Mittwoch 13. Mai1VO3 153. Jahrgang Erstes Blatt plan gar fern lagen. Ich sammelte damals Material für einen Roman aus der Zeit der Kreuzzüge, der natürlich nie geschrieben wurde, ich dichtete schwärmerische Lieder an meine Iugendgeliebte, die ich nie heiratete, ich schwärmte auch fürs Theater und studierte alle möglichen klassischen Rollen, die ich nie gespielt habe; ich malte nach der Natur, zeichnete nach Antiken, stenographierte und dilettierte auf allen mögliä)en Gebieten herum, schrieb eine humoristische Chronik meiner damaligen Prima und lernte für die Schule nur das Allernotwendigste. Es war eine sehr schöne Zeit, die ich in meiner behaglichen Primus-Ecke mit der Aus- sicht auf den Brandplatz uno das Ltudentenkarzer zubrachte, und ich heckte dort die absonderlichsten Sachen aus. Ta wir unter anderen Werken deutscher Klassiker auch Lessings Hamburgische Tramaturgte lasen, so kam mir eines Tags der Gedanke, daß ich ebensalls Theaterkritiken schreiben und auf diese Weise ohne Kosten das Gießener Thespis- heiligtum besuchen könnte. Ein Theateragent Namens Püschel pflegte damals Gießen mit seiner Truppe zu besuchen; im Winter war, wie heute, der Leibsche Saal, dessen Rückwand gerade in unseren Gymnasiumshof hineinsah, im Sommer W e n z e l s G a r t e n der Schauplatz seiner Tätigkeit. Ich war nicht gewöhnt, zu zögern, wenn ich einen guten Einfall Halle; kaum konnte ich den Schluß des Unterrichts abm arten, und dann heraus aus meiner Primus- Ecke spornstreichs nach Wenzels Garten. Herr Püschel war etwas überrascht, als er meinen Vorschlag Höne, Theaterkritiken „vornehmen Stils nach Art von Lessings Ham- burflijijer Tramaturgie" für ihn zu schreiben, und schaute mich nicht so dankbar an, wie ich erwartet hatte. Ich war allerdings damals noch ein kleines schmächtiges Bürschchen, kaum 17 Jahre alt geworden, und trug meine Schulbücher unter dem Arm. Ich imponierte Herrn Puschel offenbar gar nicht. Er meinte, der vornehme Stil sei Nebensache, es käme hauptsächlich daraus an, mit der Berichterstattung das Publilurn zum Theaterbeju^ anzuspomen. Uebrigens war er einverstanden, datz ich die Berichterstattung besorge, wenn ick mich mit dem Gießener Anzeiger verständigte/ dessen Redakteur bisher die Ärititen selbst geschrieben habe. Lo ging ich denn am Nachmittag, diesmal ohne ^chul- auf die Redaktion des Gießener Anzeigers, die ,ich an Wahl-Bewegung. __ Die „Deutsche Hochwacht" erklärt, daß Böckel bestimmt nicht wieder kandidieren werde, und nimmt an, daß der Wahlkreis Marburg nunmehr an den national- sozialen Kandidaten v. Gerl ach übergehen werde. Als Grund für Böckels Rücktritt wird sein Gesundheitszustand angeführt. In dem Wahlkreise Siegen-Wittgenstein- Biedenkopf sand vor kurzem eine Vertrauensmännerversammlung des Bundes der Landwirte statt, die sich dahin entschied, weder den nationalliberalen Kandidaten Macco noch den christlich-sozialen Dr. Stöcker zu unterstützen. Eine Unterstützung der letzteren Politische Tagesschau. Zu den Stichwahlen? Man schreibt uns aus Berlin, 12. Mai: Zwar keine direkte Wahlparole, aber eine markantere Stellungnahme der Reichsregierung, als sie in den etwas langatmigen mM)entIicbcn Wahrbetrachtungen der „Nordo. Allg. Ztg." zum Ausdruck gelangt, erwartet man in poli- tiscl-en Kreisen unmittelbar vor den Stichwahlen. Es wird diese Erwartung abgeleitet aus dem Hinweis oer „Nordd. Allg. Ztg", daß die Zersplitterung der bürger- lictien Parteien für b t e Hauptwahl unheilbar ju sein scheine, daß sick aber ein Zusammenschluß für die Mein journalistisches Ieöitt' (Nachdruck verboten.) Es sind nun rund dreißig Jahre her, daß ich die Bänke der Prima des Gießener Gymnasiums drückte und meinen Namen, mit dem der Jugendgeliebten sanft verschlungen, hineinschuitt. Es war nämlich verboten, die Schulgeräte zu beschädigen, darum taten wir's. Tas Pennal befand sich damals am Brandplatz, in dem heute der Pro- vinzialdirektion und dem Kreisamt dienenden Gebäude. Aus dem benachbarten Kasernenhofe wurde damals wie heute den lieben langen Tag militärischer Tetaildienst getrieben und Rekruten gedrillt, während drinnen bei uns die Klassiker traktiert und normale Staatsdiener herangebildet wurden. In die Weisheitsblüten unserer Lehrer tönten als willkommene Abwechslung die Kasernenhofblüten der^ Unteroffiziere hinein, während die Leutnants vor den ^enstern des alten Schlosses den Töchtern des Universitätskarzer dieners den Hof machten. Wenn gerade Studenten hinter den vergitterten Tachfenstern des Schlosses ihr Karzer ab- büBten, wurde der Unterricht noch unterhaltender, denn die Musensöhne sandten oft mit Hülfe von kleinen Spiegeln das blendende Sonnenlicht auf die Bücher der Primaner ober riefen unsere Lehrer bei ihren Spitznamen. Ich hatte einen sehr günstigen Platz, um alles dies zu beobachten, aana hinten auf der letzten Bank in der Ecke neben dem Tenster Ich faß aber nicht zu unterft, im Gegenteil, ich roar primus omnium. Jedoch auch das eigentlich ohne mein Verdienst. Ich war nämlich noch nicht 1, Jahre alt, als ich das Maturitätsexamen machen sollte und auch konnte- der Gymnasialdirektor Weidner, der mir sehr wohl wollte und einen tüchtigen Altphilologen aus mir -u macken hoffte, stellte meinem Vater vor, datz ich jur die akademisch Freiheit noci) zu jung sei und als künftiger Philologe bei ihm in der iberpruna mindestens soviel lernen würde wie im ersten Jahr auf der Universität, ‘ und ich lieg mich bewegen, noch ein Jahr srerwcklig die gewohnte hinterste Bank der Prima zu bruden *o war ich mühelos primus omnium geworden und hatte die Zu- iieüeruna erhalten, nicht mehr so ganz als ^chuler, sondern aewissermaßen als Halbstudent behandelt zu weiden. 