Montag, 14. Dezember 1903 153. Jahrg. Erscheint tüglich mit Ausnahme deS Sonntags. Di .Tietz«'! ^amiltenblätter* werden dem Anzeiger v erma wöchentlich betgelegt. Der „hesstfche Canöwtr*** erscheint monatlich einmal. Gießener Anzeiger «Verantwortlich Millionen Mark aus dem Reicksiapalidenfonds sind wir einverstanden, daaeaen nickt mit der Gehaltszulage an, die, Oberstleutnants. Mindestens müffen wir damit warten, bis , die große Militärvorlage kommt. Vor allem müssen mir sparsam sein, wo wir sparen können. Wir müssen daher auch überlegen, ob es nock not- wendig sein wird, dft Präsenzziffer unseres , Heeres zu erhöhen. Andere Staaten tun das nickt mehr. Die Börsenftcuer wird auch nach ihrer Reform nickt mefir die gleichen Erträge bringen, wie früher, denn die Geschäfte, deren Fortführung durch ihre Erhöhung gehindert war, lassen sich so schnell nicht wieder in Fluß bringen. Zu einem günstigerem Etat werden wir nur dann gelangen, wenn die allgemeine wirtschaftliche Lage sich bessert. Dazu aber gehört vor allem, daß wir aus den Zweifeln über die künftige Gestaltung unserer Handelsbeziehungen endlich hcrauskommen. Um unseren Etat zu baianzieren, werden wir auf absehbare Zeit auf Anleihen und Matrikularbeiträge angewiesen sein. Der Finanzrcforment- wurf beseitigt die ungedeckten Matrikuiarbeiträge. Wenn ein Antrag angenommen würde, der in das Gesetz einfügte: Fort mit der Franckenüeinschen Klausel, zurück zu dem früheren Zustande!, dann erst würde man konsequent vorgehen. Die Matrikularbeiträge müssen wir solange beibchaltcn als Sicherheitsventil gegen zu hohe Anforderungen, solange wir keine direkten Reichssteucrn haben. Bezüglich der Stellung unsere? CffhierforpS bin ick ganz der Meinung des Kriegsministers. Unser Heer ist ein Volksbeer und unsere Offiziere gehören zum Volk. Leider lästt es sich aber nicht leugnen, dafz das Offizierkorps jetzt mehr als früher von der übrigen Bevölkerung getrennt ist, und nichi wenig trägt dazu das Kasinoleben bei. (Sehr richtig!) Ein großer Misch d ist auch die frühe Pensionierung vieler Offiziere. Es gibt eine Oberst . eine Majorsecke und vielleicht auch noch einige andere Ecken. Unin*, den Soldatenmißbaudlungen Laben namentlich wiche Leute zu leiden, die geistig minderwertig sind: und man sollte e§ 'ich daher reiflich überlegen, ob es einen Zweck hat, solche Leute bei der "ahne zu behalten und mit aller Macht auszuoilden. Die Mißhandlungen müssen aber unter allen Umständen ausgerottet werden, und sehr viel könnte dazu beitragen die Einführung einer pflichtmäßigen Kontrolle durch die vorgesetzten Offiziere. Ich komme mm zur Sozialpolitik. Es liegen unS ja eine Menge Anträge auf diesem Gebiete vor, aber sie bringen wenig neues. Mil gittern Gewissen kann ich sagen, daß unsere Fraktion an der Spitze der sozialpolitischen Bewegung steht. Wir sind für alle Anträge zu haben, die irgend welche Aussicht auf praktische Durchführbarkeit haben. Leider hat uns bet einer Anzahl von Anträgen die Mitwirkung der Negierungen gefehlt, obwohl sie mindestens so wichtig sind, wie die Wohlfahrtseinrichtungen. Hierzu gehört z. 23. die Anerkennung der Berufsvereine, die vollkommene Koalitionsfreiheit und ein zeitgemäßes, einheitliches und fteiheitliches Vereins- und Versammlungsrecht. Der Reichskanzler bat sich vorgestern ausführlich mit den Phantasmagorien der Sozialdemokratie beschäftigt. Viel neues hat er nicht vorgebracht und jedenfalls auf die Sozialdemokratie selbst mit seiner Rede keinen Eindruck gemacht. Die Sozialdemokratie ist doch gerade durch die Politik der Regierung groß