Nr. 253 Drittes Blatt. 151. Jahrgang. Sonntag 27. Oktober 19V1 Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. Die Giehener Samtlien» blätter werden dem Anzeiger im Wechsel mit dem „Hess. Landwirt" und den „Blättern für hessische Volkskunde" viermal wöchentlich bei- gelegt. Redaktion, Erpedttiov und Druckerei: Schulstratze 7. Adresse für Depeschen: Anzeiger Gictzcu. FernsprcchanschlußNr.51. Eichener« General-Anzeiger Amts« md AktzetzMM fir Len Kreis KchM Annahme von Anzeigen zu der für den folgenden Tag erscheinenden Nr. bis vormittags 10 Uhr. Alle Anreigen-Vermitt- luttgsstellcn des In-und Auslandes nehmen An» zeigen entgegen. Zeilenpreis: lokal 12Ps^ auswärts 20 Pfg. Rotationsdruck u. Ver» lag der Brüh l'schen Universitäts - Druckerei (Pietsch Erben). Verantwortlich für den allgemeinen Teil: P. Wtttko; für den Anzeigenteil: Hans Beck. Politische Tagesschau. Ein „Schmerzenskind" ist für Holland die Sundakolonie Sumatra. Nicht in wirtschaftlicher Hinsicht; hier laßt die an Naturschätzen reiche Insel nichts zu wünschen. Desto mehr in Bezug auf die politischen Zustände. Der Tod Tuku Umars, des Haupt an führers der Atchinesen, hat, entgegen den Erwartungen der Holländer, der Aufruhrbewegung unter den Eingeborenen kein Ziel gesetzt. Ein anderer dunkelfarbiger „Stratege"" ist an die Stelle des gefürchteten Umar getreten und macht den Militärstationen der Niederländer viel zu schaffen. Die Aufständischen sind im Besitz holländischer Gewehre — ein Zeichen, daß die Zusammenstöße für die Kolonialtruppe nicht immer günstig verlausen sind. Man süant jetzt eine weitere Vermehrung dieser Truppe, die aus angeworbenen Europäern und Indern gebildet ist. Helfen wird's kaum, solange die Eingeborenen auf den Guerillakrieg sich verlegen, vor der Ueöermacht in die Sumpfregionen zurückweichen, wohin ihnen kein Weißer zu folgen vermag. Zu den vielen Millionen, die der schier endlose Feldzug gegen die unbotmäßigen Atchinesen bereits verschlungen hat, werden sich also neue gesellen, sodaß das Defizit im vstindischen Budget auch für die Folge bestehen wird. Landwirtschaft. — Bon der Nidda, 24. Okt. Nachdem man jetzt die letzte Creseenz eingethan, zeigt sich vielfach Raummangel; man sucht Keller, um die Kartoffeln und besonders die Drckwurz und das Gemüse unterzubringen. Ein wahrer Segen waren und sind noch die Futtermittel (Erbsen, Wicken u. s. ro.), die man zur Fürsorge gesät hatte; manche Leute haben noch eine zweite Grummeternte erzielt. Aus diesem Grunde sind die Gemüter viel ruhiger geworden, als sie im Nachsommer gewesen. Zum Zolltarif. In der jüngsten Nummer der „Hessischen landwirtschaftlichen Zeitschrift"" polemisiert ein Mitarbeiter dieses Blattes gegen eine Reihe Behauptungen in dem neulich als Beilage zu vielen Zeitungen von Handelsvertragsvereinsseile verbreiteten „Aufruf"" in der Zolltarif- und Handelsvertrags- Frage. Er erörtert die Lage der Landwirtschaft- die sich in einem ohne jegliches Verschulden über sie hercinge- brochenen Notstände beftnde und meint, daß das Weiter-- bestehen der jetzigen Verträge auf eine lange Reihe von Jahren mit dem thatsächlichen Ruin einer großen Lüizahl landw. Betriebe auch in unserer Gegend gleichbedeutend sein würde. Der längere Artikel faßt am Schluffe das Erörterte wie folgt zusammen: Was wir wollen ist: Wiederherstellung gesunder Erwerbsverhältnisse für die Landwirtschaft und für die Industrie. Verhinderung spekulativer, ungesunder Entwickelung einer Interessengruppe durch einseitige Begünstigung und demgemäß Vermeidung schwerer Rückschläge. Naturalien-Ankauf. Das Königliche Proviantamt in Hanau giebt bekannt, daß dasselbe Roggen, Hafer, Heu, Roggen-Flegel-, Roggen-Maschinen-, Weizen- und Haferstroh gegen Barzahlung ankauft. Die Lieferungen haben frei Magazinhof auf Gefahr des Verkäufers zu erfolgen. Die Getreidearten müssen gesund, trocken, ohne Staub oder Sand, möglichst frei von Besatz und gründlich gereinigt sein. Die Einsendung von ungeschmeichelten Proben von reichlich ein Viertelliter nebst Mitteilung, wann und wieviel geliefert werden kann, ist^erfordcrlich. Wenn bei großer Entfernung die Lieferung mittelst Landfuhre unmöglich ist, dairn empfiehlt es sich, daß mehrere Landwirte sich zu einer gemeinsamen Lieferung per Waggon vereinigen und aus ihrer Mitte einen Vertrauensmann (Bevollmächtigten) wählen, der dann mit dem Proviantamt in Verhandlung tritt. Hierbei ist es vorteilhaft, wenn die Herren Bürgermeister selbst die Sache in die Hand nehmen und sich der