153. Jahr« General-Anzeiger. Amt;- und Anzeigeblatt für den Kreis Giehen VerantworMch ffit den aflgemehttn THL D. Wtttko; für den DnzeigenieU: H. Beet, Rotationsdruck und Verlag der vrühl'fche» UniverfitätSdrurkerrt (Ptetfch Erden». SMefcen, ----—_____107Q Donnerstag, S Februar 1903 Erscheint tügNch mit Ausnahme des Sonntag«. XW M A A wf Dir „rietz-ne Familienblätter" werden dem g ÄF f B AW Anzeiger vierma wöchentlich betgelegt. Der N W I W 8 2. B B 8 » Ä ■ ft 8 «I hesstfche Cfliörolr- erscheint monatlich einmal. ^CZ II | VT >1 V V Posa- bittet ihn Frieden nicht zu weit zu verbreiten. Abg. Hofmann (fortfahrend): Es wäre zu wünschen, wenn 3 5% Uhr. Präsident Graf Ballcstrem diese Pause zu folgender Ansprache: Mein Herr Abgeordneter, ich kann ja nicht leugnen, das; die Fragen Deutscher Reichstag. 250. Sitzung vom 4. Februar. 1 Uhr. Das Haus ist schwach besetzt. Am Bundesrathstisch: Graf Bülow, Graf dowskh u. A. Abg. Hofmann (fortfahrend): Ich mache von der gütigen Er- laubnitz Gebrauch. Herr Präsident. (Große Heiterkeit.) Redner legt sodann das Packet wieder bei Seite und bemerkt, daß er cs zum Privatstudium empfehle. (Große Heiterkeit.) Es ist aber nur ein Kapitel aus seinem Vortrage über den Weltfrieden gewesen, das der Redner weggelegt hat; jetzt spricht er über die ethischen Wirkungen des Weltfriedens und kommt dabei auf Italien, Oesterreich. Rußland, Polen und Frankreich zu sprechen. Hieran schließt sich ein Satz, der vom Sündenregister des kriegerischen Chauvinismus und vom Uebermenschen spricht. Sodann langt Redner unerlvartet noch ein neues großes Packet Manuskript hervor. (Allgemeine Rufe des Entsetzens und große Heiterkeit.) Lassen Sie das doch, sonst unterbricht mich der Präsident wieder; und es wäre doch schade, wenn ich das nicht Vorbringen könnte, was ich noch vorbringen will. (Große Heiterkeit.) Redner verbreitet sich darauf über das Friedens- Manifest des Zaren, dem alle Fürsten, auch der Papst begeistert zugestimmt hätten, und versucht allmählich zum Haager Schiedsgericht üüerzuleiten. Vicepräsident Graf Stolberg: Ich bitte Sie aber, nur kurze Stellen zu verlesen. Tlbg. Hofmann- Ich bitte um die Erlaubniß, eine ganz kurze Stelle verlesen zu dürfen. (Sie bezieht sich vermuthlich auf Venezuela, bleibt aber beim Verlesen wegen der Unruhe im Hause unverständlich.) Redner holt ein neues Aktenbündcl hervor (große Heiterkeit) und schildert an der Hand dieses neuen Materials die großen Fortschritte, welche die Friedensidee in allen Ländern gemacht habe. Er warnr eindringlich davor, zu glauben, daß ein Volk gedeihe, wenn cs dem anderen schade, und weist auf die falsche frühere Erweiterungspolirik Preußens hin. (Das Interesse der Abgeordneten an der Rede nimmt immer mehr ab; die meisten Abgeordneten lesen oder unterhalten sich mit einander. Nur einige Wenige betrachten den Redner unverwandt wie eine interessante Naturerscheinung.) Mit Stentorstimme ruft er plötzlich in den Saal hinein: Wo ein Wille ist. da ist auch ein Weg! (Große Heiterkeit.) und schließt seine zweistündige Rede mit der Bitte an die Regierungen, Alles zu thun, um dem ewigen Frieden die Wege zu ebnen. Für den Reichstag liegen die Verhältnisse . . , “• Redner giebt eine Ucbersicht, wie ungleichartig d,e einzelnen Wahlkreise in der Bevölkerungsziffer sich entwickelt hätten. Der erste Berliner Wahlkreis zählt nur 18 000 Wähler, der vierte aber 142 000. Von einem gleichen Wahlrecht kann Angesichts dieser Thatsache keine Rede sein. Verfassung und Wahlgesetz verlangen Rücksichtnahme auf die steigende Bevölkerung. Wenn der Reichskanzler sich wegen der Diäten aus einen 53er* sassungsartikel beruft, dann muß er auch uns Rechnung tragen, wenii wir iins wegen der Wablkreiseintheilung auf die Verfassung berufen. (Sehr wahr! links.) Die Zusage des Reichskanzlers, Maßnahmen zum Schutze des Wahlgeheimnisies durch Abänderung des Wahlreglements dem Hause vorzuschlagcn, kommt einer alten Forderung des Hauses entgegen; wir müssen aber wünschen, daß diese Aenderung in einer so präzisen Form erfolgt, daß es nicht möglich wird, sie durch Wahlkniffe und Triks zu umgehen. Die Jsolirräume nuiffen obligatorisch fein, nicht bloß fakultativ, sonst ist der Werth der ganzen Reform sehr gering. (Sehr richtig! links.) Ich komme jetzt noch kurz auf die HandelsvertragspolitÄ. Der wirtbschaftlichc Niedergang ist namentlich verschuldet durch die Unsicherheit bezüglich des Abschlusses künftiger Handelsverträge; es ist deshalb nothwendig, daß die Erneuerung der Verträge sobald wie nur irgend möglich erfolgt. Konsequent ist es nicht, wenn Herr Dr. Oertel dem Reichskanzler sein Gehalt bewilligen will, Angesichts der Sprache, die er und seine Freunde gegenüber dem Reichskanzler geführt haben. Von den Reden seiner Freunde enthielten sehr viele ein bündiges Mitztrauensvorum gegenüber dem Reichskanzler. Will die Regierung Handelsverträge, dann unterlasse sie es w-nigstens, bei den Wahlen für die Agrarier einzurreten. (Beifall links.) Ein