Zweites Blatt. Donnerstag 3. September 1903 Adresse für Depeschenr Anzeiger Gießen. Kernsprechanschluß Nr. 51. Nr. 306 ttttOetut tLgttch außer Sonntags. Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem Yesfischen Landwirt die Gießener Kamrlieu. blätter viermal in der Woche deigelegt. KotattonSdruck u. Verlag der VrühNchen Untoers.-Buch- ».Stein- druckeret (Pietsch Erben- JJfW M ve^ugspretSr AbPt V -M w monatlich7bviertel- Giehener MMgerZa w Seaeral.aitädger * 2™. Amk- und »nzeigeblM für den Kreis Gichen NtzZ .hu ____ __zetgentetl: Han« Beck. Aie Heutige Kummer umfaßt 8 Seiten. Kaiser Wilhelm in Dresden. Dresden, 2. Sept. Bei prächtigem Wetter begann heute morgen 10 Uhr auf dem Truppenübungsplabebei Zeithain die Parade des 12. (1. sächsischen) Armeekorps und der Kavallerie- division B unter dem Kommando des Kronprinzen von Sachsen. Der Kaiser, der König von Sachsen und die übrigen hier weilenden Fürstlichkeiten sowie die Prinzessin Johann Georg und die Großherzogin von Sachsen- Weimar trafen mittels Sonderzuges ein. Nach dem Abreiten der Fronten der Druppeu, die in zwei Treffen auf- gestellt waren, begann der Vorbeimarsch, währenddessen die Majestäten vor der Zuschauertribune Aufstellung nahmen. Der erste Vorbeimarsch'fand in Kompagniefront bezw. Eskadron- und Batteriejront statt. Hierbei führte der König das Grenadier-Regiment Nr. 100 und das Schützen-Regiment Nr. 108, das Gardereiter-Regiment Nr. 12 und das Feldartillerie-Regiment vor. Der Kaiser führte das Grenadier-Regiment Nr. 101 und das Leibkürassier-Regiment vor. Um 12 Uhr begann der zweite Vorbeimarsch, welcher in Regiw en Lsko können bezw. in Eskadron- und Abteilungsfront ausgesührt wurde. Aw Paradeplatz, hatten die Kriegervereine Ausstellung genommen. Das Publikum bereitete dem Kaiser und dem Könige sehr lebhafte Ovationen. Die an der Parade teilnehmenden preußischen Kavallerie-Regimenter wurden lebhaft beklatscht. Nach dem „Dr. I." hat der Kaiser dem Kronprinzen von Sachsen den königlichen Hausorden von Hohenzollern mit der Kette verliehen. Der Kaiser begab sich uw 5 Uhr nachmittags zur Gruft König Alberts, um daselbst eine Kranzspende niederzulegen. Später machte der Kaiser der Prinzessin Johann Georg einen Besuch. Bei dem^ heutigen Festmahl hielt König Georg folgende Rede: Gestatten Sie mir, zunächst meinen tiefgefühltesten Dank für den hohen Besuch auszusprechen, der mich und mein Volk abermals hoch ehrte und erfreute. Vor allem drängt es mich, namens meiner Truppen, welche heute die Ehre hatten, vor Eurer Majestät zu erscheinen, ehrerbietigsten und tiefstgefühlten Dank auszusprechen dafür, vor Ew. Majestät erscheinen zu dürferr. Es ist dem Soldaten eine hohe Ehre und eine hohe, leider nur selten zuteil werdende Freude, dem obersten Feldherrn ins Auge iu sehen. Dank sage ich auch für das nachsichtige Lob, das Ew. Majestät den Leistungen unseres ArmeekorM spendeten ; Dank für die erhabenen Worte,welcheEw. Majestät an die Kommandeure des Armeekorps gerichtet haben. Ich darf die Versicherung namens des Armeekorps geben, daß diese Worte nicht vergessen sein werden, daß das Armeekorps sie als einen Ansporn ansehen wird, alles zu tun, bei jeder Gelegenheit im Kriege wie im Frieden die Zufriedenheit und den Beisall Eurer Majestät als des obersten Kriegsherrn zu erwerben. Meine Herren, ich erhebe das Glas: der Kaiser hurrah, hurrah hurrah! Ter Kaiser er widerte: Gestatten Ew. Vkrjestät, meinen aus tiefstem Herzen kommenden Dank auszusprechen für die erhabenen Worte, die Ew. Majestät soeben aussprachen. Tief ergriffen von der Wärme des Empfanges in Ew. Majestät Residenzstadt, die ich, Gott sei Dank, schon oft betreten durfte, drängt es mich vor allem, der Freude Ausdruck zu geben über das herrliche Korps, das heute so Schönes leistete. Ew. Majestät erhabene Person und die wenigen al ten um Gw. M aj estä t v er- sammelten Generäle aus alter Zeit bilden für uns jüngere Offiziere eine Generation, 0 ie uns lehrte, w as Soldat sein heißt, und wie manSoldatwird. Es wird mein Bestreben fein, in enger Fühlung mit den bewährten Führern aus großer Zeit, von ihnenzu lernen und an ihrem Lobe mich erbauend die Truppen so aus- zubilden, wie es zum Besten des Vaterlandes und meiner Armee dienen kann. Ich spreche Ew. Majestät meinen herzlichsten und innigsten Glückwünsch zum heutigen Tage aus und bin fest überzeugt, daß Ew. Majestät gütiges, landesväterliches Herz sich heute auch gefreut haben wird, nicht nur über Ihre Landeskinder im Waffenrock, sondern vuch über die stolze Schar Ihrer Landeskinder im schwarzen Rock, die, mit Orden auf der Brust geschmückt, heute Ew. Majestät strahlenden Auges liebend angesehen haben. Wir aber vereinigen unsere Gefühle für die erhobene Person «Ew. Majestät, des kgl. sächsischen Hauses und der kgl. sächsischen Armee und rufen: König Georg hurrah, hurrah, hurrah! Der Kaiser, der deutsche Kronprinz und Prinz Eitel Friedrich sind heute abend umj 9 Uhr 20 Min. ab ger e ist, König Georg, Kronprinz Friedrich August, Prinz Johann Georgs und die übrigen Fürstlichkeiten begleiteten die Gäste zum Bahnhof. Kurz nach der Abreise des Kaisers trat König Georg die Reise nach Leipzig an. * Nachdem gestern abend im Festsaale der Halle der Städte-Ausstellung der Begrüßungsabend statt- gefunden hatte, erfolgte heute vormittag die Eröffnung des ersten deutschen Städtetages durch den Oberbürgermeister Beutler. Vertreten sind 159 Städte, meist durch ihre Oberbürgermeister. Oberbürgermeister Beutler hieß die Herren willkommen, betonte die hohe Bedeutung des Tages für die Kultur der Städte und wünschte, daß er eine dauernde Einrichtung bleiben möchte, um fortgesetzt städtische Interessen zu vertreten Redner schloß mit einem Hoch aus den König von Sachsen. An beide Majestäten wurden Huldigungstelegramme gefanbt. An den Vorsitzenden gingen alsbald folgende Telegramme vom König von Sachsen und vom deutschen Kaiser ein: Zum Städtetag der vereinigten Vertreter von 160 deutschen Städten herzlichsten Gruß und Dank. Georg. S. M. der Kaiser haben den freundlichen Gruß des anläßlich der deutschen Städteausftellung hier zusammen-- getretenen deutschen Städtetages huldvollst entgegenzunehmen geruht. Se. Majestät lassen für die Kmidgebung Vielurals danken und den Beratungen des deutschen Städtetages, welche Allerhöchstdieselben mit besonderem Interesse begleiten werden, reiche Erfolge für das Wohl der deutschen Städte und chrer Bevölkerung wünschen. Auf Allerhöchsten Befehl: Lueanus. Zum Vorsitzenden des Städtetages wurde Oberbürgermeister Kirschner-Berlin gewählt. Im Auftrage der Regierung hieß Staatsminister v. Metzsch den Städtetag willkommen. Zum ersten Punkte der Tagesordnung: „Die soziale Aufgabe der Städte" hiell Oberbürger- merfter A d i ck e s - Frankfurt am Main einen zweistündigen Vortrag. Anschließend an diesen Vortrag ergänzte der Oberbürgermeister von Dresden, Beutler, den Vorschlag bezüglich praktischer Durchführung der sozialen Aufgaben wesentlich und gab Fingerzeige, wie sich die Verwaltungen ihrer diesbezüglichen Aufgaben entledigen können. Hieran folgte eine kurze Ansprache des Staatsmimsters v. Metzsch, in welcher er betonte, daß die Staatsregierung an dem Blühen und dem Fortschritt der Städte interessiert, den kulturellen Bestrebungen des Städtetages wohlwollend gegenüber stehe. eLändliche Wohnungsreform. Wenn man von Wohnungsnot spricht, so denkt man meist an städtisch-industrielle Verhältnisse; es giebt fogar Seilte, die der Meinung sind, daß die Wohnungsftage oie ländlichen Gebiete nicht berühre. In Wirklichkeit finö aber die Wohnungszustände in rein ländlichen Gebieten oft ebenso schlimm wie in städtisch-industriellen, und wenn man bisher noch wenig davon hörte und sich die ganze Bewegung fast ausschließlich auf städtisch-industrielle Verhältnisse erstreckte, so hat das seine Gründe. Die Wohnungsnot kam hier am ehesten und am schärfsten zum Aus- >ruck. Infolge des massenhaften durch die industrielle Entwickelung verursachten Zuzugs nach den Städten wurde hier eine Menge dicht nebeneinander lebender Menschen gleichzeitig in Milleidenschaft gezogen, ihre Klagen mußten dre Oesfentlichkeit schließlich aufrütteln, zumal den Bewohnern die Mittel zu Gebote standen, durch die sie die Aufmerksamkeit auf die Notstände lenken konnten. Anders auf dem Lande. Der dünner gesäten, zerstreuter wohnenden Bevölkerung stehen nicht die Werkzeuge zur Verfügung, )ereu man sich in den Städten bedient. Hinzu kommt, daß )ie Landbewohner sich mit den überkommenen Zuständen wie mit etwas Selbstverständlichem eher abzufinden wissen. Wer sich mit der Wohnungsftage eingehender beschäftigt, dem wird ein charakteristischer Unterschied zwischen der Wohnungsnot in den Städten und auf dem Lande bald auffallen. Er wird finden, daß in städtisch-industriellen Gebieten die Wohnungsüberfüllung.und Wohnungsteuerung im Vordergründe steht, daß in rein ländlichen Bezirken dagegen dieunhygienischeWohnung mehr hervortritt. Damit ist natürlich nicht gesagt, daß es in städtisch-industriellen Gebieten keine ungesunden Wohnungen oder in ländlichen Orten feine überfüllten Wohnungen gäbe. Aber im allgemeinen kann man diese Merkmale als charakteristische Unter- ch.iedse gelten lassen. Es sind in neuerer Zeit, namentlich bei uns in Hessen nach dem Inkrafttreten unseres vorzüglichen Wohnungs- gesetzes sehr wertvolle Untersuchungen über die ländlichen Wohnungsverhältnisse angestellt worden. Hier sei nun nach >er „K. V.-Z." das Resultat einer Untersuchung angeführt, die kürzlich in einem kleinen Dorfe der Rheinprovinz vorgenommen wurde. Das Dors besteht aus etwa 80 Häusern. Von diesen wurden 10 Prozent untersucht, und es wurde feftgeftellt, daß keine der Wohnungen auch nur den mäßigsten hygienischen Anforderungen entspricht. Einige Beispiele mögen das erläutern. In einem niedrigen, baufälligen Hause waren zwei Kammern verfügbar. Die Frau schläft mit einem Kinde in einer dieser Kammern, einem engen lichtlosen Raum. Die andere Kammer hatte allerdings mehr Licht und £uft, ie hatte sogar schon zu viel, denn über dem ' Bette, das licht an die vermorschte Wand gerückt war, klaffte eine meterlange handbreite Spalte, jedem Wetter Zutritt lassend. In diesem Bette, das aus Strohsack und wollener Decke bestand, schliefen die übrigen vier Kinder. Der Vater war vor kurzem an Tuberkulose gestorben; die früher gesunde Mutter war ebenfalls schon infiziert. Ein anderer Hvus- halt bestand aus Eltern und fünf Kindern. Die erste Kammer enthielt ausgemessen 18 Kubikmeter Luftraum, war also schon für zwei Personen zu Hein. Hier standen zwei Betten. Links schlief der Vater mit einem fünfjährigen Knaben, rechts zwei Mädchen im Alter von neun und ieöen Jahren. Decke, Wände und Fußboden waren vermorscht. Die beiden kleinen Stallfenster hätten, auch wenn ie offen gewesen wären, nicht für genügende Luftzufuhr orgen können. Man mußte fast dankbar sein, daß die Decke durchlöchert war, sodaß von hier wenigstens ab und zu ein frischer Luftzug in den mit übler Ausdünstung ungefüllten Raum hineindrang. Die andere Kammer wär noch kleiner, hier hauste die Mutter und zwei Kinder. In einer anderen Wohnung wieder hatte die Tuberkulose ihren Einzug gehalten und kürzlich ein Familienmitglied weg- gerafft. Die Familie bestund noch uns acht Personen, denen Drei enge Kummern zur Verfügung stunden. Besonders eine Kammer fiel auf, weil sie trotz ihrer Enge noch mit einer Menge von alten Kleidern und Geräten vollgepftopst war. Ihr Luftinhalt betrug knapp 13.4 Kubikmeter. Zieht man noch davon den Raum ab, den das Gerümpel in Anspruch nahm, so blieben kaum 10 Kubikmeter. Die Kammer wurde von vier Personen zum Schlafen benutzt, von den Eltern und Lwei Knaben von 13 und 11 Jahren. Die beiden Knaben touren bereits von der Tuberkulose (Knochentuberkulose) ergriffen. Dann gab es wieder Häuser, die tiefer als die Straße lagen, sodaß bei jedem Regen das Wasser ins Haus drang, vermischt mit der Jauche von dem vor der Tür liegenden Düngerhaufen. Die Leute gaben zu, eigentlich nie recht gesund gewesen zu [ein. Die meisten Dorfbewohner, die uns zu Gesicht kamen, machten einen krankhaften, degenerierten Eindruck; die Tuberkulose findet bei dem engen Zusommentoohnen von Kranken und Gesunden einen guten Nährboden. Nach Aussage des Arztes starben 80 Prozent der Bevölkerung an Tuberkulose, und das ist zum großen Tell den schlechten dortigen Wohnungs- Verhältnissen zuzuschreiben. Solche Zustände stehen nicht vereinzelt da. Ein Mittel, das mit großem Erfolg zur Bekämpfung der Wohnungsnot in städtisch-industriellen Gebieten angewandt wird, die gemeinnützigen Baugenossenschaften, hat auf dem Lande noch wenig Verbreitung gefunden. Es ist auch nicht zu bestreiten, daß dieses Mittel hier nicht immer angebracht ist. Eine Genossenschaft ist dort am Platze, wo sie auf einen größeren Kreis von Mitgliedern rechnen kann. In den kleinen Orten der rein ländlichen Gebiete läßt sich aber meist die genügende Zahl von Mitgliedern nicht zusammenbringen. Hinzu kommt, daß eine Genossenschaft, wenn sie wirllich ihren Zweck erfüllen will, auf die Mitwirkung ihrer Glieder angewiesen ist, die also für die Selbsthllfe einigermaßen reif sein müssen. Das ist in städtisch-industriellen Gebieten eher der Fall als auf dem Lande; auch die Beiträge spielen hier mit, die industrielle Arbeiter eher zu leisten im stände sind, als die rein landwirtschaftlichen. Dort aber, wo landwirtschaftliche Arbeiter mit industriellen gemischt sind, wo die Industrie bereits aufs Land gezogen