kleinen Mühe unterziehen. Den Produzenten wird in jeder dienstlich zulässigen Weise entgegengekommen, auch werden auf Wunsch Magazinsäcke zur Verfügung gestellt. Bei Bahnsendungen wird die Bahuftacht verauslagt, sowie die Abfuhr von der Bahn überrrommen; letztere kostet 6 Pfg. pro Zentner Roggen oder Hafer und 15 Pfg. pro Zentrver- Heu oder Stroh. Die Adresse für den Frachtbrief ist: Hanau Bahnhof Nord. Auch hat der Ankauf von Hülsenfrüchten und Zwiebeln seitens der Konservenfabrik in Mainz begonnen. Etwaige Angebote sind an die genannte Fabrik oder an das Proviantamt Hanau zu richten. Jede weitere Auskunft wird bereitwilligst von dem genannten Amte mündlich wie schriftlich erteilt. Vermischtes. * Daskr etes und Indiskretes aus der Familie der Königin Draga. Die Belgrader Blätter bringen allerlei Andeutungen über einen argen Skandal, der sich kurz vor der Abreise des Königspaares aus Nisch in einem dortigen Kaffchause zugetragen hat. Die Haupthelden find der vielgenannte Th ro n so l g er ka n d idat Leutncmt Nikodem Lunjeviza und sein Neffe, ein zwei Käse hoher, neugebackener Leutnant, Petrowitsch, der Sohn der ältesten Schwester Frau Dragas. Die beiden jungen Herren, letzterer zählt kaum 19 Lenze, machten sich den Spaß, in angeheitertem Zustande vor ihren Vorgesetzten in Hemdärmelu Billard zu spielen. Ein Hauptmann machte sie auf das Unschickliche ihres Benehmens in einem öffentlichen Lokal aufmerksam, erhielt jedoch statt jeglicher Antwort vom hoffnungsvollen Nikodem mit einer vollen, schweren Bierflasche einen derartigen Schlag auf die rechte Brust feite, daß ihm zwei Rippen brachen. Da erhöbet: sich mit einem Male sämtliche Offiziere, und bei dem, was nun geschah, soll dem mutmaßlichen Thronfolger u. a. mit einem Säbelhiebe eine Zehe abgehauen worden sein. Zwei Tage vorher sprach man gleichfalls sehr viel von den Brüdern Lunjeviza. Sie hatten bei der Belgrader Nationalbank einen Wechsel auf 180 000 Francs eingereicht. Der Verwaltungsrat der Bank fand jedoch, daß die jungen Herren gar kein Vermögen besitzen, daher kreditunfähig seien, und wies den Wechsel in aller Form zurück. Das hat im Konak böses Blut gemacht, und seither muß sich der Vicegouverneur der Bank, der die Sache verschuldete. Tag für Tag allerlei kleine Nadelstiche gefallen lassen. Den wackeren Brüdern wurde inzwischen geholfen. Frau Draga wies ihnen aus des Königs Eivilliste allmonatlich 2000 Francs Taschengeld an. Einen gleich hohen Betrag bezieht die verheiratete Schwester der Königin, Frau Petrowitsch, seitdem sie von ihrem Mann, einem „ganz gewöhnlichen Bankdirektor"", seit Dragas Heirat, von Tisch und Bett geschieden lebt. Die Söhne der Frau Petrowitsch (den Bankdirettor hört man nicht mehr nennen), beziehen gleichfalls namhafte Unterstützungen, ebenso die zwei jungen Schwestern der Königin, für deren Mitgift eifrig „gespart"" wird. Daneben wird auch für allerlei Jugendfreundinnen der Frau Draga gesorgt. Die gewesene Hofdame erhielt 40 000 Francs als Mitgift. Sie ist eine Vertraute der hohen Frau, der die Erlebnisse ihrer Witwen- schäft genau bekannt sind, und soll wie noch eine ganze Reihe anderer Freundinnen für ihr diskretes Walten gehörig belohnt iverden. In Belgrad meint man nun, di« ohnehin „erblich belastete"" serbische Zivilliste werde ball — aufgehen. * Von der kleinen Prinzessin Dolanda von Italien erzählen italienische Blätter, daß sie bereits ihre erste Gunst vergebet: und den WM."L gezeigt hat, gutes zu thun, wie es sich für eine königliche Prinzessin gebührt. Eine alte Offizierswitwe, die Jahre lang Minister, Deputierte und Kammerherren mit ihren Bitte,: um eine bessere Pension verfolgt hatte, kam auf die Idee, eine Bittschrift an die Prinzessin Aolanda abzufassen, die auch an Ihre Königliche Hoheit in gebührender Form adressiert war. Natürlich siel das Schriftstück dem König in die Hand, der einen Scherz und eine gute That aus der Sache machte. Er sagte zu dem dienstthuenden Kammerherrn) „Tragen Sie dieses zu der Prinzessin und machen Sie sie mit dem Inhalt bekannt."" Die Königin machte große Augen, als der Marquis ins Kinderzimmer kam, sich vor dem Bettchen ihres Baby verbeugte, die Bittschrift in ernstem Tone verlas und dann mit tiefer Reverenz wieder davonging. „Nun, was hat die Prinzessin gesagt?" fragte der König. >,Nichts, Majestät"", war die Antwort. — „Stilb schweigen bedeutet Zustimmung"", entgegnete Viktor Emw nuel III.; „die Frau soll ihre Pension erhöht haben." * Der Geburtsort des Papstes. Tie