Zweites Blatt. Montag 10-Anglist 1903 Giehener Anzeiger VezugspretSr otertel- monatl General-Anzeiger 153 Jahrgang Nr. 185 Srschet«! täglich außer Sonntags. Dem Gießener Anzeiger werden Im Wechsel mit dem KeMschen Landwirt die Gießener Familien. Matter viermal in der Woche beigelegt. Rotationsdruck u. Verlag der Brüh lachen Unweri^Buch-u.Stein- druckerer (Pretsch Erbens Redaktion, Expedition jährlich Mk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 6o Ps.; durch diePost Mk.2.—üiertel- lährl. ausschl. Bestellg. Annahme von Anzeigen sür öie Lagesnummer bis vormUtagS 10 Uhr. ZeUenpreiS: lokal 12 auswärts 20 Pig. Vrrantworrltch Mr den poltt und allgem. Teil: P. ötttto: für .Stadl und Vanö* und .GerlchtLsaalE; August Götz; Mr den An- -eiqentetl: Han« Beck. HWr- Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen VoMische Wochenschau. Gießen, 10. August. Tas Konklave ist so früh zu Ende gegangen, als man nur wünschen konnte; der Papst ist gewählt. Der heiße Kampf der Kurienkardinäle um den Stuhl Petri hat das Ergebnis gehabt, daß sie einen Männ gewählt haben, von dem sie selbst wenig wissen. Pius X., aus den einfachsten Verhältnissen hervorgegangen, hat seither eine Laufbahn verfolgt ganz abseits von der Politik des Vatikans. Mrd er nun, auf so hohen Play erhoben, wie so viel frühere Päpste, sich von seinem bisherigen stillen Priesterleben ab- wenden und ein Kämpfer, ein politischer Papst werden? Man sagst, daß er hoch begabt sei. Ader er ist ungeübt in diplomatischen Künsten, und darum ist es nicht ausgeschlossen, daß er aus purer „Frömmigkeit" in die Hände der kirchlichen „Scharfmacher" gerät. Er hat indessen in diesen Tagen schon beim Empfang der Diplomaten, Worte des Friedens gesprochen. Und seine Haltung zur italienischen Regierung war bis jetzt nicht feindlich. Wir Deutsche können mit der Wahl zufrieden sein. Pius ist, soviel steht fest, kein Gleichgesinnter Rampollas. Gestern fand seine Krönung statt, und wenn wir heute die zahlreichen Meldungen von dem Gepränge und dem Aufwand dieser Feierlichkeit entgegennehmen, so geschieht es mit dem Interesse des zuschauenden Unbeteiligten. Die amtliche „Rordd. Allg. Ztg." brachte am Samstag anläßlich der Krönung einen Glückwunschartikel in herzlichen Worten. Es steht darin, daß man hoffen wolle, die Persönlichkeit des neuen Papstes bilde eine Bürgschaft für die Erwiderung der vertrauensvollen Gesinnung, mit der sich die deutschen Katholiken ihrem höchsten Bischof zuwendeten. Die WahlPius X. habe die leitenden deutschen Kreise mit besonderer Befriedigung erfüllt, und es möge dem neuen Papste ein langes, gesegnetes, friedliches Pontifikat beschieden sein. In unserem deutschen Vaterlande ist man besorgt darüber, daß in der letzten Zeit große Bevölkerungsrreise vom Unglück heimgesucht worden sind. Das Hochwasser in Schlesien hat große Verheerungen und großes Elend ungerichtet. Die Minister sind im Überschwemmungsgebiet gewesen und haben Anordnungen zur Abhilfe getroffen. Auch die Kaiserin hat sich der Unglücklichen angenommen. lieber den nach der Ankunft des Kaisers von ferner Nordlandsreise bevorstehenden Kronrat wurde in den Müttern viel orakelt. Man! will wissen, über dem Ministerium schwebe Unheil. Mein das scheint ungerechtfertigtes Gerede zu sein. Es wird sich in diesem Kronrat wohl einzig und allein darum handeln, welche Maßnahmen zum Besten der durch das Hochwasser geschädigten Landesüile unternommen werden sollen. Eine recht unheimliche Nachricht ist aus dem Ruhrgebiet gekommen. In erschreckender Weise ist die Wurm- krankheit unter den Bergarbeitern ausgebrochen. Nun scheint diese entsetzliche Seuche auch nach Oberschlesien eingeschleppt worden zu sein, da dort auch Erkrankungen festgestellt worden sind. Gestern fanden, wie wir schon am Samstag berichteten, im Ruhrgebiet 28 Bergarbeiterversammlungen statt, um über die durch die Krankheit geschaffene Lage zu beraten. Um dem durch die Seuche entstandenen Elend abzuhelfen, bedarf es nicht erst der Klagen und Anschuldigungen des vorwärts" und anderer sozialdemokratischer Blätter, die schon gleich das traurige Ereignis als ein Zerbrechen an der Arbeiterschaft" hin- stellen. Hier wird niemand die Hände in den Schoß legen, um der Seuche ent^eaenzutreten. In Oesterreilp-Ungarn hatte man auch eine Gelegenheit, die leidige Bestechungsaffäre, wahrgenommen, um gegen einzelne Persönlichkeiten der Regierung vorzugehen. Das Ergebnis der Untersuchung ist nun aber schließlich, daß der Ministerpräsident Graf Khuen zwar nicht vollkommen unschuldig, daß aber der von der Opposition versuchte Schuldbeweis ziemliche mißlungen ist. Dagegen sind einzelne