Nr. 226 Zweites Blatt. 151. Jahrgang. Donnerstag 26. September 1601 Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. Die Siebener Familien- Hütter werden dem An- Beiger im Wechsel mit dem .Hess. Landwirt' und den «Blättern sür hessische Volkskunde' viermal wöchenUich beigelegt. Redaktion, Expedition und Druckerei: Schulftraße 7. Adresse für Depeschen: Anzeiger Gießen. FernsprrchanschlußNr.bl. GietzenerAnzeiger General-Anzeiger w Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen Annahme von Anzeige« au der für den folgenden Tag erschei,lenden Nr. bis vormrttags 10 Uhr. Alle Anaeigen-Verrnikt- lungsstellen deS In-und Auslandes nehmen Anreigen entgegen. Zeilenpreis: lokal1LPf, auswärts 20 Pfg. Rotationsdruck u. Verlag der Brüh l'schen Universitäts - Druckerei (Pietsch Erben). Verantwortlich für den allgemeinen Teil: P. Wlttko: für den Anzeigenteil: Hans Beck. Amtlicher Teil. Bekanntmachung. Bei unterzeichneter Behörde ist die Stelle eines Hilfs- schutzmanneL alsbald anderweit zu besetzen. Geeignete Bewerber wollen sich bis spätestens 1. k. Ms. anmelden und vorstellen. Gießen, den 26. September 1901. Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Hechler. ^Verein für Sozialpolitik. K IL 4 \ München, 23. September. Die erste Hauptversammlung begann heute Montag vormittag. Professor Brentano, der 1. Vorsitzende, hielt eine längere Einleitungsansprache, in der er die Entwickelung der wirtschaftlichen Auffassungen seit Gründung des Vereins im Jahre 1872 betrachtete. Zuerst habe der Verein heftig« Kämpfe zu bestzehen gehabt gegen die damals Herrscheno«» Anschauungen, bis ftch seine Stellung nach und nach immer mehr Anerkennung errungen habe. Er sei kein politischer, sondern ein wissenschaftlicher Verein, der jede Richtung zu Worte kommen lasse, der nicht den Triumph einer Parteimeinung, sondern den Sieg der Wahrheit, soweit sie überhaupt erkennbar ist erstrebt. Ein sprechender Beweis dafür sind seine aus 97 Bänoen bestehenden Veröffentlichungen. Gegensätze werden auch diesmal bei unseren Verhandlungen stark aufeinander platzen. Wie groß auch diese Gegensätze sein mögen: eins ist uns doch allen gemeinsam: TaK Interesse des Vaterlandes! Namens der königlich bayerischen Staatsregierung nahm sodann Staatsminister Frhr. v. F e i l i tz s ch das Wort zu einer Begrüßungsansprache, in der er der Genugthuung und Freude über die Thätigkeit des Vereins Ausdruck gab, die auch, der Gesetzgebung oft zu gute gekommen ist. Den Gruß der Stadt München überbrachte der zweite Bürgermeister v. Brunner. Unsere Gemeindeverwaltung, sagte er, besteht aus den verschiedensten Parteirichtungen. Sie waren aber einig im Entgegenkommen gegen den Verein und seine Bestrebungen. Sodann hielt Professor Dr. Schrnoller-Berlin eine bemerkenswerte Gedächtnisrede auf Johannes v. Miquel. Ein großer Staatsmann und Minister sei mit ihm dahingegangen. Das Bild seiner Persönlichkeit steht im Lichte der Geschichte und der Oeftentlichkeit im ganzen a klar. Dennoch werden nur die iyn richtig beurteilen, ne ihn näher, in intimem Umgänge gekannt haben. Jeden- älls er war und ist einer der größten Finanzminister gewesen, den der preußische Staat je gehabt hat; nur Motz und Maßen ließen sich ihm an die Seite stellen. Er war reich an Kenntnissen, an idealistischem Schwünge, an allgemeiner wissenschaftlicher Bildung. Noch, in den letzten Jahren z. B- laS er bis in die Nacht hinein van Dahlens Französische Geschichte. Man muh zugeben, daß dazu ein reger (seist gehört. Er war ein Mann der historischen Schule und dennoch zum praktischen Leben außeroroentlich befähigt. Es rollte in ihm eine glückliche Mischung von französischem und niedersächsischem Blute. So praktisch und findig in den Mitteln uno in der Auswahl der Situationen — daß man oft nicht begriff wie alle diese Eigenschaften in einer Seele wohnen konnten. In seiner Nüchternheit hat er manchmal seine Ideale in die Ecke gestellt, ohne daß er geglaubt hat, sie damit zu verlassen. Er besah eine unglaubliche Feinfühligkeit, eine Beweglichkeit des Geistes, die ihn bis ins hohe Alter befähigt hat, jede Richtung des öffentlichen Lebens zu verstehen. Er verstand es, verwanote Saiten in seinem Partner anzuschlagen, so, daß man schließlich, zu der Ansicht kam: „Ja, der ist ja ganz Deiner Meinung" — während es garnicht der Fall war! (Heiterkeit.) Damit hing zusammen seine außerordentliche Beredsamkeit. Er war einer der glänzendsten Redner. Ich habe bei keinem ötebncr, außer Bismarck, eine so andächtige Stille im Parlament bemerkt, wie bei Miquel. Seine Redegabe zeigte sich auch in fieinem Kreise glänzend. Uns Gelehrten gegenüber hat er oft gesagt: daß an ihm eigentlich ein Professor verdorben sei. Noch kürzlich sagte er: wenn er einmal fern Amt niederlege, wolle er auf einem Katheder in Berlin stehen ! Es war ihm nicht mehr vergönnt. Zwei Ideale beseelten ihn: das nationalstaatliche und das soziale. Daß wir als Verein für Sozialpolitik heute einen Kranz auf sein Grab legen, hat seinen Grund in seiner Stellung zu den sozialen Fragen, in seiner starken Teilnahme an den sozialen Aufgaben der Gegenwart. Er hat ja als Politiker immer immer soziale Gesichtspunkte mitvertreten. Als Oberbürgermeister von Frankfurt hat er jahrelang nahezu den Mittelpunkt unseres Vereins gebildet. In den Staatsratssitzung en, die ich mit ihm erlebt habe — ich darf es heute wohl sagen — war er der kühn vorwärtsdrängende Referent über die Arbeiterftage. Er hat manch kräftiges Wörtlein über eine möglichst freie Ausgestaltung des Arbeiter-Vereins- und Koalitionsrechtes gesprochen. Als Minister hat er in jenen glücklichen Jahren des Aufichwunges der Sozialpolitik von 1890—1895 regsten Anteil genommen. Sein wichtigstes Werk ist aber die große preußische Finanzreform. Sie ist "freilich nicht bloß ein Werk sozialer Gerechtigkeit. Manche Bestandteile lassen sich sogar vom sozialen Standpunkte angreifen; aber sie waren -nötig, um das Schift der Reform aus dem Parlament 'schwimmen zu lassen. Tie Versammlung erhob sich zum Gedächtnis der Ver- fftorbenen von den Sitzen. Hierauf trat man in die Tagesordnung und zwar in die Beratung der Wobnungs- Srage. Hierzu wurden drei sehr eingehende Berichte er- Mattet. Zuerst sprach Prof. Dr. Fuchs (Freiburg i. B'.), der auf Grund der ausführlichen Veröffentlichungen des Vereins einen umfchsenden Ueberblick über die Wohnungsfrage in den verschiedenen Ländern gab, mit denen er den Stand der Angelegenheit in Deutschland verglich. Aus seinen mehr als anderthalbstündigen Ausführungen ging hervor, daß am wenigsten in der Wohnungsftage geschehen ist in Italien, Rußland, in Frankreich, das das eigentliche Land des Manchestertums in der Wohnungsftage sei, und — im großen und ganaen — auch Oesterreich. Am meisten ist geschehen in England, in den Vereinigten Staaten, in Belgien und in der deutschen Schweiz. Auf einer mittleren Linie stehen Schweden, Dänemark, die französische Schweiz und — Deuftchland. In Deutschland aber ist' theoretisch in der Wohnungsftage ganz ungeheuer viel geschehen; ja theoretisch ist sie hier geradezu als gelöst zu betrachten. Professor Fuchs überblickte in langen Darlegungen dann alle die praktischen Maßregeln in Deutschland, lieber das einst von Miquel zur Lösung der Wohnungsfrage aufgestellte Programm ist man — mit wenigen Ausnahmen — kaum erheblich