraten haben Wahlenthaltung beschlossen. In Frankfurt a. M. beschloß der Nati onalliberalc Verein fast einstimmig, bei der Stichwahl für den Demokraten Bruck gegen den Sozialdemokraten Schmidt einzutreten. Im Hanau er Wahlkreise entfielen auf Hoch (Soz.) 15470, auf Dr. Lucas (Nl.) 9762, auf Küstn er (Fr. Vp.) 1865, auf Müller (Ztr.) 4814 und auf Hirschel (Antts.) 517 Stimmen. In Frankfurt a. M. fordert der antisemitische deutsche Verein die 4500 antisemitischen Wähler auf, bet der Stichwahl zu Hause zu bleiben, da es ihnen die Demokraten und Freisinnigen durch Aufstellung eines i üdi- sch en Kandidaten unmöglich gemacht hätten, ihre Stimme gegen die Sozialdemokratie abzugeben. Im Wahlkreise Marburg steht bekanntlich v. Ger lach (national-sozial) in Stichwahl mit dem Konservativen und Bündler v. Papp en heim. Wie nun der „Frkf. Ztg." von vertrauenswürdiger Seite berichtet wird, haben die Sozialdemokraten des Wahlkreises, die in der Hauptwahl 1500 Stimmen erhalten haben, mit 8/4 Majorität beschlossen, sich bei der Stichwahl zwischen v. Gerlach und Pappenheim der Abstimmung zu enthalten, weil sie fürchten, wenn Gerlach diirchkäme, ihn später nicht verdrängen zu können. Dieser wahre Grund wurde allerdings nicht angegeben, sondern es wurde das Verhalten der National-Sozialen zu der Heer- und Flottenfrage vorgeschützt. Das wäre natürlich ein Scheingrund, der ja doch sonst nie die Sozialdemokraten gehindert hat, z. B. für Kandidaten der Freis. Vereinigung einzutreten. • * • Die Charlottenburger Polen haben eine Protestversammlung gegen den bekannten Hirtenbrief des Fürstbischofs Kopp abgehalten und eine entsprechende Erklärung einstimmig angenommen. Die Reichstags-Stichwahl im Fürstentum Lippe findet am 2 7. Juni statt. Die Wahl des Freisinnigen Meier-Jobst gegen den Sozialdemokraten ist gesichert, da die Konservativen für den ersteren eintreten. Bestellungen auf den Gießener Anzeiger das größte und bestunterrichtete Blatt Oberhesiens und der Nachbargebiete, werden für die Monate Juli, August und September bei allen Postanstalten, unseren Trägern, unseren Zweigstellen und in der Expedition, Schulstraße 7 in Gießen, angenommen. Zur Vermeidung von Unregelmäßigkeiten in der Zustellung empfehlen wir unseren verehrten Postabonnenten, die Bestellung schon jetzt bei den Briefträgern zu erneuern. Musik zum Mord. Das Depeschenbureau Lasfon meldet aus Loudon, bei den serbischen Empfangsfeierlichkeiten würde der Vertreter Deutschlands, ebeu,o wie derjenige Italiens und Oesterreich-Ungarns, wahrscheinlich anwesend sein. Demgegenüber wird unserem BerlinerKorrespondeuten von gut unterrichteter Seite versichert, daß der deutsche Gesandte in Belgrad, Herr v. Wäcker-Gotter, Auftrag erhalten hat, den Festlichkeiten fernzubleiben. Was die Anerkennung Peters I. betrifft, dürfte Deutschland dem Beispiele folgen, das Oesterreich geben wird. Nach einer Belgrader Depesche werden auch die Vertreter Frankreichs, Englands und Italiens dem Einzüge des Königs fern bleiben. Bei den anderen Mächten ist es noch unentschieden, während der Vertreter Rußlands anwesend sein wird. — Auf Vorstellung des Kriegsministers hat, wie dieselbe Meldung noch, besagt, der König die Beförderung der drei ihm zum Ehrendienst ^.erteilten Offiziere bis nach seiner Ankunft in Belgrad in der Schwebe gelassen. Das rauschende Festprogramm befindet sich unfraglich im schrillen Mißklang zu dem Gemetzel in Belgrad; man wird an die Zeile aus dem „Dell" erinnert: „Rast denn das Volk, daß es zum Mord Musik macht!" Zudem ließe sich eine persönliche Annäherung der