geworden. Das Programm der Sozialdemokraten spielte bei den Wahlen gar keine Rolle. Es waren die Klagen über die hohen Militärlasten, über die hohen indirekten Steuern, über die Beschränkungen in der Äusübung des Versammlungsrechtes und andere Beschwerden über gegenwärtige Zustände, die ihr den Zuwachs zuführten. An eine Revolution denkt man innerhalb der Sozialdemokratie nicht. Heutzutage ist man mit Revolutionen viel vorsichtiger als in ftüheren Zeiten. Wir haben aber die dringende Veranlagung, die Frage unserer Stellung zur Sozialdemokratie klar zu legen. Der Abg. v. Kardorft ruft schon wieder nach Ausnahmegesetzen. Nun, was haben Sie mit den Ausnahmegesetzen bisher für Erfahrungen gemacht? Der Kampf, der auf diese Weise gegen die Sozialdemokratie oder richtiger gegen die arbeitenden Klassen geführt wurde, hat nur deren festeren Zusammenschluß zur notwendigen Folge gemacht. Wir werden eine Besserung des Verhältnisses zwischen den arbeitenden Klassen nur erreichen, wenn wir in jeder Beziehung ihren berechtigten Anforderungen enraegenkommen wenn wir ihnen vollkommene Gleichberechtigung gewähren nicht nur im Hinblick auf wirtschaftliche und Wohlfahrtseinrichtungen, sondern vor allem auch in politischer Beziehung. Dem Streben nach Gleichberechtigung haben wir nicht entgegenzutreten, wir haben eS zu fördern. Das ist Aufgabe aller Liberalen, die deshalb ihre Existenz noch nicht aufzugcben brauchen. Der Friede in der Bevölkerung muß wiederhergestellt werden, und es ist besser, wir tun das freiwillig, als daß wir dermaleinst dazu gezwungen werden. Was tu England möglich ist, das muß auch bei uns möglich fern. Wir haben hie Sozialdemokratie in die Lage versetzt, sich als Vertreterin der Arbeiter zu betrachten, und damit müssen wir so lange rechnen, bis die Arbeiter einschen, daß auch die bürgerlichen Parteien ihre Interessen vertreten. Wie sich die Sozialdemokratie entwickeln wird, das wissen wir nicht, aber wir wissen, daß in der Welt große Aendc- rungen vor sich gehen. Wir stehen vor der Gründung neuer großer Weltreiche, und keines von ihnen kann sich den Aufgaben auf sozialpolitischem Gebiete entziehen. Mögen auch wir unsere Aufgaben erkennen. (Beifall links.) , . Abg. Payer (süddeutsche Vvt.): Die heutige Finanzwirtschaft betrachten wir nicht nur als etwas Mißliches, sondern geradezu als etwas Demütigendes. In den Einzelstaaten treibt man denn oodi eine sorgfältigere Finanzwirtschaft als im Reich, wo man pch immer durch Anleihen zu helfen sucht, in denen man eine unerschöpfliche Goldgrube zu haben glaubt. Daß die Papiere des Reichs tru Kurs so niedrig stehen, ist unter solchen Umständen kein Wunder: daß die lex Stengel für die Seelenruhe der Finanzminister der Einzelstaatcn etwas unentbehrliches ist, glaube ich gern, ich kann nur die bewegten Klagen des preußischen Finanzministers sehr wohl erklären. Aber wir haben vor allem die Bedeutung dieser Vorlage in bezug auf die verfassungsrechtliche' Stellung der Einzel- staaten und in bezug auf das Einnahmebewilligungsrecht des Reichstags zu prüfen. Tie beabsichtigte Erhöhung der Offiziersgehälter, die geforderte Zinsgarantie für die ostafrikanische Bahn und bic für das nächste Jahr in Aussicht gestellte Erhöhung der Friebens- piäsenzstärke des Heeres ist doch gewiß mit den Prinzipien der Sparsamkeit nicht zu vereinbaren. (Sehr richtig! links.) Durch die neue Vorlage wird uns die Ausschaltung der verfassungsmäßigen Tätigkeit des Bundesrats zugemutet. Der Minister Frhr. v. Rhein- baben hat aus der Schule geplaudert, seine Rede sollte uns veranlassen, erst