Gießener Anzeiger Sonderausgabe zu Nr. 282 Zreitag, 29. November 1901 Rotattonsdmck und Verlag der Brühl'scheu Universitäts-Druckerei (Pietsch Erben), Gießen. Verantwortlich für den allgemeinen Teil: P. Wittko; für den Anzeigenteil: H. Beck. Neueste Meldungen. Origirraldrahtmelduugen des Gießener Anzeigers. Berlin, 29. Nov. Die Stadtverordneten-Versammlung hat gestern beschlossen, den vom Magistrat nach dem Wunsch des Kaisers ausgestellten Entwurf zur Ausgestaltung der Straße Unter den Linden zuzustimmen. Berlin, 29. Nov. Die „Voss. Ztg." meldet aus Ko bürg: yn einigen Tagen folgt die Prinzessin Elisabeth von Hessen ihrer Mutter nach Nizza. Berlin, 29. Nov. In Abgeordnetenkreisen ist man der Memung, daß die Generaldebatte des Etats im Reichstage weit interessanter werden dürfte wie die des Zolltarifs. Es liegt die Absicht vor, eine ganze Reihe von Fragen an- -nschneiden, hie die öffentliche Meinung vielfach bewegt haben. Den Höhepunkt der Verhandlungen dürste die China- debatte bilden. Köln, 28. Nov. Ueber das Vermögen des Dr. Heinrich Pfahl in Bonn, der zu zahlreichen Erzbergwerken intime Beziehungen unterhielt, u. a. auch zu den norm. Fernie scheu Braunsteinbergwerten, wurde der Konkurs eröffnet. Köln 0. Rh., 29. Nov. Bei der Station Buir auf der Sttecke Düren—Köln entgleiste gestern abend ein Personenzug, wobei mehrere Wagen zertrümmert wurden. Zwei Personen sollen, soweit bis jetzt festgestellt wurde, getötet, 18 mehr oder weniger schwer verletzt sein. Madrid, 29. Nov. Eine reiche Dame hatte den Armen eine halbe Million Pesetas hinterlassen, die gestern verteilt werden sollten. Ganze Scharen stürzten in das betreffende Gebäude und zerbrachen Thüren und Treppengeländer. Es entstand ein furchtbares Gedränge, bei dem viele Personen verletzt wurden. 60 Schutzleute hatten Mühe, den Platz mit blanker Waffe zu säubern. Die Verteilung soll noch praktischer organisiert werden. Detroit, 28. Nov. Auf der Wabashbahn stteß in der Nacht bei Seneca ein Eisenbahnzug, von dem zwei Waggons mit Einwanderern besetzt waren, mit einem entgegenkommenden Zuge zusammen. Ersterer wurde zertrümmert und geriet in Brand. 8 0 Personen wurden getödtet, 15 0 verletzt, davon 25 schwer. Die Schuld an dem Eisenbahnunglück trifft den Einwandererzug, der von der Station Seneca weiterfuhr, während er auf das Eintreffen des anderen Zuges hätte warten müssen. DcrlWidlmW» dcs Dcutschcn Rcichstancs. Parlamentarische Verhandlungen. Rachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet« Deutscher Reichstag. SS. Sitzung vom 28. November 1 Uhr. Das Haus ist schwach besetzt. Am Bundesrathstisch: Graf Posadowsky u. A. . , ®lc Novelle zur Strandungsordnung wird in $r‘ttcr Berathung ohne Debatte defin tiv erledigt. Auf der Tagesordnung steht sodann die Fortsetzung der zweiien werathung der Seemann sordnung. Die Berathung tcginnt beim § 4 (Zusammensetzung der Seemanns-uemter). Nach dem Ltommissionsbeschlutz sollen diese Aemter mit einem Vorsitzenden und zwei schisffahrtslundigen Beischern besetzt fern. Abg. Cahensly (Str.) beantragt, „daß der eine Beischende den Kreisen der scebefahrenen Schiffsleutr zu entnehmen ist, falls das Verfahren nd) gegen einen Schiffsmann richtet". Die Sozialdemokraten Albrecht und Gen. beantragen, datz unter allen Umständen einer der Beisitzer ein Seemann sein mutz, daß die Beisitzer Tagegelder uiid Neisekostenvergiitung er- haltcii und daß vor den Seemanns-Aemtern die Oeffentlichkeit und Mündlichkeit des Verfahrens platzarcifen mutz. .blbg. Rettich (tuns.): Ich habe in der Kommission keinen Zwcftel darüber gelassen, daß ich mich auf den Standpunkt der Fürsorge für die seenmnnische Bevölkerung stelle. Aber diese Fürsorge hat eine Grenze: es muß nämlich unbedingt dafür gesorgt werden, daß die Disziplin auf dem Schiffe austecht erhalten wird Im Interesse der Disziplin werde ich daher sowohl gegen den Anttag Albrecht, wie gegen den Anttag Cahensly stimmen. , . Abg. Cahensly (Str.) ist der Meinung, daß sein Anttag in keiner Werse dazu oeittagen forme, die Disziplin zu lockern. Abg. Raab (Antis.): Ich wollte Sie eigentlich bitten, den An- ttag Albrecht anzunehmen, glaube aber, daß es schließlich genügt, wenn wrr wenigstens dem Anttag Cahensly zustimmen. Gegen diesen Antrag kann man jedenfalls nichr einwenden, daß er die Disziplin gefährde. So lange das Seemannsamt nur mit den Vorgesetzten der Mannschaft besetzt ist, wird diese nicht mit dem rechten Vcrttauen zu ihren Richtern aufblicken. Es kann dod) nur gut sein, wenn Jeder möglichst von fernen Standesgenossen gerichtet wird. Auch die Oeffentlichkeit des Verfahrens muß nothwxndig eingcführt werden, wenn die Seeleute zum Seemannsamte Vertrauen fassen sollen. Wie kann man in unserer Zeit noch ein Verfahren billigen, das nicht das Prinzip der Oeffentlichkeit