Diplomatie an die Häupter der Verschwörung und die zweifellos mitschuldige provisorische Regierung bei dieser Gelegenheit kaum vermeiden. Das Richtige wäre gewesen, wenn die zivilisierten Mächte die serbische Gesellschaft ganz unter sich gelassen hätte bei einem solchen Anlaß. Rußland tritt, im Gegensatz zu seiner Liebsten Frankreich, in einer seltsamen Doppelrolle auf; es trauert und es gratuliert; also in der einen Hand den Trauerflor, in der anderen ein Bukett. — Zu den Regierungen, die ungeschminkt ihrer Meinung über den Künigsmord Ausdruck geben, hat sich, nachdem übrigens die Gesandten der Türkei, Amerikas und der Niederlande Belgrad bereits verlassen haben, die Pforte gesellt. Den türkischen Zeitungen ist ausnahmsweise von der Zensur gestattet worden, die Ereignisse in Belgrad rückhaltlos zu erörtern; nach einer Privatmeldung aus Konstantinopel geschieht dies „in Ausdrücken größten Abscheus". Es sei nicht zu. verwundern, wenn die neue Regierung in Serbien hinsichtlich ihrer Anerkennung großen Schwierigkeiten bei den europäischen Großmächten begegnen werde. Diese Nachteile sind gleichbedeutend mit einer amtlichen Auslassung !d>er Pforte. Nach einer Konstantinopeler Depesche des „Berl. Tagebl." soll im Yildiz-Kiosk infolge der Belgrader Ereignisse ein unbeschreibliche Furcht herrschen. Mehrere Personen aus dem Hofstaa t wurden auf einfachen Verdacht hin fest genommen und verbannt. Was noch besonders abstoßend Berührt, ist, daß die Belgrader Blutmenschen mehr und mehr den Versuch machen, sich .reinzuwaschen. In den ersten Tagen erzählten die „Netter des Vaterlandes" jedem, der hören wollte, daß die Tötung des Königspaares eine absolut notwendige Tat gewesen sei. Jetzt will die Regierung, in einen für König Peter bestimmten Bericht, cs so darstellen, daß die Offiziere keineswegs die Absicht gehabt hätten, das Königspaar zu ermorden. Man habe es nur zum Ab danken zwingen wollen. Durch das Jrreführen des Generaladjutanten Petrowitsch im Konak habe sich der Verschwörer aber eine blinde Wut bemächtigt. (Mitteilung der „Voss. Ztg." aus Belgrad.) Man weiß nicht, worüber mehr zu staunen, ist, über die Dreistigkeit dieser Lügner oder die klägliche Feigheit der „Vaterlandsretter", die für alle Fälle sich in Sicherheit zu bringen gedenken. Selbstverständlich wird zur Unterstützung des Beweises von dem „Totschlag im Affekt" auch noch eine nachträglich her-gestellte Abdankungsurkunde beigebracht werden. Nichts spricht deutlicher für die Mitwisserschaft und Mitschuld oer provisorischen Regierung, als das Bemühen, die Offiziere zu entlasten. Um das Werk würdig zu vollenden, hält der Justizminister einen Amnestievorschlag für politische Vergehen in Bereitschaft. Zu den der Gnade Peters L empfohlenen „politischen Vergehen" gehört wohl auch der Königsmord mit allen anderen Greueln. * 3 * Der König von Serbien äußerte übrigens die Absicht, die jetzige Regierung bis nach den vollendeten Skupschtrnawahlen im Amte zu belassen und nachher ein rein parlamentarisches Regime einzusetzen. Tie Stadtverwaltung von Belgrad forderte die Bevölkerung auf, ihrer Freude über die nach 45 Jahren erfolgende Rückkehr Peter Karageorgiewitschs durch Schließung der Läden, Beflaggung der Häuser und Illumination am 24. Juni Ausdruck zu geben. Wie nunmehr feststeht, soll die Lidesablegung des Königs am 25. Juni im Gebäude der SkuPschtina stattfinden. Inzwischen reist S. M. Peter primus durch die österr.