Vertagungsantrag wird angenommen. Nächste Si^ung: Donnerstag 1 Uhr. Fortsetzung der Berc.chung des Etats des Reichskanzlers, dann Reichs- amr des Innern. Abg. Groeber (Ctr.). So gut gemeint die Anregungen des Vorredners auch sein mögen, so eignen sie sich doch nicht zur Erörterung in diesem Hause. Redner geht hierauf auf die Handhabung des Jesuitengesetzes ein, die er durch Schilderung einzelner Äus- weisungsinaßnahmen beleuchtet. Redner sucht dadurch gegenüber dem Abg. von Volkmar nachzuweisen, daß die Aufhebung des § 2 sehr wohl von praktischer Bedeutung sei. Trotzdem werden wir nicht .,, - - —-------— vw.v —. -------aufhören, nach wie vor die Beseitigung des ganzen Jesuirengcsetzes eingerichtete Weltordnung genannt. Man muß endlich allenthalben j zu verlangen, nach dem Grundsatz: Gleiches Recht für Alle! Jn- die Ueberzeugung wachrufen, daß der Krieg ein Verbrechen ist. I dessen: Wir nehmen, was wir kriegen! Sie (zu den Sozialdemo- Obendrein ist er noch em Wahnsinn. Redner fährt in der Schilde- | traten) haben keinen Anlaß, uns an unsere Prinzipien zu erinnern ! fNr^es zwftchen zwilisirten Denken Sie doch an Ihre eigenen! „Religion ist Privatsache!" heißt Nationen fort. Was soll denn ;o em Krieg ? Will man 6Ioß unserer 11,2 on.».. cxn«... m—>. -----er... ' d Armee Beschäftigung geben? Wer wird denn Feuer anlegen, damit unsere Feuerwehr etwas zu thun hat, wer wird Pest- und Cholcra- bazillen säen, damit unsere Mediziner glänzend dastehen? Im Krieg werden gerade die Kräftigsten vernichtet. Was übrig bleibt, das sind die Schwachen und Kranken, und deren Nachkommen brüsten sich dann: „Wir sind es gewesen, die den Feind besiegt haben!" Krieg und Kultur sind unversöhnliche Gegensätze. (Die Stimme des Redners nimmt einen pathetischen Klang an; im leeren Hause hallt sie wieder wie die eines unzufriedenen Propheten, und erregt große Heiterkeit. Als er eine Weile erschöpft innehält, um Athem zu schöpfen, benutz: Parlamentarische Perhandlnni,en. Nachdruck ohne Vereinbarung nichr g'e statt, t. | es bei Ihnen. Aber Ihre Parteigenossen in Frankreich sind gegen . die Aufhebung be§ Konkordats, bewirken die Aufhebung der Kon- gregationen und insceniren einen großartigen KulturkampfI Und während Sie hier sich darüber entrüsten, daß der Gebrauch der polnischen Sprache eingeengt wird, verbieten Ihre französischen Partei- genossen die bretonische Sprache im Gottesdienst. Ucberhaupt: ^Kummern Sie sich doch nicht immer um unsere Angelegcnhetten! Sorgen Sw dafür, daß uns nicht immer Agitationsstoff gegeben wird, das heißt, daß unsere Forderungen erfüllt werden! Es ist ja geradezu lächerlich, welche Gerüchie immer über unsere Wirksam - ! leit kolportirt werden. Dazu gchöt auch eine geradezu krankhafte Jesuttenschnüffelei, die überall um sich greift: selbst im Hellen I Sachsen hat man schon Ges -fter gesehen! Sie (zu den National- s - . * " 'v*. —.......Liberalen) und speziell die .Uldeutschcn, Herr Dr. Hasse, sollten der Abrüstung, des internationalen Sdpcdsgerichis und d.-s Welt- froh fein, wenn auch im Jesuitenorden gute deutsche Männer für das ffiepend zum Ressort des Herrn Reichskanzlers gehören. Aber ich Wohl des Volkes, für deutsche Kultur und Wissenschaft arbeiten 1 darf Sie wohl bitten, den Vortrag etwas abzukurzen; die Zeit des Die Aenderiina he® 'JRAftTrenTements Hauses ist wirklich etwas knapp. (Heiterkeit.) Die Aenderung des Wahlreglements begrüßen wir mit Freu» I den. Die „praktischen" Bedenken der Rechten thcilen wir nicht. Wollten wir jetzt die Reform wieder zurückstcllen, so müßten wir weitere 5 Jahre warten! (Abg. Dr. Oertel nickt.) Ja, Sie möchten freilich diese Wahlen noch mit dem alten Reglement machen. (Abg. Dr. Oertel zuckt die Achseln.) Sie können doch nicht leugnen, daß mit dem bisherigen Modus großer Mißbrauch getrieben wird. Hier habe ich 2 Stimmzettel aus demselben Wahlkreise. (Redner zeigt beide vor: der eine hat die Größe einer Briefmarke, der andere die eines Theaterzettels.) Da kann man von einer sonderlichen Geheimhaltung nicht mehr sprechen! Und dann die verschiedenen Färbungen und Formen der Stimmzettel! Dazu kommt die scharfe Kontrole, der der Einzelne in vielen Wahlkreisen unterzogen wird! Man giebt ihm einen Zettel und beobachtet ihn, bis er ihn in die Urne gethan hat! Deshalb ist der Jsolirraum eine ganz nothwendige Vorbedingung des Wahlgeheimnisses. Der Jsolirraum braucht keine besonders kostspielige Einrichtung zu fein. Es genügt unter Umständen, ein großes Buch auf dem Tisch aufzuklappen, hinter das der Wählende tritt. Wir sind der lieber» zcugung, daß durch das neue Reglement allen Uebelständen ein Ende bereitet wird Auf die Ausführungen des Abg. Barth kann ich nicht viel erwidern. Es liegt mir fern, in seinem Kielwasser (Heiterkeit) schwimmen zu wollen. Ich verstehe nicht, wie er sagen kann, daß wir die Schutzzölle anderer Länder verschuldeten! Der Dingley- Tarif existtrt doch langst! Und auch der russische Taris soll bereits vor zwei Jahren