Nr. 296 Drittes Blatt. 153. Jahrgang Donnerstag 17. Dezember 1903 Erschein, täglich mit Ausnahme de- Sonntag». /E$SF y _ _ _ . verantwortlich für den aQgtmetra» Te«: ...... ....«».«r-.»« Anzeiger ütermal wöchentlich bergelegt. Der MM W W ® M W i E tzV A M M R M Rotationsdruck und Verlag d« Brühl'lch« hessische Landwirt- erscheint monatlich einmal. VHVVV HO V ¥ Untversitätsdruckerei (Pietsch Lrt«-» »ittzen. General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen. um An- unb Der merkt, er halte die im neuen Etat eingestellten 2000 Mk. für event. Hilfskräfte der Gewerbeinspektton nicht für ausreichend, es empfehle sich, mindestens 3000 Mk. dafür einzu- stellen. Tie lokalen Inspektionen könnten keineswegs genügen, es sei nötig, tüchtige Kräfte aus den Arbeiterkreisen zu erhalten. Er empfehle daher die Annahme seines Antrages. Abg. Orb (Soz) begründet den Antrag Ulrich und fährt aus, daß der Ausschuganttag ungenügend sei. Die seit- Vizepräsident Dr. Schmitt eröffnet die Sitzung 91/t Uhr. Das Haus tritt zuerst in die Beratung der beiden träge der Abgg. Dr. Frenay und Gen. und Ulrich Gen. ittn Betreff der Gewerbeinspektion ein. Antrag Frenay wünscht, die Kammer wolle die Regierung ersuchen, genügende Mittel in das Budget einzustellen, um die Gewerbeinspektion entsprechend der wachsenden Ausgabe derselben weiter auszubauen und insbesondere zur wirksamen Durchführung der Aussicht Hilssbeamte aus den Kreisen der Arbeiter anzustellen. Der Antrag Ulrich verlangt dagegen eine Vorlage, „durch welche die Gewerbe- injpektion derart ausgebaut wird, daß in allen Bezirken Assistenten und Assistenrmiieu aus den Kreisen der Arbeiter zur Verwendung und Anstellung gelangen." Ter erste Ausschuß hat beide Anträge beraten. Die Regierung hat dabei erklärt, daß zurzeit ein weiterer Ausbau der Gewerbeinspektion noch nicht angängig scheint. Man müsse abwarten, welche weitere Anspannung der Kräfte der Gewerbeinspektoren das neue Reichsgesetz über die gewerbliche Kinderarbeit erfordern werde. Sobald sich diese Tätigkeit übersehen lasse, werde die Frage zu prüfen sein, inwieweit der in den Anträgen gegebenen Anregung entsprochen werden könne. Der erste Ausschuß üst dieser Anschauung beigetreten und beantragt: „die Regierung zu ersuchen, zu geeigneter Zeit der Kammer Vorlage zur Aen- derung der Organisation der Gewerbeaufsicht zu machen, sobald das Maß des Bedürfnisses feststeht", im übrigen die beiden Anträge zur Zeit für erledigt zu erklären. Abg. Dr. Frenay begründet seinen Antrag und be- Kraft verbraucht wäre. .. . Und wieder bot sich ihm eine äußere Hilfe dar. Er begegnete auf der Straße, auf der er im dumpfen Brüten dayinschritt, einem Mohrunger Schulfreunde, der sich ferner annahm. Ter bestimmte ihn, ohne Wissen und Willen ferner Eltern und Gönner trotz alsoluter Mittellosiakeit schlankweg umznsaUeln. Den mit Menschenblut besudelten Kittel des Eh irr., en vertauschte Herder unter dem tatkräftigen gab ihm gegen den preußischen Staat und seine damalige Beistände seines Freundes mit dem längst ersehnten würde- Verfassung eine fast untilgbare Abneigung. Ter rührende vollen Rocke des Theolvgiestudenten. Gesang „Ter Säugling", eines seiner frrch-esren Gedichte, K rt1,rv ist diesem Gefühl entsprungen. Die deutsche Militärver- sassung nannte er noch in späteren Jahren roh und inhuman, die Sitte veroerbeiid, Unwissenheit und Müßiggang pflanzend; und obendrein, so meinte er, sei sie meistens nur Spielerei. Theologe wollte er werden. Aber die beschränkten Mittel und „tausend Vorurteile" seiner Eltern, eigene Schwächlichkeit und Augenkrankheit zwangen ihn, eine Stelle als Auswärrer und Schreiber bei einem Geistlichen in seinem Heimatstädtchen anzunehmen. Dort durste er zwar die Bibliothek seines Herrn benutzen, und so sand er denn willkommene Gelegenheit zu wesentlicher innerer Bereicherung, aber es drückte ihn der Schmerz, daß in dieser Stellung sein Leben doch wohl flach und platt im Sande verlaufen könne. So entstanden viisse in seiner Seele. Trotzdem aber wollte und sollte er hinauf zu den Freien und Großen, den Höhenmenschen, die dem Leben Werte schaffen und Beispiele sind, ob ihm gleich. jener freie und große Zug fehlte, der mitreißende Schwung hinstürmender Leidenschaft, der den Dichter genius macht. Und so Großes und Bedeutendes wir ihm auch verdanken, er hatte aus seiner frühen Jugeiid einen Knacks weg. Freilich hat fern weiterer glanzvoller Weg manchen Riß verklebt und eine Reihe herrlicher Ausgleiche geschaffen. . Und es kam die Befreiung. Em duraWehenoer rujsi- scher Regimentschirurg versprach ihm Unterjtützung für den Fall, daß er Chirurgie studiere, und nahm ihn mit nach, Königsberg. Dort fühlte er fid), zunächst wie