hinausgekommen. Was geschehen ist, sind nur gute Ansätze und hoffnungsvolle Keime. Für die Zukunft aber ist not, und zwar bitter not eine Wohnungspolitik, eine Wohnungsreforni im großen Stile, wie sie Miquel im Jahre 1886 vorgezeichnet hat: ein Reichs- wohnungsgesetz. Der zweite Referent, Professor Dr. v. Philippo- vich (Wien) behandelte das Verhältnis der Boden- frage zur Wohnungsfrage. Bekanntlich wird von vielen Seiten die Bodenfrage als die Quelle der Wohnungsfrage angesehen. Dem gegenüber verfocht Prof, von Philippovich die entgegengesetzte Anschauung. Er legte sehr eingehend dar, daß nicht der Bodenpreis den Mietpreis, sondern, etwas scharf ausgedrückt, der Mietpreis den Bodenpreis bestimme. Die Quelle des Bodenwertes liege im Innern der Stadt, wo die historische Gewöhnung des Wohnens und die Anhäufung des Geschäftsverkehrs eine Steigerung der Mieten veranlasse. Es muß schließlich eine Abwanderung nach der Peripherie stattfinden und zu gleicher Zeit schlägt auch die Bodenwert-Welle nach außen. Die Folge ist dann eine Steigung der Mieten. In der Nachmittagssitzung wurde die Erörterung der Wohnungsfrage fortgesetzt. Sie zog sich recht in die Lange. Erst sprach noch als dritter Berichterstatter Landrat Brandts aus Düsseldorf (als praktischer Verwältungs-^ beamtet) über die Aufgaben oer Gesetzgebung auf dem Gebiete der Wohnungsfrage. Dann begann eine lange, lebhafte Besprechung. Schon zu Beginn waren 14 Redner zum Worte gemeldet! Tie Frage wurde von den verschiedensten Seiten beleuchtet, zuerst sprach Dr. Eberstadt (Berlin), dann Dr. Voigt (Frankfurt a. M.), der in feinen Untersuchungen u. a. auch zu dem Ergebnisse gekommen ist, daß die Wohnungsftage eine — Baukostensrage fei, bann Professor G. o e Liagre (Leipzig), der im Gegensatz zu Professor Philippovich auf den großen bestimmenden Einfluß bes Bodenpreises auf den Mietspreis Hinweis. Oberbürgermeister Beck (Mannheim) trat für eine Zonenbauordnung ein. — Oberbürgermeister Zweigert (Essen): Den Zweifel, ob es möglich fei, hierin mit ber sozialbemokratischen Arbeiterbewegung zusammenzugehen, habe ich ausgesprochen, und ich mutz ihn nach meinen Erfahrungen aufrecht halten, nachdem man mich und Bestrebungen, die ich seit 10 bis 20 Jahren vertrete, beschmutzt hat. Im übrigen hielt Redner ein Reichsgesetz zur Regelung ber Wohnungsftage für ausgeschlossen. Die jetzigen Gesetze reichen aus. München, 24. Sept. Heute wurde über Handelspolitik verhandelt. Professor Lotz entwickelte fortschrittliche Gesichtspunkte, Prof. Schum ache r (Köln) sprach stark schutz- zöllnerisch und Pros. Pohle (Frankfurt a. M.) erllärte sich für die Regierungspolitik des Zolltarifentwurfes. Vom Bureukriege. Lord Kitchener meldet vom Dienstag: Nach den letzten Nachrichten aus Natal sind die Burenabteilungen, die dort eingefallen waren, offenbar nach Norden und Nordosten wieder abgezogen. — Herr Kitchener dürfte sich, wie so häufig, gründlich täuschen. Die Buren werden sich! vielmehr vortrefflich verborgen zu halten wissen, um dann durch unaufhörliche Chikanierungen den Engländern die Lage unleidlich zu machen. Seit dem 16. September sind, so wird von Lord Kitchener telegraphiert, 29 Buren gefallen, 16 verwundet, 350 gefangen, 48 haben sich ergeben. Ferner wurden 17 800 Patronen, 1000 Pferde und 55 Wagen erbeutet. Infolge der Bewegung der Buren im Distrikt Vryheid wurden Verstärkungen nach Natal entsandt, wo General Lyttelton Vorkehrungen getroffen hat, welche die Verhältnisse erfordern. Tie englischen Truppenkörper verfolgen den Feind in der Nähe von Dewetsdorp. Myburgh und Fouche sind in der Nähe von Ladygrey. Smuts wandte sich, nachdem er die englische Umzingelung durchbrochen, nach Süden in die Nähe von Bedford, wohin ihm Oberst Goringe und Toran folgen, während Haia andere Trupven gegen ihn entsandte. Scheepers und Theron weichen den englischen Truppen mit_ großer Beharrlichkeit aus. — Amtlich wird gemeldet, daß die Kolonne Gough bei dem Gefecht am 17. Sept. 230 Mann vermißte. Es liegen jetzt eingehende Berichte über die Niederlage eines Teils des 17. Lancier re gim ents vor. Eine 100 Mann starke Patrouille wurde, während sie unweit Torkastab lagerte, plötzlich von 400 Transvaalburen unter Smuts angegriffen. Die Buren ritten durch die Lager, rechts und links feuernd, bann schwenkten sie zurück, wobei sie ihr Feuer wiederholten. In London wird behauptet, baß bie Werbe- Offiziere augenblicklich eine große Thätigkeit an den Tag legen. Der Kriegsminister soll nicht genügend geschulte Truppen zur Verfügung haben; sogar die Lücken in den Reihen der in Südafrika kämpfenden Regimenter können augenblicklich nicht gestopft werden. In der Zweiten niederländischen Kammer erllärte der neue Premierminister Tr. Kuyper, es sei n i ch t beabsichtigt, die Perspektive auf eine Aktion der Regierung oder anderer Kreise zu Gunsten der Buren zu eröffnen! die Regierung übernahm die vom vorigen Kabinett hinterlassene Lage. Er hahe aber damit nicht etwa erklärt, daß die gegenwärtige Regierung niemals mehr etwas zu Gunsten der Buren thun wolle. Tie Gesandtschaft der südafrikanischen Republik in Brüssel veröffentlicht folgende Mitteilung: Tr. Leyds hat vor einigen Tagen bei der österreichischen Regierung Wider- svruch erhoben gegen die Lieferung von Sätteln an die Aeomnary. Diele Lieferungen fanden statt gerade in dem Augenblick, als die Militärbehörde ihrer dringend bedurfte, und bildet, wie offiziell in dem englischen Blaubuch ausdrücklich anerkannt wird, eine Vergünstigung von Seiten Oesterreich-Ungarns. Vor dem Jahre 1900 legte Dr. Leyds Protest ein gegen die Lieferung von Pferden und Kanonen durch die österreichische Regierung an England. Aber unbeachtet ber wiederholten Proteste, auf welche Tr. Leyds niemals eine Antwort erhielt, fuhr Oesterreich-Ungarn fort, die Neutralität in dieser Weise zu brechen. Politische Tagesschau. Berlin in Ungnade. Wir meldeten dieser Tage, daß dem Berliner Oberbürgermeister Kirschner die erbetene Audienz beim Kaiser wegen Ueberführung der städtischen Straßenbahn über die Straße „Unter den Linden" verweigert und das Straßenbahnprojekt ebenso endgiltig abschlägig beschieden worden sei. Diese Nachricht wird jetzt von der einer Seite dementiert, von anderer dagegen mit großer Entschiedenheit aufrecht erhalten. Die „Nat.