hergestellt worden sein! Und übrigens: glaubt Herr Barth wirklich, daß die anderen Staaten ihre Zölle niedriger stellen würden, wenn wir einen Tarif nach dem Wunsche des Herrn Barth hätten? Das ist doch wirklich sehr, sagen wir, wenig sinnig gedacht! Ich stehe auf dem Standpunkt: Si vis pacem, para bellum 1 Ich ziehe aus den Erfahrungen der letzten Tage den Schluß, daß die Regierungen noch viel mehr der Mehrhcst dieses Hauses hätten nachgeben müssen, wenn diese nur fest geblieben wäre 1 Denn sie wußte ja, was im Auslande sich vorbereitete, und hätte auf keinen Fall auf eine starke Zollrüstung verzichten müssen! Die Caprivische Handelspolitik hat weder der Industrie, noch dem Handel, noch endlich der Landwirthschaft irgendwie genutzt! Es ist Lest, daß wir endlich mit den Resten dieser Periode aufräumen, -äsenn die nächsten Handelsverträge das Gegentheil der Capribischen bringen, wenn die Regierungen „Pater peccavi" in optima forma lagen und ernstlich der Landwirthschaft zu helfen bemüht sind, bann weröe id) noch einmal so gern, als ich es jetzt thue, das Gehalt des Reichskanzlers bewilligen. (Heiterkeit und Beifall rechts.) . Hoftnann-Hall (südd. Vp.) verbrestet sich über die inter- nanonale Lage im Allgemeinen, über die Verminderung der Gefahr internationaler Zusammenstöße bei höherer Entwickelung der ge- ttEnten Kultur- unb Wirthschaftsverhältniffe und über ine Bedeu- ?J ac 7 ^ct Schiedsgerichts. Er spricht über die Entwickelung Wrustungsgedankens, dessen mannigfachen Windungen er in fcta?rt.($eC ^?^eht. Er schildert eindringlich die Fpiebens- bestrebungen der Friedensfreunde. (Während dessen wird der Saal immer leerer; der Saal Nimmt ein ungemein friedliches Aussehen an; die wenigen Abgeordneten Verhalten sich sehr ruhig, zmn Theil schlafend.) Redner entwirft eine bewegte Darstellung der Schrecknisse eines Krieges, dem so viele Menschenleben zum Opfer fielen. Zu Unrecht habe man den organifirten Massenmord eine von Gott Die zweite Berathung des Etats des Reichskanzlers wird fortgesetzt. Hierzu liegt vor ein Antrag des Abg. Dr. Barth (freis. Vgg.) auf Neueintheilung der Reichstagswahlkreise. Abg. Dr. Oertel (kons.): Die Aufhebung des § 2 des Jesuitcn- gesetzes überrascht uns nicht. Die Mehrheit meiner Freunde hat tmmer dem Antrao Limburg-Stirurn zugestimmt, der jetzt Gesetz werden soll. Wir hoffen, daß die Aufhebung des § 2 den konfessionellen Frieden stärken wird, lieber die angekündigte Abänderung des Wahlreglements habe ich bereits vor einiger Zeit hier gesprochen Ich habe scherzweise von einem „Klosetgeseh" gesprochen; man braucht mir diesen Scherz nicht übel zu nehmen. Der Abg. Barth fagre gestern, wir seien entsetzt über die Ankündigung. Er ist ein schlechter Seelenleser. Die Angelegenheit ist nicht derart, daß man darüber entsetzt fein kann; da giebt es immerhin Wichtigeres. Nur überrascht waren wir, da wir uns noch nicht genügend an das „Nil admirari" gewöhnt haben. (Heiterkeit.) Wir wissen ja nicht, was zwischen dem 22. Januar 1902 und dem 23. Januar 1903 sich ereignet hat. Damals erklärte die Regierung das Wahlreglement als ein qmetum, das man nicht movere dürfe. Jetzt wird man sich plötzlich einer „sittlichen Pflicht" bewußr! Merkwürdig! Gerade am Ende einer überlasteten Legislaturperiode! Der vorgeschlagene Weg scheint, uns nicht gangbar und nicht zweckmäßig. Nun, der Reichstag wirb sich ja mit der Angelegenheit befassen müssen, da nach § 15 des Wahlgesetzes die Abänderung des Wahlreglements der Zustimmung des Reichstages bedarf. Nun verlangt noch ein Antrag Barth eine Reueintbeilung der Wahlkreise. Ich wundere mich darüber, daß der Antrag die Unterschrift des Herrn Richter nicht trägt. Herr Richter hat auch gestern, offenbar wegen der vorgerückten Zeit, es verabsäumt, feine Stellungnahme zu präzisiren. Vielleicht holt er dies heute durch Herrn Dr. Wiemer nach. (Heiterkeit.) Wir sind mit dem Fürsten Bismarck der Meinung, daß von der Eintheilung der Wahlkreise auch das Wort gilt: „quieta non movere". Revidirt man die WahlkreiSerntheilung einmal, so muß man dies immer wieder thun, nach jeder Volkszählung jedenfalls. (Allerdings! links.) Und das halte ich nicht für zweckmäßig, Angesichts der beständigen Fluktuatton der Bevölkerung. Was die Diätenlosigkeit anlangt, so bin ich der Ansicht, daß diese gerade die Ordnungsparteien schädigt und nicht die Sozialdemokratie. Es ist dies ein Zweckmäßigkeitsmoment, das man nicht außer Acht lassen darf. Was der Abg. Fürst Bismarck vorgebracht hat, ist ja bemerkenswerth, nicht nur wegen des Gewichts seiner eigenen Persönlichkeit, sondern weil es die Meinung des Altreichskaiizlers darstellte. Nichtsdestoweniger hat die Erfahrung gegen diese Argumentation entschieden. Ganz und gar dagegen bm ich, daß die Diärengewährung gegen Kompensationen auf dem Gebiet des Wahlrechts stattfindet, obgleich ich weiß, daß ich damit einer großen Anzahl meiner Freunde entgegensetze. - Die vorgc- schlagenen Kompensationen sind zum Theil