Donnerstag, 32. Januar 1903 Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags. Die „Siebener Familienblätter" werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der „hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal. Giehener Anzeiger 153. Jahrg. Verantwortlich fOr den allgemeinen P. Wittko; für den Anzeigenteil: H. Beck. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu Unioersitätsdruckerei (Prelsch Erden), Gießen. General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Stehen. ligatwnen überschwcmmmt. Uebcr eine Milliarde solcher Papiere ist auf dem Mark:. Hin diesem Ucbclstandc abZuhelsen, gicbt cs verschiedene Mittel, sei cs die Stempelung der Obligationen, sei es die Vorschrift einer Genehmigung oder einer schnellen Amorttt saliol,. Der Abg. von Vollmar hat sich wieder gegen das Spstcm der indirekten Steuern gewandt, ich mache ihn darauf aufmerksam, das; alle Kulturländer weit höhere indirekte Steuern erheben, als wir. Eine Rcichseinkmnmensteuer steht ja nicht im Widerspruch mit der Verfassung, aber sie ist bedenklich. Wir haben ja gesehen, wie viele reiche Vermögen in Folge der Reform der direkten Steuern Ter Zolltarif tourde Gescn, weil der Reichskanzler außer über andere hervorragende Eigenschaften in hohem Maße über Glück verfügt. (Heiterkeit.) Tas Glück naht dem Menschen in mancherlei Gestalt, dem Reichskanzler nahte cs in der Vermummung des Abgeordneten Singer. (Große Heiterkeit.) Hoffentlich gelingt es bei den Handelsverträgen, der Landwirihschaft doch noch zu geben, was sie braucht. Hätte man vor der Beratbung des Tarifs eine land- wirrhschafrlichc Hypotbckenstatiitik gemacht, dann hätte Niemand mehr die Stirn gehabt, die Noth der Landwirthschafr zu leugnen. Herr von Kardorff ist in seinem überströmenden Temperament au? dem Bunde der Landwirrbc ausgetreten; aber was er erwartete, ist nicht geschehen: es ist ihm keiner seiner Freunde gefolgt. Man hat uns von freisinniger Seite vorgeworscn, daß wir zwar gegen den Zolltarif gesprochen, aber uns nach seiner Annahme hier an der Gratulatioilscour bei den, Reichskanzler bctheiligt hätten. TaS haben wir nicht gcthan; cs wäre daran auch nichts Schlimmes. Denken die Freisinnigen gar nicht daran, wie gern sich nach großen Aktionen der Abgeordnete Rickert zu ähnlichem Zivecke an den Ministertisch begib? Zur Verbesserung der Reichsfinanzen werden wir auf die Dauer nicht um die Reichseinkommensteuer herumkommen. Außerdem wird Die Einführung einer Wchrstcucr nothwcndig sein. Auch Plirlnmeiitarischc Vcll>ailv>ttiii,eii. Nachdruck o k n e Vereinbarung nicht g'e st a t t t. Deutscher Reichstag. 243. Sidun g vom 21. Januar. 1 Ubr. Tas Haus ist s ch w a ch besetzt. bat den Antrag Kanitz, ins Französische übertragen, in der dortigen Kammer eingcbracht. Hier erklären die Sozialdemokraten den Antrag Kanitz für das Unverschämteste und Dreisteste, was es giebt- iAbg. Bebel: Sehr richtig!), und in Frankreich erbeben die Sozialdemokraten noch wcitergebcndc Forderungen. Die Person deS Kaisers sollte nicht in die Debatte gezogen werden. Sonst könnte es leicht dahin kommen, daß hier Majestätsbeleidigungen ausgesprochen werden, die draußen schwer bestraft ivcrdcn würden. (Bei-, fall rechts.) Abg. Schrader (frei)'. Vgg., schwer verständlich) : Ter Etat ist nach den gleichen Grundsätzen ausgestellt, wie früher; leider ist cs dcm Schatzsekretär nicht gelungen, so viel Abstriche vorzunehmen, wne mit Rücksicht auf unsere Finanzlage nöthig sind. Daß der Bau eines Hauses für das Rejchsmarincamt erforderlich ist, gebe ich zu, aber c? fragt sich, ob es nicht möglich war, einen anderen, billigeren Platz dafür zu finden. In Bezug auf die Kolonien kann ich mich nur dcm anschließen., was der Abg. Richter ausgesübrt hat. Unsere Ausgaben im Allgemeinen steigen von Jahr zu Jahr; zu ihrer Deckung ist die Einführung einer direkten Reichöeinlommensteuer dringend notbwendig, und zwar nicht nur vorübergehend als Nothbehclf, sondern als dauernde Einrichtung. Finanzielle Schwierigkeiten werden auch den Einzelstaaten nicht erspart bleiben, die Eisenbahnen haben, denn die Einnahmen daraus sind schwankend. Die Einzelstaaten müssen in Bezug auf ihre Finanzen vom Reich unabhängig werden. Woher rührt die Verminderung der Einnahmen? Ein großer Theil der Steuern fließt nicht in die Reichskasse, sondern in die Taschen von Interessenten. Dieser Zustand könnte aus der Welt geschafft werden. Die wirthschaftlichc Krisis ist noch nicht überwunden; Schuld an der schlechten Finanzlage ist die falsche Wirthschaftspolitik, wie sie ii. A. in dem Börsengesetz zum Ausdruck kommt. Der vom Hause beschlossene Zolltarif wird niemals Gesetz werden; es wird eine Novelle nöthig sein, und die ganze Zollfragc wird wieder aufgerollt werden. Falls überhaupt Handelsverträge zu Stande kommen, so nur auf Kosten der Industrie. Mit dem neuen Zolltarif ist die Beruhigung keineswegs eingetreten. Der Bund der Landwirthe hat sofort wieder die Agitation begonnen und höhere Zölle verlangt. Tas Schicksal des Gerstenkompromisses spricht ja Bände. Bei den neuen Handelsverträgen werden die ganzen Kämpfe ivieder aufleben. Es steht nämlich leider zu befürchten, daß diese Niemand so recht gefallen werden. Was soll man zur.Haltung der Regiernug sagen? Sie weiß ja selbst nicht, toas sie beschlossen hat. Was bc- deuret denn das Wort „Malzgerste"? Wird der Herr Reichskanzler uns das Wort, das in einem von ihm genehmigten Gesetz vorkommt, erklären können? Nun aber etwas fast noch Wichtigeres: Wir alle müssen e§ als aus Preußen ausgewandert sind. Ich kenne allein fünf große Vcr- mögen, die sich ins Ausland begeben