Donnerstag 26. September 1901 Nr. 226 Erstes Blatt. Annahme von 151. Jahrgang Erscheint täglich mit Ausnahme deS Montags. Die Eiehener Kamillen- blätter werden demAn- letget im Wechsel mit dem «Hess. Landwirt" und den .Blättern für hessische Volkskunde" viermal wöchentlich beigelegt. Reboftion, Erpedition und Druckerei: Schulstraße 7. Adresse für Depeschen: Vlu-etger «ießen. FernfprechanschlußNr.bl. xu der für den folgenden Tag erscheinenden Nr. dis vormittag- 10 Uhr. Alle Anzeigen-Vermitt- lungssteUen deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen entgegen. Zeilenpreis: lokal 12 Pf^ auswärts 20 Pfg. Rotationsdruck u. Verlag der Brühl'schen UniversitätS - Druckerei (Pietsch Erben). Verantwortlich für den allgemeinen Teil: P. Wittko; ftir den Anzeigenteil: Hans Beck. ■bbw GietzenerAnzeiger Kr, General-Anzeiger v ** Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen Standpunkte aus hat man es ruhig geduldet, daß in Paterson, Cleveland und anderswo Anarchistennester sich bildeten, deren Emissäre von dort hinauszogen, um europäische Monarchen „binzurichtcn". Auch Emma Goldmann dürste mit dieser Auffassung rechnen und höchstens eine Gefangenschaft von einem oder zwei Jahren erwarten, wie sie ihrem einstigen Cicisbeo Johann Most zu teil wurde. Aber wie dem auch sei, so dürften die praktischen Amerikaner doch ein Mittel finoen, um Emmas Erdenwallen um ein Beträchtliches abzukürzen oder doch ihr die Möglichkeit zu rauben, die zarten Regungen ihrer Seele weiterhin auf empfindsame Menschen zu übertragen und einem zweiten Czogolsz das Messer in die Hand zu drücken. Auch Emma Goldmann gehört nicht zu jenen Persönlichkeiten, die aus irgend einem entschuldbaren Motive zu ihrer Verirrung gelangten, die vielleicht in der Uebertreib- ung der weiblichen Neigung zum Märtyrertum zur Prophetin der Vernichtung würben. Wenn die Generalstochter Sophie Perowskaja die Kreise verließ, in die sie ihre Geburt gestellt hatte, um den Armen und Elenden Hilfe und Belehrung zu bringen, wenn sie dann auf der gleitenden Bahn zum Verbrechertum gelangte, so mag man noch auf mildernde Umstände plädieren. Wenn aber die ganze Bestialität der Zerstörungswut sich nackt präsentiert, wenn selbst die Zärtlichkeit des Liebeslebens zur häßlichsten Prostitution wird, dann wird die Nachsicht zum Verbrechen. ■« « • Ueber dieses berüchtigte Mitglied des schönen und schwächeren Geschlechts kommen aus Chicago noch folgende nähere biographische Mitteilungen: Emma Goldmann, „der kleine Feuerbrand", wie sie unter den Newyorker Anarchisten heißt, zählt 35 Jahre. Sie ist in Koona, Rußland, als die Tochter eines armen jüdischen Schneiders geboren und genoß nur den dürftigsten Unterricht. Achtzehn Jahre alt, kam sie vor siebzehn Jahren mit ihren Eltern nach Amerika. Sie heiratete, neunzehn Jahre alt, einen gewissen Greenfield in Rochester, dre Ehe wurde jedoch schon nach anderthalb Jahren getrennt. Ten anarchistischen Theorien wurde sie durch den Chicagoer Anarchisten Louis Bernstein zugeführt, der behauptete, sie sei von Natur „prä- ocstinierte Anarchistin". Bald setzte sie durch die unglaublich rohe und rücksichtslose Sprache selbst die ältesten Mitglieder in Erstaunen. Im