bedenklich, zum Theil bei ber jetzigen parlamentarischen Situation undurchführbar. Die Diäten bilden ncwb meiner Meinung eine nothwendige Ergänzung des allgemeinen Wahlrechts. Man befürchtet von der Einführung der Diäten die Entwickelung eines „Berufsparlamentarierthums". Ja, m gewissem Umfange ist solch ein Berufsparlamentarierthum sehr gut. Wohin sollte man kommen, wenn es nicht unter uns ein Paar unglückliche Hühner geben würde, die das Parlamentarierthum zur ersten ober zweiten Natur gemacht hätten! Die Arbeit in den Kommissionen und im Plenum wäre unmöglich, wenn alle nur vom Parlamentarismus naschen wurden, wie es die Mehrzahl in diesem hohen Hause thut l Nun noch einige andere Dinge: Wie steht es mit der von uns gewünschten Statistik über die Herkunft der Rekruten? Ich kann mir nicht denken, daß ernsthafte milstärische Interessen der Veröffentlichung dieser Angaben im Wege stehen sollten! Wenn es sich Herausstellen sollte, daß die Mehrzahl vom Lande gestellt wird, so braucht man davon keine Verminderung unserer Wehrkraft zu befürchten, sondern man hat eben dann dafür zu sorgen, daß die Landwirthschaft entsprechende Anziehungskraft auf die Bevölkerung «uäüfct und so die Anzahl der Landbewohner steigt 1 Abg. Dr. Wicmcr (freis. Vp.; schwer verständlich, weil er bet Tribüne den Rücken zukehrt): Der Name des Abg. Richter steht nur man sich wengstens daran gewöhnte, das HaageV Schiedlich?'als S^ffe^ \oeiTVe« Ä S L Ä“9 bcc eine ernste feststehende Einrichtung aufzufassen. Redner vcrmchtet wmmelt wurden D?r Anttao Ä nw Stolberg verzweiflungsvoll den Blick auf die Uhr Hefter. Auch die - ? n • 1 Wltmm. Chinapolitik wird von dem Redner in den Bereich seiner Erörterung gezogen; desgleichen die Vergewaltigung, die Rußland gegenüber den Finnen verübe. Als Redner darauf etwas vorzulesen beginnt, bemerkt Vicepräsident Graf Stolberg: Herr Abgeordneter, Sie können ~ rs - ----- —«r1; -------— —o — zweifellos über das Haager Schiedsgericht hier sprechens ich möchte ! 7^ --^^Ngkett Schuld ist an der Abwesenheit so vieler Mstglieder! Sie aber doch bitten, die historischen Rückblicke nicht zu weit auszu- ' ist die dochzte Zeit, daß hier eine Aenderung eintritt, dehnen. (Heiterkeit.) 1 n" • rx‘—1 Abg. Hofmann (fortfahrend): Das ist sehr schade. Ich habe noch ganz interessante Kapitel vorzutragen. (Die Heiterkeit im Hause nimmt immer mehr zu.) Damir Sic wenigstens wissen, was Alles noch in dem Vortrag drin steht, will ich Ihnen die Uebcrschriftcn der folgenden Abschnitte mittheilen. Redner verliest nun unter großer Heiterkeit der Anwesenden diese Ueberschriften: „lieber den bewaffneten Frieden", „lieber die einzelnen Kriege" usw. Er fährt dann fort: Ich habe mich bemüht, den Krieg zu tobten, unb ich glaube auch, daß die Wirkung doch einigermaßen da sein wird. Ich gehe jetzt zu einem anderen Gebiet über. (Allgemeine spannungsvolle Erwartung.) Ich bitte um etwas Geduld. Acht Stunden werde ich ja nicht sprechen. ?lber ich brauche doch immerhin eine gewisse Zett. Es ist eine alte Erfahrung, daß jede neue große Idee zunächst als eine Träumerei bezeichnet wird. So geht es auch der Idee des allgemeinen Weltfriedens. (Große Heiterkeit.) Ein Verlust, den ein Volk im Kriege erleidet, ist ein Verlust für alle Völker. Ich bin deshalb kein geringerer Würtemberger, weil ich auch für Preußen unb Deutschlanb und andere Völker ein Herz habe. (Große Heiterkeit.) Die Monarchen haben die Friedensbesttebungeu Jahrhunderte hindurch für republikanisch gehalten und sie bekämpft; nur so ist es Nun zu der beantragten Neueintheilung der Wahlkreise l Man zu erklären, daß der Srieg noch immer nicht aus der Wclt geschasst kann in diese nicht cintretcn, ohne gleich die materielle Frage der ist. Redner macht nunmehr eine lange Pause, sieht sich im Hause Bedeutung der Wahlen selbst auszurollen. Die Neueinrheilung, wie ttiumphirend um, sodaß die Anwesenden denken müssen, jetzt kommt sie gedacht ist, würde eine bedeutende Verschiebung zur Folge haben, etwas ganz Besonderes, und fährt bann fort: „Im Mittelalter", die schließlich auf eine Verkümmerung der Rechte der ländlichen (Stürmische Heiterkeit.) Diese Worte bilden die Einleitung zu Mähler hinauslaufen würde. 1882 Hai Windthorst bereits erklärt, engeren historischen Rückblick auf die Friedensbewegung, man dürfe bei diesen unruhigen Zeiten nicht an eine Aenderung aij Webner em neues umfangreiches Manuskriptbündel hervorholt, der Wahlweise gehen! Wollen Sie behaupten, daß wir jetzt fried- ' " * 'n i lichere Zeiten haben? (Gelächter links.) Sie verfolgen mit Ihrem Vicepräsident Graf Stolberg, sich auch über den allgemeinen Anttag ja nur agitatorische Zwecke! Dagegen ist die Gewährung .... ---t*. — --ü ... | bon Diäten ein dringendes Gebot politischer Nokhwendigkeit. Die 1 Diätenlosigkcit verhindert de facto große Schichten des Volkes an der Ausübung ihres Wahlrechts. Die Diäten würden auch den Reichsgedaitten stärken. Tie große Mehrzahl der süddeutschen Abgeordneten