Freitag, L3. Februar 1303 153. Jahrg. trennt täglich mit Ausnahme beß SormlagS. tu ..Siehe-. ZamiliendlStier- werden dem Anzeiger vierma wöchentlich beigelegt. Der hessische kcmdwtr - erscheint monaülch einmal. Giehener Anzeiger verantwartsich Hh den allgemeMen TeRz D. ttmCe; tüt den Anee'gemeU: t 8iC Rotarwnibrud und Verlag der Besitzt 'M« Linux rfuatoOcudeict (Putsch 4ttx*k General-Anzeiger, Amt;- und Anzeigeblatt für den Kreis Liehen. Parlamcntalischc VcrlmuVIniiiicii. Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet. Duitschcr Neickstag. 862. Sitzung vom 19. Februar. 1 Uhr. DaS HauS ist schwach beseht. Am DundeSrathßtisch: Graf PosabowSkh u. A. Die zweite Berathung deS Etats des „ReichSamtk deS Innern" wird beim Titel „Gehalt des Staatssekretärs" fortgesetzt. Abg Eickhoff (freis. Vp.) fuhrt Beschwerde über den langsamen Geschäftsgang beim ReichSvatentamt, Anträge auf Eintragung eines Waarenzcichens müßten oft ein ganzes Jahr auf ihre Erledigung warten. Die ganze Verwaltung werde dort überhaupt zu bureaukratisch geführt, oft würde eS verweigert. Namen in daS Register einzutragen, ohne daß ein Grund vorhanden wäre. Die ganzen Verwaltungsgrundsätze müßten daher einer gründlichen Reform unterzogen werden. Abg. Dr. Müller-Meiningen (freis. Vp.): Angesichts der Geschäftslage will ich auf die Erörterung einer Reihe von interessanten fragen verzichten, wozu u. A. auch die Schaffung eines Reichs- Wasser. und Reichs-Luftgesetzes gehört. Wie steht eS aber mit dem in Aussicht gestellten Photographie-Gesetz? Brennend wird auch allmählich die Frage eines einheitlichen ReichS-Theater-Ge- setzes. besonders muß das Gebührenwesen der Agenten geregelt werden. Denn hier hat man es beinahe noch mit einem mod.-rncn Sklaventhum zu thun. DaS ganze Theaterwesen muß in einem groß angelegten Reichs-Theater-Geseh geregelt werden. An die Schauspielerinnen werden so große Anforderungen bezüglich der Toilette gestellt, daß es ihnen fast unmöglich ist. tugendhaft zu bleiben, sic müssen beinahe entgleisen. Die Thcaterzensur ist ein direkter Verstoß gegen die preußische Verfasiung. sie verstößt aber auch gegen die ReichS-Gewerbe-Ordnung. Der Reichstag ist also durchaus kompetent, hier für Abhilfe zu sorgen. In den siebziger Jahren hat schon Windthorst ein Theater-Gesetz gefordert, selbst Herren von bei Rechten geb-n zu, daß es mit der bisherigen Theaterzensur nicht weiter geht. In der allerletzten Seit habm wir wieder solche Lächerlichkeiten in der Theaterzensur gehabt, daß man zu der Ueberzeugung kommen muß, nur von Reichswegen kann hier geholfen werden. Der Zensor hat sich in den letzten Wochen dem Gelächter der ganzen gebildeten Welt preisgegeben. Denken Sie nur an „Die Malic" von Bernstein. Das Stück war genehmigt, auf der Generalprobe wurde aber eine Scene für anstößig erklärt. weil während eines Gebets draußen ein Walzer gespielt wurde. Auf die Beschwerde des Direktors, daß dies Verbot doch ein Novum sei, erwiderte der Zensor: die Behörde thut, ist immer ein Novum." Hoffentlich wird dies Wort ebenso in den Büchmann ausgenommen, wie das geflügelte Wort des Polizeipräsidenten: „De janze Richtung paßt uns nickt." Auch bei dem Stück „Thal des Lebens" von Dreher hat sich der Zensor blamirt. Die Aufführung wurde als besonders bedenklich bezeichnet wegen der bedauerlichen Vorgänge am Hofe in Dresden. Die traurigen Vorgänge in Dresden haben mit Frömmelei und Pietisterei doch j nichts zu thun. Denn in Dresden . . . Präsident Graf Ballestrem: Aber, Herr Abgeordneter, all dagehört doch nicht zum Reichsamt deS Innern. (Heiterkeit.) Abg. Dr. Müller Meiningen (fortfahrend): Der preußische Minister deS Innern hat im Abgeordmlenhausc gesagt, im Hohen« zollernhause wäre vor 150 Jahren eine ähnliche Sache pa'sirt. wie sie in dem Stück geschildert wäre, so was dürfte nicht in das Volk getragen werden. Davon hat der Dichter selbst jedoch nichts gewußt. daS Stück verherrlicht sogar das Hohenzollerntbum. Durch das Verbot ist für daS Stück eine Reklame gemacht, daß I b"r eS jetzt seben will, während es fonff einfach von dem guten Geschmack deS Publikums bald von der Bühne bertrich^n worden wäre. Da sehen wir, wohin die Zensur führt. Das Stück ist rückt eine Verhöhnung der Keuschheit, sondern eine Verhöhnung der Heuchelei. Das hat der Zensor ganz mißverstanden. Das schmähl'ckstc Stück der Zensur ist jedoch das Verbot von Vaul HepseS ..Maria von Maodala". Dies Stück bietet in religiöser Hinsicht absolut rückts Anstößiges, trotzdem ist e§ verboten worden, weil in einem ..christlichen Staat" so etwa? nicht aufgeführt werden dürfte. In Camburg und Stuttgart hat man es aufaefübrt. in ^r"uß-n wur*>e es verboten. So täppisch und läppisch hat sich die Zensur N"ch nie erwiesen. Wo bleibt da die edle Aufgabe des German>»nth"ms. die bächsten Probleme der Kunst behand--ln zu dürfen? Leide'- ist der Minister des Innern nicht da. trotzdem ick ibn d^von verständigt habe, daß ich diese Sacken zur Spracke bringen würde. Die größten fran-ösischen Lasrivitäten sind gestattet, und so tief sittliche Stücke wie das von Paul Hevsc werden verboten. Ick frage den Minister, hat er das Stück von Hevsc gelesen? Und wenn ja, wie kann er zu so unalm'hlicken Deduktionen kommen, wie er sie im ^b-wardmLentz ause tbat? Eine Reihe von Aussprüchen hat der Minister