Dezember 1892 prügelte sie M o st einer Meinungsverschiedenheit halber in einer Anarchisten-Versammlung mit einer Reitpeitsche durch und wurde nunmehr das Haupt einer eigenen Schule. Emma Goldmann wurde nun das anerkannte .Haupt der Auto- nomisten", während Most der Führer der „Milche und Wasser-Anarchisten" blieb, die „nur schreien, aber nicht handeln". Tie kleine, unschöne Frau, der Typus der russischen Nihilistin, thronte damals in der Kneipe „Zum groben Michel" in der fünften Straße, trank Bier und predigte offen ihre Blut- und Mord-Theorie. Sie bekannte sich offen als Anarchistin der „blutigen That", als Atheistin, predigte Fürstenmord, Gewaltthat und Revolution, verdammte jede Staatseinrichtung und die Ehe. Ihre Bered- 'amkeit war keine flammende; sie spricht ohne Logik, beweist nichts, sondern schleudert nur mit unglaublicher Heftigkeit Anwürfe und Anklagen; ihr Vortrag ist unschön, abgehackt. Sie wirkte nur durch ihre Heftigkeit und eine über alle Maßen banale und rüde Sprache. Am 21. August 1893 hielt Emma eine so aufreizende Rede, daß es selbst der langmütigen Newyorker Polizei zu viel wurde; oie „rote Emma" wurde verhaftet uno zu einem Jahre Gefängnis verurteilt. Vom Gefängnisse aus gründete sie ein Blatt „Tie Brandfackel", doch war ihr Benehmen int Kerker ein so musterhaftes, daß sie im Jnquisiten-Spitale der Krankenpflege zugezogen wurde; später wurde ihr gestattet, ihre medizinischen Kenntnisse (Emma Goldmann hatte in Wien, wie sie selbst erzählt, vor ihrer Reise nach Amerika einen Hebammenkurs absolviert) zu vervollständigen, und ein Jahr nach ihrer Freilassung wurde sie zum Doktor der Medizin promoviert. Der sozialdemokratische Parteitag. ii. Lübeck, 23. Sept. Von den Mannheimer Genossen ist anläßlich der Budgetbewilligung durch die sozialdemokratischen Abgeordneten im badischen Landtag der Antrag eingegangen: Der Parteitag beschließt: die sozialdemokratischen Fraktionen der Parlamente deutscher Staaten sind verpflichtet, das Budget zu verweigern. Singer leitet und begrüßt die Vertreter der sozialdemokratischen Parteien, die aus Paris, London, Stockholm, Amsterdam und Wien eingetroffen und zugegen sind. Er bringt ein Hoch aus auf die internationale Sozialdemokratie. Um einviertel 11 Uhr beginnt 2lbg. Psannkuch mit rem Vortrag des Geschäftsberichts. Ter Berichterstatter ührt in Ergänzung des gedruckt vorliegenden (von uns rereits behandelten) Berichts des Vorstandes aus, daß im Vordergründe des Interesses die Brotwucherfrage stehe, denn auch in dieser wie in allen anderen Fragen habe das klassenbewußte Proletariat die Führung und gehe den bürgerlichen Parteien voran. Mit großer Weisheit habe die Partei es vermieden, die Agitation für den Achtstundentag zur Zeit aufzunehmen. Jetzt müsse man alle Kräfte dahin konzentrieren, daß die Proletarier sich überhaupt satt essen könnten. Daß der Parteioorstand sich nicht mit der polnischen Fraktion solidarisch erklärt habe, habe seinen Grund darin, daß diese Fraktion sich ja nicht an die Partei anschließe. Tie oöerschlesischcn und posenschen Genossen haben so wie so einen schweren Stand. Wenn zu all den Schwierigkeiten auch noch das Nichtverstehenwollen der Genossen untereinander kommt, so ist die Lage der Genossen einfach unerträglich Im Rahmen der Arbeiter- organrsation sind die Polen jederzeit willkommen. Abg. Gerisch erstattet den Kassenbericht. Der Parteigenosse Schmidt sei gestorben und habe die Genossen Auer, Bebel und Singer zu Universalerben eingesetzt. Diese haben das 40 000 Mark betragende Erbteil der Parteikasse überwiesen. (Bravo!) Die Gesamteinnahme der Parteikasse betrug 317 934 Mk., darunter 80 000 Mk. als Ueberschuß deS „Vorwärts". 