einem Kerker entronnen. Aber das Studium der Chirurgie schreckte ihn sofort ab, obwohl er chm raschen Schrittes und voller Erwartungen zugeeitt war, und während einer Kadaversektion sank er vor Grauen in Ohnmacht. Was nun! Wieder einmal war er aus allen Wurzeln gehoben und litt furchtbar. Aber er hatte nun cmgebiflen, er wollte dennoch aushalten, so lange, bis das letzte Restcyen Hessischer Landtag. R. B. Darmstadt, 16. Dez. Am Ministertisch: Staatsminister Dr. Rothe und mehrere Ministerialräte. lassen. Tie Vorstellung Wolf und Gen. bringt mit eingehender Erläuterung einen von Verttauenspersonen der bangewerb- lichen Arbeiter ausgearbeiteten Gesetzentwurf, und bittet, Bahm zu wirken, „daß diesen zur Reform des Bauarbeiter- jchutzes durchaus notwendigen Regeln Gesetzeskraft verliehen wird." Die Mißstände in den Baubetrieben und bei den Bauausführungen seien bekannt, es genüge der Hinweis ans die Steigerung der Zahl der Unfälle bei der Hessisch-Nassauischen Baugewerks-Berufsgenosfenschast hin- zuweisen. Es kamen aus 1000 Versicherte 1890 : 26,20 Fälle, 1899: 35,48 Fälle. Ein ähnliches Resullat zeigte sich bei den Unfällen, welche zum erftenmal entschädigt wurden. 1890 kamen auf je 1000 Versicherte 5,32 dieser Unfälle, 1899 dagegen 6,79. Innerhalb der angegebenen 10 Jahre hatte bie;e Berufs genossen schäft 20138 Unfälle, davon 503 mit tödlichem Ausgang, zu verzeichnen. In Hessen kamen 1887 auf 1000 Versicherte im Baugewerbe 24,40 Verletzte, 1897 dagegen 36,37. Tie zum erstenmal versicherten Unfälle stiegen von 4,32 im Jahre 1887 auf 5,84 im Jahre 189/ pro 1000. Tie wichtigste Frage bei bei Durchführung^der • neuen Sc ausführungen; die Erfahrung habe bewie;en, dag die zur Zeit bestehende baupolizeiliche Illberwachutig und berufs- aenossenschastliche Kontrolle nicht genüge. Es fei dingend geboten, die Ueberwachung dahin umzugestalten, daß bet den amtlichen Bauämtern praktisch geschulte Arbeiter mit angestellt werden. Dieser Vorstellung gegenüber hat der Mitteldeutsche Arbeitgeber-Verband für das Baugewerbe eine Gegen^ Vorstellung eingereicht, in welcher er nach längerer Erläuterung die Bitte ausspricht, dem vorgeschlagenen Gesetzentwurf keine Folge zu geben. Eine Resolution der Bauarbeiterschutzkommission in Offenbach wünscht eine einheitliche Schutzvorschrist für die hessischen Baucubetter. . Abg. Ad etun g Mainz erkennt an, daß bie sozialpolitischen Bestrebungen der hessischen Regierung allen anderen voran seien, nur bei der Arbeiterschutzgesetzgebung nicht. Turch die Annahme des Aus;chußantrages werde dieielbe einen guten Schritt weiter gefördert. Abg. M üller - Darmstadt erklärt sich rm allgemeinen mit dem Ausschußantrag einverstanden, man solle aber als Kontroleure nur Beamte an]leiten, die auch neben ihren praktischen Kenntnissen ein Examen als Bauausseher abgelegt haben. Abg. Cramer wendet sich gegen die Ausführungen des Vorredners, während Ministerialrat Braun nähere Erläuterungen über die Art der Kontrolle und das anzufteltende Personal gibt. — Ter Ausschußantrag wird darauf einstimmig angenommen. . „ , .. Tie Vorstellung der Kreisamtsdiener, bett, die Regelung ihrer Geyaltsverhältnisse wird nach kurzem Referat des Aus,chußberichterstatters Tr. Gut fleisch dem Äusschußantrag entsprechend dahin erledigt, daß die Regierung ersucht wird, den Kreisamtsdienern je 200 Mark Einkommen aus Gebühren und sonstigen niajt pensions-- sähigen Bezügen als pensionsfähiges Tiensteinkommen anzurechnen. , tÄ Tie Vorstellung der Angestellten und Bediensteten des Arbeitshauses Tie bürg, bett. Gehaltsverhältnisse und Wohnungsgelbzuschüsse wird abgelehnt, bie Vorstellung einer Anzahl Oberlehrer um Regelung ihres Besold- ungsbienstalters wird zurückgestellt. cc Zu der Anfrage Molthan und Gen. in Betreff der Besteuerung der Warenhäuser verliest Finanzminister Gnauth eine Regierungserklärung, aus der herovrgeht, daß bie Erhebungen, welche bie Regierung auf Wunsch der Kammer vom vorigen Jahr veranstaltete, zum Abschluß gelangt unb in einer Tenkschrist niebergelegt find. Ein besonder es gesetzgeberisches Vorgehen in bie [er Züchtung sei zurzeit nicht beabsichtigt, solle vielmehr bis nach Erledigung der Gemeindesteuergesetzgebung und der Ge- werbefleuer zurüagesteltt werden, deren Entwürfe der Kammer in einigen Wocyen zugehen würden. Abg. Molthan errlart, daß er nach diesem Bescheid vorerst von einer Besprechung der Angelegenheit ab sehen wolle. Auch bezüglich der dringlichen Anfrage des Abg. Häusel in Betteff bei Ausgabe von Arbeiterfahr- tarten gibt der Finanzmüuster eine Erklärung ab, die Ausgabe dieser Fahriarten sei vor drei Jahren aus sämtlichen Betrieben einheilliw geregelt worden und auf eine Entfernung von 50 Kilometern