Donnerstag, 10. Dezember ll>03 153. Jahrg. Erscheint fäglld) mit Ausnahme deS SonnlagS. Di .Gietze- ^amilienblätter- werden dem Auzetger v errna wöchentlich belgetegl. Der „Hfstjche £onöroirf“ erscheint monatlich einmal. Gießener Anzeiger Verantwortlich Kh 6er attormetnew D. Wittko: für Der An-eß-emeU; RotaNonSdruck und ©erlag Der Veü hi^chE» UntoeiludlÄDcudeiei (Pietsch Erden», General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Liehen. Parlamentarische Perliandlniiffen. Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet. Deutscher Deichstag. 3. Sitzung vom 9. Dezember. S Uhr. Das Haus ist g u t besetzt. Am Bundesratstisch: Graf von Bülow, Frhr. von Stengel, Graf von Posad.owsky, von Tirpitz, von Einem, Frhr. von Rheinbaben, Möller u. a. , Auf der Tagesordnung steht die erste Lesung des Etats und des Gesetzes betreffend Aenderung im Finanzwesen des Reichs. Staatssekretär im Reichsschatzamt Frhr. von Stengel: Es ist heute das erste Mal, daß ich die Ehre habe in meiner neuen Stellung als Staatssekretär des Reichsschatzamts die Generaldebatte über den Etat in der üblichen Weise einzuleiten. Ich bedaure, daß ich mit keinem erfreulichen Ergebnis vor Sie hintreten kann. Bevor ich auf den Etatsentwurf von 1904 des Näheren eingehe, möchte ich zunächst einen Rückblick werfen, einmal auf die rechnungsmäßigen Ergebnisse des Jahres 1902 und daran anreihend eine Schätzung des mutmaßlichen Abschlusses von 1903. Mein Herr Amtsvorgänger hatte in der eigenen Wirtschaft das Defizit des Reichs für das Jahr 1902 ans 30 Millionen Mark geschäht. Es beläuft sich genau auf 30 723 000 Mk. Dieser Fehlbetrag hat seinen Grund weit mehr in einem Zurückbleiben der Einnahmen, als etwa in einer Steigerung der Ausgaben. Die Vermehrung der Ausgaben beschränkt sich auf rund 8% Millionen Mark, von der der größte Teil auf Heeresverwaltung und auf die Verzinsung der Neichsschuld fallen. Beim Heer macht die Natural- verv^l"^' " d^r Reichsschuld waren vorübergehend erhöhte Mittel für die Verzinsung erforderlich. Hierzu kam ein erheblicher Einnahmeausfall, der hauvtsäch- lich veranlaßt ist durch Fehlbeträge bei der Zuckersteuer von 17 Millionen Mark und beim Bankwesen von 9 Millionen Mark. Der Ausfall bei der Zuckersteuer hat vorwiegend seinen Grund in unvorhergesehenem Ausfall der Zuckerprämien. Der Abschluß von 1902 liegt Ihnen bereits gedruckt vor und ich kann von weiteren Einzelheiten absehen. Ich komme nun zum schwierigsten Teil meiner Aufgabe, nämlich zu den Schätzungen des mutmaßlichen Ergebnisses für 1903. Mein Amtsvorgänger hatte in dieser Hinsicht eine wesentlich leichtere Position, insofern als ihm bei seiner Etatsrede schon das Ist für 9 Monate des vergangenen Jahres bekannt war, während ich meine Schätzungen abgeben muß auf Grund der Ergebnisse nur der ersten 7 Monate. Ich möchte daher die folgenden Zahlen nur mit allem Vorbehalt angeben und mich schon im voraus gegen den Vorwurf verwahren, ich hätte vielleicht zu schwarz oder zu rosig gemalt. Ich vermag selbst in keiner Weise die Garantie für die Richtigkeit meiner Schätzungen zu übernehmen. Leider muß ich in Aussicht stellen, daß das Rechnungsjahr 1903 mit einem Fehlbetrag von über 20 