13 im Reichstage durch sozialdemokratische Abgeordnete vertretene Wahlkreise, die zur Zeit zu den allerwohlhabendsten gehören, haben keine Beiträge gezahlt. 20 andere Wahlkreise haben nur 4200 Mk. an Die Parteikasse gezahlt, während die Abgeordneten von der Parteikasse über 12 000 Mk. Diäten erhielten. Tie Ausgaben der Zentralkasse betrugen im ganzen 291 788 Mk. Außerdem wurden 22 581 Mark kapitalisiert. Tie Gehälter der Redakteure des „Vorwärts" wurden nicht erhöht, wie beantragt war. Die Reichstagskosten betrugen 28900 Mk., die allgemeine Agitation kostete 71929 Mk., die Wahlagitation 35911 Mk., Preßunterstützungen wurden 67 377 Mk. gezahlt. Ledebo u r-Berlin behandelt die Entziehung der Unterstützung an einzelne polnische Blätter und bedauert sehr, daß der Vorstand erklärt habe: „an ein gedeihliches Neben- und Miteinanderwirken war nicht mehr zu denken. Die deutschen Genossen in Oberschlesien und Posen hatten es schon längst satt, sich von Leuten angreifen zu lassen, die Genossen fein wollten und die Unterstützung der Partei genossen". In der Beziehung sei die deutsche Sozialdemokratie also noch sehr rückständia. Man möge doch wenigstens die Meinung aussprechen, daß eine Verständigung möglich sei. Deshalb beantrage er die Resolution: „Ter Parteitag spricht die Erwartung aus, daß ein gedeihliches Zusammenwirken der Partei mit der Organisation der polnischen Sozialdemokratie in Deutschland bald wieder hergestellt werde." Der „Genosse" Biniczkiwicz entschuldigt sich in fließendem korrektem Deutsch, daß er sich mit der deutschen Sprache nur so durchstümpern müsse, weil seine Mutter- sprache die polnische sei. (Na, na!) Im übrigen wendet er sich gegen die Stellungnahme des Parteivorstandes und nimmt die polnische Agitation und Organisation in Schutz, die niemanden angreife, sondern sich nur verteidige. Aber sie beanspruche eine gesonderte Stellung, weil die Polen eine besondere Nation seien. Deutsche Agitatoren können die Polen nicht brauchen. Im Namen der polnischen Organisation erklärt er, daß diese in allen politischen Fragen stets mit der deutschen Sozialdemokratie Hand in Hand gehen wolle, aber den deutschen Agitatoren in Polen müsse sie entgegentreten. Fräulein Dr. Luxemburg eifert sehr stark gegen den Antrag Ledebour unb gegen die polnischen Sozialisten. Diese vermeiden sorgfältig, dre Wahrheit zu sagen, arbeiten nur mit Lug und Trug, sagen, sie pfeifen auf unsere Beschlüsse und kommen doch her, für sich günstige Beschisse zu erbetteln. Es werde auch viel zu viel Sums mit ihnen gemacht. Es handle sich nur um eine Handvoll Krakehler. (Wütender Zwischenruf: Gelogen! Frech gelogen!) Diesem Häuslein brauche man keine Extrawurst; zu braten. Mau gehe zur Tagesordnung