haben. Die soziale Gesetzgebung ist auf den Einfluß des Fürsten Bismarck zurückzuführen, dem mir ja überhaupt verdanken, daß wir hier im Reichstag sitzen. Tic Vorwürfe der Sozialdemokraten gegen die Bourgeoisie sind un- b-egründet denn die Bourgeoisie, Landwirihschaft und Industrie haben willig und ohne Murren die schweren Lasten der sozialen Gesetzgebung auf sich genommen. (Zustimmung.) Zu den verbünde len Regierungen habe ich das Vertrauen, daß sie uns für die Land- wirthschaft günstige Handelsverträge vorlegen. Ter Bund der Lai'.dwirthe glaubt das nidit. Ter Bund ist gegründet zur Wahrnehmung landwirthschaftlicher Interessen von Mitgliedern aller Parteien. Nach meiner Meinung' haben die Herren von der konservativen Panci, die für den Zolltarif gestimmt haben, dcm Lande einen großen Dienst erwiesen. (Sehr richtig!) Ich habe seit 30 Jahren im Reichstage für die Berücksichtigung der landwirthschaftlichen Interessen gekämpft, und ich glaube, ich verstehe davon cbciisoviel, Ivie die Führer des Lundes der Landwirthe. Daß jetzt zwischen den Freunden der Landwirihschaft Zwietracht entstanden ist, bedaurc ich; ich erinnere daran, daß Bismarck uns gesagt hat: Seid einig! einig! einig.' TaS sollten auai die Führer des Bundes bedenken. Was soll denn bei den Dahlen werden, wenn wir nicht einig sind? Glücklicher Weise wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Be bäuerlich ist das Fallenlassen des Sozialistengesetzes. Gegen eine Ilmsturzpartci kann man ohne ein Gesetz auf die Dauer nicht an- kämpfen. Tie Herren reden immer von der Bekämpfung der Sozialdemokraten mit geistigen Waffen, aber diese Waffen scheinen recht stumpf zu fein, denn genutzt haben sie bisher nichts. Je mehr der Sozialismus sich in Deutschland ausbreitet, desto mehr besteht die Gefahr, daß als Gegengewicht dazu der Absolutismus um sich greift. Tie französischen Sozialisten stehen nur einem extrem agrarfreundlichen Standpunkt. (Widerspruch bei den Soz.) Jaures unerwünscht empfinden, daß die Person des Kaisers in immer steigendem Maße in die Debatte gezogen wird. Hat sich dies aber einmal als nothwcndig erwiesen, so muß man freilich Redefreiheit gewähren. Tann wird sich die Diskussion schon von selbst in den gehörigen Grenzen bewegen. Ich wünsche aber, daß es dem Einfluß des Reichskanzlers gelingen möge, in dieser Beziehung wieder eine Acnderung herbeizuführen. Er wird dem Kaiser hoffentlich diese unsere Verhandlungen vorlegen, um den entsprechenden Eindruck zu machen, und uns in den Stand zu setzen, künftig uns mit dem' N'eichsanzlcr und nicht mit dem Kaiser zu beschäftigen. Der Reichskanzler ist verantwortlich für Alles, was im Reich geschieht. Er muß diese Verantwortung auch zu tragen wissen. Ob ein Mi- nisterverantwortlichlcitsgefetz erlassen wird, darauf lege ich herzlich wenig Werth. Wichtiger ist, daß die Stellung des Reichstages gegenüber den Staatssekretären eine derartige wird, daß solche Vorkommnisse unmöglich werden. Und das kann nur erreicht werden, wenn der Reichstag sich auf sich selbst besinnt, wenn die unnöthigen Spaltungen aufhören, und damit auch Zusammenleimungen von disparaten Parteigruppen, die ja doch bald wieder auseinandergehcn, unnöthig gemacht werden. Es ist kein Wunder, wenn bei den jetzigen Zuständen die Sozialdemokratie immer mehr an Boden gewinnt. Die Kundgebungen, die in der letzten Zeit gegen dieselbe gefallen sind, wirken auch nur nach derselben Richtung. Die große Mehrheit der Arbeiter, die einigermaßen politisch denken können, steht auf Seiten der Sozialdemokratie (Sehr richtig! bei den Soz.); die Begriffe „Arbeiter" und „Sozialdemokrat" decken sich immer mehr. Wenn man in solcher Weise Krieg gegen die Sozialdemorkatie führt, schweißt man dieArbeiterschaft immer mehr mit ihr zusammen. Es ist bedauerlich, daß man nicht andere Mittel findet, um beide von einander zu trennen. Hüten wir uns davor, der Arbeiterschaft irgend welche Beschränkungen aufzuerlegen, die die anderen Klassen nicht hüten wir uns davor, eine der Arbeiterschaft ungünstige Steuergesetzgebung zu machen. Alles, was wir seit 1878 gcthan, war geeignet, die Sozialdemokratie groß zu ziehen. Es ist die höchste Zeit, daß man andere Wege cinschlägt. Ich begrüße daher auch die angeküudigtc Sicherung des Wahlgeheimnisses. Aber es handelt sich nicht bloß um die Sicherung des Wahlgeheimnisses, cs handelt sich auch darum, daß endlich einmal die Wahlbeeinflussungen aufhören, die ja Niemand ein Geheimnitz sind. Möge der Reichskanzler einsehcn, daß das eine der wichtigsten Aufgaben ist, die der Regierung jetzt obliegt. iBeifall links.) Abg. Liebermann von Sonnenberg (Antis.): Auch ich danke dem Reichskanzler für die Maßregel zur Sicherung des Wahlgeheimnisses. Was die Wahlbeeinflussungen betrifft, so werden diese nicht nur von der Regierung, sondern auch von manchen Parteien geübt. TaS kann man in den Kohlenrevieren sehr deutlich beobachten. Unverständlich in cs mir, daß wir in dieser Session nicht noch eine Novelle zum Börsengcsctz bekommen sollen, obwohl dessen Abänderung dringend nothwcndig ist. Tic Sozialdemokratie ist nur so groß geworden in Folge der großen Fehler, die man im Kampfe gegen sie gemacht Hat. Tas wirksamste Mittel ihrer Bekämpfung wird nach wie vor der Ausbau der sozialpolitischen Gesetzgebung fi?in. gen u,td in der Presse; und nur im Reichstage soll das verboten sein? Das ist dann eilte konstitutionelle Farce. (Sehr richtig! links.) Man hat nun zunächst die Besprechung der kaiserlichen Aeußerungen auf alles das zu beschränken versucht, was im Reichsanzeiger gestanden hat. Es hat sich herausgestellt, daß das unhaltbar ist, weil keine feste