immer wiederkehrenden Nachrichten von dein ungünstigen Befinden des Papstes Leo XIII. lenken in letzter Zeit die Augen der Welt mehr als je nach Rom, und mit Sorge ftagt man sich, wie lange noch der greise Kirchenfürft dem Allbezwinger Tod widerstehen wird. Vielen unserer Leser ist nun wohl Rom mit dem Vatikan, der päpstlichen Residenz, nicht aber der Geburtsort Leo XIII., die kleine Stadt Earpincto bekannt. Earpineto ist ein weltvergessenes italienisches Bergnest, das aus Furcht vor räuberischen Ueberfällen auf einem hohen Felsen gebaut, für Fuhrwerke absolut unzugänglich ist. Die Straßen sind eng, oft kaum zwei Schritte breit, steil und treppenartig angelegt. Earpineto verdankt dem Heiligen Vater viel. Es besitzt fünf Kirchen, die er fast alle von Grund auf hat erbauen lassen, zwei Krankenhäuser, ein Kinderasyl, ein allgemeines Waschhaus und eine Wasserleitung, sämtlich Geschenke des Papstes. Das schönste Gebäude ist der Palast Pecci. In oem mit Ahnenbildern ge- Eingesandt. (Für Form und Inhalt aller unter dieser Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.) Kießener -Leben und Treiben. Wenn ich manchmal am Biertisch eine politische Ansicht mit voller Sachlichkeit, wenn auch in bestimmter Weise vertrete, so gerät darüber mancher meiner Mitbürger dermaßen in Harnisch, daß er sich vor offenbaren Jnvectioen wie „Schwätz doch so kein Blech"" nicht scheut. Dabei ist seine Ansicht unhaltbar, manchmal geradezu blödsinnig, aber dennoch .fällt mir bei solchen Gelegenheiten nur höchst selten der eigentlich naheliegende Spruch ein, der gegen eine gewisse Unterbilanz der menschlichen Verstandeskräfte selbst Götter vergeblich kämpfen läßt, sondern ich sage mir in der Regel nur mit wohlwollendem Herzen;" Oberhaut giftig, sonst harmlos und bekömmlich, Doch was ich eigentlich berichten wollte: Treffe ich da neulich wieder meine Corona vot: ehrsamen Bürgern'am Krteiptisch, die sich gerade über den neuen Nordbahnhof, das Regierungsgebäude, das alte Rathaus unterhielten, und dabei ganz heidenmäßig auf unser „teures" Bauamt loshieben. Was dies sich eigentlich dächte, meinte der eine und stieß den Humpen'markig auf die Tischplatte, das alte Rathaus und jetzt das Regierungs- gebäude so zerreißen, so daß es doch klüger gewesen wäre, von Grund und Boden dasselbe auszubauen. Seit Jahren liege das Geld schon da, bewilligt von Staat und Gemeinde, und doch seien weder die Pläne fertig noch ein Anfang gemacht.' 9hm frage ich dich, freundlicher Leser, was kann unser unschuldiger Baurat dafür, da die Pläne ja in Herborn von dem Kirchenbaumeister Hoffmann angefertigt wurden. — Das sei twd) gar nichts, sagte der dicke Kaufmann Eisenlos mit fettiger Stimme, das Schlimmste sei, daß man damals den Markt nach der Bahn verlegen wollte und da dies nicht ging, einen Markt für 300000 schäften wollte. Das sei ja ein Meisterstück fortschrittsfeindlichen Bureau- kratismus! Anstatt einen festen Bauplan für die ganze Gemarkung vorzulegen, der doch niemals fertig würde. Das ist net zum Lachen!, setzte der Dicke hinzu und trank sein Glas mit einem Zuge aus, was er immer that, wenn er sein. Gift hinunterspülen wollte Alles stimmte ihm zu. Der Papierhändler Neistmann meinte, der schönste Tag feines Lebens wäre, wenn er die Altertümer seiner Vaterstadt mal wohlgeordnet im neuen Museum am Brand finden würde, und er begreife nicht, daß ein solcher Plan hierfür noch nicht ausgearbeitet sei. — Ebenso berühre es ihn peinlich, daß der Durchbruch der Goethestraße nach dem zukünftigen Schisfenbergerweg noch nicht in Angriff genommen fei, das komme aber nur von der Ueberlastung des Stadtbauamts. — Was?, sagte ein dritter, der berühmte und starke Fechtmann. Was Ueberlastung! Respekt vor unserm Stadtvater Ludwig, der mal einen starken Griff in dies Wespennest gethan; wir verlangen, daß die mit unserm Schweiß bezahlten Steuern auch richtig verwendet werden. Und nun ein Vierter, der renommierte „Baumeister"" Sägspähnstürzler, der die öffentlichen Zustände überhaupt miserabel findet und fortwährend dem Gesetz und Polizei Räder schlägt und in bewußter verdienstlicher Thätig- keit seiner Person sagte: Wir berufen demnächst eine Protest- Versammlung eilt! Dieser Vorschlag sand ungeteilten Beifall. Schon wollte man ein Komitee bilden, als der Großkaufmann Max Speculatius einen neuen Weg empfahl: Kinder, sagte er Pfiffig, das mit der Protestversammlung hat noch Zeit, Wenns net anders wird, dann sage mir's noch emal dem Wilhelmus, daß deren noch emal richtig