im stenographischen Bericht mit Gänsefüßen versehen, wobl um den Anschein zu erwecken, daß sic in dem Stück vorkämen, aber kein Wort davon steht darin. Wie kann ein solches Verbot auf daS Auslaud wirken? In Amerika ist da-: Stück vor den ersten Kreisen aufgeführt, auf auch selbst hat das Stück einen erhebenderer Eindruck gemacht, als es die Predigten von zehn Hofpredigern vermocht hätten. Paul Hevsc selber bat sich über dies Verbot in einem Schreiben an den Kriler Gocthebund geäußert' Er müsse es tief beklagen, daß z^ei Minister ein-'S Staates, der sich einen christlichen nennt, die Aufführung eines Stückes verboten habe, das die sittliche Mackt des CH- isten'hums feiert. Ich glaube, wenn der Mimster wirklich solche unglaublichen Verbote gutheißt, dann hat er mich dic verdammte Plicht und Schuldigkeit, die Konseouenien zu ziehen: dann muß er auch die Aufführung des „Faust" untersagen, auch die Sha*esv"aresckcn Köniasd'-amen, auch ..Kabale und Liebe" usw. WeSbalb th'st er das nicht? Weil er eS nicht waat, gegen ein Sstick etwas zu saaen, welches den Namen Goethes, Schillers. Shakeipea'-es riägtl Soll aber gegen moderne Autoren All"s erlaubt fein? Der Minister sagte: Ja, die Tendenz manches Stückes kann leickt mißverstanden werden! Also das Nivem: der Dummen soll maßgebend fein! Dummen Menschen kann aber nun einmal von Seiten des Staat--! keine Garantie geleistet werden. Was der M'ni'ter mich sagen möge, es hilft nichts und es bleibt dabei: die Zensur ist ein Uns glückswurm, ist der Lächerlichkeit berfo^en. man k"nn dieses Amt nicht von der ihm anhaftenden Lächerlichkeit befreien. Ich hätte hier noch ein großes Material, das mir vo" norn- haften Künstlern hiesiger kleinerer Dübnen übergeben word'n ist und das die Zensur in unglaublich komischem Lickt erfdrinen läßt. Aber im Hinblick auf die vorgerückte Zeit will ich mich nur mit einigen Andeutungen begnügen. Was soll man dazu frren, wnn die Zensur jetzt jedem Humor griesgrämig auf dem Na-* n Da hat man einem hiesigen bekannten Charaktcidarsteller folgend n Vers gestrichen: w „Sie dackte an nichts Beeses, Futsch wm sie, ei HerrcheeseS" (Heiterkeit), mit brr Begründung. eS sei eine Gost'Slästerung, wenn man in diesem Zusammenhang den Namen des Herrn Jesus heranzieht. (Große Heiterkeit.) Einer Soubrette wurde nicht gestattet, etn Couplet zu singen, daS den verfänglichen Titel „Sie Taube" führte. (Heiterkeit.) Als der Titel in „La Paloma" abgeändert wurde, gestattete der Censor daS Couplet, da er vermuthlich nicht wußte, daß „Paloma" die spanische Uebersehung von „Taube" ist. (Heiterkeit^) Ein Couplet- verS, der auf Draga Maschin anspielte, wurde verboten, weil „gekrönte Häupter" in Couplets nicht behandelt werden dürften. (Heiterkeit.) Urkomisch ist auck die Leidensgeschichte der folgenden Coupletstrophe, die ein sehr bekannter Cbmakterdarsteller vortragen wollte: „Miß Duncan tanzt im hies'gen Opernhaus, Doch vor dem Tanz zieht sie die Strümpfe auS, Im Allgemeinen findet daS nicht statt. Weil jeder Mensch da Hühneraugen hat!" (Heiterkeit.) Der Darsteller hat die Gewohnheit, die einzelnen Coupletswophen durch Bilder zu erläutern. Der Censor ließ sich das Bild zu dieser Strophe vorlegen, um zu konstatiren, ob in dem aus- gezogenen Strumpf nicht etwas Unsittliches verborgen war. (Große Heiterkeit.) Erst als er gesehen hatte, daß der Fuß ganz frei von Hühneraugen und Unsittlichkeit war (Heiterkeit), gestattete er den Vers. Das sind so Heldenstücklein unserer Censoren. Aber mit den kleinen Tensoren ist es nicht gethan, es gicbt auch noch einen größeren, höheren Censor (hört' hort!), wenigstens für unsere Hof- theater. $n hiesigen eingeweibten Kreisen erzählt man sich sonderbare Geschickten bezüglich der Absetzung der Stücke „König Laurin" vonWildcnbnkck und des musikalischen Sinngedichts „Feuwsnoth" von Richard Strauß. Es ist ja in hohem Maße merkwürdig, daß diese-beiden Werke, die über alle großen deutschen Bühnen gegangen sind, hier vom Repertoire verschwunden sind. Man weiß ganz genau, daß dies auf Veranlasiung eines noch höheren CensorS geschehen ist. (Hört! hört!) Ich möchte an den Herrn Reichskanzler, besten literarische Anschauungen ick zu kennen glaube, die Frage richten, ob er nicht da Wandel schaffen könne. Er hat unS gesagt, der Kaiser sei kein Philister. Da? batte auch Niemand gealaubt. Aber seine Minister, die sind oft Philister (Heiterkeit) und die Polizei ist ein großer Philister. Da möge der Reichskanzler doch die nöthigen Anordnungen treffen. Der Geist der Censur geht überhaupt jetzt wieder in unheimlicher Weise in deutschen Landen herum. Wie daS Muckerthum jetzt wieder sein Hauvt erhoben bat, dafür hat uns Herr Collega Stöcker neulich einen Beweis geliefert, al« er sich darüber aufregte, daß der Kaiser den Vorlesungen von Prof. Delitzsch beigewohnt habe, statt sich darüber zu freuen, daß der Kaiser den modernen wissenschaftlichen Bestrebungen fein Interesse zuwendet. Die allerreaktionärsten Angriffe sind gegen diese Vorträge erhoben worden. Es bandelt sich für mich nicht darum, ob die Schlußfolgerungen des Pros. Delitzsch zirtreffend sind oder nicht: darüber können nur Fachmänner entscheiden. Es bandelt sich darum, ob die Wissenschaft und ihre Lehre frei fein und bleiben fallen. Wir bekämpfen die Tbeatereenfur nickt im Jntereste