Regel besteht für das, was im Reichs- anzetgcr veröffentlicht wird. Durch das Wolfssche Telegraphen- . bureau werden oft viel wichtigere Dinge verkündigt, als durch den Reichsanzeiger. Man bat es bedauert, daß die Besprechung der im Reichsanzeiger nicht veröffentlichten Swinemünder Tepesche hier : gestattet wurde; man habe damit einen Präzedenzfall geschaffen, i Ich begrüße diesen Präzedenzfall. Es ist damit festgestellt worden, ' haß Alles, was an öffentlichen Kundgebungen von Wichtigkeit ist, auch Gegenstand der parlamentarischen Verhandlung sein kann. Allerdings hat man die „privaten Verhältnisse" ausdrücklich ausgenommen. Ich meine aber: exceptio firniat regulam. Es ist gerade dadurch festgestellt worden, daß alle öffentlich c n Angelegenheiten hier behandelt werden dürfen. Ter Reichskanzler weist auf seine Verantwortlichkeit hin; er macht einen Unterschied zwischen rechtlicher und moralischer Verantwortung. Leider ist bei uns die rechtliche Verantwortung auch nicht viel werthvoller, als die moralische. Bei dem Swincmünder Telegramm war der Reichskanzler gar nicht gefragt worden, er war einige Stunden vor der Explosion (Heiterkeit) nach Bayreuth abgereist. Ich nehme an: wäre der Reichskanzler um seine Meinung gefragt worden, so hätte er Bedenken in föderativem und tonstitutionellem Sinne erhoben und auch darauf Hingelviesen, daß ein solches Telegramm gerade das Gegemheil von dem erreichen würde, was damit beabsichtigt sein sollte. (Sehr wahr! links und im (Zentrum.) Tie Sache wäre ja an sich gleichgiltig, wenn das Telegramm nicht veröffentlicht worden fröre. (Erneute Zustimmung links und im Centrum.) lieber diesen Punkt darf ber Reichskanzler nicht Hinweggleiten. Eine solche Veröffentlichung kann nur auf Grund einer Verfügung ober auf Anordnung erfolgen, und eine solche bedarf nach der ausdrücklichen Bestimmil'.ig der Reichsverfassung der Gegenzeichnung. Diese Veröffentlichung ist aber nicht gegengezeichnet worden; man hat eben den Reichskanzler einfach ausgeschaltet. In der Veröffentlichung lag eine Provokation der öffentlichen Meinung, die dem Centrum zu Gute tarn. Dem Centrum ist damit eines jener Ge- Ifreute zu Theil geworden, deren sich sonst nur die Sozialdemokratie SU erfreuen hat. (Große Heiterkeit.) Es hat diesmal auch einmal ein Schweineglück gehabt. (Erneute große Heiterkeit.) Da der Reichskanzler überhaupt nicht gefragt wird bei solchen Kund- geoungen, so darf er nicht von beiderseitigem guten Willen sprechen. Ta heißt es einfach: Suprema lex regis voluntas! Das ist nicht konstitutiolrell, das ist nicht einmal mehr angebracht für den modernen absoluten Staat, weil es an sich schädlich ist, das ist eine Art persönlicher Katnnetsregierung, wie sie vor Jahrhunderten bestand, (^ehr richtig! links.) Ein Monarch, der so vielseitig in Anspruch genommen ist durch Tinge, die auf dem Gebiete der Tiplomatic liegen, durch die Handhabung der Stcllenbesctzung, durch das ganze Rcpräscntarionswesen, das heute so sehr viel Zeit erfordert, kann sich unmöglich in jede einzige andere Sache noch so sehr vertiefen, daß er darin eher das Richtige trifft, als ein Mann, der in einem be- fdjräitftcti Re-soxt arbeitet. Und trotzdem immer wieder diese persön- Irchen Kundgebungen. Unsereiner greift sich an die Stirn imb begreift nicht, wie es möglich ist, daß so etwas Vorkommen konnte, und wuu dort sich, wie wenig man die wirkliche Stimmung des Volkes kennt, wenn mait^glaubt, durch solche Kundgebungen eine Wirkung zu er- zielcii. _ (Sehr richtig! links.) Ich kann sagen: in keiner Zeit mag es so schwierig gewesen sein, Minister zu sein, als gegenwärtig. (Reichskanzler Graf Bülow nickt zustimmend, wendet sich dann an d.ni Staatssekretär Grafen P o s a d o w s k h , welcher gleichfalls zustimmend nickt; darauf nicken beide gemeinsam. Tas Hans brickst in schallende Heiterkeit aus.) Die Schwierigkeiten liegen aber nicht im Reichstage, sondern anderswo. (Erneute Heiterkeit und Zustimmung.) Den Fürsten Bismarck einen Handlanger zu nennen, war ganz ungerechtfertigt. Er ist immer Minister gewesen und hat mehr als einmal die Kabinetsfrage gestellt. Wenn das aber so weiter geht mit der Kabinetsregierung, dann werden die Minister schließlich in der Thal zu Handlangern herabgedrückt. (Lebhafte Zustimmung.) Daö würde ich bedauern, denn es wäre verhängnißvoll । für unser ganzes Staatsleben und nicht zum Wenigsten für die ' Krone selbst. (Lebhafter Beifall links.) Am Tische des Bundesrathes: v. Goßler, Graf Posadowskh u. A. Die ersteBerathungdes Etats wird fortgesetzt. Abg. Richter (freu'. Vp.): Charakteristisch am Etat ist zweierlei, einmal die Zuschußanleihc und zweitens die Thatsache, daß die Einzelstaalen ttotzdem keine höheren Matrikiilarbeiträgc zu zahlen haben. Die schlechte Finanzlage ist in der Hauptsache eine Folge der Flottengesetze. Der Marineetat ist äußerst splendid bedacht; cs wäre interessant, zu erfahren, ob an den Forderungen des Ma- rincamtcö überhaupt Abstriche vorgenommen finb. Aber wo ist die natürliche Steigerung der Einnahmen geblieben, von der der Schatz- l'efrctär seiner Zeit sprach? Sie bleibt übcrhauvt aus. Sehr wahr! links.) Der Schatzsctrctär sagt selbst, daß ein so ungünstiges Etats- ,ahr wte dieses überhaupt nofr .nicht dagewesen ist. Ja, warum schiebt man dann nicht die Fertigstellung des FlottcuplaneS hinaus? Im vorigen Jahre ist das bereits in der Budgettommifsicm angeregt. Man sagte, man müsse Arbeitsgelegenheit schaffen, aber gerade daö Baugelverbe erfreut sich doch augenblicklich eines gewaltigen Aufschwungs. Weiter frage ich, ob cs nöthig war, ein Grundstück für das Reichsmarineamt gerade