Millionen abschließt. Wenn der Fehlbetrag auch etwas Zurückbleiben dürfte gegen den von 1902, so ist er doch immer noch groß genug, um zu ernsten Bedenken Anlaß zu geben. Auch hier sind es wieder Ausfälle bei den Einnahmen, die in erster Linie das Defizit bedingen. Die Mehrausgaben dürsten voraussichtlich den Betrag von 9 Millionen kaum überschreiten: sie sind hauptsächlich veranlaßt durch das Jnvaliden- versicherungsgesetz im Betrage von etwa 1% Millionen, durch die im Etat nicht vorgesehenen Entschädigungen im Betrage von 1% Millionen, durch Tilgungen bei den Anleihen im Betrage von 1% Millionen. Auch bei den Einnahmen für 1903 wird mit recht beträchtlichen Ausfällen in Höhe von 30—32 Millionen zu rechnen sein. Den Ausfällen stehen allerdings Mehreinnahmen mit rund 18% Millionen gegenüber: aber im ganzen verbleibt doch immer ein beträchtlicher Minderertrag. Namentlich die Einnahmen aus der Zuckersteuer sind um annähernd 14 Millionen, die aus der Maischraumsteuer um mehr als 10 Millionen zurückgeblieben. Was die Mehreinnahme betrifft, so rechnet man bei den Zöllen auf eine solche von 34 Mill. Mark. Demgegenüber ist aber mit Ausfällen zu rechnen, einmal bei der Tabaksteuer im Betrage von 1 Mill., beim Branntwein im Betrage von 3% Mill. Mark, bei den Stempelabgaben im Betrage von 7% Mill. Mark. Es bleibt danach immerhin eine Mehreinnahme von 22 Mill. Mark. Nun zum- Etatsentwurf von 1 9 0 4. Bezüglich des vorliegenden Etats kann ich Ihnen eigentlich neues nichts mitteilen. Die Presse hat sich ja schon in der eingehendsten Weise darüber geäußert. Der Etat ist mit äußerster Sparsamkeit ausgestellt und bei näherer Prüfung werden sich oie Herren selbst davon überzeugen. Alle Ressorts haben sich große Beschränkungen aufgelegt. Aber natürlich, auch die Sparsamkeit hat gewisse Grenzen, unter die nicht herabgegangen werden darf, ohne daß das Ganze Schaden erleidet. Leider hat auch dieser Etat nicht ohne eine starke Heranziehung der Bundesstaaten und ohne eine nahmhafte Anleihe aufgestellt werden können. Tie Höhe der Matrikularbeiträge reicht schon jetzt an die äußerste Leistungsfähigkeit der Bundesstaaten heran. Auch in diesem Etat ist den Einzelstaaten dieselbe Summe von 24 Millionen Mark an ungedeckten Matrikular- beiträgen zur Last gelegt worden, wie in dem Etat von 1903. Aber die beiden Etats von 1903 und 1904 sind nicht ohne weiteres miteinander zu vergleichen. Da kommt z. B. in Betracht, daß, während im Etat von 1903 der Fehlbetrag des Vorjahres dem Ordinarium zur Last gelegt war, er diesmal dem Ertraordinarnnn zur Last fällt. Ferner ist entsprechend einer Resolution des Hauses ter Reichsinvalidenfonds von der weiteren Beihilfe tm Betrage von 11% Millionen Mark zu Ungunsten des Etats des Reichsschatzamts entlastet worden. Auf weitere Details des Zahlenmaterials brauche ich wohl nicht einzugehen. / Leider begegnen wir seit einigen Jahren der Erscheinung, daß die Einnahmen sich nicht in demselben Maße fortentwickeln, wie die Ausgaben In diesem Sommer ist eine neue Bilanzierung über den Reichsinvaltdenfonds aufgestellt worden. Die Lebensdauer dieses Fonds ist bekanntlich auf 60 Jahre bemessen worden. Der Kavitalswert des Fonds aber hat