Nr. 89
tlbrefle für Trpddien: Anzeiger Gietzen.
^frn'prrtfian'dilufi'Nr 51.
außer Sonntag«.
Dein Giehener Anzeiger werden im Wechte! mit dein besftschea Landwirt die Oietzever Zamilirn- dlütter viermal tn der IBodx deigelegl.
ytomnonibrud n. Ter- Ioq der Trüb I'leben Umoed.-Tud)* u.6iein» bruderei (!her1d}tirbtn) Redaknon. (trpeöitwn und vruaeret:
Zweites Blatt. LS». Jahrgang Freitag L7. April l 903
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Amis- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
J>le heutige Dummer umfaßt 10 Seite«.
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Pie „vortreffliche" <^age.
In der „Nordd. Allg. Ztg." werden die gestern von un- kurz erwähnten Aeußerungen de- Grafen Bülow gegenüber einem Mitarbeiter de- Pariser „Temps" nicht aoge- brudt, nicht einmal erwähnt. Auch der offiziöse Trabt bat von den Offenbarungen de- leitenden Staatsmannes oisyer keine dlotiz genommen. Der Bericht von der Unterredung macht den gleichen Eindruck der Echtheit. Man höre nur, was Herr Galtier noch erzählt:
Theokrit- Gedichte in deutscher Ue der setz, u n g sah ich auf dem Lesetisch des Kanzlers liegen. Dieser Lektüre entsprachen die eminent friedlichen Aeußer- ungen dc- Grasen Bülow, dessen elegantes Franzö- fisch einen kaum merlbaren, seltsamerweise engli- sch en Accent besitzt. Das Gesprächsthema war zunächst rein literarisch Ich kannte den Grasen Bülow seinem Stufe nach bereits als einen feinsinnigen Literatursrcund, aber wie er über den aus Pompeji bezüg. lichen Teil von Taine- Italienischer Reise" und dessen Kunftpbilosophie sprach zeigte ein den vornehmen Di- lettanii-mus wcttaus überragende-, ungewöhnliches Dar- flellung-talent. Nicht minder bemerkenswert war seine Würdigung der rednerischen Vorzüge Marco Minghetiis, welchem er besonders nachrübmte, daß er die Klassiker, namentlich die lateinischen, überaus wirksam zu zitieren wußte.
Schließlich sd>erzte Graf Bülow über die den Ministern de- Auswärtigen zuteil werdende Behandlung und meinte: „(Lin gutes Paraptuie vertragt Regelt, Schnee und Hagel."
An alledem erkennt man den Grasen Bülow. Aber am meisten vertraut ist dem Politiker der Optimi-mu-, dem der Reichskanzler auch bei dieser Gelegenheit Ausdruct gegeben hat. Die europäische Lage ist „im allgemeinen voctresslid-", die deutsch-französischen Beziehungen sind die besten, und den Sturm aus dem Balkan wird die Diplo- matie mindesten- einzuschränlen wisien. Graf Bülow gebrauche sogar da- Bild vom Sturm im Wasserglase.
Wie man die Dinge ansieht, das wird viel dadurch beeinflußt, wo und wie man sich befindet. Jin schönen Sorrent, befreit von den politischen Lagessorgen, wird dem Grafen Bulow die Situation noch rosiger erscheinen, al- wenn er in Berlin wäre. Da hat beispielsweise der österreichifch-unga- rische Botscl)after in Konstantinopel, Frhr. v. Calice, siel) soeben in viel weniger Hoss nun gsvollcc Weise über Mace- fronten ausgesprochen. Richt alles hängt vom Willen des Sultan- ab. Die Bemühungen des Suliaiis würden frucht- lo- bleiben, wenn man ihn nicht anlerte, die ricl-tigen Mittel und Wege zu finden. Wun, an „Anleitung" fehlt e- nich. Verlautet doch, daß Rußland und Oesterreich in den nächsten Tagen nochmal- „energische Vorstellungen" bei der Psorte maajen wollen. Gin türkischer Staatsmann erklärte die Lage für ernst und äußerte Mißtrauen gegen England. Tas letztere ist gewiß berechtigt; btt Friedensverficherungen bec britischen Staatsmänner schassen die Tatsache nicht aus ber Welt, baß Englands Zweden ein frischer, fröhlicher Dalkankricg, m den notwendig schließlich auch der alte Gegner England-, Rußland, hineiugezogen würbe, sehr ge- legen käme. England sucht mit heißem Bemühen Jeu lau- icrem Anschluß an Frankreich und findet Gegenliebe. Prä- ident Loubet verfehlte nicht, in Algier dem englischen Üdmiral die freudige Erwartung des im Mai bevorstehenden Besuchs Löttig Eduard.^ in Paris auszudrüden. ,/Nichts kann mir angenehmer sein, als diese Bet'räfligung unserer freundschaftlichen Beziehungen zu England", sagte der Präsident. Ist das keine Wolke am politischen Horizont, wenn zwei so intime Gegner Deutschland-, wie Frankreich und England es sind — nur daß die englische Regierung sich den Anschein giebt als sei die Haltung der großen Mehr- hcit der deutschen Bevölkerung im Burenkrieg ein Dergebenes Ereignis — einander näher rüden? In Frankreich fühlt man sich geschmeichelt durch die Auf merk, amkeiten der englischen Regierung und man trägt sich auch wohl mit dem stillen Plan die neue Freundschaft gelegentlich gegen Rußland auszuspielen wenn der teure und kostspielige Verbündete wieder einmal einen Defehlshaberton anschlägt.