in dem theuersten Viertel Berlins zu erwerben; man konnte daS Gebäude ebenso gut in einem billigen Vorort errichten. Welche Kosten uns der Zwischenfall in Venezuela verursachen wird, läßt sich noch nicht absehen. Warum ist unser ganzes Kreuzergeschwader fortwährend in den ostasiatischen Gewässern? Was soll denn dort passiren? Ich vermag auch nicht ernzusehen, warum noch eine so starke Brigade in China verweilt. Tas kostet doch jeden Tag erhebliche Summen. Wenn chinesische Wirren entstehen, so reichen diese 2600 Mann doch nicht aus. In Kiautschon finb die Aussichten für Handel und Gewerbe gegenwärtig lehr gering, die großen Aufwendungen sind durchaus nicht gerecht- fertigt. Immerhin muß man zugeben, daß die Millionen, die dort >n Bergwerken und Fabriken angelegt sind, das deutsche Reich nichts tosten, sondern daß Privatunternehmer das Risiko tragen, ganz im Gegensatz zu Afrika. Ter Schatzsekretär hebt hervor, daß der Kolonialetat diesmal drei Millionen weniger erfordert. Ja, woran liegt das? Daran/ daß wir nicht auch'diesmal wieder ein neues Kolonialantt erbauen. Tic „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" schreibt, daß am Kolonialetat Ersparnisse gemacht werden. Ja, Papier ist geduldig, und das offiziöse Papier am geduldigsten. (Heiserkeit.) Wie traurig es in unseren Kolonien aussieht, geht ja auch aus den amtlichen Berichten hervor, lieber die Usambara- Bahn wird geradezu ein vernichtendes Urtheil gefällt. Tcr soge- nannte Personenverkehr ist nur halb so groß, als angenommen wurde. Natürlich erfordert die Bahn große Zuschüsse. Daraus ersieht inan so recht den Werth der ganzen Schutzgebiete. Wenn diese etwas wcrkh wären, so würden sich die Bahnen rentiren. Tie Tanga- Korogwe Bahn brachte ja auch schon einen Uebcrschuß, im letzten Jahre 30 Mark. (Heiterkeit.) Das ist allerdings kolossal. (Heiterkeit.) Aber schon in diesem Jahre find die 30 Mk. zerronnen, und erfordert die Bahn wieder Zuschüsse; die Betriebskosten übersteigen die, Einnahmen um 50 Prozent. Ich glaube, man sollte jetzt davon absehcn, derartige Bahnanlagen noch zu erweitern; besonders die Bahn von Dar-cs-Salaam noch Mrogoro scheint uns überflüssig. Der Vertrag mit der Ostafrikänischcn Gesellschaft ist unter Umgehung des Reichstages abgeschlossen wordeii, und daher unserer Auffassung nach null und nichtig. Ueberhaupt können wir nicht dem zustimmen, daß man hier eine Anleihe aufnimmt. , Gehen wir von der Weltpolitik mehr zu inneren Angclegen- heiteil über, so haben wir zunächst Besorgnisse luegcn der Gerüchte, die über eine nahende Kavallericvorlage herumschtvirren. Wir stehen jeder Vermehrung der Kavallerie absolut ablehnend gegenüber, da bei dem heutigen Stande der Technik die Kavallerie nur mehr eine sehr geringe Bedeutung hat. Ebenso verstehen wir nifrt, wie man bei der jetzigen Finanzlage an eine Erhöhung der Militär- Pensionen denken kann, wie hier aus dem Hause heraus gewünscht. Es ist doch jetzt der allcrungeeignetste Moment dazu. Weit eher sollte man an die Erhöhung des WobnungsgeldzuschusseS für die Beamten denken, die diese so sehr benöthigeii. Unsere Wirthschaft trägt Ivundersame Lüge. Ta wirft mau plötzlich 4’2 Millionen aus, um die gute Stadt Krefeld.mit einer Husarengarnison zu belegen, damit bic jungen Damen der Stadt tanzlustige und tanz- feste Partner bekämen. (Heiterkeit.) Ich frage den Kriegsminister, ob er erst nach der bekannten Unterredung auf dem Bahnhof, wo der Kaiser jene Aussicht eröffnete, von der Verlegung der Garilison etwas erfahren hat. (Heitcrteir.) (Redner spricht mit ziemlich leiser Stimnr, so daß, zumal er der Tribüne den lliucken zudrelit, er nur sehr schwer und nur von Zeit zu Zeit vernehmlich ist. Er scheint Einzelheitcn deS Etats, vor Allem die Ursachen der Finanznoih, zu besprechen.^ Tie Zölle haben freilich eine kleine Mehreimiahme ergeben. Indessen, das ist lvie ein Tropfen auf den heißen Stein. Weir wirksamer würde cs sein, man schaffte die Liebesgaben an die Branntweinbrenner ab, daS wäre einmal eine wirkliche Ersparnis;. Allenthalben schreit man nach der Reichsfinanzrefotm! Was nützt' das? Sic murlfcn schon 5 Jahre daran herum, und es kommt nichts heraus. Jetzt sollen wir erst die Ergebnisse der Handelsver trägejabinarten: vorläufig sind sie nach dem Sckatzsekretär ein Buch mit 7 Siegeln! Da soll man nun die Geschäfte in Ordnung bringen! Was sollen die allgemeinen Ausflüchte? Geben Sic mir eine gute Politik, und ich gebe Ihnen gute Finanzen! Tas System der Zusfrußanleihcn im Reiche einzuführen, sind meine Freunde nicht gewillt. Derartige Zustände rvollen mir denn doch nicht ein reißen lassen. Warum erhöht man nicht die Matritukarbeiträge? Die meisten Staaten, Preußen voran, würden das sehr gut ver tragen. Allerdings müßten dann die Einkommensteuern erhöht wer- den. Tas würde aber ein erziehliches Moment sein. Die be gülertcu Herren würden ja mir Begeisterung für Militär und Flotte, für allerhand schöne patriotische Zwecke mehr Geld hergeben. (Heiterkeit. In der Hofloge ist mittlerweile der junge Herzog von Coburg-Gorh i erschienen, der anscheinend mit gespannter Aufmcrt- sarnkeir dem Redner zuhört.) Redner kommt i'obann auf die Frage, der Diäten zu sprechen. Es ist die höchste Zeit, daß man sich endlich entscheidet. Wir bekommen ja sonst bald kein Gesetz mehr in einer Session ordnungsmäßig zu Stande. Tie Regierung lveiß das ja auch ganz gur, und der Reichskanzler sollte endlich den Muth seiner llcbrwugung haben und uns ein entsprechendes Gcsey vorlegen. . Ick komme nun auf eine Frage, die den Reichstag um) die Oeffenrlichkeir bereits in hohem Maße erregt hat. Ich erinnere mich noch