beschränkt. Wenn aber ein dringendes Bedürfnis vorliege, werde auf besondere Wünsche Rücksicht genommen werden, wie das auch schon auf einigen Strecken im Odenwald geschehen sei. Ter Antrag Wolf bezüglich der meßbrieflichen der Wie damals, so hat er auch späterhin nie von selbst sich zu etwas Bedeulurigsvollem enochmeßen können. Vielmehr lag es seit der Knechtschaft seiner Schuljahre in seiner Seele, in allen wichtigen Krisen seines Schicksals — unb es kamen berer gar viele — es auf eine unvorhergesehene Leitung und EnrscheidunZ durch andere ankommen zu lassen. Hatten bie Erlebnisse seiner Jugenb, bie Konflikte, Verzweiflungen unb Ueberwindungen seinem Leben schon besonderen Inhalt gegeben, so fühlte er nun, wie groß dieses eine Erlebnis für ihn werden würde, wie ihm das Studium der Theologie von allen Phasen des folgenden Lebensweges neue Beziehungen austat. Seelentämpse und tiefes Studium der Gottesgelahrtheit führcen ihn zum Leben. Ec erkannte früh, daß ernstes, inneres Erleben und ernstes Studieren das Leben sind, vor VerflackMig schützen. Nun hatte er sich selbst, in vollkommener Beherrschung und Ruhe. So glaubte er wenigstens. Aber die rechte innere Ruhe hat er sein Leben lang nicht gefunden. Nack> langem Wandern und Werden kam er erst spät zu ständigem Weilen unb Wirken. Entweder starres unb starkes Aus harr en auf der heimatlichen Scholle, aus ihr erwachsen und mit ihr verwachsen zu einer kompakten inbiüibuelien Einheit von trotziger Schwere — ober, burch mächtige Einbildungskraft gedrängt, hmausstärmen in alle Weiten und, wär's mögliche alles Weltwissen zu umiaffen, sind die hervorragendsten Eigenheiten ostpreußischen Volks- charakiers. Aus seiner Heimat trieb es den Zwanzigjährigen hinaus, und nie sah er sie wieder. Zuerst machte er Rast in Riga, der Atetropole der russischen Ostseeprovinzen, dann ging er, durch vermögende Freunde unterstützt, zu Schliff nach Frankreichs genoß unter Führung des aus O b e r h e s s e n flammenben berühmten Kupferstechers Wille bie Pariser Kunstschätze, durch streifte die Niederlande unb ward, nach Deutschland mit schier allumfassendem Wissen zurückgekehrt, b-.esteprediger enies Prinzen von Holstein-Eutin. Als solcher kam er auch an den Hof zu Darmstadt. Dort lernte er in dem Hanse des Geheimrats Hesse dessen Sckstvägerin kennen, Maria Karolina Flachsland, diese „leichte, vergnügte Unschuldsgöttin, diese Blume der Menschhett". Und in der Darmstädter Fasanerie, an einem herrlia;en Spätsommertagc, fanden sich ilyre Seelen fürs Leben. Sie ward ihm eine treue, hingebende und opfersähige Gattin, und nach seinem Johann Hottflicd von Kerder. Ein Gedenkblatt zu seinem 100. Todestage. 18. Dezember 1903. Von Paul Wi11k 0. Wenn die Bäume voll von Früchten hängen, Neigen sie die Aeste freundlich nieder; Wenn ein guter Mann zu Würden aufsteigt. Neigt er sich^ baih.it er anbem helfe. Manchen besonders kompliziert und innerlich heran* Zanten Menschen werden zuweilen unscheinbare Umstände zu Erlebnissen, die bedeutsamsten Einfluß gewinnen aus rhre Wesensart, ihre Entwicklung und Richtung, auf die Gestaltung ihres Lebens. Sie kommen dabei in gewisser Weise über bestimmte Jugendeindrücke nicht hinaus, die wie unlösliche Fesseln an ihnen hasten bleiben und denen jie selbst in den besten Jahren chrer Vollkraft nicht zu entrinnen vermögen. qu dieser Kategone von Menschen, auf deren dornichtem 2eben§beete „die schöne Rose menschlichier Lebensfteude" nie recht erblühte, weil Jugenderlebnisse übermächtige Wirkung Übten über die mancher leichter Veranlagte achtlos hin- weaaehüpjt wäre, gehört Herder. Die Fundamente seiner besten Werke, ja seiner ganzen Lebensbetättgung sind schon in seiner oslpreußischen Heimat gelegt worden. Doch die oittreußische Erdschwere hat samt dem speziell ihn bedrückenden Drum und Dran, wie auf die meisten der bedeutenden Söhne jener nordöstlichen deutschen Grenzmark, auch ihn gehemmt an der freien Entfaltung seiner immensen ^Am^Auguft 1744 wurde Herder in dem ostpreußi- fcFen Städtchen Mohrungen geboren als Sohn eines Mad- chenschullehrers. Früh zeigten sich bei ihm außerordentliche Gaben, früh steckte er sich em Ziel, hoch und weit, früh ^schloß sich sein Gemütsleben. Früh aber schlug chm auch ba5 Zuerst “reine üble Schultyrannei, deren arge Folgen Herder niemals ganz los geworden ist. Sie hat ihm dauernd eine gewisse blöde ^d).eu, Furchtsamkeit und MÄ’w ein.geptägt, die Mterhin bei Mnw natti der materiellen Seite lebenslang beschrankten Lage oftmals in Tiefsinn und SehMrnmt srch wandelten. Ter Urni-tanb, daß er mehrere feiner besten Junglings- ialre hindurch in beständiger Unruhe lebre wegen der ihn peinigenden Aussicht, zum Militär ausgehoben zu