anerkennt! Bremischer Bundesbevollmächtigtcr Senator Dr. Pauli giebt zu, daß durch die jetzige Fassung des Antrags Cahensly ein Thcil der Bedenken gegen den ursprünglichen Antrao beseitigt sei, bittet aber, auch den abgeschwächtcn Anttag abzulehncn. Geh. Rath Dr. DungS bittet ebenfalls um Ablehnung des Antrages Cahensly, der ein neues Prinzip für die Scemanns-Acmter aufstelle und zu den bedenklichsten Konsequenzen führen würde. Schon aus den Worten des Abg. Raab gebe hervor, daß der Anttag ein Anhaltspunkt [ür die Einführung einer Standesrechtsprcchung sein könne. Abg. Herzfcld (Soz.) meint, der Anttag Albrecht habe mit der Disziplin nickst das Mindeste zu thun. Wenn aber die Disziplin nur durch eine Klassenjustiz aufrechterhalten werden könne, dann könne er nur sagen: Zum Teufel mit dieser Disziplin! Die Kommission habe anfangs den sozialdemottatischen Anträgen zu- gesttmmt. Da jedoch die Rheder sich dagegen erklärten, sei der Senator Dr. Pauli dagegen ausgetreten und das Centrum habe sich dem bereitwillig gefügt. Das Ccntrum möge nächstens doch vorher die Regierung fragen, welche Anttäge cs stellen dürfe. .(Lachen im Centrum.) Senator Dr. Pauli: Ich habe die Centrumsanttäge nicht veranlaßt, sondern mick) im Gegenthcil stets gegen jede gesetzliche Bc- strinmnng gewandt, die die Theilnahme von seebcfahrencn Schiffs- lcuten an den Seemannsamtsvcrhandlungen obligatorisch macht. Jck> habe das nicht in Folge irgend welcher Einflüsterungen der Rheder gethan, sondern ich bin darin cinfacks meiner Ueberzeugung gefolgt. Es ist sehr bedauerlich, daß uns von gewisser Seite immer persönliche Motive untergeschoben werden. Abg. Kirsch (Ctt.) polcnrisirt gegen den Abg. Herzfeld. Man möge doch dafür sorgen, daß wenigstens etwas gebessert werde, damit es nicht bei den ungenügenden Kommissionsbcschlüssen bliebe. Zu einer Besserung führe aber allein der Centrumsanttag. Wenn das Ccntrum den sozialdemokratischen Antrag bekämpfe, so thue es das nicht, um sich der Regierung gefällig zu erzeigen, sondern aus boller Ueberzeugung. Abg. ykhgcr (Soz.) führt mehrere Fälle an, in welchen wegen angeblicher Gehorsamsverweigerung dcir Matrosen große Bcttägc von der Heuer abgezogen seien. Als sich in einem solchen Falle ein Seemann gegen die Ansckiuldigung vertyeidigcn wollte, habe der Wasscrschautc ihm gedroht, daß, wenn er nicht das Maul halte und sich sofort hinausschcre, der Abzug noch vergrößert werden würde. Die Ansicht des Gehcimraths von Jonqniöres, daß die (strafen nur 3 bis 5 Mark zu betragen pflegten, sei irrig, das Hamburger Seeamt verhänge solche Sttafen fast gar nickst; dort singen die Strafen erst bei 20 bis 25 Mark an. Die Besetzung der 2-ec- amter mit Beisitzern, die nicht wenigstens zum Theil den Kreisen der Seeleute selbst angehören, werde tiefes Mißtrauen gegen die ganze Institution bei den Seeleuten wachrufen, denn sie müßten ganz genau, daß eine Krähe der anderen die Augen nickst aushacke. Staatssekretär Dr. Graf von PosadomSky: Ich zweifle nicht daran, daß cs Kapitäne giebt, die unbillige Forderungen an die Mannschaften stellen, und ick) weiß sehr wohl, daß aud) nicht jeder Richter ein Salomo ist, aber ich betone immer wieder, daß, wenn die Thatbestandsmerlinale einer Nöthigung vorlicgeii, daß dann dem Seemann der Rechtsweg burdi die Vorlage nicht verschränkt wird. Abg. Dr. Herzfcld (Soz.) stellt fest, daß das Centrum gegenüber der ersten Kommissionslesung seine Anschauung gewechselt habe. Damals habe aud) in den Reihen des Ccntrums kein Zweifel darüber obgewaltet, daß einer der Beisitzer der in jenem Zeitpunkte noch in Aussicht genommener. Seeschöffengerichte ein Seemann sein sollte. Abg. Raab (Antts.) befürwortet, zum mindesten den Antrag Cahensly aiizunchmen Die Seeleute selbst wüßten die Nothwen- drgkcit der Disziplin zu schätzen; dieselbe würde daher aud) nicht darunter leiden, loenn die Seeleute an der Rechtsprechung be- theiligt würden. Damit schließt die Erörterung; § 4 wird in feinen ersten beiden Absätzen unter Ablehnung des sozialdemokratischen Anttages mit dem Anträge Cahensly angenommen. Der dritte Absatz des § 4 lautet: Ist ein Konsul Mitinhaber oder Agent der Rhederei des Schiffes, so ist er von der Wahrnehmung der im § 53 bezeichneten Geschäfte eines Seemannsamtes tbetreffend Seetüchtigkeit, Verpflegung und Ausrüsttmg des Schiffes) in Bezug auf dieses Schiss ausgeschlossen, wenn von dem beschwcrdcfuhrenden Schiffsoffizier oder der Mehrzahl der beschwerdeführenden Schiffsleute Wider- spruch erhoben wird. Abg. Metzger (Soz.) beantragt, daß über den Ausschluß der Schifssrath entscheiden solle, den der Kapitän unverzüglich aus den Schiffsoffizieren und einer gleichen Zahl von seebefahrenen Schiffs- leuten zu bilden habe. Unterstaatssekretär Rothe: Die Sozialdemokraten wollen eine Entscheidung, bei