Mitglieder der Opposition selbst durch, den Verlauf der Untersuchung sehr kompromittiert worden. Einige haben tatsächlich Bestechungsgelder angenommen. Ob nun Graf Khuens Demission bevorsteht, ist noch ungewiß. Heute, Montag, sind indesien Meldungen ein- aelaufen, die den Abgang des Ministers in sichere Aussicht stellen. Gehen wir von Ungarn etwas weiter nach Osten, so sehen wir dort auch Kämpfe und Unruhen. Die macedo- nischen Aufstände stehen wieder einmal auf der Tagesordnung. Europa kann diesen Ereignissen gegenüber sich ganz gleichgiltig verhalten; die Türkei wird mit den Aufständischen fertig werden; sie hat bis jetzt schon mit fester Hand und erfolgreich zugefaßt. Diese Macedonier können beute nicht mehr sagen: „Dom Jovo ist eine Kuh gestohlen worden; was wird Europa dazu sagen?" Wem es 'heute in Makedonien gelüstet, sich von den Türken totschießen zu lassen, der tut es auf eigene Faust. Nach Rußland werden sich in den nächsten Wochen unsere Blicke manchmal richten, denn in Petersburg haben die Verhandlungen über den neuen deutsch-russischen Handelsvertrag eingesetzt. Es wird interessant sein, zu verfolgen, wie unser neuer Zolltarif von den Russen ausgenommen wird. —- Auch in der Schweiz beginnen Verhandlungen über den Handelsvertrag. Der deutsche Reichstag wird zwar bei seinem Zu- sammentritt kaum schon fertige Handelsvertragsentwürfe vorfinden. Aber an Stoff zu Erörterungen wird es wahrscheinlich nicht fehlen. Es wird sich zeigen, ob die Sozialdemokraten einen Sitz im Reichstagspräsidium beanspruchen wollen, es wird vielleicht die Hochwasser-Begebenheit erörtert werden u. a. m. Vielleicht verliert man dann auch moch ein Wort über den „Fall Giesebrecht", den wir seither im unseren Spalten noch nicht erörtert haben, weil es sich tatsächlich nicht lohnt. Nur die Sozialdemokratie, keine andere Partei, hat sich über diesen Fall hergemacht, weil sie sich, davon ein willkommenes Agitationsmittel verspricht. Dr. Giesebrecht hat aber sonst keinen Stein ins Rollen gebracht, und das Reichstagswahlrecht bleibt unangetastet. Nolitische Tagesschau. Ein Aufruf zu Gunsten der durch Hochwasser Geschädigten. Das Reichskomitee zu Gunsten der durch Hochwasser Geschädigten (Vorsitzender Staatssekretär Graf Posadowsky) erließ einen Aufruf, worin auf die schweren Hochwasserschäden dieses Jahres hingewiesen und die Privatwohltätigkeit zur Mithilfe aufgefordert wird. Es heißt in dem Aufruf: „Zahlreiche Familien sehen den Erfolg ihres Fleißes verloren; die Ernte ist an vielen Orten völlig vernichtet, die Aecker sind verschlämmt und verwüstet, die Häuser zerstört, das ganze wirtschaftliche Leben in den überfluteten Gegenden ist ins Stocken geraten. Mit schweren Sorgen sehen Tausende in die Zukunft. Schnelle Hilfe tut not. Die Staatsregierung hat bereits erhebliche Mittel zur Verfügung gestellt, um den drohenden unglücklichen Folgen der Ueberschwemmung, vor allem dem Ausbruch von Seuchen zu begegnen und die zerstörten öffentlichen Anlagen wieder herzustellen. Große und umfassende Aufgaben bleiben aber der privaten Wohltätigkeit. Die Kräfte der durch. das Unglück der Hochwasserfiut betroffenen Provinzen reichen dazu nicht hin. Die Unterzeichneten rufen daher, die Deutschen aus allen Gauen unseres Vaterlandes und im Auslande auf, schnell und reichlich zu helfen. In engem Zusammenschluß mit den Provinzialkomitees in den geschädigten Provinzen werden wir Sorge tragen, daß die uns anvertraute Gaben fachgemäße Verwendung finden. Wir bitten, daß sich an recht vielen Orten Hilfskomitees bilden, die wir ersuchen, mit uns in Verbindung zu treten. Alle Geldsendungen bitten wir einzuzahlen an die Deutsche Bank, Depositen kas.se A zu Berlin, Mauerstraße, auf das Konto: Reichskomitee zu Gunsten der durch Hochwasser Geschädigten." Das neue preußische Wohnnngsgesetz. Der Entwurf eines neuen Wohnungsgesetzes für Preußen ist den Regierungspräsidenten und Gemeinden zur Begutachtung vorgelegt worden und hat im allgemeinen die Zustimmung dieser Faktoren gefunden; doch werden Aen- derungen noch vorgenommen werden. Mm den vier Haupt- gebieten des neuen Entwurfs dürften die Bestimmungen über den Bebauungsplan, den Kleinwohnungsplan und die Hygiene keine Schwierigkeiten bereiten. Die Polizei- Verordnungs-Bestimmungen des Entwurfes sind jedoch auf erheblichen Widerstand gestoßen, da die dort niedergelegten Befugnisse der Baupolizei als viel zu weitgehend angesehen werden. Man. will der Baupolizei eine solche Macht nicht zugestehen, wie sie dort verlangt wird. Dieser Punkt dürste auch im preußischen Landtage auf Schwierigkeiten stoßen, und es ist nicht unmöglich, daß die Befugnisse der Baupolizei etwas herabgesetzt werden. Wenn dies in an- gnnessenen Grenzen geschieht, dürfte die Regierung auch nicht viel dagegen einzuwenden haben. Das im ©nttour: vorgesehene Wo hnungsamt, das jede Stadt über 10 000 Einwohner einzuführen hat, soll folgende Aufgaben erfüllen: 1. Der Stand des Wohnungsmarktes soll durch fortlaufende Erhebungen feststehend gehalten werden, um hieraus die notwendige Grundlage für etwaige weitere Maßnahmen zu gewinnen. 