werden, 391 Betriebe, in Sachfen dagegen auf 483, in Hessen-Nas, au aus 638, in Württemberg auf ca. 900, in Baden aus ca. 1100 und in Bayern gar aus 4050 Betriebe nur einer. So stehe Hessen mit seiner Gewerbeinspektion obenan unb der Vorwurs der Säumigkeit sei nicht am Platze. Auch die neuen reichsgesetzlichen Vorschriften über dm -gewerblichen Kinderschutz seien auf die hessische Anregungen zurück- zusühren. Abg. Ulrich betont, es müsse allgemein anerkannt werden, daß die Vermehrung der Kräste ber Gewerbeinspek- tion erforderlich sch. Die vorgebrachte Statistik sei ein bloßes Zahlenwerk, er bezweifle, daß man barcuis zuverlässige Schlüsse ziehen könne. Der Gewerdeinspektor sei nur da, uni die Betriebe einer Revision zu unterziehen. Wenn er komme, sei alles Anstößige beseitigt. Teshalb müsse eine erweiterte Kontrolle von Vertretern aus Arbeiterkreisen eintreten, bie wüßten am besten, welche „Kniffe" zur An- roenbung kämen, um bie Vorschriften zu umgehen. Abg. Reinhart regt bie Frage an, oso es sich nicht empfehlen würde, die Gewerbeinspektion $u einer Statistik zu veranlassen über die Unfälle, bie durch Arbeitsmaschinen verursacht würden, um feststellen zu können, ob die Steigerung der Zahl der Unfälle mit der Zunahme der Arbeitsmaschinen eingetreten sei. Nach einem kurzen Schlußwort des Ausschußbericht- erslatters Häusel wird der Ausschußantrag einstimmig angenommen. Zur Beratung kommen nun: 1. eine Vorstellung des Zimmerers I. Wolf III. in Darmstadt, bett. Vorschläge zur Reform der Unfallverhütung bei Bauausführungen, 2. eine Vorstellung des Mitteldeutschen Arbeitgeberverbandes für das Baugewerbe in Frankfurt a. M., bett, die Ueberwachung der Schutzvorschriften bei Bauausführung en unb 3. bie Mitteilung einer Resolutton seitens des Vorsitzenden ber Bauarbeiterschutzkommission zu Offenbach bett. Herausgabe einer einheitlichen Vauarbeiter- schutzordnung für das Großherzogtum Hessen. Abg. Dr. Frenay erstattet namens des Ausschusses miHiblicLjen Bericht, nachdem die Angelegenheit für dringlich erklärt worden ist. Ter Ausschuß erkennt die ander- weite Regelung der Bestimmungen über die Unfallverhütung bei Bauausführunaen an unb beantragt, Großh. Regierung wolle im Sinne der Vorstellung des I. Wolf III. eine Revision der bett. Schutzbesttmmungen erfolgen herige Revision der Betriebe sei unzureichend, das bewiesen auch bie zahlreichen Unfälle, die nicht in der Abnahme, sondern in der Zunahme begriffen feien. Er bitte deshalb, den Antrag Ulrich anzunehmen. Abg. Reinhart-Worms beton-, daß die in Vorschlag gebrachte Anstellung tüchtiger Arbeiter und Arbeiterinnen zur Verstärkung des Aufsichtspersonais in erster Linie auch im Interesse der Arbeiter selber liege. Er könne aus seinen eigenen Erfahrungen hier bekunden, daß von den Arbeitern selber häuiig gerade die besten Vorscyläge für praktische Vorschriften zur Verhütung von Unfällen angeregt wurden. Im übrigen sei er mit dem Ausschußanrrag einverstanden und bitte, denselben anzunehmen. Abg. Erk bespricht verschiedene Diißstände, bie sich bei ber Revision im Mühlgewerbe erhoben hätten; auch hinsichtlich ber Sonntagsruhe würden viele Klagen laut. Ministerialrat Braun bittet, bem Antrag bes Ausschusses zuzustimmen. Es sei der Regierung ernst, bie Gewerbeordnung weiter anszub :n und er erkenne an, baß bie Polizeibehörde nicht in der Lage sei, zur Ausübung der Gewerbe auf sicht. Nach den neuesten statistischen Er-,^------- ----. <, .. - - Mittelungen kommen in Hessen auf einen Gewerbeinspektor' neuen Schutzbesttmmungen sei die Ueberwachung der Bau- „zeitlichen landwirtschaftlichen" KuAurveränderungen in den Grundbüchern und Steilerkatastern w'rd nachdem Aus schuß an trag erledigt, di' Vorstellung der Vfandmeister um Bewilligung eines fixen Gehaltes und Zuführung der Beitreibungsgebühren zur Staatslasse wird abgelehnt. Ter vom Mg. Tr Heidenrei ch u d dem Gemeinde Vorstand zu Vöckelsbach ein-ereichte Antrag auf Errichtung einer Haltestelle an der Nebenbahn Mörlenbach—Wahlen wird nach dem Ausschußantrag abgelehnt, ebenso die Vor ftellung des Earl Töring in ?ranifurt wegen ^ensionö- entziehung. Nachdem noch d'e Vorstellung des G'meinde Vorstands^ zu Bürgel auf Beseitigung des .H>-chwasser< schlauch es zwischen Vürgel und Ssfenbach ans Ulrichs Antrag von der Tages rdnung obgesetzt ist, j. 