Dienstag, 3. März 1903 153, Jahrg. Erscheint »glich mit Au-nabme de» Sonntag«. Di .Gießenc ^oertllciblltter* werden dem Anzeiger vierma wöchentlich bei gelegt. Der ,,hes-fch« r«d»trt- erscheint msmultch einmal. Giehener Anzeiger dernntwartlich l&r den nügemeineW Wü P. fütttfo: tür den Ln,eigem«i1: t BeC Rotatior^drnck und veetag der Grü HIlchW UnwerftiätLdruckerei (Pietsch Erdens» Oietze» General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Sieben. Parlamentarische Verhandlungen. Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet. Deutscher Reichstag. 271. Sitzung vom 2. März. 1 Uhr. Das Haus ist sehr schwach besetzt. Am Buitdesrathstisch: Kraetke u. A, Auf dem Platze des Aba. v. Winterfeldt - Mentin Ö, der seinen achtzigsten Geburtstag feiert, prangt ein schönes enarrangement. Präsident Graf Ballestrem: Ich eröffne die Sitzung. Meine Herren! Unser verehrter Kollege v. Winterfeldt-Menkin feiert heute in aller Frische seinen achtzigsten Geburtstag. Ich darf Namens aller Kollegen dem ehrwürdigen Geburtstagskinde die herzlichsten Glückwünsche darbringen, und wünsche, daß auch sein fernerer Lebensabend sich als ein segensreicher für ihn gestalten möge. Die Blumen auf dem Platze des Geburtstagskindes sind im Namen des Reiäzstags dargebracht. (Beifall.) Hierauf wird die zweite Berathung des Post-Etats fortgesetzt. Berm Titel „Oberpostbirektoren" erwidert auf eine Anregung des Abg. Eickhoff (freis. Vp.i Staatssekretär Kraetke, baß es nicht in der Absicht der Post- serloaltung liege, Beamten der höheren Karriere deshall» vom Aufsichtsdienst auszuschließen, weil sie das 40. Lebensjahr überschritten hätten. Abg. Lenzmann (freis. Vp.) beschwert sich darüber, daß in Wetzlar Postanweisungen verspätet ausgetragen würden, weil kein Geld in der Kasse war. Werter thcilt Redner mit, daß er sich am Sonnabend geirrt habe. Die Schuld daran, daß nur 2000 neue Assistentenstellen eingestellt seien, läge nicht am Reichsschatzamt, sondern an der Reichsvoswerwaltung. Direktor im Rcichsschatzamt Twele dankt für diese Erklärung und bemerkt, das Reichsschatzamt hätte doch keine Veranlassung, mehr Beamten zu bewilligen, als die Reichspostverwaltung selbst gefordert hätte. Beim Titel „Unterbeamte" tritt Abg. Sittard (Centr.) für eine größere Sonntagsruhe der Postunterbeamten etn und wünscht Gummimäntel für die Briefträger. Staatssekretär Kraetle führt aus, daß an jedem zweiten Sonntag 77 Prozent und an jedem dritten Sonntag 97 Prozent aller Beamten frei hätten. Besuche mit Gummimänteln hätten sich nicht bewährt, für Leute, die sich viel bewegen müßten, seien Gummimäntel das Entsetzlichste, was man sich benlen könnte. Dagegen würden bald überall leichte Radmäntel aus geben eingeführt, bie sehr praktisch wären. Beim Titel „Poslamtsvorsteher I. Klasse" wünscht Abg. Lenzmann (freis. Vp.) eine besondere Oberpostdirettion für Charlottenburg, jetzt würde der Theil Charlottenburgs, der nicht zu Berlin W. gehört, stets sehr schlecht behandelt, Abg. Fischbeck (freis. Vp.) bemerk:, daß ihm von solchen Klager: nichts bekannt geworden sei und bittet, dieser Anregung keine Folge zu geben. Beim Titel „Stellenzulagen" tadelt Abg. Eickhoff das Strafverfahren, das jetzt gegen die Unter beamten ausgeübt würde und wünscht bessere Wohnungs- verhältuisie für die Unterbeamren in Rheinland und Westfalen. Staatssekretär Kraetke erwidert, cs sei stets sein Streben, die Wohnungsoerhältnisse der Beamten zu verbessern. Er selbst sei kein Freund von Geldstrafen und sei auch nicht dafür, daß bei jedem kleinen Versehen gleich gestraft würde. Deshalb sei es besser, wenn den Beamten mündlich gesagt würde, so was darf nicht wieder vorkommen. Abg. Zubeil (Soz.) beschwert sich darüber, daß die Postillone in Berlin nie einen ganzen freien Sonntag hätten. Auch sonst sei der Dienst der Postillone viel zu schwer, sie würden auch viel zu schlecht bezahlt. Staatssekretär Kraetke führt aus, es sei das Bestreben der Verwaltung, das Geld stets rechtzeitig auszuzahlen, wenn das in Wetzlar nicht geschehen sei, so fei das etn Ausnahmefall, den er genauer untersuchen werde. Die Lage der Postillone habe sich nicht verschlechtert, die Sonntagsruhe würde ihnen jetzt auch in reicherem Maße gewährt, da am Sonntag die Packete nur bis 10 Uhr bestellt werden sollten. Ein Märchen sei aber wohl die Erzählung, daß ein Postillon die ganze Woche nicht