-Ztg.", die sich an leitender Stelle mit den Beziehungen zwischen der Krone und der Reichshauptstadt beschäftigt, meint, es könne nicht überraschen, wenn die Ablehnung mit der Wiederholung der nicht bestätigten Wahl bes Stadtrats Kaufs mann (Mitglied der Freisinnigen Volkspartei) in Verbindung gebracht werde. Dieser Auffassung widerspricht die hälftig aus Berliner Magistratskreisen informierte „Voss. Ztg." Man unterstelle durch eine solche Behauputug der Krone, sich von Gründen leiten zu lassen, die nicht in der Sache liegen. Tas braucht nicht der Fall zu sein. Thatsache ist, daß der Kaiser von vornherein seiner Abneigung gegen eine neue Straßenbahnverbindung über die „Linden" Ausdruck gegeben hat — eine Kreuzung der „Linden" besteht bereits — und zwar mit Rücksicht darauf, daß der Charakter dieser großartigen Straße durch die Durchquerung empfindlich beeinträchtigt würde. Nicht allein das: auch der so überaus lebhafte Personen- und Wagenverkehr erlitte fast unausgesetzte Unterbrechungen. Daher bestimmte der Kaiser, die Verbindung solle unterirdisch ausgeführt werden. Wie das „Berl. Tagebl." mitteilt, hätten der preußische Minister des Jnnerli und der Polizeipräsident von Berlin bereits weitgehende Konzessionen bezüglich der zweiten Durchquerung der „Linden" gemacht, und an der Zusage des Kaisers keinen Augenblick gezweifelt. Ob dies zutrifft, mag dahingestellt bleiben. Sehr wahrscheinlich klingt aber die Meldung nicht. Wie dem auch sei, das kann keinensalls beftritten werden, daß die Wiederwahl des nicht bestätigten Stadtrats Kaufsmann zum Bürgermeister Berlins im engsten Zusammenhang steht mit dem Nichtempfang des Oberbürgermeisters Kirschner. Die von Herrn Kirschner nachgesuchte Audienz war wegen der Reisedispositionen des Kaisers hinausgeschoben worden. Inzwischen erfolgte bann die Wiederwahl Kaussmanns. Ter Schluß aus eine Versttmmung des Kaisers infolge dieser nun einmal als „Demonstration" aufgefaßten erneuten Präsentation drängt sich jeoem Unbefangenen auf. Möglicherweise wäre es dem Dbcrbürgerrmeifter durch mündliche Tarlegungen gelungen, die Bedenken des Herrschers gegen das Straßenbahnprojekt zu beseitigen, zumal unter Hinweis aus die ganz enormen Kosten einer unterirdischen Linien- Verbindung. Tie „Voss. Ztg." erklärt diese sogar für technisch undurchführbar. Indessen die Technik hat in Berlin beispielsweise beim Bau der Untergrundbahn größere Schwierigkeiten zu lösen gehabt und glänzend gelöst Die Hoffnung auf eine andere Entscheidung des Kaisers ist aufgegeben, ein neuerliches Gesuch der Berliner Behörden, dem „Berl. Tagebl." zufolge, ausgeschlossen. Man will eine andere Verbindung auf einem noch zu findenden Wege in Ueberlegung ziehen. Mb er es bleiben vorläufig die Gegensätze zwischen der Krone und der Reichshauptstadt. Die „Nationalztg." schreibt: „Solche Gegensätze zwischen der Krone und der Reichshauptstadt müssen ausgeglichen werden." Wir glauben eher, daß die Differenzen sich verschärfen werden, und daß sie zu einem Konflikt sich gestalten können, der auf die Entwickelung der Reichshauptstadt nicht ohne Einfluß bliebe. Denn das wird nicht zu leugnen fein, daß das Interesse des Kaisers an Berlin, sein Bestreben, die Stadt „zur schönsten der Welt" zu machen, von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist und vielfachen Ausdruck in Schenkungen usw. gesunden hat. Der „Kostgänger,, der Einzelstaaten. Unser Berliner parlamentarischer U.-Mitarbeiter schreibt unterm 24. September: Die Regierung denkt nicht an die Einführung neuer Reichssteuern. Das hat die offiziöse „Nordd. Allg. Ztg." bereits vor zwei Wochen feierlich verkündet. Ueber die Höhe des im nächsten Reichshaushalt zu erwartenden Defizits war dem Blatt eine Information anscheinend nicht zugegangen. Eine Schätzung des Staatssekretärs Frhr. v. Thielmann. in der Budgetkommisfion deS Reichstags vom Mai d. Js. bezifferte sich die „Hnterbilcmz" im nächsten Haushalt des Reiches auf 70 bis 80 Millionen Mark. Diese Schätzung ist, wie sich jetzt herausstellt, um ein erhebliches zu niedrig gegriffen. Obgleich der Schatzsekretär die Anforderungen der einzelnen Verwaltungsrefforts an die Reichskasse nach Möglichkeit herabzumindern bestrebt ist, wird in unterrichteten Kreisen das zu erwartende Defizit auf mehr als 100 Millionen berechnet. Eine trübe Aussicht, zumal für die E i n z e l st a a t e n. Denn da die Reichssteuerschraube nicht angezogen werden soll, bleibt nichts übrig, als die „Spannung" im Reichshaushalt durch Erhöhung der Matrikularbeiträge auszugleichen. Die Einzelstaaten werden also wieder in die Lage kommen, das Reich als „Kostgänger" bei sich zu sehen — eine Erscheinung, die bekanntlich den Beifall des Fürsten Bismarck niemals gefunden hat, weil durch solche Anforderungen des Reichs die Finanzentwickelung der Einzelstaaten in Unruhe und Unordnung gerät. Die nichtpreußischen Mitglieder des Bundesrats wiesen ja auch bei Gelegenheit im Reichstag auf das Mißliche dieses Eingriffs in den Haushalt der Einzelstaaten hin. Der Eingriff erfolgt dennoch, die Reichskasse muß aufgefüllt werden, und so dürfte der Winter den einen und anderen Landtag auf der Suche nach neuen Steuern sehen. Der Staatsbürger hat wieder einmal in die Tasche zu greifen, um den Reichsbürger über Wasser zu halten. Deutsches Reich. Berlin, 24. Sept. Aus Anlaß der 550jährigen Jubelfeier der Danziger Friedrich^-Wilhelm-Schützenbrüderschaft, zu welcher der Kaiser als Protektor einen massiv silbernen, innen vergoldeten Ehrenpokal in Form eines Charn- , rassnerkühlers gestiftet hat, wurde dem Monarchen seitens res Festausschusses folgendes Telegramm nach Cadinen ge- andt: Ew. Majestät sendet die Friedrich Wilhelrn-Schützen- brüderschaft mit allen zu ihrer 550jährigen Jubelfeier versammelten Gästen aus Stadt und Provinz ehrfurchstsvollen Gruß und innigsten Dank für das neue Zeichen kaiserlicher Gnade und Huld in unerschütterlicher Liebe und Treue für ihren kaiserlichen Protektor und Herrn. Gott segne, Gott schütze unfern Kaiser zum Heile des Vaterlandes, v. Goßler, v. Heydebrecr, Delbrück, Oouchi, Ehlers, Jllmmrn, Fey." — Hierauf erteilte oer Kaiser von Rominten aus drahtlich folgende Antwort: „Ich spreche der Friedrich Wilhelm- Brüderschaft für den Mrr anläßlich der 550jährigen Jubelfeier übersandten Huldigungsgruß Meinen besten Dank aus und wünsche der Brüderschaft von Herzen auch ferneres gesegnetes Wachsen und Gedeihen bis für alle Zukunft. Wilhelm." — Die Kaiserin besuchte gestern nachmittag in Begleitung der Gräfin Stolberg und des Kammerherrn Grafen Keller das Kinderheim in Rominten und verweilte eine Stunde daselbst. Die Kaiserin besuchte auch die Arbeiter- Wohnungen. — Die Absperrungsmaßregeln in der Ro- mintener Haide anläßlich der Anwesenheit des Kaisers sind diesmal fetyr streng. In Jozlandszen und Spitt- kehmen liegt je eine Kompagnie der Infanterie-Regimenter Nr. 33 und 59. Passierscheine nach Rominten Werden nur für solche Personen ausgestellt, die in eigener Angelegenheit zu thun haben. Im Gegensatz ftüherer Jahre erhalten alle diejenigen, die nur der Neugierde wegen nach Rominten Wollen, hierzu keine Erlaubnis mehr. Auch Verhaftungen sind bereits Vorgenvmmen Worden. Dichf an der Haide, am Wysteter See, der die Grenze mit Rußland bildet, liegt das Dörfchen Matzutkehmen. Dort wurden zwei verdächtige Personen verhaftet, und zwar von dem Stallupöner Gendarmerie-Oberwachstmeister, Welcher aus Anlaß des Kaiserbesuches mit seinem Kommando in Nassa- Wen stationiert war. Die Inhaftierten, die in das Stallupöner Gefängnis übergeführt wurden, sind junge Leute und gaben der fKlizei ausweichende Antworten, sodaß über den Zweck ihres Wochenlangen Aufenthaltes in dem Dörfchen nichts herauszubringen war. Bei der Durchsuchung ihrer Wohnungen fand man eine große Anzahl Schriften (Drucksachen) in russischer Schrift. Sachverständige sind beauftragt, den Inhalt zu prüfen. Gestern wurden vier Einwohner aus Matzutkehmen verhaftet und in das Gerichts- gefängnis in Goldap gebracht, weit sie die beiden Fremden beherbergt und mit ihnen Umgang gepflogen haben. Ferner werden sie beschuldigt, Briese und Geldsendungen, die aus nichtdeutschen Ländern (Schweiz) kamen, unter ihrer Adresse den Angeklagten übermittelt zu haben. — Der Gouverneur von Straßburg, Generalleutnant v. Sick, erhielt den Charakter als General der Kavallerie. — Aus dem bisherigen Ostasiatischen Expeditionskorps aus- geschsieden und bei nachstehenden Truppenteilen rc. angestellt Wurde vom 1. Ostasiat. Jnf.