Nr. LK8 ZweLtes Matt. 153. Jahrgang Montag 21. Dezember 1909 Erschein täglich mV Ausnahme des Sonntags. DU „Giehene. Aamilienblatter" werden dem »Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal. Giehener Anzeiger Verantwortlich für den allgemeinen Teil: ssZ. Wittko; für den Anzeigenteil: H. Beck. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu UnwersuatSdruckerei (Pietsch Erben), Dreßen. General-Anzeiger, Amis- und Anzeigeblatt für den Ureis Kietzen. II wu mtonw.».! . u.~ . ■. wr.w.—i t>i . —U« —Hl ■IIHI HIT Are Heutige Yummer umfaßt 12 Seiten. Aer Kaiser in Kannover. Hannover, 19. Dezember. Der Kaiser fuhr heute vormittag gegen 10 Uhr in offenem Wagen zum Festgottesdienst in die Garmson- klrche. Der Monarch, der die Uniform der Königs-Ulanen trug, sprang mit großer Lebendigkeit und Frische aus dem Wagen, schritt die Front der Ehrenkompagnie, die vor der Kirche ausgestellt war, ab und begab sich dann in das Gotteshaus. Hinter ihm schritt die Fahnenkompagnie, welche zu beiden Seiten deS Altars sich gruppierte. Die Festrede hielt Konsistorialrat Dr. Rocholl. Sofort nach Beendigilng des Gottesdienstes begab sich der Kaiser zu Pferde zur Parade aus den Waterloo-Platz. Hier hatten die drei jubilierenden Regimenter, das Füsilierregiment Nr. 73, das Ulanen- Regiinent Nr. 13 und das Feldartillerie - Regiment Nr. 10, Kavallerie und Artillerie zu Fuß, mit den Kriegervereinen und ehemaligen Regiments-Angehörigen Ausstellung genommen. Der Kaiser ritt die Front ab, wobei er mehrfach Veteranen ansprach. Hierauf ließ der Kaiser durch den Ehej des Nlilitärkabinets, Graf Hülsen-Haeseler, eine Kabinets- ordre verlesen, in der es nach einem geschichtlichen Rückblick auf die Entstehung der deutschen Legion und ihre Taten folgenderniaßcn heißt: „Ter Ruhm der Väter ist der Söhne Ehre, der unerschöpfliche Jungbrunnen, aus dem sie fort und fort Kraft schöpfen, es diesen gleichzutun, ein Hort der eigenen Ehre in sturmbewegter Zelt. Freudigen Herzens und in vollem Vertrauen schenkte ich deshalb meinem Heere die großen Ermnerungelr der Legion, indem ich sie in den Truppenteilen zu neuem Leben erweckte, m denen früher die haniioverjchen Krieger Schulter an Schulter nut den altpreußischen Kameraden kämpften und an den Tagen von Eolombey, Vwnville, Beaune la Rolande und im Jura den Ruhm ihrer Fahlieri erneuerten. Möge es diesen Regimentern und Bataillonen, mit denen ich heute den hundertjährigen Sliitungstag der Legion festlich begehe, nie a»i Wtännern fehlen, die wie die sind, die freudig Blut undLeben für dieEhre undGröße des Vaterlandes dahingegeben haben. Das walte Gott!" Haniiooer, 19. Dezember 1903. gez. Wilhelm L E. In einer Ansprache dankte sodann der kommandlerende General v. Stünzner für die hohe Ehre und Gnadenbcweise, welche den Regimentern zuteil geworden seien, und versicherte in deren Namen, daß dieselben ihre alten Traditionen jederzeit hochhalten Werden. Die Reoe schloß mit einem dreifachen Hurra aus den Kaiser. Es folgte ein Parademarsch in Zügen zu Fuß. Hierbei führte Prinz Albrecht sein Regiment Nr. 73 und der Kaiser die Königsulanen. Nachdem der Kaiser eine Reihe militärischer Meldungen auf dem Paradeplatze entgegengenommen hatte, setzte er sich an die Spitze der Fahnenkompagnie und ritt mit dem Prinzen Albrecht nach dem Schlöffe zurück. Nach 1 Uhr fand im Schlosse Frühstückstafel statt, an der auch Prinz Albrecht teilnahm. Eine weitere Ka binetsordre wurde bekannt gemacht, in welcher die Stiftung einer Denkmünze zur Erinnerung an die Jubiläumsfeier mitgeteilt wird. Die Denkmünze ist aus Bronze und zeigt auf der Vorderseite die Waterloo-Säule, auf der Rückseite das Datum der Stiftung und des Jubiläumstages. Die Denkmünze wird am Bande des allgemeinen Ehrenzeichens auf der Brust getragen. Sie wird allen jetzigen und früheren Regimentsangehörigen zuteil, soweit diese an der JubiläuiOsfeier teilnahmen. Ferner wird den Offizieren der ehemaligen hannoverschen Armee die Erlaubnis erteilt, die jetzige Uniform der Regimenter zu tragen. Auf Befehl des Kapers fiel heute aus Anlaß des kaiserlichen Besuches der Unterricht in den Schulen aus. Im Festsaal des „Tivoli* sand heute nachmittag das militärische Festmahl statt, an dem der Kaiser, Prinz Albrecht von Preußen, Graf Waldersee, Kriegsminister v. Einem und viele höhere Offiziere sowie der Syndikus der Stadt Hannover, Eye, teilnahmen. Prinz Albrecht hielt im Laufe des Mahles einen Trinkspruch, in dem er den Kaiser im Flamen der drei Regimenter und der unzähligen alten Kameraden für die vielen Huldbeweise dankte und die Glückwünsche zur Herstellung des Kaisers darbrachte. Der Prinzregent schloß mit einem dreifachen Hoch aus den Kaiser. Der Kaiser erwiderte darauf folgendes: „Wlit herzlichem Tank erhebe ich mein Glas und wünsche, daß ein jeder von Ihnen mir nachtut nut dem Rückblick auf die Vergangenheit auf das Wohl der „d e u t s ch e n L e g i o n", in Erinnerung an ihre unvergleichlichen Taten, welche tm Verein mit Blücher und den Preußen bei Waterloo das englische Heer vordem Untergang retteten, sowie auf die Vergangenheit von 1866, wo tapfer, brav und unerschrocken der blanke Heerschild hannoverscher Ehre hoch und blank gehalten wurde, auf die Vergangenheit von 1870, darunter auf den Helden von Beaume-la-Rolande, der leider nicht mehr unter uns ist, auf die Gegenwart, die hier versammelt ist, und die ich von Herzen begrüße, und auf die Zukunft, die in den drei Regimentern verbürgt ist und welche ebenso glänzend und ebenso blank, rein und schön sein möge, wie die Vergangenheit. Das ist die Ausgabe, die ich den Regimentern stelle. Die deutsche Legion und ihre Traditionen: Hurra, hurra, hurra!