- ungarische Monarchie. In Innsbruck wurde er von serbischen Studenten begrüßt. In Linz erhielt er von einem Wiener Schneider die serbische Generalsuniform, die er im htupcc anprobierte. In Wien traf der Hofzug gegen 10 Uhr auf dem Westbatznhofe ein, wo der König von Hunderten von Serben, darunter die Belgrader Gemeindedeputatton, mit stürmischen Ovationen begrüßt wurde. Die Ansprache des Belgrader Bürgermeisters Stamenkovitsch erwiderte der König herzlich dankend. Dann sprach ein Student namens Radenkovitsch, worauf nationale Lieder gesungen wurden. Viele küßten dem Könige die Hand. Unter dem Jubel der Serben setzte nach 20 Minuten der Hofzug die Fahrt fort. • • • Tie Königin Natalie hat einen Bukarester Advokaten beauftragt, alle Schritte zu unternehmen, damit die serbische Regierung die König Alexander gehörenden in Rumänien liegenden Landgüter, die derselbe seinerzett von seiner Großmutter Frau Cartargi geerbt hatte, nicht einziehe, da sie alleinige Erbin sei. Ter bulgarische und der ttalienische Hof legten für das serbische Königspaar Trauer an. Turch die im Konak beschlagnahmten Papiere König Alexanders und der Königin Draga sind nach Privatmeldungen viele Damen der Belgrader Gesellschaft arg „bloß- gestellt", da ersichtlich ist, daß sie dem „Königspaare Spi- onenbienfte" geleistet haben. Deutsches Keich. Berlin, 23. Juni. Der Kaiser hörte gestern auf der Fahrt von Hamburg nach Cuxhaven den Vortrag des Geh. Kabinettsrats v. Lucanus und empfing, in Cuxhaven angekommcn, den Besuch des Großherzogs von Oldenburg. Der Kaiser erwiderte dessen Besuch auf der Jacht des Großherzogs „Lensahtt". — Aus New York wird gemeldet: Der „Junge Män- ner-Chor" in Philadelphia, der bei dem Sängerwettstreit in Baltimore den von Kaiser Wilhelm gestifteten Preis errang, richtete eine Depesche an oen Deutschen Kaiser. Darauf traf folgende Antwort ein: „Junger Männer chor, Präsident Arno Leonhardt. Dem Sieger im Kampfe der Gesänge meinen Glücktvunsch. Möge auch der Besitz meines Preises die Anhänglichkeit an die alte Heimat lebendig erhalten! Wilhelm." — Wie die „Germ." aus Rom meldet, erhielt der Großindustrielle Anton Lehner in Zittau vom Papst das Prädikat eines erblichen Freiherrn. — Ter „Neuen Pol. Korr." zufolge liegt die Kanal- Vorlage umgearbeitet dem Kabinett vor. Kiel, 23. Juni. Tie drei amerikanischen Kriegsschiffe „Chicago", „San Francisco" und „Kearsarge" sind heute mittag im hiesigen Hafen eingetroffen und haben unter dem üblichen Salut die Liegeplätze eingenommen. Befehlshaber ist Admiral Cotton. Durch' den Kaiser Wilhelm-Kanal traf hier heute mittag der amerikanische Kreuzer „Machias" ein. Admiral Cotton stattete heute mittag kurz nach dem Eintreffen des Geschwaders dem Prinzen und der Prinzessin Heinrich im Schlosse einen Besuch ab, den Prinz Heinrich im Laufe des Nachmittags an Bord des „Kearsarge" erwiderte. Auch der amerikanische Konsul begab sich an Bord des „Kearsarge". Bremen, 23. Juni. Die „Weserztg." meldet: Aus Anlaß des Ablebens des Bürgermeisters Dr. Gröning unö des Oberbaudirektors Franzius gingen heute nachmittag folgende Telegramme des Kaisers hier ein: An die Hinterbliebenen des Oberbaudirektors Fran- zius, Bremen: „Tiefbewegt durch die Nachricht vom Hin- scheiden des Oberbaudirektors Franzius spreche ich den Hinterbliebenen mein herzliches Beileid aus. Die genialen Schöpfungen des Verstorbenen werden seinen Namen mit der Entwicklung der Stadt Bremen, ihrem Handel und der gesamten deutschen Schiffahrt bis in die fernste Zukunft unzertrennlich verbinden und ihm im Herzen seiner Mitbürger wie in dem meinigen für alle Zeiten ein Ehrenvolles und dankbares Andenken sichern. Wilhelm." An die Freie und Hansestadt Bremen, zu Händen