Eine beruhigende Wirkung kann nach alledem die Ansicht oes Grafen Bülow, die europäische Lage sei im allgemeinen vortrefflich, schwerlich ausüben. Die Entscheidung aus dem Balkan muß kommen, der Druck liegt in den ganzen gespannten Verhältnissen, das ist der Alb, der auf Europa liegt Für alle Balkanvölker nahen ernste Zeiten, so führte Köliig Alexander von Serbien beim Festmahl anläßlich des zehnten Jahresfestes des Regierungsantrirts aus. Wie immer man sonst über Serbien denkt: in der makedonischen Frage hat es sich bei weitem ehrlicher und klüger benommen als Bulgarien. Fürst Ferdinand erholt sich in Mentone an der Riviera — da- soll ein Zeichen sein, daß keine ernste Störungen auf bem Balkan zu befurchten finb. Uns scheint mehr als wollte sich ber Fürst eine Art von „Alibi" schaffen, fall- es zur Erhebung in Macedonien kommt
Taß, wie ein Mitarbeiter der „Times" in Sofia behauptet, das Projekt einer allgemeinen Erhebung in diesem Jahre aufgegeben ist, kann eine Kriegslist sein, dazu aus- gesprengt, die Wächter sorgloser zm machen.
Und endlich: sind die Beziehungen Deutschlands und der Vereinigten Staaten vortrefflich zu nennen? Kaum daß die Venezuela-Dkrion vorüber ist, die Ablehnung der Einladung dcZ amerilauischen Geschwaders nach Kiel, die törichten Aeußerungen des Admirals Dewey über unsere Marine erledigt silid, tritt der Zw i schen s a l l aus der Ins el Ruck in den Ostkarolinen als ein neue- Moment auf, das Stoff bietet zu oeindseligk.uen gegen ^eusich- land. Dagegen schreibt die „Rordd. Allg. Ztg.":
Rach einem Bericht dc- stellvertretenden kaiserlichen Bize-Gouverncur- in Ponape hat der Kommandant des Kreuzer- Eormoran während der Anwesenheit des Schisse- auf der Insel Ruk in den Ost-Karolinen dort vier eingeborene Missionslehrer verhaften lassen, nachdem durch verschiedene Zeugen sestgestellt worden war, baß sie sich ungebührliche Aeußerungen gegen bie bcutsche Regierung und der Auf» reizung der Bevölkerung schuldig gemacht haben. Tie vier Eingeborenen sind am 1. Februar bei dem obengenannten (aijerL Beamten in Ponape cmgcliefert worden. Ta die Wahrheit der gegen bie vier eingeborenen Mr er erhobenen' Beschuldigungen nicht nur von diesen selbst, sondern auch von dem amerikanischen Mis.ionar auf Ruk, Mr. Steimsvn, bestritten worden ist, har sich der ka.se» ließe Vize-Gouverneur zur llntersuchung der Angelegen- beit selbst nach Ruk begeben. Seine Berichterpataung über das Resultat kann nicht vor Anfang Juni erwartet werden.
Man muß in Sorrent sich befinden, um angesichts solcher Vorgänge die Situation für „vortrefflich" zu halten.
yiiliti|ü)e (Lußruldiiuu
Die neue MilitäiVorlage.
