Nr. 103 Ursche»,« «S«ktch auber ©ormiag*. Dem Gtetzener Anzeiger werden im Wechsel mit dem Kefsische, tanbmtrt die Oiehraer Familien, blätter mermal in der Woche beigelegt Rota Non-druck u. Verlag der vrüh l'lchea Univer1.-Buch-u.btem- d rucke rei (Pieych Erden) Redaktion. ttnxbttkw und Druckerei: Gchalßra^e 7. Adresse für Depeschenr Anzeiger Sieben. KernsprrchanschtubNr.bl. Erstes Blatt. 158. Jahrgang Montag 4. Mai 1903 Aichener Anzeiger ** General-Anzeiger v Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen BezagdpretS: monat 11*75 Pi., otertd- jährlich Mk. 8JO; durch vldhole- u. RroeiflftcUen monarticb 65 Vl.; durch die Post Mk.L.— viertel- labil, nuoichl. Bestellg. Annahme von Anzeigen ür die Tagednummer bÜ vormittag« 10 Uhr. Zetlenprei«: lokal ISP». auSroärte 80 Psg. Verantwortlich tüt den polst, und astgem. Stil: P. Wtttko- tüt ,Stadt und Uartb* und .GenchtSsaai': Auoust Dötz; Hh den rln- zelqenteil: Han« Beck. Bekanntmachung. Die am 10. Februar L IS. angeordnete Sperre der Wallthorstraße zwischen Wetzstein- und HundSgafle wird hiermit aufgehoben. Gießen, den 2. Mai 1903. GroßherzoglicheS Polizeiamt Gießen. Hechler. Fer deutsche Kaiser In Kom. Rom, 2 Mai. Der deutsche Kaiser ist in Begleitung des deutschen Kronprinzen, des Prinzen Eitel Friedrich, des Reichskanzlers Grasen Bülow und des Grafen Waldersee beute abend um 5y* Uhr hier eingetroffen und auf dem Bahn Hofe von dem König Viktor Emanuel, dem Herzog von Aosta, dem Herzog der Abruzzen, dem Herzog von Genua und dem Grasen von Turin empfangen worden. Eine ungeheure Menschenmenge begrüßte den Kaiser bei der Ankunft. Das Wetter heiterte aus. Bei der Begrüßung auf dem Bahnhofe umarmten sich der Kaiser, welcher die Uniform der Leibhusaren (Totenkopfhusarenl trug, und der König dreimal mit der äußersten Herzlichkeit. Nachdem der König die deutschen Prinzen und der Kaiser die italienischen Prinzen begrüßt hatten, schritten die Majestäten die Front der Ehrenkompagnie ab und begaben sich ins Fürstenzimmer, wo bte Vorstellung des Ministerpräsidenten Zanardelli und des Gefolges erfolgte. Auf dem Bahnhöfe waren ferner erschienen die Mitglieder der deutschen Botschaft und der preußischen Gesandtschaft beim Vatikan, Botschafter Lang und alle Minister. Die Majestäten verließen den Bahnhof unter begeisterten Zurufen der Volksmenge und fuhren unter unausgesetzten Huldigungen der Menschenmenge nach dem Quirin al. Hinter dem offenen Wagen der Majestäten fuhren der deutsche Kronprinz mit dem Herzog von Aosta und dem Grafen von Turin, ferner Prinz Ette-l Friedrich mit den Herzögen der Abruzzen und von Genua, Ministerpräsident Zanardelli mit dem Reichskanzler Grafen Bülow, dem Minister des Aeußern Morin und dem Grafen Waldersee, der Overbofmarschall Graf zu Eulenburg mit dem Hausminister Ponzu>Baglia und dem Generaladjutanten Brusati. Neun lveitere Wagen folgten. Die Truppen präsentierten und die Musik spielte bte deutsche Hymne. Der den ganzen Tag anhaltende Regen hatte kurz vor der Ankunft des Kaisers aufgehört, der Himmel blieb aber bedeckt. Wenn auch durch das Wetter an der Dekoration manches verdorben war, bot das Bild deS Einzugs doch einen großartigen Anblick Auf der Piazza Eredra entbot der Bürgermeister Fürst Colonna, umgeben vom Gemeinderat, dem Kaiserden Gruß Roms. Seine Ansprache lautete wie folgt: „Euer Majestät mögen mir gestatten. Ihnen ein Willkommen Ropis ui entbieten und die Gefühle aufrichtiger Freude meiner Mitbürger auszudrücken. Indem Italien von neuem als Gast des itallenischen Bodens in Ew. Majestät die hehre Verkörperung der Treue des deutschen Volkes erblickt, schart es sich um seinen König, um in der Person Euerer Dlajeslät einen erlauchten und weisen Herrscher zu begrüßen, dessen allen edelen und erhabenen Lebensäußerungen offener Geist dem italienischen Volke aufs neue namens des deutschen Volkes eine Bekräftigung der Sympathie überbringt, welche den Bund der Eintracht durchBandeder feste st en Freundschaft engerschließt, und Rom, das mit Rührung des Tages gedenkt, an dem Euerer Majestät erlauchter Vater dem Volke vom Quirinal herab ein königliches Kind zeigte, welches heute unser vielgeliebter Herrscher ist, wird Ew. Majestät einen Empfang bereiten, der den Empfindungen entspricht, welche Ihre Gegenwart an seiner Seite in allen italienischen Herzen erweckt." Der Kaiser erwiderte, er freue sich, in Rom zu weilen, in einer Stadt, welche er liebe und die von cknem Volke bewohnt, das ihm so teuer sei. Bei diesen Worten bereitete die Menge eine begeisterte Huldigung. Der Kaiser sprach dem Bürgermeister tiefe Dankbarkeit