verhohnepipelt. Das wirkt vielleicht noch besser! Nun aber machte sich meine giftige Oberhaut bemerkbar. Ich erklärte zvrnglühend, diese Zumutung „aufs allerentschiedenste"" zurückweisen zu müssen. Die Herren vom Bauamt seien mir als Menschen viel zu lieb und wert und als erste Männer der Straßen und Chausseen viel zu ehrfurchtgebietend. Ist es denn seither nicht immer noch gut gegangen? Die Reinigung vom Schmutz und Staub durch Gießfaß und Kehrmaschine. Die Fortschaffung der Kaldaunenabfälle nach dem Norden der Stadt. Die Herstellung der Elektrizität durch Wasser und Gas und die Omnibusgesellfchaft. Warum denn auf einmal uferlose Ansprüche erheben? Warum Nordbahnhof? Daß das vtele Fahren höchst nachteilig und nur geeignet ist, die Großstädte zu degenerieren, läßt sich nicht leugnen. Warum wird denn der Schlag der Großstädte immer kleiner an Körperwuchs? Weil sie ihre Beine nicht ordentlich brauchen. Än Glied des Körpers aber, das gedeihen und sich entwickeln soll, will geübt, gebraucht sein, wie der klassische Wilhelm sich ausdrückt. Geschieht das nickt, so schrumpft es allmählich ein und verschwindet schließlich ganz, wie Mikosch II. drastisch sagt. Man bedenke! Hat da nicht eine weitsichtige Verwaltung die Pflicht, dafür zu sorgen, haß die unteren Extremitäten ihrer Bürger, die so wichtig sind, nicht degenerieren? Hat es Dir, schöne Leserin, schot: einmal wirklich geschadet, daß Du vergeblich aus einen Omnibus nach Schifsenberg oder der Bahn gewartet hast, und schließlich kurz entschlossen per pedes hinaus-^ gepilgert bist? Wenn Du ehrlich fein willst, mußt Du mir zugeben, daß Du es nicht zu bereuen brauchtest. Na also! Und wenn nun einer als letzten Trumpf einwendet, wenn die Sache so liege, dann brauchten wir ja nicht den zweiten Bahnhof, so erwidere ich darauf, daß wir denselben einfach deshalb haben möchten, weil ihn andere bekannte Städte auch haben und hinter denen nicht zurückstehen wollen. Aber — und jetzt hochverehrter Herr Bürgermeister und Baurat, setze ich doch ein bischen Amtsmiene auf — eine andere Klage, die ich nicht so leicht von der Hand weisen kann. Ta hinten, ^wo unverbürgtet: Gerüchten zufolge, Gießen mit Brettern zugenagelt fein soll, am Nordeno, wohnen auch noch Bürger unserer guten Stadt, die es sich partout in den Kopf gesetzt haben, eine Haltestelle zu erhaltem Da sie wissen, daß der preußische Fiskus dem guten alten Gruichsatz huldigt: „Für nischt is nischt", so traten sie an die Stadtverordneten heran, und diese beschlossen einmütig unter unseres Oberbürgermeisters Gnauth' sinanzpolitisch-fiskalischemGenie die Sache zu befürworten und die Kosten zu übernehmen.; Aber ' nachdem nun endlich dem immerwährende:: Druck des Stadtkollegiums und seines jetzigen Bürger^ Meisters und nicht zum wenigsten der Unterstützung des Moltke der Stadtverordnetenversammlung nachgegeben, und das Bedürfnis anerkannt ist, soll uns die Kostenrechnung der Bebauung zugehen und wir sollen die eventuelle Deckung der Betriebskosten übernehmen. Seit Mai warten wir auf die Rechnung, die man in 8 Tagen machen kann. Man führt uns, scheints, wieder an der Nase herum, trotzdem der Bürgermeister um die Kosten-, rechnung ersucht hat. Darin liegt ja nun eigentlich für die Nordoststation eit: Vorzug, denn ihr allein ist es Vorbehalten, stets mit Extraem bedacht zu werden. Aber Spaß bei Seite! Hier muß ich denn doch mit meinen Freunden vom Nordost ausrufen: „Rückwärts, rückwärts, Don Rodrigo!" Also: „Sprechen wir einmal ruhig über die Sache! Die Nordoftstadt ist doch auch ein Teil von Gießen, gerade so gut wie die übrigen Stadtteile, die so ziemlich alle ihre Straßenverbindungen haben oder noch bekommen und zwar ohne Extrabeitrag zu den Kosten der Gesamtstadt an die Omnibusgefellschaft rc. Seien wir doch gerecht! Warum sollen die Nordostler, die doch sowieso mit ihren Steuer- schmückten Saal hängt ein lebensgroßes Porträt des Papstes, neben welchem das Bild seines Vaters in französischer Oberstenuniiorm seinen Platz gefunden hat. Beim Betreten der großen Halle glaubt man sich in den Vatikan versetzt. Die tzauptwand schmückt ein großes Gemälde, den Einzug Leos XIII. in die Sixtinische Kapelle darstellend. Neben dem Saale besindet sich das Zimmer, das der Papst in früheren Jahren bewohnte, wenn er nach Earpentto kam, zuletzt im Jahre 1857. Dort wird auch der Bries ausbewahrt, in dem er seinen Brüdern seine Erwählung zum Papste anzeigte. Diesem Zimmer gegenüber liegt die Hauskapelle, in der der kleine Joachim