9 Mir behagte das sehr, beim uv hatte den Mopr_ voll ber verschiedenartigsten Jnteres-en, die dem firengen ^chul- Stichwahl noch erhoffen lasse. Mcui meint also, Gras Bülow werde vor der Entscheidung von der Regierungszinne herab vor allem Volk zum Sammeln gegen den „inneren 3einb", die Sozialdemokraten, blasen. Es fragt sich, ob der Reicksskanzler auf die der Parteiparole folgenden Bürger damit Eindruck machen würde. Tagegen ist nicht ausgeschlossen, daß die der Wahl, vielfach aus Bequemlichkeit, er n bleibenden Kreise der Bevölkerung durch solches Pronunciamento des leitendeii Staatsmannes aus ihrer Lauheit in letzter Stunde aufgcrüttelt werden. Ter Erbprinz von Sachsen-Meiningen. Zu den mancherlei Meldungen über den Rückt ri 11 des Erbprinzen von Sachsen-Meiningen vom Korn- mando des 6. Armeekorps haben die Offiziösen bisher nicht das Wort genommen, obwohl Anlaß genug ba*u ist. Tie Geschichte von dem „blauen Brief", der von dem dienst- tuenden Adjutanten geöffnet worden fein soll, haben wir zwar von vornherein dein Bereich der Erfindungen zugewiesen. Aber was über den Erlas; gegen Soldatenmitz Handlungen, das Bestehen einer Spannung zwischen Berlin und Meiningen berichtet wurde, bas war mit soviel Details ausgestattet, daß doch wohl die Notwendigleit einer authen tischen Darlegung des Sachverhalts sich crgicbt. Tie „Voss. Ztg." bemerkt in einer längeren Ausführung: „Daß ber Fall überall lebhaft erörtert wirb, auch an den Höfen der Bundesstaaten, wird nicht Wunder nehmen." Tie „Nat.- Ztg." erhält aus Mettiingen „von maßgebender Seite" — also wohl von einer beteiligten ober eilige- weihten Stelle — ein bmidiges Tementi des beschwichtigen- den Erklärungsversuchs, für den Rücktritt sei der väterliche Wunsch des regierenden Herzogs maßgebend gewesen: „Wer die körperliche und geiftige Rüstigkeit und Frische des Herzogs kennt, dem wird die U n r i ch t i g t e i t dieser Annahme ohne weiteres klar gewesen fein. Wir sind aber auch in der Sage, auf das bestimmteste versichern zu können, datz diese Veranlassung nicht besteht." Hier spricht zweifellos ein Wissender. Auffällig ist, und man könnte darin fast eine Beslä- tigung der anderen erwähnten Rücktrittsgründe erblicken, daß eben nur die Mitteilung von dem angeblichen Wunsch des Herzogs besttitten wird. Die Diskussion über die Vorgänge hat jedenfalls einen Um'^ angenommen, daß eine amiliche Stellungnahme b.'s eiTvrderliche Mittel ist, dem Klatsch ein Ende zu machen, ber aus solchen unaufgeklärten Vorgängen üppige Nahrung zieht und der allerdings dazu beitragen kann, unliebsame Verstimmungen hervoo- zurufen. der Ecke von Kanzleiberg und Schloßgasse befand. Nicht ohne Herzklopfen schritt ick über den Hof und stteg die Treppe des Hinterhauses hinauf, wo mit den Fenstern nach der Schloßgasse der Redakteur A. Scheyda sein Dienst- zimmer hatte. Für meine 17jährige Weltunerfahrenheit war ein Redakteur ein Mann, der mit dem einen Bein immer im Gefängnis steckt und mit dem andern nach Herzenslust auf der gesamten Mitwelt herumtrampelt. Ich erinnere mich, baß biefe vorgefaßte unsympathische Vorstellung durch die persönliche Bekanntschaft mit Herrn Scheyba bei mir ausgetilgt wurde. Er hatte mich gewiß von seinem Fensterplatz aus schon seit Jahren mit dem Schulranzen Vorbeigehen sehen und musterte mich, als ich nun bei ihm ein- trat, von der Hohe seines Trehstuhls herab durch seine Brillengläser mit einem Blick, der mir aus Neugier und Geringschätzung gemischt schien. Während.ich mein Vorhaben mitteilte, unterdrückte er sogar em spöttisches Lächeln nicht, was allerdings nicht ganz grundlos war, denn ich war so unklug, die Bemerkung emslietzen zu lasten, die bisherige Theaterberichterstattung des (rtteßener Anzeigers habe doch nickt aus ber Höhe gepanoen, und ich wolle die Sacke „in vornehmem Stil nach Lessmgschen Grundsätzen" betreiben". Aber Herr Schema nahm mir meine unbesonnene Kritik seiner eigenen Leistungen nicht weiter übel, er willigte em, baß ich die Theaterberichterstattung für sein Blatt übernahm; vielleicht war er froh, der undankbaren Ausgabe enthoben zu werden. Au demselben Abend saß ii schon am vordersten Tisch in Wenzels Saal bau vor den Brettern, die die Welt bedeuten, und kam mir mit meinem Glas Bier und meiner Zigarette mindestens so wichtig vor wie Wenzel, der in feinem gewohnten hellen Sommeranzug am Büffet ftanö und die Kellner ausschalt, ober wie Püschel, ber im schwarzen Rock und weißer Weste neben der Kasse Pvsto gefaßt hatte und alle besseren Besucher mit höflichen Verbeugungen begrüßte. Um mich, kümmerte sich niemand. Aber ich war überzeugt, datz mich alle fürchteten; ich war ja die Kritik' Ich setzt»? im Vorgefühl meiner Verantwortung sogar einen Kneifer auf, obgleick ich nicht kurzsichtig war. Mau gab an jenem Aveno eines jener läppt]djen Ber» [iner Volkswie sie damals aoe waren, nut Gesang, Kritik fiel demgemäß nicht sehr anerkennend aus. Besser ging's schon Tie Balkan-Unruhen. *8em „Berl. Tagebl." wird aus Konstantinopel telegraphiert: Vrlvattiachrichten aus Ueskueb und Monastir zufolge soll es zu erneuten Attentaten gekommen fein, was zu einem Blutbad der bulgarischen Bevölkerung Veranlassung gegeben haben soll. Hier dauern die Verhaftungen fort, doch ist die Ruhe nirgeiids gestört worden. Tas maeedonische Komitee verbreitet aber die Drohung eines An- schlaues. In