welcher ausnahmsweise einmal ein Bethei- hgter mitspncht, dadurch vermeiden, datz die Entscheidung Personen anheimgeben, die immer interessirt sind. Ich bitte, cs bei dem Kommissionsbeschluß zu belassen. , .Abg. Sfrcfc (freif. Vgg.): Ich würde davor warnen, wenn es sich darum handelt, vielleicht in wenigen Minuten eine Entscheidung herbeizuführen, was unter Umständen geboten sein kann, erst den umständlichen Apparat des Schisfsraths in Anspruch zu nehmen. Auch ,ch empfehle die Ablehnung des sozialdemottatischen Anttages. Was soll eine Entscheidung des Schiffsraths bedeuten, wenn die Ankläger zugleich die Richter sind? Und mie soll es werden, wenn der Schiffsrath fid) zur einen Hälfte dieser, zur anderen jener Ansicht zuneigt? Wer soll angesichts der vorgeschlagenen Konsttuk- tioii des Schiffsraths die Sachverständigen in dem betreffenden Hasen einladen? Ich bin der Meinung, daß ein solcher Schiffsrath in seinen Beschlüssen sehr unheilvoll wirken könnte. Es könnte vorkommen, daß ein ganz gutes Schiff für seeuntüchtig erklärt wird. Ist es denn anzunehmen, daß ein Kapitän sein eigenes Leben aufs Spiel setzen und mit einem unterwegs seeuntüchtig gewordenen Schiff eine Reise weiter fortführen wird? Ein Konsul, der Mitinhaber der Rhederei eines Schiffes ist, ist in der Praxis überhaupt so selten zu finden, daß wir an dem Kommissionsbe- schluß ruhig festhalten können. W Schwartz (Lübeck, Soz.) weist darauf hin, daß in vielen Fällen Seeleute am Genuß verdorbenen Proviants gestorben sind. Deshalb sei es wohl angebracht, den Schiffsrath als entscheidende Instanz cinziisetzen, um ähnlichen Fällen vorzubeugen. Die Forde- rung des sozialdemokratischen Antrags sei das wenigste, was die Seeleute verlangen können. Hierauf wird der sozialdemokratische Antrag abgelehnt und Absatz 3 des § 4 in der Kommissionsfassung angenommen; ebenso § 4 insgesammt. Ohne Debatte gelangen zur Annahme die §§ 4a—9 die von den Seefahrtsbüchern und der Musterung handeln. § 10 bestimmt, daß bei der Musterung der Schiffsmannschaft der Kapitän oder em Vertreter der Rhederei und der Schiffsmann zugegen sein müssen. Abg Schwartz (Lübeck, Soz.) beantragt, daß zugegen fein müssen der Kapitän oder „ein zum Abschluß von Heuervetträgen bevollmächsigter Vertreter" und der Schiffsmann, und daß ferner gewerbsmäßige Stellenvermittler als Vertreter nicht bestellt werden dürfen. Staatssekretär Graf Posadowsky: Ich weiß nicht, wie das Haus zu dem Antrag steht. Sollte er aber angenommen werden, 1° glaube ich, wird das Haus mit mir der Ansicht fein, daß unter gewerbsmäßigen Stellenvermittlern nicht die Vertreter der von Rhedereien organifirten Heuerbureaus zu verstehen sind. Abg. Frese (fr. Vgg.): Der Norddeutsche Lloyd hat schon feit wahren sein eigenes Heuerbureau. Dies kann nicht unter den Begriff der gewerbsmäßigen Stellenvermitteliing fallen. Staatssettetär Graf Posadowsky bemerkt nochmals, daß die Seeleute der in Rhedereien organifirten Hcucrbureaus ebensowenig als gewerbsmäßige StellenOermittler angesehen werden können, wie die Beschäftigung als Arbeitersekretär unter den Begriff der Gewerbeordnung fällt. § 10 wird hierauf mit dem Antrag Schwartz angenommen. Die §§ 11—24, die nähere Bestimmungen über die Musterung enthalten, gelangen ohne Debatte zur Annahme. § 25 handelt '>om Vertragsvcrhältnitz. Er bestimmt, daß die Giltigkeit des HeuerverttageS durch schriftliche Abfassung und durch den nachfolgenden Vollzug der Anmusterung nicht bedingt ist, daß jedoch dem Schiffsmann bei der Anheuerung ein von dem Kapitän oder dem Vertreter der Rhederei ausgestellter und unter fdjricbencr Ausweis zu geben ist, welcher enthält die Namen des Schiffes, die Angabe der Dienststellung, die Angabe der Reise oder Dauer des Vertrags, die Höhe der Heuer und Zeit und Ort der Anmusterung. Abg. Schwartz beantragt, daß der Ausweis enthalten muß Namen und Nationalität des Schiffes, Namen des Kapitäns, Angabe der Dienststellilng, Angabe der Zahl dcr seebefahrenen Schiffsmannschaft, Angabe der Reise oder Dauer des Vertrags, Höhe der Heuer und des Ueberstundenlohnes, Zeit und Ort der Ausmusterung. Unterstaatssekretär Rothe bittet, den sozialdemokratischen Antrag abzulchiien und es bei dec Kommissionsfassung zu lassen, die einen erheblichen Fortschritt bedeute. Abg. Frese (fr. Berg.): Gegen einige Bestimmungen des Antrags Schwartz muß ich Einspruch erheben. Zunächst dagegen. daß der Name des Kapitäns angegeben werden soll. Wie nun, wenn ein Kapitän, der genannt ist, im letzten Augenblick franl wird und ein anderer an seine Stelle treten muß? Es würde, namentlich im Auslande, wenn das Schiff im Begriff ist, die Rückfahrt anzutteten, zu großen Schwierigkeiten führen, wenn au5 diesem Grunde der Vcrttag gelöst werden könnte. Ebensowenig ist es angängig, die Zahl der