-Regt. v. Normann, Oberst und Regimentskommandeur, unter Erteilung der Erlaubnis zum Tragen der Uniform des 1. Großh. Hess. Jnf.-(Leibgarde-)Regts. Nr. 115, bei den Offizieren von der Armee. — Der Marine-Et^ -&c 1902 wird außer den Forderungen für Schiffs-Neubauten auch zwei Titel für Ersatzbauten enthalten und zwar für je einen großen und einen kleinen Kreuzer. Diese Forderungen werden sich auch im Etat für 1903 wiederholen. Ferner wird der neue Marine-Etat eine Ersatzforderung für das bei Malaga gesunkene Schulschiff „Gneisenau" enthalten. Kiel, 24. Sept. Der König und die Königin von England, die Prinzessin Viktoria und das Prinzenpaar Karl von Dänemark sind am Nachmittag an Bord des „Osborne" hier eingetroffen und haben am Abend unsere Stadt wieder verlassen, und zwar per Bahn. Saarbrücken, 24. Sept. Von der Krupp'schen Villa Hügel kommend, traf Prinz Tschun heute abend hier ein. Fürth, 24. Sept. Am zweiten Tage der Verhandlungen des Parteitages der Deutschen Volkspartei bildete den Hauptgegenstand der Tagesordnung das Referat von Prof. Dr. Quidde über den neuen Zolltarifentwurf. Dabei kam es zu lebhaften Auseinandersetzungen, da Prof. Quidde die gegenwärtigen Zölle für berechtigt erklärte. Er betonte dabei, daß er ihre weitere Erhöhung nicht befürworten könne; die Hauptsache sei, den Abschluß möglichst langfristiger Handelsverträge zu erreichen. Schließlich wurde eine Resolution gegen ben neuen Zolltarifentwurf angenommen. Reichstagsabg. Konrad Haußmann-Balingen erstattete das Referat über die deutsche Bahnpolitik und die Herabsetzung der Bahntarife. Er schlug in einer Resolution für die unterste Klasse einen Tarifsatz von 2 Pfg. pro Kilometer vor, wobei noch Ausnahmen nur für landwirtschaftliche Arbeiter und Soldaten zu gestatten seien. Er sprach sich ferner gegen das Projekt einer Staatseisenbahngemeinschaft aus und tadelte es, daß die deutschen Parlamente bei der Festsetzung der Tarife kein Wort mitzusprechen hätten. Am Nachmittag wurde der Parteitag geschlossen. Ausland. Loudon, 24. Sept. Nach einer Meldung des „Bureau Laffan" aus Tientsin ist am Sonntag die Besetzung der Provinz Tschili durch die Verbündeten offiziell beendet worden. Ungefähr 16 000 Mann Truppen befinden sich in Tientsin und an den Verbindungslinien. Sie werden den Winter hindurch und vielleicht auf unbestimmte Zeit dort bleiben. Möglicherweise kommen frische englische Truppen hinzu. Die Deutsch en sind gegenwärtig stärker an Zahl als die Engländer. — Die Mandschurei wird von den Russen garnisoniert und die Konsulate sind befestigt worden. — Nach einer Shanghaier Meldung wird der chinesische Hof von Singanfu nach Kaifanfu gehen und dort zwei Jahre bleiben. Paris, 24. Sept. Der ehemalige Deputierte Roux, der die Probefahrt des Dampfers des Norddeutschen Lloyd „Kronprinz Friedrich Wilhelm" mitgemacht hat, rühmt im „Journal des Debats" in enthusiastischer Weise die in jeder Beziehung vollkommenen Einrichtungen des Schiffes und schreibt bei diesem Anlaß: Ich zögere nicht, wieder einmal zu erklären, daß die Deutschen uns in maritimer, industrieller und kommerzieller Beziehung um hundert Längen voraus sind, und daß wir viel zu thun haben werden, um das verlorene Terrain wieder zurückzugewinnen. Ich glaube, daß man in Frankreich die Bedeutung der gegenwärtig in Deutschland herrschenden inanziellen und industriellen Krisis übertreibt. Einzelne Jn- dustrieen leiden unter einer zu eiligen Entwicklung, und einzelne Banken, die diese Industrien begünstigt haben, sind krank, aber die Gesamtheit des Handels gedeiht darum nicht weniger und hat das Bewußtsein ihrer Stärke und Lebenskraft. Triest, 24. Sept. Der Dampfer des österreichischen Lloyd „Erzherzog Franz Ferdinand" ist mit dem 2. Bataillon des deutschen 2. ostasiatischen Infanterie-Regiments heute ftüh 6 Uhr hier eingetroffen und hat sich auf der Rhede an einer Boje vertäut. Der Schiffskommandant begab sich mit den Schiffspapieren zum Gesundheitsamt, wo alles in Ordnung befunden wurde. Der Präsident des österreichischen Lloyds, Becher, begab sich mit den anderen Direktoren des Lloyd zur Begrüßung an Bord des Schiffes. Um 11 Uhr vormittags fand militärischer Empfang im neuen Hafen statt. Petersburg, 24. Sept. Der Kaiser und die Kaiserin mit den kaiserlichen Kindern sind in Begleitung des Prinzen und der Prinzessin Peter von Oldenburg in Spala angekommen. Auch der Minister des Auswärtigen Graf Lams- dorff ist hier eingetroffen. (Damit fallen die Vermutungen, daß man in Mainz oder Bingen in diesen Tagen das Zarenpaar werde begrüßen können, zusammen. Das russische Herrscherpaar hat also den deutschen Boden verlassen, ohne dem Großherzoglichen Hofe einen Besuch abzustatten. D. Red.) Konstantinopel, 24. Sept. Gegenüber den Behauptungen türkischer offizieller Kreise wird von zuständiger französischer Seite versichert, daß das Arrangement der Pforte mit Tubini von der französischen Regierung noch nicht genehmigt sei. Ain-Sefra-Buasnama (Algerien), 24. Sept. Einer der Häuptlinge au der südalgerischen Grenze, der bisher die fran- z ösische Herrschaft hartnäckig bekämpfte, hat dem Kommandanten von Ain-Sefta-Buasnama seine Unterwerfung angezeigt. Bussallo, 24. Sept. Czolgosz wurde durch denSchieds- pruch gemäß dem amerikanischen Gesetz zum Tode verurteilt. — Heber den Verlauf des Prozesses gegen den Mörder des Präsidenten Mac Kinley wird gemeldet: Czolgosz war vor dem Richter sehr kleinlaut. Der Staatsanwalt ac- ceptierte sein Geständnis nicht, um der Verteidigung di« Möglichkeit zu lassen, auf Geisteskrankheit zu plädieren. Die Geschworenen-Wahl nahm zwei Stunden in Anspruch. Die Anklage des Staatsanwalts dauerte nur 7 Minuten. Als Zeuge erschien Dr. Gayland. Heber den Leichenbefund auf Grund der Autopsie berichteten die Aerzte Mynter und Mann. Der Verteidiger stellte durch die Aussagen von Dr. Mann :eft, daß der Befund der Autopsie außergewöhnlich gewesen ei und daß Mac Kinley durch Heberarbeitung geschwächt sei. Das trug zweifellos dazu bei, die Sache zu dem bekannten Erfolg zu führen. Aerztliche Kunst hätte den Präsidenten sonst retten können. Andere Zeugen wiederholten bereits bekannte Thatsachen. Der Gerichtshof erkannte nach halbstündiger Beratung dahin, daß Czolgosz des Mordes im ersten Grade schuldig sei und fällte sodann das Todesurteil. Chicago, 24. Sept. Emma Goldmann wurde aus der Hast entlassen. Aus Stadt und Sand. Nachrichten von allgemeinem Interesse sind uns stets willkommen und werden angemessen honoriert. Gießen, 25. September 1901. ** Aus dem Bureau des Stadttheaters wirb uns geschrieben: Nachbem bie für bie am Dienstag ben 1. Oktober beginnenbe Spielzeit engagierten Mitglieder vollzählig eingetroffen sind, haben die Bühnenproben am gestrigen Tage ihren Anfang genommen. Die Theaterlokalitäten sind vollständig neu hergerichtet und machen nunmehr von innen und außen einen recht freundlichen Eindruck. *’ Wintersemester der Kaufmännischen Fachschule. Wie aus einer Annonce in unserer heutigen Nummer ersichtlich ist, beginnt mit dem 1. Oktober an der kaufmännischen Fachschule bas Winter-Semester. Laut Verfügung der Großh. Regierung muß der Hnterricht in den obligatorischen Fächern bei Tage gehalten werden, während der fakultative Hnterrich abends ftattfinben kann. Nach § 120 b. Gew.