erscheint jetzt thaffächlich nur selten im Reichstag. Tie Tiätenlosigkcit führt zur Ucbcrtreibung der Doppelmandate. Und wenn die außerpreußischen Landtage tagen, sind im Reichstage tbatsächlich nur die Preußen vertreten, der Reichstag ist also nicht mehr eine Vertretung des ganzen g i deutschen Reiches. Die Geseygebung ist jetzt abhängig von d. Willkür irgend eines radikalen Mitglieds, dem es einfällt, b: uszählung zu beantragen, bon Treibereien Hincer den Coulisscu. (Zurufe links: Gentrum! Gentrum!) Das ist doch fein gesunder Zustand! Ter Abg. Fürst Bismarck hat gestern so überzeugende Gründe gegen die Diäten angeführt! Er meinte, der Absentismus hänge damit nicht zusammen Ja, Herr Abgeordneter . . . (Redner blickr auf den Platz des Abg. ö’ütft Bismarck, der aber leer ist), ach so, hqpte ist er nicht mehr hier. (Heiterkeit; Zuruf rechts: Entschuldigt!) Ja, entschuldigt! i Das kostet ja nur eine Briefmarke (Heiterkeit), eine Anzeige anS > Präsidium! Ich glaube, trotz dem Abg. Fürst Bismarck, daß die Zum E" ssfes -wie* Ster -Ate- jM ^Dngsvov iw Hals. ^'"ung.Mg 50 « bet den Venen owiebe-denhemnL unbenplag, Wäger, LaÜ^. r Vorstand. __________ !ü verein, >e» 7. Kebruar: ihMill denen überraschenden Aufführungen, 1 Amiüe. nJ, Marten fmd zu £k\ Mchorstraße, und WÄ g. 1304 Mi der Vorstand. ■$ & iOtr M Kchtzmm. Probe: 6. FckrM Der ^orsta kartsM äwB S NSl-V W MM Parlamentarisches. Berlin, 4. Febr. Das preußische Abqe ordneten- haus hat heute die zweite Beratung des Gestütsetats fortgesetzt. Sämtliche Ausgaben wurden ohne Debatte bewilligt und damit der Etat der Gestütsverwaltung erledigt. Auch der Etat der Seehandlung wurde ohne Debatte angenommen. Auf der morgigen Tagesordnung steht der Etat des Ministeriums des Innern. Are Krovprinzesstu von Sachsen. Gens, 4. Feor. Die Kronprinzessin von Lachsen und Giron sind heute mittag hier eingetroffen und am Bahnhof von ihrem Bruder Leopold Wölfling begrüßt worden, der die Schwester zärtlich umarmte und Girou die Hand schüttelte. Alsdann begaben sich alle drei ohne der Zollrevision beizuwohnen, zu Fuß nach dem Hotel Schweizerhof, wo die Kammerfrau mit dem Gepäck sie einholte. Der Aufenthalt m Genf ist evraussichttich nur kurz. Die Prinzessin begiebt sich angeblich allein nach Salzburg. — Unmittelbar nach der Ankunft in Genf hatte die Kronprinzessin von Sachsen eine Unterredung mit dem Rechtsanwalt La ch e n a l. Letzterer erklärt, der Reise der Kronprinzessin nach Genf komme durchaus nicht diejenige Bedeutung zu, welche ihr von der Presse beigemessen werde. Der Aufenthalt in Gens wird voraussichtlich eine Woche dauern. Giron weigert sich, irgend jemand zu empfangen. Den „Dr. N. N. wird aus Mentone gemeldet: Die Plötz- ckche Abreise der ehemaligen Kronprinzessin wurde durch ein Telegramm aus Salzburg veranlaßt, wonach die Krankheit ihres Sohnes sich verschlimmert haben soll. Die Zttonprinzeffin wartet in Gens auf die Er- longung fr eien Geleites nach Salzburg oder Dresden. Giron reist in diesem Falle nach Mentone zurück, wo er die Prinzessin nächste Woche trifft. — In Dresdener Hofkreisen hält man eine Reise der früheren Kron- p:mzes^in^nach^DrEden^ür^Disgeschl o sfen. Deutsches Keich. Berlin, 4. Febr. Heute vormittag 11 Uhr wurde in der Gnodenkttche im Invalidenpark eine T r a u e r f e i e r für den verstorbenen Staatsminister z. D. Dr. Delbrück abgehalten. Außer den Mitgliedern der Familie Delbrück nahmen der Kaiser und die Kaiserin, die Prinzen des königl. Hauses, das kaiserliche Hauptquartier, der Reichskanzler, die aktiven und inaktiven Staatsminister, die Staatssekretäre, die Generalität und Admiralität, die Ritter des Schwarzen Adlerordens, die Spitzen der Civil- und städtischen Behörden, die Gesandten der Bundesstaaten u. a. teil. Oberhofprediger D. Dryander hielt die Gedächtnisrede. Unter Glockengeläute wurde der vor dem Altar aufge- b-cchrte Sarg aus den offenen Leichenwagen gehoben. Den Zug zum Friedhöfe eröffneten zwei Kranzwagen, ein Kranz des Kaisers und die Orden des Verstorbenen wurden dem Sarge vorangetragen, dem der sechsspännige kaiserliche Gala- wagen (leer) folgte. Stuttg ar t, 4. Febr. Oberlandesgerichtsrat Lve d el wurde laut „Schwäb. Merkur" als Nachfolger des Reichsgerichtsrats Zimmerle an das Reichsgericht berufen. Marokko. Tanger, 4. Febr. (Havas.) Der spanische Gesandte empfing einen besonderen in der vergangenen Nacht ein- getroffeneu Boten, welcher die Nachricht von der Gefangennahme des Prätendenten bestätigte. Mu- ley Arafa verließ Tanger und begab sich mit Truppen noch dem Riff. — Der „Frkf. Zig," wird aus Tanger gemeldet: Die Gefangennahme Bu Hama ras erscheint jetzt als erwiesen. Bestochene Führer der Beni Uaram^Kabylen übten Verrat; die Rebellen versuchten Bu Hamara zu befreien; sie brachten den Truppen des Sultans einen Verlust von tausend Mann bei, sie erreichten jedoch ihren Zweck nicht, da das Gros des Sultansheeres den Gefangenen in die Mitte nahm und in rasendem Galopp nach Fez zu ritt. Unterwegs