für die großartige Kundgebung aus. Darauf folgte die Weiter fahrt nach dem Lmirinal. Die Menge durchbrach hier die Truppenabsperrung, drang auf den Platz vor dem Palaste und gab ihre Begeisterung durch Schwenken der Hüte und der Taschentücher kund. Die Majestäten erschienen zweimal mit der Königin, den deutschen und den italienischen Prinzen auf dem Balkon, wo sie lange verweilten, während die Menge in unaufhörliche Hochrufe auf den König, die Königin und den Kaiser, ider gut aufgelegt schien, auSbrach Nach dem Einzug fuhr der Kaiser -um Pantheon und legte hier Kränze an den Gräbern Viktor Emanuels und Umbertos nieder; an dem letzteren kniete er nieder. Die Veteranen, die das Grab bervachten, weinten Uei dieser Szene. Dann entnahm der Kaiser dem Kranze zwei Rosen und reichte die eine dem Hoslaplan Monsignore Lanza, die andere dem General Dcsonnaz, dem Chef der Veteranen, die durch diese Aufmerksamkeit gerührt wurden. Dann begab sich der Kaiser mit seinem ganzen Gefolge in acht Wagen zur Königin Witwe Margherita. Wiederum waren alle Straßen gefüllt, und es kam zu großen Volksdemonstrationen. Kardinal-Staatssekretär Rampolla begab sich heute nachmittags um 4ya Uhr in Begleitung eines Sekretärs nach der preußischen Gesandtschaft beim Vatikan, um den W il l- kommen grüß des Papstes für den deutschen Kaiser zu überbringen. Der Kardinal wurde von dem Gesandten Frhrn. v. Rotenhan und dem Legationssekretär v. Flotow empfangen. Danach begab sich der Kardinal nach dem Vatikan zurück Der Kaiser begab sich um 6y* Uhr mit dem Kronprinzen, dem Prinzen Eitel Friedrich und dem Gefolge nach dem Pantheon und legte Kränze auf den Grabstätten der Könige Viktor Emanuel und Umberto nieder. Hierauf stallete der Kaiser mit den Prinzen der verwitweten Königin Margherita einen Besuch ab. Bei der Fahrt zum Palais der Königin Margherita waren der Kaiser und die kaiserlichen Prinzen von einer Abteilung Kürassiere eskortiert. Im ersten Wagen fuhr der Kaiser nut General Roger, in den anderen Wagen folgten der Kronprinz und Prinz Eitel Friedrich mit je einem Adjutanten, Graf Waldersee und das übrige Gefolge. Der Herzog von Genua und der Reichskanzler begaben sich bereits vorher nach dem Palais der Königin-Muller. Dort angekommen, wurde der Kaiser von dem Oberlammerherrn der Königin Margherita, Marquis Gniccioli, empfangen und nach dem Weißen Saal geleitet, wo ihn die Königin erwartete. Während der Kaiser im Palais weille, war auf gehißt. Ms der Kaiser um 7i/x lüjr nach dem Quirinal zurüctsuhr, bereitete ihm eine vor dem Palais der Köinigin- Mutter angesammelte Menschenmenge lebhafte begeisterte Huldigungen. Der Kaiser traf kurz vor 7% Uhr vom Palais der Königin-Mutter wieder im Quirinal ein. Auf der ganzen Fahrt wurde der Kaiser von der die Straßen einsäumenden Bevölkerung mit begeisterten Zurufen begrüßt Im Quirinal fand um 8 Uhr abends ein Familieiidiner statt. Zn fast allen Theatern wurde heute abend auf Verlangen des Publikums die deutsche Nationalhymne gespielt und von der Zuhörerschaft mit stürmischem Beifall ausgenommen. Rom, 3. Mai. Der deutsche Kaiser begab sich heute vormlltag kurz vor 10 Uhr in Begleitung des Kronprinzen und des Prinzen Eitel Friedrich zu Wagen nai) dein Gottesdienst in der deutschen Botschaft. Aus dem Wege nach dem Palazzo Cafarellt wurden dem Kaiser, dem der Reichskanzler Graf Bülow, Graf Waldersee und die Herren des Gefolges ebenfalls zu Wagen folgten, von einer zahlreichen Volksmenge begeisterte Huldigungen dargebracht Nach der Ankunft in der deutschen Botschaft geleitete der deutsche Botschafter Graf von Monts, den Kaiser sowie die kaiserlichen Prinzen in die Kapelle. Das Heine stimmungsvolle Gotteshaus war dicht gefüllt mit den Mitgliedern der deutschen Kolonie. Bet der Eröffnung des Gollesdienstes trug der Chor das Niederländische Dank- gebet vor, woraus Pfarrer Peters die Predigt hielt der er die Stelle aus dem Briese St Pauli an die Römer: „Seid fröhlich in der Hoffnung, geduldig in Trübsal, haltet an am Gebet" zugrunde legte. Am Schluß wurde das Lied „Nun danket alle Goll" gesungen. Der Kaiser verweilte darauf mit dem Reichskanzler Grafen Bülow längere Zeit bei dem Botschafter. Unter der Eskorte einer Abteilung Kürassiere trat der Kaiser um 121/2 Uhr die Fahrt zur preußischen Gesandtschaft beim Vatikan an; wenig später folgten die kaiserlichen Prinzen. Auf dem Wege durch die Stadt waren die Kundgebungen der überaus zahlreichen Menschenmenge von großer Lebhaftigkeit und offenbar von großer Herzlichkell getragen. (Also Kaiser Wilhelm folgte der alten Tradition und begab sich nicht