-O. u. § 76 b. H.-G. sind bie Prinzipäle gehalten, ihren Lehrlingen bie zum Besuche der Schule nötige Zeit zu gewähren, und man hegt die berechtigte Hoffnung, daß jetzt der Staat diese Schulen unterstützt, und weiter auszubauen sucht, auch der Handelsstand unserer Fachschule wie seither volle Sympathie entgegen bringen wird. ** Befihwechsel. Das frühere Klein'sche Haus Asterweg Nr. 12 „Zum Sächsischen Hof" das erst vor kurzem von Herrn Wilhelm Hofmann, Ederstraße Nr. 4, käuflich »r- roorben wurde, und in dem eine flottgehende Gastwirtschaft durch den seitherigen Besitzer betrieben wurde, ist für 36 000 Mark in den Besitz des Herrn Beppler aus Dorlar übergegangen, der darin mit dem 1. November den Wirtschaftsbetrieb übernehmen wird. * * Ta s Großh. Ministerium, Abteilung für Bauwesen, hat eine Verfügung erlassen über den Arbeits» betrieb in den Strafanstalten. Es wird den dieser Ministerialabteilung unterstellten Behörden mitgeteilt, daß )ie Gefängnisverwaltungen auf eine Verwertung der Erzeugnisse der Gefangenenarbeit bedacht sein müßten; es erscheine daher das Bestreben der Justizbehörde, für die Gesangenenarbeit ein entsprechendes Absatzgebiet zu schaffen, wohl berechtigt. Ein Preisdruck zum Nachteil des Handwerks sei aber nicht erwünscht. Ebenso ollen an Wiederverkäufer und Händler keine Waren ge- iefert werden, um nicht die Wettbewerbsfähigkeit der selb- kündigen Handwerker zu beeinträchtigen. Unter der selbstverständlichen Voraussetzung, daß die anzuschaffenden Waren von entsprechender Güte sind und ein dieser entsprechender angemessener Preis vereinbart wird, sollen deshalb die Strafanstalten zu Lieferungen für Staatsgebäude in höherem Maße als seither heran- gezogen werden. Ms Fabrikate, welche hauptsächlich in den Strafanstalten angefertigt werden, sollen in Betracht kommen: Kokosmatten und Thürvorlagen aus Rohr und Kvkosgarn; Mobiliargegenstände für Bureauausstattungen, wie Tische, Stühle von Holz und mit Rohrsitz, Schränke, Gestelle u. dgl. Nach Ablauf von zwei Jahren verlangt das Ministerium Bericht, ob sich das mit den Gefangenew arbeiten einzuschlagende Verfahren bewährt hat und welche Beobachtungen dabei gemacht worden sind. * * Die Manöver der 25. Division nahmen am 17. ihren Anfang. Auf der einen Seite (Abteilung „Blau") tauben, Wie die „N. H. Volksbl" mitteilen, die Jnfanterie- Reaimenter 115, 116, 168, das Feld-Artillerie-Regiment 61 und das Dragoner-Regiment 24, auf der andern Seite (Abteilung „Rot") die Infanterie-Regimenter 117 und 118, bas Felb-Artillerie-Regiment 25 unb bas Dragoner-Regiment 23. Bei etwas günstigerem Wetter setzte sich die blaue Armee in der Richtung auf Worms in Wiarsch, über» chritt den Rhein, besetzte die Brückenübergänge durch kleinere Infanterie-Abteilungen und nahm beim weiteren Vormarsch Aufstellung hinter den Höhen bei Herrnsheim- Pfeddersheim. Tie rote Armee hatte unterdessen die Höhen in der Linie Mörstadt—Abenheim besetzt und ging später offensiv der blauen Armee entgegen. Tas Gefecht entwickelte sich anfangs langsam, die Stellung der blauen Armee War vorzüglich gewählt. Die rote Armee konnte deshalb ihren Angriff nicht zur Durchführung bringen und mußte sich in ihre alte Stellung unter großen Verlusten zurückHiehen, und wurde später über diese hinaus nach Norden abgeorängt. Am 18. nahm das Gefeclft feinen Fortgang und zwar in günstigster Weise für bie blaue Armee. Diese schob sich mit ihrem rechten Flügel durch eine ge» chickte Flankenbewegung zwischen den linken feindlichen zlügel und den Rhein und Warf diesen Flügel somit auf die Mitte zurück. Dadurch sah sich die rote Armee gezwungen, sich nordwestlich zurückzuziehen. Eine eigentliche taktisch vollgiltige Entscheidung konnte jedoch nickt erreicht werden. Der Großherzog Wohnte mit seinen fremd- ländischen Gästen diesen beiden Manövertagen bei. — Die letzten Biwaks am 17. gestalteten sich für die Truppen recht schwierig. Schon gegen Abend fing es an zu regnen und bald glichen die Biwaksplätze großen Wasserlachen, und es ereignete sich neben der unangenehmen Situation manch heiteres Stückchen, denn sobald das Wasser einen Weg in eines der Zelte gefunden, stürzten die aus der Ruhe gestörten Schläfer zähneklappernd aus dem Zelt hervor und suchten Wärme und Schutz am Biwaksfeuer. Dort wußte man nun nichts Besseres zu thun, als sich mit Gemütsruhe in die verwünschte Lage zu fügen, und so wurden denn Witze gerissen, und militärische ©djnurren erzählt, trotz Wetter und Regen bis zum Morgen. Am 19. war Ruhetag. Doch wer da glaubt, daß ein Ruhetag im Manöver ein Laa voller Niclftsthun ist, der ist im Irrtum; Wohl bringt derselbe keine größeren körperlichen Anstrengungen, aber in allen Ecken und Winkeln findet man unsere Krieger fleißig und geschäftig: schusternd, schneidernd, putzend, waschend und ausklopfend, sich abmühend und plagend, damit beim Appell keine Anstände vorgefunden werden. Läuft letzterer gut ab, so sind in der Regel die Nachmittagstunden frei; doch auch jetzt denkt der deutsche Soldat nicht an Ruhe. Müßiggang ist ihm ein fremdes Ding, freudig und dienstbeflissen zieht er mit seinem Quartierwirt hinaus in die Weinberge, faßt kräftig mit zu, und läßt sich Essen und Trinken recht gut schmecken. Und tritt auch mancher den Heimweg etwas schwankend an, so steht am andern Morgen die Kompagnie doch sauber nud blank geputzt in Reih und Glied und nun kann's wieder los geh'n, ob Wind und Wetter, ob Regen und Biwak, das bleibt sich gleich. * * Diebstähle. In der letzten Zeit wurden in hiesigen Obst- und Gemüsegärten und auch auf ben Feldern in der Umgebung Diebstähle ausgeführt. Einige Diebe wurden nunmehr abgefaßt, bezw. ermittelt. Durch eine empfindliche Strafe wird ihnen hoffentlich für immer bie Lust zur Fortsetzung ihres Handwerks genommen. * * Verpachtung. Das am Bahnhof in Grünberg gelegene^ Anwesen bes Baurats i. P. Dr. Di essend ach wurde an bie Aktienbrauerei Gießen auf eine Reihe von Jahren verpachtet. Das Haus soll zu Wirtschaftszwecken ein- gerichtet werben. Der Wirt, Herr Allenborf auS Ortenberg, hat bereits um Erteilung ber Konzession nachgesucht und der Grünberger Stabtvorstand hat in seiner letzten Sitzung die Bebürsnisftage für Errichtung einer Wirtschaft am Bahnhofe bejaht. t m Laubach, 23. Septbr. Unter dem Vorsitz bet Gräfin Emma werben bie Damen Laubachs in nächster Zeit wieder zu gemeinsamer Handarbeit zusammenkommen. Die gefertigten Sachen werben zur Weihnachtsbescherung im Stift oerwenbet. Selzen, 23. Sept. Heute begannen bie Korpsmanover. Nach vorhergegangenem Nachtgefecht ber Vorposten fanb im Beisein bes Großherzogs unb seines Gefolges ein prächtiges Gefecht statt, bas auf ber Höhe vor Dexheim enbigte. »ie Truppen begaben sich in bas Biwak. Dasjenige der höfischen Division befinbet sich bei Wörrstabt, bas der preußischen zwischen Hahnheim unb Hnbenheim. A. Nidda, 24. Sept. Das in den Tagen vom 15. bi8 17. Juni hier veranstaltete 28. Turnfest bes Gaues Hessen hat nach ber jüngst erfolgten Rechnungslegung em rech günstiges finanzielles Ergebnis gehabt. Die Gesamteinnahmen betrugen Mk. 4815.90, denen Mk. 4031.73 Ausgaben ent gegenstehen, so daß ein Reingewinn von Mk. 784.17 erzielt wurde, der dem hiesigen Turnverein zu Gute kommt. — Bei der diesjährigen Versteigerung der Gemeindeäpfel wurden Mk. 3565.30 gelöst — der höchste Ertrag, der je erzielt wurde. -o- Staufenberg, 24. Sept. Bei der geftrigen Ge- meinderatswahl waren 3 Mitglieder zu wählen. Es wurden 2 Sozialdemokraten, nämlich bet* Bureaugehilfe Heinrich Becker III. von der Mainweser-Hütte und der Former Ludwid Jung II. gewählt. Der dritte, Landwirt Ludwig Vogel VIII., der dem Gemeinderat schon länger angehört, wurde wiedergewählt. □ Ruppertenrod, 24. Sept. Bei der gestrigen Beigeordnetenwahl wurde der seitherige Beigeordnete, Kaufmann Adam Reiber, einsttmmig mit 94 Sttmmen wieder- gewählt. Der Wiedergewählte bekleidet dieses Amt nun schon seit dem Jahre 1864. Beigeordneten- wie Bürgermeisterwahl stellen der Gemeinde und auch den Gewählten das beste Zeugnis aus. Wo die Gewählten wie bei uns ohne jede Spur von Agttation einsttmmig mit großer Stimmenzahl wiedergewählt werden, da kann die Gemeinde stolz auf ihre Vorsteher sein und die Gewählten können stolz auf das von chnen geleitete Gemeinwesen sehen. ? Ober-Ohmen, 24. Sept. Die beiden hiesigen Schulklassen wurden auf kreisärzttiche Veranlassung für drei Wochen geschlossen, weil unter den Schulkindern Scharlach ausgebrochen ist und sich noch weiterhin zu verbreiten scheint. Dazu gesellt sich bei Erwachsenen die Diphtheritis. Opfer hat glücklicherweise die Seuche noch nicht gefordert, so daß man auf einen gutartigen Verlauf der Epidemie hofft. Mainz, 24. Sept. Der Grohherzog, die Großherzogin, Prinzessin Beatrice und Prinz Arthur von Connaught unternahmen gestern morgen mit dem Dampfer „Hassia^ eine Fahrt nach Oppenheim. Sie betrachteten kurze Zett den Uebergang einer schweren Haubitzbatterie über die Pontonbrücke und fuhren alsdann in den Hafen ein, wo sie sich an das Land begaben und über das Schienengeleise nach dem Bahnhof gingen. Nach einigen Minuten bestieg der Großherzog sein Pferd und ritt in Begleitung des Prinzen Connaught an den spalierbildenden Kindern und Vereinen vorüber durch die Hauptstraßen nach dem Manöverfeld. Die Großherzogin und Die Prinzessin kehrten mit der „Hafsia" nach Mainz zurück. Im Fünferzug kam der Großherzog gegen 11 Uhr 45 Min. aus dem Manöver zurück und fuhr 12 Uhr 25 Min. mittels l^trazuges nach Mainz zurück. Gestern nachmittag besuchte das Großherzogspaar nebst Gefolge in Begleitung des Oberbürgermeisters Dr. Gaßner und des Baurats Beigeordneten Kuhn den Bau der neuen Jnfanteriekaserne und die Anlagen auf der Kaisersttaße. An Hand des Bebauungsplanes des Schiloßfreihettsgeländes wurde den hohen Herrschaften der zukünfttge neue Stadtteil vor Augen geführt. Das Großherzogliche Paar begab sich hierauf mit Gefolge in die Wohnung des Oberbürgermeisters Dr. Gaßner, wo der Thee im engen Familienkreise eingenommen wurde. H. Darmstadt, 25. Sept. (Telephonmeldung des „Gieß. Anz.") Das Großherzogspaar, das seitdem 16. in Mainz Aufenthalt genommen hat, wird am heuttgen Nachmittag nach Schloß Wolfsgarten zurückkehren. Bingen, 24. Sept. Die bekannte hiesige Tabak- und Zigarrenfabrik von Karl Gräff ist für den Preis von 2 Millionen Mark in den Besitz eines Konsortiums übergegangen und soll in eine Aktiengesellschaft umgewandelt werden. Bechtolsheim, 23. Sept. Eine hiesige sehr achtbare Familie wurde am Sonntagabend von großer Trübsal heim- besucht. Der älteste Sohn der Familie, ein fleißiger, ruhiger und zuvorkommender junger Mann von 28 Jahren, wurde, wie das „Mainz. Journ." mitteilt, von einem Sergeanten des 168. Regiments, dessen zweites Bataillon hier in Quartier lag, mit dem Settengewehr so schwer verletzt, daß die Eingeweide hervorttaten. Die Ursache des Streites ist bis jetzt noch nicht festgestellt. Nach Bekanntwerden der ruchlosen That rannten in gährender Erbitterung viele Ottsbewohner dem traurigen Säbelhelden nach, um ihn einzufangen. Auf der Flucht gab der Sergeant zwei Schüsse aus dem Dienstgewehr ab, um die Verfolger abzuschrecken. Um ihnen zu entgehen, flüchtete er nach dem katholischen Pfarrhause, nachdem er den Posten vor dem Pfarrhause angcrufen hatte. An der Pfarrhausthür gab er seinem Rufen um Einlaß und Hilfe durch den Gewehrkolben Nachdruck. Der Pfarrer öffnete die Thür, in der Meinung, er werde eiligst zu einem Kranke gerufen und ließ den Mann in den Vorplatz eintreten. Jetzt kam auch schon die Volksmenge, uni Lynchjustiz an dem Verbrecher zu üben. Nur ein starkes Aufgebot der Wachmannschaften konnte mit aufgepflanztem Seitengewehr den Ansturm auf das Pfarrhaus zurückhalten. Bingerbrück, 24. Sept. Der chinesische Sühneprinz Tschun traf heute mittag gegen 12*/, Uhr mit Gefolge auf dem hiesigen Bahnhof ein. Nachdem die Mahlzeit eingenommen war, machte die ganze Gesellschaft eine Exkursion nach dem Niederwalddenkmal. Am Abend kehtte sie zurück und fuhr um 7 Uhr 40 Min. nach Saarbrücken weiter. Wie aller- wätts, so hatten sich auch hier zahlreiche Neugierige eingefunden, um den Sühneprinzen zu sehen. Theater, Kunst und Wissenschaft. Der 73. Deutsche N atur for s cher - und Aer zte- tag, über dessen Eröffnung mir bereits berichtet haben, hctt, nach her ersten allgemeinen Sitzung seine Abteilungssitzungen begonnen. In der Abteilung für Anthropologie sprach Professor Stratz-Haag über den „Einfluß der Rassen auf Körperform und Kleidung der Frau". An der Hand vieler Lichtbilder von Frauen der germanischen, romanischen, semitischen, mongolischen und malayischen Rasse zeigte der Redner zunächst in welcher Weise die Körperformen der Frauen der verschiedenen Nassen von einander abweichen, um darzuthun, inwieweit diese Verschiedenheiten die Frauen zur Anpassung ihrer Kleidung an ihre Körper form en veranlaßt haben. Bei den Frauen aller Rassen finde sich in dieser Beziehung das charakteristische Merkmal, daß sie bemüht sind, das Rassenkennzeichen, bezw. die Rassenvorzüge möglichst gut durch eine entsprechende Kleidung hervorzuheben. Tie Verbreitung der weiblichen Kleidung in den letzten vier Jahrhunderten zeige deutlich, daß z. B. religiöse Vorschriften desl Islam, dann auch kulturelle Anforderungen die ursprüngliche Nacktheit vieler Völkerschaften beseitigen konnten, daß es aber unrichtig sei, wenn behauptet werde, auch das sittliche Schamgefühl habe die Frau veranlaßt, allmählich äum Lendenschurz und von diesem zur völligen Bekleidung des Körpers überzugehen. Ter Gürtel zum Beispiel fei niemals dazu bestimmt gewesen, die Blößen des Körpers zu verdecken, sondern war vielmehr zum Aufhängen von Zierrat gedacht. Spater befesttgte die Frau dann and) bunte Stoffe usw. an dem Gürtel und damit war der Uebergang zum Rock und zur allgemeinen Bekleidung gegeben. Aber auch diese verhüllende Bekleidung benutzte die Frau noch dazu, um durch die Anpassung derselben an die Körper form en diese möglichst vorteilhaft zur Geltung zu bringen. Für die Chinesin ergab sich damit die Notwendigkeit, zu ihren dem chinesischen Schönheitsideal entsprechenden verkrüppelten Füßen die Hose an;ulegen, die eine Zurschaustellung derselben ermöglicht; die mitteleuropäische Frau, welche eine tiefe Taille auszcichnet, kam dadurch ganz von selbst zum Gebrauck) des Korsetts und daraus ergebe sich, schließt der Redner, daß alle jene Besttebungen, welche darauf hinauslaufen, das Korsett abzuschaffen und die gegenwärtig so sehr en vogue sind, unbedingt sd)eitern müssen, weil sie eine Verkümmerung dieses weiblichen Rasseninsttnktes bedeuten. — Tie Abteilung für Astronomie hörte ein