'ießt Vize Präsident Reinhart die Sitzung mit dem Wunsch aus fröhliche Festtage. — Nächste Stt-uug unbestimmt. Keer und ).orte. Zu den angeblichen Greueltaten der Hessen txxx letzten Kriege, über die General v. Kretschmann in den von seiner Tochter, der Sozialdemokratin Lilch Braun, herausgegebenen Feldzugsbriefen berichtet, schreibt jetzt der preußische Forstmeister Leisterer der „Tägl. Ndsch.": „Da über den Vorwurf der Plünderung durch hessische Truppen in Sens am 13. November 1870, den angeblich General v. Kretschmann oder Lilly Braun erhebt, amtlich noch kein Widerspruch erfolgt ist, teile ich mit, daß die 3. Kompagnie des 9. Iägerbataillons, m dem ich Leutnant war, mit einer Schwadron Ulanen und Dragoner sowie zwei Kanonen auf dem Vormarsch des 9. Korps von Metz nach Fontainebleau an diesem Tage — meines Wissens als vorderste Avantgarde, also als erste deutsche Truppe — dort war. D i e Plünderung i st erlogen. Requiriert habe ich Handschuhe für die Jäger und nach Waffen Haussuchung gehalten, da Franktireurs dort sein sollten." Ein neuer Beweis, wie pietätlos es von der Tochter war, die privaten Aufzeichnungen ihres Vaters zu veröffentlichen.________________________________ Ms Htilöl imi) £nnh. Gießen, 17. Dezember 1903. ** Verzollung von Postsendungen. Das Großh. Hauptsteueramt wird, wie man uns mitteilt, auch am ersten Weihnachtsfeiertag zwischen 10 und 12 Uhr die Verrollung von Postsendungen vornehmen. ** ließet d i e kurische Nehrung und ihre Dünen svrach dieser Tage in der Gesellschaft für Erd- uno Völkerkunde Prof. Dr. W. Sievers; Strandseen, welche durch breite Pforten mit der See in Verbindung stehen, heißen Haffe. Ihr Boden ist fast eben, ihre Tiefe beträgt 5 bis 7 Meter. Nehrungen find Dünenketten, welche Strandseen vom Mee.e trennen. Tie Nehrung ist eine Ablagerung des Windes. Die Kurische Nehrung besteht eigentlich aus zwei Nehrungen mit der Grenze bei Nossitten, und Verschmälerung an beiden Wurzeln, Verbreiterung am Zusammentreffen. Tie Kurische Nehrung ist ein Produkt der Abrasion des Meeresgrundes. Diese liefert den Sand. Ter Wind führt den Sand landeinwärts. Tie Kurische Nehrung ist 96 Km. lang und Vs bis 31/2 Kur. breit. Wo Sand zugeweht wird, häuft er sich zu einer Düne an. Wo der Wind abflaut, fällt der Sand nieder. Irgend welche Hindernisse sind dem Niederfallen förderlich, sie sind aber nickt notwendig. Der Wind rollt Die gröbsten Körner einher, kleinere hebt er empor, um sie wieder fallen zu lassen. Tie leichten, staubarli^en, in der Luft schwebend gehaltenen Teile werden viele 100 Km. weit weg-geführt. Tie beiden ersteren Arten bilden die Dünen. Tie Windseite heißt Luvseite, die entgegengesetzte Leeseite. Es entsteht eine Böschung, an der die Körner im Windschutz niedersallen. T'vclenheit begünstigt die Dünen- bildung, Regen verringert sie. — Tie V 0 rd ü n e folgt dem Strand auf der ganzen Länge. Hier ist die Luvseite steiler, wenn sie v n Stürmm unte.keh t .der von.Ho fl Leu unterwaschen wird. Sie ist ein einfacher Rücken. Ist der Strand breit, so können sich mehrere Vordünen bilden, von denen die dem Meere nächste die jüngste ist. Der Wind zerstört die oberen Teile der Vordüne wieder und zerschneidet sie in Taselstücke. Die härteren Sandschichten bleiben stehen, es entstehen Windrisse oder Windkehlen. Tie Platte ist oft künstlich ausgefirstet, und die Wanderbahn der Düne, über die sie im Wirbel sortschritt, gräbt die Windmulde tiefer, jo kommt sie dem Grundwasserspiegel nahe, ließ 'r diesem liegt feuch'er Saud. Diesen vermag der Wind nicht weg- zusühren. Liegt nun eine solche Mndmulde am Fuße einer Düne, so fließt das Grundtoasser unterirdisch von der Düne weg und macht den nassen Sand zum Triebsand. Dieser ist gleich einer Flüssigkeit und folgt den hvdrostatischen Gesetzen. Steigt der Grundwasserspiegel noch weiter, so entstehen Tünenseen. Aus der Kurischen Nehrung ist Trieb sand in einem Streifen von 8 bis 25 Meter Breite am stuß der hoben Düne zu finden. Die .H a u p t d ü n e. Am Beginn der hoben Töne liegen kleine 1 bis 3 Meter hohe Dünenketten, sogenannte untere Stusendünen, die leicht zu Kupsten ausgeblasen werden. Ihnen folgen ,die oberen Stufendünen, aus Flugsand bestehende Randwälle. Sie bi den sich d "ch Lustlvi bet, rauchende Dünen. Ihnen folgt die Hobe Wanderdüne, schneeweiß, blendend, meilenlang, ein riesiger Grabhügel über Ortschaften, Häusern, Baumstümpfen i>r.b menschlichen G deinen. Wo viel Sand ist, scheidet e'n scharfer stfi'ad die Lnv- und Lee- ;eite, an andern Stellen ist der Rücken breiter und durch Windmi lden zerschni'ten. Die höchste Wanderdüne ist der Petschberg bei Pillkapven, C2 5 Meter. Der südliche daraus folgende 'Wan. 