* Während des Festmahls unterhielt sich der Kaiser in bester Laune sehr lebhaft mit den Herren der Umgebung. Der Kaiser, der sehr laut und vernehmlich gesprochen hatte, begab sich um 6 i/2 Uhr in die Wohnung des Obersten v. Heyden-Linden, wo die Damen des Regiments versammelt waren, und nahm dort den Tee ein. Um 7 Uhr begann im Königlichen Theater die auf kaiserlichen Befehl veranstaltete Festvorstellung. Als der Kaiser die große Hofloge betrat, brachte das Publikum ein dreifaches Hurra aus. Der Kaiser dankte sehr freundlich und nahm Platz zwischen dem Prinzen Albrecht und dem Grafen Waldersee. Gegeben wurde „Waterloo*, Soldatenszenen aus hundert Jahren, von Frhrn. v. Omptcda. Unter andauernden Hochrufen der Festversammlung verließ der Kaiser nach der Vorstellung den Theatersaal und begab sich nach der Wohnung des Obersten v. Heyden-Linden, wo die Damen des Königsulanen-Ntegiments versammelt waren, und nahm dort den Tee ein. Abends fanden überall in der Stadt in den größeren Etabliffements Regimentsfeiern der ehemaligen Kameraden statt. Han nover, 20. Dez. Der Kaiser besuchte heute vormittag das Vaterländische Museum und wohnte um 11 Uhr dem Festgottesdienst in der Schloßkirche bei. Er besichtigte später das Provinzialmuseuni und stattete der Gräfin Waldersee einen Besuch ab. Um ein Uhr fand größere Frühstückstafel im Schloß statt, zu der zahlreiche Einladungen ergangen waren. An der Tafel im Rittersaal saß der Kaiser, ihm gegenüber Prinz Albrecht, rechts vom Kaiser Generrlseldmarschall Graf Waldersee u. s. w., links der kommandierende General des zehnten Armeekorps v. Stünzner u. s. w. Rechts vom Prinzen Albrecht saßen der Kriegsminister v. Einem 2C. Es waren ferner Einladungen ergangen an die alten hannoverschen Offiziere, die in den drei feiernden Regimentern gedient hatten, | an ehemalige preußische Offiziere derselben, hannoversche' I Offiziere anderer ehemaliger hannoverscher Regimenter und an das Offizierkorps der drei feiernden Regimenter. Der' Kaiser war bei der Tafel auch heute m heiter st erLaune, plauderte lebhaft und trank vielen in der Umgebung sitzenden alten Herren zu. Nach der Tafel hielt der Kaiser längeren Cercle ab. Der Kaiser ist heute nachmittag um 4 Uhr nach Wildpark ab gereist. Das Publikum brachte ihm bei der Fahrt zum Bahnhofe wie bei den im Laufe des Vormittags unter* iiommcnen Wagenfahrten lebhafte Huldigungen dar. Kailamerttansches aus Kessen. Eine Anfrage des Abg. Hauck hat folgenden Wortlaute Bereits am 6. Juli 1901 erfolgte die Bürgermeister- wahl in Klein-Umstadt. Seitens mehrerer Bürger von' Klein-Umstadt wurde Reklamation gegen die Giltigkeit der Wahl beim Kreisausschuß erhoben, welcher jedoch die Rekla-^ rnation als unbegründet zurückwies. Gegen dieses Urteil- wurde Rekurs beim Provinzialausschuß erhoben. Aber auch diese Instanz verwarf die Reklamation als unbegründet. Trotzdem nun seit der Wahl ein Zeitraum von nahezu 2 Vr Jahren verfloßen ist, so ist bis jetzt weder die Bestätigung des gewählten Bürgermeisters noch die Versagung derselben erfolgt. Wie anderwärts, so auch hier, hat die Bürgermeisterwahl leider die traurigsten Erscheinungen im Gefolge, welche die wirtschaftlichen und moralischen Verhältnisse der Gemeinde aus das Tiefste schädigen. Ich frage deshalb bei? der Regierung an: ob es nach ihrer Ansicht nicht möglich ist, diesem unhaltbaren Provisorium nach Lage der Verhältnisse,^ entweder durch die Bestätigung des Bürgermeisters oder Anordnung einer Neuwahl, unter Hinweis der ganz eigenartigen Verhältnisse in Klein-Umstadt, ein Ende zu bereiten. Im Allerhöchsten Auftrag S. K. H. des Großherzog^ legte das Ministerium einen Gesetzentwurf, Aenderung deS Artikels 1 des Gesetzes, die GehaltS der Volksschullehrer betreffend, vom 2. Januar 1901, nebst Motiven, den Ständen vor. Gesetzentwurf, betreffend Aenderung des Artikels 1 des Gesetzes, die Gehalte der Volksschullehrer betreffend, vom 2. Januar 1901. Ernst Ludwig von Gottes Gnaden Großherzog von Hessen und bei Rhein 2C. Der einzige Artikel lautet: Der Absatz 1 des Artikels 1 des Gesetzes erhält! folgende Fassung: „Die definitiv angestellten Lehrer an Vollst schulen haben: im 1.— 3, Dienstjahre einen Gehalt von 1100 Ml. , 4.— 6. , ... 1250 , ,7.-9. , . , , 1400 , , 10.-12. . , , , 1550 , , 13.-15. „ . , , 1700 , , 16.-18. , , , , 1850 , , 19.-21. , , , , 2000 , , 22.-24. , , , , 2200 „ „ 25.-27. , , , , 2400 , , 28.-30. , , , , 2600 , vom 31. Dienstjahr an „ „ „ 2800 „ zu beziehen." In den Motiven wird u. a. mitgcteUt, daß, wenn man die Gehalte der hessischen Volksschullehrer mit denen ihrer Amtsgenoffen in anderen Staaten des Reiches vergleicht, Hessen, wie vor drei Jahren, immer noch in erster Reihe steht. Die Abg. Erk und Brauer beantragen, die Regierung zu ersuchen, beim Bundesrat dahin zu wirken, daß die Be- Berlin, 19. Dez. H alb e's Schauspiel „Der Strom" (Verlag von Georg Bondi in Berlin) wurde im1 Neuen Theater mit lebhaftem Beifall ausgenommen. Tie Ausführung, zu deren Gelingen die Herren Reicher, Winterstein und Licho und Frau Sorma viel beitrugen, war vortrefflich — Aus Anlaß des 100 jährigen Todestages Herders fanden in allen wissenschaftlichen Gesellschaften und sonstigen Vereinigungen in Mitau und Riga feierliche öffentliche Sitzungen statt. Die deutschen uno baltischen Blätter' feiern die Bedeutung Herders in zahlreichen Artikeln. Ami Denkmale Herders in Riga wuroen Kränze niedergelegt. Sch