über. Abg. Pfannkuch-Berlin bemerkte im Schlußworte: Tie Sozialdemokratie werde die Polen in ihrem Kampfe gegen nationale Unterdrückung stets unterstützen, sie könne aber eine Sonderbündelei der Polen nicht länger dulden. Die polnischen Genossen, die heute hier'gesprochen, haben den Beweis geliefert, daß sie sehr gut der deutschen Sprache mächtig seien, ebensogut wie Genosse Dilon, der einmal mit einem Dolmetscher auf das Parteibureau in Berlin kam, obwohl er ganz vortrefflich deutsch sprechen konnte. — Ter Antrag Bader wurde darauf angenommen, der Antrag, im rheinisch-westfälischen Jndüstriebezirk eine wirksamere Agitation zu entfalten, abgelehnt, über den Antrag Ledebour zur Tagesordnung übergegangen. Unter großer Spannung betrat hierauf Schriftsteller Eduard Bernstein, ein mittelgroßer, etwas beleibter Mann von etwa 45 Jahren, mit intelligenten Gesichtszügen die Tribüne: Genossen! Es ist gesagt worden, ich hätte seit meiner Rückkehr nach Deutschland durch meine Vorträge die Partei geschädigt. Ganz besonders wurde der Vortrag, den ich im Frühjahre in einer Berliner Studenten-Versamm- lung hielt, als Parteiverrat bezeichnet.^ Ich habe nur in diesem meinem Vortrage gesagt: So große Erfolge auch dre Sozialdemokratie in allen Ländern habe, so klar ihre Forderungen sind, so scheint auf dem Gebiete des wtssenfchaft- lichen Sozialismus eine gewisse Zerfahrenheit zu bestehen. Ich habe gesagt, die Bewegung i|t mir alles, das Endziel ist mir nichts, weil das Endziel von dem Willen abhangt. Wenn ich so gesprochen hätte, wie in der gegnerischen Presse berichtet worden, dann hätten Sie recht, wenn Sie mich anklaaeu, ich würde es auch thun. "Aber in Wirklichkeit ist keine Ursache, daß ein Vortrag solche Aufregung in der Partei verursacht hat. Es steht mir doch frei, zu saaen: der Sozialismus ist noch feine abgeschlossene Wissenschaft. Wir sind doch keine Partei, die auf Dogmen festgelegt ist, sondern eine Partei der freien Forschung. Ich erinnere Sie, welchen Sturm die Veröffentlichung des Brieses von Marx über das Gothaer Programm verursachte. Tie Partei ist trotzdem fort und fort gewachsen und wird auch weiter wachsen, weil sie eine lebenskräftige Partei ift, die die wissenschaftliche Kritik nicht zu scheuen hat. (Beifall.) Abg. Rechtsanwalt H eine-Berlin: Er sei in der erwähnten Studenten-Bersammlung gewesen und wenn er auch Bernstein nicht zustimme, so müsse er demselben doch bezeugen, daß er die Interessen Der Partei gewahrt habe. Er sei der Meinung, die Partei habe keine Ursache, sich so sehr über den Bernstein sch en Vortrag aufzuregen und überhaupt so viel Zeit auf wissenschaftliche Theorien zu verwenden. Amtlicher Teil. Bekanntmachung. Sämtliche Mannschaften des Beurlaubtenstandes aller Waffen, welche zur Verwendung bei der ostafiatischeu Besahuugsbrigade auf 2 Jahre vom 1. Oktober 1901 ab bereit find, wollen sich unter Einsendung ihres Militärpaffes bis spätestens 30. September d. 3- unmittelbar bei dem unterzeichneten Kommando melden. Bezirks-Kommaudo Gießen. F. d. eilt. B.