der Zett, wo e-5 überhaupt verpönt war, den Namen des Kaisers im Reichstage zu erwähnen. Andere Zeiten, andere Sitten! Und u‘e anderen Sitten werden uns ausgezwungcu, weil die Verhältnisse sich geändert haben. Weil der Kaiser jetzt offen mit seiner Meinung hervortritt, müssen wir auch offen darüber sprechen, um so mehr, da diese feine Meinungsäußerungen von immer größerer Bedeutung sind und die schwerwiegendsten Folgen nach sich ziehen. Ueberall werden sic besprochen, in. Versammlun- Abg. v. Siarborff (Rp ): eo vielAbstriche man auch am Etat vornehmen wird, es wird doch schließlich nichts Anderes übrig bleiben, als eine Anleihe aufzunchmen. Taß unsere Staatspapiere einen ver- hältnißmäßiz so niedrigen Cours haben, nimmt kein Wunder, das haben, hat einen natürlichen Grund. Wir werden mit industriellen Ob- Stt"-"^ idi cmcm Gegner zu einem Freunde der Diäten geworden, weit ich auck Mr in ein wirksames Mittel Zur Bekämpfung der Sozialdemokratie setze. Ich tonnne noch mir wenigen Worten aus unsere auswärtige Politik. Wenn der Reichskanzler meinte, die Ausschreitungen der englischen Preise gegen Deutschland seien nur die Antwort auf die Angriffe der deutschen Presse gegen England während des Voeren- trieges, so ist das eine Liebenswürdigkeit gegen England auf .Kosten des eigenen Landes. Die englischen Angriffe gegen Deutschlaitd sind viel älteren Datums. Unsere Freundschaft mit England tzat uns bisher noch keinen Vorttzeil in der Politik gebracht; im Gegcn- theil, England hat dabei immer nur profitirt. In der Samoafrage bat es Jahrzehnte lang unsere Rechte geschmälert, in der Sansibar angelegenheir und in dem Dangtsevcrtrage hat es auch den Löwen- anttzeil davongerragen. Das; die Boerengenerale nicht, wie ursprünglich beabsichtigt war, von dem Kaiser empfangen Ivurden, haben wir auf das Tiefste bedauert. Tie Generale haben mich persönlich versichert, das; die Schuld an ihnen nicht läge. Run, • off iß teil hat man sie nicht empfangen, aber von der Bevölkerung sind üe empfangen worden, wie noch lein Fürst seit den Zeiten Wilhelms I. Redner fragt zum Schlug an, ob die Berschönerungskommissioir des Reichstages dem Standbilde Kaiser Wilhelms I. nicht einen anderen Platz anweisen kann als in der Mitte der großen Wandelhalle. Reichskanzler Graf Bülow: Ehe die Debatte zu Ende geht, möchte ich auf einige Punkte zurückkommen, die im Laufe der Be- rathung zur Sprache gebracht sind. Herr v. Kardorff schien mit dem Marginal nicht einverstanden zu sein, das der Kaiser dem Bericht des Fürsten Radolin über eine Un'-rreduna mit dem früheren französischen Handelsminister Mille = rano beigefügt hatte und welche? ich gestern vorgelesen hatte. Das Herr. Marginal lautet übrigens nicht: „Richtig, und wie bei uns." wie Herr v. Kardorff zu meinen scheint, sondern es bezieht sieh auf die Stelle: „Herr Millerand verfolgt die Hebung der unteren Klassen, wozu die Bourgeoisie nicht allzu sehr geneigt ist" und lautet wörtlich: „Richtig! Und so überall!" Ich bin weit davon entfernt, zu bestreiten, das; gerade in Deutschland das Bürgerthum, das Unternehmerlhum viel geleistet har für die Hebung der unteren Klassen und daß es thatträftig mitgewirkt hat an dem Ausbau der sozialen Geseßgeöüng. Aber es liegt in der menschlichen Natur und dem menschlichen Egoismus, daß jede Gesellschaftsschicht nur ungern Opfer bringt zu Gunsten einer anderen, und deshalb ist es die Pflicht des Staates, hier ausgleichend einzugreifen. Wir müssen verlangen, das; die Arbeitsleistung als solche derart ist, das; die Kon kurrenzfätzigtei!' der Nation auf dem Weltmärkte nicht beeinträchtigt wird. Aber wir müssen verlangen, daß die Arbeitgeber und Unternehmer daran mitwirken, daß die Klassendifferenzen zusammen schrumpfen, daß die ärmere Klasse wohlhabender wird, mit einem Wort, daß ein sozialer Aufschwung bei uns vorhanden ist. Das ist mein sozialpolitisches Bekenntnis;. Das ist die Ansicht der verbün beten Regierungen, und dieser Ansicht hat der Kaiser Ausdruck gegeben in jenem Marginal, das Ihnen vorgelesen zu haben ich nicht bedauere. Nun einige Worte zu den Schlußausführungcn des Abg. Richter, in denen ja zweifellos das Schwergewicht seiner Rede lag. Das pflegt bei den Reden des Abg. Richter meist so zu sein: Milde und beinahe sanft fängt er an, aber das dicke Ende kommt gewöhnlich nach. (Heiterkeit.) Ich erkläre mit rückhaltloser Offenheit: In jedem lonstitutionellen Staatswesen sind die Minister und ist namentlich der leitende Staatsmann genöttzigt, mit der Individua- liiert des Monarchen zu rechnen. Wie unter uns Allen, so giebt es auch unter den Fürsten schwächere und stärkere Individualitäten. Je stärker und ausgeprägter die Individualität eines Monarchen rst, um so mehr wird er geneigt sein, Einfluß zu gewinnen auf den Gang der Staatsgcsehäftc, theilzunehmen nn den Staatsgeschäften. Daß dadurch einem Verantwortlichen Minister seine Aufgabe nicht erleichtert wird, darin hat der Abg. Richter recht, und deshalb habe ich zu den diesbezüglichen A' die er machte, genickt. Aber auf der anderen Seite wc £> nicht vergessen, daß eine starke, ausgeprägte und begab \- lität eines Fürsten für ein Volk von nicht zu unter;ch tzr großem Vorrbeil ist. Wenn Sie sich davon überzeu so gehen Sie ins Ausland. Ich habe lange Jahre mei im Auslande zugebracht und ich habe iit ausgesprochen .jsch regierten Ländern sehr Viele gesprochen, die sich na rfer acccnhiirten Monarchen sehnten. Auch diejenigen dem Gang unserer Politik nicht einverstanden sind, sollten uuu. . un= gerecht sein für das thatlräfiigc Streben, für das redliche Wollen unseres Kaisers, für den großen Zug in seinem