neeberg-Neu st ädtel, 20. Dez. Gestern starb, 75 Jahre alt, der Seminaroberlehrer Dr. Köhler, der Begründer des Erz-gebirgsvereins und bekannt durch wissenschaftliche Arbeiten auf dem Gebiete der Naturwisjen-^ schäften und der Volkskunde. Professor Ludwig Habich wird, wie man der „Kunst für Alle" schreibt, das Bismarckdenkmal auf d em Ludwigsplatz zu Darmstadt als großen Mo- numentbrunnen in Form einer riesigen Kaiserkrone ausführen. Den Abschluß nach oben soll ein jugendlicher Siegfried bilden, der den Drachen tötet. die Sehnsucht nach dem Bessern weckten und diesem Bessern zum <Ä.ege, zum Lichte verhalfen. Als praktisches Hilss- mittel wandten die obscuri viri die Satire an; der tollste Schalk schien ihre Episteln unter lustigstem Schellengeklingel geschrieben zu haben — deshalb waren fie auch so gern gelesen, immer und immer wieder gelesen, bis danw endlich ihr tiefer Zweck hellleuchtend vor den Augen dev erstaunten Oeffentlichkeit austauchte und zu Nachdenken und Tat anfeuerte. Bisher galten die „Dunkelmänner-- briefe" wegen des furchtbaren „Küchenlateins", in deut sie geschrieben sind, für unübersetzbar; jetzt liegt die überhaupt erfte Verdeutschung vor, und zwar gebüürt das^ Verdienst, sie hergestellt zu haben, Dr. W. Binder. ZeuMeton. ** Den kmäler. Man schreibt uns aus dem Vogel s b e rge : Seit langem haben die Staatsbehörden Zeugen früher Kulturepochen zu schützen gesucht, und neuerdings hat sich ein Verein den Schutz alter Kunstwerke zur ausschließlichen Aufgabe gemacht, welchem Bestreben man gewiß von allen Seiten warme Sympathien entgegen- bMNgen wird. Um so ausfallender ist es, daß man em bochst seltenes Denkmal der gotischen Kunst ungeschützt verfallen läßt, weil schnöder Egoismus und krassester Aberglaube einiger Gemeindemitglieder hindernd im Wege stehen. Ich meine das gotische Taufbecken vor der Totenkapelle bei Meiches, im Vogelsberg. Im Volksmund heißt es „der Bonifatius- t auf st ein"; doch stammt er aus viel späterer Zeit und trägt meines Wissens die Jahreszahl 1051. Dieser Taufstein ist vor dem Eingang zur Totenkircye auf dem dortigen, hoch und exponiert gelegenen Friedhöfe angebracht und so jahraus jahrein dem Wind und Wetter ausgesetzt! Es wäre eine Kleinigkeit, ihn iu der Kapelle selbst unterzubringen, was schon allein der rings aus ihm angebrachten Skulpturen wegen, worunter sich der Kamps Ritter Georgs mit dem Drachen befindet, speziell um dreje zu erhalten, geschahen nmßte. Hier hat eben bte Geschichte einen Haken! Das Regenwasser, das sich m dem Taufbecken ansammelt, gilt im Volke als ein Allherlmittel gegen alle möglichen Augenkrankheiten und wird deshalb eifrigst gesammelt Mid flaschenweise versandt selbst bis nach Amerika! Also Mnwder Gewinnsucht ilU Liebe muß hier ein wertvolles, in seiner Art einzig da- stebendes Werk einer früheren Kulturepoche verfallen, lvenn nicht irgendwie noch ein Schutz dagegen geschaffen wird. Außerdem würde es auch gar nichts schaden wenn man auf die uralte Baumgruppe, die diese malerischealt« Kultstätte krönt, em besseres Augenmerk richten lm^de, als bisher geschehen ist, $9- Sch- _ Kinderlust. Herausgegeben von , Frida Schanz. 9. Jahrgung. (Velhageu & Maserig m Bielefeld.) Mit 12 Vollbitoern nach Kuniiwerken beliebter Maler und erläuternden Abbildungen in Bunt- und Schwarzdruck. Erzählungen, Märchen, beschreibende Aufsätze, Gedichte, wechseln miteinander ob. Zu den Reproduktionen bekannter Bilder sind hübsche Texte in gebundener Form geliefert. Als Illustrator hat Arpad Schmidhammer mit seinen humorvollen, scharf gezeicyneten und mit wenigen Farben klar kolorierten, hiiniorvollen Bildern den rechten Stil getroffen. Ein reizendes Weihnachtsgeschenk! — „Das System der technischen Arbeit" betitelt sich ein groß angelegtes Werk von hervorragender Bedeutung, das den Grazer ordentlichen Professor Max Kraft zum Verfasser hat. (In 4 Abtlgn., Verlag von Arthur Felix in Leipzig,.) Wilh. Jordan nennt in seinem gewaltigen Mbelungenepos den Techniker den „Meister der Erde, über Land und Meer, über Lust und Freud". Die Lösung der Rätsel der Welt kann ohne das „Unbegreiflich Große", das er geschaffen hat, nicht gelingen. Jedenfalls ist der Antell der technischen Arbeit an der Kulturtätigkeit der Menschheit von immenser Größe. Es ist unmöglich- im einzelnen auf das umsangreiche Werk Krafts an dieser Stelle einzugehen; es seien darauf hier mir in Kürze alle, die der technischen Arbeit chre Kraft, und auch alle, die ihr Aufmerksamkeit und Verständnis widmen, hingewiesen. — „Briefe von Dunkelmännern". Von Dr. W. Binder. Erste deutswe Uebersetzung. —, C. Seiferts Verlag, Köstritz i. Th. — Eleg. geb. 3 Mk. In die verrotteten kirchlichen und sittlichen Verhältnisse um den Anfang des 16. Jahrhunderts herum zuckte mancher grelle Blitz hinein, der die bevorstehende Reinigung der stinkigen Athmosphäre ankündigte und vorbereitete. Einer der wirksamsten ging aus den verborgenen Arbeitsstätten tief- erster Denker und Streiter aus, die der Oeffentlichkeit zwar nicht ihren Namen nannten, aber dock) sicher mit Ulrich von Hutten in engste Verbindung gebracht werden tonnen. Wir meinen du episdolue objeurorum vicorum, die gegen „Unglauben, Aberglauben und andere große Schande und Laster" so unoarmherzm zu Felde zogen, die ganze Zermiiunheit und Wurmsua-igtell des sozialen und tirchlichen Lebens einer verrotteten Zett darlegten, pfanminigcn über Sonntag 5 r u f) e itnb 9tnd^tdrbcit nur aus Dampfmühlen, nicht aber auf Mühlen, die durch unregelmäßige Wasserkraft betrieben werden und drei