der Direktoren, sondern einzig und allein, weil sie eine Beleidigung des deutschen Volkes darstellt (Zustimmung) und in unsere Zeit nicht mehr hineinvaßt. Wir verlangen em Reickstheatergesetz, das das Tbeater- wesen im modernen Sinne ordnet und mit der ganzen Tbeatereenfur aufräumt. Dir erwarten, daß der Reichskanzler dieses traurige Ueverbleibfel einer vormär»licken Zeit beseitigt, so wahr er kein Philister ist. (Lebh. Beifall links.) Abg. Dr. Gröger ffreif. Vv., schwer verständlich) tritt für eine baldige Reform de? Börsenaesetzes ein, denn dies Gesetz sei unter dem Drucke der Ueberagrarier ein Gesetz gegen die Handelsfreiheit geworden. Das Börfengefetz untergrabe geradezu Treu und Glau- ben. daS Verbot deS Gerreide-Terminhandels habe den kleinen Ge- trcidebandel ruinirt. Abg. Graf Kanitz (kons.) meint, Herr Crüger und seine Freunde i'erTangt'’n zu viel für die Börse. Selten fei ein Gefetz mit einer solchen Gründlichkeit ausaearbeitet worden, wie gerade daS Börfen- gefetz: die B-ckauptung, daß es fick um ein Gefetz ab irato bandle, sei gerade sebr verfehlt. Zweifellos habe das Grieß große Mängel. So sei es nicht zu billigen, daß die Börsian-»r im Bärfenau -fchuß das Uebergewicht hätten. Die Börse fei nickt um ihrer felbst willen da, fondern im Jntereste der gan-en Bevölkerung. Der BörfenauS- fckuß würde alfo so reformirt werden, daß di«- anderen Berufe rnebr darin zum Ausdruck kommen. Ferner enthalt-' daS Gesetz zu wenig Swafbritimmunaen. (Zustimmung rechts ) Von Seiten der Behörde sei gegen da? Gefetz fofnrt nach der Emanation Sturm ge- Tmrf*n w-wd-n, befmid-rs das Börfenregister. Das fei nickt klug gewesen. Das habe die 0|"’ifmcrffamfeit darauf gelenkt, welcher Art in her Tbat die biirfenmäßmen Termina-fchäfte gewesen feien. DaS Register Fi den Herren ^"efuTanten ein Dorn im Auge, sie möchten gern da? Vublikum im Allgemeinen wieder zugelasten (eben, um mit ihm daS illegitime Geschäft weiter betreiben zu können. In allen Staaten feien Spiel und ^ette als Rechtsaefckäftc unailtig. Man follw bei uns die Leute, di- einmal den Dif^eren-einwand erbeben, ein für allemal bnm Börfenbesi'che auSsckließen: daS wäre ein radikales Mittel. ES fei im böcksten Maße bedauerlich, daß Leute, welchen für eine Reibe von Jabren die bürgerlichen Ehrenrechte aberkannt werden, nachher wiede'- -ur Börse zuariaston werden. Warum w-rde hier nicht ein fchärferer Maßstab anaeTeot? Wie h-äre es möglich. daß Leute, die von der Börfe als „Scknfte" bezeichnet werden, nachher dort wieder a"s- und einoingen'^ G'wiste Voraänge ließen feiner Ansicht nach darauf scklief"n, daß an der Berliner Börse immer noch Ne berufenen T-rmmgrfräste in Getreide gemacht werden. Ein Gerickt bghe sich mit einer Klage besckäftiat, in der d-r eine Kontrahent von dem andern auSaestellte Weckfel zurückverlangt hätte, mit der Begründung, es habe sich um ein ver- botenes T-rmitmcsckäsi grianMt, "nd daS G-rickt habe dem Kläger fta:ta.'a<'b'n. W-nn d - Börsengesetz-Nobelle komme, so würd-n er und s-'ne T'-'-i-ide di" V"-laa- mi* der aröfcf-n Sachlichkeit prüfen. Abg. Büsing (nat.-lib ): Der Vorredner bat zu meiner großen Freude die Reformbedürftiakeit des Börsengrietzes, trenn mich nur in beschränktem Umfange, offen anerkannt. Auch meine Politischen Freunde entziehen sich nicht der Erkenntnih, daß die Mirkunaen b*? Gesetze? tbeilweife recht b-»klaaenswertb gewesen sind. Es ist nickt zu r-uanen, daß die Leistungsfähigkeit unb die Stärke bet , deutschen Börsen ganz erb-blich durch das BÖrsengesetz geschwächt | worden sind, imb e? ist nickt zu leuanen, daß der Grundsatz von Treu unb Glmiben, der bisher im aeschäftlichen Leben aeberrsckt bat. in erschreckender Weife untergraben worden ist. (Sehr richtig!), Dirie Wirsimgen — da? aebe ick ni — sind bei Erlaß des Börsen gefetz--? nickt vormismseben aewesen. Mein" Politischen Freunde I find daher bereit, bei einer men>-erung Börsengesetzeß m: •• ' wirken, welcke die von mir hcrvorgc^obenen allcrscklinrw Wirsimoen beseitiat. Man hat dav"r gewamst, su vi»l zu verlangen. Ick kann b*r- i sickern, daß diese W.rmi'ng bei uns nickt nöttzig ist. Meine bol'tisck-- Freunde wollen ibrersri's da? Börsengcsttz nur insoweit geän*- -r 1 wisten, al? bie v-m mir f-^rborrrebobenen sckl'm-n-r, F^lasn birr die A--nbemm7 beseitigt werden. S'e wollen ri'/4’ wei^r. al? t deutfcken B"'rstn in if- r f’-’ifierrn 9eiftut*<*3fnbiafeit w'"der Herstellen und dem Gr'--dst" von Treu und G^aub-n Est. gang in s*5 acschä' ' n ber)"/ fren. D-r C -- •• meiner Partei fyrt bi " bereits bot l’s Ja.. . ntul * Sie enthalten das Mindeste, was verlangt werden muß, um zur . Gesundung der deutschen Börsen zu gelangen. Ick bitte den Abg. j Graf Kanitz, zu beachten, daß unter diesen Wünschen nicht dic Beseitigung des Börsenrcgisterß sich befindet. Ich meinerseits glaube, daß die Einführung deS Börsenregisters kein glücklicker Griff gewesen ist. Aber trotzdem gehen meine politischen Freunde unb gehe auck ich nicht so weit, die Beseitigung bcs einmal eingeführtcn Registers zu verlangen. Wir verlangen aber, baß ber Eintragung in bas Börscnregister gewiße anbcrc Momente gleichgestellt werben. Wir verlangen, baß bic mannehibc Registereintragung und ber Differ'nzeinwanb bann nickt zu berücksichtigen sinb, wenn bic nickt im Börfenregister eingetragenen