aus den Kleidern gekommen sei. Alle Postillone bekämen jetzt wetterfeste Mäntel geliefert. Abg. Zubeil hält seine Beschwerden auftecht, wenn der Staatssekretär mal die Postillone selbst fragen wollte, würde er wohl eine andere Antwort bekommen, als er sie jetzt gäbe. Direktor im Reichspostamt Witiko meint, daß der Vorredner wohl von seinen Gewährsmännern getäuscht worden sei. Beim Titel „Landbriefträger" wünscht Abg. Singer (Soz.) eine Erhöhung des Anfangsgehalts dieser Beamten. Beim Titel ..Postagenten" erklärt Staatssekretär Kraetke, daß die meisten der Postagenten aus Eisenbahnbeamten, Lehrern und Gastwirthen beständen, über 50 Jahre alt seien und daher nicht pensionirt werden könnten. Das Gehalt der Agenten sei von Jahr zu Jahr erhöht worden, bedürftige Agenten würden stets unterstützt. Der Titel wird bewilligt, ebenso debattelos der Rest der dauernden Ausgaben und eine ganze Reihe von Positionen der einmaligen Ausgaben. Bei der Position „Zur Erwerbung eines Grundstücks für neue Poftbetricbsanlagen am Schlesischen Bahnhof in Berlin, zweite Rate" hat die .Kommission 20 000 Ml. gestrichen und anstatt der geforberien 330 500 Mk. nur 310 500 Mk. bewilligt. Abg. Eickhoff beantragt, die ganze Summe zu bewilligen. Statssekretär Kraetke weist darauf hin, daß es der Reichsposr- verwaltung gelungen sei, von den Grunderwerbskosten 235 000 Mark, abzuhandeln. (HörtI hört!) Aba. Singer meint, es sei doch interessant, daß c5 erst in Folge des Drängens der Budgetlommisiion gelungen sei, etwas abzu- bandeln. Die geforderten Preise seien ganz exorbitant hoch, daS hätten sich auch die Taxatoren der Post sagen müssen. DaS Reich kaufe im Allgemeinen immer zu theuer. Jedenfalls bitte er den Staatssekretär, von dem System seines Vorgängers adzuaeben, durch bestimmte Personen TerrainS anlaufen zu lassen und diesen dann die Terrains mit erheblicher Erhöhung deS Kaufpreises abzunehmen. Der Staatssekretär möge sich nur an unparteiische Sachverständige wenden. Statssekretär Kraetke erwidert, die Verwaltung sei stets den gangbarsten Weg gegangen, bei dem sie sieb am besten stände. Aber das Publikum wisse genau, welche Terrains von der Post gebraucht würden, und deshalb würden die Zwisctzenhändler einfach auS- gelacht, wenn sie sagten, sie brauchten das Gelände für sich selbst. Tic Post kaufe daher lieber selbst und suche nach Möglichkeit vom Preise etwas abzuhandeln. In diesem Falle sei dies gelungen, weil der Bescher schon Terrain in Rixdorf gekauft habe und in Verlegenheit gekommen wäre, wenn man ihm sein Terrain nicht ab« genommen Härte. Hier sei also nicht das Drängen der Budget- lommisiion, sondern ein Zufall die Veranlasiung zu dem günstigen Kauf gewesen. Nach kurzer weiterer Debatte wird der Antrag Eickhoff ein* stimmig angenommen. Bei dem Titel: „Zur Erwerbung eines Grundstücks in Geb- weiter" hat die Kommission 50 000 Mk. gestrichen. Das Haus tritt ohne Debatte diesem Beschlüsse bei. Der Re st des Extraordinariums wird bewilligt. Bei den Einnahmen erwidert auf verschiedene Anregungen des Abg. Blcll (fteis. Vp.) Staatssekretär Mraetfc, daß unser Postanweisungssystem sich durchaus bewährt habe und eine Umänderung nach wurrembergi- schem Muster nicht empfehlenswerth sei. Die Handelskammern hätten keinen Behördencharakter und konnten daher nicht sich des Ausdrucks „portopflichtige Dienstsache" bedienen. Jedoch fänden augenblicklich Erwägungen statt, wie weit man Den Handelskammern auf diesem Gebiete entgegenkommen könne. So lange wir im inneren Verkehr kein Einheitsporto für Postpackete über । 5 Kilogramm hätten, könne auch ein solches Einheitsporto nicht im Verkehr mit dem Auslande cingcfübri werden. Die deutsche Postverwaltung sei mit der holländischen in Verbindung getreten, um einen billigeren Telephontarif mit Holland zu bekommen. Der Rest des Etats wird angenommen. Damit ist die zweite Berathung des Postetaterledigt. Der Etat der Reichsdruckerei wird ohne Debatte in zweiter Berathung angenommen. Damit ist die Tagesordnung erledigt. Nächste Sitzung Dienstag 1 Uhr (Petitionen, Etats deS Reichsinvalidenfonds imd der Reichseisenbahnen). Schluß 4% Uhr. 3>er Trierer Bischof Korum vor dem Farlamentsforum. Im preuß. Abgeordnetenhause erklärte am Montag Ministerpräsident Graf Bülow auf die nationalliberale Interpellation betr. die Verfügung des Bischofs Ko- rum in Trier: Bevor der Kultusminister