einer nicht explodierten Mine in der Nähe der Otto- man-Bani zu Salonüi würde eine Blechbüchse mit 13 Kgr. Tynamu ausgehoben - Nach vertraulichen türkischen Nachrichten sind bereits alle von Ipek nach Gusupe und anderen Orten entsandten Delegierten, welche in der Bevölkerung gegen die Reformen agitieren sollten, ohne ein Resultat erzielt zu haben, zurückgekehrt. — Eine Konsulardepesche aus Monastir giebt an, daß dort bei den Ereignissen am Mittwoch acht Griechen und sechs Bulgaren getötet und vier Griechen und drei Bulgaren verwundet worden sind. — Ter Generalgouverneur tzilmi Pascha bezeichnet es als unrichtig, daß bei Haussuchungen in Ueskueb Tynamit gefunden sei. — In türkischen Kreisen verlautet, daß die achte Redisdivision von Konia unter Nassir 'Pascha — von ber bereits einige Bataillone in Mitrowitza, die übrigen unterwegs sind — bis nach Nowi- bazar disloziert wird. — In den letzten Tagen sind in Dörfern ber Sandschaks Mrianopet und Kirkilifsa zahlreiche Waffen gefunben worben. Verdächtige wurden verhaftet. Nach einer Konstantinopeler Meldung des „Berl. Lok.- Anz." haben auf die türkische Note, welche durch die Vorgänge in Saloniki veranlaßt wurde, Rußland und Oesterreich noch nicht geantwortet, während alle anderen Mächte den türkischen Maßnahmen zustimmten. Turch kaiserliches Irade wird die Ausweisung aller sich vorübergehend in Konstantinopel aushaltelideu Bulgaren auf polizeilichem Wege genehmigt. Ebenso müssen alle Bulgaren aus Macedonien Konstantinopel sofort verlassen. In den Kreisen der Pforte verlautet, von französischer Seite sei versichert worden, das von Toulon abgegangene Knegsgeschwader laufe nicht Saloniki, sondern Syra an. Nur ein Schiff, später vielleicht alle, b?sucht Saloniki. Tie Pforte erhielt die Nachricht, daß einige Banden arme n i f ch e r Revolutionäre über die persische Grenze in den Sandschak Bafaset ein gedrungen sind. Es wurden daher energische Gegenmaßregeln getroffen. vezustspretSr mcnai tick viertel» lährlub Mk. 2.20; durch Abhole. u. Zweigstellen inonatltcb to M.; durch die Post Mk.2.— vtcrtel- jäljvL au9id)L Bestellg. Annahme von Anzeigen ür die Tagesnmnmer >is vormittags 10 Uhr. ,cUenpttt8: lokal 12 Pt* auswärts 20 Ptg. Verantwortlich tüt den poltL und allgem. Teil: P. Witiko: Mr .Stadt und Vanb' und -Genchtssaatt: August Götz; für den An» zeiaenteU: Han« Beck. Erscheint täglich „ — M außer Sonntag». W AM ▼ «GlehenerAnzeiger ESE ' W General-Anzeiger v Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen FrrnsprkchanlchlußNr.51. _______________ _______ Kandidatur könne nur in Frage kommen, wenn die Ehrist- ich-Sozialen ihre, gegen den Bund der Landwirte und die Konservativen aufgestellte Ka,ididatur zurückzögen. — Im Wahlkreise Eschwege » Witzenhansen- Schmalkalden wurde definitiv der bisherige ReichStagsabg. o. Christen (freikons.) als gemeinsamer Kandidat ber Hon- ervatwen und Nationalliberalen aufgestellt. Im letzten Wahlgange kam v. Christen mit dem Sozialdemokraten in die Stichwahl. — 7 0 000 Kilo Papier, das zu den Wahlzettel- Umschlägen verwendet werden soll, gingen dieser Tage au9 einer sächsischen Papierfabrik nach Berlin ab. Das Papier, aus dem 18 Millionen Umschläge hergesteM werden ollen, wurde in 12 Waggons verladen.__________________ Hcer und Flotte. Essen (Ruhr), 12. Mai. Tie Firma Krupp erhielt einen Geschützauftrag von Argentinien in Höhe von V/l> Mill. Mark. Ferner wurde der A u f t r a g d e S b e u t s ch c u M arineamts über Armierung von sechs Kriegs- fahrzeugen von 11 Mill. Mark auf 1 41,» Mill- Mart erhöht. __T Aus Stadl und Land. Gießen, am 13. Mai 1908. *♦ Die Hallwachs-Stiftung. Der am 9. Januar d. I. zu Tarrn stabt verstorbene Ehrenpräsident des Evaiigelischen Kirchengesangvereins für Teutschland, Wirtl. Geheimrat Tr. Ludwig tzallwachs, hatte sich letztwillig alle Blumenspenden anläßlich seines Begräbnisses ausdrücklich verbeten. Seine Freunde glaubten einerseits diesen Willen ehren zu wollen, andererseits seines Herzens Meinung dadurch zu treffen, daß sie die Kranzspenden in Gaben verwandelten, dazu bestimmt, die Sache, die Hallwachs sich zur Lebensaufgabe gemacht hatte, den „Evangelischen Kirchengesangverein für Teutschland" zu fördern, insbesondere dem Vorstande desselben die Er füllung seiner Aufgaben zu erleichtern. So sind in aller Stille von zahlreichen Tarmstädter Freunden 653.50 Mk. zusammengetommen als „Blumenspenden auf Hallwachs' Grab", die dem Vorstände int Zentralausschuß als Grundstock zu einer „Hallwachs-Stiftung" zur freien Verfügung übergeben worden sind. Ter Vorstand wird in den nächsten Wochen die Grundsätze beraten, nach welchen diese Stiftung verwaltet und verwendet werben soll, um bie doppelte Stellung und Bedeutung des Verewigten als der Begründers des Evangelischen Kirch^ngesangvereins für Teutschland und als des Begründers des Evangelischen Kirchengesangvereins für Hessen gerecht zu werden. ~ Unbestellbare Postsendungen. Wie wir erfahren, lagern bei ber Lber-Postdirektion in Darmstadt folgende Sendungen, deren Absender vielleicht zu unseren Lesern zählen, als unbestellbar: Postanweisungen 1) über 17.80 Mk. aus Bad Nauheim, Empfänger (unbekannt) in Schmitten (TaunuS) vom 28. 4. 02, 2) über *4 Mk. aus Gießen, Empfänger (unbekannt) in Butzbach vom 1. 4. 02, 3) über 2.30 Mk. aus Butzbach, Empfänger (unbekannt) in Berlin, W., vom 1. 6. 02, 4) über 7.56 Mk. aus Gießen, Empfänger (unbekannt) in Stockholm vom 11.12. 