2. Gegen ungesundes Wohnen, insbesondere auch soweit es von Ueberfüllung herrührt, soll durch Einführung einer regelmäßigen Wohrrungsinspcktion vorgegangen werden. 3. Es oll ein öffentlicher Wohnungsnachweis eingeführt werden. Weiter soll eine Wohnungsmeldepflicht eingeführt werden; zu melden sind alle zu vermietenden und vermieteten Wohnungen. Der Wohnungsnachweis kann durch kostenlose Abgabe eines Wohnungs-Anzeigers geschehen, auch können auf dem Amte selbst Beschreibungen und Pläne der Wohnungen niedergelegt werden. Das Wohnungsamt ist mit wei bis vier Beamten für je 200 000 Einwohner zu be- 'etzen. Die Wohnungsstatistik bezieht sich auf folgende Punkte: Uebersicht über die Bewegung des Wohnüngs- marktes, Durchschnittspreise jeder Wohnungskategorie, Einteilung der Wohnungen in Preisklassen, Lage der Wohnungen nach Stadtteilen, Zahl der leerstehenden Wohnungen, Zeitdauer des Leerstehens. Lujo Brentano über die Zukunft de8 Liberalismus. Den in Aussicht genommenen Anschluß der Nationalsozialen an die Freisinnige Vereinigung begrüßt in der „Nation" Professor Lujo Brentano als „eines der hoffnungsreichsten (Äeignisse in unserm trübseligen politischen Leben". Das ist doch wohl etwas überschwenglich gesagt. Brentano meint, daß die Nationalsozialen den großen Fehler begangen hätten, sich an die falsche Adresse zu wenden: statt das Bürgertum für ihren sozialen Jdeenkrcis, ächten sie die Arbeiter für ihre nationale Denkweise zu gewinnen. Daß dies ein Fehler gewesen, begründet Brentano folgendermaßen: „Gewiß müssen die Arbeiter, wenn sie selbst und das deutsche Vaterland einer neuen, großen Zukunft entgegengehen sollen, dieser gewonnen werden. Mein diese (Äv- lution in der Denkweise der Arbeiter muß aus ihren Kreisen herauskommen; sie kann niemals durch Predigen 'eitens Draußenstehender oder gar durch Gründung einer- nationalen Arbeiterpartei, die mit der bestehenden Sozialdemokratie in Konkurrenz tritt, herbeigeführt werden. Ja, es wird die erstrebte Evolution der Sozialdemokratie durch alle solchen Bemühungen geradezu hintangehalten; denn das Wirken derjenigen ihrer Angehörigen, welche die Notwendigkeit solcher Evolution selbst erkennen, wird dadurch erschwert. Dabei kann diese Evolution in der Denkweise der Arbeiter um so weniger stattfinden, je länger das liberale Bürgertum in seinem die sozialen Aspirationen der Arbeiterklasse ablehnenden, intoleranten Dogmatismus verharrt. An die Adresse des Bürgertums also hätten die Nationalsozialen vor allem sich wenden sollen, statt an die Arbeiter." Das Kammergericht über Streikposten. Das Kammergericht hatte sich in seiner letzten Sitzung abermals mit dem Streikpostenstehen zu beschäftigen. Nach- dem in Berlin ein Ausstand der Rohrleger ausgebrochien war, wurden auch Streikposten ausgestellt. Ein Polizeiwachtmeister forderte mehrere Rohrleger, die in Siner Sttaße Streikposten standen, auf, sich zu entfernen. Als diese aber der Aufforderung nicht Folge leisteten, sondern erklärten, nachdem sie auf dem Straßendamm Aufstellung genommen hatten, Streikpostenstehen sei zulässig, wurde gegen, die Streikposten Anklage auf Grund einer Straßen- polizeiverordnung erhoben, wonach sich derjenige strafbar macht, der den zur Erhaltung der öffentlichen Ordnung, Ruhe und Sicherheit auf der Straße erlassenen Anordnungen der Aufsichtsbeamten keine Folge leistet. Das Landgericht sprach jedoch die Angeklagten frei, weil diese den Verkehr, auf der Straße nicht gestört hätten. Dieses Urteil focht die Staatsanwaltschaft durch Revision beim Kammergericht. an und betonte, den Anordnungen des Polizeibeamten wäre auch dann Folge zu leisten gewesen, wenn die Gefahr einer Verkehrsstörung anzunehmen gewesen wäre«; eine solche Gefahr habe aber Vorgelegen, weil eis' an vorhergehenden Tagen schon zu Reibereien gekommen sei. Das Kammergericht erachtete auch die Revision für begründet, hob die Vorentscheidung auf und wies die Sache zur ander- weiten Verhandlung an das Landgericht zurück, da schon dann der Aufforderung des Polizeibeamten von feiten der Angeklagten hätte Folge geleistet werden müssen, weün eine Gefahr für die Sicherheit und den Verkehr auf der Straße vorgelegen hätte. Von der franzofischen Marine. Der Marineminister Pelletan hat die Taufe der neuen Schiffe, die bisher üblich war, "schafft. Darauf war man eigentlich schon gefaßt, da ' Unister sich mehrmals abfällig über den „abergläul.