auf die Einzelheiten der Angelegenheit eingehe, müsse er sagen, daß der konfessionelle Friede durch ein Vorgehen wie das des Bischofs von Trier gefährdet werde. Er bedauere das um so lebhafter, als für einen solchen plötzlichen .Vorstoß keinerlei Veranlassung vor- liege. Der Bischof habe wegen der Trierer Schulverhält- nisse bei der Regierung keinerlei Schritte getan und auch im Abgeordnetenhause seien bisher keine derartigen Ausstellungen erhoben worden. Die bezüglichen Etatstitel seien regelmäßig anstandslos bewilligt worden. Das Vorgehen des Bischofs sei um so auffälliger, als er habe wissen müssen, daß er, der Ministerpräsident, stets Gerechtigkeit übe gegenüber den beiden Konfessionen. Er, Bülow, sei stets aufrichtig bemüht, berechtigten Klagen der katholischen Mitbürger gerecht zu werden. Ein konfessioneller Zwiespalt müsse durch Gerechtigkeit behoben werden, das habe der Bischof äußer Acht gelassen und seine schroffe Form erschwere eine Verständigung. Soweit Mängel bestehen, müsse der Staat sie beseitigen. Die Regierung erwarte aber, daß der B i s ch o f seine Verfügung rückgängig macht. Durch die Abreise des Bischofs nach Rom habe die Regierung nicht direkt mit ihm verhandeln können, und deshalb den Gesandten beim Vatikan ersucht, die Aufmerksamkeit der Kurie auf den Fall $u lenken. Die Regierung wünsche, daß durch die Trierer Angelegenheit das Verhältnis zwischen Staat und Kirche nicht gestört werde. . . Sodann nahm das Wort der Kultusministe r Dr. Studt. Derselbe ging zunächst auf die Trierer Schul- oerhältnisse ein und führt aus, daß die Broschüre des Bischofs Korum betreffs der Beschwerde unbegründet sei. Der Bischof habe den Streit einfach vom Zaune gebrochen, ohne vorher den Versuch zu machen, bei ihm, dem Minister, Abstellung seiner Beschwerden zu erreichen. Die UnterrichtsverwaUung werde dem ihr auf» gezwungen en Kampf mitRuhe entgegensetzen und sich ihrer Pflicht und ihrer Aufgabe, die Rechte des Staates und den konfessionellen Frieden zu wahren, stets bewußt bleiben. . Aeran reihten sich Reden von Aogeordneten der verschiedensten Parteien. Später nahm nochmals Ministerpräsident Graf Bülow das Wort und erkläre, als Mann des Friedens wolle er annehmen, daß der Erlas des Bischofs nicht ein Wetterleuchten vor dem Lturm, sondern nach dem Sturm des Kulturkampfes sei. Sollte^ aber Sturm komnien, so trage die Regierung nicht die schuld. Dor ihm, dem Ministerpräsidenten, |eien Kon^kle keine Sportsache, er suche Konflikte nicht schon im Jnterefte der Aktiv ns frech eit gegenüber dem Auslande, aber der Au-- fechtung notwendiger Konflikte werde er (ich nicht ent- zieben Bülow erklärte noch, daß das Abkommen über die Errichtung einer katholisch-theologischen Fakultät in Straßburg zu den guten Abkommen gehöre, welche beide Teile befriedigten. Die Regierung stehe nach wie vor auf dem Modus Vivendi, den Fürst Bismarck mit de m g egen io artigen Papst vereinbart habe. Wir wollen selbst den Frieden, verlangen aber auch von der andern Seite Wahrung des Friedens. Gegenüber der Intoleranz gebe es keine Toleranz. Die Besprechung wurde darauf geschlossen. Bischof Korum wohnte, wie aus Trier telegraphiert wird, der dortigen Pap st fei er nicht bei. Er war vorher nach Kob lenz abgereift Die ihn vertretenden Geistlichen erwähnten den Trierer Schulkampf nicht. Politische Tagesschau. Der neue Generalsekretär der Nationalliberalen, Herr Breithaupt, ist öffentlich hervorgetreten durch eine Rede in Frankfurt a. O. am vorigen Mittwoch zur Empfehlung der nationallib. Kandidatur Schwabach. In derselben hob Breithaupt hervor, daß alle grundlegenden Gesetze im Reiche im Wesentlichen gegen den Widerstand bet konservativen Partei durchgeführt werden mußten. So groß die Verdienste des Liberalismus um die Fertigstellung und den Ausbau des Reiches gewesen sind, so habe der Liberalismus augenblicklich nicht mehr den ihm gebührenden Einfluß, und es sei Pflicht seiner Anhänger, ihm diesen Einfluß nach Mglichkeit wieder zurückzugeben. ,5)er Liberalismus weiß gar nicht, welche unverwüstliche Lebenskraft in ihm steckt, und daß er nur richtig erweckt und geführt sein will, um all den Gegnern von rechts und links, die eifrige Totenarbeit verrichten, zu beweisen, daß es noch lange Zeit hat, Trauertränze auf seinem Grabe niederzulegen.