sich so stark vermindert, daß er nur bis zum Jahre 1913 ausreichen wird. Eine Besserstellung einzelner Beamtenkategorien hat in diesem Etat nicht vorgenommen werden können. Eine Ausnahme machen nur bei der Post tue Landbriefträger, deren Anfangsgehalt von 700 auf 800 Mark erhöht wird. Die schon im Vorjahr geforderte Gehaltserhöhung für die Oberstleutnants wird in diesem Etat erneut verlangt, ferner werden für die Aufbesserung der Unteroffiziere 1% Millionen Wart gefordert. Ich hoffe, daß infolge des neuen Zolltarifes dem Reiche wieder größere Einnahmen zufließen werden und daß es dann den Regierungen und dem Hause gelingen wird, den Etat wieder zu balancieren. Die Balanzierung und Finanzierung des Etats pro 1904 ist eine Sorge für die Gegenwart, das Finanzreformgesetz aber eine Sorge für die Zukunft. Dieses Gesetz ist an sich noch keine Finanzreform, aber es ist wenigstens ein erster Schritt dazu, und wenn nach dem Inkrafttreten des neuen Zolltarifs die Einnahmen des Reichs besser fließen, bann wird, wie ich hoffe, auch eine nachhaltige Besserung der Reichsfinanzen erfolgen. Die gegenwärtige mißliche Lage der Reichsfinanzen ist nicht lediglich eine Folge der wirtschaftlichen Depression, sondern hat ihre Ursache zum Teil auch in mangelhaften gesetzlichen Einrichtungen. (Hört, hört!) Wenn wir hier das Uebel nicht b"i der Wurzel fassen, werden wir keine durchgreifende Besserung herbeiführen Solche Aenderungen pflegen leider nur bann vorgenommen zu werben, wenn die äiißerste Not dazu drängt. In guten Zeiten ist man geneigt, sich allzusehr dem Gefühl der Sicherheit hin.zuaeben. Das haben auch wir erfahren müssen. Heber eine halbe Milliarde Mark werden alljährlich zwischen dem Reich und ben Einzelstaaten hin- und hergeworfen. Dadurch wird der ganze Mechanismus der Reichsfinanzen sehr kom- pliziert und das finanzielle Verhältnis zwischen dem Reich unb ben Emzelstaaten. sowie bie Lage bes Reichshaushalts selbstverständlich verdunkelt. Der Wunsch, daß hier eine Besserung berbeioeführt werde, ist also gewiß nicht unberechtigt Wenn Sie einen Blick auf die dem Etat beigefügten Tabellen werfen, dann muß man sich fragen, wie es überhaupt möglich ma?, daß diese bessernde Hand überhaupt nicht schon lange angelegt worden ist. Als im Jahre 1880 die Franckensteinsckst Klausel in Wirksamkeit trat, da betrugen die Reichseinnahmen 356 Million"n Mark unb die Ueberweisungen 38 Millionen Mark. Heute betragen die Reichseinnahmen eine Milliarde Mark unb davon müssen weit über % Milliarde den Bundesstaaten überwiesen werden, um von dort wieder al? Matri- knlarumlaaen zuri'.ckaebost au werden, damit ne bann endlich der Befriedmima der Reichsbednrfnisse dienen, und das all«'? geschieht nur noch ?it dem Zweck. dem Reichstage bei der Einnabmehewilliaung ein Tari’tihtftoue^es Reckst an wahren. (Große llnrube links. Zurufe: Nur!) Dieser Mangel würde nach dem Inkrafttreten de? Oolltarife? natürlich nur noch schärfer bervortreten, und gerade aus dielen Erv'ägunaen heraus widerrät es dringend, mit einer Belle- runrr noch länger zu ibaern Ich will die Franckenlteinschi» Klausel nickst beseitigen, sondern sie nur auf Hn vernünftiges Maß einschränken. Verkennen