wie sein Onkel, der englische König, und wie einst sein Vater — vgl die heutige Wochenschau — direkt vom Quirinal, sondern von seiner Gesandtschaft aus zum Papste! D. 9tetx) Ter Kaiser wurde beim Eintreffen in der preußi- ßischen Gesandtschaft, deren Zugänge mit Blattpflanzen reich geschmückt waren, von dem Gesandten Frhrn. von Rotenhan und den Mitgliedern der Gesandtschaft empfangen. Hm 1 Uhr mittags fand in der Gesandtschaft em Frühstück zu 23 Gedecken statt. An der Mttte der Täfel saß der Kaiser, ihrn gegenüber der Gesandte Frhr. v. Rotenhan. Rechts vom Kaiser hallen Platz genommen Kardinal- staatssekretär Rampolla, Reichskanzler Graf Bülow usw., links vom Kaiser saßen Kardinal Agliardi, Graf Waldersee usw. Zur Rechten des Gesandten Frhrn. v. Rotenhan saßen der deutsche Kronprinz, Kardinal Götti, Oberhofmarschall Graf zu Eulenburg, der Stellvertteter des Staatssekretärs Monsignor Telia Ehiesa usw., zur Linken des Gesandten saßen Prinz Ettel Friedrich der päpstliche Majordomus Dionsignvr Cagiano de Azevedo usw. Auf der ganzen Sttecke, die der Kaiser von der preußischen Gesandtschaft bis zum Vatikan durchfuhr, bildeten die Truppen der Garnison mit Musik und Fahnen unter dem Oberbefehl des Divisions-Kommandeurs Generalleuttiants Mazza Spalier. Beim Vorbeifahren des Kaisers präsentterten die Truppen und die Kapellen spielten die deutsche Hymne. Eine große Menschenmenge erfüllte die Sttaßen und begrüßte den Kaiser mit lebhaften Hochrufen. Auch die Fenster aller Häuser waren von Zuschauern dicht besetzt Am Platze Santa Marta wurde dem Kaiser von 800 Kölner Pilgern, die dort mit Fahnen und deutschen Abzeichen Aufttellung genommen hatten, eine begeisterte Huldigung dargebracht. Um 3y< Uhr fuhr der Kaiser durch die Porta Zecca in den .Vatikan ein, wo die italienischen Kurabinieri Halt machten; die Wagen in Begleitung des Kaisers folgten ihm unmittelbar. Tie Pttger begaben sich hierauf in die Santa Marta- Kirche, wo ein Tedeum abgehalten wurde. Als der Kaiser im Wagen nach dem Damaskus Hof des Vatikans gelangte, erwiesen die dort mit Fahnen aufgestellte Kompagnie der Dalastwache und eine Abteilung Gendarmerie die militärischen Ehren. Der päpstliche Majordomus Monsignor Eagiano de Azevedo und bte dem Kaiser und den kaiserlichen Prinzen beistegebenen päpstlichÖt Ge- heimkämmerer erwiesen dem Kaiser beim Verlassen des Wagens Dienste. Zm ersten Stockwerk angenommen, wurde der Kaiser von mehreren päpstlichen Würdenttägem, darunter dem Neffen des Papstes, Befehlshaber der Palastgarde, Grafen Pecci, begrüßt Unter Borantritt von neun Tienem begab sich der Kaiser, von den Würdenträgern geleitet, über die Skala Nobtte nach der Wohnung des Papstes. Hier wurde der Kaiser, dem zur Rechten der Majordomus und zur Linken der Obersthofmeister Marquis Sacchetti schritten, von den anderen hohen vatikanischen Persönlichkeiten, darunter mehreren deutschen, begrüßt Beim Vorbeischretten des Kaisers erwiesen die Schweizergarden militärische Ehren. Zm ersten Saale erwiesen sodann eine Abteilung Gendarmen, im zweiten die Palastwmhe, im Gobelinsaale eine Abteilung Nobelgarövi Ehrenbezeugungen. Nachdem der Kaiser die Huldigungen der in Rom anwesenden Bischöfe von Fulda, Limburg, Mainz und Rottenburg und des Erzbischofs von Freiburg entgegengenommen hatte, wurde der Kaiser vom Papst empfangen. Der Kaiser betrat allein das Privatkabinett des Papstes, während die kaiserlichen Prinzen mit einigen Würdenträgern im anstoßenden Gemache verblieben. Zn einem anderen Vorzimmer verweilte die Begleitung des Kaisers. Die Unterredung zwischen dem Kaiser und dem Papst währte 20 Minuten. Nach derselben empfing der Papst den Kronprinzen und den Prinzen Ettel Friedrich; der Empfang dauerte ungefähr 6 Minuten. Danach stellte der Kaiser sämtliche Herren des Gefolges dem Papste vor. Der Papst reichte jedem einzelnen der Herren die Feuilleton. AuS Nauheim schreibt man un5 vom 4. Mai: Daö erste Symphonie-Konzert der neuen Nauheimer Kurkapelle (philharmonisches Orchester Nürnberg), welchem man begreiflicherweise mit gespannten Ermattungen entgcgensah, fand gestern abend hu Kursale statt und erziette für die Kapelle einen sehr guten künstlerischen Erfolg. Das gut besetzte Orchester bot in dem geschmackvoll gewählten Programm (u. A. Oderonouoerture, unvollendete Symphonie (Schumann), Sylphentanz auS Berlios Faust, Leonorenouvetture III Beet- Hoven) unter der energischen, aber auch verständnisvollen Leitung des neuen Dirigenten, Herrn W. Bruch, eine so gute Leistung, so daß zu erwarten steht, daß sich die Kapelle bald zu einem trefflichen Orchesterensemble