* Der Redner sprach auch vom Bunde der Landwirte. So sehr man die Bildung des Bundes an sich verstehen könne, ebenso entschieden ist Stellung zu nehmen gegen die Leitung dieses Bundes der Landwirte, dessen diktatorische Wirksamkeit nach Ansicht vieler einsichtiger Männer der Landwirtschaft nicht zum Segen gereicht und auch in der Folge nicht gereichen wird. Mit dem Zentrum sei ein Kartellabschluß schlechterdings nicht möglich, weil es in mißbräuchlicher Weise die Religion zu politischen Zwecken anwende. Um so notwendiger sei für den <5ie g des Liberalismus das Zusammenschließen der Liberalen. Aus Äadt uui) £ani>. Gießen, 3. März 1903. — Oeffenrliche Lesehalle. Im Februar wurden 2312 Bände ausgeliehen. Davon kommen auf: Erzählende Litteratur 922, Zeitschriften 701, Zugeno^riften 290, Litteraturgeschichte 16, Länder- und Völkerkunde 54, Kulturgeschichte 20, Geschichte und Biographien 106, Naturgeschichte und Technologie 109, Seewesen 10, Hauswirtschaft 4, Philosophie und Religion 14, Staatswissenschaft 6, Fremdsprachliches 17 Bände. — An Auswärtige wurden 98 Bände verliehen. P. Turnerisches. Bei der am vergangenen Sonntag in der neu erbauten Turnhalle der Turngemeinde Hanau stattgehabten Zusammenkunft der freien Vereinigung der Vorturner des Mittelrheinkreises waren die beiden hiesigen Turnvereine mit je einer Musterriege am Barren vertreten. Bei der Kritik erhielten für ihre Leistungen der Turnverein die Note „vorzüglich", der Männerturnverein die Note »gut6, § Butzbach, 2. März. Das hiesige Unteroffizierkorps veranstaltete am SamStag Abend im »Hessischen Hof" eine Feier, welche auch von Offizieren und Zivil besucht war. Der musikalische Teil des Programms wurde von Mitgliedern der Offenbacher Regimentskapelle ausgeführt. — Von SamStag auf Sonntag wütete ein orkanartiger, zeitweise mit Gewitter begleiteter Sturm über unserer Gegend, welcher neben Beschädigungen an Gebäuden und Verheerungen in der freien Natur auch auf mehreren Strecken Störungen in den Telegraphenleitungen , hier sogar Kurzschluß bei der oberirdischen Leitung unserer elektrischen Stadtbeleuchtung, verursachte, sodaß letztere schon am Abend gegen 9 Uhr von der Zentrale aus eingestellt werden mußte. Offenbar infolge ungenügender Spannung der Drähte des Hauptleitungsnetzes ist das gefahrdrohende Zerreißen und Gegeneinanderschleudern solcher eingetreten, wodurch das Erglühen und Funkensprühen noch anderer Leitungsdrähte hervorgerufen wurde. Heute vormittag waren die letzten Arbeiten der Wiederherstellung beschädigter, resp. gestörter Leitungsstrecken vollendet. Mainz, 2. März. Der Deutsche Weinbaukongreß findet hier vom 14. bis 18. August statt und eS ist für denselben ein reiches Programm aufgestellt. Letzteres umfaßt außer den drei, lehrreiche Referate über die verschiedensten sachlichen Fragen darbietenden Kongreßsitzungen, eine Kostprobe hessischer Weine aus den verschiedenen Gebieten, Ausflüge u. s. w. Auch ist mit dem Kongreffe eine allgemeine Ausstellung von Vorrichtungen und Bedarfsgegenständen für Weinbau, Weinbereitung, Weinbehandlung, Kellerwirtschaft und der dabei in Betracht kommenden Unfallverhütungsvorschriften , Wemoersandt, fachwissenschaftliche Sammlungen, Präparate, 2lpparate, sowie Fachschriften verbunden. Kleine Mitteilungen aus Hessen und de» Nachbarstaaten. Zn Bad Nauheim erhängte sich, wie man uns mitteilt, ein im 79. Zahre stehender gutsituierter Herr, der längere Zeit leidend gewesen iß, jedenfalls in einem Anfall geistiger Umnachtung. Vermischtes. * Berkin, 2. März. Eine neue Kuppelei-Affäre beschäftigt die hiesigen Behörden. Die unverehelichte Marie Bredow wurde in Untersuchungshaft genommen,weil sie in ihrer Wohnung am Schiffbauer Damm schulpflichtige Mädchen zu unsittlichen Zwecken Herren zugeführt hatte. — liegen den Vertrauensmann der Berliner Metallarbeiter Cohen und mehrere seiner Genossen ist Anklage wegen Landfriedensbruchs erhoben worden. Das Strafverfahren geht auf Vorgänge zurück, die sich seinerzeit beim Klempnerstreik ereigneten. * München, 2. März. Giron ist Freitag früh mit dem Würzburger Schnellzuge hier angekommen und um 9 Uhr 24 Min. mit dem Salzburger Schnellzug wieder (16gereift. Von Ansbach aus war die Ankunft Girons telegraphisch signalisiert worden. * Paris, 2. März. In der hiesigen bayerischen Gesandtschaft wurde ein Diebstahl verübt, der zweifellos dem seit gestern verschwundenen Privatdiener des Geschäftsträgers