-K.: Morueweg. Emma (Soldmann. Am gestrigen Dienstage ist in der amerikanischen Stadt Buffalo Leo Czolgosz, der Mörder des Präsidenten Mae Kinley, zum Tode verurteilt worden. Der junge polnische Fanatiker beS Anarchismus ist das erbärmliche Opfer seiner blindwütigen Schwärmerei für ein niederträchtiges Weib, ein Weib, dem zwar die Grazien nicht reiche Gaben in die Wiege legten, das aber dennoch von ihren Mitschwestern gar manches voraus hat, wenn auch ihre Vorzüge nur den Neid weniger erregen dürften. Fräulein Emma Goldmann ist nicht nur als die geistige Urheberin der Schreckensthat zu betrachten, sie besitzt in sich auch eine erstaunlich starke und ausgeprägte Energie zum absolut Bösen, das so unendlich tief unter dem mephistophelischen BöseSwollen und Gutesschafien steht. Sie gerade darf als der eigentlich leitende Geist des amerikanischen Anarchaften- tumS betrachtet werden. Sie ist nicht die erste und einzige ihre» Geschlechts, die, statt am Spinnrad oder an der Wiege zu sitzen, hinauszog, um blutigen Mord zu predigen: Sophie GünSbura und Olga Iwanowsky, Sophie Perowskaja und Wera Sassulitsch sind ihre Vorgängerinnen, an der Hand einen oder anderen von ihnen llebt das Blut ihrer Opfer, aber keine hat mit solchem wilden Fanatismus Haß und Zerstörung gepredigt, wie die Frau, die den beschränkten und aufgeblasenen Czolgosz zum grausamen Morde verleitete. In Emma (tzoldmann präsentiert sich noch eine ganz besondere Spielart des Anarchismus. LVährend die Tochter deS bekannten Malatesta, wenn sie als Avostel ihrer Lehre hincruSzieht in die Welt, durch ihre wunoerbare Schönheit die Männer faszinierte, ist Emma Goldmann unansehnlich und häßlich, und doch ist sie, wie sie ein wilder politischer Fanatismus erfüllt, zugleich beseelt von einem Paroxysmus der Wollust, der sie aus den Armen des einen in die Arme des anderen treibt. Als in Rußland der berühmte Prozeß gegen die 193 geführt wurde, glichen die Frauen, die dort auf Anklagebank saßen, nach einem durchaus glaubwürdigen Berichte bleichen Nonnen, sie waren mager, tiefernst und vergrämt; Emma Goldmann ist gleichfalls frei von allem, was man als weiblichen Reiz bezeichnen darf, aber bald schlingt sie Rosenketteu um Jonas Grünebaum, bald um Louis Bernstein, dann feilt sie von der Rednertribüne, auf der sie eben die nahe Zeit verkündigte, in der die Frauen statt Kaffee Thnamit kochen würden, zu einem Schäfersyündchen mit Alexander Benkmann, dann wieder beglückt sie den braven Ätost mit ihrer Huld, um ihn schließlich öffentlich als Feigling zu ohrfeigen und einige Zeit mit einem gewissen Brady zu leben, einem treuherzigen Menschen, der zur Abwechselung ihr Ohrfeigen gab. Als man ihre Papiere mit Beschlag belegte, sand man von ihrer Hand die zärtlichsten Liebesbriefe an Hippolyte Havel, der ihr das auf ihren Reisen erworbene Geld wohlwollend abnimmt, um es in einem Gemisch, von Whisky und Genevre nutzbringend anzulegen. Goethe sagt einmal in der „Iphigenie": „Ein edler Ätann wird durch ein gutes Wort der Frauen weit geführt" und ein anderes Mal versichert er: „Die Frauen sind das einzige Gesäß, das uns Neueren noch geblieben ist, um unsere Idealität hineinzugießen." Der Idealismus, den die Grünebaum und andere bis zu Hippolyte Havel in Emmas Seele ergossen, war eigentümlich genug, und andererseits hat ihr edles Wort den Loo Czolgosz m der That weit geführt. Sie ist in der That die intellektuelle Urheberin der Blutthat von Buffalo geworden unb Johann Most, der doch wahrlich nicht zu den zartbesaiteten Gemütern gehört, blickt ehrfürchtig zu ihr als zu seiner Meisterin heraus. 