Referat des Tirektors Archen- Hold-Berlin von der Treptower Sternwarte über die Entwickelung der Fernrohr-Technik im 19. Jahrhundert, die speziell in Amerika mit Hilfe der großartigen Subventionen von begüterten Freunden der Himmelskunde ungeahnten Nutzen gebracht hat. — Bemerkenswert ist, daß die A b st i n e n z b c w e g u n g sich den diesjährigen Naturforschertag in umfassendster Weise zu Nutze macht, um die Mediziner für die Anti-Alkoholbewegung durch Verteilung von Flugblättern, Veranstaltung von Versammlungen und alkoholfreien Festlichkeiten und Beteiligung an den Vorträgen und Debatten zu gewinnen. Auch der Verein gegen den Mißbrauch geistiger Gettänke, der Verband der abstt- tienteil Aerzte, der abstinente Lehrerverein u. a. m. entwickeln nach dieser Richtung hin rege agitatorische Thätig- feit, und die Anwesenheit hervorragender Männer der deutschen Abstinenzbewegung, wie Prof. Kraepelin-Heidel- berg, Dr. Delbrück-Bevün und Dr. Smith-Marbach läßt darauf schließen, daß diese Agitation nicht ohne Einfluß bleiben dürfte. — Am 24. nachm- gab die Hamburg-Amerika- Linie auf den Schiffen „Palatia", „Auguste Viktoria" und „Prinzessin Viktoria Luise" 1200 Gästen, unter denen sich Kongreßmitglieder befanden, ein Tiner. Am Abend nahmen 1500 Gäste an dem Empfange im Rathause durch den Senat teil. Hammcrsest, 24. Sept. Bauendahl und fein einziger Begleiter verließen die Nordseite Spitzbergens am 23. Juli auf einem Flosse, das 23 Fuß lang und 9 Fuß breit ist und etwa 6 Tons Tragfähigkeit hat. Es ist aus ?lndräs Ballonhaus gebaut. Der Plan ist, durch das Westereis Grönland zu erreichen, wohin ein Hammefiester Seehundfänger nächstes Jahr ihm einige Remitiere und Renntiefichlitten bringen soll. Bauendal nahm nur zwei Paar Schneeschuhe und die notwendigen Instrumente mit. Alle Transportgeräte, Schlitten usw. bleiben auf Spitzbergen. Er hofft ganz gewiß den Nordpol zu erreichen. Gerichtssaat. d. Gießen, 24. September. (Strafkammer.) Die mehrfach vorbestrafte, von Hanau gebürtige Anna Elise Kohlhepp ist beschuldigt, durch falsche Angaben unrichtige Beurkundungen im Personenstandsregister herbeigeführt und sich dadurch der Urkunden- fälschung schuldig gemacht zu haben. Sie wird deshalb in eine durch die Untersuchungshatt als verbüßt zu betrachtende Gefänais- strafe von vier Wochen verurteilt. Sie erkennt die sofortige Rechtskraft des Urteils alsbald an. — Die Strafsache gegen den Landwirt Gottfried Ewald II. von Ockstadt wegen Bestechung wird, da der als Zeuge geladene prakt. Arzt Dr. Rumpf von Friedberg nicht erscheinen konnte, auf den 15. Oktober vertagt. — Ter Paul Josef Buß von Darmstadt, zuletzt Fahrradhändler in Bad- Nauheim ist der Unterschlagung beschuldigt. Die Verhandlung gegen den Angeklagten wird nach erfolgter Zeugenvernehmung zum Zwecke weiterer Beweisaufnahme vertagt^ — Gegen den Jakob Kraus von Assenheim wird hinter verschlossenen Thüren wegen Verbrechens gegen § 176 pos. 3 St.-G.-B. verhandelt. Das Urteil lautet auf eine Gefängnisstrafe von 2 Jahren. Die bürgerlichen Ehrenrechte werden dem Angeklagten auf die Dauer von 3 Jahren aberfannt. — Ter im Jahre 1880 geborene Jakob Leonhardt von Okarben ist beschuldigt, am 14. auf den 15. Juli ds. Js. zu Okarben durch Messerstiche den Ehfistian Borger in Friedberg körperlich verletzt zu haben. Der Angeklagte'leugnet die ihm zur Last gelegte strafbare Handlung, die Beweisaufnahme erbringt aber die Ueberzeugung seiner Schuld. Das Urteil lautet auf eine Gefängnisstrafe von 3 Monaten. — Wegen Verbrechens gegen § 176 des Str.-G.-B. wird der Heinfich Ffischholz von Rüd- dingshausen in eine Gefängnisstrafe von 1 Jahr 6 Monaten verurteilt. Die bürgerlichen Ehrenrechte werden dem Angeklagten auf die Dauer von 3 Jahren aberfannt. Handel und Verkehr. Volkswirtschaft. Markte. kc>. Frankfurt a. M., 25. Sept. (Orig.-Telegr. des „Gießen. Anz.") Amtliche Notierungen der heutigen Fruchtmarktpreise. Weizen Mk. 16.25—00.00, Kurhessischer Alk. 00.00-00.00, La Plata Mk. 16.75—17.25, Kansas Mk. 00.00—00.00, Roggen (hiesiger) Mk. 13.50—00.00, Gerste (Wetterauer) Mk. 16.00—00.00, Kleie Mk. 00.00—00.00, Hafer Mk. 14.00-00.00, Mais Mk. 12.00 bis Mk. 12.50, Weizenmehl 0 Mk. 24.75—25.00, 2. Qualität Mk. 22.75 bi§ Mk. 23.00, 3. Qualität Mk. 20.75—21.00, Roggenmehl 0 Mk. 21.75—22,50.2. Qualität Mk. 20.50—21.00, Weizenkleie Mk. 9.00 bis Mk. 00.00, Noggenkleie Mk. 10.00—0.00, Maiskeime Mk. 9.75 bis Mk. 10.00. Alles per 100 Kg. ab hier. Arbeiterbewegung. Charleroi, 24. Sept. Etwa 400 Arbeiter des Kohlenbergwerkes Moneeau-Fontaine in Rour haben heute früh die Arbeit eingestellt. Sie verlangen Lohnerhöhung. Neueste Meldungen. Originaldrahtmeldungen des Gießener Anzeigers. London, 25. Sept. Nach einer Meldung aus Bloemfontein haben die Werbebureaus zur Anwerbung von Zeomaurys, die auf Veranlasiung der englischen Regierung an vefichiedenen Orten errichtet wurden, nur sehr geringe Resultate aufzuweisen. Die Zahl der notwendigen Ersatztruppen konnte bisher nicht zu- sammeugebracht werden. Mastricht, 25. Sept, lieber einen schweren Unglücksfall bei einer Automobilfahrt, der sich gestern Abend bei Gelegenheit der holländischen Manöver ereignete, wird gemeldet: Der deutsche Oberst von Ziegler vom 15. Husarenregiment, ferner der russische und schwedische Militärattache, und der holländische Baron von Asbeck, der den fremden Offizieren als Begleiter zugeteilt war, wurde bei der Einfahrt in das Torf Fouquemont durch Umfallen des Automobils gegen eine Mauer geschleudert. Die beiden Militärattaches erlitten innere Verletzungen, Oberst v. Ziegler und Baron v. Asbeck wurden schwer verletzt. Der Zustand des letzteren ist hoffnungslos. Oberst v. Ziegler wurde in daS Krankenhaus gebracht. Pforzheim, 25. Sept- Zn der Angelegenheit des Bank- Hauses Robert Bloch fand gestern abend im Rathause eine Versammlung statt, in welcher ein Garantiefonds von 800 000 Mk. von zwölf hiesigen Bürgern gezeichnet wurde. Die ruhige Wetterführung deS Geschäfts unter verminderter Leitung scheint gesichert. Aus Stuttgart lag ein Telegramm vor, wonach die Fottdaner der dortigen Bankfirma Joses Schweizer als gesichert bezeichnet wurde, falls die Firma Bloch gehalten wurde. Petersburg, 25. Septdr. Gestern ab end erfolgten in Kischinew heftige Erdstöße. Buffalo, 25 Sept. Der Attentäter Czolgosz wurde ins Gefängnis von Auburne gebracht. Berlin, 25. Sept. Auf dem sozialdemokratischen Parteitag erklätte Bebel, noch ein paar Bernsteins mehr hätten die Pattei zu Grunde fichten können. Der Haupt- vorwufi in allen Reden ist der Vortrag Bernsteins im sozialwissenschaftlichen Studenten-Verein und besonders das dazu gewählte Thema. Außerdem wird Bernstein angegriffen, weil er nicht auf das Lob der bürgerlichen Presie reagiert hat. Hamburg, 25. Sept. Infolge des herfichenden niedrigen Wasferstandes geriet der von New-Orleans kommende englische Dampfer „Penlee" auf der Unterelbe bei Luehe auf Grund. Das Schiff muß leichtern. Kiel, 25. Sept. Das Kriegsgericht der ersten Marine- Inspektion verutteilte den BootmannSmaat Bork vom „Friedrich Karl" wegen vorsätzlicher Mißhandlung eines Untergebenen im Dienst zu 3 Monaten Gefängnis. Vott einer Degradation wurde in Anbettacht der bisherigen guten Führung des Verutteilten abgesehen. Goldap, 25. Sept. Tie vier hier inhaftierten Einwohner eines Torfes an der russischen Grenze wurden einsd- weilen freigelassen, weil sie ansässige Leute sind. Einer fitz Gastwirt dott. T4e beiden verhafteten Russen, die in Stallupöneu sitzen, sollen wegen Einschmuggelns verbotener Schriften der russischen Regierung überwiesen werden. Paris, 25. Sept. Der anarchistische Schriftsteller und Redakteur des Anarchistenblattes „Libertaire", Tallhade, und der Verwalter dieses Blattes, Grandvivier, sind wegen eines heftigen zum Morde aufreizenden Artikels gestern vom Untersuchungsrichter verhört worden. Tail- hade beanspruchte die Verantwortlichkeit für den Artikel. Grandvivier erklätte, der Attikel sei von ihm vollständig gebilligt worden und sfimme mit der von dem Blatte eingeschlagenen Tendenz überein. Beide Angeklagten sind infolgedessen vor das Schwurgericht Vettviesen woroen, welches sich Ende der Woche mit dieser Sache befassen wird. Telephonischer Kursbericht Frankfurt a. M 372% Reicheanleihe . . 