oder veniger Arbeiter beschäftigen, zur Anwendung kommen. Abg. Weidner fragt an, warum: 1. die Kosten für tierärztliche Ueberwachung der Viehmärkte, die lediglich, oder doch vornehmlich im Interesse einer Viehzucht treibenden Gegend Hessens abgehalten werden, entgegen den Beschlüssen der beiden Ständekammern, nach wie vor zum größten Teil von den resp. Gemeinden getragen werden müssen; 2. diese Kosten den Rahmen der den überwachenden Tierärzten für Staatsgeschäfte zugesicherten Diätensätze über- ischreiten. Politische Tagesschau. Ein parlamentarischer Abend in München. Beim bayerischen Ministerpräsidenten Frhrn. v. P o d e- w>'ils hat dieser Tage ein parlamentarischer Abend statt- Hefunden, der erste, den man in München erlebt hat. Zn den parlamentarischen Abenden beim Reichskanzler sind bekanntlich bloß die Reichstagsmitglieder geladen, die vorher ihre Karten abgegeben hatten. Dementsprechend hat niemals >ein Sozialdemokrat an den parlamentarischen Abende:: in Berlin teilgenommen. Anders, wie männiglich bekannt, in Da rmstadt und anders auch in München. Da die baye- Lischen Abgeordneten, Ausnahmen abgerechnet, ihre Karten in München nicht beim Ministerprä)identen abgaben, ist die Absicht, das Berliner Vorbild nachFuahmen, fiüher nie- Müs zur Ausführung gelangt. Herr v. Podewils scheint sich über diese Formfrage hinweg gesetzt zu haben, und das be- immckenswerte Bild, daß Angehörige aller Parteien, Einschließlich der Sozialdemokraten, die eleganten Räume des in seinem Aeußern nicht gerade hervorragenden Ministerialgebäudes am Promenadenplatz zu «München füllten, hat ihm recht gegeben Gin derartig anregender und ungezwungener persönlicher Verkehr kann, Ä> gibt jetzt auch bte ,Löln. Ztg." zu, nicht verfehlen, den Menschen dem Menschen, gleichviel, ob er Liberaler, Sozialdemokrat oder Zentrums- lmann sei, näher zu bringen, und auf das Verhältnis der Parteien zu einander einen günstigen Einfluß auszuüben Obwohl, so fährt das genannte Blatt fort, bekanntlich in Darmstadt ein Sozialdemokrat sogar einmal zu Hose gegangen ist und mit dem Großherzvg ein sehr interessantes Gespräch geführt hat, (Tas stimmt nicht. Dieses „sehr interessante sGespräch" waren in Wahrheit Plaudereien von wenigen Minuten gelegentlich der beiden letzten vom Präsidenten der 2, Hess. Kammer Geheimrat Haas veranstalteten ,^parlamentarischen Abende". D. Red. des Gieß. Anz.) haben sich die Sozialdemokraten im allgemeineu nirgendwo in Deutschland an parlamentarischen Wenden beteiligt. Bekannt ist nur, daß eine zeitlang in Dresden eine Alls nähme gemacht wurde .Tatsächlich waren außer dem wegen Krankheit an der Riviera weilenden Herrn v. Bo Ilmar und außer dem durch dringende Arbeiten jern gehalt en en Herrn Segitz alle Mitglieder der Fraktion anwesend. Die Herren dürsten den -Eindruck mit nach Hause genommen Haden, daß, wenn in solche liebenswürdiger Weise die Honneurs gemacht werden, wie dies seitens des Ministerpräsidenten und seiner Gemahlin geschah, Frack und Orden durchaus kein Hindernis der Behaglichkeit sind. Auch die übrigen Mitglieder beider Kammern waren, den schwer er tranken Präsidenten des Reichsrats Grasen v. Lerchenfeld abgerechnet, nahezu vollzählig erschienen. Von sraktionsmäßiger Gruppierung konnte 'keine Rede sein, und die während der letzten Wochen aus- Vefochtenen parlamentarischen Kämpfe schienen für einige Stunden eitel Eintracht und harmonischen GedankenauS- ^tausch hinter lassen zu haben. Parlamentarisches. Im preuß. Landtage steht die Einbringung einer Novelle ßum Vereinsgesetz vom 11. März 1850 in Aussicht, durch welche die zurzeit bestehenden Beschränkungen der Frauen in der Teilnahme an politischen Vereinen und an den von solchen veranstalleten Versaminlungen in der Hauptsache beseitigt werden sollen. Kirche und Schule. Rom,19.Dez. Die Millionen-Affäre des Vatikan gewinnt an Kuriosität. Die ernsten katholischen Blätter ^L’Avenire“ und „La Difesa“ bestätigen, daß Kardinal Göttin dem Papst 3 4, nicht wie die „Tribuna" sagte, 40 Millionen übergab. „Giornale d’ltalia* erklärt, autorisiert zu sein, alles zu dementieren, die „Tribuna" hingegen hält die Meldungen aufrecht, höchstens modifiziert sie die Höhe der Summe, die Gotti brachte, und die in der Privat-Bibliothek gefunden wurde. Außerdem erzählt sie ebenso wie „Italie“ allerlei Anekdoten über Leos Mißtrauen und Manie, Wertsachen in Geheimfächern zu verstecken. Was die wirkliche Wahrheit ist, läßt sich nicht heraussinden, da die offiziösen Blätter des Vatikans schweigen. Nur der Papst und sein Staatssekretär wißen vielleicht, über welche Reichtümer der Vatikan verfügt, aber sie werden wohl niemanden ins Vertrauen ziehen. Aus SIM und KaM Gießen, den 21. Dezember 1903. ** Falsches Gerücht. Ende der vorigen Woche ging bas Gerücht durch die Stadt, in der höheren und erweiterten Mädchenschule sei eine beträchtliche Anzahl von Schülerinnen an Scharlach erkrankt. Wirerfahren von zuständiger Seite, daß die Zahl der scharlachkranken Mädchen keineswegs größer ist als in früheren Jahren zu derselben Zeit. Scharlach gehört ja leider auch zu den Krankheiten, die in jedem Jahre auftreten; glücklicherweise aber sind seit langer Zeit, und auch in diesem Winter, an der oben genannten Schule die Erkrankungen aus wenige Fälle beschränkt geblieben. ** Vo r Weihnachten! Tas herrliche Ehristfest, v-ou welchem uns nur noch, wenige Tage trennen, wirst seinen Glanz bereits in die Herzen von jung und alt, groß unb klein. Kein Fest berührt das Denken und Fühlen der Menschen in dem Maße wie das