Wesen, für seinen freien, vorurtbeilslosen Sinn. Ich sage das ohne jeden Byzantinismus. Was Sie ihm auch immer vorwerfen mögen, ein Philister ist er nicht. (Große Heiterkeit.; Angriffe, motivirte oder unmoti- virte, luic sie in diesem Hause in sehr geschickter und gewählter Form der Abg. Richter gegen die Stellung der Monarchie gerichtet hat, sollten geeichter werden gegen den Minister uni) nicht gegen den Monarchen. Das innerste Wesen des konstitutionellen Staates besteht darin, daß der Monarch staatsrechtlich nicht verantwortlich ist. Wenn Sie also Angriffe erheben wollen gegen irgend eine Handlung des Monarchen, so sind sie zu richten an die Person des verantwortlichen Reichskanzlers (Cache 11 bei den Soz. Zurufe: Es wird uns ja das Sprechen verboten!), sie sind zu richten gegen die Minister. Ib wüßte mich nicht zu erinnern, daß ich mich dieser Verantwortlichkeit je entzogen hätte, und wenn ich.diese Verantwortlichkeit zu tragen nicht mehr im Stande wäre, so würde ich nach den von mir abgegebenen Erklärungen nicht pro forma, sondern in Wirklichkeit und mit dem einzigen Streben, dem Lande so zu dienen, wie es unter den gegebenen Verhältnissen meine Schuldigkeit ist, - — würde ich dem Zwiesvalt in der Auffassung zivi- schen dem Monarchen und mir dadurch ein Ende machen daß ich S->. Majestät bäte, mich in Gnaden meines Amtes zu entheben. So lange ich aber an dieser Stelle stehe, bitte ich, für etwaige Angriffe nicht die Allerhöchste Person zu wählen, sondern meine Person, und die Angriffe gegen mich zu richten. Ich bin überzeugt, daß, wenn Sie sich diese staatsrechtliche Auffaffung zu eigen machen, der Gang der Staatsgeschäfte dadurch nur vortheilhasr beeinflußt werden kann Ich komme nun noch zu einigen Bemerkungen des Abg. Liebermann von Sonnenberg. Unter den Achivi, von denen ich gestern sprach, steht der Abg. Liebermann von Sonnenberg in allererster Linie. (Große Heiterkeit.) Wenn er aber gesagt hat, daß zur Zeit, wo Fürst Bismarck die Geschicke des deutschen Volke? lenkte, nie Hu Gegensatz zwischen Volk und Regierung bestanden hätte, so ist das vollständig unzutreffend. Im Jahre 1866 hat Fürst Bismarck zu kämvfen gehabt mit der großen Mehrheit de? deutschen Volkes und auch später. Ich erinnere nur an die Vattenberger- Epiiode. Er hat sich oft genöttzigt gesehen, das Interesse des Landes zu stellen über porübergetzende Wallungen der öffentlichen Mei- nung. (Sehr richtig!) Das war auch unsere Aufgabe gegenüber dem südafrikanischen Krieg und auch während des Besuchs der Boerengenerale in Berlin, auf den einzugehen ich mich durchaus nicht scheue. Ter Empfang der B o e r e n - Generale beim Kaiser war dem Kaiser durch mich vorgeschlagen worden unter zwei ausdrücklichen Bedingungen. Einmal, daß sich die Boeren-Ge- neiale auf deutschem Boden jeder antienglischen Agitation enthielten, und dann, daß sie als englische Staatsangehörige die Audienz nachzusuchen hätten durch die Vermittelung des englischen Botschafters. Der Boeren-General De Wet hatte diese Bedingungen für sich und seine Kameraden angenommen. Ich kann unseren Mittelsmann, unseren Gewährsmann nickt nennen, aber ist kann Ihnen versichern, daß es eine durchaus glaubwürdige, loyale und achtungswerthe Per- sönllcheit ist. Von demselben Gewährsmann wurde uns einige Wochen später mitgetheilt, daß bei den Boeren-Generalen eine plötzliche Sinnesänderung cingctrefcn sek, daß sie es nicht mehr für uothig hielten, die Audienz ihrerseits beim Kaiser nachzusuchen, sondern daß sie es richtiger fänden, wenn der Kaiser sie kommen ne;;e. (Hört! hört!) Unter diesen Umständen konnte nach dem, was ich eben dargelegt habe, von einer Audienz derselben beim Kaiser nicht mehr die Rede sein, und es konnte auch ihr Empfang bei den amtlichen Stellen nicht mehr in Frage kommen. Und nun möchte ich noch ganz kurz einoehen auf eine Senter* tung des Abg. von Liebermann oder vielmehr auf eine Aeußerung meines verehrten Freundes von Kröcher, die er sich zu eigen gemacht hat: über die zu große Liebenswürdigkeit und Freundlichkeit unserer auswärtigen Politik. Merkwürdig ist nur, daß, während uns hier von gewisser Seite vorgeworfen kvird, wir wären zu liebenswürdig, wir in jedem Augenblick in ausländischen Blättern zu lesen bekommen, wir wären im höchsten Grade unlicbenswürdig. kHeiter- lcit.) Das Eine ist so unrichtig wie das Andere,insbesondere ist es eine vollständig falsche Auffassung, daß wir uns irgend Jemandem an den Kops werfen. So hysterisch sind luir gar nicht angelegt < >roye Heiterkeit). Wir haben es auch gar nicht nöthig, irgendwie aufdringlich bei aitbcrcn Nationen um Liebe zu werben. Wir vraucheil Niemaiiden, wir lwaucheii die Anderen nicht mehr wie die Anderen uns _ brauchen, und wir denken garnicht daran, für irgend jemandes schöne Augen irgendwelche realen deutschen InterepeU zu opfern. Aber jeder Kaufmanii wird Ihnen sagen tonnen, daß Geschäfte nicht nothwendig mit schlechter Manier ge» führt zu werden brauchen. (Sehr richtig!, Grobheit ist doch nicht Wurde und Kratzbürstigkeit ist nicht Festiq- *e’l- nrt®*n ewiges Keifen. Schelten mtb Schimpfen und Nörgeln über das Ausland, wie ich e-5, g(üd> hdjer Werse nur selten, in deutschen Blättern lese, ist doch kein Beweis Tur richtiges Nationalbewußseiii. Chauvinismus und Vaterlandsliebe sind noch lange nickt identische Begriffe. (Sehr wahr!) Wenn die Kunst eines Ministers des Aenßeru lediglich darin bestände, von Zelt zu Zeit mit der Fällst auf den Tisch zu schlagen, dann — ja dann könnte Mancher Minister des Auswärtigen sein. (Große Heiterkeit.) Unsere Ailfgabe liegt nicht darin, daß wir ivie die Indianer bei jeder