ist, wo man nicht mehr von rein ländlichen Bezirken reden kann und wo bereits die Wohndichtigkeit so groß geworden ist, daß von einer Wohnungsüberfüllung gesprochen werden kann, dort ist auch auf dem Lande die Baugenossenschaft ein geeignetes Mittel zur Bekämpftng der Wohnungsnot. Wo Baugenossenschaften nicht angebracht sind, kann die Gemeinde selbst viel zur Besserung der Wv. nVerhältnisse tun. Sie kann anregend auf den Bau gesunder Wohnhäuser wirken, indem sie für einzelne Mitglieder die Garantie der Darlehen übernimmt, ihnen auf diese Weise billiges Baugeld verschafft und auch sonstige Erleichterungen, Hergabe billigen Geländes, Steuerermäßigung usw. vorsieht. Sind die Leute zu arm, um die ganze Verzinsung aufzu- bringen, so kann auch die Gemeinde auf eigene Rechnung bauen, dann die Häuser zum Selbstkostenpreis vermieten und den etwa entstehenden Ausfall aus ihren Mitteln decken. Diese Ausgaben erscheinen — ganz abgesehen von sozialen Beweggründen — schon vom dtützlichkeitsstandpimkt durchaus gerechtfertigt, denn im letzten Grunde ist es immer die Gemeinde selbst, auf welche die ungesunden Wohnungs- zustände zurückwirken, sei es, daß die in ungesunden Wohnungen Lebenden vorzeitig krank und erwerbsunfähig werden und dann der Gemeinde zur Last fallen, fei es, daß diese Wohnungen die Ausgangsherde von Epidemien — Tuberkulose und Typhus — werden und die übrigen Ge- meinbemitglieber der Ansteckungsgefahr aussetzen. Volitische Tagesschau. Ei« AtteutatSvrrsuch auf deu Präsidenten Roosevelt? Aus Osterbay wird oom 2. Sept gemeldet: Auf der Besitzung Roosevelts wurde ein anscheinend geistesgestörter Mann verhaftet, der am Abend vorher auf einem Phaeton ankam und durchaus den Präsidenten sprechen wollte. Als Namen gab der Verhaftete, der einen Revolver hatte, Ronner an. Der Irrsinnige heißt indes Henry Weilbrenner. Er erklärte bei der gerichtlichen Vernehmung, er werde Roosevelts Tochter heiraten. Weilbrenner ist ein Farmersohn und nicht Anarchist. Der Revolver war mit sechs Schüssen geladen. Das Gericht erklärte Henry Weilbrenner ür irrsinnig. England und die deutsche Industrie. Daß man ui England alle Ursache hat, sich mit dem Wachstum der deutschen Industrie eingehend zu befassen, haben hervorragende Staatsmänner des Jnselreiches schon wiederholt betont. Ihre Mahnungen haben auch insofern Erfolg gehabt, als die Times besondere Studien über die wirtschaftlichen Verhältnisse in den industriereichen Teilen Deutschlands veranlaßte, deren Ergebnisse sie nun zu veröffentlichen beginnt. Die „Times" nimmt die Gelegenheiib des Jährest ages der Schlacht bei Sedan wahr, um der industriellen Größe Deutschlands einen bezeichnenden Tribut zu zollen. Das führende englische WeltblatL hat, wie es erklärt, Schritte getan, die in den'industriellen Mittelpunkten Deutschlands herrschenden Verhältnisse aus der Feder eines befähigten Gewährsmannes' schlldern zu lassen, und beginnt die Reil)e seiner Artikel mit einer fast eine ganze Seite der „Times" ausfüllenden sachlichen Be- chreibung der Meinprovinz und Düsseldorfs. Zugleich tellt es weitere Berschte über Efsen, Elberfeld, Erefeld, Solingen und Sachsen mit Chemnitz in Aussicht. In einem aus diese Veröffentlichung sich beziehenden Leitartikel erklärt das Blatt: jo ungeheue r auch die politis ch e n Folgen j)er deutschen Siege gewesen, so übersteige die Umwandlung Deutschlands aus einem Ackerbau treibenden in einen g r o ße,n Industrie-und Handelsstaat diese Folgen vielleicht uoch an Wichtigkeit. Schon in dern ersten Artikel ihres Spezialkorrespondenten sei genügend bewiesen, daß die Aufschrift „Made in Germany" nicht länger eine herabsetzende Bedeutung habe. Ein inneres Sedan. Dem deutschen Liberalisiuus wünscht Dr. I. Johannsen in der Münchner „Freistatt" mit folgenden trefflichen Worten ein inneres Sedan: Was not tut, ist Arbeit, Arbeit und noch einmal Arbeit! Schon einmal schien der Liberalismus in den Gemütern der Vielen festen Fuß gefaßt zu haben. W war in den Jahren nach dem Kriege 1870/71. So ist z. B bei der ersten Wahl zum Parlament des neuen Deutschen Reiches im Reichstagswahlkreise Augs- burg-Schwabmünchen-Wertingen ein Nationalliberaler gewählt worden Im Jahre 1871 aber hatte eine elementare Flutwelle die LÄhler aus dem Alltagsgeleise in die Höhe gehoben, und mit einem Male waren sie nationalliberal gewesen, oder hatten urcnigstens geglaubt, es zu sein. Von jener Höhe sind die Wähler wieder in das Alltags- getriebe zurückgesunken. Lehrreich ist es, sich zu vergegenwärtigen, wie damals, 1871, die Erhebung zustande gekommen war. Damals hatte die n a t i o n a l l i b e r a l e Partei Agitatoren, wie sie sie nie wieder besessen hat. Ihre Namen? Sie hießen Weißenburg, Wörth, Bazeille, Sedan, Paris und Orleans. Diese Schlachten waren es, diese Siege und das zu ihrer Erringung vergossene Blut und dann die Neugründung des Reichs. Wodurch aber waren jene Erfolge erzielt? Sie sind nicht in den Schoß gefallen, sondern durch eine ungeheure Kräfteanspannung und Hingabe errungen. Das brauchen wir wieder. Wir brauchen ein inneres Sedan. Nicht morgen können wir es erwarten. Auch das äußere Sedan ist nicht durch eines Tages Arbeit gewonnen worden. Die Zeiten der Vorbereitung waren vorhergegangen. Und auch die allgemeineWehrpflicht brauchen wir. Heute steht ein großer Teil gerade der Gebildeten abseits und beteiligt sich am politischen Leben und am Wirken für den Staat nicht. Diese Gebildeten gehören auf die liberale Seite. Wo denn sonst liegen die Garantien der Freiheit, die sie lieben? Sie müssen sich einreihen in das große Heer, das für die Geistesfreiheit kämpft. Was heute noch unpolitisch ist, schließe sich dem politischen Leben an,' tue dies aber in der Ueberzeugung, daß man auch in der Politik, wie in anderen Künsteu, erst lernen müsse und nicht' als Meister vom Himmel falle. Eine gegnerische Organisation bekämpft man, indem man ihr eine Or gani- sation entgegenstellt; nachher, wenn der Sieg errungen und keine Gefahr mehr vorhanden ist, — ein Fall, der so leicht nicht eintritt —, mag ja die Organisation sich wieder auflösen.' Darum organisiere sich, wer bisher dem ParteilÄreu fernsteht. Ein griechisches Gesetz bestrafte den Bürger mit dem Tode, der iu kritischen Zeiten nichr Partei ergriffe. Wenn dieses Gesetz bei uns iu Deutschland gelte, mußten viele Bürger vom Leben zum Tode gebracht werden. Deutsches Keich. Berlin, 2. Sept. Der Kais er hat aus Anlaß seiner Anwesenheit bei den 'Herbstmanövern des 4. und 11. Armeekorps einer Anzahl von Reichsbeamten Auszeichnungen vetliehen, die heute im „Reichsanz." veröffentlicht werden. — Die Kaiserin benachrichtigte den Professor von Bram ar in in Halle, daß sie diesen Samstag die Ab- teilung für Kinder in der chirurgischen Klini.k