9hir durch eines unterscheidet sie sich, von ihren fanatischen Schwestern, von einer Sassulitsch und Perowskaja: Während diese Frauen mutig die Last ihrer That auf sich nahmen, suchte Emma Goldmann sich-, als die Polizei in die Geheimnisse ihres Boudoirs eindrang, feige unter einem fremden Namen zu verstecken, als Lena Larsen, als eine Schwedin, gedachte sie den fatalen Folgen ihrer liebevollen Lehre zu entgehen. Schade, daß selbst ein einfacher amerikanischer Polizist schon zwischen einer blondhaarigen Schwedin unb einer russischen Jüdin zu unterscheiden weiß. So wird sie in Zukunft wohl schwerlich Dynamit, ja nicht einmal Kaffee kochen, sondern in der stillen Zurückgezogenheit von Sing-Sing sich der nützlichen Beschäftigung des Tütenllebens hingeben, unb die Früchte ihrer Arbeit werden braven Kindern als Hülle für das Zuckerwerk dienen, das liebende Eltern ihnen bei dem ersten Schulgang schenken. O quae mutatio rerum! So enbete einst einer der grausamsten Tyrannen des Altertums als Präzeptor der bösen Buben von Korinth! Und doch ist es noch zweifelhaft, ob es nach amerikanischen Gesetzen überhaupt möglich sein wird, der braven Emma Goldmann den Prozeß zu machen. Schafft man auch neue Gesetze, so würden sie doch, unmöglich rückwirkende Kraft erhalten. Bisher stand das gesamte 9)anfeetum auf dem Standpunkt, daß jeder reden dürfe, was er will, und baß die Strafbarkeit erst mit dcr That beginne. Von diesen aus gvttt jta- lung üli Lch. faiifmamuiajtn 1 tonn eoll jo- Efjerkn unltt biejpeb. v allen h^usl geft a. ls . ers., per öudlvigsk. 1 ,t Vttkäusim n kurz«, Voll- Zijchasl. Branche Nt*N cht Monalijiiü mskraßilS, Üi. )ieje5 BlaM Zur persönlichen Bemerkung bemerkte Abg. Singer: Er habe in München gesagt: Bernshein gebe nicht den Ton in der Partei an, wenn es aber einmal dahin kommen sollte, dann würde er eine Spaltung vorziehen. Die Verhandlung wurde darauf gegen 7 Uhr abends auf Dienstag vormittag 9 Uhr vertagt. Morgen findet zunächst die geschlossene Sitzung statt, zu der nur Delegierte Zutrttt haben. Alsdann soll in öffentlicher Sitzung die unterbrochene Erörterung fortgesetzt werden. Vom Abg .Bebel ist zu dem Tbema „Handelsverträge und Zolltarif" folgender Antrag gestellt 1 worden: „Der Parteitag der deutschen Sozialdemokratie zu Lübeck erklärt: Der vorliegende Zolltarifentwurf übertrifft nodji jeder Richtung die schlimmsten Befürchtungen, die nach seiner Vorgeschichte und den Antezedentien seiner Väter gehegt werden konnten. Durch diesen Tarifentwurf werden, wenn derselbe Gesetz wird, die Lebensinteressen oer ungeheuren Volksmehrheit aufs Tätlichste verletzt, wohingegen durchs denselben die Klasseninteressen des Agrariertums und der mit diesem verbündeten Großbourgeoisie in der maßlosesten und schamlosesten Weise begünstigt werden. Der Entwurf, wenn verwirklicht, bedeutet den unerhörtesten Brot- und Lebensmtttelwucher, die zunehmende Verarmung und Aushungerung der arbeitender Klasse und ihre Unterjochung