'erbiinc hat 60 Meter, der Ango-Kalns ßet Nidden 57 bis 58 Meter Aus Sylt sind die Dunen 48 Meier, auf Heia 25, in den Niederlanden 35, in den Landes 45 bis 50, in der Sahara bis zu 300 Meter hoch. Tie Luvseite bat eine Neigung von bis 14 Grad, die Leeseite 28 bis 33 Grad, gelegentlich bis zu 41 Grad (Stur' düneV Hier ist der Sand ett^s feucht und befestigt. Tie Leeseite wird da, wo die Düire sich cv’^m Hind' u's näu rt, z. B. einem Waldsaum, durch eine Kante durchbrochen, die eine Windmulde bildet T ü n e n z i r ku s ist e'ne Vertiefung in der Düne. E i n z eldünen sind Reste zerstörter Tünenketten, en!stehen aber auch bei häufigem Wechsel des Windes selbstän! ig. Ueberwiegt aber eine Wind richtung, so wandert die Tüne an ihren niedrigen Sielten schneller als an den hohen und schiebt ih"e Seiten flügel- artig vor. Es bilden sich dann an der Leeseite kraterartige Vertiefungen wie der Runde Derg bei Nossitten und der Schwarze Berg daselbst, ZiriuS o-men, also kouvere Cinzel- dünen oder Siegeldünen, Barchane Aufpressungen. Tnrch den T"uck der Stu"zdüne wird weicher Boden hervor- gepreßt, z. B. Torf und der weiche, tonige Mergel am Boden des Hasfs bis zu 3 oder 5 Meter (Drummsack), Meertorf, Meermarsch, T rf.norre und versunkene Wälder. Verschwindet die Tüne, so bleibt ein Haufen Sand zurück. Für die Ausforstung sind folgende Methoden zu unter- jcheiden: Stehende Bo d e n b e d e cku n g, Z u Pf hle von Fichtenh lz, Tielen'äune, lotrecht gesteü'te Er.eupfähle oder Sturmzäune, Rohr, Binsen, oder Strohzäune und Flechtzäune. Tann aber bi rchlässige Wände, Strauche,äune und Fangzäune. Alle diese sind meist 1 Vs bis 3 Meter hoch. Jetzt ist das Besteck üblich, es ist billiger, niedriger, nur 0,3 Meter hoch, aus Reisern, z. B. auch aus Heidekraut. Liegende Do d e n be d e cku n g wird durch Kieferngesträuch, Seetang und Häcksel, Heidekraut hergestellt, ist häufig nur handboch und mit Sand beschwert, bildet lange, regelmäßige Wälle. Lebende Bodenbedeckung: Weiden, Sandgras (Amenophila arenaria, A. baltiea und Elymus arenariusf, auch Sandgrassaat. Tiefe werden in runden oder auch flachen Büscheln gepfianzt oder auch in langen Reihen oder in Form von Netzen und Rosten, immer von September bis Mai. Außerdem werden besonders Vor- dünen gebaut, um den Sand von vornherein festzuhalten, alles immer auf der Leeseite .Häufig ist auch die Verbindung verschiedener dieser Methoden. Zur Erläuterung der Aufforstung zeigte Herr Prof. Sievers eine Anzahl von Bildern der in Bewaldung befindlichen Wanderdünen der Kurischen Nehrung, gab dann noch eine Reihe von Ansichten der Ortschaften, Häuser und Bewohner und schloß mit der Vorführung dreier Bilder aus der Rominter Heide in Littauen, nämlich von Iagdbude, von dem Jagdschloß und der norwegischen Hubertuskapelle des Kaisers. ’* Erste Gießener Weihnachts-Sparkasse. Den Mitgliedern wird am Samstag abend in der Wirtschaft Graef an der Ebelstraße ihre Einlagen, welche sie das Jahr über für den Weihnachtsbedars gemacht haben, ausgezahlt. Während im Vorjahre 1800 Mk. zur Auszahlung gelangten, werden in diesem Jahre 2850 Mk. ausgezahlt. Die Mitglieder der Kasse sind meistens kleine Beamte und Arbeiter, welche in geringen Wochenbeiträgen das Jahr hindurch ein Sümmchen zurücklegen, mit dem sie zum Ehrisife^r ihren Angehörigen eine Freude machen. ** Besitzweckise l. Heinrich Einhäuser hat sein An^ wesen Liebigstraße 70 an Friedrich Urban für 29300 Mk verkauft. Größere Anzeigen für die nächste Aamstaq-Kusgiöe bitten wir spätestens am Freitag vormittag in unserer Geschäftsstelle abzugeben. Später eingehenden Aufträgen können wir bei dem großen Anzeigenandrang für die Samstag- Ausgabe nicht die Sorgfalt in der technischen Ausführung zuwenden, welche für die Wirkung der Anzeigen unbedingt erforderlich ist. Verlag des Gießener Anzeiger. § Gedern. 17. Dez. Die hiesige israelitische Gemeinde, welche finanziell gut gestellt ist, läßt gegenwärtig einen wertvollen Thoraschrank anfertigen und künstlerisch ausschmücken. Rael) der Fertigstellung findet eine entsprechende Einweihung statt. Das .Holzgestell arbeiten zwei hiesige Schreiner, während zwei Italiener die Mosaikböden ange- fertiat haben. Tie Bildhauerarbeiten stellen zwei Meister aus Schotten her. Der Schrank ist für 13 Thorarollen bestimmt. — Hainbach, 16. Dezbr. Hier wurde jüngst ein Gesangverein durch den hiesigen Lehrer gegründet. Damit wurde einem lange gehegten Wunsche der Gemeinde Erfüllung verschafft. Auch in der Nachbaraemeinde Elpenrod ist der eine Reihe von Jahren stillgewesene Gesangverein neu erstanden. § Aus dem Vogelsberg, 16. Dez Der Abschlag der Fleischpreise in Frankfurt a. M. hat einen Rückgang der seitherigen Preise für fette Schweine im Gefolge gehabt, der den Hausschlachtungen von Nichtzüchtern sehr zu statten kommt. Der seitherige Preis betrug für fette Schweine 38 bis 39 Pfg. für das Pfund Lebendgewicht, jetzt ist dieser Preis auf 36 Pfg. herabaegangen. Das macht für das Durchschnittsgewicht von 100 Kg. einen Preisunterschied von 8 Mk. pro Schwein aus. Von einem entsprechenden Abschlagen der Wurst- und Fleischpreise hört man dagegen bei uns auf dem Lande leider nichts, es wird aber sehnlichst erwartet. lüü. rn'li r llrbrriirtit örr o'otirsfallr in örr r»tnbt 49. Woche. Vom 29. November bis 5. Dezember 1903. Einwohnerzahl: angenommen zu 26 900 link!. 1600 Mann Militär.) Sterblichkeitsziffer: 19,32, nach Abzug von 6 Ortsfremden: 7,73 7 n. Kinder Es starben an: Zusammen: Erwachsene: im vom 1. Lebensiahr: 2.