einspielen wird. Jedenfalls seien Kunstfreunde aus der näheren und ferneren Umgebung Nauheims auf diesen, jeden Sonntag (Abends i/, 8—9 Uhr), sowie einmal in der Woche gebotenen Kunstgenuß aufmerksam gemacht. Auch kann man der Kurverwaltung dankbar sein, daß sie unter der jetzigen Leitung des bortigen musikalischen Instituts auch Sonntags auswärtigen Besuchern bie Gelegenheit zu einem solchen intimeren Kunstgenuß bietet» Berlin, 2. Mai. In Anwesenheit zahlreicher Ehrengäste, darunter der Kultusminister und Minister Möller, Snb heute mittag die Eröffnung der diesjährigen Großen er!iner Kunstausstellung statt Der Vorsitzende der Ausstellungskommisswn, Prof. Kampf, bat in einer Ansprache den jttlltusmttiister, die Ausstellung zu eröffnen, worauf dieser in kurzen Worten erwiderte, ein Hoch auf den Kaiser ausbrachte und die Ausstellung für eröffnet erklärte. DasGoethedenkmalin Rom. Am 6. Mai findet in Rom im Beisein des Kaisers die feierliche Grundsteinlegung des der Stadt Rom vom Kaiser geschenkten Goethe- Denkmals statt. Das Denkmal ist ein Werk des Professors Eberlein. Der llassischen Umgebung entsprechend, zeigt das Postament in einem jonischen Säulenkopttäl die Formen antifer Plastik. Tie Gestalt des in der Blüte feiner Jahre dar gestellten Goethe zeigt mtt der klassischen Schlichtheit und Größe der Aufiassung vereint die Realistik moderner Kunst Erhabenen Hauptes blickt Goethe voll Bewunderung über das alte Rom: in der Rechten ein Buch und mit der Linken lose die Gewandung haltend, macht das Standbild einen lebendigen Eindruck. Der Künstler hat um das Postament ned) einige Allegorien gruppiert, welche die zum Gemeingut der Welt gewordenen Werke des Dichters symbolisieren. Wir Erblicken in ihnen Mignon an der Seite des alten Harfners, als die Gruppe der Lyrik, die gleichzeitig Goethes Liebe und Bewunderung für Italien zum Ausdruck bringt. Als Pendant hierzu finden wir an der rechten Sette des Postaments in der Gruppe Orestes und Jphigenia das Drama verkörpert, während auf der Rückseite oes Denkmals, in der Gruppe Mephisto und Faust, sowohl die Philosophie als auch das größte Lebenswerk Goethes als solches dar gestellt ift Eine Nordpolexpedition mit einem Unterseeboot Tie bereits früher gehegte Annahme, daß die drahtlose Telegraphie geeignet sei, in Den Dienst der Polar- forschung gestelll zu werden, wird jetzt zur Verwirklichung gelangen. Bei der submarinen Nordpolexpedition, welche der Münchener Dr. Scholl gemeinsam mit Dr. Anschütz- Kaempfe ausrüstet, wird die FunL'entelegraphie eine wichtige Nolle spielen. Tr. Scholl hat sich zu diesem Berufe an die Gesellschaft für drahtlose Telegraphie gewandt, welche ihm ihre Unterstützung zugesagt hat. Tie Gesellschaft wird für das Unternehmen auf der Insel Spitzbergen eine große funkentelegraphische Anlage nach dem System Bcaun- S lernens u. Halske errichten. Eine torrespondierenoe Station wird sich bei dec Expedition befinden und auf diese Weise während Der ganze Fahrt dauernd den Verkehr mit der Ltationsbasis aufre? r erhalten tonnen. Die genannte Gesellschaft beabsichtigt, binnen kurzem die vorbereitenden Versuche in Gemeinschaft mit Tr. Scholl anzustellen. Hauk. Der Papst sah anßerorberrktich wohl au§ mrd war von erstaunlicher Frische. Er richtete in französischer Sprache eine etwa vier Minuten währende Ansprache an die Herren, in der er die künstlerischen und wissenfchaft- lichen Beziehungen zwischen Deutschland und Italien, be- fonderö Rom, yervorhob; insbesondere machte er wissenschaftliche Institute namhaft, in denen deulscye Gelehrte in hervorragender Weise tätig sind, so vor allem die Goerres- Gesellschaft, die vatikanische Bibliothek unb das preußische historische Institut. Der Papst machte dem Kaiser ein iu der Fabrik des Vatikans hergestelltes prachtvolles Mosaikgemälde, welches das Forum Romauum darstellt, zum Geschenk; zwei andere Mosaikgemälde, Darftellungeu der Fontana Trevi und der Engelsburg, bilden ein Geschenk des Papstes für die kaiserlichen Prinzen Nachdem der Kaiser sich vom Papste verabschiedet hatte, stattete er mit den kaiserlichen Prinzen dem Kardinal- StaatSsekretar Rampolla einen Besuch ab (auch dieser Zeremonie hat ötönig Eduard sich nicht unterzogen! D. Red.