01, 5) über 40 Psg. aus ließen, Empfänger funbek.) in Münster (Wests.) vom 31.7.02. Einschreibbriefe 1) mit 1 drei Rubelnote aus Bad Nauheim an Helene Nicolaeff in Bojacko vom 20. 8. O2, 2) mit 1 Rubelnote aus Bad Nauheim an Frau Nicolaeff in Bojacko vom 9. 9. 02, 3) aus Bad Nauheim an Frau G. B. Toult- schinsky in Darmitza b. Kiew vom 21. 7. 02. Gewöhnliche Briefe mit 2 Mk. aus Hungen an Schwarz, Grubenarbeiter in Trais-Horloff vom 27. 3. 02, und mit einem 10 Kronenschein aus Bad Nauheim an Doktor S. Abergk in Cohen- hagen, postl. Die zur Empfangnahme der Gegenstände Berechtigten müffen sich binnen 4 Wochen bei der Qbec-Post- direktion melden, widrigenfalls die Postanweisungsbeträge und die in den Sendungen enthaltenen oder durch Versteigerung des Inhalts erlösten Geldbeträge der Postunterstützungskasse überwiesen, die Briefe aber vernichtet werden. □ Wölfersheim i. d. Wetterau, 11. Mai. Die neuen staatlichen Fabrikgebäude im hiesigen Bahnhof sind schon seit einiger Zeit vollendet, ebenso die Beamtenwohnungen, Bureauräume, Trockenschuppen und der etwa 50 Meter hohe Kamin, der zugleich als Wafferturm dient. In der Fabrik sollen die aus der Grube „Ludwigshoffnung" geförderten Braunkohlen zu Briketts verarbeitet werden. Der Betrieb konnte noch nicht aufgenommen werden, da zwischen Staat und Eigentümern gelegentlich der Erbauung der Drahtseilbahn nach der Grube bezüglich des Geländeerwerbs Meinungs- oerschiedenhelten eintraten, sodaß die Angelegenheit mehrmals vor dem Prooinzialausschuß in Gießen verhandelt werden mußte. Die Drahtseilbahn wird 1,8 km lang und erhält 20 Pfeiler. Die Gesamtkosten für sämtliche Gebäulichkeiten, Drahtseilbahn, Gelände u. s. w. belaufen sich auf nahezu eine Million. B. Udenhausen bei Grebenau, 10. Mai. Gestern abend gegen halb 8 Uhr zog über unser Dorf ein schweres Gewitter, wie man es hier lange nicht erlebt hat. Blitz folgte auf Blitz, Schlag auf Schlag, und in manchen Häusern mußte der plötzlich hereingebrochenen Dunkelheit wegen vorzeitig Licht angezündet werden. Ein Blitzschlag traf unter furchtbarem krachen das einstöckige, erst vor zwei Jahren, nachdem das frühere abgebrannt war, neu erbaute Häuschen der Heinrich k e u tz e r IV. Witwe, die sich mit ihren Kindern in der Wohnstube aufhielt; ein Junge saß dicht am Ofen. Ter Blitz demolierte den Schornstein, schleuderte die Kapsel des Ofenrohres mitten ins Zimmer, zersplitterte einen Backstein, aus dem der eine Fuß des Ofens stand, sodaß die Stücke im Zimmer herumspritzten, aber glücklicherweise niemand verletzten, sondern nur eine Fensterscheibe zertrümmerten. Dann ging er durch den Fußboden, wo er ein großes Loch zurückließ, in den Stall, wo er die Grundmauer zerriß, aber doch die einzige Kuh der armen Frau verschonte. Tie Knh lag zwar, als man sofort nach it)r sah, zusammengekrümmt am Boden, kam aber bald wieder zu sich und erwies sich unversehrt, wie auch das neben ihr stehende Kalb. Geradezu wunderbar ist es, daß der am Ofen sitzende Junge verschont blieb. Das Haus zeigt in sämtlichen Wänden, besonders in den Ecken, Risse und Sprünge auf, die infolge der gewaltigen Erschütterung durch den Blitzschlag entstanden sind. sh. Lauterbach, 10. Mai. Seit drei Wochen wird an der Erweiterung des hiesigen Statt o ns Hauses eifrig gearbeitet. Ter Anbau schließt sich dicht an das alte Gebäude an und wird einen Wartesaal und einen Restau- rattonsraum erhalten. Letzterer ist zwar eigentlich für hier absolut fein Bedürfnis, da in unmittelbarer Nähe eine gute Wirtschaft ist. x Alsfeld, 11. Mai. Das Bahnprojekt Ulrichstein- Groß-Felda-Ehringshausen ist der Großh. Regierung vorgelegt worden, und diese hat eine Prüfung des Projekts zugesagt. Die Pläne sind von den Ingenieuren Schlinke und Schäfer in Halle ausgearbeitct worden. sh. Vom nördlichen Vogelsberg, 10. Mai. So schön das milde Maiwetter für die bestellte Frucht und die Obstbäume ist, so sehr wird sein üoergroßer Regen- fegeu bedauert. Tie Leute, welche die ersten schönen Tage für die Aussaat des Hafers benutzt haben, sind gut daran, er ist aufgegangen Und steht schön. Aber nur Wenige haben sich mit der Aussaat beeilt, da man in hiesiger Gegend überhaupt spät säet, und die Nachzügler müssen trockenes Wetter abwarten, wenn sie nicht schon teilweise die Saat „untergeschmiert" haben. Gerste hat noch niemand gefäet. Täglich regnet es ziemlich stark, mitunter mit Schloßen, und gestern gingen furchtbare Wetter durch das Schwalmtal, die wieder bedeutende Wassermasfen zur Erde sandten. Besonders mit den Kartoffeln wird es seine Not bekommen, da der schwere Basaltboden nur langsam trocknet und in den niedrig gelegen Feldern, wo noch Wasser steht, an ein Stecken in den nächsten 10—14 Tagen nicht zu denken ist. Vermischtes. * Berlin, 12. Mai. Eme reizende Episode spielte sich neulich in der fünften Stunde im Wildpark ab. Am Eingänge desselben hielten um die angegebene Zeit unter Aufsicht eines königlichen Stallmeisters und eines kleinen Leibknechts vier Reitpferde, darunter ein prächtiger kleiner Fuchs. Bald langte auch vom Neuen Palais eine kaiserliche Equipage an, in der sich Prinzess! n Viktoria Luise mit ihrer Erzieherin befand. Tie Prinzessin erschien in einem reizenden schwarz-grauen Reit ko stüm. Ihr schönes blondes Lockenhaar war nach oben aufgesteckt und wurde von einer weißseidenen Schleife gehalten, ein kleiner weißer Hut in Malrosenmützenform und elegante dunkle Reithandschuhe vervollständigten die Toilette der kleinen Reitdame. Tie Erzieherin war ebenfalls im Reit- kostüm. Am Eingänge des Wildparks machte der Wagen halt, die beiden Insassen entfliegen ihm