Sie nicht die Gefahren einer fortschreitenden Verdunkelung des E^ats. Eine solch'' ist mit einer geordneten Wirtschaftsführung nicht verträglich. Wenn jetzt die Anbahnung einer rationellen Finanzwirtschaft vorgeschlagen wird, so geschieht das unter vollster Wahrung bet Rechte des Reichstages, und es l'egt meines Erachten? kein Grund vor, der ibn binden könnte, dem Vorschläge sntntftimmcn. G"rade vom konstitutionellen Standpunkt au8 besteht da? dringendste Jnterelle, dnß die Ueberucbt nicht unnötig erschwert wird, und auch da? deutsche Volk, das ja bie Mittel zur Deckung der Ausgaben aitihrinat, hat ein Recht darauf., daß es seinen Etat übersehen kann. Das darf nicht ein Vorrecht einzelner Spezialisten sein. Der b m Gesetzentwurf zu Grunde liegende Gedanke ist wiederhol: im S iaiajt aller! Stop, und «gt stunr erzie angenommen. Kürnbacher zu den Steuern .Hessens, wie jeder andere, herangezogen, so würden sie doch wohl einem Anschluß an Baden viel geneigter sein, was angesickts 11 " r scheu Hau.shaltse'gls freilich keine le'ct)ie Abg. Hirschel Antisemit) wendet f ch _____ ______ hmg zu widerlegen, daß amtlichen Täsinkeit daf lbst und er könne aus eigener Kenntnis der Dinge mal: warm empfehlen, dem Antrag der Ausschußmehrheit Kimmen. Der h.ss'sche Anteil von Kürnbach war bis 1803 Württemberg sch. Tann wurde er badisch und jetzt sei die Hälfte hessisch- die Hälfte badisch. Er müsse konstaUeren, daß die ganzen Zustände un haltbar und geradezu mittelalterlich seien. Würden die Kürnbacher für erledigt erklärt. Es folgt die Beratung über die Wahlprüfung des Llbg. O r b- Offenback-Laud. ?lba. Erk beantragt namens der Ausschußmehcheit die G'l'i^kei scrklärung, während Mg. Pennrich namens der Minderheit den Antrag stellt, die Kammer wolle die Ärmel eg enh-üt vorerst von der Tagesordnung absetzen und die Regierung ersuchen, durch das Kreisamt Offenbach w: ' ere genaue Erhebungen möglichst mng der in Frage kommenden 98 n-ehörigwit in hem Wahlprotest 8".her bestritten wird, anstellen zu an der sich die Abgg. Ulrich und für nm er ’ r, b". M olthan gegen die C5-: rtipfeit der Wahl aussprechen, wird der Mehrheitsantrag unter großer .Heiwrkeit mit allen gegen, die Stimme Mvllhans Sache sei. gegen, di? beiden torischen Gerichtsverfahren? seht aber bereits soviel Klarheit gewonnen, daß wir im Interesse der Armee schleunige Abhilfe verlangen müssen. Die Söhne des Volkes dürfen nicht länger die Objekte für Verbalinjurien und Mißhandlungen sein. Redner geht dann ausführlich auf den Fall Breidenbach ein und fuhrt eine Reibe sonstiger Fälle von Soldatenmitzhandlungen an. (Das Haus wird immer unaufmerksamer und unruhiger.) Der Kaiser hat sich einmal scharf gegen Soldatenmißhandlungen ausgesprochen, aber trotzdem begegnen wir nach wie vor fortgesetzt planmäßigen Schändlickkeiten in der Armee. Das Beschwerderecht nutzt dem Soldaten wenig. Die Beseitigung der Mißhandlungen liegt im Interesse des Volles, das an dieser Frage in hohem Matze beteiligt ist. . .. . Die Klagen der verschiedenen Stände über ihre Lage und nicht verstummt. Mit ängstlichen Erwartungen sieht die Landwirtschaft dem Abschluß von Handelsverträgen auf Grund des in der vorigen Session