-; die Unterredung währte 10 Minuten. Um 4 Uhr L5 Min verlieh der Kaiser mit dem Kronprinzen, dem Prinzen Eitel Friedrich und dem Gefolge den Vatikan wieder und fuhr in gleichem Zuge wie bei der Hinfahrt nach der preußischen Gesandtschaft zurück, wo die Ankunft um 4 Uhr 40 Min. erfolgte. Bei der Rückfahrt wurde der Kaiser auf dem Santa Martaplatze von rheinischen und auf dem Sakristeiplatze von anderen deutschen Pilgern, die dort mit Fahnen aufgestellt waren, wiederum stürmisch begrüßt. Zwei junge Mädchen, welche kleine deutsche Fahnen trugen, überreichten dem Kaiser Blumensträuße. Tie militärischen Ehrenbezeugungen waren während der Rückfahrt dieselben wei bei dem Wege zum Vatikan. Wiederum bereiteten die Bewohner Roms, welche sich auf den Straßen drängten und die Fenster und Balkone der Häuser erfüllten, dem Kaiser eine begeisterte Begrüßung. — Um 4 Uhr 50 Min. fuhren die kaiserlichen Prinzen von der preußischen Gesandtschaft nach dem Quirinal zurück. Ter Kaiser verließ um 6 Uhr 40 Min. die preußische Gesandtschaft und gab bei mehreren Palastdamen des königlichen Hauses seine Karte ab. Darauf stattete der Kaiser der Donna Laura Minghetti (der Schwiegermutter des Grafen Bülow. D. Red. » einen viertelstündigen Besuch ab und kehrte um halb 8 Uhr, von der Volksmenge überall lebhaft begrüßt, nach dem Quirinal zurück. Vor dem heutigen Galadiner empfing der Kaiser den Ministerpräsidenten Zanardelli. Der Kaiser verlieh dem Botschafter Grafen v. Monts den Kronenorden erster Klasse. Bei dem Galadinerim Quirinal brachte König Viktor Emanuel in italienischer Sprache folgenden Trinkspruch aus: „Heute ist ein Freudentag für mein Haus. Es weilt neben mir Eure Majestät, mein treuer Verbündeter. Wie treue Verbündete waren unsere ruhmreichen Großväter, Kaiser Wilhelm L und König Viktor Emanuel 1L, und unsere Väter makellosen Angedenkens. Bei uns hier weilen die jungen Prüizen, die Söhne Eurer Majestät, der Stolz des Kaiserherzens, die Hoffnung des deutschen Vaterlandes. Und wir können auch I. M. die Kaiserin und Mönigin Auguste Viktoria als zugegen an- sehen, welche sicher im Geiste bei uns ist, wie wir mit unseren Gedanken bei ihr weilen. Ich danke daher lebhaft Eurer Majestät, welche in allen unseren Schicksalswandlungen Italien einen Beweis beständigen Interesses und herzlicher Sympathie geben wollte, ein Pfand der innigen Freundschaft, die ein f e st es Baud schon seit drei Generationen ist zwischen unseren Familien, unseren Heeren und unseren Völkern. Die heutige Begegnung ist eine Bekräftigung des gemeinsamen Willens Deutschlands und Italiens, alle ihre Anstrengungen und ihr einträchtiges Wirken unter den Auspizien des gegenseitigen Bündnisses auf die Fördern» g des Friedens zu richten. So wende ich mit voller Treue meinen Wunsch Eurer Majestät edlem Reiche zu, welches, groß durch ge- ivaltige Ueberlieferungen, auch auf dem (Gebiete jeglichen Fortschrittes der Gesinnung groß sein will, und trinke auf die Gesundheit Eurer Majestät, Ihrer Majestät der Kaiserin und Königiii, der erlauchten Prinzen, die heute meine Gäste sind, und der gesamten Familie Eurer Miajestät." Rach diesem Trttikspruch^ den die Anwesenden stehend angehört hatten, spielte die Musik die deutsche Hymne. Der deutsche Kaiser erwiderte mit einem Trink- spruch^ der folgenden Wortlaut hatte: .Wollen Eure Majestät gestatten, beh Ausdruck meines ties» Slten Tankes darzubringen für den mich durch Glanz und artlgkeü ebenso wie durch warme Herzlichkeit auszeichnenden (Empfang seitens Eurer Majestät und Volk. Ich erkenne darin die Bekräftigung der Tatsache, daß das Bündnis, das unsere beiden Länder imb Häuser verbindet, von dem italienischen Volk in voller Sympathie anerkannt und unverändert gepflegt wird. In dem Augenblick, in dem ich mein Glas auf Euer Majestät Wohl zu erheben im Begriff bin, darf ich es wohl wagen, den Blick zurückschweifen zu lallen auf die mir unvergeßliche GestaÜ Eurer Majestät von >nir so umig geliebten Vaters. Sein Andenken als eines ritterlichen Helden und herzgewinnenden Merischen wird mir stets heilia fein, und unvergeßlich der Druck feiner Hand, ivie der Blick auS feinen treuen Augen sein, und des Himmels Segen ruhe auf Eurer Majestät, auf Eurer Majestät erlauchten Gemahlin und dem Haufe Savoyen. Zur Bekräftigung dieses Wunsches leere ich mein Glas: bero alla saluto delle loro maesta il re e la regina, bevo alla salute del valoroso eaercito italiano, bevo alla saluto della bella e nobile Italia e del gentile popolo italiano. Die Musik spielte hieraus den italienischen Königsmarsch. Die Zeitungen widmen dem Besuch Kaiser Wilhelms ausführliche Besprechungen. „Popolo Äiomano" kommt auf die Aeußerunaen deutscher Zeitungen bei der Abreise des Kaisers von Berlin zurück, die hervorgehoben hätten, daß der Besuch des Kaisers nicht nur eine höfliche Erwiderung de-S Königs Viktor Emanuel in Berlin sei, sondern eine feierliche 'Bekräftigung der von der Diplomatie neu