Weihnachtssest. Kein Fest ist so geeignet, den Geist für inniges Familienleben und wahre Menschenfreundlichkeit so zu beleben, zu erstischen Und zu fräftigen, wie dieses, den Geist zu bilden, der die Grundlage gibt zur festgekitteten Organlsation des mensch^ sichen Zusammenlebens, sowie zum Wohlbefinden und zur Zufriedenheit des einzelnen, der Lum Weihnachjtsfeste von Neuem auflebt im Jubel seiner Kinderschar! Wenn auch der ernste Familienvater nicht mit so leicht entzündbarem Kindesherzen in den Weihnachlsjubel ein zu stimm en vermag, so sind es doch gerade die F-amiliensteuden und Vorau die Weihnachtsfreuden mit ihrer halb kirchlichen halb familiären Stimmung^ die ihm die Schwere des oft rauhen Eidenlebens leichter und erträglicher machen, ihn wenigstens für vieles Trübe durch wahres Wohlggesühl entschädigen, und ihn geschickt machen, die Liebe, welche dieses Fest predigt, auch auf die außerfamiliären Verhältnisse zu übertragen. Weihnachten ist das Fest der Lichter. Nach Licht strebt der Dtensch von Jugend auf. Viel muß in der jetzigen Zeit gelernt werden, damit es hell werde in Haus und Staat. Allein was bemerkt man? Tre Tunke 1- hett des Hasses und Streites beherrscht sehr ost die häuslichen, ganz allgemein aber unsere wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse. Streit verdunkett! Tas konsequente voreingenommene Bestehen auf einem Standpunkte macht engherzig und kurzsichtig. 9tur das Streben nach Licht und Wahrheit führt zur wahren Erkenntnis. Nicht jeder kann ein lichthelles Weihnachten feiern. Das sind die Schattenseiten dieses Lichtersestes. Es bringt auch dre krassen Gegensätze vom Ueberfluß und Mangel zur Anschauung. Darum ist es aber gerade ein christliches Fest, daß es den lehren soll, dem der Güte Menge beschert ist, seine Hand aufzuten für die Armen, damit das Himmels- licht ihr Herz erleuchte mit der Erkenrttnis, daß Geben seliger ist als Nehmen! § Schotten, 19. Dez. In der letzten Nummer des Kreisblattes steht folgende komische Anzeige aus Kaulstos: „Meine Frau ist mir verloren gegangen. Der redliche Finder wird gebeten, dieselbe zu behalten." H.S. Darmstadt, 15. Dez. Ter Vorstand des Hessischen Hauptvereins des Evangelischen Vmtdes hielt am 14. d. M. im „Basler Hof" zu Frankfurt a. M. seine diesjährige Sitzung mit den Abgeordneten der Zweigvereine. Erschienen waren die Vertreter der Zweigvereine Alsfeld, Bensheim, Tarmstadt, Eichloch, Flonheim, Friedberg> Groß-Gerau, Groß-Umstadt, Grünberg, Heppenheim, Mainz, Michelstadt, 9hi>t)a, Offenbach, Ruppertsburg Selters, Ueberau, Wald- Michelbach, Winipfen uiid Worms. Ter Vorsitzende des Zweigvereins G.eßen, Herr Landgerichts rat Schmeckenbecher, war leider verhindert. Ter Hauptverem zählt zurzett in Starkenburg 4276, in Rheinhessen 2179, in Ob er Hessen 941 zahlende Mitglieder, wozu noch drei angeschlossene Vereine mit 577 Mitgliedern kommen. Nach eingehender Besprechung wurde d:e Grütidung eines offiziellen Organs des hessischen Hauptvereins beschlossen, das unter dem Titel hessische Dundesblätter" vom L Januar an monatlich ein- inal erscheinen soll. Es wird sich an das von Pfarrer Dr. Weitbrech-t geleitete Organ des Württembergischen Hauptvereins anlehnen und von Herrn Pfarrer Berck in Wald- Michelbach redigiert werden. Aus Anlaß des erfolgten Zusammenschlusses der deutschen evangelischen Landeskirchen und der ersten Veröffentlichung des Teutjch-evangeliichen Kirchenausschusses wurde eine Tankeskundgebung an Groß- herzogliches^ O berko ns istorium beschlossen uiid die tatkräftige Förderung, deren sich die Bestrebungen des Hllfsausschusses zur Unterstützung der evangelischen Bewegung in Oesterreich bei unserer obersten KrrchenbeHörde stets zu erfreuen haben, ebenfalls mit gebührendem Tanke hervorgeyoben. Schließlich fand auf Antrag von Herrn Pfarrer Frusch von Ruppertsburg folgende Replution Annahme: „Aus Anlaß des Falles Heckenroth erklären wir, um Mißverständnisse zu beseitigen, daß der Evangelische Bund politisch neutral Ist, also weder die liberalen, noch die konservativen Parteien als solche uitterstützt oder bekämpft. Er will- vielmehr alle wirklichen Freunde der evangellschen Kirche einen, damit sie gemeinsam ihre Feinde bekämpfen und die evangelische Kirche fördern." Uermischles. • Berlin, 19. Dez. Wie dem „L. A." gemeldet wird, and heute Niorgen ein Pistolen du eil in der Jungfernhaide in der Nähe des Artillerie-Schießplatzes statt. Die Duellanten waren Dr. phil. B. und Dr. med. 9t Der erstere erhielt einen leichten Streifschuß an der linken Schulter, während Dr. R. einen Schlüjselbein-Arterien- Riß daoontrug. * Hannover, 20. Dez. Der Geh. Kommerzienrat Georg Jänecke, Seniorchef der Firma Gebrüder Jänecke und Gebrüder Jänecke und Fr. Schneemann, Verleger des „Hannoverschen Courier", ist heute Nacht nach längerem Leiden gestorben. * Göttingen, 20. Dez. In Dahlenrode ist die Typhus-Epidemie von neuem ausgebrochen. Es sind bereits mehrere Personen der Krankheit zum Opfer gefallen. * Breslau, 19. Dez. Vergangene Nacht wurde an der Prostituierten Anna Bartz ein Mordversuch verübt unter ähnlichen Umständen, unter denen kürzlich das Mädchen Weinland ermordet wurde. Der Täter wurde durch ein anderes heimkehrendes Mädchen gestört, welches seine Verhaftung veranlaßte. Der Mörder ist ein 30 jähriger Mann namens Fehse, verheiratet und Vater eines Kindes. Er versuchte die Bartz zu erwürgen, diese konnte durch einen Arzt ms Leben zurückgerufen werden. * Crimmitschau, 19. Dez. Gestern abend brach im Saale des deutschen Hauses, wo die inzwischen verbotenen