zu Halle b e j uchen werde. — Dem^Berl. Tgbl." zufolge wird heute die Spielbank in Mor esnet geichlossen, nachdem auch die belgische Regierung ihr Einverständnis erklärt hat. — Zu dem Spionagefall in Ars meldet das „Berl Tagebl.", daß zwei Granaten auf der Feste ,Kronprinz" entwendet und über Pagn.y nach Paris geschafft wurden. Die Schuldigen sind geständig. Lübecks 2. Sept. Heute mittag fand unter großer Beteiligung ' des Senats, der Bürgerschaft, der Behörden, zahlreicher Vereine und der Schulen die feierliche Enthüllung des von Hans Hundrieser geschaffenen Bismarck de uk- mals statt. Nachdem Rechtsanwalt Vermehren die Festrede gehalten hatte, übernahm Bürgermeister Klug daä Denkmal namens der Stadt und brachte ein Hoch auf den Kaiser ams. Stuttgart, 2. Sept. In seiner heutigen Schlußsitzung hak der internationale Verband zum Studium der Verhältnisse des Mittelstandes sich endgiltig konstituiert und den händigen Sekretär I. Stevens, Direktor im belgffchen Ministerium für Industrie und Arbeit in Brüssel, gewählt. In den Zentralausschuß wurden als Vertreter Deutschlands gewählt Dr. Heilt gen st ädt, Präsident der preußischen Zentralgenossenschaftskasse in Berlin, und Professor Gießler in Stutzt- gart, der sich auch bereit erklärte, die Präsidialgeschäfte bis zur endgiltigen Präsidentenwcchl, die'erfolgen soll, sobald der Zentralausschuß vollständig sein wird, zu führen. Kirche und Schule. — Das gewerbliche Unterrichtswesen ist in Hessen sehr ausgedehnt. Nach der soeben erschienenen statistischen Zusammenstellung giebt es in Hessen z. Zt. 167 gewerbliche Unterrichtsanstalten mit 511 Lehrkräften und 11 887 Schülern. Die Gesamtausgaben dafür betrugen im abgelaufenen Jahre 443 361 Mll, darunter 294 878 Mk. Gehalt für die Lehrer. Ausland. Haag, 2. Sept. Die Vertreter der interessierten Mächte begaben sich vorgestern in das Gebäude des ständigen Schiedsger ich ts Hofes, wo sie vom Minister des Aeußern, Melvil van Lyndeu, und dem Generalsekretär des Schiedsgerichtshofes Dr. Ruyssenaers empfangen wurden. Der zum Schiedsrichter ernannte russische Justtz?- minister Murawiew erklärte vorweg, daß er der einzig anwesende Schiedsrichter sei, daß er aber gern die Ausführungen der beteiligten Delegierten entgegennehmen werde. Darauf schlug der englische Vertreter Cohen vor, daß der Gerichtshof die Sitzung vertage, obgleich er gegen eine sofortige Aufnahme der Verhandlungen nichts einzuwenden habe. Mo. Veigh erwiderte im Namen Venezuelas, daß er in eine Fortsetzung des Verfahrens nicht einwilligen könne, da das Schiedsgericht nicht aus den im Protokoll vorgesehenen drei Schiedsrichtern zusammengesetzt sei. Niemand habe durch Protokoll ein Recht erhalten, das Verfahren in irgend einem Punkte umzugestal- teu oder abzuändern. Schiedsrichter Murawiew erklärte darauf, das Schiedsgericht sei nicht ordnungsmäßig zusammengesetzt und öle Sitzung nichtoffiziell. Der Vertreter Frankreichs ersuchte um Protokollierung der Verhandlungen. Veigh widersetzte sich dem Verlangen aus den oben von ihm angeführten Gründen, erklärte aber, der Generalsekretär des ständigen Schiedsgerichtshofes sei vollständig wmpetent zur' Abfassung des nicht offiziellen Protokolls. Murawiew vertagte darauf die Sitzung. Generalsekretär Ruyssenaers setzte auf Antrag Frankreichs ein unoffizielles Protokoll der Verhandlungen in englischer und französischer Sprache auf, welches von allen Vertretern der beteiligten Mächte genehmigt wurde, mit Ausnahme desjenigen von Venezuela, welcher den Sitzungssaal bereits verlassen hatte. Dieses Protokoll wird allen beteiligten Mächten zugestellt werden. Paris, 2. Sept. Jaques Lebaudy erklärte einem Vertreter des „Journal" in Las Palmas, die Gefangennahme der fünf französischen Matrosen sei ein glückliches Ereignis, well daourch die Frage des Sahara-Reiches in der Oeffentlichkeit erörtert werde. Ob man wolle oder nicht, das Reich sei begründet und das Bestehen desselben bereits von der Republik Liberia anerkannt worden, was nach und nach auch von den übrigen Mächten geschehen werde. Die betreffenden Matrosen seien übrigens' durch eigenes Verschulden in Gefangenschaft geraten. Wien, 2. Sept. Wie nunmehr festgestellt ist, trifft der Zar am 29. d. Mts. in Wien ein. Im Laufe des Vormittags besucht er die Kaisergruft und stattet dann den Erzherzogen Besuche ab. Mittags ist in der Hofburg beim Kaiser Dejeuner. Nachmittags erfolgt die Abfahrt nach Eisenerz zu den Hofjagden. Der Aufenthalt in Eisenerz wird vier Tage dauern. Am 4. Oktober erfolgt die Rückreise nach Wien, wo ein einstündiger Aufenthalt geplant ist. Graf Lamsdorff und Goluchowski werden sich ebenfalls nach Eisenerz begeben. Dort werden die weiteren Beschlüsse' in der Balkan frage gefaßt. (?) Ursprünglich war ein längerer Aufenthalt in Wien geplant. "Trieft, 2. Sept. Der Oberkommissar'in Südaftika Miln er ist heute früh aus Laurenzo Marques hier ein- getroffen. Nach eintägigem Aufenthalte begibt sich Milner nach Wien, wo er mehrere Tage verbleibt und von wo er zum Kur gebrauch nach Karlsbad geht. Helsingfors, 2. Sept. Der Polizeibürgermeister in Wiborg, Södenchjelm, der frühere Polizeibürgermeister Eckarson und Oberleutnant Aminos wurden aus Finland ausgewiesen. Aer mazedonische Aufruyr. Tie Pforte teilte den diplomatischen Vertretungen nftt, daß Anschläge auf die Gebäude der fremden Missionen und Konsuln zu befürchten seien, weshalb deren schärfere Ueberwachuug notwendig sei. Solche werde durch Polizei und Gendarmerie, sowie duxch die Mannschaft eigener Stationsschiffe und aridere Kräfte durchge- suhrt. Nachrichten über alarmiereiide Ereignisse in Adr ia- nopel (tne Stadt soll danach in Flammen stehen) wurden bisher weder durch Konsularmeldungen, noch Meldungen der Pforte bestätigt. Auch der Geschäftsverkehr beginnt durcy die Alarrmrachrichten über ein angebliches Ultimatum der Pforte au Bulgarien und den bevorstehenden Ausbruch des Krieges zu leiden. Mitteilungen der Pforte berichten den ^Lonsuln, die Ban den - Vorfälle im August ergeben folgende Verlustzisfern: 110 9 Tote und 30 Verwundete der Komitatschrs, 312 Tote und 19 Verwundete der Soldaten. Tie Gendarmen hatten 80 Tote und 19 Verwundete, die mohammedanischen Torfeinwohner 86 Äote und 3 Verwundete. Nach ^Nachrichten aus Monaftir begannen Ende der vorigen Woche die Operationen größeren Umfangs zur Säuberung der vier Bandenmittelpunkte in Nevesha, Vlacho- lliszura, auf den Höhen von Peristery und Smilevo. Gegen Nevesha, welches die Komitadschis vor kurzem besetzten^ nachdem sie Die hundert Mann starke Garnison nieder gemacht hatten, wurden vier Bataillone und eine.halbe Bat- terie von Florina entsandt, Nach 'heftigem Angriff, bei welchem auch die Geschütze tätig waren, wurde Nevesha gewonnen, §iach Llacholliszura