Eine nicht immer mit Recht sich .offiziös" geberdende Korrespondenz ftnU glauben machen, daß eö mit der neuen Militärvorlage noch gute Wege habe nnd .zunächst von ihr keine Rede sein könne. Waö mit dieser Darstellung bezweckt werden soll, ist nicht recht ersichtlich. Kein ernst- Hasler Politiker kann darüber im Zweifel sein, daß die Grnnd- züge der nächsten Militärvorlage leitens der Heeresverwaltung festgestellt sind, daß speziell die Frage der organischen Um- beziv. Sleubilbung von Truppenoerbänden an der West- und Oslgrcnze deS Reiches im Prinzip entschieden ist. Tie diesjährigen, in Sachsen-Thüringen iiattfinOenben Kaiser- manüver dürften in dieser Beziehung kaum ergänzendes Ma- terial zu liefern haben. Es kann sich hierbei nur handeln um Beobachtungen, die bei der Bemessung der dleuforbc» ungen für Spezial,vaffcn in Betracht kommen. Nach unseren Informationen gilt dies namentlich für bic Kavallerie. Sie war bei der letzten Militärvorlage der parlamentarischen Kritik am meisten ausgesetzt und es liegt nahe, daß die Uli» lilärverwallung bei der neuen Vorlage den Versuch machen wird, baß ihr notwendig Erscheinende durchzufetzen. Ueber- öieß dürfte erinnerlich fein, baß bie unbeiirilten offiziöse .Norbb. Allg. ßlg.* vor kurzem bie Dlilüärvorlage ausdrücklich angetünbigt hat.
Dom Balkan.
Wie der „Frkf. Ztg." aus Konstantinopel telegraphiert wirb, ruft bie Lage im Dilajet Monastir bei der Pforte starke Beängstigung hervor. Man befürchtet eine allgemeine Bewegung für bie orthodoxen Oslertage. Der Zusammenstoß bei Kastoria zwisck)en türhfd^n Truppen und den von Saratoio angeführten Banden war ein Vorspiel hierzu. Saratow entkam, nack-dem seine Banden mehrere Soldaten getötet oder verletzt hatten. Mit Rücksicht auf bie stärkere Aktion der Bauden konferierte der Minister des Aeußern zwei Stunden lang mit dem russischen Botschafter über Die Lage und bie zu treffenden Maßregeln. Ucber die Verurteilung des Mörders Ibrahim hort der fiorre- fponbent deS Blattes zuverlässig, daß Rußland keine Revision des Prozesses verlangt habe, da die Pfvrte der russischen Botschaft die erste Verurteilung überhaupt nicht amtlich Mannt gegeben hat.
Die Blätternsloung, Rußland verlange von Bulgarien den auf Lstrumelien entfallenden Teil der Kosten dcs Befreiungskrieges, wird offiziös mit dem Bemerken dementiert, daß diese Angelegenheit bereits in Petersburg geschlichtet wurde.
Nach einem Petersburger Telegramm des Londoner „Daily Telegraph" soUen Rußland und Oesterreich zu bem Beschlüsse gelangt fein, daß energische Maßregeln in Macedonien erforderlich seien, und würden in bat nächsten Tagen ernste dahingehende Vorstellungen bei der Psorte mad^n.
Dculschcs Reich.
Berlin, 16. April. Tie Pläne für das deutsche Haus auf der Weltausstellung in St. Louis sind nunmehr vom Kaiser genehmigt worden. Auf feinen Wunsch ist ihnen eine ziemlich getreue Nachahmung des Charlottenburger Sc^oises zu Grunde gelegt worden.
— Ter Kaiser befrajlißte heute ein auf der Luisen- Jnsel aufgestelltes Modell zu der Jugendstatue Kaiser Wil» heims L von Prof. Drütt, hatte später im Auswärtigen Amt eine Besprechung mit dem Staatssekretär Frhrn. von Richthofen und hörte später im kgl. Schlosse die Vorträge des Kriegsministers, des Chefs des Generalstabs der Armee und des Chefs des Militärkäbinetts.
— Die Wahl des freisinnigen Landtagsabg. Stadtrat Ehlers zum Oberbürgermeister von Danzig ist vom Kaiser bestätigt worden.
— Der Verein zur Beförderung des Gewerbefleißes reranstaltete heute mittag eine Gedächtnisfeier für den verstorbenen Minister v. T e l b r ü d in der Singakademie. Als Vertreter des Kaisers wohnte Prinz Friedrich Leopold der Feier bei Cs nahmen u. a. teil die Minister Frhr. von Rheinbaben, Schönstedt, Wedel, Thielen und Oberpri.sident v. Bötticher. Tie Gedächtnisrede hielt G:h. $>rgrat Wedding.