Personen zur Zeit beS Geschäfts- abschlnfsts mit einer eingetragenen Person berufsmäßig ober gewobnbeitsmäßia Börsen- ober bankmäßige Geschäfte betreiben, zum i Desuck einer Börse zugelasten waren, als Kmtflcutc in baS HanbclS» register eingetragen waren, ausgenommen Handwerker unb solch« i Kaufleute, deren Gewerbebetrieb nicht über den Umfang beS Klein- 1 gewcrbcs binanSgeht, ferner Erzeuger ober Verarbeitet von ÜBaaren, auf bie sich bas Termingeschäft bezieht. Dir verlangen ferner, baß eine Abrechnung der Gewinn» gegen die Verluste vlatzgreifen kann, daß die Unwirksamkeit deS Geschäfts unb bie Zulässigkeit bes Disserenzcinwanbcs sich nicht auf bie । bestellten Sicherheiten unb bie abgegebenen Schuldanerk nntnisie erstrecken unb baß auch eine Rückforberung besten, waS vor der Ab- iricklung bcs Geschäftes zu seiner Erfüllung geleistet worben ist, 1 nicht stattfmdet, unb enblich, baß nach Ablauf von seckS Monaten nach Ertheilung ber Abrechnung der Register« unb ^sif"tcnzein- wanb nicht mehr geltend gemacht werden kann. DaS ist das Mindeste, was verlangt werden muß, um wieder zu einer G-sundung der deutschen Börse zu kommen. Ich glaube, ber Abg. Graf Kanitz 1 wirb nicht behaupten können, baß wir zu viel verlangen. Un'cre Forberungen beziehen sich lcbigllch auf die 66 und 68 bei Börsengesctzcs-, sic beschränken sich auf ben Register- unb D fferenz- einiranb Die Verheerungen, bie bic entgcgensteheubm Bestimmungen bes Börscnges'tzcS bei der deutschen Börse angcrichtct haben» können von keiner Seite hinwcggeleugnet werben. Es hi"ßc Eulen nach Athen tragen, wollte ich Sie noch lange mit einzelnen Beispielen behelligen. Die beutschen Börsen nehmen nicht annähernd mehr diejenige 1 Stellung ein, bie ihnen gebührt und bie sie früher eingenommen । haben. Ich bin überzeugt, daß Niemand im Hause bic beutschen i Börsen absichtlich schwächen unb in ihrer Leistungsfähigkeit herab- i brücken will. Man hat bei Erlaß bes Börsengesetzes die gewiß 6c» । rechtigte Absicht gehabt, Auswüchsen entgegenzutreten, aber hieß Ziel i ist nicht erreicht worden, und bas ganze Börsen- und Bankgeschäft ist erheblich geschädigt. E? muß offen eingestanden werden, daß damals ein Fehler gemacht ist. An dem Bestehen einer starken und leistungsfähigen Börse hat jeder das größte Jntereste. der Handwerker, der sparende Arbeiter, der Kleingewerbetreibende, ber Lanb- wirth, der Industrielle und natürlich ber Kaufmann. Die nwbernc Entwicklung unseres WirthschaftSlebens wäre ohne bie Hilfe leistungsfähiger Börsen absolut unmöglich gewesen. Man hat gute Grünbe gehabt, bic Börse einzuengen, man hat geglaubt, ber Spiel- wuth bes Publikums entgegentreten unb unberechtigte Elemente von ber Börse fernhalten zu können, flber man hat zugleich die Börse selbst getroffen und daß legitime Geschäft unheilbar geschädigt. Deshalb sollte man sich nicht scheuen, den begangenen Fehler einzu- gestehen unb bie Aenderungen vorzunehmen, bie absolut notbwendig sind, um die Börfe wi-der auf ihre frühere Höhe zurückzuführen. Auch für ben internationalen Verkehr sinb bie Börfen von ausschlaggebender Bedeutung. Die Börsen bedürfen offenbar ihrer Natur nach eines spekulativen Elementes, bas dafür sorgt, daß fort» wahrend gekauft und verkauft wirb. An ber Stabilität ber Eourse hat auch ber geringste Privatmann, ber überhaupt jemals ein Werth, papicr in ber Hand gehabt hat. baS allergrößte Interesse. ES ist unmöglich, die Börse auf bic wenigen Leute zu verweisen, auf dic Leute, bie sich rn baS Börsenregister eintragen lasten. Dann wird sie ein tobter Körper Wir müssen aber eine lebendige Börfe haben, hie bem DirthschaftSleben bes Volkes nützt. Die Termin- und LieferungSgeschäfte sinb ein vollstänbig legitimes Bebürfniß, damit die Börse ihre Aufgaben erfüllen kann. Auf das kleine Kaffa- geschäft beschränkt, würbe bie Börse zu großem Schaden der Ge- fammtheit ihre Aufgaben überhaupt nicht erfüllen können: eS würde zugleich eine Theucrung des Geldes herbeigeführt werden, die wiederum nicht im Jntereste deS Publikums liegt. Also. Jeder muß ein Jntereste daran haben, bie Börse groß, stark unb leistungsfähig zu machen, unb deshalb müssen diejenigen Mängel beseitigt werden, die die Gesetzgebung geschaffen bat unb bic die Börsen in ber That nicht zu ertragen im Stanbe ftnb. Eine weitere üble Folge bei Börsengesetzes ist bie Vernichtung bcs fo nützlichen unb segenSreich-n Arbitraaegeschäfts. Es ist vollstänbig verschwunben, nicht allein burch das Börsengefetz. sondern auch durch die B3rsensteu"r. Ferner ist der Mittelstand im Bankierstände jetzt gänzlich auSaeschaltet. Wir haben eine nicht gerade sehr wünschenswerthe Konzentration d"S pcfammicn Börsen- und Bankwesens bei den wenigen großen Banken, und dieser Zustand kann doch gerade auf der rechten Seite des Hauses nicht für gut angesehen werden. ES ist ferner ein großer Theil der Termingeschäfte, die früher an den deutschen Börsen effeftuirt wurden, in das Ausland gegangen. Wer svekuliren will, läßt sich durch gesetzliche Bestimmungen nicht davon abbaften, und geht eS an der heimischen Börse nicht, so mackt er eß an einer mis- ländiscken. (Sehr richtigI) Viele Millionen an Provision gehen alljährlich in? Ausland, namentlich nach London, und Millionen von Mark werden dem nationalen Wohlstand entzogen. Daß der Mind-rertrag