- Gebrauch" geäußert hatte. Weit mehr überrascht eine :ieue Verordnung, welche die Gala-Uniform der Marineoffiziere abschafft, nämlich den gestickten Frack und das Beinkleid mit. goldenen Tressen, durch die die französischen Seeoffiziere sich vor ihren Kollegen anderer Nationen in auffälliger Weise auszeichneten, wie Pelletan meint. Diese Reform wird ihn unter dem Flottenpersonal nicht beliebt machen. Eine Krifis in Australien. Sdjon seit längerer Zeit hat man in englischen wirtschaftlichen und politischen Kreisen die Ueberzeugung gewonnen, daß in der australischen Kolonie durchaus nicht alles so ist, wie es sein sollte. Es gab eine Zeit, in der man mit berechtigtem <5tot& auf die rasche und offenbar glänzende Entwickelung des jungen anstrebenden Staatengebildes hinwies, als Beweis für die Kolonisattons-kraft und -Fähigkeit Großbritanniens. Wenn auch nur die Hälfte der aus Sydney und Melbourne an die englische Presse gelangenden Berichte auf Wahrheit berrrht, dann übt die Arbeiterpartei in Australien tatsächlich ein wahres Schreckensregiment. aus und dieses Schreckensregiment zieht selbstverständlich die unausbleiblichen Folgen nach sich, das heißt, jeder, der nicht einen direkten Vorteil davon hat, beeilt sich, aus dem Bereiche des Terrorismus zu entfliehen. DaS Bewußtsein, die Herrschaft in ihrer Hand zu haben, hat offenbar die Arbeiterpartei übermüttg gemacht, und es werden Gesetze erlassen und rigoros in Kraft gesetzt, die allen Unternehmungsgeist ertöten müssen und im höchsten Grade geeignet sind, privates Kapit al von den australischen .Küsten fernzuhalten. Aber das ist es gerade, was die Arbeiterpartei beabsichtigt. Der Staat soll der einzige Arbeitgeber sein, und der Staat ist irr den Händen der Arbeiter, das heißt selbstverständlich nur der organisierten Arbeiter. Es ist noch nicht soweit gekommen, daß unorgani- ierte Arbeiter durch ein Gesetz am Betreten des australi- chen Bodens verhindert werden können, aber man macht ihnen auf alle Weise das Leben sauer, und das Resultat ist, daß mit jedem abgehenden Schiffe Scharen von enttäuschten, arbeitsfähigen und arbeitswilligen Männern das Land verlassen. Selbst die geduldigen Chinesen kehren in großer Zahl in ihre .Heimat zurück, und es ist bereits — von den Gewerkschaftern mit Freude und von anderen ernsthaften Polittkern mit peinlicher Ueberraschung — bemerkt worden, daß der Ueberschuß der Einwanderung über die Auswanderung bedenklich im Schwinden begriffen ist. Unter solchen Umständen ist eine Reaktion unvermeidlich. Die nächsten Wahlen dürsten eine gründliche Veränderung herbeiführen. Je länger aber der gegenwärttge Zustand andauert, um so schwerer muß die. Krisis werden. Aus Studt und Lund. Gießen, 10. August 1903. Personalien. S. K. H. der Großherzog haben am 8. August l. Js. den Hauptsteueramtsassistenten in Mainz SSctcr Jakob Karn zum Revisionskontrolleur bei dem Haupt- teueramt Main^ ernannt. ** Der Winterfahrplan der Königs. Eisenbahn- Direktion Kassel, gültig vom 1. Oktober an, ist uns heute zugegangen. - Oessentliche Lesehalle. Im Juli wurden 1804 Bände auSgeliehen. Es fommen aus: erzählende Literatur 869, Zeitschriften 342, Iugendschristen 204, Literaturgeschichte 28, VerSdlchtungen 37, Länder- und Völkerkunde 64, Kultur- geschlchte 23, Geschichte und Biographien 66, Kunstgeschichte 10, Naturwissenschaft, Technologie 105, Seewesen 19, Gesund- heitslehrc 6, Philosophie und Religion 12, Sprachwissenschaft 8, Fremdsprachliches 9 Bände. Nach auswärts kamen 39 Bände. — Wegen notwendiger Reparaturen bleibt Lesesaal und BücherauSgabe vom 8. bis voraussichtlich 24. August geschlossen. . *• Den neuesten Scherz erlaubt sich die Biebertal- oahn. Sie verausgabt an Militärperjonen Hundebillets, die genau soviel kosten, wie die Fahrkarte für eine Militärperlon, nämlich 10 Pfg. Eine solche Fahrkarte wird uns von einem Soldaten überbracht mit dem Bemerken, daß er gestern damit gefahren sei, weil die Militärbillets vergriffen waren und xreue erst wieder beschafft werden müssen. •• Keine Fleischwaren mitbringenl Eine große Enttäuschung erfahren, wie die „Allg. Fl.