seebefahrenen Mannschaften aiizugeden, denn es können ja im letzten Augenblick einige Leute nicht erscheinen, so daß die genügende Zahl von Schisssleuten nicht vorhanden ist und das Schiff mit einer geringeren Zahl abfahren muß. Soll das für die übrige Mannschaft ein Grund fein, das Schiff zu vcr- lasseii? Nun zu den Bestimmungen über die Uebcrstundcnl Sie werden doch zugeben, daß die kleinen Rhedereien, namentlich an der Ostsee, die verhältnißmäßig schwer zu kämpfen haben, um überhaupt noch existiren zu können, nicht den Ueverstundenlohn so fest- setzcn können, wie die aroßen Alle Wünsche der kleinen Rhede, reien sind zu Gunsten der großen zurückgcdrängt worden, und wtt haben wirklich keine Veranlassung, den kleinen Rhedereien noch größere Schwierigkeiten zu bereiten. Dagegen, daß der Name des Schiffes angegeben wird, habe ich nichts cinzuwenden. Die Sozialdemokraten rühmen immer die englischen Einrichtungen, namentlich die an der Schifferbörse in Liverpool. Demgegenüber möchte ich auf eine andere, von Endland getroffene Einrichtung verweisen. Mir ist von einem durchaus sachverständige,l Manne mitgethcilt, daß jchc in England ein Gesetz oemacht wird, um die Rhedereien zu schützen vor schlecht beleumundeten Seeleuten. Redner verliest Bestimmungen, die darauf hinauslaufen, daß in England über die Schiffsleute „schwarze Bücher" geführt irerben sollen. (Ruf bei den Sozialdemokraten: Wollen Sie das auch?) Nein, ich denke garnicht daran, ich führe das nur an, um zu illusttiren, daß Sie immer nur diejenigen Einrichtungen anderer Nationen hervorheben, die Ihnen gefallen, aber die Einrichtungen, die Ihnen nicht passen, überhaupt nicht erwähnen. Abg. Dr. Herzfcld (Soz.) vertheidigt den sozialdemokratischen Anttag. Ursprünglich sei in der Kommission beantragt, daß der Heuerverttag nur giftig sein solle, wenn er schriftlich abgefaßt sei. Der jetzige § 25 bilde ein Kompromiß. Mer die dem Seemann au gebende Sicherheit gehe nicht weit genug. Was die Sozialdemokraten verlangen, fei gewiß nicht unbillig. Senator Dr. Pauli bemerkt, die Bestimmung, daß der Heuer- vertrag den Namen des Kapitäns enthalten soll, sei doch sehr be» denklich. Wenn ein Kapitän krank wird ober nothwendigerweise ein anberes Schiff übernehmen muß, so könnte schließlich der Schlffsmann sagen: Ich habe nur mit Kapitän Schmidt an- gemustert, aber nicht mit Kapitän Meyer. Dergleichen Dinaen muß borgebeugt werben. Antrags cr^rt sich gegen den sozialdemokratischen Slbg. Schwartz-Lübeck (Soz.) vertheidigt diesen Anttag. Abg. Raab (Antts.) ist im Allgemeinen für den Antrag, hat aber Bedenken dagegen, daß der Name des Kapitäns in dem Heuervertrage stehen soll. Abg. Stockmann (Nv.) bittet um Aklehnung des Antrags. ,. „ r Anttag wird abgelehnt uw? § 25 mit einem redak- tioneUcn Antrag ^cr eine Konsequenz der zu § 10 beschlossenen Acnderung enthalt, angenommen. . §§ 26 bis 30 werden unter Ablehnung eines sozialdemokratischen Antrags zum § 30 unverändert angenommen. ,, $ ^1 bestimmt, daß der Sck)iffsmann, der ohne genügenden Cntschulbigungsgrund ftd) dem Dienst entzieht, zwangsweise zur Erfüllung seiner Pflicht angchaltcn werden kann. Abg. Herzfcld lSoz.) beanttagt Streichung dieses Paragraphen . Bezüglich der Gesindeordnung habe der Reichstag sich gelcgenthd) gegen den Zwang zur Leistung der Dienste ausgesprochen. Hier dürfe er fid) nicht auf den gegenteiligen Stand- bunft fteHen. Der Paragraph widerspreche der Civilprozeßordnung, die körperlichen Zwang zur Leistung von Diensten verbietet. Abg. Bargmann (fr. Vp.) ist ebenfalls gegen § 31. § 31 wird angenommen. § 32 bestimmt in feinem 1. Absatz, daß der Schiffsmann den Anordnungen ferner Vorgesetzten unweigerlich Gehorsam zu leisten Abg. Metzger (Soz.) beantragt, diese Gehorsamspflicht auf Arbeiten innerhalb des Dienstzweiges, für den der Schiffsmann angemustert ist, zu beschränken. Zu anderen Arbeiten solle dcr Schlffsmann nur bei Gefahr für Schiff, Ladung oder Menschenleben verpflichtet fein. Der Antrag wirb abgelehnt und Absatz 1b des § 32 unverändert angenommen, ebenso Abs. 2. In seinem dritten Absatz bestimmt § 32, daß der Schiffsmann ohne Erlaubniß des Kapitäns ober eines Schiffsoffiz,ers das Schiff bis zur Abmusterung nicht verlassen dürfe. Jedoch dürfe ihm in einem Hafen deö Reichsgebiets in seiner dienstfreien Zeit ohne triftige Gründe die Erlaubnis; nicht verweigert werden « .. Albrecht und Gen. (Soz.) will statt „triftige Grunde „dringende Gründe" setzen und im Falle dcr Verweigerung dcr Erlaubniß eine bezügliche motibirie (Eintragung in das Schiffstagebuch fcstsetzen. Ein Antrag Arendt will den Anspruch auf die Erlaubniß auf die Zelt nach Beendigung der Rückreise beschränken Abg Dr Stockmann (Np.) empfiehlt die Annahme des Anttages Arendt. „ . ^». Schwartz hält den Absatz 3 ohne Annahme