—15. Jahr Tuberkulose der Lungen 1(1) 1 (1) — — Schiagfluß 1 1 —- — (fleßiruleibcn 1 1 — — Lungenentzündung 2 1 1(1) — Lungenermetterung 1 (1) 1(1) — — Darmverschlingung KD KD — —- Lebensschmäche 1 — 1 — Selbslnwrd KD 1 (1) —- — Bruchleiden 1 (1) 1 (1) — — Summa: 10 (5) 8 (5) 2(1) — Anm.: Die in Klammern gesetzren Ziffern geben an, wie viel der Todesfälle in der betreffenden Krankhert auf von auswärts nach Gießen gebrachte Kranke kommen. " Schiffsnachrichten. Bremen, 12. T ez. (Per lrunsaltanlöchen Telegraph.) Der Dovvelfchranben-Postdampfer „Chemnitz", Ka.mtän I. Iantzen, vom Norddeutschen Lloyd in Bremen, ist gestern 2 Uhr nach- mitkags wohlbehalten in Newyork angekommen. Kie Kamüientafcl am Weihnachtsfeiertag wird zu einer besonders festlichen und genußreichen, wenn man sie durch eine ober mehrere Flaschen Kupferberg Gold verschönt. Deshalb ist Kupferberg Gold das sinnreichste und praktischste Weihnachts g eschen k. Tode seine Biographin. In Straßburg begegnete er dann Goethe und ward ihm der eindruckvollste, tiefgründige Führer zu seiner erhabenen Künstlerschaft. Straßburg ward damals der Geburtsort der neuen deutschen Lyrik: Goethe war der Vater, Herder der Pate. In Bückeburg ward Herder dann Hofprediger und Kon- sistorialrat, und in jene Zeit fallen mehrfache Berufungen. In Gießen wurde er als Superintendent und Dozent begehrt, in Göckingen als ß rofessvr und Un versitätsprediger; in Halberstadt, Eutin 2c. 2c. in anderen Stellungen. Wohin er aber auch blickte, allenthalben sah er sich „durch Befürchtungen umlagert". Als er dann schließlich auf Goethes Veranlassung am Hose des genialen Karl August zu Weimar unter die edelsten Geister Deutschlands a ufge- nommen wurde, da gelang es ihm auch nicht recht, dort heimisch zu werden. „Sind nidjt", so schrieb er einmal an einen Freund, „alle Revolutionen in meinem Leben schnelle Fortstöße gewesen, wo ich nie an den Ort gekommen bin, wo ich wollte?" Trotz höchster Ehren und Auszeichnungen ist er, „unendlich einsam", verfallen mit aller Welt, am 18. Dezember 1803 in Weimar gestorben in feinem „windigten Palatium hinter der Kirche". Im besten Sinne aber hat er das Wort wahr gemacht, das diesen Gedenkartikel einleitet. In der ersten, in unserer Großväter Studienzeit von He^ne und den Brüdern Müller besorgten Ausgabe seiner gesammelten Werke*) finde ich im 3. Teile der bändereichen Abteilung „Zur schönen Literatur -in Gedicht unter der Aufschr'ft „Der Nachruhm". Nicht allen gönnte die Natur Das allgepriesene Glück, Zu bilden auf des Schöpfers Spur Ein ew'ges Meisterstück, Das, ein vollkommenes seiner Art, Ter Nachwelt stetes Muster ward. ♦) Zum 100. Todestage legte Professor Tr. Theodor Matthias eine für uns Heutige praktischere Aus vahl seiner Werke an seinem Grabe nieder. (5 Bde. Bibliographisches Institut in Leip'ig). Ein schönes .Herderp-rträt stell e zum heutigen Tage der Photograph K. Sck'wier in Weimar her, das in Quart'sormat 2 Mk. kostet und bei Herrn. Böhlau Nachf. in Weimar erschien eine kleine Herder-Broschüre von Pastor Adalbert Wiegand. Wahrlich, „nicht allen", nicht einmal ihm selber ist dieses „allgepriesene Glück" zuteil geworden. Als Dichter war er selten ganz originell, und als Philosoph war er Eklektiker, wenn er auch das Fremde mit eigenem Geiste an- und aus- saßte und verarbeitete. Aber allzeit dünkte es ihn, im Gegensatz zu den meisten unserer heutigen Poeten und Künstler, menschlich schöner, hinter seinem eigenen Wirken als Person völlig zu verschwinden. Er strebt danach mit begeisterten Stolze, Verdienste zu erringen, um des Besten seiner Mitmenschen willen, selber aber wollte er unsichtbar bleiben. Eine andere Strophe des Gedichts lautet: Wenn dann auch in der Zeiten Bau Mich bald ihr Schutt begräbt. Und meine Kraft auf Gottes Au In andern Blumen lebt, Und mein Gedanke mit zum Geist Vollendender Gedanken fleußt. Eine solche Art des „Nachruhms" ist ihm in reichstem Maße zuteil geworden. Mit grö'ter Pietät wird Herders Name noch heute genannt, tote wenige aber lesen seine an Gedanken und Anregungen mannigfachster Art überreichen Schriften! Und doch, wie unendlich vieles, was Heroer zum erstenmale gedacht und ausgesprochen hat, ist heute Allgemeingut der deutschen Bildung, ist uns Heutigen etwas tiefwurzlich Feststehendes, ohne daß weitaus die meisten