gingen von Kastoria sechs Bataillone ab. Tie Straße, welche von Vlacholliszura beherrscht wird, wurde erst nach einem den ganzen Lag dauernden Kampf genommen. Es heißt, daß auf beiden Seiten die Verluste bedeutend seien. Gegen die Höhen von Peristery, die Hauptsitz der Komitees sein sollen, wurden von Florina fünf Bataillone, von Monastir fünf Bataillone und zwei Batterien vorgeschickt. Tie umfassende Operation ist anscheinend nicht gelungen, da die.südliche Kolonne zu spät eintraf. Alan meint, daß die Komiteebanden Zeit fanden, zu flüchten. Die ganze Hochebene Gourde durchsucht, ohne auf Komitadschis zu stoßen. Nach Smllevo sind von sMbalci drei, von 'Ntonastir vier Bataillone abgegangen. Tie Operation ist gut gelungen, Banden von über 300 Komitadschis sollen aufgerieben sein. Unter Leitung von Pasir Pascha wird weiterhin tatkräftig gegen die Banden vorgegairgen. Bei Presba wurden zwei Dörfer nieder- gebrannt. Gegenüber einer Meldung, das maeedonische Komitee verbreite die Nachricht, daß der Sultan, durch Deutschf- land beeinflußt, an Krieg denke, betont die „Köln. Ztg.", offenkundig bezwecke doch diese Ausstreuung, Teutschland als Hetzer zum Kriege hinzustellen. Die deutsche Politik habe "kein anderes. Ziel, als Erhaltung des Friedens solange als möglich, und deshalb sei jene Ausstreuung eine Lüge. Niemals habe man in Deutschland daran gedacht, noch Oel in die Flammen zu gießen. Die leitenden Kresse wie die öfsÄtliche Meinung seien darin ganz einig. 2üenn es laut gewünscht werde, daß die Pforte dem anarchMschen Treiben ein Ende machen solle, so gehe dies aus der Anschauung hervor, daß wirtliche Reformen nur mö.glich seien, nachdem das Bandenunwesen aufgehört habe. Nach weiteren Meldungen bestätigt sich die Nachricht von der Zerstörung des Klosters Procher Przinski'nicht Behufs Einbringung eines Teils der Kriegskosten in Maee- donieu wurde der Bevölkerung eine neue Steuer auf- erlegt und zwar bis zu 1000'Piaster pro Kopf. Tem Blatte „Franeais" zufolge hat eine unter dem Kommando Danews stehende bulgarische Bande das Proviantamt von Temotiku bei Adrianopel in die Lust gesprengt. Dasselbe enthielt 20000 Säcke Mehl. Ails Swö! und Lanö. Gießen, 3. Sept. 1903. ** Apotheken. Nachdem vor vier Wochen an der Schulstraße der Grundstein zum Neubau für den neuen Univ.- Apothekenbau „zum goldenen Engel" gelegt worden ist, wurde heute die Urkunde feierlichst eingemauert. Die Apotheke ist seit dem 16. Jahrhundert im Hause Kirchenplatz 12 betrieben und im Jahre 1650 schon Universitäts-Apotheke geworden. Nach Fertigstellung de§ Neubaues wird die Apotheke dorthin verlegt werden. ,, . . _ „ ** Dem Spediteur Adam hrer wurde der Transport sämtlicher zur Landwirtschaftlichen Ausstellung bestimmten Güter übertragen. *• Automobil-Rennen. Wre nur bereits kurz mit* teilten, ist beabsichtigt, im Juni nächsten Jahres das Automobil-Rennen um den Gordon-Bennett-Preis von Homburg aus stattstnden zu lassen. Es liegt dem em Vorschlag des dortigen Oberbürgermeisters v. Marx zu Grunde, welcher auch den Kaiser kürzlich dafür zu interessieren wußte. Die projektierte Bahn ist: Saalburg—Kanonenstraße Schmiüen Weilburg—Gießen—Butzbach—Friedberg—Scwlbmg» Vorstandsmitglieder des Frankfurter Automobil-Klubs wollen dieser Tage auf dieser Strecke zu diesem Zwecke eine Probefahrt unternehmen. ** Zucker und Bienen. Nicht nur in den Haushaltungen und anderen Kreisen wird die Verbillrgun.g des Zuckers, die durch das am 1. d. M. erfolgte Inkrafttreten der Brüsseler Zuckerkonvention herbergeführt wird, auf das freudigste begrüßt, sondern auch die Imker .haben ihre Freude hieran. Ist doch der „Fruchtzucker" das' beste Ersatzmlltel für Bienenhonig zur Biencn- fütterung, auch bemerkenswert im Preise ermäßigt worden. Tie erste Honigernte war gut bis recht gut. Die Bienen haben aber nicht wieder die leer gewordenen Räume zu füllen vennocht, und so muß zur Nachfütterung geschritten werden. Je eher diese geschieht, desto besser. Die jetzigen schönen Tage des September eigenen sich vortrefflich hierzu. *♦ Genters Bergstraße-Führer. Im Darmstädter Reiseführer-Verlag von K. P. Genter ist vor kurzem ein illustrietter Führer für die Bergstraße und den vorderen Odenwald erschienen, der auch für viele unserer Leser von Interesse sein dürfte. Der Geuter'sche Führer behandelt die Geschichte und Sage der Burgen. Ohne sich auf Weitschweifigkeiten einzulassen, unter Vermeidung jeglichen Balastes in Gestalt langer Reihenfolgen und Geschlechternamen und Jahreszahlen, bringt Geuters „Bergstraße-Führer" bei jeder Burg das Wesentliche ihrer Geschichte und erzähll auch in Kürze Sagen, die auf den Rittersitz Bezug haben. Ueber dem Geschichtlichen ist selbstverständlich auch der Hauptzweck, das Führen, nicht vergessen; das kleine handliche Buch orientiert durchaus in erschöpfender Weise über alle Spaziergänge und Ausflüge, die sich in dem Gebiet unternehmen lassen. Der Preis des mit 35 Ansichten und einer zweifarbigen Karte ausgestatteten Führers (60 Pfg.) ist äußerst billig auf Massenabsatz berechnet. Darmstadt, 2. Sept. S. K. H. der Großherzog empfingen am 2. September u. a. den Provinzialdirektor Dr. Breidert von Gießen, den Beigeordneten Cursch- mann von Gießen, den Leutnant der Landwehr-Kavallerü 1. Aufgebots Wenzel, kommandiert beim Jnf.-Regimenl Kaiser Wilhelm (2. Großh. Hess.) Nr. 116, ffowie den Kaiserlich Russischen Ministerresidenten Fürsten Kudascheff. Kleine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbarstaaten. Der Rendant der Spar- und Vorschußkasse in Berleburg wurde verhaftet. Er soll 60 000 2Jif. veruntreut haben. Vermischtes. • Berlin, 2. Sept. Dem „Berl. Lokalanz." wird aus New-Pork gemeldet: Das Kanonenboot „Skorpion" kollidierte bei der Einfahrt in die Marinewerft mit einem Schleppdampfer. Der „Scorpion" wurde noch an die Pier bugsiert, sank dann aber. Der an Bord weilende Admiral Barker und die Mannschaft konnten ans Land springen. *Der Vesuv befindet sich fortgesetzt in lebhafter Tätigkeit. Vorgestern wurden in der Umgebung des Vulkans zwei leichte Erdstöße wahrgenommen. * Sprachliche Uebertreibungen. „Nein, es ist doch entsetzlich!" „Was denn, liebe Minna?" „Ach, denke dir, Mutter, der Kuchen ist abscheulich geworden. Und ich hatte doch so schrecklich genau aufgepaßt. Und die riesig vielen Eier, die ich dazu genommen hatte! Es ist mir furchtbar peinlich, da doch heute meine Freundin Bertha kommt, und die ist so fürchterlich genau auf Kuchen. Ach, wenn ich doch noch schnell etwas anderes Herrichten könnte; aber die Zeit ist zu meinem Entsetzen schon kolossal weit vorgerückt. Ach, Mrckter, ich ärgere mich unbeschreiblich darüber! Bei meiner Freundin habe ich kürzlich so entzückend schönen Kuchen gegessen, und ich freute mich schon