der Börs^nsteuer in feinem Zusammenhang mit dem Gesetz steht, ist nicht richtig. Daß die Schraube zu stark angezogen wurde, stimmt. Ich habe eindringlich vor der Erhöhung gewarnt, aber ebne Erfolg, ich bin also unschuldig daran. Ab.w el ist nicht allein die Wirkung der Erhöhung, sondern auch die Folge bc$ Bärienges-vk-s. Diese Wirkung brauchte nicht unmfttrfbar nach Erlaß bes Gesetzes in Entsckeibung zu treten, benn bie Wirkungen del G'-setz-s sind um so schlimmer, je länger e? gedauert Hat, unb bas wird sich in Zukunft noch mehr geltend machen. Also in den von mir hervorgebobenen fünften muß das Gesetz abr-’änh-rt werden. M"'ne Freunde legen den g^ößt-n Werth darauf. daß eS möglichst fcfu-H ncfchieht; da ist in der Tbat eine Gefahr im V-rzug-, und ich bebaure auß-rordentlich daß man eine gan-e S ' on hat verstreichen lasten, ohne daß daS Börsenaesetz uns horaeleot worben ist. bas unS hoch eigentlich schon ziemlich fannc in Aussicht pr‘- 7t worb"N ist. Ich kann die Gründe, die der preußische Handelsminister im Abgeordn-tenbaufe angeführt bat. nicht ' stickbaltia anerkennen. Ich glmcke: trotz der großen Aulaaben. • bet Rcichßfaa in dieser Session aus-uführen hotte, hätten wir • t unb Kraft noch r*r Genüge gefunden, um dieses allf-itia al? o- . vin on-r?anntc Börsenreformgesetz zu Ende zu bringen. (Leb- r Beifall.) Aba. ÄTr-mirfen (freis. Vgg.): Wir sieben am Ende der Bärsen-Nop^lle wird unS daher jetzt Wohl nicht mehr zu- treO^n laßt eS sich nickt, daß da? Bärf "tesetz unf---n ' nalwoblKand o"schäh--'t ba-. Eine f r-n : - 'r-1 ■ ntgt werden. Leider hak Graf Kanitz diel nicht v - um das Aus Sollte die- nicht tag Hierauf vertagt das Haus die weitere Bcrathung auf Frei 1 Uhr. Schluß 6% Uhr. Äbg. Dr. Dahlem (Certtr.) wünscht eine Erhöhung des Fonds zur Förderung der Binnen-Fischerei. der Fall sein, so würde das Gesetz eventuell umgeändert werden müssen. Hierüber schwebten noch Erwägungen. Reichstag aus den Vorschlägen dieser Sachverständigen gemacht? Ein Gesetz, das so schlimm ist, daß selbst die Väter des Gesctzs cin- sehen, es gehl nicht länger mehr so. Wenn man aus den Bcnck- bureaus ausplaudern wollte, könnte man Beispiele vom Tiffcrenz- einwanü anfuhrcn, die von einer geradezu traurigen Moral sprechen. Man wirft besonders den Leuten, die Geschäfte an der Börse machen, vor, daß >ie mit Kapital arbeiten, das sie gar nicht besitzen. Aber deiner hat noch einem Landwirth, der ein Gut kauft, und nur 10 Proz. anzahlen kann, so angegriffen. Ich glaube wohl, daß hier eine Verständigung über die Borsen-Novelle möglich ist, wenn man sich auf die Vorschläge einigt, die der Frankfurter Bankierrag gemacht hat. Um so bedauerlicher ist es, daß die Reform noch immer nicht durchzusetzen ist. Wenn auf der rechten Seite einige Bankdirektoren säßen, wurde cs wohl etwas schneller gehen. Es ist nicht richtig, daß die Bankiers ihre .Slunben zum Spielen verleiten. Jeder anständige Bankier hält es für seine Pflicht, das Publikum gut zu beraihen. Darüber sind sich alle Bankiers einig. Herr von Kar- dorsf beklagte es, daß so viele industrielle Obligationen ausgegeben würden. Aber das Publikum, das solche fünfpcozentige Obli- garionen kauft, würde auch sonst nicht dreiprozentige Konsuls kaufen. Hoffentlich wird die Anregung des Herrn von Kardorff nicht dazu führen, daß dem deutschen Handel ein Knüttel zwischen die Beine geworfen wird. Lassen Sie das solide Geschäft ungeschoren. (Beifall links.) Abg. Gamp (Rp.) beschäftigt sich mit den Ausführungen des Abg. Mommsen und bedauert, daß derselbe gerade im Begriff sei, das Lotal zu verlassen. (Heiterkeit; Abg. Mommsen ist gerade, mit der Mappe unterm Arm, im Begriffe, sich von seinen Freunden zu verabschieden.) Ter Tifferenzeinwand sei vom Bürgerlichen Gesetzbuch ausdrücklich zugelassen worden, ohne daß auch nur ein Freisinniger Widerspruch dagegen erhoben hätte. Man mag gegen das Börsengesetz sagen, was man will: so viel steht fest, daß cs zur Stabiligrung der Preise außerordentlich biet beigetragen hat. Wir von der Landwirthschaft sind mit den Wirkungen des Gesetzes sehr zufrieden. Wenn gesagt wurde, auch die Landwirthe sähen jetzt ein, daß das Gesetz keinen Werth habe, so ist das einfach ein Jrrthum. Wer sind denn diese Landwirthe, die so denkend Ich kenne sie nicht. Herr Mommsen hat gesagt, wir sollten uns doch nach den „Sachverständigen" richten! Wer sind denn diese „Sachverständigen"^ Die spetulirenden Outsiders rechnen sich auch dazu! Sollen wir diese etwa fragen ? Tie Börse will die große Masse der Spekulanten zugelassen wissen, weil sie aus diesen den großen Vortheil zieht. Die Herren wollen sich nicht gegenseitig das Geld aus der Tasche ziehen: dazu ist das große Publikum da. Uebrigens sehe ich nicht ein, was diese ganze Börsendebatte hier für einen Zweck haben soll. Im Abgeordnetenhause ist diese Materie doch in diesen Tagen zur Genüge behandelt worden. Meine Freunde wollen die cffeltibcn Geschäfte ebenso gut schützen, wie die Bankiers. Nur die unsolide Spekulation wollen sie beseitigen. Abg. Dr. Spahn (Centr.s führt aus, daß man die Debatte über das Börsengesetz so lange vertagen solle, bis das Gesetz vorliege, und wendet sich gegen die Behauptung, daß das Reichsgericht das Börsengcsetz falsch ausgelegt habe. Für das Reichsgerickst war bei seiner Entscheidung