und begaben sich zu der Buchenallee harrenden Pferden. Die Prinzessin bestieg mit munterer Eleganz den schönen Fuchs, schnell saßen auch die übrigen zu Pferde und dann setzte sich die Heine Kavalkade, Prinzessin Viktoria Luise vorauf, in Bewegung. So tummelten sich die Reiterinnen und der sie begleitende Stallmeister und der Leibreitknecht wohl eine halbe Stunde in der schönen schattigen Allee herum, dann ließ sich die Prinzessin Luise unter Assistenz des kleinen Reitknechts formgewandt aus dem Sattel, stteichelte ihr Pferdchen, reichte den Tieren Zucker, verabscksiedete sich mit Händedruck und niedlichem Knix von dem Stallmeister und begab sich mit ihrer Erzieherin im Wagen durch Sanssouci wieder nach dem Marmorpalais zurück. * Des tätlichen Angriffs auf den Unglück- I ich en Fähnrich z. S. v. Abel, von dessen tragischem Tod wir berichteten, ist bekanntlich der Matrose Messer- schmidt vom Schulschiff „Stein" verdächtig. Am Tatort, zwischen dem Torfe Pries und dem Fort Herwardt, hat nun ein gerichtlicher Lokaltermin ftattgefunben. Kriegs- gerichtsrat Rosenberger leitete die Verhandlung. In der Sache wurden, wie man aus Kiel schreibt, nur der Begleiter des verstorbenen Fähnrichs v. Adel Fähnrich z. S. Saalwächter, und ein Begleiter des Mefferschmidt, ein Matrosen- Artillerist, vernommen. Letzterer behauptete, sich an der ganzen Sache nicht beteiligt zu haben; er sei, als Messer- schmidt stehen blieb, toeiter gegangen. Plötzlich sei Mesier- jchmidt angelaufen gekommen, und da fei auch er, Der keinen Urlaub hatte, aus Angst, daß er deswegen gefaßt werden würde, mitgelaufen. Nach einer kurzen Strecke Wegs seien sie über ein niedriges Tor gesprungen und hätten sich hinter einem Knick (Erdwail mit Zaun) versteckt. Ta es sehr finster gewesen sei, hätten die Fähnriche sie nicht finben können. Fähnrich z. S. Saalwächter bezeichnete Die Aussage des Matrosen-Artilleristen als sehr wohl möglich, denn er habe bei der Tat außer Dem Messerschmidt niemand mehr gesehen. Messerschmidt besttitt nicht nur den tätlichen Angriff, sondern behauptete, daß es sich nicht um Fähnriche z. S., sondern um Zivilisten gehandelt habe. Der unglückliche Fähnrich z. S. v. Abelwurde auf dem Garnison- Friedhofe in Friedrichsort mit militärischen Ehren bestattet; sein Bruder und sein Schwager wohnten dem Begräbnis bei, fein Vater war durch Kriaikheit verhindert, v. Abel war sehr beliebt und immer ein frischer und fröhlicher junger Mann. * Das D uell des Exbürgermeisters von Algier mit einem deutschen Offizier, lieber das Duell, welches der bekannte Antisemit und Exbürgermeister von Algier, Max Regis, mit einem deutschen Offizier auf französischem Gebiet m der Nähe der italienischen Grenze hatte, wird der ,Daily Mail" noch gemeldet: „Die Bestimmungen, unter denen das Duell stattfand, waren außer» ordentlich scharf, und bei Feststellung derselben wäre es beinahe zwischen den Sekundanten selbst zu einer Prügelei gekommen. Es wurden zuerst 2 Schüsse ausgewechselt. Als diese ihr Ziel verfehlten, wurden Säbel gebracht und es entspann sich nun ein 5 Minuten dauernder, sehr heißer Kampf, bei dem Max Regis, der ein vorzüglicher Fechter ist, den Unterarm seines Gegners durchstach. Der Zweikampf wurde daraufhin abgebrochen. Gegen die sonstige Gepflogenheit grüßten sich die Gegner nur von weitem, statt sich die Hände zu schütteln. Veranlassung zu dem Zweikampf bot ein Streit in einem Cafe in Rom. Max Regis behauptete, die latei- nische Raffe muffe sich gegen die nördlichen Raffen zusammen- tun. Ein deutscher Offizier, der zugegen war, erfläde darauf, daß ein solches Gerede angesichts der Gegenwatt des Kaisers in Rom töricht sei, und dies fühtte zur Forderung." — Nach einem Reuterschen Telegramm wäre es zwischen den beiden Gegnern in dem Cafe zu Handgreiflichkeiten gekommen. ©mditslauL " Gießen, 12. Mai. RrieflSgeri cf)J. Gerichtshof und Anklagebehörde waren genau so besetzt wie Tags vorher. Tie Verteidigung führte Justizrat Metz. — Es handelte sich um eine Schlägerei, welche zwischen Angehörigen unserer Garnison erst m der Sonnenstraße und dann Ecke Neuen Baue und Dleiienrocq nachts stattgesunden hat. lieber den Fall selbst haben wir seinerzeit berichtet. Angeklagt wurdest die Musketiere Laubach und Stein- wand, sowie der Hornist Spahn von der 7. Kompagnie, welche Kameraden von der 10. Kompagnie gehauen haben, wobei der erstere von der Waffe, allerdings ganz iinbedeutend, Gebrauch gemacht hat. Gegen die drei Angeklagten beantragte Kriegsgerichts- ral Link, wegen gemeinsamer Körperverletzung Slraien zu verhängen, niid zwar gegen den Slemivaiid, der als Soldat bereits vorbestraft ist, aus 10 Tage, gegen den Hornisten aus 5 Tage Ge- iängnis zu erkennen. Gegen Laubach aber, dem noch der un- be'ugte Waffengebrauch zur Last fällt, wurden 6 Wochen und 3 Tage Gefängnis beantragt. Tas Urteil gegen Laubach nahm außer der gemeinsamen Körperverletzung noch eme Körperverletzung mit gefährlichem Werkzeug an und lautete aui 4 Wochen Gesangms. Gegen die beiden Muangeklagteii erging die Strafe ganz nach Antrag. 8<1. Tarmstad t, 11. Mai. Kriegsgericht. Em eigen- tümliches 'Dhttel, die Soldaten ausznbilden, benutzte der Unter offizier Karl Weber, 9. Komp. Jnf.