verabschiedeten Zolltarifs entgegen. Man erwartet ferner, daß die Härten des Fleischbeschaugesetzes beseitigt werden. Auch für das Handwerk muß etwas geschehen. Es ist nicht tot, wenngleich es ihm nicht mehr so gut geht wie ftüher. Man sorge vor allem dafür, daß nur solche Handwerker Lehrlinge ausbilden dürfen, die den Meistertitel zu führen berechtigt sind, man bewillige den Bauhandwerkern den Befähigungsnachweis, man stelle die Forderungen der Bauhandwerker sicher. Man vergeße nicht, wie schwer der Mittelstand um feine* Existenz zu ringen hat und verbiete die Gründung von Warenhäusern für Offiziere und Beamte. Notwendig ist ferner eine Reform des Ausverkauf wesens und eine Versicherung der Privatangestellten. Für die Errtchtung von Arbeitskammern zur Förderung des Friedens zwischen Arbeitern und Unternehmern hat sich der Reichstag ausgesprochen, aber der Bundesrat ist dem Beschluß noch nicht beigetreten. Die Sozialpolitik darf nicht Halt machen; wir fordern einen Ausbau des Koalitionsrechts und die neunstündige Arbeitszeit. Wir verlangen nur Erreichbares und überlaßen es anderen, unsere Forderungen zu übertrumpfen, um für sich Anhänger zu gewinnen. Die Februar- Erlaße von 1890 müßen endltch zur Wahrheit werden. Tie Arbeiter sind gleichberechtigt, das möchte ich denen sagen, die für Ausnahmegesetze schwärmen. Bedauerlich ist es, daß der Bundesrat so oft Anträge des Reichstages feine Zustimmung versagt bat. Das gilt namentlich für den Diätenantrag. Tie Wahlen haben ja bewiesen, daß man durch Vorenthalttmg von Diäten da? Gegenteil erreicht von dem, was man beabsichtigt. Der Reichstag wird als etwas Minderwertiges angesehen. Ta weist ich nicht, Hessischer Landtag. R. B. Darm st a d t, 9. Dez. Am Ministertisch: Staatsminister 5*r. Roth e, Geh. Staatsrat Krug zu Nidda, Geh. Rat Wilbrand. Präsident Haas eröffnet die Sitzung um 91/4 Uhr. Punkt 1 der Tagesordnung: Lldresse an den Großherzig, wird zunächst zurückgestellt. Das Haus setzt die gestern abgebrochene Debatte über den Staatsvertrag zwischen Hessen und Baden in Betreff des Kondominats Kür n- bach fort. Die gestern erwähnte neue Vorstellung des Gemeinderats und Birrgerausschusses ist als Antrag der Abgg. Bähr, Hirschel und Köhler indischen den Mitgliedern des Hauses überreicht worden. Diese Vorstellung enthält auf vier Druckseiten eine lange Reihe von Einwendungen gegen den Ausschußbericht, die der Berichterstatter, Abg. Dr. Gutfleisch in eingehender Weise widerlegt. Er weist zunächst nach, daß, wenn das jetzige Kondominat beibehalten werden würde, ganz ne'te Verwaltungsgesetze für Kürnbach geschaffen werden müßten: es müßte aus dem großen Paragraphenapparat der hessischen und . r badischen Verwaltungsgesetzgebung eine für Kürnbach angemess'ne Bearbeitung vorgenommen werden, und das gehe dort nicht an. (Abg. Köhler ruft: Ist auch nicht r ’ g!) So, nicht nötig, ja, warum arbeiten wir denn hier im Hause überhaupt so lange Zeit alle Fahre, toarum haben wir dann überhaupt eine Gesetzgebungstä iakeit? T'e neue Petition, mit der die Kürnbacher jetzt im letzten M iente gekommen seien, enthalte durchaus nichts neues, ^was zu einer Vertagung der Sache Anlaß bieten könnte. Wir wollten gewiß