machten die Giatta-Kabylen einen neuen Versuch, den Prätendenten zu befreien, trotz des mörderischen Kampfes abermals erfolglos, dagegen wurde das Heer des Sultans einen Tag lang aufgehalten. Der Einzug in Fez erfolgte am 1. Februar. Es verlautet, Bu Hamara und seine höheren Offiziere seien schon hin- gerichtet. Das Heer des Sultans soll im Lager des Prätendenten htm eilte gefunden haben, durch welche vornehme Bewohner von Fez kompromittiert werden, sodaß fürchterliche Racheakte erwartet werden. Die Lage in Mttelamerika. Washington, 4. Febr. (Reuter.) Mexiko ist ebenfalls in die Reihe der Glaubigernationen gegenüber Venezuela eingetreten. Der hiesige mexikanische Botschafter d»e Azpiroz machte Bowen davon Mitteilung, indem er die Forderungen der mexikanischen Untertanen an Venezuela gleichzeitig auf etwa 18 000 Pfund Sterling berechnete. — Nach einem über Panama in Newyork eingegangenen Telegramm aus Honduras weigert sich der Präsident Sierra, die Präsidentschaft an den erwählten Präsidenten Bonilla abzutreten. Letzterer bereitet einen Aufruhr vor. — Die Lage in Salvador wird schwieriger. Die Aufständischen erhalten Unterstützungen seitens Guatemalas. Die Armeen von Guatemala und Salvador sammeln sich an» der Grenze. Nikaragua unterstützt Salvador. Ter nikaraguanische Kreuzer „Momodombo" landete in Aeajritta 1010 Gewehre und 300 000 Patronen, welche der Präsident Zelaya den Revolutionären in Guatemala sendet, die sich bei der Armee von Salvador befinden. Die Bewegung richtet sich gegen Guatemala und Costarika. Das Ziel des Krieges ist augenscheinlich die Gründung einer centralamerikanischen Union. Washington, 4. Febr. Amerikanische Kriegsschiffe wurden zum Schutze der Interessen der Vereinigten Staaten nach Amapala ^Honduras) beordert. Newyork, 4. Febr. Der deutsche Geschäftsträger Freiherr Speck von Sternburg schlägt dreimonatliche Vorzugsrechte vor. Aus Stadt uud Kaust. ** Personalien. Durch Entsaft; cßimg vom 3. Febr. 0. I. wurde der Bereinigungskommissär, Regierungsrat Rach in Darmstadt aus sein Nachsuchen, bis zur Wiederherstellung seiner Gesundheit, mit Wirkung vom 4. d. M. ab in den Ruhestand versetzt. — Durch «antschiießungGroßh. Ministeriums des Innern vom 31. Fan. o. I. wurde der Großh. Regierungsassessor S cy n i t t p a h n in Friedberg mit Versetzung der Stelle eines Bereinigungskommissärs für den Kreis Büdingen niti dem Amlssine in Bübingen vis au; weiteres beauftragt. — Durch Entschließung Großh. Ministeriums des nJnern vom 31. Jan. d. I. wurde der Großh. Negierungsassessor Karl Traudt in Lauterbach mit Aushilfeleistung Lei dem Großh. Vereinigungskommissär in Friedberg bis auf weiteres beauftragt. 31. AlenaLververlammiung des Deutschen ^arrd- wrrtschaftsrats (Ausführlicher Bericht.) L Berlin, 3. Februar. In Gegenwart des Oandwirtschaftsministers v. P o d- b i e l s k i und zahlreicher Vertreter aus Ministerien, Reichsämtern und Bundesregierungen begann heute die 31. Plenarversammlung des Deutschen Landwirtschaftsrats mit einem Hoch auf den Kaiser und die Bundesfürsten. Herr v. Oldenburg sprach das Ersuchen aus, daß bei so wichtigen Angelegenheiten, wie die Stellungnahme zum Zolltarif der Ausschuß nicht selbständig vorgehen, sondern daß jedesmal die Vollversammlung ein- berusen werden möge, weil sonst die Ansicht des Landwirt- fchastsrates nicht deutlich zum Ausdrucke komme. Tas Herabgehen von ?i/2 Mark auf 6 Mark Getreidezoll sei ein Fehler gewesen und habe nicht die Zustimmung der gesamten Körperschaft. Ter Vorsitzende Graf Schwerin-Löwitz nahm das Verfahren des Vorstandes als satzungsgemäß berechtigt und durch die damals vorliegenden Verhältnisse geboten in Schutz. Es sei auch nicht von einem Zurückgehen der Forderung die Rede, da der Land- wirtfchaftsrat von jeher einen Zoll von 6 Mark für alle Getreidearten für ausreichend erachtet habe. Der Gegenstand ries noch eine weitere Erörterung hervor. Graf Rantzau-Ra st orf erklärte, eine erneute Stellungnahme des Landwirtschaftsrates sei nicht nötig und deshalb vor der Oesfentlichkeit ein Fehler gewesen. Mindestens hätte eine Vollversammlung einberufen werden müssen. Frhr. v. Soden- Frauen Hofen (Bayern) verteidigt das Vorgehen des Ausschusses. Sein Schweigen wäre gerade als Zeichen von Mutlosigkeit gedeutet und namentlich in Süddeutschland nicht verstanden- worden, v. Oldenburg betonte, daß das Fallenlassen des Minimaltarifs seitens des ständigen Ausschusses in weiten Kreisen als besonderer Fehler enipfunden werde. Freiherr v. Wan gen heim wies daraus hin, daß sich der Ausschuß mit seiner Erklärung von dem sachlichen auf das politische Gebiet begeben habe, indem er von dem Vorgehen gegen die Sozialdemokratie sprach. Schließlich wurde in namentlicher Abstimmung folgender Antrag des Frhrn. v. Ow-Württernberg mit 40 gegen 16 Stimmen angenommen (die neun Mitglieder des ständigen Ausschusses enthielten sich der Abstimmung.): „Der deutsche Landwirtschaftsrat billigt das Vorgehen des ständigen Ausschusses