-Regt. Nr. llö, aus Wilofs, Kreis Lauterbach i. Lberheffen. Bei der Rekrutenausbildung im letzten Winter hatten einige der neu Eingetretenen beim Grif- üben sich nicht rasch genug die nötige Ruhe und Sicherheit der kopi- Haltung angewöhnt, sie „muckten" noch; um ihnen diese unmilitärische Gewohnheit zu vertreiben, erfand er ein „patentes" Mittel, er band einfach mit einer dünnen Schnur dasOhrläppchen in der entsprechenden Entiermmg an den Nummern, knöpf der Achselklappe fest und drangsalierte nun die Lerue trotz der erdenklichsten Schmerzen; die Folge war, daß der Gardist L. wiederholt wochenlang im Lazarett zur Behandlung war; doch nicht genug damit schlug Weber dem L., als dieser aus dem Lazarett kam, noch einmal gehörig aus das kaum geheilte Ohr, so- Daß die alten Wunden wieder ausbrachen und neue Schmerzen per- nrsachten. Einen anderen Gardisten behandelte er in ähnlich schmerzhafter Weise, ein dritter will dabei keine Schnierzen gespürt haben. — Für ferne außerordentliche Rohheit wird Weber wegen Mißhandlung von Untergebenen in 9 Fällen und wegen vorschrntS' widriger Behandluiig in 2 Fällen in eine Gesamtstrafe von 3 Wochen 'JJhtteiarreft verurteilt, die uns allerdings milde scheint; der Gerichtshof billigte W. mildernde Umstände zu, da derselbe bisher em gutes Zeugnis hatte und man die Tat weniger als eine Art roher Gesinnung, vielmehr als einen im Eifer geschehenen Fehlgriff in der Wahl seiner Mittel ansehen zu dürfen glaubte. Straierjchwerend kam die Zahl der Fälle und der Umstand in Betracht, daß bie Tat in Ausübung des Dienstes geschah. Wilhelmshaven, 11. Mai. Lor dem Oberkriegsgerichr der Nordjeestation sand heute die Reoisionsverbandlnng gegen den wegen der Ermordung des Unteroffiziers Biederitz k i auf dem Kriegsschiff „Loreley" zum Tode verurteilten Ai a t r o s e n Kohler statt. Kohler würbe zum Tode, Versetzung in die zweite Klasse des Soldatenstandes, Entfernung aus der Marine und dauerndem Verlust der bürgerlichen Ehren rechte, sowie wegen schweren Diebstahls und Fahnenflucht zu 6/'. Jahren Zuchthaus verurteilt. Haematonon „Unzicker“. Von medizinischen Autoritäten, zumal Frauenärzten, warm empfohlen. Enthält das Eisen in einer für den Körper sehr ausnehmungsfähigen Form gelöst in Südweinen, daneben Geschmackskorrigentien und Appetit anregende Bestandteile. Erprobtes Mittel bei Bleichsucht, Blutarmut und deren Folgezuständcu. Lehr Appetit anregend neben kräftiger Eisenwirkuug. Besonders empfehlenswert für 3824 Rekonvaleszente», ebenso für „Kinder", da sehr wohlschmeckend. Zu haben in allen Apotheken, wo nicht, durch R. Unzicker, Apotheker, Gießen, Tiezstraße 4. Ten Herren Aerzlen, denen mein 'Dhttel noch nicht bekannt, stehen jederzeit Probeflaschen nebst Angabe der Bestandteile zur Verfügung. Preis pro Flasche Mk. 1.60. Generaldepot: I. M. Andreae, Franksnrt a. M., Hühnermackt. , j «»3 Sammle. Velvets, MM bemensrone^^x Elten & Keussen, Krefeld. Darmstädter Möbelfabrik (160 Zimm.-Einrtcht.), Preist, grat. 29j mit der zweiten Vorstellung, den Relegierten Studenten,! von Benedix, die ick) tüchtig lobte. Die veiden Berichte er-, schienen infolge Stoffandranges beim Gießener Anzeiger erst einige Tage später zusammen, am 10. Juli 1875. Man kann sich die Ungeduld vorstellen, mit der ich sie erwartet batte. An dem Tag ihres Erscheinens glaubte ich, alle Blicke mußten sich auf mich richten, und ganz Gießen müßte hrchbefriedigl sein, da man nun endlich eine ernsthafte und zweifellos sack-gemäße Theaterkritik zu lesen bekäme. Meine Schulkameraden geilten auch nicht mit ihrer Anerkennung, und das war mir vorläufig genug. Am Abend aber erhielt ich eine kalte Dusche. Als ich nämlid) Wenzels Saalbau betrat, siel mir der Theaterdireklor Puschel nicht etwa um den Hals mtt den Worten: „Was find Sie für ein herrlicher Mensch!" sondern er grüßte mich kaum und schaute mich sehr mißmutig an, während er seine beringten Finger IN die T rschen seiner weißen Weste steckte. Ich lteß mich zunächst nicht verblüffen und frage ihn geradezu: „Nun, wie sind Sie mit meiner Kritik zufrieden?" — La kam ich aber schön an. — „Wie Kinn ich denn zufrieden sein?" gab er brummig zurück. „Sie haben ja meine besten Kräfte gar nicht genannt. TaS Elk'PE Ludwig z. D., das mich 300 Mark Gage kostet, erwähnen Sie mit keinem Worte! Verstehen Sie überhaupt etwas von der Sache'?" — Ich war eine Weile sprack-loS, denn bei dieser energischen Sprache eines Fachmannes ernmchteu mir selbst Zweifel, ob ich etwas verstünde. Schließlich raffte ich» mich zu der Antwort auf: „Haben Sie nur Geduld, es wird schon kommen." — Unt> eS kam auch. Einige Tage später waren alle, auch die ersten Kräfte mit 300 Mk. Gage, gebührend im Gießener Anzeiger gewürdigt, und der alte Komiker Ludwig, der mich anfänglich mir einem Gemisch von gc krau klein Stolz und Verachtung angcsck-aut haue, machte mir ein ganz freundliches Gesicht, wenn ich ihn grüßte: einzelne Bühnenmitglieder mit geringerer u^age grüßten mich sogar zuerst. Ich war im siebenten Himmel: meine Kameraden bewunderten und beneideten mich, wenn ich beim Bummel auf der Südanlage mit Der ersten Liebhaberin und der Soubrette einen freundlichen Gruß tauschte, und abends faß ich stolz wie ein Spanier am vordersten Tisch in Wenzels Saalbau vor meinem Glas Bier und vor den Brettern, die die Wett bedeuten. In der Nacht noch oder am frühen Morgen, ehe ich ins Pennal ging, schrieb ich mit reichlicher Benutzung der Hamburgischen Dramaturgie meinen hochfeinen Bericht nieder, und den Tag über träumte ich in meiner gemütlichen Primusecke von Den Freuden des kommenden Abends, während die Klasse sich die Köpfe mit einem trigonometrischen Satz zerbrach» Den Tr. Ransch an der Tafel entwickelte. So ging es ganz nach Wunsch bis gegen Ende Juli. Eines Morgens aber, als ich kaum das Pennal betteten hatte, sagte mir der