gern festhalten an dem, )vas wirklich hessisch sei, aber die Kürnbacher seien halb heftsich und halb badisch, und wenn sie in der Petition sagen, sie wollten ihre Rechte wahren, so wisse man noch nicht, ob sie ihre Rechte meinen, bei Hessen zu bleiben, oder ob sie ihre Steuerfreiheit gewahrt wissen wollten. Die Kürnbacher vergäßen ganz, daß den Rechten auch Pflichten gegenüberständen; es sei doch auch unglaublich, daß 914 Einwohner verlangten, man solle für sie eine besondere Gesetzgebung schaffen. Wenn die Kürnbacber ferner in der Petition sagen, sie brauchten keine Polizkivorschriften, so sei das in einer Petition an die Kammer eine Unverschämtheit. Tie Petition bestärke gerade seine und der Ausschußmehrheit Meinung, dick die Zuteilung zu Baden eine absolute Notwendigkeit sei. Ulrich habe mit Recht anerkannt, daß ein sachliches Interesse vorliege, Kürnbach an Buden anzugliedern. Sein wnterer Vorschlag aber, erst die Privilegien aufzuheben und dann die Stellung der Kürnbacher abzuwcmtnn, würde die Sache bis ins Unendliche verschleppen. Er würde wahrscheinlich zu lanawierigen Prozessen führen, die 4 bis - 5 Jahre dauern könnten und dann würden wir erst recht wieder auf dem alten Fleck stehen. Wenn Abg. Bähr sagte, man solle selber nach Kürnbach gchen und sich di? Sacke ansehen, so sage er, es gebe dort so gut wie nichts zu sehen und die Sti.mmung der Einwohner habe man durch die hier gewesene Deputation genügend kennen gelernt. Tie Mißstände seien auch nicht zu sehen, sondern lägen in dem Mißstand der Verwaltung, der sich aus der entfernten Lage und der Abgeschlossenheit des Arte:. ergebe. Redner wendet sich dann noch-mit schar'en Worten gegen den Abg. Bähr, und betont, daß ein dera.rt'ges K n^miimt w'e in Kürnbach, in Deutschland enrig dastehe. D'e ganze Lage daselbst habe nicht die Regierung oder das Kreisamt zu Heppenheim, sondern die Macht der Verhältnisse zu Wege gebracht. Er sei überzeugt, daß die Angliederung der Kürnbacher an Vaden auch für diese ein gutes Werk sei. (Lebhaftes Bravo. (ßfriditslanL Karlsruhe, 9. Dez. Vor dem hiesigen Kriegsgericht der 28 Division stand heute der 22 Jahre alte Leutnant a| per v. Arntm vom hiesigen Leibgrenadier-Regiment Nr. 109 unter der Anklage der Mißhandlung und B e l e i d i - gung eines N n t e r g e b e n e n. Der Angeklagte hatte bei einer Uebnng den Grenadier Hebeis, weil dieser beim. Entladen seines nut Platzpatronen geladenen Gewehres nicht vorschriftsmäßig verfuhr und wahrend des Entladens das Gewehr auf Arnims Brust gerichtet hatte, mit der ,taust ins Gesicht geschlagen, daß die Nase blutete und der Helm vom Kopie fiel und ihm dabei ein Schimpft roort zugerufen. Leutnant v. Arnim gab den Tatbestand zu, et: klärte aber, er habe in augenblicklicher Erregung gehandelt, weil der Grenadier das Gewehr direkt auf seine Brust gerichtet hatte und er der Gewhr ausgesetzt gewesen sei, erschossen zu werden. Um dieser Gefahr flu begegnen, sei er auf Hebeis zugesprungen und habe diesem in der Erregung einen Schlag versetzt. ÖebeiS hatte keine Meldung erstattet. L.as'Re^ neutstommando hatte erst von dritter Seite von dem ^öorfgll Kenntnis erhalten. Der Anklagepertreter beantragte L> -rage