und geht über die Resolution v. Oldenburg zur Tagesordnung über". Diese Resolution lautete: Der Landwirtschaftsrat hätte gewünscht, daß sein ständiger Ausschuß die Beschlußfassung zum Anträge Kardorsf unterlassen hätte: denn erstens handelte es sich um eine außerhalb der Zuständigkeit des Landwirtschaftsrates liegende Angelegenheit allgemein politischer Natur, zweitens hatte der ständige Ausschuß ein Mandat des Plenums, diese Angelegenheit zu verhandeln, zum Gegenstand seiner Beschlußfassung zu machen und namens des Landwirtschaftsrats zu vertreten, nicht erhalten. Dann verhandelte man über Maßnahmen gegen die Verunreinigung der Flüsse. Es lag eine Resolution vor, die eine reichsgefetzlichc Regelung dieser Materie und in Amaugelung dessen landesgesetzliche Vorschriften dahin verlangt, daß die Einleitung ungereinigter Schmutzwässer verboten und für ständige lleberwachung der Gewässer durch geschulte Persönlichkeiten gesorgt wird. Geheimrat Bumm vom Reichsgesundheitsamt wies auf die Unmöglichkeit hin, allgemeine Grundsätze aufzustellen, da die Flußläufe nicht alle gleiche Mengen Schmutzwässer gefahrlos aufnehmen könnten. Ter Bundesrat habe 1902 beschlossen, eine (Einleitung von Fäkalien in die Flußläufe erst nach Zustimmung de." Reichsgesundheitsamts zu gestatten, falls zu befürchten steht, daß durch die Einleitung der Fäces mehrere Bundesstaaten berührt werden. Das Reichsgesundheitsamt hat sich infolgedessen bereits mehrfach mit derartigen Fragen besaßt, so bei der Kanalisation von Mannheim, wo Wo r m s sich gefährdet fühlte, und bei der beabsichtigten Kanalisation von Mainz. Er werde die Sache auch weiter verfolgen. Mehrere Redner wiesen auf eine Verbreitung des Milzbrandes durch die Abwässer der Gerbereien hin, und da alles Schädliche nur aus dem Auslande stammt, beantragt Graf Rantzau folgendes: 1. Angesichts der durch die Abwässer der Gerbereien entstehenden Verbreitung des Milzbrandes sind die zur Verhütung der bezüglichen Flußverunreinigungen erforderlichen reichsgesetzlichen Vorschriften zu erlassen. 2. Die über die Reichsgrenzen eingehenden Rohhäute sind auf das Vorhandensein von Milzbrand hin zu untersuchen. Geheimrat Bumm meinte, es gebe keine zuverlässige Methode, um Milzbrandspuren in eingeführten Häuten festzustellen. 1902 betrug die Einfuhr von Rohhäuten 1 216 000 Doppelzentner. Es würde also ungeheuer schwierig sein, alle diese Häute an der Grenze zu untersuchen. Arn empfehlenswertesten scheint noch die gründliche Desin- sektiou. Tie Anträge der Referenten wurden einstimmig, die des Grasen Rantzau mit großer Mehrheit angenommen. Die Frage der Errichtung einer Vermittelungsstelle für Abbildungen (Cliches) in landwirtschaftlichen Zeitschriften behandelten Gras Brühl (Sigmaringen) und Kammerherr v. Rheden. Der Vorstand wurde ermächtigt, die Vorbereitungen für diese Vermittelungen in die Hand zu nehmen. Vermischtes. B e r l i n, 4. Febr. Der sozialdemokratische Abgeordnete A g st e r, von dem seit längerer Zeit bekannt ist, daß er gemütskrank ist, machte in einem Anfall von Geistesstörung heute mittag im Reichstagsgebäude einen Selbstmordversuch. Er hatte seinem hiesigen Logierwirte brieflich mitgeteilt, daß er sich am 4. Februar im Reichstage das Leben nehmen werde und von dieser Absicht auch einer Anzahl von Reichstagsabgeordneten brieflich Kenntnis gegeben. Der Wirt sandte den Brief dem Direktor des Reichsiags. Bevor aber noch Maßnahmen getroffen werden konnten, hatte Agster seine Absicht ausgeführt. Man hörte einen Schuß, eilte herbei und fand Agster bewußtlos am Boden liegen. Ter nationalliberale Abg. Smiitätsrat Tr. Endern aun, der mit dem Abg. Singer sofort herbei- gerufen wurde, konnte feine Verletzung feststellen. Agster hatte, bevor er den Schuß aus der Pistole abgab, die Kugel ans der Patrone entfernt, sodaß nur die Weste in der Gegend des Herzens vom Pulver verbrannt war. Es sind Maßnahmen getroften, um Die rrusnayme rrgfrers in eure .Heilanstalt herbeizuführen. Agster wurde von der sozial- demokratischen Fraktion schon sert längerer Zeit im Hintergründe gehalten. So wurden die von der Fraktion gestellten Anträge, die sonst immer den Namen Agstein trugen, da er nach dem Alphabet der erste, war, schon seit längerer Zeit von Albrecht zuerst unterzeichnet. B o n n, 4. Febr. In dem hiesigen B a n k h a u se D a - vid erschien heute nachmittag eine distinguiert aussehende Dame, um einen Wechsel in Höhe von 6000 Mark, der das Accept einer bekannten Getreidesirma in Neuß trug, zu veräußern. Da dem Inhaber des Bankgeschäfts die Sache verdächtig vorkam, wurde die Dame hingehalten, und inzwischen telephonisch in Neuß an gefragt, ob der Wechsel in Ordnung sei. Es stellte sich heraus, daß er gefälscht sei. Tie Dame wurde daraufhin von der sofort verständigten Kriminalpolizei verhaftet. Zwei Begleiter derselben, die in einem hiesigen Hotel ihre Rückkehr abwarteten, wurden gleichfalls festgenommen. (Nach einer weiteren Mitteilung ist die Verhaftete die