unter den Agrar- und Jndusttiefeudalismus; er bedingt ferner mit Notwendigkeit die Verfeindung Deutschlands mit allen Kulturnationen und seine wirtschaftliche und politische Isolierung. Der Entwurf ist mit einem Wort das Volks- und kulturfeindlichste Machwerk, das man einer zivilisierten Nation zumuten kann; er beweist, daß seine Urheber nicht nur die größten Feinde der Arbeiterklasse, sondern auch die schlimmsten Schädiger der politischen und wirtschaftlichen Interessen Deutschlands sind. Der Parteitag der deutschen Sozialdemokratie protestiert mit dem größten Nachdruck gegen diesen vom brutalsten Agrar- und Großunternehmerinteresse diktierten Tarifentwurf; er richtet an die gesamte deutsche Arbeiterklasse ohne Unterschied der Partei und des Geschlechts die Aufforderung, sich immer wieder durch Resolutwnen in Versammlungen und Petitionen an den Reichstag in der unzweideutigsten und schärfsten Weise gegen diesen Entwurf auszüsprechen. Insbesondere sollten auch die der Arbeiterklasse angehörigen Wähler den von ihnen in den ReickMag Gewählten keinen Zweifel darüber lassen, daß ein Abgeordneter, der diesem oder einem ähnlichen Zolltarifentwurf seine Zustimmung giebt, ein Verräter am arbeitenden Volke und unwürdig istz sein Vertreter zu feinJ' ____________ Lübeck, 24. Sept. Die öffenttiche Nachmittagssitzung des Parteitages galt nur Bernstein. Inzwischen haben sich die beiden Parteien für und wider Bernstein offen -erklärt und zwei Resolutionen, von denen die eine Bebels, die andere Heines Namen an der Spitze trägt. Beide Parteien sind beinahe gleich stark, und es wird die Entscheidung also von denen gegeben werden, die keinen dieser Anträge unterzeichnet haben. Das ist nur der vierte Teil aller. Zuerst sprach Kautsky, Dr. David beleuchtete sodann die Bernsteinhetze gewisser sozialdemokratischer Zeitungen, auch die Tonart der „Neuen Seit". Ueber die in dieser erschienenen Auftätze von Parvus äußerte sich auch Bebel sehr scharf, während er im übrigen natürlich Bernstein zu Leibe ging. Bebel, der gestern einen Antrag eingebracht hcttt^, der Parteitag erwarte, daß die sozialdemokratischen Landtagsdeputierten künsttg gegen das Budget stimmen werden, hat diesen heute zurückgezogen und einen neuen formuliert. Hierin wird gefordert, das Gesamt-Budget sei normalerweise ab zu lehn en, dagegen könne ausnahmsweise eine Bewilligung des Budgets aus zwingenden besonderen Gründen geschehen. Damit dürfte der Budgetdebatte die schärfste Spche abge- brochen sein. Politische Tagesschau. Zur Kohleuuot. Die Herren unserer Kohlenbergwerke sind entschloßen, für diesen Winter die Kohlenpreise wieder in die Höhe zu setzen. Bei der Ausbreitung der Arbeitslosigkeit wird jetzt die Kohlennot ungleich schwerer drücken als im vergangenen Jahre. Auch die Industrie, die heute durch eine schwere Krisis hindurchgehen muß, wird diesmal doppelt unter dem Preiswucher ihres unentbehrlichsten Rohmaterials zu leiden haben. Die bodenreformerische „Deutsche Volksstimme" hat nicht so ganz Unrecht, wenn sie fragt, wann Unternehmertum und Arbeiterschaft, Industrie und Landwirtschaft, Beamtentum und Handwerkerstand ihr gemeinsames Interesse an den deutschen Naturschätzen erkennen und es einer Handvoll Großkapitalisten unmöglich machen werden, die deutsche Erde zu einem Gegenstand der Ausbeutung des deutschen Volkes zu entwürdigen. Welche Riesengewinne auf Kosten der deutschen Arbeit den Bergwerksbesitzern in den letzten sechs Jahren zugefallen sind, zeigt folgende Tabelle: Name der Aktien-Gesellschaft Dividende in Prozent 1894,189511896 1897,1898,1899 1 2 3 4 5 6 7 Arenberger Bergbau ♦ . / Bismarckhütte, Ob.