recht dafür zu sorgen, daß die Tätigkeit des Bundesrats nicht auZgescbaltet wird. lSebr richtig! links.) Wir haben doch wahrhaftig keinen Grund, die Herren Finanzminister bei ihrer nützlichen Tätigkeit zu stören, sie sollten sich nur mit dem Mut der Verzweiflung für die Einzelstaaten wehren. Wir sind auch deshalb Gegner der Finanzreform, weil wir die feste Ueberzeugung haben, daß sie nur die Einleitung einer wesentlichen Erhöhung der indirekten Steuern bedeutet. Mil der ReichSfinan-- reform allein, wenn sie zustande kommt, kann man nicht bezahlen. lHeiterkeit.) Nein, wenn der erste Schritt gemacht wird, folgt der zweite mit Naturnotwendigkeit nach, und deshalb lehnen wir es ab diesen ersten Schritt zu machen. Werden die Mittel bereit gestellt, dann bekommen wir im nächsten Jahre sicher 'eine neue Militär Vorlage. Daß sie jetzt noch nicht eingebracht ist, daran sind nickst die persönlichen Verhältnisse des neuen Kriegsministers Schuld. Nein man ist sich sehr wohl der Schwierigkeiten bewußt, eine solche '-ßor- läge durchzubringen in einer Zeit, wo mau kaum die Kosten für das vorhandene Heer zur Verfügung har. (Sehr richtig! links.) Es geht ein Gefühl des Entsetzens durch das Volk, wenn durch Militärgerichtsverhandlungen die Unterschiede bekannt werden in den Bestrafungen von Offizieren und von gemeinen Soldaten. Die Soldatenmißbandlungen find nickst so harmlos, wie sie der Kriegsminister binstellt. Die Erziehungsmethode durch Prügel ist durchaus zu verwerfen. Die Kr-ankbeit unseres Jahrhunderts, die Nervosität, ha> in der Armee von oben bis unten noch weit mehr nm sich gegriffen I als beim Zivil. Diese Tatsache und die weitere Tatsache, daß die I Offiziere, wenn sie bei der Besichtigung schlecht abschneiden, entlassen werden können, hat zum Anwachsen der Soldatenmißhandlungen beigetragen. Die sittlichen und dienstlichen Verfehlungen von Offizieren sind zum Teil zurückzuführen auf den übertriebenen Luxus in der Armee, der trotz aller schönen Worte von oben nach wie vor weiter besteht. Mit Recht wird auch geklagt über die Schonungslosigkeit gegenüber der Gesundheit und dem Leben tooxV Soldaten bei Friedensübungen. Tie Dienstzeit sollte auch bei den berittenen Truppen auf zwei Jahre herabgesetzt luerben. Weiter sollten wir auf die Versorgung unserer Kriegsinvaltden unsere Hauvtaufmerksamkeit richten. Nach her Verfassung, Artikel 34, sind die Negierungen ver- pflickster. die beutschen Eisenbahnen im Interesse des allgemeinen Verkehrs wie cm einheitliches Netz zu behandeln. In Wirklichkeit ist das nickst der Fall. Württemberg wird durch die heutige Ver- kehrspolitik scbwei geschädigt. Solche Zustände sind nicht wünschenswert. Die einzelnen Negierungen sollten doch nicht die Grundsätze her amerikamlchen Gesellschaften oder die von Ausverkaufsgeschäfteu befolgen. Mit Elitschiedenheit müssen wir die endliche, Einführung von Diäten wieder und immer wieder verlangen. Tief, bedauerlich ist es, daß bic Regierung ben Reichstag so spät einberufen bat. Dazu kam noch, daß luir nach zweitägiger Arbeit uns hier vier Tage lang, weil keine Sitzung stattfand, beschäftigungslos aufhalten mußten. Mit einem Kapital, das für fünf Jahre ausreichen soll, müßte man doch sparsamer umgehen. In der auswärtigen Politik sollte sich der Reichskanzler in Acht nehmen, daß er nickst schließlich nur noch zu Ertratoureu aufgefordert wird. Dem Reichskanzler kann ich nicht beistimmen, toenn er von den Sozialdemokraten die Vorlegung eines Programms über ihren Zukunftsstaat verlangt womöglich noch in dieser Saison, denn ich bin nickst