SchulDiener Vohwinkel mit verdächtigem Grinsen: „Sie sollen einmal zum Herrn Direktor kommen." Ich stieg mit düsteren Vorahnungen die Treppe hinan. Es lief aber noch leidlich ab. Karzer oder sonst eine Strafe erhielt ich nicht für meinen „WirtsHausbesuch ohne Begleitung Der Eltern oder Deren Stellvertreter", nur eine niederschmetternde StanDrede und die strenge Weisung, daß ich das Theater in Wenzels Garten nicht mehr zu betreten hätte. Mein schüchterner Einwand, ich hätte doch Herrn Puschel gegenüber die Verpflichtung übernommen, die Kritiken zu schreiben, und könnte dieser Verpflichtung nicht Nachkommen, ohne das Theater zu besuchen, wurde mit der kurzen Zurechtweisung erledigt, daß ich keine andere Pflicht hltte, als ein tüchtiger Philologe zu werden. Damit war die Unterredung zu Ende. Obgleich ich den Tirektor Weidner sehr verehrte, war ich doch in dem Augenblick, als ick sein Amtszimmer verließ, innerlich fuchsteufelswild auf ihn. Tas war also die Ausnahme- behandlung, die er mir versprochen hatte, als ich mich bereden ließ, noch ein Jahr bei ihm auf der Prima zu bleiben! Wie einen dummen Schuljungen hatte er mich heruntergekanzelt. Aber das Schliminste kam noch, der Abschied von Der Redaktion des Gießener Anzeigers. In meiner ehrlichen Einfalt dachte ich nicht Daran, irgend einen beliebigen Vorwand für die plötzliche Einstellung meiner journalistischen Tätigleit vorzubringen. Ich tletterte wieder Die Stiege zu Herrn Sehet) Da hinaus und sagte ihm ganz treuherzig, daß mir der Gymnasialdirektor Den weiteren Theaterbesuch verboten habe unD ich infolgedessen zu meinem großen Bedauern meiner eingegangenen Verpflichtung nicht weiter nachkommen könne. Wieder schaute mich der Redakteur von seinem Trehstuhl herunter mit spöttischem Lächeln an und sagte nichts als: „Tas war ja ein kurzes Vergnügen." Tann wandte er sich wieder seiner Arbeit zu, und ich schlich trübselig die Treppe hinunter. Später habe ich noch viele und bessere Theatervorstell- ungen besprochen als die des Gießener Sommercheaterß von Leopold Püschel, habe auch manchen großen Künstler kennen gelernt, der eine höhere Gage bezog als das Ehepaar Ludwig. Aber an keinem Teil meiner Journalisten tätigfeit denke ich mit solcher wahren Freude zurück wie an jenes „kurze Vergnügen" im Sommer 1875. Tr. Fr. Noack.*) •) Herr Tr. Friedrich Noack hatte die Güte, die vor» stehende hübsche Erinnerung aus seiner Jugendrosenzcit uns zur Veröffentlichung zu übergeben. Namentlich die älteren Leser unseres Blaitcs dürsten noch folgende Mitteilungen interessieren. Dr. Friedrich Noack, geb. in Gießen, Sohn des ehemaligen Universitäts- bidliolhekars und Profcffors Tr. Ludwin Noack, erhieli seine Ausbildung auf dem Gymnasium und der Universität Gießen, wo er besonders unter L n ck e n Geschichte, daneben auch neuere Sprachen studierte. Nach sieben Jahren im hessischen und preußischen Schuldienst folgte er 1886 einem Anerbiclen der Verleger der Krefelder Zeilung und übernahm die Ehefrcdaktion dieses Blattes, die er fast ö Jahre lang führte. Während dieser Zeit war Noack sehr eifrig im lokalen Parteileben für die nationalliberale Partei taug, und wurde auch in die städtische Vertretung von Krefeld gewählt. Tie belletristische Seite des Journalismus sagte ihm jedoch jnebr zu, und jo nahm er im Sommer 1891 mit Freuden eine Stelle als Bcrichtcr'latler der Kölnischen Zeitung in 9t o m an, wo er in 11 jähriger Tätigkeit reiche Gelegenheit taub, feulUetonistrsch zu arbeiten. Seit einem halben Jahre ist er wieder nach Teutjchland ziirilckgekehrt als F e u t l l e t o n r e d a k t e u r derKölnijchen Zeitung. 9lod) Kürschners Literalurkalender ist Vload (außer zahlreichen Aussätzen in der periodischen Presse) Verfasser folgender Werke : Hardenberg und das Geh. SlabmcuJjneimd) Wilhelms III. die Quitten (Humoreske); des alten Sebastian Brand neues Narrenjchiff isatyrischeS mcbid)t); Italienisches Skizzenbuch; die Erziehung König Viktor Emanuels UL (Ueberj.) und Italienische Patrioten (Hebers.). Marke A Kröll Söhne, Giessen. 3923 Dieses wird zwecks Zustellung hierdurch öffentlich be 3932 1 Schlosser, 1 Schreiber. 3151 Mische 9 4 i. 2. 445117.63 91551.85 31098.66 2958 3. Unersetzte Vorlagen 83.70 29870.62 148.81 betrug Ende 1901 Wilh. Otto 11L 3738 Bahnhofstraße, Wolkengaffe-Ecke 27. W A tt I ehrenden Achtung I .... Massgebendes Urteil! Johann Georg Kraft, Prosekte und Anschläge kostenlos. 3376 3. Reservesond Eintrittsgeld Zuteilung an dem Reingewinn pro 1901 4. Bctricbsrücklagc 5. Reingewinn sür Haushaltungen bis zum Werte von Mk. 10 000 , 20 000 _ 30 000 a) gegen Obligationen b) gegen Bürgschaft c) gegen Güterkaufgelder d) gegen Wertpapiere nach dem C ours uom 31. Dezember 1902 2. Kaffenvorrat 4. Ausstände 5. Mobilien 165.34 10% Ab- 6440.— 802.95 15455.30 10909.35 10.— Coupon-Policen über Mt. 5 000 , 10 000 . 15 000 589.54 1600.— 3886.28 Die \avXoWic\c-vvXc Jfausfrau Ser, Mk. 5.— , 10.- _ 15.— 605114.22 Die Zahl der Mitglieder i Gäste zu befriedigen. ^„ni Ausschank kommt das beliebte Göbels Bier, Niedershausen. — Guter bürgerlicher Mittagstisch. — Bier (hell und dunkel) in Flaschen und vom Faß. 02222 Hochachtungsvoll ‘ '-"Xr . v- empfiehlt M. 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Besprechung über Vereinsangelegenheiten. Misch« 9. Limburg F. Kumpf, Hießen Heizungs-Ingenieur liefert Marburgerftr. 