100.30 3% do. ... 90.45 37,% Konsole .... 100.30 3% do......90.60 372% Hessen . . t . 98.00 5% Italien. Rente . . . 99.10 4-/o Griech. Monopol-Anl. 43.00 3 '/o Portugiesen . . 25.70 3% Mexikaner .... 26.30 4 %% Chinesen .... 83.60 ,, 25. September. Kreditaktien ..... 192.50 Diskonto-Konunandit , . 170.40 Darmstädter Bank . . . 115.70 Dresdener Bank .... 121.70 Berliner Handelsges. . . 129.80 Ocsterr. Staatsbahn . . . 130.20 Gotthardbahn . . . , , 154.70 Laurahütte......173.50 Bochum . r . . , . . 156.20 Harpener ...... 146.00 Tendenz: schwach. Kaufmännische Fachschule. Wir bringen hierdurch zur öffentlichen Kenntnis, daß das Winter-Semester unserer Schule Dienstag den 1. Oktober a. c. beginnt. Gleichzeitig wird auch in diesem Winter wieder ein Damen-Kursus abgehalten. Anmeldungen zum Besuche der Schule und des Damen- Kufius können vom 25. September an täglich von 12—1 Uhr nachmittags bei unserer Schulleitung — Schillerstraße 5 — sowie am 29. und 30. September, abends von 9—10 Uhr, in der Schule — Nordanlage 15 — erfolgen. Die Eröffnung der Fachschule ist auf Dienstag den 1. Oktober, abends 8V2 Uhr, des Damen-Kufius auf Samstag den 5. Oktober, nachmittags 2 Uhr, festgesetzt und wollen sich die Angemeldeten an diesen Tagen pünktlich in der Schule einsinden, um Stundenplan, Satzungen ünd andere Mitteilungen entgegen zu nehmen. Das Schulgeld beträgt: 1. Für einfache Buchführung, Korrespondenz, Rechnen, Wechsellchre und Handelsgeographie zusammen 15 Mk. 2. Für doppelte Buchführung ....... 10 „ 3. Für Französisch und Englisch, je ..... 15 , NB.: Wer Korrespondenz, Wechsellehre oder Rechnen in Klasse 1 besucht, hat für doppelte Buchführung nur 5 Mk. zu zahlen. 4. Für Damen-Kufius (einfache Buchführung, Rechnen, Schönschreiben, Korrespondenz und Wechsellehre) 20 „ 5. Für Schönschreiben 3 n 6. Für Stenographie ...»•*♦♦♦♦♦ 6 n 7. Für Maschinenschreiben . ....... 10 „ Schüler, deren Prinzipäle oder Väter nicht Mitglieder des Kaufmännischen Vereins sind, zahlen für pos. 1, 2, 3 und 6 das doppelte Schulgeld. Auf Ansuchen können durch die Schullommission ganze oder halbe Freistellen bewilligt werden. Der Besuch der kaufmännischen Fachschule beftett vom Besuch der obligatorischen Fortbildungsschule. Wir efiuchen nun die Herren Prinzipäle und Geschäftsführer, unsere Schule zu unterstützen, indem sie ihr Gehilfen- Pefional darauf aufmerksam machen, sie zum regelmäßigen Besuche der belegten Unterrichtsstunden anhalten und ihnen die nötige Zeit — namentlich auch zum Besuche des TageS- unterrichts — gütigst gewähren. 6407 Die Zchlllkamuttssm der kaufen. Zachschnle. Oanksagung ■tätlichen Giessen, den 25. September 1901. 6414 vielen Beweise herzlicher Teilnahme anlässlich des unserer teueren Tochter, Schwester, Schwägerin für die trostreichen Worte des Herrn Pfarrer Krauss am Grabe, sowie für die liebevolle Pflege seitens der Schwestern und für die schönen Blumenspenden sagen wir hiermit allen unseren innigsten Dank. Für die Hinsoheidens und Tante . 7^ . - •iü,V.’ * ' 1 f' i > ' V/, fiv- - 1 ' -• , • , A * foX) y! Ms Die trauernden Hinterbliebenen: Familie Leichtweis. CK K Z R g LS rr AUS MOT bin ich nicht gezwungen auszuverkaufen, sondern wegen Lerkaiif meines seitherigen Lngermmes ni WerMtte Eichgärten 19, welche ich in ganz kurzer Zeit räumen muß. Auf alle Möbel und sonstige Bachen gewähre von heute ab 15 pCt. Rabatt. WlöbekfaöriKsager W. C. Werner, Aaplansgaffe 18 und 25. r 5757 Nur noch kurze Zeit! *1 O: sr ■Ci CÄ rr SÄ sä’ Städtischer Arbeitsnachweis Gießen Garterrstrake S , Angebot der Arbeitnehmer: 1 Schremer, 2 Hausburschen, 1 FuhÄnecht. Rachftrage der Arbeitgeber; 1 Glaser, 1 Schlosser, 1 Schuh- macher, 3 Dienstmädchen, 1 Hausmädchen, 1 Köchin. Heute morgen wurde uns ein gesundes Töchter- chen geboren. Gießen, den 25. September 1901. Adolf Znrbnch und Frau, 6413 geb. Zintzer. Aonkttrsverfahren. Das Konkursverfahren über das Vermögen der Witwe des Philipp Velten L, Marie geb. Leun, zu Großen-Qinden wird nach erfolgter Abhaltung des Schlußtermins hierdurch aufgehoben. 6396 Gießen, den 23. Sept. 1901. Großh. Amtsgericht. Donnerstag den 10. Olltoder nachmittags 2‘/s Uhr, sollen die dem Wilh. Schmalk III. und dessen Kindern vor Namen stehenden Grundstücke, hier die dem Wilbelm Schwall III. zustehende ideelle Hälfte derselben, auf hiesigem OriSgericht öffentlich meistbietend versteraert werden. Gießen, den 27. August 1901. Großh. OrtSgericht Gießen. ___________GroS._______5881 Donnerstag, 31. Oktober 1S01, nachmittags 21/» Uhr averden auf hiesigem Ortsgericht die dem Wilh. Steinbach und bezw. dessen Ehefrau vor Namen stehende Liegenschaften öffentlich meistbietend versteigert werden. Gießen den 25. Sept. 1901. Gr. Ortsgericht Gießen. 6410_______Gros.__________ Donnerstag, 17. Oktober 1901 nachmittags 21/, Uhr wird auf hiesigem Orts geruht das den Ludw. Kreiling IL Eheleuten zustehende Grundstück Flur 2 Nr. 118 — 257 qm, Hofraite, Laggärten, in den mittelsten Schies- aärten öffentlich meistbietend versteigert werden. 6409 Gießen, 25. September 1901. Gr. Ortsgericht Gießen. _________Gros._________ Donnerstag, 26.16. Mts., nachmittags 8 Uhr sollen dahier im Saale des Herrn O. Luft, Neuenweg, Haus- und Küchengeräte all. Art, eme Ladeneinrichtung, 4 Mill. Cigarren, ein großer Posten Schuhwaren u. A. zwangsweise gegen bar versteigert werden. Seipel, Gerichtsvollzreh. Versteigerung Donnerstag den 26. Septbr. II., vormittags 10 Uhr, werden vor dem Gemeindehause zu Grüningen öffentlich gegen bare Zahlung versteigert: 8 Ferkel, 2 Ziegen, 1 Ziegenlamm, 4 Rinder, 1 Kuh. 6400 KlooS, Gerichtsvollzieher in Lich. 5tädt. Schlachthaus. Freibank. Heute und morgen: Mnlstkisch 52 Dfg. ZMemcsttisih 45 Dsg. VGnsteisch 56 pfg. Alle 6415 Sorten Lee- uai LahnMe: Schellfische,Kabeljau, Seezung. Zander, Hechte, Weißfische, Barben, Karpfen usw. instets ®et, sowie in lebender Ware, illunaen zu Gesellschaftseffen usw. werben prompt ausgeführt. Martin Simon, Asterweg 1. Treffe Donnerstagmorgen am Obstmarkt Schulstraße mit einer größeren Partie Einmach-Pfirsiche § sowie Weintrauben L ein, welche zu den bill. Tagespreise abgebe. Ant. Schneider. n Spratt’s Hunde futter und 6376 Geflügelfutter ist das beste, zuträglichste und billigste Futter für alle Raffen Hunde und Geflügel. Gust. Walter, Mäusburg 13. <$nt Möbelpolieren empfiehlt sich -V Will). Amend, Erlengasse 15. 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