über den Differenzeinwand der Grundsatz des Bürgerlichen Gesetzbuchs maßgebend, daß aller Gewinn aus unerlaubten Geschäften nichtig sei. worden, die inzwischen eingelaufen sind. Das Material ist aber so umfassend. daß eine Umarbeitung des bereits fertig» gestellten Entwurfs ^nothwendig geworden in. Die Auffassung der verschiedenen Restorts über die Gestaltung des Gesetzentwurf« ist eine außerordentlich verschiedene. Immerhin ist es möglich, daß dieser noch in der nächsten Session dem Hause uorgekgi werden wird. , .Zu dem Wunsche nach erhöhter Unterstützung der Binnen- schistfahrt habe ich zu bemerken, daß eine Erhöhung ja bereits stattgefunden hat; ob eine weitere Erhöhung wird gewährt werden tonnen, das wird abhängig sein von der Gestaltung der Finanzen. Ein Herr Abgeordneter hat sich über die langsame Art beschwert, mit der neue Waarenzeichen genehmigt werden. Im letzten Jahre pnd allein mehr als 11 000 Waarenzeichen zur Anmeldung gelangt. Es ist klar, daß,da die neuen Waarenzeichendochstetsverglichen werden müssen mit den alten, die Arbeit dadurch eine von Jahr zu Jahr wachsende ist. Daher sind Verzögerungen hierbei nicht zu vermeiden. Abg. v. Staudy (tons.) spricht sich gegen den Vorschlag de» Abg. Müller-Alciningen aus, die Theater-Ecnsur abzuschaften. Hierzu würden die .konservativen nie die Hand bieten, da sie die Thearer-Censur für durchaus nothwendig hielten. Der Schaden, den eine Censur thun tonnte, sei lange nicht so groß, als der, den die Bühne in sittlicher und moralischer Beziehung bringen tonnte. Die Präventiv-Polizei auf diesem Gebiete mußte aufrecht erhalten werden, die Stücke müßten so sein, daß Frauen sie ohne Erröthen ansehen tonnten. Hieraus schließt die Diskussion. Der Titel „Gehalt des SraatssetretärS* wird bewilligt, ebenso eine große Reihe weiterer Titel. Beim Titel „Kosten der Maßregeln gegen die Reblauskrankheit" befürwortet Abg. Dr. Blankenhorn (nat.-lib.) eine Resolution, durch welch» der Reichskanzler ersucht wird, die erforderlichen Maßnahmen zu treffen, um der Gefahr zu begegnen, welche dem deutschen Weinbau dadurch droht, daß m Elsaß-Lothringen bft der dortigen Ausführung des Reblaus-Gesetzes die Reblaustrankheit in solcher Ausdehnung gefunden ist, daß die Gebiete mehrerer Bundesstaaten von den zu ergreifenden Maßregeln betroffen und durch dieselbe« geschützt werden müssen. Redner schildert eingehend die Ausdehnung, die die Reblauskrankheit in Elsaß-Lothringen in Folge der Gleichgiltigkeit der Winzer genommen hat und die Gefahren, die den Nachbarländern in Folge von Verschleppung drohten. Wenn nicht bald energische Maßnahmen getroffen würden, ginge ein großer Theil des Nationalwohlstandes verloren. Staatssekretär Graf PosadowSky erwidert, es handle sich in der That hier um eine wichtige kulturelle Frage. Durch daS Ausrodungsverfahren habe man die Phyllorera gänzlich ausrotten können. Die Nachbargebiete wünschten, daß man das Verfahren auch im Elsaß einführte, die Winzer selbst aber sagten, daß die Kosten dieses Verfahrens so groß wären, daß sie in keinem 23er- hältniß zu dem Ertrage der Weinberge ständen. Der Äempunh der Sache sei also die finanzielle Frage. Es sei aber zweifelhaft, ob das Reblausgesetz die nöthige Handhabe biete, rodungsverfahren zwangsweise durchzuführen. S- Staatssekretär Graf PosadowSky: Die Censur ist Sache der Landespolizci; deshalb kann ich unmöglich hier auf die Einzelfälle cingehen. Ich meine, daß das Theater die Aufgabe hat, entweder harmlose Unterhaltung zu bieten, oder unseren Willen und unser Gefühl zu idealifiren, uns auf einen höheren Standpunkt zu bringen, um uns kampffertiger zu machen gegenüber den Beschwerden des Lebens. Man kann von dem dramatischen Dichter nicht verlangen, daß er nur Rosen malt, daß er nur eine ideale Welt uns vorführt, er soll uns das Leben schildern. Aber ich muß doch sagen — ich habe keine Zeit, Theater zu besuchen, kenne jedoch den Inhalt manches Stückes—, ob die moderne Literatur diese Ziele verfolgt, ist mir sehr zweifelhaft. Man mag in weiten Kreisen überall da die Censur tadeln, wo sie mit Recht Tadel verdient. Man darf aber nicht zu große Anforderungen an sie stellen. Ich meine, die Censur ist eine rein polizeiliche Maßnahme, sie kann und wird die Aufgabe nicht erfüllen tonnen, die man in literarischer Hinsicht von ihr erwartet. (Sehr richtig I links.) Der beste Censor muß der gute Geschmack des gebildeten Publikums sein (Sehr wahr! Sehr gut! links) und man könnte dringend wünschen, daß dieser Censor sich kräftiger bemerkbar macht. (Sehr richtig!) Man hat ferner die Reform des Börsengesetzes in den Kreis der Berathungen hier gezogen. Ich kann mittheilen, daß ein solches Börseugesetz in Form eines preußischen Antrags dem Bundesrath bereits vorliegt. Es sind aber von dem Verein der Banken Neuerhebungen angestellt worden, deren Resultate für die Börsenreform nutzbar gemacht werden sollen. Es wird gut sein, den Abschluß , dieser Erhebungen abzuwarten. Die Materie ist von den verschiedensten Seiten dieses hohen Hauses als eine außerordentlich schwierige anerkannt worden. Die Regierungen sind sich klar darüber, daß eine Anzahl von Bestimmungen des Gesetzes der Abänderung bedürfe». Das ist auch von feiner Seite bestritten worden. Die Regierungen stehen auf dem Standpunkt, daß mit der Reform