der Meinung, daß die Sozialdemokratie sich überhaupt jemals ''rnstlicbe Gedanken über den Zukunftsstaat, machen werde. Die Sozialdemokratie ist trotz aller Gegenagitation fortdauernd gewachsen. Wie sehr sie gewachsen ist, das können wir am besten beurteilen, die wir gezwungen sind, die Wacbt am roten Meere zu halten. (Heiterkeit.) Sehr bedauerlich ist es, daß die Sozialdemokraten den Klaffenkampf proklamiert haben. Sie werden sich selbst dadurch am mimten schaden, denn sie dürfen nie vergessen, daß sie trotz ihrer Stärke doch iiocki lange nickst das Volk sind, und baß es unser aller Aufgabe ist, den Frieden unter der Bevölkerung aufrecht zu erhalten. An dem Anwachsen der Sozialdemokratie trägt die Regierung die Hauptschuld, weil 'ie sich notwendigen Reformen widersetzt hat. Viel dazu hat allerdings auch beigetragen die Tatsache, baß die Sozialdemokratie ihr eigenes Programm in die Tasche gesteckt und lediglich ein demokratisches Programm hervorgekehrt hat. Bemerkenswert ist, daß der Reichskanzler diesmal selbst den Kampf negen die Sozialdemokratie eröffnet hat. Man mag über den Reichskanzler denken wie man will, aber es war doch eine ganz nette Rede, Herr Bebel. (Große Heiterkeit.) Wir werden den Kamvf gegen bic Sozialdemokratie mit geistigen Waffen fortfübren, und ich bin fest überzeugt, daß die übrigen Parteien mit uns, wenn die Regierung uns nickst mit einem Ausnahmen wetz in die Arme fällt. Manns genug fein werden, sich der Sozialdemokratie ZU erwehren und sie zu besiegen. (Beifall links.) Hierauf verragr das Haus die weitere Beratung auf Montag 2 Uhr, außerdem dritte Beratung des Handelsprov'i- s o r i u m § mit England. Schluß 6 Uhr. Kraf Bülow vnd die nichts»; aldcmolnat sch n K beiter. Berlin, 13. Dezember. Der Reichskanzler Graf Bülow empfing heute vormittag die Abordnung, die vom deutschen Arbeiterkongreß in Frankfurt beauftragt war, Oie Beschlüsse des Kongresses dem Reichskanzler zu überbringen. Die Abordnung bestand aus den beiden Vorsitzenden des Kongresses, Behrens- Berlin (Evangelischer Arbeiterverein) und Stegerwald- Köln (Generalsekretär des Gesamtverbands christlicher Gewerkschaften), ferner aus drei Referenten des Kongresses, Schiffer- Krefeld, Vorsitzenden des Zentralverbandes christlicher Textilarbeiter, Bürgerschaftsmitglied Schack-Hamburg, Vorsitzenden des deutsch-nationalen Handlungsgehilfenverbandes, sowie Gi esb erts - München-Gladbach, Arbeitersekretär der katholischen Arbeitervereine Westdeutschlands, und dem Landtagsabg. Schirmer-Pasing, Vertreter der süddeutschen Eisen bahn- und Postbediensleten-Verbände. Der Sprecher der Deputation, Behrens, erwähnte in feiner Ansprache, daß die nationaldenkende und christliche Arbeiterschaft zum ersten Male m Frankfurt zu gemeinsamen sozialpolitischen Beratungen sich zusammengefunden habe. Der Kongreß habe das auf dem Gebiete dcr Arbeiterversicherung und des Arbeiterschutzes bereits Erreichte dankbar anerkannt, zugleich aber bestimmte Wünsche für den weiteren Ausbau des Koalitionsrechtes, für die Rechtsfähigkeit der Berufsvereine und Errichtung paritätischer Arbeitskammern formuliert. Die Ansprache schloß mit der Versicherung, daß die Auftraggeber der Abordnung von herzlicher Treue und Liebe zu Kaiser und Vaterland erfüllt seien. Die Antwort des Reichskanzlers lautete: Meine Herren! Ich freue mich, Sie hier zu sehen. Ich danke Ihnen, daß Sie durch Ihren Besuch mir Gelegenheit geben, Sie persönlich kennen zu lernen. Ihr Frankfurter Kongreß war für mich eine willkommene Erscheinung. Ich habe mir über den Verlauf der dort gepflogenen