gefertigten Baude, die Italien mit den Zentralrnächten vereinen. Wir bezweifeln, sagt „Popolo Romano", daß das die Absicht des Kaisers ist, wenn er zum drittenmale den Hof und die Hauptstadt Italiens mit seinem Besuche be- ehrt; denn niemand so sehr als er ist überzeugt, daß der Vertrag der treuen Freundschaft, der für den Frieden der Welt abgeschlossen ift> keiner Bckräf - tigung mehr bedarf, aber jedenfalls hat das Volk 9!oms, das der Dolmetscher der Gefühle der Ration ist, ihm wieder bestätigt, daß der Dreibund, der feit einem Viertelachrhunderi einen festen Panzer für die Integrität der verbündeten Staaten und für den Frieden der großen europäischen Familie bildet, wirftich eine Allianz der Völker ist. Die Balkan-Unruhen. Die Revolutionärc haben noch verschiedene Zeichen ihrer Tätigkeit gegeben. Am Bahnhof und in zwei Restaurants in Saloniki wurden am 30. April wieder mehrere Born- oen geworfen. Außer einem Schweizer und einem Jta- liener, sowie iechü türkischen Soldaten, die getötet wurden, find drei Deutsch« enb drei Italiener schwer verletzt worden. Ein furchtbares Blutbad hat die türkische Bevölkerung unter den mit Dynamit betroffenen Ruhestörern angerichtet. Nach einer Budapester Depesche soll Saloniki an 4 0 Stellen brennen. 35 Bulgaren, welche bei den Haussuchungen, ober bei der Verhaftung sich widersetzten, wurden kurzweg erschossen und gegen 200 Verhaftungen vorgenommen. Der türkische Minister des Aeußern giebt auf türkischer Seite 7 Tote und einige Dutzend Verwundete an. Eine Namenliste der verwundeten Fremden ist noch nicht ertig gestellt. Die Haussuchungen und Verhaftungen dauern fort Die Verstecke, wo das Dynamit fabriziert und verborgen gehalten wird, find angeblich entdeckt. Tie Beunruhigung ist noch sehr groß. Handel und Verkehr sind gestört. Einer Belgrader Depesche zufolge waren die bulgarischen B o m b en- werfer in Saloniki teilweise als Frauen und Mädchen verkleidet. Während die Bomben geworfen wurden, zerstörten die Attentäter die Verbindungen mit der Gasfabrik, sodaß in der Stadt Finsternis herrschte. Wie das ,93erL Tagebl.* au5 Konstantinopel meldet, tauschen die Botschafter Oesterreichs und Rußlands fortgesetzt ihre Ansichten über die Lage aus. Sinowjew hatte eine Audienz beim Sultan. Er wies ihn auf den Ernst der Lage hin. Gleichzeitig wurde der Pforte eine Note übergeben, die eine Art Ultimatum enthalten soll, und worin die Landung von Matrosen in Saloniki und der Einmarsch der Oesterreicher in Novibazar angedroht wird. Nach einer Wiener Depesche wird in den nächsten Tagen eme österreichische Flotte n-Demon st ration vor Saloniki statt- finben. Außer Italien unb Oesterreich werden auch andere Mächte Kriegsschiffe dorthin entsenden. Die Schiffe haben nicht die Aufgabe, auf Durchführung der Reformen oder Herstellung der Ordnung einzuwirken, doch erhofft man von ihnen einen Eindruck auf die Bevölkerung, damit sich diese der Durchführung der Reformen nicht widersetzt. — Nach einer Meldung au5 UeSfueb ist dort ein aus Saloniki eingetroffener Bulgare verhaftet worden, der die Explosion auf dem Dampfer Guadalquivir durch Legung einer Bombe verursacht haben soll. Auch in UeSfueb sollen Dynamitattentate beabsichtigt gewesen fein. Zahlreiche dortige Bulgarenhäuser werden durchsucht. Verhaftet wurde auch ein Zolldirektor. Schemsi Pascha soll von Albanesen gefangen genommen worden fein. Petersburg, 3. Mai. Der „Regierungsboteschreibt: Wie der kaiserliche Botschafter in Konstantinopel berichtet, verurteilte das Kriegsgericht den Albanesen Ibrahim, welcher den Konsul Schtscherbina in Mitrowitza tätlich verwundete, zum Tode. Einen anderen Urteilsspruch konnte man nicht erwarten. Der Kaiser, beseelt von einem Gefühl deS Müleids, drückte jedoch den Wunsch aus, daß dem Verbrecher das Leben geschenkt werde. Davon benachrichtigt, erklärte der Sultan dem ruffischen Botschafter, daß er sich dem hochherzigen Willen des Kaisers unterordne, jedoch werde der Verbrecher zu lebenslänglicher Zwangsarbeü verurteilt. Politische Wochenschau. So hat sich denn das P»rtal des Rebchshauses am Königsplatz in Berlin geschlossen hinter dem zehnten Reichstage des neuen Teutschen Reiches; öd und leer ist die Stätte, in der bis vor wenigen Tagen noch der Streit der Meinungen widerhallte, ausgeräumt die Pulte, in denen manches Schriftstück schlummerte, das Aufklärung geben könnte über die parteipolitischen und wirtschaftlichen Tisharmonien der verflossenen Sessionen, und wer weiß, wie mancher von denen, die an dem Rad der Gesetzgebungsmaschinerie mit drehen zu helfen berufen waren, ihr fortan für immer