der Börse keineswegs eine Schädigung dieser Institution verbunden fein dürfe. Die Börse ist für das Wirthschaftsleben unbedingt uothwendig. Die Institution kann, wenn in ernsten Zeiten an sie Anforderungen gestellt werden, diesen nur nachkommen, wenn sie stark und kräftig dasteht im internationalen Geldverkehr. Wir wollen hoffen, daß, wenn das neue Gesetz vorgelegt wird, es so beschaffen sein wird, daß auch die Börse in solchen kritischen Zeiten stets auf der Höhe ihrer Aufgabe stehen wird. Ein Vorredner ist auch zurückgekommen auf das Gesetz zur Bekämpfung des unlautern Wettbewerbs. Er beklagte sich darüber, daß den Mißständen des Ausverkaufswesens noch immer lein Ziel gesetzt sei. Man könnte hier nun drei verschiedene Wege gehen: Mau könnte einmal, wie in Oesterreich, den Ausverkauf auf bestimmte Zeiten beschränken. Das hat aber seine Mißlichkeit, weil die Masse der Maaren, die ^um Verkauf gelangen, außerordentlich verschieden ist. Man tonnte ferner festsetzen, daß kein Ausverkauf ohne vorherige^ "hmigung der Behörde, die den Thctt- bestand prüft, erfolgen darf, und man könnte ferner Strafe setzen auf wissentlich unrichtige Angaben seitens desjenigen, der den Ausverkauf veranstaltet. Jedes dieser Mittel bietet große Schwierigkeiten. Es ist daher zunächst eine Ueberwachung der Ausverkäufe angeordnet worden, damit man Erfahrungen sammeln kann. Man muß abwarten, wie sich das bewähren wird, ehe man sich zu weiteren Schritten entschließt. Was die Revipon des Gesetzes über die Staatsangehörigkeit betrifft, so sind Gutachten unserer Konsuln im Auslande eingeholl langr, au5 feiner Rede klang der Appell an die Regierung heraus,1 Abg. Dr. Haffe (nat.-lib.) fragt an, wie es mtt dem in Ausnur mit der Reform red': fange u warten. Nicht minderen > sicht gestellten Gesetz über den Erwerb und den Verlust der Staats- Lchadcn als das Börsengesc: "crt auch das Börsenstempel-Gesetz ge angehörigfeit stände. macht. Gras Kamst bemängelt sogar die Zusammensetzung des *wr" T'~ ”'*<*< "" Börsen-Ausschusses. Was würde er sagen, wenn die Konsumenten cs verlangien, m den Landwirlhschaftstammern vertreten zu sein. Gras Kanttz sagte ferner, das Gesetz sei gründlich vorberathen, er verwies auf die Börsen-Enquete-Kommission. Was hat aber der Kaiser Wilhelms Klaube. Die „Grenzboten" veröffentlichen unter dem Titel ^,Babel und Bibel" ein langes Handschreiben Kaiser Wilhelms II. an das Vorstandsmitglied der deutschen Orient- gejellschaft Admiral v. Holtmann, in welchem der Kaiser seine Stellung zu dem zweiten Vortrag, welchen Professor Delitzsch in der deutschen Orientgesellschaft über das Thema „Babel und Bibel" gehalten hat, präzisierte. Der Kaiser gibt eine ausführliche Darlegung seiner Stetlung- nahme zu dem Inhalt des Vortrages, insbesondere zu den Anschauungen des Prof. Delitzsch über die Offen-- barungsfrage und erklärt es für einen schweren Fehler, daß Prof. Delitzsch in sehr polemischer Weise sich an die Offenbarungsfrage herangemacht und dieselbe mehr oder minder verneint bezw. auf historisch rein menschliche Tinge zurüctzuführen zu können geglaubt habe. Das Handschreiben stellt nachfolgende Schlußfolgerungen des Kaisers fest: a) Ich glaube an einen einigen Gott; b) wir Menschen brauchen, um ihn zu lehren, eine Form, zumal für unsere Kinder; c) diese Form ist bisher das Alte Testament in seiner jetzigen Ueberlicferung gewesen. Diese Form wird unter Forschung und Inschriften und Grabungen sich entschieden wesentlich ändern. Tas schadet aber nichts. Auch daß dadurch viel vom Nimbus des auserwählten Volkes verloren geht, schadet nichts. Kern und Inhalt bleibt immer derselbe: Gott und sein Wirken. N ie war Religion Ergebnis der Wissenschaft, sondern ein Ausfluß des Herzens und Seins des Menschen aus seinem Verkehr mit Gott. ^arlamentaiijrtscd. Darmstadt, 19. Febr. Eine gestern hier abgehaltene Versammlung des Landestomitees der hessischen Zentrumspartei beschloß, in allen Wahlkreisen des Groß- herzoglums für die tommenden Reichstags wählen eigene Kandidaten aufzustellen. Berlin, 19. Febr. Der Fehlbetrag im Neichs- etat für 19 0 2 beläuft sich, wie der Budget-Komimssiou deS Reichstages milgetcilt worden ist, auf über 3 4 Mill Mark. Berlin, 19. Febr. Der BundeSrat hat heute die Krankenkajsen-9tovelle genehmigt. — Die Budget- Kommission des Reichstages bewilligte heute bei Fortsetzung der Beratung des Riilitär-Etats die Forderungen für Flur- Entschädigungen, sowie für Reisekosten und Tagegelder und vertagte sich daun auf morgen. Aus der würtiembcrgischen Kammer. Mil den Amtsblättern beschäftigte sich dieser Tage der württcm- bcrglsche Landtag. Bei dieser Gelegenheit erklärte Minister v. Ptscheck: ,,^aß die jetzigen Einrichtungen Mängel haben, sei nicht zu beitreuen; aber eine beiicrc Einrichtung tonne nicht vorgcjchtagen werden. Gegen die bestehende Einrichtung sei der Barwuri gemacht worden, bau die Haltung der Amtsblätter geeignet iei, die Regie, riuig zu kompromittieren. Ter Vorivurs beruhe auf der irrigen Annahme, als |ci das Amtsblatt auch in seinem redaktionellen -teil Amtsblatt; die Regierung habe jedoch feine Verantwortung für das un redaktionellen Teil Erschienene. Die Regierung strebe keinerlei Einwirkung aus die Presse an; das beweise am besten der Umstand, daß wir Amtsblätter der verschiedensten Richtung