— Tie vom Reichskanzler veranlagten Erhebungen über eine etwaige Herabsetzung der Arbeitszeit gewerblicher Arbeiterinnen sind nunmehr abg.- schlossen. Tie Aibc.tgebcr haben fich nahezu ausi^chmLl s
gegen eine gesetzmäßige Festlegung solcher Arbeitszeit erklärt. Es ist btinnad) anzunehmen, daß von U-r geplanten Aenderung des 8 137 ber Gewerbeordnung Adstand genommen werden wird.
— Zu der bevorstehenden Informationsreise deS russischen Verkehrs Ministers und einer Anzahl höi-erer Beamten feiues Risjorts wird aus Danzig telegraphiert: Der Minister will die preußischen Weichsel- Jicgulierung3ürbeiicn aus eigener Ans^Mrung genau kennen lernen, um nach diesem Muster endlich mit bvr seit einem Jahrzehnt ersehnten Regelung des russifck-en Stromlaufes Der Weichsel zu beginnen, wodurch die Eis- und Hochwasjer- gcfahr für bie Weich fei mehr und mehr schwinden bürste. In Taiizig wird der Minister vom Soiiutag ab einige Tage verweilen und von dort bie Reise per Bahn nach Tilsit und Memel fortfetzen, da er auch die Verhältnisse des Memelsironies genau kennen zu lernen wünscht.
Dresden, IG. April. Kronprinz Friedrich August ist heute nachmittag aus Cardone hier wieder eingetroffen.
Stuttgart, 16. April. Die Finanzkommission bet Abgeordnetenkammer erledigte den Gesetzentwurf über die Tilgung der Staatsschuld unb bie Umwandlung der Iprozen t. Anleihe von 1891/92 in eine 3r/rprozentige Staatsschuld.
Wahl-Bewegung.
-i- Groß-Karben, 16. April. Tie Agitation zur Reichstagowahl hat im Wahlkreis Friedberg-Büdingen begonnen. Der Kandidat der Sozialdemokraten, Siadlv. B u s o l d - Friedberg, hat in mehreren Orten ber Wetterau Versammlungen abgehallen. Auch seitens bec Nationalliberalen, deren Kandidat der seitherige Abg. Graf Or io l a-B üdes h eim ist, beginnt die Agitation. Man nimmt an, daß es wieder wie bei der letzten Reichstagsmahl zwischen Nalioitallibera.e>i und Sozicudemokraten zur Stichwahl kommt. Tie übrigen Parteien, bei denen es sich um Zählkandioaten haridelt, werden dabei den Aus« ,ck>lag geben.
Darmstadt, 16. April. Den „Neuen Hess. Volksbl.^ wird mugcteilt, daß gestern eine Vertrauensmännerversammlung des hessischen Bauernbundes und des Bundes der Landwirte gemeinsam als NeichStags- kandidaten für den Wahlkreis Tarmstadt-Groß- Ger a u den Generalmaior z. D. v. Kl öd en ans Wiesbaden aufstellten. Der Kandidat will sich keiner ber politischen Parteien bes Reicl-siags anschließen. So ist denn Die Hofjnung der Nationalliberalen, die agrarischen Elemente des Wahlkreises dock» noch zum Anschluß an das Trutzbündnis gegen die Sozialdemokraten gewinnen zu können, enbgiltig zu niebte geworden.
Bensheim, 16. April. Eine Vertrauensmännerver-- sammlung der nationalliberalen Partei aus dem Reichstaaswahlkreis Bensheim-Erbach beschloß, den seitherigen Vertreter Geh. Rat Haas wieder aufzustellen. Daß Der Bund der Landwirte unb ber hessische Bauernbund gleichfalls für diese Kandidatur eintreten würden, stand schon seit einiger Zeit fest.
Bingen, 14. April. Wie die „W. Nachr." hören, wird für das Zentrum im Wahlkreis Alzey-Biiigen Josef Sen f ter-Gabsheim kandidieren.
Kassel, 16. April. In einer Versammlung des nationalliberalen Wahivereins, in der sich der nationalliberale Gutsbesitzer Beinhauer den geladenen V^rlretern Der konservativen und der freisinnigen Partei vorstellte, gaben die Konservativen die Erklärung ab, Daß sie für Beinhauer stimmen würden. Ein Vertreter der Freisinnigen spracki Die Hoffnung aus, daß seine Partei bie Kandidatur mindestens nicht stören werde.
Kirche unb Schule.