Pecci am 4. März 1810 getauft worden ist und in der er später so oft die Mes,e las. Dort befinden sich Reliquien aller Heiligen, die er im Laufe seines Pontifikats heilig gefproeu hat. Im zweiten Stock liegt sein (Äeburtszunmer, das jetzt in ent Museum umgewandelt wurde. Dort wird auch das alte Jagdgewehr des Papstes, der in seiner Jugend em eifriger Jäger und Alpinist gewesen war, ausbewahrt. Earpineto liegt im Lande der Volsker. Tie Stadt wurde von den Romern zerstört, aber später wieder aufgebaut. Bis zu Anfang des vorigen Jahrhunderts blühte in der Umgegend das Räuber- wefen, und noch die Eltern des Pappes mußten, um den Räubern zu entgehen, nach der Schweiz flüchten. * Unrichtige Aussprachen des Namens Vir - ch o w. Lord Lister brachte etwas wie „Wirtschau" hervor, die Franzosen tagten „Monsieur Wilhchoff", die bluffen „Wirhoff" oder „Wirchosf", ein den südlichen sarmatischen Steppen entstammender Gelehrter verslieg sich sogar einmal zu „Wirhoffski". Minister Baccelli und die übrigen Vertreter der romanischen Idiome sprachen ausnahmslos „Wirkoss" und die ge]amten deutschen Vertreter ebenfalls grundfalsch „Wircho". Was ist denn nun das Richtige? Rudolf Virchow nennt sich selbst „F ir cho", auch das Dorf Virchow spricht sich Dorf Fircho, und der große und kleine Virchow-See in tzinterpommern wird von der Bevölkerung ebenfalls Fircho-See genannt. Der große Gelehrte Hai früher sich öfter gegen die W-Aussprache seines 'Namens ausgelehnt und das F energisch verlangt. (Auch der jetzt nach Marburg versetzte bisherige Straßburger Historiker Professor Varrentrapp spricht feinen Warnen „Farrentrapp", nicht, wie man es meist hört, „Warrentrapp" aus. Auch das holländische „van" wird häufig wie „wann" ausgesprochen statt „fann". D. Red. d. Gieß. Anz.) * London, 19. Okt. Seit einigen Wochen macht die Liebesgeschichte des neunzehnjährigen Leutnants Francis Eecil, eines Enkels des dritten Marquis von Exeter, viel von sich reden. Dieser Sprößling des Hauses Eecil war mit seinem Regiment in Irland und lernte in Belfast eine Miß Jessie Bain kennen, deren Reize ihn bestrickten, obschon sie zwei Jahre älter ist als er und nicht, wie er selbst, einen adeligen Stammbaum aufzuweisen hat, der bis in die Tage der Königin Elisabeth zurückreicht. Der Großvater des Leutnants stammte nämlich in gerader Linie von jenem Staatsmann Eecil ab, den man in der Geschichte der Königin Elisabeth als Lord Burleigh kennt, nnb der auch der Ahnherr des Marquis of Salisbury, des jetzigen Ministerpräsidenten von England, ist. Dies jalles mußte der junge Leutnant wissen, als er der Tochter des Börsenmaklers Bain den Hos machte. Ein Eecil ist immer hoffähig, ein Börsenmakler aber nicht. Der jugendliche Leutnant setzte sich über die gesellschaftlichen Vorurteile hinweg und trug der Tochter des Börfenmaklers seine Hand an. Als seine Frau Mama, Lady Francis Eecil, von der Verlobung und bevorstehenden Heirat ihres Sohnes hörte, geriet sie in hochgradige Entrüstung, wie dies bei einer Dame, die den altadeligen Warnen Eecil trägt, sehr begreiflich ist. Ihr Zorn wurde noch durch den Gedanken gesteigert, daß auch ihr väterliches Vermögen durch diese plebejische Heirat Gefahr liefe, in unadelige Hände zu gelangen. Lady F. Eecil ist nämlich die Tochter des verstorbenen Sir William Brookes, der seinem Enkel sein großes Vermögen von 8000 Lstr. vermacht hat, sodaß der Leutnant nicht nur als Adeliger, sondern auch als Erbe eine gute Partie ist. Lady Cecil reifte nach Irland, um die Heirat zu hintertreiben. Als Minderjähriger steht nämlich der Leutnant noch unter dem Kanzleigericht, das sein großes väterliches Vermögen verwaltet. Nach dem englischen Gesetz, das auch in Irland gilt, können Minderjährige ohne Zustimmung der Eltern keine Ehe eingehen, und daß Lady Eecil die Verheiratung ihres Sohnes mit der Tochter des Börsenmaklers verbieten ließ, verstand sich von selbst. Aber das mehr oder weniger Vereinigte Königreich von Großbritannien und Jrlano schließt auch Schottland ein, wo das englische Gesetzbuch nicht gilt und die Drohungen des Londoner Kanzleigerichts wirtungslos sind. Als die wütende Frau 9Jiama den jungen Leuten in Belfast das Heiraten unmöglich machte, packte der Leutnant seine Koffer und fuhr mit feiner Braut hinüber nach Schottland, nicht nach Gretna Green, wo bis vor hundert Jahren flüchtige Liebespärchen sich von dem Dorsfchmied jenseits der englischen Grenze als Mann und Frau zusammenfchmieden ließen, sondern geradenwegs nach Edinburg, um