des ersten Bürgermeisters Dr. Pauli, Cuxhaven: „Mit der Freien und Hansestadt Bremen betrauere ich den Heimgang des zweiten Bürgermeisters Dr. Gröning, der, ein Vorbild unermüdlicher, treuer Pflichterfüllung, seine ganze Kraft dem Wohle der Stadt noch bis zum letzten Atemzuge gewidmet hat. Wilhelm." Kö l n, 23. Juni. Die „Köln. Ztg." meldet aus Washington vom 22. ds., die Behauptung, daß die Regierung einen Ausgleichszoll auf deutschen Kartellzucker lege, sei völlig grundlos. Ausland. Paris, 23. Juni. Die Kammer nahm heute die Novelle zum Vereinsgesetz mit 329 gegen 66 Sttmmen an; die Resolution Buisson, die die Regierung einlädt, alle gesetzlichen Mittel zu benützen, um jede Kongregation auszulösen, die durch untergeschobene Personen eine oder mehrere Kongregationsschulen eröffnet hat. — Ter Minister des Auswärtigen, Delcasse, der unpäßlich ist, ließ dem heuttgen Ministerrate die Mitteilung zugehen, daß für Heu Chef des Generalstabes der französischen Armee namens des Zaren eine Einladung ergangen sei, zur Teilnahme an den Manövern bei Zarskoje Selo, die vom 1. bis 10. August stattfinden. Konstantinopel, 23. Juni. Im Bildiz-Palais brach am «Samstag -abend Feuer aus. Um die Bevölkerung irre zu.führen, wurde bekannt gemacht, daß im Ortkeny- Stadtviertel Feuer ausgebrochen sei. Das Palais wurde sofort von einem dreifachen Truppen- und Polizei-Kordon ab gesperrt. Nicht einmal die Löschmannschaften wurden zugelassen, sondern nur der Kommandant und je zwei Offiziere von den einzelnen Feuerwehr-Brigaden durften zur Brandstelle, die unmittelbar neben den Gemächern des Sultans liegen soll. Im Publikum wurde verbreitet, daß nur das Zimmer eines Dieners ausgebrannt sei. Näheres Über den Brand ist absolut nicht zu erfahren. Aus Statt und Land. Gießen, 24. Juni 1903. — Personalien. S. K. H. der Großherzog haben bem Bürgermeister Jakob Tilger in Münster (Kreis Dieburg) das Allgemeine Ehrenzeichen mit der Inschrift „Für langjährige treue Dienste" am Bande des Verdienstordens Philipps des Großmütigen verliehen und den Diener am evangelischen Predigerseminar zu Friedberg, Johanne? Ludwig Haber auf sein Nachsuchen unter Anerkennung seiner langjährigen treu geleisteten Dienste in den Ruhestand versetzt. ** Auch aus Anlaß der Reichstags-Stichwahlen sind von uns wieder umfasfenoe Vorkehrungen getroffen, um die Resultate der Wahlen in Stadt und Land morgen abend so schmTl tote nur irgend möglich zur Kenntnis des Publikums zu bringen. Wieder werden Exttablätter des „Gieß. Anz." in den meisten Restaurants uni) Gasthöfen sowie an unserem Geschäftshanse zur Verteilung gelangen und die Einzelresultate durch Transparent dem Publikum vermittelt werden. Daß die Nachbarblättchen unsere Extraausgaben wieder weidlich ausschlachten und in ihrer Unverfrorenheit wieder die erlogene Behauptung ausstellen werden, sie, nicht wir hätten allen übrigen oberhessischen Blättern weitaus den Rang abgelaufen, das wird das Publikum aufs neue zu verurteilen haben. ** Zur Stichwahl fordern heute zahlreiche ehemalige Krieger in Stadt und Land die Wählerschaft auf, die Kandidatur Heyligenstaedt durch allgemeine Stimmabgabe zu unterstützen. Auch dieser Auftuf wird hoffentlich feine Wirkung nicht verfehlen. Darmstadt, 23. Juni. Die „D. Ztg." schreibt: Die Eltern derjenigen Knaben, die gegenwärtig die obersten Oster- klassen der hiesigen Vorschulen besuchen, werden demnächst Gelegenheit erhalten, zu der Frage der Reformgym- nasien und Reformrealgymnasien Stellung zu nehmen. Wie bereits bei den Beratungen des Hauptooran- schlages für 1903/04 in der