fernbleiben werden Aber bevor sie beim ging en, die Reichsboten, den Neuwahlen entgegen, gaben sie noch ein Werk vollbracht das auf dem Verdienst- Lonbo des verflossenen Reichstags nicht an letzter Stelle verzeichnet stehen wird; mit der Annahme der Novelle zum Krankenversicherungsgesetz haben sie die oziale Gesetzgebung um ein weiteres Stück vorwärts gebracht und gar mancher Arbeiter wird sich dessen freuen, trotzdem es sich die Sozialdemokratie versagt hat, dem Gesetz ihre Zustimmung zu verleihen. Bedenklich genug stand es freilich mit dem Zustandekommen des Entwurfs, und fast hätte die Regierung außer der glatten Nieder- läge, die sie in Sachen des Nachtragsetats für das Reichsmarineamt erfuhr, noch eine weitere ungleich größere Enttäuschung zu verzeichnen gehabt, wenn nicht schließlich das Bedauern, soviel fleißige Arbett einiger bei gutem Willen leicht zu vermeidender Differenzen halber umsonst geleistet zu haben, obgesiegt und die Mehrheit veranlaßt hätte, der Krankenversicherung ein neues Reis aufzupflanzen, von dem mit Gewißheit erwartet werden darf, daß es reiche Fruchte trägt Weniger harmonisch und einig sind die Verhandlungen des preußischen Landtages ausgeklungen, wo der Entwurf über die Befähigung zum höheren Verwaltungsdienst eine Meinungsverschiedenheit zwischen den beiden Kammern gezeitigt hat, die zum Scheiiern des Entwurfs führte. Wir wollen der bevorstehenden hessischen Reform auf diesem Gebiete ein besseres Schicksal wünschen. Tie Mehrheit des preuß. Abgeordnetenhauses hatte schon um deswillen keine Steigung zur Nachgiebig kett, weil die Art, in der sich der Minister des Innern zu den Klagen über die Bevorzugung des Adels und der aus den üorps hervorgegangenen Beamten äußerte, Verstimmung erzeugt hat Tie Mahnungen zur Einigkeit unter den liberalen Parteien angesichts der bevorstehenden Reichstagswahlen sind vieler Orten nicht vergebens erklungen. Auch den Reichstagswählerii unseres Wahl- kreises ist jetzt ein liberaler Kandidat vorgeschlagen worden, der Handclstrmmer-Syndikus Schloßmacher in Lffenbarf), ein Mann von erprobter wirtschaftlicher Tüch^ ngkett und Erfahrung. Ein großer Teil unseres 'Bürger- himd Mi sich gewiß bewußt, daß Einigkeit allein zu einem erwünschten Ziele führen kann und daß alle kleinlichen Bedenken unbebingi zu unterdrücken sind, wenn es Iich um die Erreichung eines bestimmten Erfolgs handelt Özer de utsche Kaiser ist am Samstag nachmittag tu Rom euigem)wen. Seine Ankunft verzögerte sich infolge eines Erdr utfches bei Eornew einige Nletten nördlich von Ewtta oecchia. Ter Direktor der ^citiel nie erbten und einige Ingenieure nahnien aber die schleunige Wiederherstellung der Linie nach Eorncto vor, und so konnte denn Kaiser Wilhelm bereit vorgestern nachmittag bald nach ö Uhr feinen Einzug in der ewigen Stadt hatten. Wir berichten darüber an anderer Stelle unserer heutigen5 Nummer ausführlich In erster Linie gilt sein römischer Besuch der Enthüllung des von ihm der Haupfitadt Italiens geschenkten Goethe^Standbildes. Trotz dieses reut äußerlichen Anlasses hat der Besuch natürlich auch insofern polittsche Bedeutung, als er von neuem von dem harmonischen Verhältnis zwischen Italien und Deutschland Zeugnis ablegt Ter Besuch des Kaisers folgt fast unmittelbar dem des Königs von England, der in der ersten Hälfte der vergangenen Woche in Rom weilte und aus dem ttalienischen Königspalafte sich direkt zum Papste begab, zu dem Monarchen sonst aus ihrem GejandtschastS- hotel, nicht aber stehenden Fußes aus dem dem Vatikan verhaßten Quirinal zu wandeln pflegten. Allerdings erinnern sich die Klerikalen Roms jetzr daran, daß vor 20 Jahren auch der deutsche Kronprinz Friedrich vom Quirinal aus zum Papste gefahren und daher auch feinen Gegenbesuch des damaligen Staatssekretärs des Papstes, des Kardinals Iaeobini, erhalten habe. Uebrigens soll es zwischen dem Papst und dem Kardinal Rampolla zu einer heftigen Szene gekommen sein, da letzterer tonsequent bis zuletzt darauf bestand, der Papst solle den König Eduard nicht empfangen, wenn er vom Quirinal aus den Besuch antrete. Die Stimmung im Vatikan ist noch arg gedrückt, namentlich wegen der offiziellen englischen 'Jtote, die betont, daß der Papst den Besuch ausdrücklich gewünscht habe, was von der klerikalen Presse Roms bestritten wird. Am besten wird die Stimmung der römischen Klerikalen durch das Wort eines Prälaten gekennzeichnet: „Besser wäre es gewesen, wenn der Papst den König Eduard gar nicht, als so empfangen hätte". Tie Klerikalen finden letzt natürlich sehr großen Trost darin, daß Kaiser Wilhelm seinen