sich dort vor aller Welt in der Kirche trauen zu lassen. Das junge Liebespärchen hätte sich nach altschottischem Brauch auf schottischem Boden durch eine öffentliche Erklärung vor zwei Zeugen verheiraten können. Solche Eheschlü,fe kommen noch hier und da vor, und das engiifche Gesetz hat in einem berühmten Falle im vorigen Jahrhundert einen von einem englischen Adelegen in solcher Weist geschlossenen Ehebund anerkennen müssen. Aber Papa Bain ist nicht nur ein guter Vater, sonmrn auch ein guter Geschäftsmann; er wollte von einem derartigen Eheschluffe nichts wissen. Er reifte selbst mit den jungen Leuten nach Edinburg; dort hielten sie sich vierzehn Tage auf und nach Ablauf dieser für kirchliche Eheschlüsfe vom Gesetz vorgcschriebenen Frist ließ der Leutnant in der prächtigsten Kirche der schottischen Hauptstadt, in der Auld Kirk des heiligen Euthbert, seine Verlobung und bevorstehende Heirat von der Kanzel herab verkündigen, obgleich das englische Kanzleigericht an alle schottischen Standesbeamten und Geistlichen Mitteilungen von dem Verbot des Eheschlusses hatte gelangen lassen. In der dichtgedrängten Kirche erwartete das Publikum Radau; aber der Geistliche wurde durch keine Einsprache unterbrochen, als er die Verlobung verlas; die Trauung kann nunmehr in wenigen Tagen stattfinden. * Von Männern, die ihre Frauen ausgetauscht haben, erzählt ein englisches Journal: Aus Luton, Bedfordshire, wird ein seltsamer Fall berichtet, in dem ein älterer Mann einem Freunde anbot, die Frauen gegenseitig auszutauschen. Da die letzteren seltsamerweise auch gewillt waren, dem sonderbaren Handel zuzustimmen, wurde ein Tauschdokument aufgesetzt, unterzeichnet, durch Zeugen bestätigt und gestempelt. Ein ähnlicher Fall ereignete sich vor einiger Zeit bei Jnverneß. Ein Farmer in mittleren Jahren, der bemerkte, daß seine Frau sür einen seiner Nachbarn eine Vorliebe hatte, schlug diesem scherzend vor, er möge feine Frau in Besitz nehmen, während er selbst des letzteren Ehefrau dafür eintauschen wollte. Dieser scherzhafte Vorschlag aber machte einen tiefen Eindruck auf die Frau des Landmannes; sie teilte es dem andern mit, und innerhalb sechs Wochen nach dieser Anregung war die Angelegenheit durchgeführt und der Austausch vollzogen. Ein Aussehen erregender Fall der Art ereignete sich vor kurzem in einem westlichen Staat Amerikas, wo ein älterer Handwerker seine Frau und seine vier Kinder gegen die Gattin und die entsprechende Anzahl Kinder eines Bekannten, der in derselben Fabrik beschäftigt war, austauschte. Ob die Kinder den Wechsel billigten oder nickst, ist nicht bekannt geworden; aber die Frauen waren von dem Geschäft entzückt und erklärten sich für mehr als befriedigt. Nachdem der seltsame Tausch vor sich gegangen war, besuchten sich beide Familien wie vorher und zeigten keine Zeichen der Schüchternheit oder Verlegenheit in ihrem gegenseitigen Verkehr, obgleich die Situation sich wie eine groteske Possenszene ausnahm. Ein russischer Landarbeiter vertauschte feine junge und anziehende Frau gegen eine im mittleren Alter stehende Frau eines Nachbars, aber nur unter der Voraussetzung, daß letzterer auch seine Schwieger- mutter „übernehmen" sollte, bei ihm das Leben zur Last gemacht hatte. Nach einiger Zeit seufzte der Nachbar unter den wiederholten Angriffen der Mutter feiner neuen Gattin und wünschte den Handel rückgängig zu machen, aber der andere weigerte sich, dem Vorschlag zuzustimmen, und der Unglückliche führte ein elendes häusliches Leben weiter, bis, das aggressive Weib starb. Gerichtssaal. Mainz, 24. Okt. Eine für den Wei nh andel der Provinz Rheinhessen wichtige Entscheidung wurde in einer Sache des Weinhändlers Siegmund Vogel vor der hiesigen Strafkammer gefällt. Vogel, der früher in Nieder-Saulheim seinen Wohnsitz hatte, und jetzt hier wohnt, hatte von der Steuerbehörde Wörrstadt einen Strafbescheid in Höhe von 169 Mark erhalten, weil er ohne im Besitz eines Gewerbepatents als Weinhändler im großen den Weinhandel betrieben. Vogel, der bisher nur ein Patent als Weinhändler im kleinen hatte, trug aus richterliche Entscheidung zunächst beim Schöffengericht Nieder- Olrn an und legte seine sämtlichen Geschäftsbücher vor. Es ging daraus hervor, daß er einen jährlichen dnrch- schnittlichen Umsatz von 40—50 000 Mark hat und daß er feine Weine in kleinen Gebinden an Wirte und Private absetzte. Einer der Söhne reifte zu diesem Zwecke. In Nieder-Saulheim hatte Vogel einen Kellerneubau für 21000 Mark ausführen lassen, das