Inhaberin der Schreibmaschinenhandlung Scheuß u. Möltgen in Koblenz, die in Konkurs geraten war. In Koblenz hatte sie auf zwei fälsche Wechsel Mark 7000 erhalten. Bei dem verhafteten Geschäftsführer sollen noch i..hrere falsche Wechsel gesunden worden sein.) • Kiel, 4. Febr. Heute Mittag ist von einem Neubau an der Ecke der Tannstraße und Königsweg die hintere Halste ein gestürzt. Nach den vorläuftgen Feststellungen ist nie- manb zu Schaden gekommen. Die Arbeiten an dem Neubau sind eingestellt, da man ein weiteres Nachstürzen von Mauermassen befürchtet. • Weißenfels, 4. Febr. Der Polizeisergeant Haase aus Graudenz, welcher von dort wegen Kuppelei und Meineids verfolgt wird, ermordete gestern in einem in der Nähe der Stadt gelegenen Gehölz seine Frau durch Revolver- schüfse und Messerstiche; dann floh er nach Weißenfels und versuchte sich im Garten des hiesigen Krankenhauses zu erschießen. Seine Verletzungen sind nicht tätlich. * Mün ch en, 3. Febr. Der heutige Polizei-bericht bringt folgende Mittellung: Der seit November vorigen Jahres von den Gerichts- und Polizeibehörden emsig gesuchte Gabriel Kraitschir aus Trisail in Steiermark welcher mit Hilfe einer in München wohnhaften Freifrau v. F. und einer in Zürich wohnhaften Freundin unter dem falschen Namen „Graf Alfred v. Lazansky" raffinierte Heiratsschwindeleien begangen und durch fortwährenden Wechsel des Namens und des Aufenthalles bisher der Festnahmen sich entzogen hat, ist nunmehr auf Grund der von der Münchener Polizei betriebenen Fahndung in La-Chaux-de-Fonds in der französischen Schweiz, wo er unter dem neuangenommenen falschen Namen „Franz Ku- baut)" wohnte, verhaftet worden. Auch seine helsershelse- rinnen in München und Zürich sind verhaftet. Kraitschir wird zunächst nach Trient ab geliefert werden. * Brüssel, 4. Febr. Das Schwurgericht verurteilte van der Meulen wegen des von ihm am 80. September 1902 gegen das Haus des llerikalen Abgeordneten Carton de Wiart verüben Dynamitanschlags zu zehn Jahren Zwangsarbeit. Gegen CammaertS, den van der Meulen als Mitschuldigen bezeichnet, wird wahrscheinlich das Verfahren von neuem eröffnet werden. • Innsbruck, 4. Febr. Gestern wurden auS dem Bodensee zwei Leichen gezogen: eine 30 Jahre alte Fran und ein dreijähriges Kind, die in Bregenz übernachteten und wahrscheinlich den Tod gesucht haben. Die Frau heißt Hockers und stammt aus dem Württembergischen. Arbeiterbewegung. Valladolid, 4. Febr. Tausend b e schäftigungs- losePersonen zogen heute vormittag durch die Straßen der Stadt und suchten die Erdarbeiter und die Maurer zur Arbeitseinstellung zu bringen. Sie verlangten Brot und Arbeit. Die Teilnehmer an der Kundgebung bemächtigten sich eines mit Brot gefüllten Wagens. Die Genoar- merie mußte einschreiten. Es wurden mehrere Schüsse gewechselt. Mehrere Personen wurden verwundet und zahlreiche Verhaftungen vorgenommen. Barcelona, 4. Febr. Die Arbeiter der Städte Mo- nistrol, Manresa und ©dient haben sich zusammen mit den Arbeitern der umliegenden Ortschaften dem in Mus ausgebrochenen Ausstand an geschlossen. Die Arbeiter in Barcelona erklärten es für notwendig, für nächsten Montag die allgemeine Arbeitseinstellung zu beschließen. Gerichtslaat. Frankfurt, 4. Febr. Im hiesigen Bürgerverein hatte am 21. November der L i s t j u n g e Atzert, der den greisen Drchtei Dr. Wilhelm Jordan in den ersten Stock befördern sollte, einen Unfall erlitten. Er stürmte aus dem Fahrstuhl in den Schacht und zog sich erhebliche Verletzungen zu. Atzert verlangt nun von Jordan — einer strafrechtlichen Anzeige hatte die Staatsanwaltschaft keine Folge gegeben — im Civilweg eine monalliche Rente von 25 Alk. und 1Ö00 All. Schmerzensgeld. Das Landgericht hatte die Klage abgewiesen, das Oberlandesgericht, bei dem jetzt der Rech isst reck in der Berufungsinstanz anhängig ist, beschloß gestern, daß die Unfallstelle richterlich in Augenschein genommen und eine Anzahl n e u e r Z e u g e n gehott werden soll. Kirchliche Nachrichten. Evangelische Gemeinde. Donnerstag, den 5. Februar: Abends 8 Uhr im unteren Konftrmandensaal, Kirchstraße b, Bibelstniide, Mare. 3. Pfarrer Scheunemann. Neueste Wrlstuuüen. Originaldrahtmeldnngen des Gießener Anzeigers. Prag, 4. Febr. Fürst Lobkowitz ist heute früh auf seinem Schloße Raudnitz gestorben. Fürst Moritz v. Lobkowitz, Herzog zu Raudnitz und gefürsteter Graf zu Sternstein, das Haupt der älteren Linie des Hauses Lobkowitz, war am 2. Juni 1831 geboren; er war mit einer Liechtensiemschen Prinzessin verheiratet und war erbliches Mitglied des österreichischen Herrenhauses. Madrid, 4. Febr. Der Ministerrat hat für die zum Denkmal für die mit der Gneisenau untergegangenen Seeleute in Malaga bestimmten Materialien die Eingangs- zölle aufgehoben. Barlelona, 4. Febr. 8000 Färber sind in den Aus* stand getreten. Der allgemeine Ausstand ist abgewendet, well die Fuhrleute und Kutscher sich weigerten, sich am Streit zu beteiligen. — In Reus hält der allgemeine Ausstand an.