Weihnachtsseierlichkeiten stattfinden sollten, das für die Gaben aufgebaute Gerüst zusammen, wodurch die im Saale arbeitenden Personen zum Teil sehr schwer verletzt wurden. * Chemnitz, 19. Dez. Nach dem Genüsse gewiegten Rindfleisches sind in den letzten Tagen hier etwa 50 Personen teilweise ernstlich erkrankt. Anscheinend war das Fleisch, das einem größeren Geschäfte entstammte, mit Arsenik vergiftet. Behördliche Untersuchung ist eingeleitet. ♦ Metz, 19. Dez. Heute mittag erschien ein gewisser Xaver Probst in der Wohnung der sich zur Zeit hier aufhaltenden 29jähcigen verheirateten Sängerin Viletil aus Wien und stellte an sie unsittliche Anträge. Die Sängerin floh, Probst eilte ihr nach und feuerte auf der Treppe zwei Revolverschüsse auf sie ab, durch die sie am Kopf schwer verletzt wurde. Hierauf tötete er sich selbst durch einen Schuß in den Mund. * Paris, 20. Dez. Der bekannte Schriftsteller und Führer der Zionistenpartei Dr. Max Nord au, wohnte gestern einer Abendunterhaltung, welche die Zionisten veranstaltet hatten, bei, ftlö plötzlich einer der Anwesenden fün ,Revolverschüsse auf ihn abgab. Dr. Nordau wurde von der einen Kugel nur leicht gestreift, wahrend die andere einen der Gäste namens Ossoweckski verletzte. Nach der Festnahme sagte der Täter, der sich Chaim Selig Luban nennt, aus, er sei russischer Revolutionär und durchs Los bestimmt worden, Nordau zu erschießen. Er habe Dr. Nordau deshalb täten wollen, weil er im Widerspruch zu dem ursprünglichen Programm der Zionijten auf dem Basler Kongreß für das Anerbieten Chamberlains betreffend die Gründung einer autonomen Judenkolonie in Englisch- Ostafrika eingetreten sei. * Mailand, 20. Dez. Andauernde Regengüsse in den letztvergangenen Tagen haben in der Provinz Brescia starke Anschwellungen der Flüsse und Bäche zur Folge gehabt. Im Antrangi (?) Tale riß ein Bergsturz 65 000 cbm. Gesteinmasse fort, die den Malla-Fluß flaute. Man erwartet militärische Hilfe, um größerem Unglück vorzubeugen. * Zürich, 19. Dez. Die Oberschwester Antonia Cruse von Braunschweig und der Assistenzart Dr. Mahler am hiesigen Kantonspital haben sich vergiftet. * Verbrannt. Im Brüsseler Vororte Hal sind bei einer Feuersbrunst zwei Kinder einer Arbeiterfamilie erstickt. — Aus Nashville (Nordamerika) wird gemeldet: Eine Feuersbrunst zerstörte das staatliche Zentralkollegium, worin Neger studierten. 4 Personen sind in den Flammen umgekommen, 30 wurden verletzt, davon 5 schwer. Außer einem Professor der Anstalt, sind sämtliche Verunglückte Neger. Die Feuersbrunst brach des Nachts aus, während die Schüler schliefen. * Ein zweiter großer Kwilecki-Prozeß!? Der bekannte polnische Schlachtschitzenprozeß wegen Kindesunter, schiebung wird tief in den Schatten gestellt durch einen andern Fall in Ostpreußen, eine Kindesunterschiebung in großartigstem Stil. Angeklagt und verhaftet ist eine allenthalben in höchster Achtung stehende Dame von uraltem Adel und entzückender Schönheit. Man höre und staune: sie hat schon 200 fremde Kinder ärmster Eltern im Alter von 2 bis 18 Jahren unterschoben, gibt sie für ihre eigenen aus und pflegt sie mit zärtlichster Liebe! Die Dame heißt „Caritas“, auch „Barmherzigkeit" oder „barmherzige Liebe"; ihr Gatte, em Herr von „Jammer" sieht sehr häßlich aus und vagabundiert zerlumpt durch die ganze Welt. Die ungeheuerliche Kinderunterschiebung hat zu Angerburg in Ostpreußen stattgefunden. — Frau von Caritas ist nämlich in die elendesten Kinder, die verkrüppelten, verkrümmten, gelähmten, mit eiternden Geschwüren bedeckten, idiotischen, blinden und tauben Kleinen geradezu vernarrt, hat sich diese Wesen nicht etwa mit Hilfe von polnischen schon verstorbenen Hebammen, sondern von noch lebenden Geistlichen und andern mitleidigen Menschen aus allen Teilen Deutschlands verschafft, mehrere große Häuser gebaut, die sie „Kinderkrüppelheim" nennt, baut jetzt noch im Winter, um für ihre weitere Kinderunterschiebung Platz zu haben und behauptet dreist, alle diese Kinder unter Schmerzen selbst geboren zu haben. Den Herren Staatsanwälten dürste es aber doch schwer fallen, den Beweis der Kinderunterschiebung zu führen, weil alle diese Kinder eine ausfallende Familienähnlichkeit haben. Dem Vater „Jammer" sind sie in allem bis auf die Ohrläppchen, Nasenspitzen und sogar die Fußzehen gleich. Der Mutter sind sie auch wie aus den Augen geschnitten; es sind dieselben glückstrahlenden Augen, dasselbe stille, sanfte Wesen, dieselbe Geschästigkett, eins dem andern zu helfen. Es treten einem die Tränen in die Augen, wenn man sieht, wie ein rutschendes Kind einem andern noch schwächern beizustehen sucht. Eine zweite Anklage gegen Frau von Caritas lautet wegen sträflichen Leichtsinns, daß sie sich als angebliche Mutter ohne Vermögensnachweis und ohne Entgelt von Pflegegeld eine so große Kinderjchar zugeeignet hat und dadurch, wie schon vielfach geklagt, den Ruin des kleinen ostpreußischen Städtchens herbeiführen wolle. 