Weinlager bestand aus 80—120 Stück Wein. Das Schöffengericht erkannte auf Freisprechung, da es in dem Geschäftsbetrieb des V. keinen Wein- Handel im großen erblicken konnte. Die Staatsanwaltschaft hat gegen das freisprechende Urteil Berufung erhoben. Der Weinhändler machte geltend, daß er nur kleine Gebinde abgebe, wie dies in so vielen Fällen von Produzenten und Weinhändlern in der Provinz geschehe, ohne daß diese das Patent als Großhändler hätten. Der Steuerkommissar von Wörrstadt führte aus, daß es gesetzliche Bestimmungen über die Erkennung des Großhandels nicht gebe, dies vielmehr dem fachmännischen Ermessen des Steuerkommissars überlassen bleiben müsse. Der Umsatz, das Lager und das Reisen sei ein Beweis, daß ein Weinhandel im Großen vorliege. Die Strafkammer erklärte die Berufung der Staatsanwaltschaft für begründet, erklärte den Angeklagten für schuloig und verurteilte ihn zur Zahlung von 169 Mark und in die Kosten beider Instanzen. Dichte.preiswürdige.schöne.dauerhafte 444. 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Preisliste (xebriider Berdnx Bahnhofstraße 27. Lindenplatz 12. Telefon 231. groschen zu Abfindungssummen beitragen, immer und immer noch' Stiefkinder bleiben oder wohl gar speziell blechen? Genügt es nicht, daß Häuser und Gelände dieses StadtteUs entwertet und von Bauunternehmern, Privaten und sogar dem eräug. Arbeiterverein zur Erbauung billigerWohnungen achselzuckend betrachtet werden. Dies alles würde anders werden, wenn die Stadt Ernst machte mit Offenlegung des Bauplans, der Erbauung von Straßen und Errichtung der Haltestelle. Die Bahn spricht von Deckung der Betriebsaus- sälle. Ja warum soll sich die Stadt dies nicht leisten im Interesse ihres Schmerzenskindes. Und diese Ausfälle werden gar nicht einmal so stark fein, denn die Nordostler und umliegenden Dörfler werden fahren, daß es eine Art hat, und diordost wird sich in ungeahnter Weise ausbauen und einen natürlichen Rückhalt geben den toten Straßen der nördlichen Altstadt. Soll denn der Gesichtspunkt des Verkehrs gar nichts wiegen? Darf man solche Dinge von großer wirtschaftlicher und sozialer Wichtigkeit mit dem fiskalischen Zollstock messen? Nein, Herr Bürgermeister, ich weiß, Sie geben mir recht! Sie sind ja im Grunde genommen gar nicht jo! Und wenn wir beide dann und unser Finanzminister vielleicht auch, später mal nach Nordoft kommen und in einem der dort infolge der Bahnverbindung entstandenen Gasthäuser ein gutes Glas Gießener trinken, im nördlichen Südost-Park' ein schönes Konzert hören, dazu die herrliche Aussicht auf das spätere Villenviertel und den Friedhof genießen uni) die gute Nordostluft einatmen, dann werden wir unferm Finanzminister auf feine breiten Schultern klopfen und jagen: Sehen Sie, Exzellenz, die Haltestelle gereicht doch Nordost zum Nutzen und uns altgießener .Bürgern zur Freude. Prost! — Da ich übrigens von unferm Herrn Bürgermeister spreche, fällt mir wieder der Stadtrat ein, der mir überhaupt immer einfällt, wenn ich über sonstige Dinge nichts mehr zu berichten weiß. Die noch im vorigen Monate so gelichteten Reihen haben sich geschloffen. Und wie hübsch braun so Mancher von ihnen geworden ist l Welch Feuer der Thatkraft aus ihren Augen sprüht, welch erstaunliche Elastizität der Bewegungen die erfrischende Wiedergeburt ihres inneren und äußeren Menschen verrät! Manchem merkt man es an: er hat da draußen was erlebt, etwas Gutes, Reizendes! Besonders ist mir Herr Sägemüller ausgefallen. Während er vor den Ferien doch etwas unter der Last seiner Amts- und Geschäftsthätig- keck zu seufzen schien, was auch die Flüssigkeit seines Vortrags in einer für den Berichterstatter allerdings angenehmen Weise beeinträchtigte, steht er jetzt rote ein verjüngter Faust auf dem Plane und der eilfertige Sprudel seiner Worte verrät den rapiden Flug seiner Ideen. Daß das Beispiel auch auf manchen Stadttat übergreifeu kann, scheint mir nicht unwahrscheinlich zu fein. Manche haben so wie so die besten Anlagen, das ohnehin kümmerliche Leben der Berichterstatter um i/i zu verkürzen, sei es durch das Allegro ihrer Ausführungen, oder durch die fleißig betätigte Ansicht, daß man seinen Speech in den Bart hineinmurmelt, falls man einen hat. Ich will hier keinen Namen nennen, ich wünsche den Herren vom Rat alles Gute, ebenso den übrigen Herren. Und wirklich ist es mein Ernst mit diesem Worte, denn wie gesagt, es ist kein Kinderspiel, sich als Stadtrat in den Sorgenstühlen des Sitzungssaales aufzureiben. Es