des Antrags Albrecht für wirkungslos. Absatz 3 wird n ach dem Anträge Arendt unter Ablehnung des Antrages Albrecht angenommen. Hierauf vertagt sich das Haus. rathungl'^ Slt?Un0 Kirtag 1 Uhr: (Fortsetzung der heutigen Be- Schluß 57« Uhr. Die Erklärung -es Kriegsunnisters zum Justerburger Duell. In das Labyrinth der widersprechenden Darstellungen über die Vorgänge nach dem nächtlichen Renkontre zwischen den Leutnants Blaskowitz, Raßmussen und Hildebrandt, wie sie sich am andern Tage in den Verhandlungen des Ehrenrats abgespielt haben, ist durch die Aeußerungen des Kriegs- nrinisters v. Goßler im Reichstage nunmehr endlich einiges Licht gekommen. Zunächst ist offiziell jetzt fcstgestellt, daß Leutnant Blaskowitz am anderen Tage sich der Angelegenheit nicht mehr erinnert hat. Das widerspricht an und für fich nodji nicht den Zeugenaussagen der Leutnants Raßmussen und Hildebrandt, daß diese oen Eindruck gehabt hätten, Blaskowitz sei nicht vollständig sinnlos betrunken gewesen. Die mehr oder weniger große Betrunkenheit ist bei der Beurteilung der Frage ja nicht das Entscheidende. Immerhin fällt es schwer ins Gewicht, daß der im Duell gefallene Offizier am andern Morgen von der Affaire nichts inchr weiß. Herr v. Goßler hat dann folgendes mitgeteilt: „Es dürfte so viel klargestellt sein, daß der Leutnant Blaskowitz fidfi schon eine Zeit lang vorher im Zustande der Erregung befunden hat, sodaß, wie ent Ausdruck lautete, „schwer mit ihm fertig zu werden war". Am 2. November, am Abend des Iunggesellen-Abschiedes, hat Blaskowitz, soviel steht auch fest, ziemlich viel ge- truu k e n." Diese Bemerkungen geben abermals einem Verdachte Raum, den wir schon neulich andeuteten, daß Blaskowitz, sonst ein durchaus nüchterner Mensch, vielleicht seinen Tod gewünscht hat. Dagegen spricht allerdings nun die weitere Feststellung in der Rede des Kriegsministers: Blaskowitz entsinnt sich am andern Tage des Vorfalls nicht nur nicht, sondern er erklärt si ch ausdrücklich bereit, um Verzeihung zu bitten. Später ist Blaskowitz — jedenfalls im Ehrenrate — nach der ausdrücklichen Angabe des Ministers zur Abbitte bereit gewesen. Es war also die Möglichkeit zu einer friedlichen Beilegung gegeben? — Da muß doch allen Ernstes die Frage aufgeworfen werden: warum ist das unter solchen Umständen nicht geschehen? Die fordernden Offiziere können die zur Versöhnung ausgestreckte Hand nicht zurückgewiesen haben. Wer ist es denn gewesen, der die friedliche Beilegung verhindert hat.? Ihn trifft die schwere Schuld? Daß der verabschiedete Oberst v. R e i ß w i tz u. Kader- siu der eigentliche Treiber gewesen, er also moralisch vevunt wörtlich für das Duell gemacht werden muß, daran ist jetzt wohl nicht mehr zu zweifeln. Das geht auch aus neueren Meldungen hervor. Danach ist dem Obersten v. Reißwitz bereits 48 Stunden nach dem Duell die Führung des Regimets abgenommen und dem Oberstleutnant Pollier, bisher im Infanterie-Regiment Nr. 44 (Deutsch-Eylau), übertragen worden, der auch in der vom Montag datierten Kabinettsordre betreffend die Verabschiedung des Herrn v. Reißwitz mit der Führung der Regiments betraut wurde- Oberst v. Reißwitz ist schon vor dem Erlaß der Kabinetts- ordre mit seiner Familie aus Insterburg ttach Warmbrunn in Schlesien übergesiedelt; bei der polizeilichen Abmeldung hat er sich, wie die Rh.-Wests. Ztg." mitzuteilen weiß, bereits „Oberst a. D." genannt. Ihn muß also die Schuld in erster Lnie treffen. Die Vorgänge, die zum Duell geführt haben, hat Kriegsminister v. Goßler mit genügender Deutlichkeit geschildert; er hat auch! erklärt, daß ein Ausgleich .hätte jtattfinden müssen. Warum das nicht ge- schchen ist, sagt er nicht: „Daß der Ehrenrat die Sache in die Hand nahm, war korrekt", heißt es in seiner Er- klärrmg. Soweit war also alles in Ordnung. Wo fängt denn nun die Inkorrektheit an! Man kann sich das Schweigen des Ministers darüber nur so deuten, daß er die betreffenden Offiziere, v. Reißwitz eingeschlossen, in der öffentlichen Versammlung vor dem Reichstag hat schonen wollen. Das war in einem solchen Falle, der die öffentliche Meinung in so hohem Grade erregt hat, schwerlich angebracht. Hier heißt es einmal — angesichts der fortgesetzten Unklarheiten, die in der Berichterstattung über die bedauerliche Affaire sich fanden — für die Öffentlichkeit Klarheit schaffen, auf Grund des amtlichen Protokolls über die Verhandlungen des Ehrenrats! Ebenso wohl wie es den Vorgesetzten der beteiligten Offiziere zugänglich ist, soll es in einem solchen Falle auch der Öffentlichkeit nichjt vorenthalten werden. Es genügt aber auch nicht, daß ein einziger der Schuldigen, wenn auch anscheinend der Hauptbeteiligte, der verdienten Strafe anheimfällt, sondern es ist erforderlich, daß auch diejenigen Offiziere, die offiziell im Ehrenrate