-Ztg." mitteüt, viele Kurgäste, die jetzt aus den ausländischen Badern, namentlich den böhmischen, zurückkehren und glauben, biqc Gelegenheit zum Mitbringen von Schinken und Wurst benutzen zu sollen. DaS reisende Publikum weiß meistens nicht, daß die Einfuhrverhältnisse für Fleischwaren seit Inkrafttreten deS Fleischbeschaugesetzes sich völlig geändert haben. Schinken werden von den Grenzbeamten angehalten und erst, nachdem sie vorschriftsmäßig untersucht sind, mit der Post den Besitzern nachgesandt. Dadurch entstehen erstens erhebliche Kosten und dann wird auch die Qualität der Schinken dadurch, daß diese zum Zwecke der Untersuchung in der jetzigen Jahreszeit einige Tage an der Grenze verbleiben, sicher ungünstig beeinflußt. Würste aber einzuführen, ist nach den neuen gesetzlichen 93c- stimmungen überhaupt verboten. Ihre Einfuhr wird also unter keinen Umständen gestattet und man kann infolgedessen z.B. in der sächsisch-böhmischen Grenzstadt Voitersreuth jetzt täglich beobachten, wie dort auf böhmischer Seite Würste, die an der deutschen Grenze zurückgewiesen wurden, zur Versteigerung gelangen. Das reisende Publikum wird daher gut tun, das Mitbringen von Wurst- und Fleischwaren aus dem AuSlande zu unterlassen. a. Lollar, 10. Aug. Zum hiesigen Sprechverkehr wurde vom 8. d. MtS. ab Hirzenhain zugelassen. Die Gebühr für ein Gespräch von 3 Minuten beträgt 50 Pfg. m. UdenHausen, 9. Aug. Die in der Nacht vom 23. aus 24. Juni d. IS., wie seinerzeit von uns gemeldet, einem hiesigen Einwohner von der Bleiche gestohlenen 6 Stück Seinen im Werte von ca. 120 Mk. sind gestern nachmittag beim Schneiden deS Kornes in einem dem Tatort benachbarten Kornacker versteckt aufgefunden worden. Das Tuch hat durch die Feuchtigkeit etwas gelitten, dürste aber im großen und ganzen noch brauchbar fein. Die anjängliche Vermutung, daß es sich hierbei nicht um einen Diebstahl, sondern um einen Racheakt oder auch einen rohen Schabernack handele, dürfte nun ihre Bestätigung gefunden haben. § Butzbach, 9. Aug. Die von einer Anzahl Freunde und Förderer zeitgemäßer Wohnungsreform hier vor mehreren Wochen angeregte Gründung eines gemeinnützigen BauvereinS ist nun erfolgt. Er wird als Gesellschaft mit beschränkter Haftung demnächst bei dem Amtsgericht eingetragen werden und zählt 36 Mitglieder; dem Aufsichtsrate gehören 6 und dem Vorstande 3 Gesellschafter an. — Der hiesige Frauenchor unternahm heute mittag einen vom Wetter begünstigten Ausflug nach dem idillischen Münster im Jseltale. — Nächsten Sonntag wird in dem nahen Oppershofen bas herkömmliche Kirchweihfest gefeiert. Bad-Nauheim, 9. Aug. Folgende Unterhaltungen werden in dieser Woche stattfinden: Dienstag nachm. und abends Konzert der Kurkapelle; abends „Im bunten Rock". — Mittwoch nachm. und abends Konzert der Kapelle des 8. Westpr. Jnf.-Regts. Nr. 172 aus Grandenz; abends Symphonie-Konzert der Kurkapelle unter solistischer Mitwirkung des ungarischen Violinisten Mr. Kalman K. Roth-Ronay. — Donnerstag nachm. und abends Konzert der Kurkapelle. Bei gutem Wetter Lanipionbeleuchtung der Terrasse; abends Tanz. — Freitag nachm. und abends Konzert der Kurkapelle; abends unter Mitwirkung der Kurkapelle: „Die Fledermaus". — Samstag nachm. und Abends Konzert der Kurkapelle; abends: „Der Hochzeitstag". — Sonntag Konzert der Kurkapelle mit Einlagen des Kasseler Waldhorn- Quartetts. A Heldenbergen (Wetterau), 9. August. Sein 40- jähriges Amtsjubiläum begeht am 19. August der hiesige israelitische Religionslehrer Leopold Wertheimer, welcher seine ganze Dienstzeit in unserem Orte verbracht hat. Er ist seit Jahren Vorsitzender des israelitischen Lehrervereins im Großherzogtum Hessen, steht anfangs der 60 er Jahre und erfreut sich bester Rüstigkeit. y. Aus Oberhessen, 9. Aug. Im Herbste vorigen and im Frühjahr dieses Jahres konnte man zur Zeit der Jagdverpachtungen aus vielen Orten in den Zeitungen die Notiz lesen, daß die Jagden durchgehends teurer verpachtet worden seien und zwar meistens an auswärtige Herren aus der Stadt. Im Interesse des Gemeindesäckels war dies ja eine recht erfteuliche Tatsache. Nun hat aber jedes Ding zwei Seiten und die schlechte kommt meist hinten nach. Wohl in keinem Jahre hat der Bauer so viel Wildschaden namentlich durch Hoch- und Rehwild gehabt als gerade jetzt; das merkt er nun so recht bei der Ernte, wo er die Lagerplätze des Wildes und die lichten Stellen in seinen Fruchtäckern, die in der Nähe des Waldes liegen, findet. Der Bauernjäger von früher war darauf aus, zum mindesten seinen Pachtpreis auf seiner Jagd heranszuschießen und wenn möglich auch noch etwas dabei herauszuschlagen. Dagegen sind die jetzigen Pächter, die reichen Herren aus der Stadt, zunächst nur darauf aus, einen möglichst guten Wildstand zu erzielen. Wohl mag ein solches Jagen waidgerechter und edler sein; ein Vorteil für unsere Landwirte ist es sicher nicht, zumal ba s Regeln der Ansprüche aus Wildschadenersatz immer eine recht schwierige Sache