Gelegenheit den Tomahawk schwingen, und heute diesen, morgen jenen fremden Skalp verlangen. Die Zelten, wo der Deutsche im Auslände und gegenüber dem Auslände zii besckeideil auftrat, die Zeiten sind, 'Gott sei Dank, vorüber, und Sie können versichert sein, daß ich sie nicht wieder herbe,führen werde. Wir wollen es aber auch nicht machen mic der Bauer in der Fabel, der, nachdem er auf der einen Seite vom Gaiil herlintergefallen war, nun schleunigst dafür sorgte, daß er auch auf der anderen Seite heriinterkollerte. Wir wollen nicht in Fehler verfallen, die wir Anderen ost als Hochmuth und Ueberniiith vorgeworsen haben. Wir wollen, was ich einmal mit Bezug auf unsere Politik in Ost- aficit gesagt habe, wir wollen nirgendwo das Aschenbrödel spielen, aber auch nicht den Neiiommisteu, den Großsprecher, sondern den ruhigen, starken Mann, wie c§ einem Deutschen geziemt, der ohne jede Provokation und ohne jedes Malllheldeiith'.im sich und die seinen schützt. (Lebhafter Beifall.) Abg. von Kardorff bemerkt einer Aeußerung des Abg. von Liebermann gegenüber, daß er ihm viele tausend freikonservative Wähler zeigen könnte, die ebenso dächten wie er. Abg. v. Liebermann erwidert, cs sei doch ganz selbstverständlich, daß er ein Ackiver sei, denn er sei doch Mitglied des deutschen Volkes. Die große Heiterkeit bei der Rede deS Reichskanzlers sei also ganz ungerechtfertigt gewesen. Hierauf vertagt das Haus die weitere Berathung au) Donnerstag 1 U h r. Schluß oV Uhr. Parlamentarisches. Berlin, 21. Jan. In einem Artit.l mit der Neber schrift: „Di e Beschränkung der Redefreiheit i nt Reichstage" bemerkt die „Nat.-Ztg." zu dem Verhallten des Reichstags-Präsidenten Grafen Balte st rem: Sollte längere Zeit ein oerartiges Verfahren als statthaft anerkannt werden, so würde die Volksvertretung aufhören das wichtigste Organ der öffentlich e n M e i n u u g zu sein und zu einem bloßen 2lppa- Tat für das Fertigmacheu von Gesetze;!, und Etats herad- sinken. Für die gestrige Verweigerung desjenigen Maßes von Redefreiheit, welches am Tage zuvor dem Zentrum .gewährt wurde, fehle diesmal ein Hinweis, wie er bei der Beratuirg des Antrages Kardorff vorgebracht worden sei. — Tos gestrige Verhalten des Reichstags-Präsidenten :Gvafen B a l l e st r e m gegenüber dem Abg. von Bollma r 'wird auch von den rechtsstehenden Blättern nicht ganz gebilligt. So sagt die „Kreuzztg.": Die ungleiche Stellung des Präsidenten zu der Besprechung des Swinemünder Kaisertelegramms und zu der Krupp- Äsfärc lasse sich schwer rechtfertigen. Am besten wäre es freilich, wenn >vie früher eine Kritik kaiserlicher Kundgebungen überhaupt nicht zulässig wäre. Aehnlich äußerl sich die „Post". Berlin, 21. Jan. Tic Budget-Kommission des preuß. Abgeordnetenhauses hat heute ihre Beratungen mti denl Etat der Toinänenverwaltungen begonnen. Rach längerer Tevatte, in der Minister v. Pvdbielst'i die Not- Tage der Landwirtschaft hervoryoo, wurde der Etat in Einnahmen miö Ausgaben unverändert genehmig t. — Jiil Abgeordneten Hails e wird am Freitag „aus S t o s fm a il gel" leine Sitzung abgehalten locrbcn. An diesem Tage wird die Budget-Kommiftion tagen, nm den Rest des tandwiiuschasllicheu Etats jit beraten, der alsdann lvieder zur zweiten Beratung ans Plenum geh,. Der Gesetzentwurf betreffend die Vorbereitung zum yöhcren Verwatuingsdieust wird am Donnerstag nach der ersten Lesung einer Kommission überwiesen werden. Stettin, 21. Ian. 'n. einer Proviuzial-Versamm- lung des Bundes Der L andwirte erklärte der Freiherr von S tu gen he im auf eine Anfrage, das; er bei den wämsten Suhlen nicht lvieder kandidieren werde, den Z o • s t tz im • ;o? der Landwirte werde er aber weiter f ü h r e u. ,M ü u ch c n, 21. Januar. Die Erwid erung des Re ich. la: ch c r n au; die Ausführungen des Abg. Dr. Schädic■■ S w i n c m ü nderTeleg r a m m des Kaisers an den gcuten sand der „Allg. Jig." zufolge wegen seiner . ■?. losen Lschnheit nub wahrheitsgetreuen Darlegung b . ganzen Angelegenheit.auch am b a h er i sch e n Hofe g r o gen A n t lang. Lviidon, 2!. ch.n. c )raf B ü lotvs Rede lviro in hiesigen 7 mrnngsl^Ml ■ v h r s y in pathis ch beurteilt, da sich i ei darnn da. g Standpunli durchaus mit Balfou . 2 m.Ölungen in seine .- Gu !eHall-Rede deckt. Seine Bemerk n.ber >i,i p l i u g wcroen in hiesige^ gebildeten .-:t r i-dj.i if . o.it । ii s ;i;;it durchaus g reilr. Auch die innn i ::i - ihn in n Ton deS ch.eichs- kanzlers iy.e Anerkennung ,n vcchagen. Jas neueste AttenLüt. Konstantinopel, 21. Jan. Der Apothekerlehrling Agov H a t s ch i k i a n, der das Attentat gegen den armenisch-gregorianischen P a t r i a r ch e n O r m a n i a n verübte, stammt aus Grzerum. Ob er dem armenischen Komitee angehört, ist noch nicht festgestellt. Im ersten Verhör gab er an, er habe beabsichtigt, Ormanian zu töten, iveil dieser ihn seinerzeit habe nusweisen lassen wollen. Er scheint durch die Lektüre armenisch-revolutionärer Schriften und persönlichen .Hast zu der Tat angeregt zu sein. Alle Straßen von Kum Kapn werden militärisch bewacht, um ein weiteres Attentat oder Kundgebungen seitens etwaiger Mitschuldiger Hatschikians, die übrigens ivahrscheinlich nicht vorhanden sind, zu verhindern. Zahlreiche Verhaftungen wurden vor- genommcu. Der Patriarch lvird Mittlvoch nach seiner Wohnung in Pera gebracht werden können. Der Großvezier, Minister, Diplomaten und andere Würdenträger erkundigten sich nach seinem Befinden. In armenischen Kreisen loird Hatschikians Tat allgemein verurteilt, da Ormanian stets sein möglichstes zu gunsteu der Armenier bei der Pforte getan habe. Polizeilicherseits wirb auch bestritten, daß oem Patriarchen