gesessen haben, daß überhaupt alle, die irgendwie an dem traurigen Vorkommnisse mitschuldig sind, aufs strengste zur Verantwortung gezogen werden. Hoffentlich werden die letzten Verhandlungen im Reichstage über das Duellwesen, die neuerliche Stellungnahme des obersten Kriegsherrn, und die allgemeine Erregung weiter Kreise im Deutschen Reiche anläßlich des letzten Duells jetzt einmal der Anlaß zu einer gründlichen Reform! Die kommenden Monate versprechen ganz besonders ereignisreich zu werden. Der Reichstag bringt hochbcdeutendc Verhandlungen und große Entscheidungen, die der „Gießener Anzeiger" sehr ausführlich wiedcrgeben wird. Die wichtigen Beratungen in den Hessischen Ständc- kammern werden von keinem anderen Blatte des GroßherzogtuntS so ausführlich wicdcrgegeben wie vom „Gießener Anzeiger". Man bestelle deshalb für den Monat Dezember bei den Zweigstellen und Zeitungsträgern den „Gießener Anzeiger". Neu hinzutretende Abonnenten erhalten vom Tage der Bestellung bis zum 1. Dezember den Anzeiger frei zugeslellt. Politische Tagesschau. lieber eine neue Eisenbahn-Signaleinrichtung wird der „Volksztg." geschrieben: „Eine bei der tönigl. Militäreisenbahn bereits seit vier Monaten versuchsweise tn Betrieb gestellte neue Eisenbahn- Signaleinrichtung erregt wegen ihrer Einfachheit und Zu- verlässigkeit das größte Interesse ui den Fachkreisen. Die Stellung der Signale erfolgt nicht durch Menschenhand, wie bei dem gegenwärtigen System, sondern selbstthätig durch die fahrenden Züge. Die Lokomotivführer könnet: aus der Stellung des einen Signals mit voller Sicherheit ersehen, in welcher Stellung sich das nächste vorausbefindliche Signal befindet, so daß jedes einzelne Signal' zum Vorsignal für das nächstfolgende Signa: wird, ohne daß eine Vermehrung der Signale erforderlich ist. Bei der neuen Einrichtung bleibt die Deckung des Zuges unter allen Umständen auch dann bestehen, wenn ein oder mehrere Apparate versagen sollten; dies ist von ganz besonderem Wichtigkeit, weil z. B. die große Eisenbahnkatastrophe bei Offenbach nicht hätte erfolgen können, wenn eine solche ausreichende Sicherung für den erwähnten Fall vorhanden gewesen wäre. Jedes einzelne Signal ist mit dem rückwärtigen Nachbarsignal derart verbunden, daß dieses niemals früher auf „Frei" gestellt werden kann, bevor nicht dessen vorausbefindliches Nachbarsignal auf „Halt" gestellt ist. Durch diese Verbindung der benachbarten Signale ist zwischen den Signalen und den fahrenden Zügen eine Abhängigkeit geschaffen, die — mit den Zügen fortlaufend — sich automatisch von Signal zu Signal fortpflanzt, so daß sich zwischen den hintereinanderfalirenden Zügen stets mindestens ein Haltesignal befinden muß. Die Signalwcrkung erfolgte präzise, sobald die letzte Achse des Zuges den durchfahrenen Streckenabschnitt verlassen hat. Durch die neue Signaleinrichtung würde nach Ansicht von Fachleuten die Möglichkeit gegeben sein, auch die normale Leistungsfähigkeit der Berliner Stadtbahn — ohne Verlängerung der Züge und ohne Fahrgeschwindigkeit — erheblich zu steigern, ja zu verdreifachen, so daß der Ueber- füllung der Wagen leicht ein Ende gemacht wäre. Seit der Inbetriebsetzung der neuen Signaleinrichtung bei der Militäreisenbahn haben bereits über 1500 Züge und einzelne Lokomotiven diese passiert, wobei über 15 000 Arm- und Schfbensignale automatisch durchs die direkte Einwirkung der fahrenden Züge, ohne jede menschliche Beihilfe, gestellt und ebenso weithin tönende Glockensignale gegeben worden sind, ohne daß ein Versagen oder ein anderer Fehler vorgekommen wäre. Die Anschaffungs- und Unterhaltungskosten sollen wesentlich geringer sein, als bei der jetzigen Einrichtung; auch tonnen die neuen Hilfsmittel, durch welche die Betriebssicherheit bedeutend erhöht, und der Umlauf der Wagen beschleunigt werden würde, in jedes andere Signalsystem eiugefügt lverden, was ihre Einführung erleichtert. Die neue Eisenbahnsignaleinrichtung ist eine Erfindung des Eisenbahninspektors a. D Wilh. Prokow in Charlotten bürg und des Elektrotechnikers F. A. Nettelbeck." Landwirtschaft. ** Zur Bekämpfung der Maul- und Klauenseuche. Prof. Dr. Winckler und Kreisveterinärarzt Schmidt in Gießen veröffentlichen in der letzten Nummer der „Hess. Landw. Zeitschr" folgende Mitteilung Über ein von ihnen angewandtes Heilverfahren: Im April trat die Maul- und Klauenseuche in dem Orte Wieseck bei Gießen in bösartiger Form auf, indem in vielen Seuchengehöften Tiere an der Seuche verendeten oder so zurückgingen, daß sie beseitigt werden mußten. Gestützt auf die Thatsache, daß Argentum eolloidale (ein in Wasser lösliches Silberpräparat von Erede) auch bei anderen Infektionskrankheiten mit Haut- und Schleimhautaffektioneii (Pitechialfieber und Druse der Pferde, sowie bei bösartigem Katarrhalfieber des