ist. Darmstadt, 8. Aug. Von der Ministcrialabteilung für Landwirtschaft, Handel und Gewerbe waren am 5. l. M. die sämtlichen Gewerbe-Aussichtsbeamten des Groß Herzogtums zu einer Konferenz berufen worden, die außer zahlreichen anderen Angelegenheiten wesentlich der Ausführung des ReichSgcsetzeS über die Kinderarbeiten in gewerblichen Betrieben und der Frage der Ausdehnung deS Bauarbeiterschutzes galt. Der Beratung deS erstgenannten Gegenstandes wohnte auch der Vorsitzende der Abteilung für Schulangelegenheiten bei. In einer weiteren Beratung am gleichen Tage wurden mit den Gewerbeinspektoren der Aufsichtsbezirke Gießen und Offenbach, sowie Vertretern der beteiligten Arbeiterkreise zwei im Reichsamt des Innern ausgearbeitete Entwürfe und Vorschriften zum Schutze der Zigarrenarbeiter erörtert. [ ] Marburg, 9. Aug. Seit gestern feiern die Em- wohner unserer Vorstadt Weidenhausen ihr historisches Grabenfest und zugleich das 100jährige Bestehen des Weidenhäuser Wassergrabens, durch dessen Anlage im An- änge des vorigen Jahrhunderts eine große sumpfige Wüste in ein fruchtbares Gartenland umgeschaffen und den Weiden- siäuser Bürgern, der sogen. Erlengraben-Gesellschaft, als erbliches Eigentum überwiesen wurde. — Zwecks Vollendung der historischen Wandmalereien in der Universitätsaula ist der Schöpfer der Gemälde, Kunstakademie-Direktor Professor Janssen au§ Düsseldorf, sowie Professor Schill von dort und Maler Osten aus Köln hier eingetroffen. Hrste Kießener Ziegenschau. Die am Samstagvormittag auf unserem Viehmarkt platz jensetts der Lahn abgehaltene erste öffentliche Veranstaltung des Ziegenzucht-Vereins für Gießen und Umgegend gewährte ein schönes Bild der Leistungsfähigkeit der Mitglieder dieses Vereins auf dem Gebiet der Zucht, Haltung und Pflege von Ziegen, dieser volkswirtschaftlich besonders für den kleinen Mann überaus wichtigen Milchtiere. Es si.nd noch keine 5 Jahre her, da wollte man in denjenigen Kreisen, welche besonders berufen erscheinen,,die andwirtschaftliche Prodtlktion aus allen Gebieten zu fördern, nicht daran glauben, daß es möglich sein würde, der Ziegenzucht in Oberhessen einen Aufschwung zu geben. Erfreulich ist nun die Tatsache, daß die überall bei uns entstandenen Spezialvereine bahnbrecheno gewirkt haben. Zwar werdet! immer noch alljährlich durch den landwirlschastlichen Provinzialverein eine größere Anzahl Schweizer Ziegen 6efi uns eingesührt, aber die Gießener Schau beweist, daß die Zeit nicht mehr fern ist, wo man des eingesührten Materials für Zuchtzwecke in dem bisherigen Umfange entbehren kann, wo mau für Zuchtzwecke ausgezeichnete Tiere im Lande genug haben wird. Immerhin inuß auf dem Gebiete noch erheblich mehr geleistet werden; besonders für die Ausdehnung der Ziegenhaltung sollte von Staats wegen noch mehr geschehen, denn keines unserer Haustiere ist so berufen, den Wohlstand der arbeitenden Bevölkerung in Stadt und Land heben zu helfen, als dies die Ziege vermag. Wer am Samstagvormitlag Gelegenheit hatte, die etwa 120 Ziegen jenseits der Lal)n zu betrachten, muß gestehen, daß ganz vorzügliches Zuchtmaterial in Menge darunter war. Die Zahl der Besucher der Ausstellung war, obwohl fast so gut wie gar keine Reklame gemacht worden war, recht groß. Erfreulich ist die Tatsache, daß eine große Anzahl der Stadtverordneten durch längeres Verwetten ihr Interesse für die Ziegenhaltung an den Tag legten. Der Hauptzweck der Vorführung der Ziegen war, eine Musterung, abzuhalten, um zu sehen, was man als Bestes auf die große landwirtschaftliche Ausstellung im September bringen könne und um sich auch einmal ein klares Bttd über das tatsächlich in unserer Stadt vorhandene Material für Zuchtzwecke machen zu können. Bei der stattgehabten Prämiierung erhielten folgende Besitzer von Ziegen in nachjbenannten Klassen Auszeichnungen: Klasse 1 (Tiere, welche mehr als einmal gelammt haben): Ehr. Rebe 1. Preis, Aug. Nöding 2. Pr., Karl Neuling 2. Pr., Conrad Rübsamen 2. Pr., Georg Schäfer 3. Pr., Hrch. Rabenau 3. Pr., Gg. Schubecker 3. Pr.; Anerkennungen erhielten in dieser Klasse: Gg. Friedrich- Balth. Weber und PH. Biebricher. — Klasse 2 (Jährlinge, Ziegen, die einmal gelammt haben): Conrad Mbsamen 1. Pr., Hrch. Müller 2. Pr., Karl Renting 2. Pr., Jean Weisel 3. Pr., Wilh. Denner 3. Pr., Georg Schläfer 3. Pr. — Klasse 3 (Zeit- ziegen, die noch nicht gelammt haben): Ehr. Rebe 1. Pr., Gg. Schubecker 2. Pr., Joh. Vogel 3. Pr. — Klasse 4 (Ziegenlämmer): Joh. Vogel 1. Pr., Aug. Nöding 2. Pr., Karl Neuling 2. Pr., Herrn. Weisel 3. Pr., Gg. Schubecker 3. Pr., LouiS Stroh 4. Pr. Anerkennungen: Hch^ Stichler und Hch Nabenau. — Klasse 5 (Bocklämmer): Aug. Nöding 1. und Ehrenpreis, Adam Beinborn 2. Pr., Kart Neuling 3. Pr., I. Vogel 4. Pr.; Anerkennungen: Beruh. Weidenhaus und Georg Schäfer. Einen Ehrenpreis für die beste ausgestellte Kollektion Ziegen erhielt Ehr. Nebe bei sehr scharfer Konkurrenz. Es war den Preisrichtern schwer, zu entscheiden, zwischen der Kollektion von Karl Neuling uno der des Chr. Nebe, welche beide hervorragend schöne Tiere vorführten. — Diese wohlgelungene und interessante Veranstaltung sollte alljährlich wiederholt und zu einem Markt ausgestaltet werden. Bemerken wollen wir noch daß die Preise in nützlichen Gegenständen bestanden; zu empfehlen wäre allerdings, statt dessen Geldpreise zu gewähren. Erhielt doch einer der Aussteller lauter GebrauchSgegenstände, welche er alle in seiner Wirtschaft bereits hat, was selbstverständlich bei der anwesenden Ehefrau Mißbehagen erregte. Vermischtes. * Wer ist grausam und blutdürstig? Der „Frks. Ztg." schried man: Dieser Tage besuchte ich den Zoologischen Garten in L. Zahlreiches Publikum stand vor dem Lvwentäfig und bewunderte den König der Tiere. Dieser lag ausgestreckt, das mächtige Haupt auf die Vordertatzen gelegt, und musterte mit weltverachtendem Philosophenblick die ihn anstaunenden Menschlein. Plötzlich erscholl eine Kinderstimme: „Mama, lug da, a Mäusle!" Aller Augen folgten dem Fingerzeig des Kindes und siehe da, ein Mäuslein war in der Tat hervorgekrochen, und näherte sich, von Zeit zu Zeit schnuppernd um sich äugend mit raschem Trippelschritt dem riesigen Raubtier. Es lie auf die Vordertatzen zu, zwei Finger breit von diesen entfernt, machte es Halt und schnupperte uni sich. Atemlose Stille. Jetzt kriecht cs die erste Tatze hinaus. Der Löwe macht eine ruckartige Bewegung mit dem Kops und heftet einen durchdringenden Blick aus das kühne, winzige Tierchen. Die Maus hält inne und schnuppert zu den großen Augen des Löwen aus. Dann springt sie herab mitten zwischen beide Tatzen, auf die zweite hinaus, diese wieder hinab uub schnuppert an einem Knochen, der von des Löwen Mahlzeit übrig geblieben war. Dieser, der bis dahin mit Kops uno Auge jeder Bewegung des Müschens gefolgt war, u.mutt keine weitere Notiz von ihm, sondern mustert wiedct mit alter überlegener Würde das atemlos wartende Publitum. Das Mäuschen aber hält reichliche Mahlzeit von den Resten der Löwen-Mahlzett, dann trippelt es weiter, kriecht durch das starke Gitter an den Rand deS Käfigs und schnuppert, Männchen machend, in die nunmehr lebendig gewordene Menschenmenge. Ahnungslos verlaßt es den Käsig. Kaum aber war es in den Bereich der Menschheit gelangt, als diese mit Stöcken und Steinen unter Johlen und Schreien seinem vertrauensvollen schuldlosen Leben ein Ende machte. Der Löwe, durch den Lärm aus seiner philosophischen Beschaulichkeit aufgeweckt, ließ ein verhaltenes Knurren vernehmen und streckte sich verachtend zur Seite. Ich aber ging bestürzt und beschämt von bannen unb fragte mich: W o ist das Raubtier? * Das Fcstwesen in der Schweiz. Die großen und kleinen Festlichkeiten in der Schweiz erreichen das Jahr durch eine unheimliche Zahl. Schon wiederholt ist eine Ein- chränkung verlangt und darauf hingewiesen worden, daß die vielen Feste eine schwere ethische und wirtschaftliche Schädigung aller Schichten der Bevölkerung zur Folge haben müßten. Die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft Hai nun die ersten Schritte getan, um gegen die „Festseuche" ins Feld zu ziehen. Zur Unterstützung ihrer Bestrebungen hat ie sich zunächst an die kantonalen Regierungen gewandt. Sie macht geltend, daß durch die von Jahr zu Jahr sich häufenden Feste, die meistens durch Spekulation veranlaßt seien und denen kein idealer Zweck und kein höherer Gedanke zugrunde liege, Geld und Zeit nutzlos verschwendet werden. Der Kampf geht nicht gegen die in größeren Zwischenräumen wieder- ehrenden nationalen und kantonalen Feste und auch nicht gegen die beruflichen künstlerischen und wissenschaftlichen Vereinigungen, sondern gegen das Uebermaß der kleineren Feste der vielen kleinen Vereine in den Bezirken und in den Gemeinden. Die Eingabe an die Regierungen beklagt, daß auch ür die kleinen Feste vielfach die finanzielle und moralische Unterstützung der Behörden beansprucht und gewahrt werde. Diese möchten daher mit niaterieller und persönlicher Unter» tützung der kleinen Vereinsfeste zurückhalten, wodurch zweifel- los eine ernüchternde und vorbeugende Wirkung gegen die ungesunde Festinitiative erreicht würde. Die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft wünscht von den Kantonregierungen, älls sie deren Zustimmung finde, daß den Bezirks- und