Frhrn. v. Guttenberg, einem Schweizer Namens Schmitz, welcher demnächst den Dienst verlassen sollte, zur Last fälll. Gestohlen wurden 5200 Franks Privatgelder und 200 Franks für Unterstützungszwecke bereit liegende Gelder, hingegen keinerlei Wertpapiere oder Schriftstücke. * Ein Raubmörder such gegen eine alte Dame, ist, wie wir bereits gestern in Kürze meldeten, am Sonntag in Neuweißensee bei Berlin verübt worden. In der Sedanstraße wohnt im ersten Stock eine 74 Jahre alte Rentnerin, Wllwe Marie Josephson, für sich allein. Die Frau war mit ihrer kränklichen Tochter viel in Bädern. Als die Tochter starb und in Weißensee beerdigt wurde, zog sie dort hin, um in der Nähe ihres Grabes zu sein. Fast täglich besuchte sie den Friedhof und wurde so auch den dort beschäftigten Arbeitern bekämet. Zu diesen gehörte auch ein gewisser Struck, dessen 23jährige Tochter Anna mit einem Tischler Radon verheiratet ist. Durch ihren Vater hörte auch Frau Radon wohl öfter von der alten Rentnerin, die in Weißensee in dem Ruse einer Millionärin steht, und sie Halle auch einmal die Gelegenheit, mit einer anderen Frau zusammen bei ihr die Teppiche zu klopfen. Diese jugendliche Frau har nun die alte Dame zu ermorden versucht. Vorgestern ging Frau Josephson aus. Als sie nach Hause, tarn ein Mädchen zu ihr. Die Person nannte sich Struck, gab an, daß sie eine Tochter des Fried ho sarbeiters Struck sei, und Frau Josephson schon länger kenne. Hier brachte sie bann, während die alte Rentnerin ihr Abendbrot verzehrte, chr Anliegen vor. Sie wolle in Dienst gehen und suche eine Stelle. Frau Josephson versprach ihr, sie einer Nichte zu empfehlen. Als die Frau gegessen hatte, fragte die Struck, ob sie beim Abräumen helfen könne. Wahrend die alte Dame die Speisekammer öffnete, blies ihr Besuch plötzlich die Lampe aus. Auf die verwunderte Frage, was das bedeuten solle, erhielt sie keine Antwort. Ihr Besuch packte sie vielmehr mit beiden Händen, drückte ihr die Kehle zu, versetzte ihr mehrere Schläge aus den Mund, warf sie hin und stieß ihr mit den Worten: „Du A. . giebst Du Dein Geld her? Sonst steche ich Dich tot!" die Faust in den Mund. Mit der einen Hand schlug sie ununterbrochen auf die schwächliche Greisin ein und würgte sie, bis diese besinnungs- und regungslos liegen blieb. Nun schleppte die kräftige Person ihr Opfer, das sie ohne Zweifel für tot hielt, in die Speisekammer und warf die Tür zu. Dann öffnete sie mit den Schlüsseln, die sie auf dem Tische fand, sämtliche Behälter und durchwühlte sie. Da Frau Josephson stets chren Bedarf in kleineren Beträgen schicken ließ, so erbeutete die Räuberin nur ein Portemonnaie mit 11 Mark. Außerdem nahm sie ein kleines Nippestischchen, eine Schmuckpalme und einen großen Teppich mit, den sie zusammenrollte. Zum Durchsuchen der Wohnung hatte sie Zeit genug, da die alte Frau erst um 11 Uhr wieder zu sich tarn. Nachdem die furchtbar mißhandelte Greis in wieder etwas zu Kräften gekommen war, schleppte sie sich mühsam auf den Flur hinaus und zur Wohnung des Verwalters hinauf, vor dessen Tür sie wieder zusammenbrach, nachdem sie angeklopft hatte. Der Verwalter fand sie mit blutigem Gesicht und geschwollenem Halse daliegen. Mit Hilfe seiner Angehörigen brachte er sie in ihre Wohnung und ins Bett und holte dann die Polizei und einen Arzt. Dieser brachte die Greisin durch Stärkungsmittel und Eisumschläge wieder zu sich, sodaß sie angeben konnte, was mit ihr vorgegangen war. Das Sprechen wurde ihr außerordentlich schwer, da auch die Zunge stark! geschwollen ist; die Räuberin hatte augenscheinlich versucht, sie ihr heraus zureißen. Ein Kriminalkommissar schöpfte sofort Verdacht gegen Frau Raoon, die wegen Diebstahls in Verdacht steht, und verhaftete sie aus dem Bett heraus. Eine Haussuchung förderte auch das Tischchen, die Palme und den Teppich zutage. Trotzdem leugnet die Festgenommene hartnäckig, das Verbrechen begangen zu haben. Wie die Sachen in ihre Wohnung gekommen sind, will sie nicht wissen. Ihr eigener Mann belastet sie schwer, indem er angieBt, daß sie sich herumttiebe und auch am Samstag spät nach Hause gekommen sei. Man erkannte sie als die Person wieder, die auf Frau Josephson wartete. Auch Verletzungen an den Händen deuten auf ihre Täterschaft; sie rühren ohne Zweifel von den Zähnen der Ueberfallenen her, während die Verhaftete nicht wissen will, wie sie dazu