haben Nur dann, wenn solche Blätter Beschimpfungen der Regierung unterlaufen lassen ober Spekulationen auf unsittliche Triebe sich hiugebe, müsse die Regierung sich ein Eingreifen Vorbehalten." Minikerwechsel in Kapern. München, 19. Febr. Der Prinzregent hat mit allerhöchstem Handschreiben vom 18. Februar den Staatsminister Grafen von Crailsheim, seinem Ansuchen entsprechend, ab 1. März d. Js. von der Leitung des königlichen Staatsministeriums und der Ministerien des kgl. Hauses und des Aeußeren zu entheben geruht. Zum Staatsminister des königl. Hauses und des Aeußern wurde unterm 18. d. Mts. Kultusminister Freiherr von Podewils ernannt. Als die Ursachen des Rücktritts des Ministers v. Crailsheim werden die fortgesetzten Angriffe bezeichnet, welche sich seit der Verabschiedung des Kultusministers von Landmann gegen den Grafen Crailsheim richteten und einen immer heftigeren persönlichen Charakter annahmen. Der Kultus- mimster dürfte durch den Oberlandesgerichts-Präsidenten von Thelcmann ersetzt werden. Aus Stad! uni) Kmiö. -i-. Friedberg, 19. Febr. Ein großer Fastnachtszug mit etwa 30—40 Gruppen wird nächsten Sonntag veranstaltet. Seit etwa 5 Jahren hat keine derartige Fast- nachtsfcier slattgefunden. — Ein 18jähriger junger Mensch wurde wegen eines Sittlichkeitsoerbrechcns, begangen an einem Mädchen von 9 Jahren, verhaftet. Mainz, 19. Febr. Der 27jährige Assistenzarzt des hiesigen Rochushospitals, Dr. Heinrich Köster aus Heeren, hatte sich am Dienstag morgen bei Ausübung seines Berufes eine Blutvergiftung an der Hand zugezogen, die trotz aller sofort angewcndeten Mittel gestern abend den Tod des hochgeschätzten "Arztes herbeiführte. Die sofort herbeigerufenen Ellern trafen ihren Sohn noch lebend an. Ueriinschles. • Eine neue Sensationsmeldung! Wie das „Fränk. Volksbl." von einer dem sächsischen Hofe nahestehenden Seite hört, hat die Gattin eines Zahntechnikers eine Reihe von Liebesbriefen entdeckt, die die Prinzessin Luise an ihren Gatten gerichtet haben soll. Die Dame hat infolgedessen die Ehescheidungsklage ein- gereicht. * Lemberg, 19. Febr. In Zaleszczyky wütet ein großer Brand, wobei über 30 Wohnhäuser nebst vielen Nebengebäuden eingeäschert wurden. Prag, 19. Febr. Prinz Eugen von Thurn und -raxis ist an Typhus erkrankt. Da noch ein anderer Er- krankungsfall in seinem Palais vorgckommen ist, wird ange- nonunen, daß die Erkrankung infolge Jnfection des Trink- ivassers hervorgerufen worden ist. Budapest, 19. Februar. Bei dem heute Vormittag zwischen dem Honvödmister Fehorväry und dem Abg. Lengn el statlgehabten Säbelduell wurde efterer an der rechten Hand leicht verwundet. Sein Säbel zerbrach während des Zweikampfes. Lengyel blieb unverletzt. Gerichtsfaal. Leipzig, 19. Febr. (Prozeß Exner.) In der heuttgen Sitzung wies der Gerichtshof den von der Bet> teidigung gegen den Vorsitzenden Landgerichtsdirektor Müller erhobenen Ablehnungsantrag als unbegründet zurück. Das Schwurgericht trat darauf unter dem Vorsitze des Landgerichtsdirektors Müller in die Verhandlung ein. Im weiteren Verlaufe des Bankprozesses erklärte der Angeklagte Exner, er werde sich über die Verschleierung später eingehend der Wahrheit gemäß äußern. Was den betrügerischen Bankerott anlange, bestreite er ganz entschieden, sich desselben schuldig gemacht zu haben. Er verlor selbst sein ganzes Vermögen durch den Zusammenbruch; auch seine Frau büßte dabei den größten Teil ihres Vermögens ein. — In der heutigen Nachmittagssitzung wurden eine Anzahl zwischen Schmidt und Exner gewechselter Briese verlesen, die in der Hauptsache die Emission neuer Aktien der Treber gesells chaft betreffen. Alsdann wurde die Verhandlung auf morgen vertagt. --------- 1 Neueste Mcldungeu. Originaldrahtmeldungen des Gießener Anzeiger». Muskau, 20. Febr. In der Gräflich Arnim schen Holzstofffabrik brach ein großes Feuer aus, das das Innere der Fabrik mit allen Maschinen in wenigen Stunden zerstörte. Wien, ‘20. Febr. Das Abgeo rdnetenhaus nahm nach längerer Debatte in 2. Lesung das Gesetz, betr. Erhöhung des Rekrutenkontingents mit 217 gegen 80 Stimmen unter Ablehnung der sozialdemokratischen Anträge (auf Beibehaltung der gegenwärtigen Höhe des Re- krutenlontingents) an. — Auch in der 3. Lesung wurde nach längerer Debatte das Gesetz angenommen. N e w y o r k, 19. Fcbr. Ein Wagen der Newark (New Jersey) elektrischen Straßenbahn fuhr einen Abhang an der Clifton Avenue hinab, wobei die Bremse schadhaft wurde. Als die Niveaukreuzung der Delawanna Western Bahn erreicht ward, brauste dort ein Personen- zug heran und fuhr direkt in die Straßenbahn hinein, die mit 120 Passagieren besetzt war, meistens Hochschüler. Zehn Hochschülerinnen sind tot und 30 Personen schwer verletzt. Der Anprall war derart, daß selbst der Lokomotivführer des Per^ouenzuges ifjroer verletzt wurde. Cs war ein jammervoller Anblick. Das Geleise war auf hundert Schritt mit Blut bedeckt und allenthalben lagen abgerrcnnte Gliedmaßen umhergestreut. Die bittere Kälte verursachte, daß manche Verletzte an den Erdboden festsroren, bevor Hilfe kam. Newark (New Jersey), 19. Febr. Von den bei dem Zusammenstoß der Delaware Lulawannebuhn mit einem Wagen der elektrischen Bahn Verunglückten sind bereits zwölf Personen gestorben. Dreißig Personen ind nach den letzten Meldungen schwer verletzt worden.