unsäglich daraus, mich zu revanchieren. Und nun? Ach, es ist zum Verzweifeln! Doch halt, Mütterchen, ich hab's! Eine großartige Idee! Es fällt mir gerade ein, daß Bertha so unendlich gern..." Doch, ich muß die Entwickelung dieser großartigen Idee der unglücklichen Minna selbst überlassen, denn ich weiß nicht, was Bertha so unendlich gern ißt. Ich beabsichtige ja selbstver- lich auch gar nicht, mich in die Küchenkünste meiner verehrten Leserinnen einzumischen; dazu habe ich einen viel zu großen Respekt vor denselben. Was ich sagen wollte, ist kurz dieses: Die vielen gesperrt gedruckten Wörter sind in dieser Verbindung sehr unschöne und gedankenlose Auswüchse unserer lieben Muttersprache, und sie sollten nur dort gebraucht werden, wo etwas wirklich „entsetzlich", „fürchterlich", „riesig", „entzückend" usw. ist. Ein Mord ist entsetzlich, aber das Mißraten eines Kuchens ist doch höchstens ärgerlich. Ein Berg in den Alpen ist riesig, was man von fünf oder sechs Eiern doch eigentlich nicht behaupten kann. * Der Zahnarzt im Löwenkäfig. Eine gefällt» llche Operation — gefährlich für den Operateur und nicht für den Pattenten — wurde unlängst von Prof. A. L. Princehorn' unter Beistand des Wärters Frank Heeley in inner amerikanischen Menagerie vor genommen. , Jack"^ der größte Löwe, litt seit mehreren Tagen an Zahiiweh/ und da man befürchtete, daß das Tier toll werden würde wie dies im Falle eines Löwen der Barnnmjchen Menagerie M sch eh en ist, beschloß man das Tier von dem schmerzhaften Zahn zu befteren. Äcmn.setzte Jack, nachdem man ihn mit Decken feftgebunden hatte, in Chloroform getauchte «chwamme vor. Das Betaubnngmittel wirkte, und in kurzer Zeit gelang es, den defekten Zahn zu finden und aus dem Kiefer zu losen. Erne Viertclitunde spater erwachte „Jack- aus feiner Betäubung und schien die Empsinduna zu haben daß er von der Qual befreit sei. ö ü ) , . ' M°t°risch betriebene Kinderwagen sieht man, wie die Fachzeitschrist „The Motor Cyele" schreibt, gegen- wärtig in den Straßen von Paris schon häufig. Die Wärterin fitzt rückwärts und bedient den Motor, desien Uebersetzung, zur Beruhigung seis gesagt, nur eine sehr mäßige Geschwindigkeit zuläßt. Nun wird man bald in den Zeitungen lesen r „Gesucht wird ein Kindermädchen; jene, die mit der Lenkung eines Benzinwagens vertraut find, bevorzugt". "Wie man in Newyork rasiert. Aus Newyork wird gemeldet: Die Barbiere Newyorks wurden durch nachfolgende Kundmachung des Gesundheitsamtes in Aufregung versetzt: 1. Vor Bedienung einer Person hat der Raseur seine Hände in heißem Wasser mit Seife gründlich zu waschen. 2. Der Gebrauch von Alaun und anderer astringenter Mittel in Stückform ist untersagt. Wenn bei Blutungen angewendet, sind pulverisierte Präparate aufzutragen. 3. Gebrauch von Puderquasten ist verboten. 4. Kein Handtuch darf mehr als einmal gebraucht werden, ohne wieder gewaschen zu werden, b. Gebrauch von Schwämmen ist untersagt. 6. Seisbürsten, Schalen und Becher sind nach jedesmaligem Gebrauch für eine Person gründlich zu reinigen. 7. Kämme, Bürsten, Rasiermesser, Scheren sind nach jedesmaliger Verwendung in kochendem Wasser oder entsprechendem Desinfektionsmittel gründlich zu säubern. 8. Kein Barbier — außer er ist lizensierter Arzt — darf Hautkrankheiten behandeln. 9. Der Fußboden ist täglich gründlich zu reinigen, Einrichtungsstücke und sämtliches Holzwerk staubfrei zu halten. 10. Für kaltes und warmes Wasser ist vorzusorgen. 11. Diese Verordnung ist in jedem Lokal an auffallender Stelle zu affichieren. — Newyork hat über 5000 Barbiere, darunter viele mit 5 Cents-Taxe. • Ueber Lebenslauf und Ende eines vielgenannten Abenteurers wird der „Tägl. Rundsch." aus München berichtet: Eugen Pfanneustiel, der frühere Geheimsekretär des Fürsten Ferdinand von Bulgarien, ist vorige Woche in Prüfening bei Regensburg an Lungenschwindsucht gestorben. Pfannenstiel war der Sohn eines hohen fürstlichen Thurn- und Taxrs'schen Beamten. Er besuchte in Regensburg das Gymnasium, mußte aber schlimmer Streiche wegen die Anstalt verlassen. Nachdem er sich zu Hause in neueren Sprachen ausgebildet, ging er nach Sofia und bekam dort durch Vermittelung einer Schauspielerin die Stellung eines Sekretärs beim Fürsten Ferdinand. Bald hatte er sich das Vertrauen seines Herrn derart erworben, daß er zum Geheimsekretär aufrückte. Schöne Tage waren es, die der junge, hübsche, hochbegabte Mann in der bulgarischen Hauptstadt verlebte, um so mehr, als Fürst Ferdinand seinem Vertrauten ein wahrhaft fürstliches Einkommen zu- wendete. Um so größer war das Aufsehen, als Pfannenstiel eines Tages mit seiner ^Gönnerin, der schönen Schauspielerin, plötzlich verschwunden war, und mit ihm eine namhafte, dem Fürsten gehörige Geldsumme. Das Paar trieb sich nun ziellos in der Welt herum, bis das Geld aufgebraucht war. Dann machte Pfannenstiel auf den Namen seines früheren Herrn, indem er sich immer noch als fürstlicher Geheimsekretär ausgab, beträchlliche Schulden, u. a. auch bei dem Betriebsleiter des Gasthofs „Vier Jahreszeiten" in München, dem er eine größere Summe zu entlocken verstand. Damit brante er nach Paris durch. Dort wurde er verhaftet und nach München ausgelieftrt, hier aber vom Landgericht freigesprochen. Fürst Ferdinand, dem es, wie es hieß, um Wiedererlangung wichtiger, von Psannenstiel entwendeter Papiere zu tun war, soll damals die erschwindelten Gelder voll ersetzt haben. Pfannenstiel wandte sich dann nach Athen, wo er als politischer Vertreter auswärtiger Blätter tätig war. Trotz dem für Lungenkranke so günstigen Klima machte die Lungenschwindsucht, die er sich nach seiner Aussage im Untersuchungsgefängnis zugezogen, rasche Fortschritte. Er kehrte ins Vaterhaus zurück, wo er vergangene Woche der Krankheit im Alter von nur 28 Jahren erlag. (£r war in der letzten Zeit sehr in sich gekehrt und fest entschlossen, für den Fall seiner Wiedergenesung ein neues Leben zu beginnen. Grrichtssaal. Das Reichsgericht über dasnächtlicheKlavier- spielen. Ob das nächtliche Klavierspielen als Ruhestörung oder grober Unfug aufzufasseu sei, kommt auf die Umstände an. Werden dabei die Fenster des Klavierspielers geöffnet und das Spiel bis in die dunkle Nacht fortgesetzt, so liegt ohne Zweifel nächtliche Ruhestörung vor, welche polizeilich verfolgbar ist. Sieht man aber, daß eine Absicht obwaltet, etwa durch stümperhaftes, übermäßig lautes, immer dasselbe Stück wiederholendes Spielen die Umgebung zu ärgern, oder in erheblicher Weise zu belästigen, so liegt grober Unfug vor, welcher nach § 320 Ziff. 11 geahndet wird. Zuständig ist die Ortspolizeibehörde, das Bezirksamt bezw. das Schöffengericht Kandel und Verkehr. UMswittschast. Berliner Börse vom 1. September 1903. (Mttgetellt von der Bant für Handel und Industrie, Gießen.) Ohne irgend besonders nennenswerte Schwankungen gestaltete sich der heutige Börsenverkehr zu einem äußerst ruhigen. Auf dem Ultimomarkt waren die Umsätze äußerst gering; nur in Dynamite Trust Shares war das Geschäft angeblich auf Glasgower Käufe bei steigendem Kurs etwas lebhafter. Türkenwerte konnten sich von ihrem gestrigen Rückgang nicht erholen, doch war die Stimmung lür dieselben wesentlich beruhigt, besonders da Paris eher Kauflust zeigte. Der Kassamarkt zeigte durchaus gute Haltung. Privat-Diskont 37s Prozent. Oest. Kredit. « ♦ Deutsche Bank Darmstädter Bank Bochumer Guß . Harpener Bergbau . Schluß-Tendenz: ziemlich fest. Anfangs- u. Schlußkurse. . 