gekommen sei. Während das Verbrechen gegen Frau Josephson verübt wurde, ist auf dem Hose des Hauses ein fremder Mann gesehen worden. Ob auch dieser bei dem geplanten Raubmorde seine Hand im Spiele hatte, ist noch nicht festgestellt. Kunst und Misseuschnst — Ans Frankfurt wird uns geschrieben: Die offizielle Frühjahrsausstellung des Frankfurt-Eronberger Künstlerbund es imK u nstv ere in ist soeben geschlossen worden. Im Laufe der nächsten Woche eröffnet der Kunswerein eine Sonderausstellung von Werken des Hollanders I. H. Wysmu11er. Tieser Künstler gilt als einer der gesuchtesten Dialer der holländischen Landschaft. Während er nach Deutschland hin bislang weniger hervorgetreten ist, besitzen das Reichsmujeum in Amsterdam und viele Prioatgallerien in Holland, England und Amerika Werke seiner Hand. Geboren ist Wysmuller 1855; im Alter von 22 Jahren wandte er sich der Malerei zu und besuchte kurz die Kunstakademie in Amsterdani und Haag, woraus er sich, schnell zu Ansehen und ehrenvolleii Auszeichnungen gelangt, dauernd in Amsterdam nieder- ließ. — In der März°Ausftellung des Kunstsalons Hermes sind mit größeren Sonder-Ausstellungen vertreten: Benno Becker- München und Ferd. Keller-Karlsruhe, während von Hans Thome, F. v. Lenbach, Teffregger, I. v. Brandt, W. Leibi, Franz Stuck und sonstigen ersten Dieistern ausgesuchte Einzelwerke ausgestellt wurden, sieben einem kleineren Gemälde von Arrwld Böcklin: „Ruine einer Kapelle am Meer", hübet das große Werk dieses Meisters: „Bon Seeräubern überfallene und in Brand gesteckte Burg" aus dem Jahre 1884, eine besondere Anziehungskraft der reichhaltigeii -Sammlung. Gerichlsfaal. ll. Leipzig, 2. März. Wegen Widerstandes, Körperverletzung und Bedrohung ist am 31. Oktober v. I. vom Landgericht Gieß en der Metzgergeselle Michel zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt worden. In Marienschloß ijatte er eine dreizehnjährige Zuchthausstrafe zu verbüßen. Er ist schon 40mal mit Ordnungsstrafen dort belegt worden, )a er ein sehr „schwieriger" Gefangener ist. Weil er auf dem Hofe einem anderen etwas in die Hand drüctte, sagte der Wärter K., er werde es anzeigen müssen. Daraufhin wurde der Angeklagte unangenehm und verübte verschiedene Ausschreitungen. — Auf seine Revision hob heute das Reichsgericht das Urteil auf und verwies die Sache an das Landgericht zurück, weil nicht festgestellt ist, daß der Angeklagte den K., den er mit einer Wasser kann e geworfen hat, auch wirklich getroffen hat. Allsmg ass ien KicheMchn« der Stadt Gieße«. Evangelische Gemeinde. Getaufte. Matthäusgemeinde. De»l 22. Februar. Denl Schriftsetzer Paul Scheibe ein Sohn, Paul Georg Roben Karl, geb. den 30. Nov. Ten 25. Febr. Dem Taglöhner Ronrafc Schneider ein Sohn, Ernst, Friedrich Wilhelm, geb. den 4. Aug. Den 27. Febr. Eine uneheliche Tochter, Johanna Margarete, geb. den 15. Febr. Markusgemeinde. Den 22. Februar. Dem Küfer August Klemmrath eine Tochter, Luise Christiane Bertha Elise, geb. den 12. Jan. Dem Fuhrmann Philipp Möbus eine Tochter, Katharine, geb. den 9. Jan. Luka sgemeindc. Den 22. Februar. Dem Bäckermeister Heinrich Liiüwig Reuß ein Sohn, Karl, geb. den 15. Jan. Johan neSgemeind c. Den32.Febr. Dem Kutscher Karl Heinz ein Sohn, Rudolf Karl, geb. den 15. Jan. Dem Fuhrmann Kaspar Rang eine Tochter, Margareta Katharina geb. den 9. Jan. Beerdigte. Dl a r k u s g e m e i n d e. Ten 24. Februar: Christoph Becker, Bahnarbeiter i. P., ein Witwer, 87 Jahre alt, starb den 22. Febr. 2u kasgemeinde. Ten 24. Febr. Karo» linc Weber, Tochter des Hofgerichtsrats Friedrich Weber, 60 Jahrc alt, starb den 21. Febr. EmgesanSt. (Für Form und Inhalt aller unter dieser Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.) Hun gen, im März. Die Stadt Hungen hat mit dem Turnverein gemeinsam vor sechs Jahren eine Turnhalle erbaut, welche zwar den turnerischen Ansprüchen genügt, jedoch den großen Mangel zeigt, daß keine Bedürfnisanstalt und kein Raum für das Heizungsmaterial vorhanden ist. Der Turnverein selbst vermißt sehr einen Turnplatz, den er vor dem Bau der Halle besessen hat. Den Uebelständen ist aber sehr leicht abzuhelfen, wenn von dem an die "Turnhalle direkt angrenzenden großen Pfarrgarten ein Teil als Turn- und Spielplatz an die Gemeinde abgetreten würde. Der Nutznießer desselben hatte auch in zuvorkommender Weise schon angemessene Preise gestellt, der Kirchenvorstand jedoch soll in seinen Forderungen zu hoch gegangen sein. Vielleicht spricht der Herr erste Pfarrer ein Machtwort ober die Großh. Kreis,chulkomMission nimmt sich einmal der Sache an. Ein Turner. Meteorologische Beobachtungen der Station Gießen. März 1903 2*0: 27“® | c = ’S -o 8 Wetter 3r» 9=6 7” 738,8 +64 730,3 +4,9 724,6 +5,2 65 SSW 78 8. 