Beratungen eingehend Bericht erstatten lassen. Als Wahl des richtigen Weges begrüße ich, daß die in Frankfurt versammelten Arbieterverlreter sich an den Kaiser gewandt haben. Nur auf gesetz lichem Wege, unter dem Schutz der Monarchie und auf dem Boden der Solidarität aller Staatsbürger ist ein wirtlicher und dauernder Fortschritt für die deutschen Arbeiter möglich. Unbeirrt von Gegenströmungen von links und rechts halt das Oberhaupt des Reiches daran fest, daß es zu seinen, für Deutschlands Zukunft wichtigsten Aufgaben gehört, die Wohlfahrt der deutschen Arbeiter zu fördern und ihr Vorwärtsstreben innerhalb der notwendigen Unterordnung auch der Arbeucrinteressen unter das Gemeinwohl mit kaiserlichem Gerechtigkeitssinn zu unterstützen. Es ist ein bleibender Ruhmestitel unseres deutschen Kaisertums, daß es unter allen staatlichen Machtgebieten zuerst und aus freiem Antrieb die Initiative zur Einführung gesetzlicher Schutz- maßregeln für die Arbeiter ergriffen und eine Reihe von Jürsorgeeinnchtungen ms Leben gerufen hat, die in anderen Kulturländern noch nicht verwirklicht sind. Der Reichskanzler schloß: Tie letzten zwanzig Jahre haben bei uns den orbeilen- den Klassen gegen früher wesentliche Verbesserungen dcr wirtschaftlichen Lage gebracht und an dem Ausbau der grundlegenden Gesetzgebung wird stetig fortgearbeitet. Wenn irgend jenmnb dem werktätigen Teutfchen die Erweichung einer Lebenshaltung wünscht, die ihn zum bc ^gestellten Arbeiter der Welt macht, so ist es unser Kaiser. Das können Sie mir glauben. Was nun die amtliche Behandlung Ihrer Resolutionen betrifft, so brauche ich Ihnen, die Sie politisch geschulte Manner sind, nicht auseinander zu setzen, daß ich als erster Beamter eines so föderativen Staatswesens, wie es das Deutsche Reich ist, keine bindenden Zusicherungen für künftige Arbeiten der Gesetzgebung aussprechen kann, um alle Ihre Wünsche zu erfüllen. Wohl aber will ich Ihnen versichern, daß ich die Bestrebungen verstehe und würdige, die Gleichberechtigung der Arbeiter auf dem Boden der Selbsthilfe und m staatlich geordneter Interessenvertretung noch mehr zur Geltung zu bringen, und baß ich daher für eine ernste und sachliche Prüfung Ihrer Frankfurter Resolutionen Sorge tragen werde. Mögen Sie auch aus der Vergangenheit der staatlichen Arbeiterfürsorge in Deutschland daö Vertrauen für die Zukunft schöpfen, daß sich die verbündeten Regierungen ihren sittlichen Aufgaben gegenüber den Arbeitern vollkommen bewußt und entschlossen imb, sie gewissenhaft zu erfüllen. Die Hoffnung, daß Sie dieses Vertrauen mit sich sortnehmen, macht mir unser Zusammentreffen wertvoll und ich danke Ihnen nochmals, daß Sic mich ausgesucht haben. Parlamentarisches. Berlin, 12. Dez. Die neue wirtschaftliche Vereinigung im Reichstage, die sich jetzt als Fraktion konstituiert hat, be|iet)t aus dem Abg. Liebermann o. Sonnenberg als Vorsitzender, Bachmaier als Stellvertreter, Dr. Wolf als Schriftführer, D. Stöcker, Dr. Burck- hardt, Graf Reventlow, Lattmann, Vogt-Hall, Vogt-Gera- bronn, Hilpert, Mittenmeier, Stauffer und Zindler. Die Antisemiten strenger Observanz, Böckler, Bruhn, Gräfe, Werner und Fröhlich sind nicht betgetreten, rechnen aber für die Kommifsionszählung mit. ** Zweite hessische Kammer. Die Tagesordnung der Sitzung am 15. d. Nits, bringt u. a. folgende Punkte: Besprechung der Anfrage des Abg. Dr. David, die polizeilichen Maßnahmen gegen die ausgesperrten Maurer in Mainz betreffend. Antrag der Abg. Dr. Schmitt und 44 Genossen, die Ausbildung der Verwaltungsbeamten betreffend, Antrag der Abg. Ulrich und Genossen, Vertretung oer Arbeiterschaft im Großh. Mini st e r i u m betreffend, die Anträge, Gewerbeinjpektion betreffend, Vorftellung einer Anzahl Oberlehrer, Regelung ihres Besotdungsdien st alters betreffend, Vorschläge zur Reform der Unfallverhütung bei Bauausführungen betreffend, Anfrage der Abg. Molthan und Genossen, die Besteuerung der Warenhäuser betreffend, Dringliche Anfrage des Abg. Häusel, die Ausgabe von Arbeiterfahrkarten betreffend. 