Zweiten Ständekammer angekündigt wurde, ist die oberste Schulbehörde geneigt, mit der Gründung solcher Anstalten in Angliederung an die hier be stehenden Anstalten unter Zugrundelegung der sog. Frankfurter Lehrpläne versuchsweise vorzugehen, falls dies den Wünschen der beteiligten Elternkreise entspricht. Ob und inwieweit letzteres der Fall ist, soll durch eine Umfrage ermittelt werden. Von der Zahl der Anmeldungen wird es dann abhängen, ob die neue Art von Lehranstalten, und zwar zunächst nur mit der Klasse Sexta, zu Ostern 1904 ins Leben tritt oder nicht. Aschaffenburg, 23. Juni. Die Recherchen nach dem Täter des scheußlichen Mordes werden eifrigst fortgesetzt. Die Vernehmungen bauerten gestern bis in die Nacht hinein und werden heute fortgesetzt. In dem Portemonnaie, welches geraubt wurde, befanden sich 40 Mk. Der Haarkamm der Ermordeten wurde am Mordtag Nachmittag schon halb 5 Uhr von Bauersleuten auf dem Wege gefunden, sodaß der Mord vor dieser Zeit ausgefühtt worden sein muß. Die Leiche der Ermordeten wurde heute vormittag nach Bamberg überführt. Am Tage der Mordtat waren Techniker auf dem Felde in der Nähe des Büchelberges mit Vermessungen beschäftigt. Dtcse sollen in der ktttischen Zeit in der Nähe des Tatortes einen Mann gesehen haben, welcher eine Mütze aufhatte. Da der eine der festgenommenen verdächtigen Personen, der in Sulzbach verhaftete Schneider, eine Mütze trägt, soll eine Gegenüberstellung desselben mit den Technikern stattfinden. Weiter will ein Knabe von Haibach, der am Tatorte um die fragliche Zeit vorüberging, im Gebüsche ein verdächtiges Geräusch gehört haben. Er sei aus Furcht davongelaufen, habe sich dann weiter oben aufgestellt und umgewendet und dabei einen Mann aus dem Gebüsch Herausellen sehen. Kleine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbarstaaten. Der seit einigen Tagen in Bad- Nauheim vermißte Kurgast ist in Wetzlar völlig erschöpft und unbekleidet aufgefunden und ins Krankenhaus nach Wetzlar verbracht worden. Der Unglückliche gab an, sich im Walde verirrt zu haben. — Auf die Ergreifung des Diebes, der in Bad-Nauheim zwei Geldbriese stahl, ist von der Oberpostdirektton Darmstadt eine Belohnung von 300 Mark ausgesetzt worden. — In Frankfurt wurden zwei Leichen geländet. In der einen vermutet man die eines feit 1900 vermißten Mädchens aus Offenbach, die die andere ist eine männliche Leiche, die erst kurze Zeit im Wasser gelegen zu haben scheint. — Der Zustturd des bei Mainz gestochenen Ulans Jmmel ist sehr bedenklich. Tie Schlägerei war durch Frauenzimmer veranlaßt worden. Tie Täter sind noch nicht ermittelt.____________________ Vermischtes. * Berlin, 23. Juni. Im Dienstgebände des Kolonial» amtes erschoß sich ein Zahlmeisterafpirant aus Furcht vor Bestrafung. * D ür k h eim i. Pf., 23. Juni. In einem Anfalle von Geistesstörung versuchte eine Winzerswitwe ihre beiden Söhne mit einem Rasiermesser zu töten. Daraus er« trän kte sie sich.' Telephonischer Kursbericht. jfc'ranktart a. n.. 24. Juni l»u3. 31/s°/o Reichsanleihe . . 101.95 3% do. ... 91.50 3l/,% Koneols .... 101.90 3°/0 do 91.50 Hessen .... 101.05 3x/2% Oberhessen . . . 100.00 4% Oesterr. Goldrente . . 102.90 4‘/6% Oesterr. Silberrente 100.20 4% Ungar. Goldrente . . 101.50 4°/u Italien. Rente . . . 103.25 4*/a% Portugiesen ... 50.25 3°/ Portugiesen. .... 33.10 1% C. Türken .... 3420 Türkenlose 132.20 4°/q Grieoh. Monopol.-Anl. 45.20 41/,% äussere Argentiner —.— 8u/q Mexikaner .... 25.95 4,/o% Chinesen .... 92.75 Electric, bchuckert . . , 93.00 Nordd. Lloyd . . . . 99.90 Kreditaktien .... 