204.10 204.20 . 211.40 211.50 . 137.00 136.77 . 187.90 187.62 . 182.20 182.10 Auszug uus Leu ArcheMHera -er Stadt Gießen. Evangelische Gemeinde. . . Getraute. Matthäus gemeinde. Den 22. August. Heinrich Trechsler, Flaschendierhandler zu Gießen und Karoline Ehrrsnane Pausch, geb. Kramer, Witwe des Lackierers Friedrich Pausch zu Gießen. Denselben. Wilhelm Glock, Tapezier und Polsterer zu Gießen und Jakobine Marie Katharine Bickel, Tochter des Kirchendieners und Schuhmachermeisters Leonhard Bickel zu Gieszen. Lukasgemeinde. Den 22. August. Dr. nied. Otto August Friedrich Ulmer, prakt. Arzt zu Sachsenberg in Waldeck und Auguste Amalie Elisabeth Nordmann, Tochter des Kgl. Eisenbahnverkehrsinspektors Gottfried Konrad Nordmann zu Gießen. Jo- Ha n ri e s g e m e i n d e. Den 20. August. Heinrich Müller, Taglöhner zu Gießen und Elisabeth Rehbein, Tochter des verstorbenen Taglöhners Jatöb Rehbem zu Herzfeld. Den 22. August. Jakob Fischer, Wuwer, Fahrkartenailügeber zu Gießen und Katharine Auguste Mathilde Funk, Tochter des verstorbenen Lehrers Johannes Funk zu Garbenteich. Getaufte. Matthäusgemeinde. Den 21.Aug. Dem Tnglöhner Georg Schmidt eine Tochter, Katharine Karoline, geb. den 1. Juli. Den 23. August. Dem Fabrikarbeiter Georg Eijen- brandt eine Tochter, Helene Karoline, geb. den 28. Juli. Denseloen. Dem Schreinermeister Georg Haubach ein Sohn, Georg Wühelm Karl, geb. den 27. Juli. Marcusgemeinde. Den 23. Aiig. Dem Maurer Ludwig Frey eine Tochter, Emma, geboren den 12. Juli. Denselben. Dem Bahnarbeiter August Fourier eine Tochter, Emma Katharir^, geb. den 25. Juni. Denselben. Dem Kaufmann Johannes Garche ein Sohn, Kurt, geb. den 3. August. Denselben. Dem Fuhrmann August Kratz ein Sohn, Karl, geb. den 10. Juli. Denselben. Dem Schlaffer Heinrich Simon Günther ein Sohn, Ludwig, geb. den 1. Juni. Lukasgemeinde. Den 23. August. Dem Hilfsbahnwärter Heinrich Fritzms ein Sohn, Willi, geboren den 25. JE. Denselben. Dem Bräuer Heinrich Weber ein Sohn, Friedrich Wilhelm Karl, geb. den 13. Juli. Denselben. Dem Metzger und Wirt Phllipp Senkler eine Tochter, Elisabeth, geboren den 30. Juli. Denselben. Dem Stationsgehilfen Karl Christ eine Tochter, Bertha Emilie Frieda, geb. den 4. Aug. Den 27. Aug. Dem Wirt Phllipp Kleiß eine Tochter, Gretchen Paula, geboren den 22. Juli. Johannesgemeinde. Den 28. August. Dem Taglöhner Jean Schmidt ein Sohn, Karl Eduard Philipp, geboren den 3. Juni. Beerdigte. Matthäusgemeinde. Den 23. August. Karl Reinig, Sohn des Heizers Johann Reinig, 23 Jahre ach starb den 21. August zu Bad Wildungen. Lukasgemeinde. Den 23. August. Eberhard Einhäuser, Lademeifter i. P., 68 Jahre alt, starb den 21. August. Denselben. Heinrich Kiefer, Metzgerineister, 51 Jahre oü, starb den 20. August. Johannesgemeinde. Ten 25 August. Robert Haas, Rentner, 50 Jahre alt, starb den 22. August. Denselben. Margarete Dietz, geb. Fauerbach, Witwe des Rentners Jean Dietz, 67 Jahre alt, starb den 23. Aug. Den 27. Aug. Anna Hohl, Tochter der Katharine Hohl, 19 Jahre alt, starb den 25. August. Militär gemeinde. Den 23. August. Gustav Dietrich, Unteroffizier, Hoboist der Leibtompagnie des Jnf.- Regts. Kaiser Wilhelm, 21 Jahre alt, starb beit 21. August. HsttrÄüeust der rsraelitrschen Keligionsgesrüschast. Samstag, den 5. September 1903. Freitagabend 6.35 Uhr. Samstag Vormittag 8 Uhr. Nachmittag 4 Uhr. Sabbathausgang 7.50 Uhr. Wochengottesdienst: Morgens 6L0Uhr, abends 6.30 Uhr. Temperatur der Lahn und der Luft am 3. September 1903. Nach Reaumur gemessen mittags zwischen 12 und 1 Uhr. Wasser 17°, 2uft 22". Albert Rübsamen. Neueste Melöuugeu. Ortginaldrahtmeldungen des Gießener Anzeigers. Berlin, 3. Sept. Anläßlich der Ernennung des österreichischen Kaisers zum englischen Feldmarschall sand ein Depeschenwechsel zwischen Kaiser Franz Josef und Lord Roberts statt. Berlin, 3. Sept. Wegen Aufreizung zum Klassenhaß, Aufforderung zum Ungehorsam gegen die Gesetze, Gotteslästerung und Beschimpfung der christlichen Religion und anderer Religions-Gesellschaften standen gestern zwei Anarchisten, der 25 jährige Redakteur Grunwald und der Ciseleur Imhof aus Mannheim vor der 1. Strafkammer des Landgerichts I. Es handelt sich um 2 Artikel, die in der von Grunwald redigierten anarchistischen Wochenschrift „Neues Leben" erschienen sind. Der Staatsanwalt beantragte gegen Grunwald 6, gegen Jmhpf 3 Monate Gefängnis. Der Gerichtshof sprach Imhof frei, da dessen Verfasserschaft nicht ftir genügend erwiesen erachtet wurde. Grunwald wurde wegen Gotteslästerung, Religions-Beschimpfung und Aufreizung, aber nicht wegen Aufforderung zum Ungehorsam zu 3 Monaten Gefängnis unter Anrechnung von einem Monat Untersuchungshaft verurteilt. Er wurde aus der Haft entlassen. Wildpark, 3. Sept. Die Kaiserin ist gestern abend IO1/2 Uhr nach Merseburg abgereist, Erfurt, 3. Sept. Der Kaiser und der Kronprinz sind heute vormittag 9i/2 Uhr hier eingetroffen. Bochum, 3. Sept. Bei dem Brande einer Wirtschaft in Hoentrop wurden die Wirtin und ein Dienstmädchen schwer und 5 andere Personen leichter verletzt. Nach der Bewältigung des Feuers wurde noch ein Mann durch eine Gas- Explosion verletzt. Königshütte, 3^Sept. Graf Henkel v. Donnersmark hat aus unbekannten Gründen dem Ober schlesischen Volkstheater die bisher gewährte Subvention von 3000 Mk. für die nächste Spielzell entzogen. Hamburg, 3. Sept. Jacques Lebaudy ist hier auf einem Wörman-Dampfer von Las Palmas kommend, eingetroffen. Er stieg in einem Hotel ab, verließ aber die Stadt bald wieder in einem Automobil. Wie verlautet, will Lebaudy in Deutschland einen Dampfer chartern sowie Leute für sein Unternehmen anwerben. Mr seine in Las Palmas liegende Jacht sucht er einen deutschen Kapitän. Leipzig, 3. Sept. Der Kaiser traf gestern abend 11.30 Uhr auf dem Dresdener Bahnhofe ein. Der Hoszug wurde sofort mij die Berbindungsbahn geleitet und auf ein Nebengleise rangiert, wo er während der Nacht stehen blieb. Der Kaiser brachte die Nacht in seinem Salonwagen zu. Heute morgen 6 Uhr fuhr der Hofzug nach Erfurt zur Kaiserparade weiter. Crimmitschau, 3. Sept. Der