Gemeindebehörden die Befolgung der Anregung nahegelegt werde. Die Regierung des Kantons Zürich hat sich bereits vernehmen lassen. Sie erklärt ihre lebhafte Sympathie und ihr volles Einverständnis mit den Bestrebungen auf Eindämmung des überhandnehmenden schädlichen Vereins-Fest- wesens. Seit langer Zeit habe die Züricher Regierung derartige Festlichkeiten weder finanziell noch anderweitig unter» tützt, ebensowenig die Bezirksbehörden. Die Regierung müsse es aber ablehnen, eine amtliche Kundgebung an die Bezirksund Gemeindebehörden zu erlassen, weil einem solchen Erlaß leicht der Charakter eines der heutigen Zeit ungewohnten Sittenmandates beigelegt werden könnte. Die Regierung giebt der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft den Rat, unter Mitwirkung der gemeinnützigen Gesellschaften in den Kantonen und Bezirken kräftig und nachhaltig auf die aus dem übermäßigen Festwcsen entstehenden wirtschaftlichen und ethischen Schäden hinzuweisen und zu ernstlicher Zurückhaltung zu mahnen. * Felsenmalereien in per Sa Hara. Uebereine ehr bemerkenswerte Entdeckung von Felsenmalereien in Afrika wird in einem Briefe berichtet, den Gautier, der Gelehrte, der den Kommandanten Laperrine bis Jn-Zize im Herzen der Sahara begleitete, an dre „Annales de Gepgra- phie" gerichjtet bat. „Eine ziemlich unerwartete Entdeckung war, daß der Mouydir unb besonders der Ahnet ein interessantes Feld für archäologische Entdeckungen sind. Der Ahnet ist mit Felsenmalereien in unglaublicher Fülle illustriert. Alle diese großen Felsenklippen von pechschwarzem devonischen Sandstern sind vom Gipfel bis zur Basis tätowiert. Ich habe, f=o gut es ging, die meisten abgezeichnet und photographiert; es sind genau genommen mehr Zeichf- nungen durch Wegnahme der Patina. Viele sind gut gelungen. Sie stellen Tiere dar, darunter einige, die schon aus dem Lande versch>wunden sind, wie die Giraffe, den Strauß, den Eber. Im ganzen ist jedoch diese Felsenfauna ziemlich aktuell, Ziegen, Hunde, Schafe; zu bemerken ist die Abwesenheit des Elefanten, des Äihinozeros, des Bubalus An- tiquus, die häufig mehr im Norden, im Atlas gefunden werden. Die menschliche Gestalt ifl auf zwei verschiedene Arten bargeftellt: bald ist es ein völlig nackter Fußgänger, der einen runden Schjild trägt, bald ist es ein bekleideter Kamelreiter; der Fußgänger und der Kamelreiter stehen häufig gegeneinander und scheinen miteinander zu kämpfen. Das alles erinnert in seiner Art an die Zeichnungen von Süd-Oran und Marokko; aber sie scheinen jünger zu sein, jedenfalls aus späterer ^eit als dem siebenten Jahrhundert, b. h. nach der Einführung des Kamels in berberischen Länbern. Man möchte annehmen, baß diese Felsenbarstellungen von Süd-Oran und von Ahnet Zeuge für das andauernde Zurückgedrängtwerben einer Rasse sind. Man müßte sie genauer studieren, sie vollständig sammeln und sich in den unzähligen Inschriften zurechtfinden lönnen, die dazugeschrieben sind; man kennt die gewöhnliche Bedeutungslosigkeit dieser Sgraffiti. Gleichilvohl können sich einige auf die Bilder beziehen, und der Vergleich beider kann einige Aufklärungen geben. UebrigenS sind das nicht die einzigen archäologischen Denkmäler. Es giebt auch Einzäunungen von Steinen, streng kreisförmig gehalten, die interessant zu durchsuchen sein müßten. Sie haben sicher nichts mit der gegenwärtigen Generation gemein." * Papier eigarren. Das Papier hat bereits die mannigfachste Verwendung gesunden; matt hat es zur Herstellung von Waggonrädern, von Häusern, von Booten usw. benutzt, aber man hat bisher noch nichts davon gehört, daß es auch zur — Fabrikation der Cigarren dienen kann. Wie ein Pariser Blatt berichtet, erzielt eine Fabrik in Newyork beträchtliche Gewinne, indem sie ein besonderes Papier für die Zigarren herstellt. DaS Verfahren, durch, das diese neuartigen Blätter gewonnen werden, wird folgendermaßen beschrieben: Miau taucht Papierblätter in Bottiche, die mit Tabaksaft, der von der Zubereitung deS gewöhnlichen Tabaks herrührt, gefüllt sind; dann bringt man sie in Pressen, die sie in Form gewöhnlicher Blätter schneiden, luobei sie zugleich Gewebe eindrucken, die zur Vervollstanoigung der Illusion dienen sollen. Nur die Rippe fehlt diesen künstlichen Blättern, was übrigens eine wirtliche Ueberlegenheit über die natürlichen Blätter bedeutet. Und was das Merkwürdigste ist, diese Cigarren sind von den Liebhabern gc^ raucht und für — ausgezeichnet erklärt worden. Unbegreiflich, ess er, Sonunerwrosseu und jon|t unreine Hanl noch entstellen laßt während doch Obermeyer.s Herba-Seile garantiert sichere Hil> dagegen bringt. Z. h. i. all. Apoth.. Drog. u. Pars. 5956