27 Ktlllralhtiz-, Lüstvllgs- unö rroiktil-Alllagell aller Systeme. Lager von ehernen Tragbaren Spar- und Zorschutz-herein Peuern I. Eingetr. Genoffensch. mit unbeschr. Haftpflicht. Ter Kontrolleur: Ausnahme-Preise! Wir liefern in den Monaten Mai und Juul: Prima AichraMohIcn, bei 6 Zentnern pro Ztr. Mk. 1.45 bei Abnahme von 80 Ztr. und mehr pro Ztr. Mk. 1.43 frei in Keller, Prima Mkchcn, Mk. 1.15 pro Zentner frei in Keller. 8753 Bachenheimer & Schaumberger frtgr Marburgcrstratze 22. _________ Verdingung von Anftrcicherarbeit. Die für die Instandsetzung von 27 Anschlagtafeln erforderliche Anstreicherarbeit soll Mittwoch den 20. Mai d. F., vormittags 107, Uhr, öffentlich verdungen werden. Angebote auf Vordruck, der bei uns erhältlich, sind bis zum obengenannten Zeitpunkt an uns emzureichcn. — Zu- chlagSfrist 14 Tage. Gießen, den 11. Mai 1903. Städtisches Tiefbauamt. Braubach. 3894 Prospekte werden auf Wunsch kostenfrei zugesandt. Auskunft er- teilt der Haupt-Agent der Gesellschaft Ijfcuis Wittich, ^rntur=6tfdjäft TMischtt WohmMchmis ßitfitn. Garteustraßc 2, Zimmer 9tr. (GeschäftssUmden von 8—1 und von 3 6 Ul?r.) «»gebot: 20 Wohnungen von 1—7 Zimmern, 2 möblierte Zmvner. Nachfrage: 8 Wohnungen von 1—6 Zimmern. D,e Vermieter haben eine Einschreibgebühr zu entrichten und »war für eine Wohnung mit einem jährlichen Mietwert bis 300 Alk. rmfchließlich 0^0 ^ll., von mehr als 800 Mk bi« 500 SIL einschließlich 0,50 Mk., und von mehr als 500 Alk. 1,00 ML; außer- bem ist für icbe WohmmgSem Meldung 1,00 Mk. zu hinterlegen. iZur die Wohnungssuchenden erfolgt d,c VermMelung unentgeltlich. _________ Wirtschasts-llcbernahm«. Einem verchrlichen Publikum, sowie meiner werten Nachbarschaft zur Kenntnis, daß ich das Restaurant Tannhäuser Frankjurterstraste käuflich erworben habe. Es wird mein Bestreben sein, durch Verabreichung guter Speisen und Getränte alle mich be- DeschäftSnummer: C. 24/03. Strafbefehl. Auf den Antrag der Königlichen Staatsanwaltschaft wird gegen Sie roegen der Beschuldigung, daß Sie am 23. März 1903 m Rodheim außerhalb Ihres Wohnortes, ohne Begründung einer gewerblichen Niederlassung und ohne vorherige Bestellung Postkarten feilgeboten haben, ohne dieses steuerp'lichtige Gewerbe angemeldet zu haben und ohne den erforderlichen Wandergewerbe- schein -u besitzen — Uebertretung gegen 1, 6, 9, 18, 26, 28 des Preußischen Gesetzes vom 3. Zull 1876, §§ 55, 148^ Reichs-^e- roerbe-Cvbnung, wofür als Beweismittel bezeichnel ist: Zengms des Gendarmen Eickchorn in Rodheim, eine Geldstrafe von 12 (zwölf, Mart, und für den Fall, daß dieselbe nicht beigem eben werden kann, eine Haststrafe von 2 (zwei» lagen festgesetzt. zugleich werden Zhnen die Konen des Verfahrens autcrlegt. Lieser «traf befehl wird vollstreckbar, wenn L,e nicht binnen einer Woche nach der Zustellung bet dem unterzeichneten Ge- richt schriftlich oder zu Protokoll des Gerichtsschreibers Einspruch Vor den bevorstehenden Sommerreisen empfehlen wir dringend, Mobiliar, Wertgegenstände u. Bargeld gegen Einbruch-Diebstahl bei der Aachener und Hlünchener Donnerstag de« 14. d. Mts., von morgens 10 Uftr -r, 2 Bäcker, 1 Schreiber. m • 1qn„ (ie suchen Arbeit: Gladenbach, den 6. Mat 1903. 4 Bmi'chlosier, 1 Maschinenschlosser, 1 Heizer, 1 Spengler, Der Gcrichtsschreiber des Amtsgerichts, Abt. II. 1 Tapezierer, 7 Schreiner, 1 Wagner, 1 Bilderrahmenmacher, 1 Zimmermann, 1 Bäcker, 1 Dachdecker, 1 Anstreicher, 1 Kellner, 1 Surcaubiencr, 1 Diener, 1 Ausläufer, 1 Krankenwärter, 1 Erdarbeiter, 9 üausburschen, 5 landwirtschaftliche Knechte, 3 (jubr- knechte, 2 Kutscher, 2 Taglöhiier, 3 Dienstmädchen, 1 Zimmer- mädchen, 1 Kindermädchen, 9 Laus- bezw. Putzfrauen, 1 Waschfrau, 2 Weißzeugnähermnen, 1 Flickerin. Lehrlinge: Kostenrechnung: 1. Gebühr für den Strafbefehl ......1,00 JL (§ 63 des Gerichts- kostengesetzesi 2. Schreibgevuln' . . . 0,10 „ zusammen 1,10 605114.22 61 1 62 ____3 59 Verdingung. Tie für die Herstellungs- und Untcrhaltungsarbeüen im südlichen 9!ebengebäude der vorm. Dr. Ploch'schen Hofraite am Asterweg erforderlichen Weißbinderarbeiten sollen Samstag den 16. Mai d. I., vormittags 11 y, Uhr, öffenllich vergeben werden. Arbeitsbeschreibung und Bedingungen liegen während der > Dienststunden bei uns zur Einsicht offen. Angebote auf Vor- ! druck, der bei uns erhältlich, sind bis zum obengenannten Zeitpunkt bei uns einzurcichen. — Zuschlagsfrist 14 Tage. Gießen, den 11. Mai 1903. Städtisches Hochbauamt. | I. V.: Gerbel. (3908 Verdingung von Schreinerarbeit. Die für die Anfertigung und Aufstellung emer Anschlagtafel am Stadtringgraben in der Dammstraße erforderliche Schreinerarbeit soll Mittwoch den 20. Mai d. I., vormittags 10 Uhr, öffentlich verdungen werden. Zeichnung, Arbeitsbeschrcib- ung und Bedingungen liegen während der Dienslslunden au unserer Amtsstube zur Einsicht offen. Angebote auf Vordruck, der daselbst erhältlich, sind spätestens bis zum obengenannten Zeitpunkt an uns ein- I zureichen. — Zuschlagsfrist 14 Tage. Gießen, den 11. Mai 1903. I Städtisches Tiefbauamt. Braubach. 3893 M M-l* tamer-Wls Us Sport-Anzäjf 3358 cniDneblt 8 Marktstrasse 8 Emil J. Schmücker Nachf Horst Billigste Preise. Streng reelle Bedienung. empfiehlt billigst 3222 Bauartikel 8 Marktstrasse 8 Mmi Dm Fatih, btiiig Mae Blosea Telephon 226 empfiehlt zu billigsten Preisen anerkannt feine deutsche Marke — Tourenräder und Halbrenner öS -VCiexser-”z TO [äaohf., C. Herber Fr 1 stets in grosser Auswahl am Lager. Günstige Zahlungs-Bedingungen. 3393 83 Seltersweg 83 Preislisten gratis und franko. de 3757 aufmerfiam. ussboden- la. weiße Kernseife la. Lparkernseifc 18 14 25 Pfg. 23 , 23 . 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