207.40 Diskonto-Kommandit. . . 184,60 Darmstädter Bank . . . 135.75 Dresdener Bank .... 146.05 Beniner Handelsges. , . 152.80 Oesterr. Staatsbahn . . . 143.90 Lombarden .... 18.40 Gotthardbahn .... 192.30 Laurahütto 217.70 Bochum 174.30 Harpener 180.70 Tendenz: fester. Gerichtssaal. Kassel, 23. Juni. (Prozeß Schmidt.) Das Verhör Schmidts wirb fortgesetzt. Der Angeklagte meint, seine Buchungsmanöver mochten wohl ungewöhnlich erscheinen, er habe aber dabei durchaus nichts getan, was aus eine tatsächliche Täuschung berechnet war. Es sei rhm vielmehr nur um eil» flüssigere Gestaltung der Bilanz zu tun gewesen, um die schlechte Lage der Gesellschaft nicht kund zu tim. Er habe nach Angaben seiner Fachtechniker die zu erwartenden Gewinne aus Lizenzverkäufen und Maschinenlieserungen auf 5 Jahre verteilen lassen, wäre er ein Betrüger gewesen, so hätte er, da er als erster den Mißerfolg des Bergmaunschen Patents erfuhr, sein Geld heraus- ziehen und daoongehcn können. Daß er blieb und sich die andere: Herren der Trebergcsellschail weiter so großartig engagierte, be weise am meisten die Ehrlichkeit seiner Absichten und seines Wollens. Die Vernehmung Schmidts füllte die ganze Vormlttagssitzung aus. Der Angeklagte giebt bei den weiteren Vernehmungen zu, daß ct der Börsenzulassungsstelle in Berlin falsche Angaben gemacht har. Ter zur Anklage stehende Hauptpunkt des betrügerischen Bankerotte besteht in der Eintragung einer Hypothek von 250 000 Alk. auf jein, des Angeklagten Grundstück „Griudelhos" in Hamburg. Ter Angeklagte bestreitet, die Absicht gehabt zu haben, irgend jemand zu täuschen. Er habe sich damals für durchaus gut gehalten, müße allerdings zugcben, daß er mir der Eintragung der Hypothek Veränderungen plante, welche er seiner Frau in einem Briefe zustelleu ließ, den er^durch einen Mitgefangenen durchschmuggcln wollte. Als erster Sachverständiger wird darauf Ingenieur Bergmann vernommen, der Erfinder des bekannten Patentes. Dieser jagt aus, daß sich nach ferner Ansicht Schnudr m gutem Glauben beiunder habe. 3ergc äußert sich sodann über verschiedene Geschäftszweige der Trebergesellschaft, deren Ertragfähigkeit Schmidt überschätzt habe. Ter nächste Sachverständige, der Fabrikant Rüggeberg aus Neheim, spricht sich ungünstig über das Bergmannpatent aus. Rüggeberg hält Schmidt für einen großartigen Optimisten, dem aber die betrügerische Absicht unbedingt serngeleger^habe. Dann wird die Verhandlung auf Mittwoch vertagt. Königsberg i. P r., 23. Juni. Vor der ersten Strafkammer des hiesigen Landgerichts begann der Prozeß gegen den früheren verantwortlichen Redakteur des hiesigen fozialdemokrat. Blattes „Ostpreuß. Landbote", Noske, wegen Beleidigung des Hofpredigers Stöcker. Noske behauptete in einem Artikel, daß Stöcker in dem vor dem Berliner Schöffengericht im Februar 1885 verhandelten Beleidigungsprozeß Berndt wider Lutzauer unter feinem Eide wissentlich die Unwahrheit gesagt habe. — Die Anklage vertritt Staatsanwaltschaftsrat Wagner. Stöcker hat sich dem Verfahren als Nebenkläger angeschloffen. Stöcker, Tutzauer und Ewald werden unser Aussetzung der Vereidigung vernommen und nach ihrer Vernehmung vereidigt. Stöcker bestreitet, daß er versucht habe, die Sozialdemokraten für seine Partei zu gewinnen, er gebe aber die Möblichkeit zu, daß ein Mann namens Krauß von ihm beauftragt worden fei, Ewald zu besuchen, nm ihn für seine Partei zu gewinnen. Der Staatsanwalt hält den Wahrheitsbeweis für vollständig mißlungen und beantragt drei Monate Gefängnis. Noske wiirde zu drei Monaten Ge- f a n g n i s verurteilt. Ter