Papst-Besuch am gestrigen Sonntag genau nach dem alten Zeremoniell, also auf dem Umwege über die preußische Gesandtschaft beim Vatikan, ausgeführt hat, und nehmen die vorzügliche Gelegenheit wahr, daraufhin gegen Fran kr eich zu demonstrieren, dessen Präsident soeben den Besuch Eduards VH. erhalten hat. Ter englische König möchte gar zu gern in Paris die seit Faschoda etwas gelockerten Beziehungen zwischen England unb Frankreich wieder mehr festigen. Veranlassung dazu liegt ja für England mehr denn genügenb vor. Nicht etwa nur der marokkanischen Frage halber, die nicht minder latent zu werden droht, als die des Balkans, sondern wett auch sonst die weltpolitische Situation sich England nicht gerade freundlich erweist. Das Verhaften Rußlands hinsichtlich der Räumung der M a n d s ch u r e i, die vertragt mäßig schon zu Mitte des verflossenen Monats hätte erfolgen müssen, behagt in London außerordentlich wenig; Rußland fühlt sich so sehr als Herr der Situation in China, daß es kurzerhand durch feinen Gesandten mit der Einverleibung der Mandschurei drohen ließ, wenn die Mächte fvrtführen, Wjderspruch gegen die russischerseits getroffenen Maßregeln zu erheoen. Ein derartiges Verhaften, das ganz offen verrät, wie wenig Rußland daran denkt, seine einmal in der Mandschurei eingenommene Position wieder aufzugeben, kann natürlich England nicht behagen, und so ist es nur eine Politik der Klugheit, die König Eduard, obgleich ihm die englische ä3erfa|)ung kein Einmischen in die Politik gestattet, treibt, wenn er seine Frühjahrsreise benutzt, um England Freunde zu werben Unbi »baä um so mehr, als man in England der deutschen Politik noch immer nicht traut, von der die Londoner Hetzvresse behauptet, daß sie die russische Polttik in der Mandschurei unterstützt. Was mtt dieser Lüge bezweckt wird, ist unschwer zu erraten; schließlich aber wird mit Bezug auf Oftasien sowohl wie auch hinsichtlich der viel angejeindeten Bagdadbahn die Zukunft beiveisen, daß mit der Ehrlichkeit der deutschen Polittk die Polttik keines anderen Landes gleichkommt, und daß man den deutschen Diplomaten eher den Vorwurf allzugroßer Offenheit und Ehrlichkeit machen kann, als den der Heimlichkeiten und der Jntrigue. Und gerade in England halte man alle Veranlassung, sich fein säuberlich um sich selbst zu kümmern und jede Reibung zu vermeiden, die geeignet fein könnte, Tisharmonien mit irgend einem anderen Lande heraufzubeschwören Wie schon der südafrikanische Krieg, so beweist auch der Feldzug, den England im So malt lau de gegen den Mullah führt, daß es mit der Kriegstüchtigkeit der englischen Söldner doch ein eigenes Ting ist. Die Schlappen, die ihnen von den Anhängern des Mullah beigebracht wurden, sind so bedenklicher Natur, daß General 'Manning Befehl erhalten hat, seine Truppen rückwärts zu konzentrieren und den Feldzug abzubrechen, bis die Zett zur Mederwerfung des Aufstandes glücklicher erscheint. Tag das nicht dazu dienen kann, das Prestige der englischen Waffen in Afrika, insbesondere aber bei den Arabern und Abesiyniern zu erhöhen, läßt sich unschwer ermessen, unb so ist vorauszu sehen, daß für den britischen Löwen auch nod) die Zett kommen wird, wo er möglicherweise an der Politik Stütze sucht, die er jetzt schmäht, und wo diese Politik es vielleicht gerade sein wird, die ihn davor bewahrt, sich in Abenteuer nut dem russischen Bären einzulassen, die ihm schlecht bekommen könnten Aber es wäre schade, wenn gerade Teutfchland berufen fein würde, ihm bie Lektion zu ersparen. Vermischtes. • St. Johann, 1. Mai. Der Polizei-Konflikt ist beigelegt. Die hiesige nahonalhberale Pattei verbreitet folgendes Telegramm: Tie Abg. Boltz, Prietze und Daub haben soeben mit dem Minister des Innern die Polizeiftage besprochen. Sobald Beruhigung betreffs des Cafötier Bruch eingetreten sein wird, soll eine wohlwollende Regelung der Polizeistunde erfolgen. • Danzig, 1. Mai. Der in Rendsburg beheimatete Segler „(£rbnete', auf der Fahrt von Memel nach Oldenburg, mit Holz beladen, kenterte vor 12 Tagen auf hoher See. Der Dampfer ,Aurora• schleppte gestern nachmittag das Schiff in den Hasen Neusahrwaffer ein, da man vermutete, daß sich noch Menschen in dem Schiff besanden. Die Rettungsarbeiten wurden m Angriff genommen. Nach mehrstündigen Bemühungen gelang cs, Kapitän Engcllandt zu befreien. Er hatte 12 Tage, vom Wasser ein- geschlossen, im Schiffsraum zugebracht, doch glücklicherweise etwas Proviant vorgesunden. Seinen Durst hatte er mit Seewaffer gelöscht. lieber Haarausfall schreib! Herr Tr. meb. 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