Rindes) als spezifisch wirksam sich erwiesen hat, haben wir mit Argentum eotloidale bei einer Anzahl mit Maul- und Klauenseuche behafteter Rindviehstücke in Wieseck gemeinschaftliche Bersuck e vorgenommen. Vom 14. Mai an wurden 20 Kühe und 2 Rinder mit dem erwähnten Mittel durch Injektion in die Iugularvene behandelt. Jeder Kuh wurden 0,5 Argentum eolloidale mit 50 Gramm destilliertem Wasser gemischt, und jedem der beiden Rinder 0,25 Argentum eolloidale mit 25 Gramm destilliertem Wasser mittelst einer geeigneten Injektionsspritze in die Iugularvene injiziert. Der Erfolg dieser Behandlung war bei den Tieren, bei, welchen sich die Seuck;e noch int Anfangsstadium befand, ein überraschend günstiger, indem die Tiere schon andern Tages nur noch geringe Krankheitserscheinungen zeigten. Tie beträchtlichen, vor der Injektion des Mittels hochi- gradig geröteten Erosionen in der Maulhöhle waren kaum noch gerötet und die Abheilung derselben erfolgte rasch. Auch die Affekkionen an den Klauen waren bedeutend besser geworden, so daß die Tiere kaum noch lahmten. Bei den zwei Rindern, welche außer Appetitstörungen keine Krank- yeitserscheitiultgen zeigten, kam es überhaupt nicht zu Maul- und Älauenaffektionen, sie zeigten sich am folgenden Tage vollkommen gesund. Bei einigen Kühen war die Seuche vor der Injektion des Mittels schon weit vorgeschritten, aber auch bet diesen trat bald Besserung ein und der Seuchenverlauf war relativ günstig. Berücksichtigt man, daß der Verlauf der Seuche in Wieseck recht bösartig war, indem, wie bereits erwähnt, in vielen Seuchengehöften Rindviehstücke verendeten, während bei den mit Arg. eolloidale behandelten Tieren bald nach der Injektion Besserung und Heilung eintrat, so dürfte es berechtigt erscheinen, dem Arg. eolloidale eine spezifisch heilende Wirkung in den erwähnten Seuchenfällen zuzuschreiben. Ganz besonders muß auel) noch hervorgehoben werden, daß bei den sämtlichen 22 Tieren nur eine einmalige intravenöse Injektion von Arg. eolloidale gemacht und nur eine geringe Quantität desselben (0,5 bezw. 0,25) angewendet wurde, und es ist deshalb anzunehmen, daß bei Anwendung einer stärkeren Dosis sowie bei wiederholter Injektion am folgenden Tage die Wirkung auch bei den hochgradig erkrankten Stücken eine noch bessere gewesen wäre. Es empfiehlt sich hiernach bei größerem Rindvieh je nach der Körperschwere 1,0 bis 1,5, bei Jungvieh 0,25 bis 0,5 intravenös in 1 prozentiger Lösung zu verwenden und am folgenden Tage die Injektion dieser Dosis zu wiederholen. Vor der Injektion ist die Lösung, welche stets frisch zu bereiten ist, auf Körpertemperatur zu erwärmen. Die Ausführung der intravenösen Injektion ist jedem Tierarzt bekannt und bedarf deshalb keiner näheren Beschreibung, nur möchten wir hervorheben, daß die Operon tionsstelle, sowie die Spritze und Hohlnadel vor der Benutzung gründlich zu reinigen und zu desinfizieren sind. Ferner ist zu empfehlen, eine größere Injektionsspritze (etwa 150 Gramm fassend) zu verwenden, da dann das öftere Füllen einer kleineren Spritze hierdurch wegfällt und die erforderliche Quantität des Mittels mit der größeren Spritze' auf einmal injiziert werden kann. Aus den erwähnten Versuchen geht hervor, daß die intravenöse Anwendung von Argentum eolloidale gegen Maul- und Klauenseuche wirtsam ist. Zur sicheren Feststellung der Wirksamkeit dieses Mittels sind aber noch weitere Versuche erforderlich, und die vorstehende Mitteilung bezweckt zunächst, die berufenen Kreise zu veranlassen, bei jeder sich ergebenden Gelegenheit von dem empfohlenen Mittel in der erwähnten Weise Gebrauch zu machen. Schließlich sei noch erwähnt/, daß Argen-, tum eolloidale keine giftigen Eigenschaften besitzt. Warnung vor Fälschung H in Pillen noch in Pulverform noch mit Cacao I tVxjU.vI gemischt, sondern 7082» S _ — in Flaschen mit eingeprägtem Namen ist । HUI Dr. Hommel’s Haematogen echt. | in jeder beliebigen Schriftart und Karton- ArTrU forte, sowie mit Zirkeln aller studentiscbe« Vereinigungen, liefert ZU mäßigen Preise» vrühl'sche Universitäts-Druckerei, Zchulstrahe Z NAOMNNIA-^EIFE. Weihuachtslitteratur. Von Henrik Ibsens „Sämtlichen Werken", die Georg Brandes, Julius Elias, Paul Schlenther im Verlag von S. Fischer, Berlin, herausgeben, erschien soeben ein neuer Band, in der Reihe des Ganzen der vierte. Er enthält die dramatischen Gedichte „Bran d" und „P cer Gyn t", die von Georg Brandes kritisch-historisch beleuchtet werden, und weist den Umfang von 27 Druckbogen auf. Es handelt sich um einen der wichtigsten Teile des ganzen Unternehmens, denn von allen Werken Ibsens bieten dem Uebersetzer diese beiden Versstücke, ganz besonders aber „Peer Gynt", die größten Schwierig ketten. Es kann sich nicht mehr um Uebersetzungen allein, es muß sich um deutsche Nachdichtungen handeln, um