Tie 8. Hauptversamm lung der Freien kirchlich-soziale n Konferenz wurde am Mittwoch in Berlin eröffnet Abg. Hofprediger a. D. Dr. Stöder verlas zu Eingang das Wort aus Apostclgefchichte 4, 32: „Tie Menge aber der Gläubigen war ein Herz und eine Seele." Lberlandesgerlchtsrat Dr. Tuncker>Naumburg hielt eine begrüßende Ansprache, an bie er eine Begründung der Gedanken der Konferenz knüpfte, diese namentlich ge^en den Vorwurf ber Rückständigkeit in Schutz nehmend, ^n das Bureau wurden Arbeiter, Handwerker, Geistliche berufen. Zahlreiche Bchörd^n (Kultusministerium, Handelsministerium ufro.) hatten bie Abwesenheit einer Vertretung ent- schulbigt Prof. Dr. Seeberg sprach über: „Tie Per,örtlich- feil Christi ber feste Punkt im freßenden Strome ber Gegenwart." Tie Nachmiitagssitzung war ganx ben Frauen gewidmet Aus der Tagesordnung ftam) als Thema: „Die Pflichten und Rechte der Frau in der kir ch- lichen und der bürgerlichen Gemeind e." AIS Referentin trat auf die erste Vorsitzende des Teuisch-evan- gelischen Frauenbuiides Fräulein Paula Müller (Hannover-, als Korreferent Abg. Hofpied^ger Dr. Stöder. Der Vortrag der Referentin, der eine Erweiterung der Frauenpflichten unb -Rechte in der kommunalen Armen-, Waisen- und Fürsorgetätigkeit, sowie in ber kirchlichen Vertretung verlangte, gipfelte in ben Worten: Wir haben ben Wunsch, die Einrichtungen ber bürgerlichen und kirchlichen Gemeinde ins Einverstäiidnis zu bringen mit den Forderungen der Zeit Zwischen beiden soll keine Spannung fein. Neue Gedanken unb Interessen sollten von der Kirche nicht abgelebt, sondern aufgegripen unb mit christlichem Geiste burch- brungen werben. Vergessen wir nicht, baß viele sogenannte göttliche Ordnungen nicht geworden sind, fonoern von Menschen als Ausdruck der Zeit gemacht wurden. Unsere Forderungen entsprechen der Gerechtigkrit und bedeuten eine Neubelebung der Gemeinde. Nicht Umsturz sondern
zeitgemäße Fortbildung des Bestehenden sei die Parole? Das Korreferat Stockers billigte im allgemeinen die Forderungen der Rednerin, auch in Bezug auf das Wahlrecht zur Kirchengcmeinde. Es folgte eine angeregte Diskussion.
Ausland.
Kopenhagen, 16. April. Zwei dänische Minister, Hörup und Sörensen, sind ehemalige Redakteure. Als diese beiden Kaiser Wilhelm vorgestellt wurden, äußerte der König einige anerkennende Worte über ihre ministerielle Tätigkeit. Als die Minister entlassen waren, meinte König Christian: „Sie sind ganz tüchtig, aber sie haben von rhrer früheren Tätigkeit her noch die Angewohnheit, daß sie manches Schriftstück ungelesen in den Papierkorb wanoern lassen — weil sie es für ein Früh- ^ingsaedicht oder so etwas halten."
Brüssel, 16. April. „Petit bleu" will aus London erfahren haben, daß die Unterhandlungen zwischen der e n g - lischen Regierung und dem Vertreter der kongostaat- licheri Verwaltung, Van Etvelde, über die Abtretung des Gebietes von Lado einen befriedigenden Verlauf nehmen.
Malta, 16. April. Nach seiner Ankunft empfing König Eduard an Bord seiner Jacht den Gouverneur von Malta, sowie den Kommandanten des Mittelmeer-Ge- schwaders und begab sich an Land unter dem Geläut der Glocken und dem Donner der Geschicke der Schiffe und der Forts, die den Königssalut abgaben. Auf den Kais und in den Straßen bildeten Souraten und Matrosen Spalier. Der König fuhr, lebhaft begrüßt von einer zahlreichen Menge, nach dem Schloß und frühstückte bei dem Gouverneur.