2lngeklagte liegt verhaftet im Kerker der Not. Verteidiger der Angeklagten ist der Superintendent Braun in Angerburg, der Vorsteher und Urheber dieses merkwürdigen Kinderkrüppelheims. Er sucht und bittet flehentlich für die edle Angeklagte um Entlastungsmaterial in Form von freiwilligen Liebesgaben, um den Beweis zu liefern, daß die 200 verkrüppelten nicht fremde, untergeschobene, son^rn leibhaftige Kinder der „Barmherzigkeit" sind, und diese keine leichtfertige Person, sondern als die unschuldigste und beste Mutter freizusprechen sei und zwar recht bald, zum heiligen Weihnachtsfest, am Fest der großen weltrettenden Liebe. Wer für die Freisprechung der Angeklagten ist, — hoffentlich auch die Herren Staatsanwälte und alle Geschworenen — wird herzlichst um Entlastungsmaterial d. i. Weihnachtsgaben gebeten und erhält als Antwort mit tausendfachem Dank eine Schrift mit Abbildungen solcher „untergeschobenen" Kinder. Angerburg Ostp. Kinderkrüppelheim. Braun, Superintendent. * Eine Doppel Hinrichtung. Ju Winchester^ wurde ein Soldat vom schottischen Füftlrer-Regiment gleichzeitig mit einem Arbeiter durch den Strang hingerichtet. Tie beiden Gerichteteil waren verurteilt wegen Ermordung eines Mädchens. Beide hatten bis zum letzten Moment ihre Unschuld beteuert, als sie jedoch auf dem Schafott standen und dem Soldaten der Strick um den Hals gelegt wurde, rief „er mit vor Erregung zitternder Stimme: „Ehe ich, aus dieser Welt scheide, gestehe ich, Beihilfe„ geleistet zu haben." Merkwürdigerweise gab dieses Geständnis dem heftig zitteriiden Arbeiter Hoffnung, daß man ihn aus Grund des Schuldbekenntnisses seines Genossen beguabigeir werde. Selbst als der Henker, ohne aus seine Bitten, daß man ihn fünf Minuten anhören möge, zu achten, ihm die weiße Hülle über den Kopf zog, beteuerte er nach wie vor seine Unschuld. Im nächsten Atoment öffneten sich die Falltüren, und der irdischen Gerechtigkeit war Genüge geschehen. — Für das schot tische Füsilier-Regiment kam das Geständnis des .Hingerichteten wie eine Erlösung. Kein Mann des Regiments glaubte an seine Schuld, und es herrschte eine große Erregung darüber, daß der Home- fekretary ein Gnadengesucti für den verurteilten Kante- raden unberücksichtigt gelassen hatte. Tie Soldaten des Regiments hatten während der Gerichtsverhandlungen sich zum Teil den Genuß von Tabak und Bier versagt, um einen geeigneten Verteidiger bezahlen zu Eönnen. Wenn nun auch das Geständnis den furchtbaren Verdacht, daß ein Unschuldiger hingerichtet worden sei, beseitigte, so empfinden die Leute in geradezu erstaunlicher Weise Scham darüber, daß ein schottischer Füsilier ein Mörder gewesen sei. Unteroffiziere und Mannschaften Weigern sich, wenn sie in Urlaub ehen, die Uniform zu tragen, weil sie fürchten, aus diese- ..'iordfall hin verächtlich angjesehen zu werd em WouMHe Uebtrficht der Todesfälle 'm Eießen. Monat November 1903. Einwohnerzahl: angenommen zu 26 900 (tnfL 1600 Mann Militär.) Sterblichkeitsziffer: 21,8, nach Abzug von 18 Ortsfremden: 13,8 n/no.r: Anm.: Die in Klammern gesetzten Ziffern geben an, wie viel der Todesfälle in der betreffenden Krankheit auf von auswärts nach Gießen gebrachte Kranke kommen. Kinder starben cm: Zusammen: Erwachsene: im vom Typhus 1 (1) 1. Lebensjahr: 2.- 1(1) - -15. Jahr im Wochenbett 1(1) Kl) —— Tuberkulose der Lunaen 6(5) 6(5) _ Tuberkulose anderer Organe 2(1) 1(1) _ 1 Lungenentzündung 4 2 1 1 Lungenkatarrh 3(1) 1(1) 1 1 Herzleiden 3 3 — — Darmkatarrh 2(1) — 1 1(1) Atrophie 3 — 3 Lebensschwäche 6(2) — 6(2) _ Neubildungen 4(2) 4(2) _ Altersschwäche 3 3 — _ anderen Krankheiten 8(3) 6(3) 1 1 Verunglückung 2 2 — — Selbstmord 1 (1) 1 (1) — — Summe 49 (18) 31 (15) 13 (2) 5(1) Familien-Nachrichten. Gestorben: Frau Johanna Thomae, geb. Knipp, Offenbach a. M. Landwirtschaft. Sortenanbauver suche mit Hafer. Auf dem Versuchsfelde der laudw. Winterschule Alsfeld sind im letzten Sommer mit acht verschiedenen Hafersorten vergleichende Anbauversuche durchgesuhrt worden, deren Ergebnisse für die praktische Landwirtschaft unseres Gebietes von Wert bei der Auswahl von Hafersorten sein dürften. Tas Versuchsfeld, in der Nähe von Alsfeld gelegen, circa 300 Meter über dem Meere, hat einen milden, tiefgründigen Lehmboden und war seither in herkömmlicher Weise von dem Vvrbesitzer ohne Aufwendung größerer Mengen künstlicher Tüngemittel bewirtschaftet worden. Dorftucht waren Hackfrüchte; die Beschaffenheit der einzelnen Parzellen^ Ar groß, war gleichmäßig, so daß keine Sorte in den Wachstumsbedingungen einen Vorsprung hatte. Tie Saatfrucht wurde von den Original-Züchtern bezogen. Tie Saat konnte wegen der nassen Witterung im Frühjahre erst am 5. Mai vorgenommen werden. Tie Ernte war spät und wurde am 4. September für sämtliche Sorten gleichmäßig an demselben Tage ausgeführt. An künstlichen Tüngemitteln erhielt jede Parzelle von 4 Ar vor der Saat 8 Kilogramm Snperphosphat und 5,6 Kilogramm 40 proz. Kalisalz, entsprechend einer Düngung pro Morgen von 1 Zentner Sriperphosphat und 35 Kilogramm 40 proz. Kalisalz. Am 25. Mai erhielt jede Parzelle von 4 Ar gleich 4 Kilogramm Chilisalpeter, entsprechend 25 Kilogramm pro Morgen. Die sämtlichen Sorten litten etwas vom Roste, und ebenso waren sie durch häusige Niederschläge und Stürme teilweise gelagert. Das Ernte-, bezw. Drusch^ resultat ist nun folgendes. Es brachten aus den Morgen (1 Ztr. 4 Hektar) berechnet: 1. Leutewitzer Gerbhafer Körner 17,07 Kilogramm und Stroh 21,19 Zentner. 2. Strubes Schlanstedter Körner 16,69 Kg. und Stroh 23,88 Ztr. 3. Be- feier 3 Körner 16,63 Kg. und Stroh 21,50 Ztr. 4. Kirsche's Ertragsreichster Körner 16,06 Kg. unb Stroh 20,38 Zentner. 