eine Leistung, die zwar Ibsen in jeder Zeile zu geben hat, was seines Mistes ist, bei aller innerlichen Treue und Gebundenheit aber dem deutschen Ausdruck seine poetische Freiheit, seine literarische Selbstständigkeit nicht vorenthalten darf. Ein Poet muß hier des nordischen Meisters Helfer werden, und nicht nur das: auch ein unabhängig schaffender Genosse. Jetzt, sucht zum ersten Mal ein Dichter den Schatz zu heben, ein Dichter, der einerseits genug Selbftentäußerung besitzt, um sich dem überragenden Genie willig anzuvertrauen und hinzugeben, und andererseits eine so eigenartige Phantasie und eine so hohe und reiche Fülle des Ausdrucks zu eigen hat, daß er nachschaffend zwei Werke bieten konnte, an denen der deutsche Geist einen entschiedenen und selbständigen Anteil beanspruchen darf: Christian Morgenstern, der in der Ausgabe schon mit zwei bedeutsamen Uebertragungen — dem „Fest auf Solhang" und der „Komödie der Liebe" — erfolgreich debütierte. Ueberdies aber hat Ehr- Morgenstern Jahr und Tag im Norden, in Henrik Ibsens unmittelbarer Nähe, gelebt, um die realen Verhältnisse, die nationalen Beziehungen kennen zu lernen, sowie der sprachlichen Mittel Herr zu werden, womit er den Dichtungen beikommen könne, die in den stofflichen Einzelheiten wie in der sprachlichen Form so durch und durch norwegisch sind. Diese Schule ist ganz besonders dem „Peer Gynt" zu gute gekommen, der, bei allem persönlichen Gehalte, von Volks- geift und Volkspoesie so saftig und kräftig durchdrungen ist. Was die .Herausgeber bei der ersten Mitteilung über die Gesamtausgabe hoffend äußerten: daß dem nordischen Originaltext eine deutsche Originaldichtung an die Seite treten möge, ist hier in Erfüllung gegangen. Formvollendet, sprachlich rein, charaktervoll treten die nordischen Gedichte in deutschem Gewände hervor. Sie werden sich gewiß nicht nur die Gunst des im Lesen genießenden Publikums, vielmehr auch die Bühnen unseres Vaterlandes erobern! „Der Verrat von Metz." Von Karl Bleib treu. Mit Illustrationen von Ehr. Speyer. In farbigem Umschlag 1 Mk. — Verlag von Karl Krabbe in Stuttgart- — Der Verfasser der Schlachtenschilderungen von Wörth, Grave- totte, Sedan, Paris, Orleans, Belfort bietet eine Schilderung der Belagerung und Uebergabc von Metz. Das Metz-Rätsel wird hier in anschaulicher Form zu lösen versucht. Wir sehen die ehrzeizigen Selbsffuchtspläne des Marschalls Ba- zaine keimen, sich sprungweise entfalten, sehen zuletzt den indirekten Verräter sich in die eigene Schlinge verwickeln. Dies Buch ist reich an dramatischer Lebendigkeit un_b Spannung, bietet zugleich eine psychologische Charakterstudie, in dem auch das Ewig-Weibliche (Bazaines Gattin) nicht vergessen wird. Björnstj erne Björnson, Das neue System, Schauspiel. Geheftet 3 Mark- Verlag Albert Langen, München. „Das neue System", vielleicht Björnsons hand- lungsreictzstes und bühnenwirksamstes Stück, führt uns in einen Kreis von norwegischen Ingenieuren und zeigt uns an ihnen, wie die Menschen überhaupt sind. Björnson sieht seine Leute mit scharfen, klugen Augen an, er spart nicht mit unbarmherziger Satire. Nicht Bösewichter stellt er vor unsere Augen, gefährlicher als die menschliche Bosheit ist die menschliche Schwachheit, aus ihr wird die Lüge geboren, und sie wird groß und stark und beherrscht ganze Länder und Zeiten. Das ist eine pessimistische Weisheit, aber Björnson ist nicht der Mann, der sich in billigem Pessimismus resigniert. „Das neue System" zeigt uns, auf was für einem Fundament die Zwingburgen der Lüge stehen, wie nur ein starker Jünger der Wahrheit seine Hacke hineinzuschlagen braucht, und sie stürzen ohnmächtig zu Staub zusammen. Die Wahrheit muß doch siegen, und ihr muß alles zufallen, die einen gleich, die anderen nur langsam, je nach ihrem Charakter. Und die Fülle und Lebendigkeit der Charaktere, an denen der Dichter uns das zeigt, gebendem Stück ein so heiß pulsierendes Leben, daß sich ihm hierin wenige vergleichen lassen. Björn st jerne Björnson, Leonarda, Schau- spiel. Geheftet 3 Mark- Verlag Albert Langen, München. Der große norwegische Dichter versteht es wie kein zweiter, unsere heutige nüchterne Zeit dichterisch zn verklären. „Leonarda" ist ein modernes Stück, das die Oberfläche des Lebens nicht idealisiert zu falschen Bildern, aber es öffnet uns unter der Oberfläche den Blick in die Tiefen einer edlen Frauenseele, es führt uns am Faden einer schlichten Handlung zu heroischen Gefühlen, wie,sie andere Dichter nur in der Vergangenheit zu suchen wißen. Björnsons urwüchsige Kraft und Frische nimmt ein graues Alltagsschicksal in die Hände, und siehe, es erstrahlt von unseren Augen in dem hellen Goldglanz großer, über dem Tag stehender Poesie. Erhebend und läuternd lehrt er unj so einen neuen Blick in unser eigenes enges Dasein.