Rom, 16. April. Wie die Blätter übereinstimmend mitteilen, läßt der Zu st and des Papstes zu wünschen übrig. Der Papst empfängt zwar noch Pilger, antwortet aber nicht mehr auf irgend eine Adresse. Es ist nicht zu leugnen, daß der Schtvächezustand des Papstes beständig zunimmt, veranlaßt durch permanentes Husten und Appetitlosigkeit. Eine unmittelbare Gefahr besteht indessen nicht. Nichtsdestoweniger haben aber die vatikanischen Beamten, welche eine Funktion im Falle des Ablebens des Papstes auszuüben haben. Befehl erhalten, Rom nicht zu verlassen.
Budapest, 16. April. In der heutigen Sitzung des Abgeordnetenhauses kam es aus Anlaß einer Inter- pellationsdeantwortung über Vorgänge in dec Fünfkirchener Honved-Kadettenschule durch den Honvedminister zu einer derartig stürmischen Szene, daß die Sitzung behufs Beruhigung der Gemüter suspendiert werden mußte. Die Opposition überschüttete den Honvedminister mit einer Flut von Schimpfworten, weil er erklärt hatte, die Opposition vergifte die Jugend durch ihre aufreizende Agitation. Sie forderte den Präsidenten auf, daß er dem Minister -inen Ordnungsruf erteilen solle, was dieser jedoch ablehnte.
Agram, 17. April. Gestern abend gab es abermals Exzesse. Die Demonstranten rissen das Schild eines Fahr- kartenfchalters herab und zertrümmerten durch Steinwürfe Zahlreiche Fensterscheiben des Staatsbahn Hofes. Polizei und Gendarmerie zerstreute die Menge. Militär ist in Berell- schast, Patrouillen durchziehen die Straßen.
Athen. 16. April. Der Kronprinz und Prinz Eitel Friedrich Haven Eleusis, Korinth, das alte Delphi und Delphi besucht Und werden sich heute nach Olympia begeben.
Petersburg, 17. April. Die „Finl. Ztg." bespricht tat leitender Stelle das Reskript des Kaisers an den Genera lgouverneur von Finland, durch das diesem eine außergewöhnliche Vollmacht zur Sicherung der Staatsordnung und allgemeinen Ruhe Finlands verliehen wurde. Der Artikel schließt: Wir wollen hoffen, daß die außergewöhnlichen Maßregeln zu dem gewünschten Resultat führen werden und daß damit der Notwendigkeit zu noch härteren Maßregeln vorgebeugt werde, bei denen augenscheinlich die ruftische Regierungsgewalt nicht stehen bleiben wird, um, was es auch koste, für jeden Untertan den heiligen selbstherrlichen Willen des Kaisers zu ver- wirllichen.
Algier, 16. April. Präsident Loubet besichtigte heute vormillag die Division Algier und die Landungs- kompagnie des Mittelmeergeschwaders auf dem Manöver- selde von Mustavha. Die Ossc'ziere der fremden Geschwader wohnten der Besichtigung bei und gaben beim Vorbeimarsch der Truppen Zeichen von Beifall. Der Marineminister Pelletan empfing am Nachmittag an Bord des Schisses „Saint Louis" die Kommandanten der anwesenden fremden Geschwader. In einer Ansprache an die Kommandanten drückte der Minister den Wunsch aus, daß die Flotten, zu denen die jetzt in dem Hafen von Algier liegenden Geschwader gehören, sich nie auf anderem als dem Gebiete der Brüderlichkeit begegnen möchten. Ter Kommandant des italienischen Geschwaders erwiderte im Namen der übrigen Admirale mit einem Trinkspruch aus den Minister Pelletan und die französische Marine.
Internationaler Kongreß gegen den LllkoholismuS.
IL
Bremen, 16. April.