5. Beseler 2 Körner 15,81 Kg. unb Stroh 21,50 Ztr. 6. Heines Ertragsreichster Körner 15,08 Kg. und Stroh 21P7 Ztr. 7. Beseler 1 Körner 12,56 Kg. und Stroh 26,56 Mr. 8. Lr- gowo-Hafer Körner 13,00 Kg. und Stroh 18,19 Ztr. Obgleich also hier unsere besten Sorten unter gleichen Wachstumsbedingungen unter sich konkurrierten, zeigt sich zwischen der besten und schlechtesten Sorte eine Ertragsdiffarenz an Körnern von ca. 4 Ztr. pro Morgen. Nach den diesjährigen Versuchsergebnissen wären für unsere Gegend demnach: Leutewitzer Gelbhafer, Strubes Schlanstedter und Beseler 3 die besten Hafersorten, die sich auch ziemlich gleichständen und den Landwirten empfohlen werden könnten. Der Versuch soll 1904, womöglich mit den gleichen Sorten wiederholt werden. Handel und Uerkehr. Volkswirtschaft. Halbzeugverbaud. Nach Ablehnung der verlangten Preis- ermäßigung durch den Halbzeugverbaud hat die Halbzeugverbrauchs- Vereinigung Schritte zum Bau eines eigenen Thomasstahlwerkes getan. __________ Drucksachen aller Art liefert in jeder gewünschten Ausstattung, stilrein und preiswert die Brühl’sche Universitäts - Druckerei, Schulstr. 7 24 bis 29 cm n n n Weizenmehl. . per Pfund 15 Pfg. a n 20 rm n n u . 2 Stuck 15 la. gar. reines Schmalz p. Pfd. 52 35, 40, 45 40, 50, 65 nette Mandeln. la. la. la. 9454 1 8989 Christian Wallenfels Telephon 262. Marktplatz 17. Seltersweg 6. A- WelZ Seltersweg 6. | 9227 in nur feinsten Qualitäten billigst. 18 12 63 Buche, 44 Buche, Buchen- Nadel- Birken- 24 28 26 35 40 65 150 110 rm rm Corintherr Rosinen , Sultaninen 10 5 25 L 15 ä 18 4.25 Gegründet 1826. empfiehlt Almeria-Trauben — Tafelrosinen Orangen — Datteln — Feigen Pri^zessmaneieSn — WaHnylsse Haselnüsse — Nürnberger Lebkuchen ----- 72 = 95 ----- 30 Zur Aufklärung! Das berühmte „Kölnische Wasser^ wurde nicht von einem „Farina" erkunden, s ond ernl695 von J oh ann Paul Feminis in Cöln, der 1737 Geschäft und Geheimnis seinem Neffen Johann Anton Farina hinterließ, durch den das Original- fabrikat dann den Namen „Zur Stadt Mailand“ erhielt. Dieses unbestrittene Originalhaus änderte 1885 die Firma Farina in „Jos. Ant. Neumann zur Stadt Mailand" und liefert heute noch die berühmte Originalmarke des Erfinders „Zur Stadt Mailand“, welche allein ausgezeichnet wurde durch den höchsten deutschen Preis: „Kgl. Preuss. Staatsmedaille.“ Hauptdepot: W. Kilblnger, « Löwen-Drogerie, Giessen. ° 35 6 3 151 20 9 5 174 2570 4250 3450 17 350 Derbstangen Fichte: 23 Stück — 2 fm, Nutzknüppel: rm 43 Eiche, 54 Fichte, Nutzreisig: rm 7 Fichte, ferner Brennholz: Scheiter: rm 10 Buche I. Kl., Knüppel: Z>4 Eiche, 4 Birke, 11 Fichte, 4 Aspe, Reisig: hochfeines Diamantmehl 10 Pfd. ä 17% Pfg., la. frische Lier Ku Schotten. Schotten, den 18. Dezember 1903. Großh. Oberförsterei Schotten. Seidel. des Fußweges nach der Hochwarte. Gießen, den 19. Dezember 1903. Großh. Bürgermeisterei Gießen. Mecum. 9444 Bekanntmachung. Die Wiese der Gemarkung Rödgen Flur 1 Nr. 1444 mit einem Flächeninhalt von 4788 Quadratmeter soll Mittwoch den 23. Dezember d. Fs., nachmittags 3 Uhr, auf Anstehen des Eigentümers auf der Geschäftsstube Großherzoglichen Ortsgerichts Rödgen reiwillig versteigert werden. Dieselbe kommt sowohl in einzelnen Teilen als auch im Ganzen zum Ausgebot. [9431 Gießen, den 18. Dez. 1903. Katz, Großherzoglicher Notar. Lichthalter- Baumkerae^. Größte und schönste Auswahl. Mk. Pfg. 6 Fichte, Stöcke: rm 5 Buche, 5 Eiche, 55 Fichte. Zusammenkunft vormittags 11 Uhr im Distrikt Läuns- bach (Hansrod), Schnittpunkt des Taubemvegs und der unteren Läunsbachschneise. Das Holz liegt in der Nähe chauffierter Wege, etwa eine Strmde von der nächsten Bahnstation. Nähere Auskunft erteilt der Großh. Forstwart Schott Aur Weihnachtsöäckerei empfehle ich sämtliche Backzutaten Holz-Versteigerung. Es werden versteigert: Dienstag den 29. Dezember l. I. aus den Distrikten Läunsbach (Hansrod) 12a und 12b der Forstwartei Wingershausen: Stämme: Fichte, 30 cm u. mehr Mittendurchmesser, 10 Stück = 17 fm 5 „ ä 14 feines Blütenmehl (zur Kuchenbäckerei) per Pfd. 17 Pfg., 5 Pfd. ä 16 531 Fichtenderbstangen,, 23,92 Buchen-Scheitholz igjPin allen Preislagen, mit prachtvollen Dessins, J| Telefon 367. gut und billig. Telefon 367. M Ernst Bloedner Spezial -Teppichgeschäft 9436 v;. ’ ' Ecke Plockstrasse und Seltersweg. BlÄtenmehl bestes und billigst bei Große Inventar-Wergeigerung. Wegen Wirtschaftsauflösung soll Mittwoch den 6. und Donnerstag den 7. Januar 1904, je vormittags 10 Uhr beginnend, sämtliches lebende und tote Inventar öffentlich meift- dielend versteigert werden und zwar: 6 Arbeitspserde, darunter 1 gute Zuchtstute und 1 flotter Einspänner (auch zugeritten), 20 Stuck Rindvieh, dabei 7 Simmentaler Heerdbuchkühe und 2 von Heerdbuch- eltern abstammende junge Bullen, 4 trächtige Mutterschweme, lL schottischer Schäferhund, Enten und 1 Flug Lauben; ferner an »totem Inventar: 1 Wood'scher Garbenbinder (tadellos erhalten), 2 Grasmäher, Drillmaschine, Düngerstreuer, Heuwender, Heurechen, Walzen, Pflüge, Eggen rc., 4 Erntewagen, darunter 2 sehr gute Pritschenwagen, 4 kleine Wagen, ein 4-sitziges modernes Break, 1 fast neuer Kartoffeldämpfer, 1 großer für Müller geeigneter Mehlkasten, etwas Hausrat rc. rc. Das lebende Inventar kommt zuerst .zum Ausgebot. Zum Schluffe wird noch Stroh in einzelnen Partien versteigert. Hof Sorge, Station Burg-Nieder-Gemünden. 9461 Otto Spangenberg. „ Nadel- Wellen Eichen-Reisig Weiße Leim Weiße Halbleinen Weiße Cretonnes Weiße Piqnks jeder Art. 912$ C. Röhr & Co. Hohversteigerung im Gießener Stadtwald. Montag de« 28. Dezember 1903, vormittags 9% Uhr beginnend, sollen im Gießener Stadtwald in den Distrikten Waldshnt, Wanne, Oberhag, Neuhege, Hegstranch und Katharinenhütte versteigert werden 231 Fichtenstämme mit75,76fm 14 Kiefernstämme „ 5,72 „ 1 Lärchenstammholz,, 0,35 „ Gemahlene Kokosnuß vollständiger Ersatz für Mandel, PfttUd 50 P g. sowie alle Znlaten zur Feinbäckerei tu nur prima Qualität empfiehlt Gesrg Adami 9. 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