Gerichtshof nahm an, daß Stöcker in dem Prozeß Ewald objektiv etwas Unwahres gesagt habe, es sei aber in keiner Weise erwiesen, daß er wissentlich oder fahrlässig einen Meineid geleistet habe. Mit Rücksicht auf die schwere Beleidigung sei, wie geschehen, erkannt worden. Neueste Meldungen. Originaldrahtmeldungen des Gießener Anzeigers. Hagen, 24. Juni. In den Wahlkreisen Hagen- Schwelm und Altena-Iserlohn hat das Zentrum be- schlossen, bei der Stichwahl für die Kandidaten der freisinnigen Volkspartei, Eugen Richter und Lenzmann einzutreten. Kiel, 24. Juni. Prinz Heinriche erwiderte den Besuch auf dem amerikanischen Flaggschiff Kearsarge, wo auch der amerikanische Konsul sich einfand. Admiral Eotton besuchte ferner den Admiral Schmidt auf der Wittelsbach, sowie den Kontre-Admiral Borckenhagen auf dem Kreuzer Prinz Heinrich. — Cornelius V a n p e r b i l d t ist aus Paris in Kiel eingetroffen. — Heute nachmittag gegen 5 Uhr wird der Kaiser in Kiel erwartet. — Prinz Heinrich veranstaltet heute ein Gartenfest zu Ehren der amerikanischen Gäste. Staatssekretär v. Tirpitz giebt am Samstag eine Festlichkeit in der Seebade cur st alt. Die Amerikaner geben am Freitag ein Festmahl, zu welchem der Kaiser seine Teilnahme zusagte. Breslau, 24. Junr. Die Strafkammer verurteilte den verantwortlichen Redakteur der im Verlage der Breslauer Volksmacht" erscheinenden „Pos. Volksztg.", Ludwig Radlof, wegen Maj.estätsbeleidignng zu einem Jahre Gefängnis bei sofortiger Verhaftung. Paris, 24. Juni. In der gestrigen Kammersitzung kam es bei der fortgesetzten Debatte über das Kongrega- nisten-Gesetz zu großen Lärmszenen. Als der Professor Buisson in seiner Rede äußerte, die Jesuitenschulen seien Schulen der Lüge, heulte die Rechte und sang die Marseillaise. Thonon les Bains, 23. Juni. Der russische Anarchist Fürst Nakaschitz ist mit Gemahlin hier verhaftet worden. Beide werden an die Grenze geschafft werden, da chre Ausweisung beschlossen ist. Wien, 24. Juni. Im Salonwagen empfing der König einen Vertreter des „N. W. T." in längerer Audienz, in welcher er erklärte, die von einigen Mächten gewünschte Bestrafung der verschworenen Offiziere stelle ihn vor eine schwierige Situation. Er sei konstitutioneller Monarch und könne sich unmöglich zu den gesetzgebenden Körperschaften, die der Armee ihren Dank ausgesprochen hätten, in Widerspruch setzen. Das künftige Programm Serbiens werde sein, mit allen Mitteln die Wohlfahrt des Landes zu heben. N e w y o r k, 24. Juni. Behördliche Untersuchung wegen verschiedener Unregelmäßigkeiten im amerikanischen P o st w e s e n bringt immer neue Veruntreuungen an den Tag. Die Blätter verwickeln jetzt auch Abner Mac Kinley, einen Bruder des verstorbenen Präsidenten, in die Affäre. -------—----—--— Schluss der Inventur-Ausverkäufe W* Samstag den 27. Juni. 'W 0161 Fritz IVowack. Spezial - Geschäft Spezial» Geschäft für Wäsche und Braut-Ausstattungen. für Betten und Schlafzimmer ■ Einrichtungen. Arbeitsnachweis der Stadt Gießen Garteustratze 2 (Bürgermeistereigebäude) Zimmer Nr. 14. Der Arbeitsnachweis hat die Ausgabe, zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern (Arbeitern jeglicher Art, Dienstboten und Lehrlingen) unentgeltlich Arbeit zu vermitteln. An den Werktagen von 8 bis 1 Uhr und von 8 bis 6 Uhr geöffnet. Es können eingestellt werden: 25 Dienstmädchen für sofort und später gegen hoben Lohn, 1 Kindermädchen, 1 Kinderwärterin, 2 Zimmermädchen, 1 Hausmädchen, 1 Weißzeugnäherin, 3 Lauf- bezw. Putzfrauen, 1 Waschfrau oder-Mädchen bei hohem Lohn nach auswärts, 5 Waschfrauen, 1 landwirtsch. Magd, 