87 8. Bew. Himmel Regen Bew. Himmel Höchste Temper-atur am 1.—2. März + 64° G. Niedrigste , , 1.—2. „ + 3,4" 0. Neueste Meldungen. Originaldrahtmeldungen des Gießener Anzeigers. Kandel und DerKehr. Volkswirtschaft. M ü n d) e n, 2. März^ Wie dem „Südd. Korresp.-Bureau" mitgeteill wird, hat ein Konsortium, bestehend aus der Kgl. Bayerischen Bank, der Bayerischen Hypotheken- und Wechsel- janf, der Bayerischen Vereinsbank, der bayerischen Filiale der Deutschen Bank in München, der Bayerischen Handels- :>ant, der Pfälzischen Bank, ferner dem Banthause Merck, Finck u. Co., der Vereinsbank Nürnberg, dem Bankhause v. Erlanger u. Söhne in Frankfurt a. S.UL, der Direktion der Distontogesellschaft in $terlin und dem Bankhause Robert S. Warschauer in Berlin eine 3i/2 proz. Bayerisch e Staatsanleih e im Nominalbeträge von 50 Mill. Mk. übernommen. Die Anleihe wird in nächster Zeit zur Zeich-. nung aufgelegt werden. Berlin, 3. März. Hier konstituierte sich gestern eine Gesellschaft zur Dekämp fung des Kurpfusch er- tums. Eine große Zahl von Aerzten und Laien sind bis jetzt beigetreten. Hakle, 3. März. Die städtischen Behörd en bewilligten gestern zum Empfang des Kaisers und der K a i j e r i n anläßlich der am 2. Sept, stattfindenden Ein weihung der Pauluskirche einen Betrag von 50 000 Mk. Verlobte verlangen von der Darmstädter Möbel-Fabrik, Darmstadt, Offerte nebst Katalog und Preisliste. Aedeulendsles und größtes Einrichtungshaus Mittel- und Süddeutfchlands für alle Stairde. 160 Zimmer - Einrichtungen wohnungssertla, einschließlich Küche. Sehenswürdigkeit 1. RaugeS. Spezialität: Brautausstattungen in jedem Genre und Preis. Konkurrenzlos in Auswahl, Form, Gediegenheit und Preis. 64 Einiges üver ^uugenyeilanstatten. ii. Fragen wir nun, was ist bis setzt zur Bekämpfung dieser mörderischen Volkstr an kh eit geschehen, so hören wir, daß schon im Altertum, ungefähr 150 Jahre vor Christi Geburt, der berühmte römische Arzt Galenus eine der modernen ähnliche Behandlung der Lungentuberkulose empfahl, int)ent er die Kranken ins Gebirge schickte und sie viel Milch hrinken ließ. Obwohl nun die Lehren dieses berühmten Arztes die ärztliche Wissenschaft bis ins 16. Jahrhundert beherrschten, ist es nicht bekannt, ob seine Ratschlage für Lungenkranke in größerem Maßstabe befolgt wurden. Erst dem 19. Jahrhundert war es befchieden, diesen wertvollen Weg wieder zu finden, nachdem man sich in früherer Zeit hauptfachlich mit der Suche nach einem sogen, spezifischen Heilmittel beschäftigt hatte. Aber auch im 19. Jahrhundert batiri der große Aus- Ichwung des Lungenheilverfahrens erst, aus dem letzten Jahrzehnt, nachdem die sozialpolitische Gesetzgebung, die rm Jahre 1881 vom Kaiser Wilhelm I. und unserem großen Bismarck eingeleitet wurde, vollendet war und die Mittel berett gestellt hatte, dem großen Heere der Arbeiter wert- '^sorge m^rcmcheitstagcn und in den Jahren der Invalidität zuteil werden zu lassen. Den Arbeitern sei an dieser stelle ins Gedächtnis gerufen, daß diese für sie fo segensreiche Gesetzgebung gegen den Willen und gegen öic -stimmen der ^opialbemofratic zustande kam. ... _. ~^c, ir^cn, Heilstätten in Deutschland waren nur für ^0^6111)0 bestimmt, wie auch der ziemlich gleichzeitig x? r *** Oon9en Jahrhunderts aufgcfommenc Besuch des Hochgebirges mir den Bemittelten möglich inar Die älteste Lungenheilstätte in Deutschland ist die in Görbersdorf ^n Schlesien, die von einem Arzte Namens Brehmer im <>ahre 1854 in einfachster Form gegründet und 1862 zuerst vervollkommnet wurde, dann folgten 1873 die Anstalt in Reiboldsgrün in Sachsen, 1875 eine zweite Anstalt in Görbersdors, 1876 Die in Hessen am besten bekannte Anstalt in Fairenstein im Tamrus, sie alle nur bemittelten Kranken zugänglich. Die erste größere Volksheilstätte so bezeichnet man die für Minderbemittelte bestimmten Lungenheilanstalten — wurde 1895 von einem Frankfurter Verein bei Ruppertshain im Taunus eröffnet, dann aber nahmen in allen deutschen Gauen die Jnvaliden-Versicherungsanstalten