Ter Prager Prof. Hüppe sprach gestern vormittag über ,Iörperübungen und Al ko Holismus". Es hat sich gezeigt, daß unter Umstünden dauernde Ermüdungserscheinungen infolge von Alkoholgenuß auf treten. Tahin gehören Ausmerksamkeitsübungen. Alle Arbeiten, welche er* höhte Aufmerksamkeit, Sicherheit der Boobachmng erfordern, ferner gewisse sportliche Leistungen gedeihen un- vergicichlich besser unter einer alkoholfreien Lebensweise. So erklärten sich 60 Prozent Alpinisten für die Abstinenz; ähnlich lag die Sache bei Radlern. Bei diesen Dauerübungen spricht die Erfahrung also für die Abstinenz, ebenso ist das beim Rudersport der Fall. Allein hierbei kommt in Betracht, daß daS erziehende Moment beim Sport hauptsächlich in der Entwöhnung von vielem Getränk, nicht bloß vom Alkohol enthalten ist. Die Gewebe unseres Körpers müssen nicht durch vieles Trinken „verwässert" werden — sozusagen. Dieselben Erfahrungen toten auch gewisse Athleten dar: sie neigen alle zur Abstinenz, und die Erfolge der türkischen Ringer haben diese Erfahrungen von neuem bestätigt. Absolut schädliche Wirkungen äußert der Alkohol in den Tropen in der Hitze; weniger schlimm ist es dagegen in den nordischen Ländern damit bestellt. Ten wissenschaftlichen Zusammenhang dieser Erscheinungen hat Rubner nac^cwiesen. Der Alkohol lähmt m einem gewissen Sinne die Tätigkeit der Schweißdrüsen. Anderer,eits ist aber Fritjof Nansens arktische Reiseerfahrung mit seiner abftinemen Lebensweise nicht ganz beweiskräftig. Tas Seelenleben deS berühmten Nordlandreisenden hat entschieden unter feiner arktischen Abstinenz start' gelitten. Rein en falte ist bir Sache mit der
strenge
a.kohol^chen Getränken ist. Folglich
Redensart erledigt: „Alkohol ist ©ift". Alle Versuche an Tieren, denen Alkoholmengen eingeflößt wurden, find in ihren Ergebnissen ebenso falsch |ür die Entscheidung über die Frage nach der absoluten Schädlichkeit verwendet worden. Tie Rolle des Alkohols beim Ernährungsver- brennungsprozeß ist durchaus keine spezifisch zerstörend wirkende. Es tritt vielmehr bei seinem Eingreifen in den Emährungsprozeß ein Austausch zwischen feinen und den Protoplasmabestandteilen ein. Bei der Beurteilung der Frage über die Schädlichkeit des Alkohols übersieht man häufig die Bedingungen, unter denen die Alkoholreize aus- geübt werden. Kleine Alkoholgaben, während der Arbeit dargereicht, find physiologi,ch zuweilen nützlich Allein diese physiologisch festgestellten Tatsachen tun jener Auffassung keinen Abbruch, welche den Alkohol bei großen Volksfesten, bei Volksfpielen, bei allen Körperübungen für schädlich erklären. Pros. Hüppe war mit seinen kritischen Bedenken den fanatischen Abstinenzlern unbequem; allein er hatte völlig recht, zu behaupten: ob unangenehm oder nicht — die Wissenschaft steht jenseits von Gut und Böse, und sie könne auf ihr kritisches Amt nicht verzichten.
Zwischen dieVormittagsfchung^und die Nachmittags- Verhandlung Halle der Bremenser Senat ein Frühstück gelegt, das in der eigenartig prächtigen Oberhalle des herrlichen altberühmten Rathauses eingenommen wurde. Die meisten Anwesenden schlürften mit Behagen alkoholfreie Getränke, unter denen einige sich als Traubenweine ausgaben. Es waren auch unvergorene Nebenerzeugnisse. Allein der hergebrachte „Rotspon" und ein unglaublich milder „Cuejer" Mosel behiellen schließlich die Oberhand. Tem Kongreß ging auf die an den Kaiser gerichtete Huldigungsdepesche folgendes Antworllelegramm zu: „Se. Majestät der Kaiser uno König lassen dem 19. internationalem Kongreß gegen den Alto Holismus für den freundlichen Gruß bestens danken. Allerhöchstdieselben nehmen an den Bestrebungen des Kongresses warmen Anteil. Aus Allerhöchsten Befehl: von Luccmus."