1 Koch oder Köchin zur Aushilfe, 1 Kunstschlosser, 1 Möbelschreiner, 6 Bau- und Möbelschreiner (1 hier, 5 auswärts), 2 Drechsler (auswärts), 1 Schneidmüller (auswärts), 1 Küfergeselle (auswärts), 1 Zementmüller (auswärts), 5 Anstreicher (2 hier, 3 auswärts), 2 jüngere Schuhmacher (auswärts), 2 Schneider (1 hier, 1 auswärts), 2 Lackierer (auswärts), 1 Postaushelfer für die Sonntage, 2 Hausburschen, 5 Pferde für Landwirtschaft, 1 jüngerer landwirtschaftl. Pferdeknecht (auswärts). Lehrlinge: 1 Wagner, 1 Schneider, 1 Friseur (auswärts), 1 Maler und Lackierer, 1 Schreiber, 1 Lehrmädchen (Verkäuferin). Es suchen Arbeit: 2 Dienstmädchen, 2 Zimmermädchen, 1 Kindermädchen, 1 Kinderwärterin, 3 Flickerinnen, 1 Weißzeugbeschließerin, 3 Waschfrauen, 5 Lauf- bezw. Putzfrauen, 2 Laufmädchen, 1 Wäsche- oder Plättmädchen, 1 Gartenarbeiterin, 2 Metallformer, 1 Spengler, 1 Installateur, 2 Bau- und Maschinenschlosser, 2 Bauschlosser, 1 Maschinenschlosser, 1 Schuhmacher, 6 Bau- und Möbelschreiner, 1 Wagner, 1 Zimmermann, 1 Küfer, 3 Glaser (darunter 1 Rahinen- mcacher), 2 Weißbinder, 2 Buchbinder, 2 Heizer, 1 Bureaugehilfe, 8 Hausburschen, 3 Diener bezw. Ausläufer, 2 Kutscher, 1 Krankenwärter, 3 Taglöhner, 6 Pferdeknechte (darunter 4 für Landwirt- chast) und 3 laiidwirtschaftliche Arbeiter. . Lehrlinge: 2 Schreiber.5016 Heugras- Versteigerung. Das Heugras von den Wiesen der Pfarrei Wieseck soll gleich nach Beendigung der Versteigerung des Heugrases von den Gemeindemiesen in dem Dorfeld'schen Garten dahier versteigert werden. 4994 Wieseck, am 22. Juni 1903. Sommerlad, Bürgermeister. Versteigerung. Samstag, den 27. ds. Mts., nachmittags 2 Uhr, versteigere ich im Pfandlokale Sellersweg 11 gegen Barzahlung: 1 Musikautomat, 1 Kassas chrank, 1 Schreibtisch, lSpiegel, mehrere Sofas, Komoden, 2 Verlikows, 1 Kleiderschrank, 1 Regulator, 1 Nähmaschine, 1 Piamno, 2 Fahrräder, 2 Koffer, 1 Ladentheke, 1 Glasfchrank, 1 Billard, Stühle, 2 Kastenwagen u. a. m. Gießen, den 13. Juni 1903. 4750 Sier, stellv. Psandmeister. Heugras- Versteigerung. Samstag den 27. Juni 1903 soll das Heugras von den Wiesen der Gemeinde Wieseck versteigert werden. Der Anfang zu den Wiesen bei Wieseck ist des Vormittags 10 Uhr in dem Dorfeld'schen Garten dahier und zu den Wiesen bei der Badenburg des Nachmittags 5 Uhr auf der Badenbiirg. 4993 Wieseck, am 22. Juni 1903. Großh. Bürgermeisterei Wieseck. _____Sommerlad.____ Das Heugras von den der Gemeinde Trohe gehörigen Wiesen soll Freitag den 26. Juni an Ort und Stelle versteigert iverden. Der Anfang ist vormittags 8 Uhr in der Weißen-Buvg. Trohe, am 23. Ium 1903. S ch m i d I, j(‘M Bürgermeister. Kullstmeill für te GrHerzogtim Mn. Die ordentliche Hauptversammlung findet Samstag den 11. Juli l. Js., nachmittags 4 Uhr, im Ausftellungs - Saale der Kuusthalle in Darmstadt statt. Tagesordnung: Erstattung des Jahresberichts für 1902. Vorlage der Rechnung für 1902, sowie des Voranschlags für 1903. Entlastung des Rechners. Neuwahlen für den Verwaltungsrat. Nach § 14 der Statuten müssen Anträge der Mitglieder dem Vorsitzenden des Vereins 14 Tage vor der Hauptversammlung schriftlich mitgeteilt werden, widrigenfalls dieselben in der berufenen Versammlung keine Berücksichtigung finden können. Darmstadt, den 18. Juni 1903. 5009 Der Vorsitzende des Auffichtsrates: v. Grancy. Fabriken in 2220 General-Vertxeter: 3661 Bachenheimer & Schaumberger Gießen, Marburgerstr. 22. Lehrte, Misburg, Ennigerloh empfiehlt ihre alsheroorragendesFabrikat bekannte Marke „Germania“. 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