die Arbeit auf, in hochherzigem Wettbewerbe mit gemeinnützigen Vereinen, Städten, Kreisveröänden usw., sodaß durchs vereinte Arbett in dem kurzen Zeitraum von sieben Jahren ein Netz von 64 Bolksheilstätten über ganz Deutschland ausgebreitet wurde; dazu kommen noch ca. 20 Privat-» anftalten, die aber auch großenteils minderbemittelte Kranke aufnehmen. Auf diese Weise können jetzt alljährlich 15 bis 20000 Lungenkranke eines wertvollen Heilverfahrens teilhaftig werden. Wie wertvoll ein solches Heilverfahren für den Einzelnen und durch die immer steigende Zahl der Heilstättenpfleglinge auch für die Gesamtheit des Volkes aber ist, ist noch viel zu wenig bekannt. Es muß aber gleich hier darauf hingewiesen werden, daß die meistens auf nur ein Vierteljahr bemessene Unterbringung der Erkrankten in einer Heilstätte nur ein Glieb in Der Kette der Bekämpfungsmaßregeln darstellt, daß die in der Heilstättenbewegung mastgebenden Kreise von Anfang an 'von einer so kurzen Kur nicht eine Ausrottung der Krankheit erwarteten, wie manche Gegner der Heilstättenbewegung mi glauben scheinen, sondern daß gerade diese hervorragenden Förderer der Bolksheilstätten schon früh, ehe die Erfolge, von denen unten die Rede fein soll, bekannt waren, darauf hingewiesen haben, Daß eine Besserung Der Wohn- ungs- und Erwerosverhältttisse in Stadt und Land, die Schaffung gefunoer Arbeitsgelegenheit für die entlassenen Pfleglinge, die Fürsorge für die Unheilbaren, die Fürsorge für gefährdete schwächliche Kinder von Lungenkranken tu der Absicht, sie vor Erkrankung zu bewahren usw., ebenso notwendig seien, us die Heilstättcnpflege. Wir müssen uns, wie in alten Stücken, so auch bei Besprechung dieser ergänzenden Maßregeln ans die Anführung einzelner Beispiele beschränken. Zum Zwecke der Erbauung gesunder Arbeiterwohniingen werden von allen Invaliden Versicherungsanstalten Tar- lehen 311 günstigen Bedingungen gegeben, und manche haben die Errichtung solcher. Bauten direkt veranlaßt. So sind im Kreise Altena (Westfalen) auf einer Reihe von Fabrik- anwesen Arbeiterwohnungen in größerer Zahl gebaut worden, die Familien zugewiesen werden, in denen ein lungenkrankes Familienglied lebt. Für dieses ist jedesmal ein besonderes, von der übrigen Wohnung getrenntes, geräu miges Zimmer bestimmt. Was die Beschaffung von Arbeitsgelegenheit in gefunkt heitsförderlicher Weise betrifft, so ist dazu ganz besonders die Mitarbeit weiter Bevölkerungskreise erforderlich. Ein zelne Versicherungsanstalten haben aber die Sache auch schon selbst in Angriff genommen durch die Errichtung ländlicher Kolonien für die aus den Hellstätten entlassenen Lungen kranken und solche, die einer Heilstättenkur nicht geradc bedürfen, z. B. die Landesversicherunganstalt.-oannoder. Für tuberkulöse Kinder errichtet man jetzt auch Heil stätten, die erste war die in Belzig bei Berlin, für schwäch liehe Kinder errichtet man Erholungsstätten, unterstützt die Ferienkolonien, bekümmert sich um die Beschaffenheit und Reinlichkeit der Schulen. Tic Anstellung besonderer Schul arzte ist auch ein großer Fortschritt. Bon anderen Bc kämpfungsmatzregeln der Tuberkulose seien beispielsweise noch angeführt die Förderung der Errichtung von Volkse bädern, die Aufstellung von Spucknäpfen auf den Bahnhöfen, in öffentlichen Lokalen rc., der Anschlag aufklärender Schrif- ten an öffentlichen Stellen, in Dureauräumen der Behörden, auf den Bürgermeistereien, die Beaufsichtigung des Nähr ungsmittelwefens (Fleischbeschau, Ausschluß tuberkulösen Fleisches vom Verlauft, die Bekämpsung des Mißbrauchs geisttger Getränke ?c. Alles ist noch im Werden begriffen, aber überall finben wir ein frisches, kampfesfrohes Schaffen, unser Volk von ber mörderischen Seuche zu befreien. Und an dieser für unsere Volksgesundheit, Volkswehrkraft und Volkswohlstand hochwichtigen, edlen und menschenfreundlichen Arbeit sollte sich jeoer beteiligen, der ein Herz für die Not feiner Mitmenschen hat; jedermann sollte die De strebungen der Heilstättenbewegung unterstützen durch Mitarbeit, durch Vorbild, durch Geldbeiträge. In unserem Lande ist jedem unbescholtenen Bürger Gelegenheit geboten, durch Beittitt zu dem ,^öeilstättenverein für das Großherzogtum Hessen" an der hohen Aufgabe mttzuarbeiten. Der Vorstand dieses Heilstättenvereins hat seinen Sitz in Darmstadt; der Jahresbeittag beträgt mindestens 2 Mark. E—.