gehört viel, sehr viel dazu! Neulich dachte ich mit Schaudern daran, daß eines Tages auch bei mir eine Deputatton respektabler Mitbürger erscheinen und mich wegen meiner Verdienste um die öffentlichen Angelegenheiten um die Annahme eines Stadtverordnetenmandats bitten könnte. Am andern Morgen dachte ich weiter darüber nach und erwog in einem langen Monolog die Frage, ob ich der besagten Deputation von Bürgern ein verschämtes Ja lispeln oder ein entschlossenes Nein entgegenschleudern sollte. Ich bin zu einem Nein gekommen und zwar unter folgenden Erwägungen; ich glaube die Erwägungen meinen Lesern nicht vorenthalten zu sollen, obwohl sie in Jambenform angestellt worden sind, deren ich mich nämlich bei schwierigen Monologen stets zu bedienen pflege, weil mir dann viel erleuchtetere Gedanken kommen als in Prosa. Man stelle sich also in Positur, flehe den Geist Shakespeares aus der allerersten Periode auf sich herab und spreche mir nach: . . . Stadtrat! Hm! Großes Wort, das man gelassen Ausspricht wie viele hundert andre Dinge, Die fortgesetzt des Alltags Deiükreis kreuzen. Und doch — welch eine ungründbare Tiefe Und welche Höhe liegt in dlesem Wort! Stadtrat! — Zwei Silben nur, doch was für Silben! Zwei Silben, die so schwer wie Bleierz wiegen, Die, Sonnen gleich, hinab zum Abgrmrd leuchten Der unermeßlich tiefen Bürgerpflichten! Stadtrat — sehr schön! Da wäre erst die „Stadt", Zum Zweiten wäre da — merk' auf — der „Rat", Der, Rat erteilend, mit des Geistes Kraft Und eines ganzen, wahren Mannes That Den sinnverwirrend weiten Kreis der Dinge, Alls denen eine Stadt sich fügt, erfaßt, Ter ihren Wunsch, ihr Wesen treffend schätzt, Tas gegenwärtige Bedürfnis kennt Uni) richtig wägt nach der Vergangenheit Und weise abgrenzt für die ferne Zukunft. Toch als Staotvater! Was müßt' ich nicht wissen, Was nicht durchdringen, wägen und beschließen! Bald braust mein Geist an Alltagsniederungen, Wenn ich Parzellen kundig abtaxiere, Das Pflaster zum Belag der Straße wähle d mich bemühe, sorgsam festzustellen Wie man, mit Rücksicht auf die Nachbarschaft, Am besten wohl das Häuslein klein erttchtet, Das Barnaß und sein Troß ja doch nicht will. — Doch höher schon muß mich mein Fällig tragen, Soll eine neue Schule ich beschließen, Wie sie nach Wllhelms Wunsch errichtet werden soll. Doch stärker als der Wunsch ist hier des Schwarzen Macht, Am Wall da will er eine große Schule wissen, Dieweil der Wasserkopf des Schuletats Fast größer toon, als die Frequenz der Klassen. Allein was hilft's? Ich stimme kühn mtt Ja Und denke bei mir: Wissenschaft ist Alles! Doch wenn ich denke: Kriegers Denkmal mag Hübsch zwischen Rathaus und dem Cäsar stehen — Damr wüßt' ich nicht, wie ich beschlossen hätt'l Denn ob es gleich der Stadtrat so beschlossen, Dächt' ich mir doch in meinem Unverstand: Was hat der Kttegsgott, dieser Rabenvater, Denn zwischen Pillen und Musermr wohl zu thun? — Man sieht, 's ist nicht so leicht, im Stadttat sitzen; Besorrders als noch der Venvaltung mut’ge Sonnenrossen Sieghaft gelenkt vom hehren Phöbus-Gnauth In donnerndem Halloh zur höchsten Höh' Der Tbaten mit verhängten Zügeln ftürmen! Was chun, wenn heut nun der Verwaltung Feldgesch Begeisternd tönt: Her mit den Millionen! Wenn Dr. Egid, unser Stern am Himmel, An Thatendursl ein junger Herkules, An innerem Drang ein flammender Vulkan, Mit feiner Rede heißem Lavastrom Das zitterrrde Pompeji meiner Skepsis Im tosend-wilden Glutenstrom begräbt, Millionen für Kanal und Blitzlicht fordernd? Was thun, wenn er, des Staottats großer Sohn, Des Norderrds unwürdige Misöre Mit sehnenslraffem Götterarm verrrichten will? Wie soll ich Aermster mrch verhallen, wenn Der hohe, oildungsdursl'ge Geist der Zeit Ein neu Konzerthaus unabweislich heischt. Unb völlig rat- und sprachlos ständ ich da, Wenn's hieße: Zwanzigtausend Märker Sind baldigst fur's Regierungshaus Als kleine Ueberraschung auszuzahlen. Wohlan, ich bin mit mir im Reinen! Nie, So lang' auf Gießens Wappen Die Mauertürme prangen, niemals, So lang’ der doppüschwänzige Löw' so schnöd die Zunge reckt, Niemals, so lang' der Bauausschuß Mit Künstlergleichmut etwas „überschrellet , Sei's nur em Friedhof oder der Etat, Will ich — die Hand d'rauf! — Giepner Stadtrat werden! Ich geb' es zu, verlockend finb die Ehren, Die als Stadtvater zu erringen waren, — Doch sei es, wir es sei — mich kann's nicht rühren — Ich will den Stadtrat lieber krittsieren! WilhelmuS. MAGSTGEMUS E-u. 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