Stubenarrest, der Verteidiger plaidierte auf Freisprechung, weil man es hier nicht mit einer Mißhandlung, einer systematischen Quälerei, sotwern mit einer infolge naturgemäßen Aergers im Dienste volliuhrten Tat zu tun habe. Das Urteil lautet auf 14 -tage Stubenarrest ob der Reichstag cs noch lange mit feiner Ehre vereinbaren kann, Vorlagen der verbündeten Regierungen als Vorlagen eines gleichberechtigten Faktors zu behandeln. (Sehr wahrl! im Zentrum.) Der preußische Minister des Innern gewinnt es über sich, in Hannover Männer, die ihrem früheren Herrscher in Ehrfurcht und Liebe ergeben sind, als Feinde zu bezeichnen, er fordert die staats- crbaltcnben Parteien auf, Schulter an Schulter zusammenzustehen gegen die Welfen und die Sozialdemokraten, weil sie angeblich Preußen den Krieg erklärt haben. Wo haben die Welfen bildlich oder in Wirklichkeit Preußen den Krieg erklärt? Wie darf man so reden gegen Männer, die mit Schmerz, Ehrfurcht und Liebe der Vergangenheit gedenken und die stolzen Erinnerungen des Heimatlandes Hochhalten für alle Zeiten? Nun zur Ostmarkenzulage l Früher sagte die Negierung, die Polenfrage gehöre vor den preußischen Landtag, und nun kommt die Regierung und bringt uns Polen mitten in den Reichstag. (Heiterkeit.) Sie will Zulagen bewilligen auf Grund des Wohlverhaltens. Wir erblicken darin die Zumutung der tatsächlichen Sanktionierung und Unterstützung der preußischen Polenpolitik. Diese aber halten wir für durchaus ungerecht. Würden wir eine Augenblickspolttik treiben, so könnten wir vielleicht dafür zu haben sein, aber wir halten an unseren Prinzipien unverrückbar fest und stehen in Bezug auf diese Zulagen vollkommen auf dem Standpunkt unserer preußischen Freunde. Für was wird die Zulage gewährt? Für Wohlverhalten! Nun, der national-liberale Abg. Hobrecht bat im preußischen Abgeordnetenhause sechst gesagt, daß diese Zulagen sehr gefährlich seien, weil gerade die zweifelhaften Elemente und diejenigen Elemente, die am wenigsten eine Förderung und Unterstützung seitens der Staatsregierung verdienen, geschickt genug sind, den Vorgesetzten gegenüber den Beweis zu führen, wie sehr sie im Sinne der Negierung tätig sind. Diesen Worten Hobrechts stimmen wir zu, nach unserer Meinung handelt es sich hier um einen Korruptionsfonds und deshalb sind wir Dagegen. Dringend zu wünschen wäre es, wenn man mit Dem in Elsaß- Lothringen noch vorbanDenen Wust von ftanzösischen Gesetzen aufräumte unD auch alle Dort noch geltenDen Ausnahmebestimmungen beseitigte. Elsaß-Lothringen ist Deutsch unD wirD es bleiben, Dafür stehen wir alle ein, unD Darum soll es auch deutsch behandelt und deutsch regiert werden. Suche man doch keinen Feind, wo es keinen gibt. Nun muß ich noch zu Staatsanwalt Müller im Kwilecki-Prozeß kommen. (Heiterkeit.) Das ist ein Staatsanwalt, Der sich nicht klar ist über Die ihm zustehenden Rechte. (Sehr richtig!) Sonst wäre hätten: Wenn wir unsere Privi- >ir auch badi-ch werden. :ct mehrere Ausführungen des , die Kürnbacher seien entweder l'7 -■ 4. Ausschusses an Stelle des Llbg : i en Mandat achsolgcr Adelung /scheu Ul(k l .lOten über die Ein- legicn behalten, roüropn k Abg. Ulri ch bestreik Abg. Tr. Bull und