von uns wissen, daß wir es Herder zu verdanken haßen. Tie ßahnßrechende und vorkämpfende Geistesart und Geistesarbeit dieses genialen Ostpreußen trug viele der dauerhaftesten Bausteine herbei zum gewaltigen Dom unseres heutigen Kulturwissens. In seinen Werken quillt eine Fülle von Lebensweisheit, die in uns hinübergeflossen ist, ohne daß wir den Vater Herder dahinter vermuten. In s.inen g schich'sp^'l s p'ifchen und asth'tifchen, s/rach- wissenschastlichen und theologischen Schriften gab uns Herder den Schlüssel, der uns die Eigenart von Völkern und Individualitäten, von Sprache und Dichtung, von Religion und Sitte in fast aller Herren Länder erschloß. Seine Briefe zur Beförderung der Humanität und seine „Ideen zur Geschichte der Menschheit zeigten ein sicheres Menschheits-Ideal, schufen den Untergrund zu der deutschen klassischen Dichtung um die Wende des 18. und 19. Jahr- lntnderts, gaben uns eine gewijfe liberale Hauptübeizeugung und eine unerschütterliche Erkenntnis von den menschlichen Pflichten. Das Geheimste und Edelste seines Innern in einem bleibenden, weit nachwirkenden Kunstwerke zusammenzufassen, war ihm nicht vergönnt, dafür aber umfaßte sein überragender Genius das fiemdartigste und alles, was er bearbeitet hat — und das ist erstaunlich Viel — zeugt von gründlichem Sonderstudium. Jean Paul sagte von ihm, daß hellenische Lebensfrische mit indischer Lebens- Würde in ihm vereint waren, und übersah dabei noch das tief Christliche, das Herder in sich trug. Ein Freund allegorischer Darstellung, gehören seine Legenden und Allegorien noch heute in ihrer Art zu dem Höckstteu deutscher Poesie. Dos schone Fremde vor allem in der Volksdichtung zog er hervor, wo er es fand. Er übersetzte eine große Anzahl römischer, hebräischer und morgenländischer Dichtungen. Er vermittelte uns in seinem „Cid" eine ganze Epoche spanischer Poesie und Denkart, in seinen berühmten „Stimmen der Völker" eine heute noch unvergleichliche Liedersammlung aus dem Herzen der Völker der Welt. Und daß er auch als Pädagoge ein Pfadfinder und Meister war, lehrt uns aufs neue dia unlängst erschienene schöne Monographie „Luise Großherzogin von Sachsen- Weimar und ihre Beziehungen zu den Zeitgenossen" (von Eleonore von Bojanowski)*) Dieser hohen Frau von reichem Gemüt und reichem Wissen, einer Darmstädter Prinzessin, hat Herder als Seelsorger, Freund und Ratgeber in der Erziehung ihrer Kinder lange sehr nahe gestanden, und er hat viel Gutes von ihr erfahren. Erst seine Stellung zur französischen Revolution, die er als eine Befreiungstat menschlicher Vernunft feierte, lockerte das schöne Verhältnis zu seiner Fürsttn. Noch heute sollte uns Herder ein Vorbild sein in seinem großen Wissensdrang, seinem unzerstörbaren Optimismus, seinem Glauben an die Vollendung der Menschheit, in seiner edlen Humanität. Und möge in den Herzen recht vieler unserer Zeitgenossen Einkehr halten seines Wahlspruchs weise Folge: Licht — Liebe — Leben! *) Verlag von I G. Cotta Nachf. in Stuttgart. ,Weihnachts-Ausstellung Laterna magicas. Eureka-Waffen etc Eisenbahnen. Grösste Auswahl Viele Neuheiten. Wegen bevorstehender Geschäftsverlegung wesentliche Preisermässigung C. ROHR & Co 9125 9339 7363 Praktische 9312 ab. Weihnachtsgeschenke Plüsch-Vivan MIL <8- Billigste Preise. Größte Auswahl 8700 Grünebaum Zur Welhnachlss'äcKerei empfehle ich Sahnhosftrahe 8724 8989 j an, reit nid msroarts nach BÄ sind bis 11 Uhr, inder vorn - 2.—15. 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Schreinerarbeiten Los I bis IV darunter 55 Türen, 48 qm Innenläden, 91 qm Fußböden, 154 eichene Trittstufen, eine Slocktreppe, 63 qm Buchenparkett. Anftreicherarbeiten Los I und II darunter Lein- und Oelfarbenanitrich auf Decken und Wänden; ca. 5 400 qm Anstrich auf Holz: 55 Türen u. s. w., Anstrich von Eisenkonstruktionen: ca. 12 400 Ifdm. Schlosserarbeiten Los I und II darunter 90 Türen zu beschlagen. 28 qm eiserne Läden, Geländer, Treppen etc. 800 kg Lichtschachtroste. Glaserarbeiten ca. 390 qm Verglasung eiserner Fenster in rheinischem und Kathedralglas. Betonarbeiten ca. 850 qm Kellerfußböden. Terrazzoarbeiten ca. 350 qm. LaPezierarbeiten ca. 3700 qm abwaschbare Stofftapeten. Die Verdingungsunterlagen liegen auf unserem Amte (Wilhelmstraße 21) zur Einsicht auf und können von dort (mit Ausnahme der Zeichnungen) zum Selbstkostenpreis besuchen wir unsere Vorräte nach Möglichkeit zu verringern und lassen deshalb in sämtlichen Artikeln eine reichhaltigste Auswahl, von Mk. 8.— an. 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DRINGENDE WARNUND: Man fordere in allen Kolonialwaren- und Butterhandlungen ausdrücklich PALMIJi. —— Nachahmungen sind meist schlecht und ranzig. ■ ■ —