Streik der Textilarbeiter wird wahrscheinlich schon zum Schluß der Woche beendet sein. Die Streikenden erhalten nur unzulängliche und unpünkUiche Unterstützung. Es hat sich daher bereits eine Kommission der älteren Arbeiter gebildet, welche Verhandlungen mit den Arbellgebern anknüpste. Metz, 3. Sept. Der Erlaß des Kaisers, der den Statthalter auffordert, mit den allerschärfsten Mttteln dem gegenwärtigen Zustande der Wasser-Versorgung von Metz ein Ende zu machen, macht unter der Bevölkerung einen guten Eindruck. L. London, 3. Sept. Antisemitische Ruhestörungen melden „Daily Graphic" und „Daily Expreß" aus Dowlais in Südwales. Eine größere Anzahl Juden, meist polnischer und rumänischer Herkunft, ist in dortigen Schieferbrüchen beschäftigt. Die irischen und auch die andern Arbeiter sind damit unzufrieden und weigern sich vielfach, mit den Juden zusammenzuarbeiten. Die ersten Anzeichen einer ernsten Lage, die sich inzwischen bedrohlich gestaltet hat, traten am 31. August auf. An diesem Tage wurden zwei jüdische Arbeiter auf der Landstraße angegriffen. Am nächsten Tage wurde eine Abteilung von 20 jüdischen Arbeitern an derselben Stelle belästtgt. Sie leisteten mutig Widerstand, bis sich eine feindselige Volksmenge ansammelte, vor der sie fliehen mußten. Mehrere von ihnen wurden bei dem Zusammenstoß verletzt, darunter einer ernstlich. Später sammelte sich eine große Menschenmenge vor der Einfahrt in die Schieferbrüche an, um dort das Erscheinen per jüdischen Arbeiter abzuwarten. Die Leute wurden mit Steinen bombardiert. Gestern kamen' 300 von ihnen aus Mrcht nicht zur Arbeit. Eine starke Polizeimacht gab chnen dann Gelett und blieb den ganzen Tag im Dienst. London, 3. Sept. In ganz England ist ein furcht, barer Orkan niedergegangen, nachdem in den letzten Tagen starke Hitze geherrscht hatte. Die niedergegangeuen Regengüsse verursachten vielfach lleberschwemmungen. Der Schaden ist bedeutend. Die Ernte ist fast völlig vernichtet. Portsmouth, 3. Sept. Ter veraltete KüsteupanHer „Delisle" wird Freitag von den englischen Unterseebooten angegriffen werden. Es handelt sich um ähnliche Schießversuche, wie sie in Frankreich bereits stattgefunoen haben. Clermont Ferrand, 3. Sept. Zwei ernste Zwischenfälle haben sich während der Ma n öv er ereignet. Vorgestern, als das 92. Infanterie-Regiment in der Nähe von Tourelle manövrierte, fielen mehrere Kugeln in der Nähe einer Grupp e Offiziere nieder. Unter den Offizieren befand sich auch der Oberst. Das Manöver wurde sofort abgebrochen. Gestern ereignete sich ein ähnlicher Vorfall bei demselben Regiment. Eine Kugel wurde gegen einen Offizier angefeuert und dadurch auch mehrere Soldaten gefährdet. Das Regiment wurde in die Kaserne zurückgeführt. Eine sttenge Untersuchung ist eingeleitet. Man vermutet einen Racheatt. Ma dri d, 3. Sept. Villaverde Dementiert die Nachricht, daß ein Handelsvertrag zwischen Frankreich und Spanien bereits in San Sebastian abgeschlossen worden sei. Mailand, 3. Sept. In der Gola'schen Spitzen- fabrik brach gestern abend Feuer aus, welches das ganze Gebäude ergriff. Feuerwehr und Truppen waren sofort zur Stelle, trotzdem konnte der Brand bis Mitternacht nicht unterdrückt werden. ( Triest, 3. Sept. Der gestern aus Laurenzo Maxquez in Triest eingetroffene Lord Milner versichette auf Be- ftagen, daß der Stand der politischen Lage in Süd - afrika günstig sei. Die noch bestehenden Schwierigketten seien nicht unüberwindlich. Sie erforderten nur Zeit und Geduld. Wien, 3. Sept. Großes Aufsehen erregt eine Budapester Meldung, wonach die Kriegsverwattung beabsichtige, bei Fortdauer der Obstruktion die Dienstzeit, die gegenwärtig 3 Jahre beträgt, dadurch zu verlängern, daß die Mannschaften nach Ablauf des dritten Jvhres sofort zur Abdienung ihrer Reserveübung herangezogen werden. Die Maßnahme ist gesetzlich zwar zulässig, dürste aber Unruhen Hervorrufen. Wien, 3. Sept. Der König von England verließ heute morgen 10.10 Uhr mit der Westbahn Wien und begab sich direkt nach L 0'n d 0 n. Wie verlaittet, soll der Kaiser den König vor der Abreise zum Admiral de^r ö st reichi sch-ungarisch en Flotte ernannt haben. — Der Kaiser begibt sich heute abend nach Budapest, wo er bis zum 9. Oktober bleiben wird. Die Aussichten zur Beilegung des ungarischen Konfliktes sind sehr gering. Die Unabhängigkeitspartei beabsichtigt, die Frage der ungarischen Kommandosprache zur Parteifrage zu machM. Budapest, 3. Sept. Von der Direktion der ungarischen Levante-Seejchiftahrtsgesellschast wird Positiv versichert, daß bis jetzt kein An hält vorhanden ist, daß die Explosion aus dem Dampfer ,HL>aschrapu" mit einem politischen Attentat in Verbindung steht. Belgrad, 3. Sept. Das Mitglied des Jnsurrekttons- komitees Radew^ ein Vertrauensmann von Boris Sarafow, ist in geheimer Sendung hier ettrgettoffen. Belgrad, 3. Sept. In dem Dorfe Wllajet Ueskueb wurde derPriesterJoskim von bulgarischenCommutatschis ermordet, weil er sich weigerte, sich der revoluttonären Regierung anzuschließen. Sofia, 3. Sept. Prof. Michailowski erklärte in einer macedonischen Versammlung, dqß angesichts des großzügigen Deutschtums ein Zusammengehen aller Slawen, vor allem der Serben und Bulgaren, notwendig sei. Weiter erklärte er, die Kriegserllärung der .Türkei müsse man aus Gründen der Notwechr als unvermeidlich betrachten. Havanna, 3. Sept.' Die Unterhandlungen zwischen Frankreich und Kuba.zwecks Abschlusses eines Handelsvertrages sind beendet. L. Newyork, 3. Sept. Der Präsident der Universität Neumexiko, Tight, hat eine Besteigung des Orota- berges in Bolivien, des höchsten Gipfels der Anden, ausgeführt, was bisher noch niemand gelungen war. Telephonischer Kursbericht. Jcrankinrt a. Ni.. 3. September 1903. 372% Reichsanleihe . . 101.60 30/0 do. ... 89.60 37,% Konsole «... 101.20 3% do......89.80 3%% Hessen .... 100.20 372% Oderhessen . . . 99.20 4% Oesterr. Goldrente . . 102.45 47s % Oesterr. ßilberrente 100.40 4% Ungar. Goldrente . . 99.90 4% Italien. Rente . . . 102.80 472% Portugiesen . . . 49.60 8°/ Portugiesen.....30.80 1 % C. Türken .... 34 00 Türkenlose......127.— 4% Griech. Monopol.-Anl. 43.80 3% Mexikaner ... 27.25 47s% Chinesen .... 92.25 Electric. Schuckert . . . 96.20 Nordd. Lloyd . . . . 101.25 Kreditaktien .... 203.10 Diskonto-Kommandit. . . 187.20 Darmstädter Bank . . . 137.00 Dresdener Bank .... 146.50 Berliner Handelsges. . . 153.60 Oesterr. Staatsbahn . . , 140.20 Lombarden . . . . . 16.50 Gotthardbahn ..... 189.00 Laurahütte...... 229.75 Bochum . ...... 180.90 Harpener......182.00 47?% äussere Argentiner 41.90 Tendenz: schwach. Alicc-Kochschule. Der Koch-Kursus beginnt 6606 am 2t. September. Anmeldungen in der Schule bei Fräulein Renner vom 18. 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