in neuerer Zeit Drohbriefe des armenischen Komitees zugegangen seien. Heer und Flotte. Dresden, 21. Jan. Tas „Dresd. Journ." meldet: Gestern wohnte der Kronprinz in seiner Eigenschaft als kommandierender General des 12. Armeekorps im Neu- städtischen Kasino einem Vortrage über Maschinengewehrabteilungen bei und beteiligte sich an dem anschließenden gemeinsamen Abendessen. Stuttgart, 2i. Jan. Der kürzlich wegen Z w e i - k a in p । s zu drei Monaten Festung, verurteilte Generalmajor v. Paezenölh, Kommandeur der 52. Brigade, ist durch königliche Verfügung dieser Stellung enthoben. Aus Studl mtb Zand. ** Personalncr ch richt e n. Verliehen wurde am 3. Dezember v. I. dem Eisenbahnsekretär und seitherigen Vorsteher der Verkehrskontrolle I der Königl. Preußischen und Großh. Hessischen Eisenbahndirertionen Mainz, Rech- nungsrat Friedrich Jannicke die Krone zum Ritterkreuz 2. -Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmütigen, dem Loiomotivführer in der Hessisch-Preußischen Gisenbahn- gemeinschaft Wilhelm Gunkel zu .Hanau das Allgemeine Ehrenzeichen mit der Inschrift „Für treue Dienste", dem Bahnwärter in der Hessisch-Preußischen Eisenbahugemein- schast Christian Dickel zu Hergersdorf das Allgemeine Ehrenzeichen mit der Inschrift „Für treue Dienste" — aus Anlaß ihrer Versetzung in den Ruhestands ferner dem Werkstättenarbeiter in der Hessisch-Preußischen Giscnbahugemein- jchaft Valentin Vnrt'art hi Bingen aus Anlaß seines Ausscheidens aus dem Staatseisenbahn-Werkstättendienst das Allgemeine Ehrenzeichen mit der Inschrift „Für treue Arbeit". — Ernannt wurde am 17. Januar o. I. der Geometer 1. Klasse Philipp Schmidr aus Darmstadt zum Katasteringenieur bei dem Katasteramt. ' . i 1.1chsban V. Am 9. Februar wird in .Halberstadt an v.. ; i. iv o e 'N stelle eine dem ReichSbanldirektorium unmittelbar untergeordnete Reichsbank stelle errichtet werden. Grün berg, 19. Jan. Lehrer Jakob von Wetterfeld hat die Absicht, das Lutherfestspiel von Hans Herrig hier in der Turnhalle zur Aufführung zu bringen. — Die durch den plötzlichen Tod des Dr. Busch erledigte Rektoratsstelle an der hiesigen höheren Bürgerschule wird durch Lehr- amtZassessor Bernius, seither am Nealgymnasium in Darmstadt provisorisch versehen. — Am 18. d. Mts. wurde hier eine Vorturnerstunde des Bezirks Gießen abgehalten. Vertreten tvaren hierbei die Vereine Daubringen, Gießen („Turnverein" und „Manner-Turnverein"), Großen- Buseck, Großen-Linden, Grünberg, Heuchelheim, Klein-Linden, Krofdorf, Laubach, LaunSbach, Leihgestern, Lich, Lollar, Staufenberg und Wetzlar mit zusammen 38 Vorturnern. Nachdem der erste Bezirtsturnwart, Wigandt-Gießen, die Turner begrüßt, wurden, so lesen wir im „Gr. Anz.", unter Leitung des zweiten BezirkSturnwartes, Schmidt-Grünberg, die turnerischen Hebungen vorgenommen, welche ein erfreuliches Bild turnerischer Leistungsfähigkeit darboten. Dann folgten einige Stunden in fröhlicher Geselligkeit im „Wilden Mann" bei 9lnsprachen und Liederoortrögen. Gau- turmvart Will-Wetzlar sprach sich sehr lobend über die Tätigkeit des hiesigen Vereins aus. Kleine M i 11 c i lu n g c n aus Hess en und den Nachbarstaaten. In Mainz stürzte ein als Dachdecker beschäftigter Arbeiter in der Wallaustraße vom Dache, wo er Reparaturen vorzunehmen hotte, in den Hof. Gr erlitt hierbei so schwere innere Verletzungen, daß der Tod sofort eintrat. — Nach einer in Mainz eingetroffenen Anzeige ist ein junger Mainzer, der in einer sächsischen Stadt als Schauspieler engagiert war, mit der 19jährigen Tochter seines Direktors dlcrchgebrannt. In einem hinterlassenen Schreiben geben sie au, sich nach der Schweiz gewendet zu haben. — In Frankfurt wurde der Gatteumörder Klotzbach von der Polizei in der Schäfergasse sestgenommen. Klotzbach ist .*35 Jayre alt und stammt aus Lecbholz, Regierungsbezirk Kassel. Dcnolte Meldnilgeii. Originaldrahtmeldnttücn Les Giestencr Anzeigers. Madrid, 22. Jan. Der Ministerpräsident erklärte das Gerücht, Spanien u n d E n g l a n d hätten sich vereinigt zu g e m e i n s a m c r A k t i o n t n Marokko, für falsch; ebeuso unrichtig sei die Nachricht von. der Berecnigung des Kriegs- und des Marineministeriums zu einem Ministerium. — Der Herzog von De tu au ist schwer erkrankt und wird morgen mit deu Sterbesa kramen- t c n versehen werden. I v h a n n e § b u r g, 22. Jan. Chamberlain und M i l» er hatten mit Grubenmrtreteru eine Besprechung zur Beschaffung von e i u g e b o r c n e n A r b e i t e r n. Chamberlain versprach seinen Ginfluß im auswärtigen Amte dahin geltend zu machen, daß die Grenzen oeu übrigen afrikanischen Provinzen zur C.gtznzung des A'.oeiierstandes geöffnet werden. Caracas, 22. Jan. Bei dem letzten Zusammenstoß der Rcgierungsrrupperi und der Aufstäudis. < n 1; t en die letzteren einen Verlust von 2CO Mann. ! rjgifl •"W** L«- lUiCtgCT »rtf «ftm WJ'j' mu6tt b#rnt etobffl W He Leiöensthast b Mtte der -cm-ler so hätte er an dn in ZlionS Burg to sntige Uebertrewi tobe dann,- wenn vilsen Empslndm Me er die Politik rntwortuna trägt )ntereffe der vc kpnichlveiäheiten DaS Königen Wg. Venn Graf Mitunter kommt Woratsherr vor btb tmlegte, da Me Maßregel ha imchgesetzt, geh)i| Sjsener und die B Äorsthen von der Mtischen Lagern Mn. Volksztg/tz im Hause selbst t Loschen begrüßt I Geheanr Väte nie | dm Afe äyenen handelnd mit feinem jüngs die schlimmsten s ! auf der Bank der Franh Dallesttm unschöhbaren Sier stöhlicyes einem AMM Mg h baS [oM wnhnntteicinti tjeben, M die W'feWtSleb, Brö iialbfmofraHt ist ni ; * rechten tot I: ^" ^rren Lmger m kl fafen ht bt! «nt ffiiatü ‘Jorbefi npii toit bcn , •JUniQmen ? JSS ab ! MR (1484) 1