meint, Hessen oder Badenser, ein Mittelding gebe es nicht. Er wünsche unter keinen Umständen die Be'behaltnug der Privilegien. Mit dentsesben Reckt könnten ja auch die crlten Ritter und Barone kommen und auf ihre flüheren Rechte docken. Daß sich die Kürnbacher, wie sie in ihrar neuen Petition durch Fettdruck hervorheben, „in dem idyllischen Inseldasein ganz wv h l siihlten, gTmfbc er sehr gern, es geschehe das ja auch zum Nuchtell und auf Kosten der hessischen Steuerzahler. ^Heiterkeit.) I'mmerhin aber enthalte die Petition so viele neue Mvmente. daß er sich schon aus Di^em Grunde dem Antrag auf Vertagung anschließen müsse. Präsident Haas verliest darauf die vom Vorstand verfaßte Adresse an den Großh erzo g, die das Haus einstinrmig ohne Debatte genehmigt. Ta Se. Kgl. Hoheit dem Präsidium mitteilen ließ, daß er dasselbe versönlich empfangen wolle, wurde die Sitzung gegen 11 Uhr unterbrochen. Nock Wiederaufnahme der Verhandlungen richtete zunächst Abg. Molthan die Auflage an die Regierung, wie es mit frrr zu Anfang des Jahres einqereichten Petition der homöopathischen Aerzte stehe, welche sich gegen den Gesetzentwurf üb»"r die Aufhebung des Selbstdisvensier- recktes aussvricht. Terselbe solle doch schon am 1. Januar 1904 in Kraft treten; das Petitionsrecht der Aerzte würde dadurch illusorisch werden. Staatsminister Tr. Rothe erklärt, er könne im Augenblick keine Atkskunst geben, werde aber denrnächst näheres darüber mitteilen. Bei der Wei^erberatuno des Kürftbacker Staatsvertrags svricht sich 9T6-a, Weidnerfür die Vertagung aus, namentlich int Hinblick auf die neue Petition und den Wunsch der Kürnvacker, daß der Lft'sschuß persönlich von der Sachlage Kenntnis nehmen möae. Es sei auch schon häufiger vor gekommen, daß ein Aussck mann ist beute g e ff o r b e n. (Mit Adolf von Hansemann ist der bedeutendste Vertreter der Haute Finance unserer Zeit verschieden; fein Name blieb bis heute an der Spitze der maßgebenden Persönlichkeiten unserer Bankwelt, wenn auch im letzten Dezennium das Institut Hansemanus — die Diskontogesestschast— von der jüngeren Deutschen Bank in mancher Beziebung^überflügelt worden ist. Der Verstorbene, 1826 geboren, war ein Sohn des bekannten Begründers der Diskonfogesellschasf und Preußischen Ministers David Hansemann; er wurde von seinem Vater frühzeitig in den Dienst des genannten Institutes eingeführt und blieb nach dem Tode des Begründers '1864) leitender Direktor der Bank. Bis in die letzten Jahre war Adolf von Hausemann noch rege tätig, besonders trat er hervor bei Gründung von kolonialen Unternehmungen, deren Initiative von der Diskonto-Gesellschaft auSging. Folgende Unternehmungen verlieren durch das Hinscheiden des Geschäftsinhabers der Diskonto-Gesellschast ihren Aufsichtsrat-Vorsitzenden : Dortmunder Union, Gelsenkirchener Bergwerks-Aktien- Gesellscbaft, Landbaut-Berlin, Schantung-Eisenbahn-Gesellschaft, Dtgvi-Minen und Eiseubahu-Gesellschast, Neu-Guinea-Compagnie. dluch dem Zentralausschuß der Reichsbauk gehörte der Verstorbene an. Red.) ' in den S. -ungsjahren 1894/95, ! erden ohne T balle genehmigt, der -■ Her über Die Diäten und Gebühren der Staull>bcami.en und der Antrag Ulrich tnbetcefj der