Ten ersten Vorttag in der Nachmillagssitzung hielt Tr. Legrain (Paris) in französischer Sprache über „A lko - Holismus und Tuberkulose." Niemand kann mehr in Abrede stellen, daß zwischen Tuberkulose und Alkoholis- mus ursächliche Beziehungen bestehen. Ter Alkohol schwächt überhaupt die Widerstandsfähigkeit des menschlichen Organismus. Er prädisponiert das Individuum zur Tuberkulose durch die lähmenden Einflüsse, die er aus das Zellprotoplasma ausübt, welches dadurch in seiner Widerstandsfähigkeit gegen das Eindringen der Parasllen geschwächt wird. Er prädisponiert für die Tuhprkulose, indem er alle Verteidigungsmittel des Organismus zerstört, besonders indem er die Gesundhell des Nervensystems an greift. Er bringt Störungen des allgemeinen Ernährungszustandes mit sich. Indern er angeborene Schwächezustände hervorruft, prädisponiert er die Vererbungstuberkulose der Kinderzeit. Tiefe ist viel häufiger als die angeborene Tuberkulose, deren tatsächliches sSortommen sogar vielfach bestritten wird. Aber der Alkohol wirkt endlich auf den schon von der Tuberkulose befallenen Organismus weiterhin schädigend ein; er verschlimmert die Ansteckungsgefahr und beschleunigt deren Entwickelung. Bor allem verhindert der Alkohol die Hellung der Krankhell, die an sich immer möglich ist. Man kann daher sagen, daß die syste- matische Behandlung der chronischen Tuberkulose mit Alkohol eine vollständige physiologische Verkehrtheit darstellt. Ter Alkohol prädisponiert den Menschen sozial zur Tuberkulose, indem er jeden moralischen Rückhalt, jedes moralische Ideal zerstört. Der Alkoholiker versteht weder zu essen, noch fich zu lleiden, noch sich eine passende Wohnung zu suchen, npch seinem Leben eine nut der Ethik im Einklang stehende Haltung zu geben. Demgemäß sind nicht die Ansteckungsträger (Bazillen) die wahren Ursachen der Tuberkulose, sondern alle diejenigen Faktoren, welche geeignet sind, die Macht dieser Bazillen zu steigern, und deren Giftigkeit zur vollen Wirkung zu bringen. Tahin gehören schwere Krankheiten, Exzesse, Schlemmerei, unnütze Ermüdung, Ueberanftrengung, physisches, moralisches und pekuniäres Elend, Mangel an Hygiene. Das sind Ursachen, die größtenteils direkt aus dem gewohnheitsmäßig betriebenen Alko^lmißbrauch hervvrgehen. Praktisch darf man die Problemfrage der Tuberkulose nicht mit der der Heilung von Tuberkulösen verwechseln. Vielmehr folgt logischerweise daraus, daß die Bekämpfung der Tuberkulose der Behandlung der Tuberkulösen do ran» gehen muß, und daß diese Behandlung in erster Linie eine soziale, das heißt eine vorbeugende ist. Durch Heilung einiger, auch vieler Tuberkulöser bringt man die Tuberkulose nicht zum Verschwinden, so wenig wie man die Trunksucht aus der Welt schafft und die Trinksitten bessert, wenn man einige Trinker heilt. Die Lösung der Frage wird unendlich well und ohne wirklichen dkutzen hinausgeschoben, wenn man gegen die eigentliche Ursache der Krankhell zu Felde zieht, obwohl feststeht, daß die beihelfenden Ursachen die Hauptrolle spielen, liebertrag* barleit der Tuberkulose durch Ansteckung gibt es tatsächlich, aber man hat ihre Bedeutung übertrieben. Gewiß wäre es falsch, zu sagen, daß man die Tuberkulösen nicht be- hanoeln und ihnen nicht helfen, oder daß man biie Herde der Tuberkulose nicht zerstören solle, aber man muß, der Wichtigkeit der Sache entsprecheiid, zunächst daran denken, die Trinksitten zu bessern und die Herde des Alkoholismus zu zerstören. Es ist ein Irrtum, anzunehmen, daß der Krieg gegen das Ausspeien, die Isolierung der Tuberkulösen und ihre persönliche Behandlung ausreichen zur Heilung der Tuberkulose. Wenn auch das Sanatorium von Nutzen für die Tuberkulösen ist, so bedeutet es doch in sozialem Sinne einen Irrweg, solange nicht als Gegengewicht eine gleichsinnige Entwicklung von Werken allgemeiner Prophylaxe (Vorbeugungsmaßregeln) stattfindet, deren nichtigstes der Kampf gegen den Alkohol ist. Ueber den Alkoholismus triumphieren, heißt annähernd auch über die Tuberkulose triumphieren. Tie Ansttengungen der öfsent- lidjen Gesundheitspflege und privaten Wohltätigkeit werden verschwendet, wenn sie siech wie es gegenwärtig der Fall ist, lediglich den Tuberkulösen zuwenden. Die Unterstützung der öffentlichen Macht und,das in sozialem Sinne an« gewandte Kapital werden in 'falsche Bahnen geleitet, wenn sie sich nicht mindestens in gleichem Maße den Bedürfnissen der Anttalkoholiker zuwenden. Das antituberkulöse Sanatorium erfordert neben sich als hygienisches Erganz- ungskampftnittel das anttalloholische ^Sanatorium. Tie Solidarität _in dem antialkohollschen Kampfe vermag mehr gegen die Tuberkulose auszurichten als