1890 mit dem Kaiser in jähem Zorn das Tintenfaß erhoben habe, hat, wie Harden m der „Zukunft" schreibt, Bismarck schon 1890 kopfschüttelnd und lächelnd angehört und dann eine Erklärung gejucht. Bismarck hatte, wenn er lebhaft sprach, die Gewohnheit, mit der rechten Faust kurze, leise, aber starke Stöße gegen die Tischplatte zu führen. Möglich, daß dabei ein Tropfen Tinte aus dem Fäßchen sprang. Harden meint, daß die Anekdote, wie folgt, entstanden fei. Der Kaiser hat später scherzend erzählt: Der Alte war an dem Morgen ganz außer sich und guckte mich an wie Luther den Versucher. Ich glaube, am liebsten hätte er nur auch das Tintenfaß an den Kops geworfen. Eisenbahn Zeitung. — Zur Angelegenheit des versuchten Ankaufs der hessischen Bahnen durch Bayern kann der Münchener Korrespondent der „Köln. Ztg." folgende bisher völlig unbekannte Tatsachen mitteilen. Bayern hat nicht erst, als die preußisch-hessische Bahngemeinschast bevorstand, sondern zu viel frühem Zeiten den Ankauf versucht. Tie hessische Ludwigsbahn war noch Privatbesitz, als bereits Beauite Erailsheims als Unterhändler an Ort und Stelle für den Ankauf wirkten. Später, aber noch vor dem Ueber- gang der Ludwigsbahn in den hessischen Staatsbetrieb, hat bann Crailsheim im gleichen Sinne mit den hessischen Ministern verhandelt. Wenn Hessen den Verkauf eines Teils der Ludwigsbahn an Bayern nicht zuließ, so würden Baden und Hessen noch viel weniger gestattet haben, daß über ihr Gebiet eine ihre Bahnen schädigende bayrische Konkurrenzlinie von Aschaffenburg zum Rhein neu gebaut worden wäre. Bayern versuchte, allerdings vergeblich, alles Erdenkliche, um den alten Wunsch einer eigenen Verbindung mit der Pfalz zu verwirklichen. Spielplan der »«-einigten Frankfurter Stadttheater. Schauspielhaus. Montag den 14. Dezember*): „Die Zähmung der Wider> spänsligen." Dienstag den 15. Dezember: „Zapfenstreich." Mittwoch den 16. Dezember, nachmittags 2 Uhr: Schuler-Vorstellung: „Wilhelm Teil." Abends 7 Uhr: „Nachtasyl." • Donnerstag den 17. Dezember: Zum ersten Male : „Die Frau vom Meer." Freitag den 18. Dezember: „Das Glück im Winkel." Samstag den 19. Dezember: „Die Frau vom Meer." Sonntag den 2o. Dezember, nachmittags halb 4 Uhr: „Der Hochtourist." Abends 7 Uhr: „Zapfenstreich". Montag den 21. Dezember: „Alt-Frankfurt." Opernhaus. Dienstag den 15. Dezember*): „Rigoletto" Mittwoch ben 16. Dezember: Zur Feier von Beethovens Geburtstage: „Fidelio". Donnerstag den 17. Dezember: „Undine". Freitag den 18. Dezember geschlossen. Samstag den 19. Dezember: „Die Hugenotten." Sonntag den 20. Dezember, nachmittags halb 4 Uhr: „Die Fledermaus." Abends 7 Uhr: Zur Ernmerung an Webers Geburtstag: „Ter Freischütz." Montag den 21. Dezember geschlossen. *) Anfang, wenn nicht anders bemerkt, abends um 7 Uhr. Vermischtes. 'Bismarck und der Kaiser. Die Behauptung, daß Bismarck in der erregten Unterredung am 15. März Familien Nachrichten. Gestorben: Lollochen Kirchmann in Darmstadt. — Frar Christine Breibeubach, geb.«Weber, in Grcch-Umstabt. — Adam Fischer in Jugenheim. — Fran Barbara Müller Wwe, geb. Tequis, in Pfafsen-Beerfurthc