-Schl. . 35 40 50 60 65 75 9 15 15 15 19 24 Concordia, Bergbau . . i Consolidation, Schalke i. Wests. » 5*/, 77, 13 19 19 21 8 12 15 18 22 25 Eintracht, Braunkohlenwette . » 6 77, 67, 10 11 14 Eschweiler Bergwerk * ♦ ;■ Gelsenkirchen, Bergwett . ,■ Georas-Marren-Bergwetts- und Hütten-Verein ♦ . i r 8 0 14 15 15 20 6 7 77, 9 10 10 5 67, 8 3 10 10 Harpener Bergwett ... * Hibernia, Bergwerks-Gesellschaft t 5 6 8 9 10 11 4 67, 77, 97, 12 12 Hochdahl, Berg-, Gruben- und Hüttenwette . . , 4 i Kölner Bergwetts-Verein ♦ « 5 8 12 14 17 15 6 9 12 16 20 30 König-Wilhelm-Bergwerk , ; 5 5 12 15 15 20 König-Wilhelm-Bergwett St. Pr. t 10 10 17 20 20 25 Königs- und Laurahütte . * > Magdeburger Bergwetts-Aktien- Gesellschast..... Nordstern, Steinkohlen . . 4 8 10 137, 15 16 18VS 25 287, 80 27 35 4 7 10 10 14 16 Pbönix-Bergwett, Laar . . , Pluto-Bergwett, Essen . . Rheinisch-Nassauische Bergwerke 10 5 Iti 57. 13 87, 11 11 11 20 15 20 0 1 5 77, 127, 15 Rombach, Hüttenwerk . . . Rositzer Braunkohlen . . ; Schalker Gruben- u. Hütten-Verein 6 8 12 13 15 20 77< 7V, 9 15 12 227, 13 30 13 427, 13 75 Die deutschen Chinaverluste. Nachdem nun bie amtliche Verlustliste erschienen ist und kaum noch irgend welche Aenderungen, wenigstens was die Hauptfach die Zahl der Gefallenen, betrifft, ernteten können, wird e8 möglich, ein einigermaßen abschließendes BUd der deutschen Verluste in China zu erhalten. Von den Marinemannschaften sind gefallen oder ihren Wunden erlegen 49 Mann. Verwundet wurden 138 Mann. Verunglückt sind 21 Mann. An Krankheiten sind gestorben 89 Mann. Demnach stellt sich der Gesamtabzug für die Marine auf 297 Mann. Vom EMeditionskorps sind gefallen oder ihren Wunden erlegen 16 Mann. Verwundet sind 132 Mann. Verunglückt sind 49 Mann. An Krankheiten sind gestorben 184 Mann. Der Gesamtverlust des Expeditionskorps stellt sich demnach auf 381 Mann und der Verlust für Marine und Expeditionskorps zusammen auf 678 Mann. Die Entscheidung über die Ostafrikabahn. Unser Berliner parlamentarischer R.-Mitarbeiter schreibt unterm 23. September: Ter Gesetzentwurf wegen Uebernahme der Reichs- garantie für die Eisenbahn von Dar-es- Sa- laam nach Mrvgoro war der letzte Gegenstand, mit dem sich die Budgetkommissivn des Reichstags im Mai d. I., vor der Vertagung, beschäftigte. Es gelangte damals die von der eigens gewählten Unterkommission vorgeschlagene Form des Entwurfes zur Annahme. Die wesentlichste Aenderung gegenüber der Regierungsvorlage bestand in der Herabsetzung der Bausumme von 24 auf 22 Millionen Mark, wofür die Regierung bekanntlich eine dreiprozentige Zinsgarantie übernehmen soll. Eine koloniale Zeitschrift wies nun unlängst darauf hin, daß der Reichstag nach seinem Wiederzusammentritt es kaum eilig haben werde, die Vorlage über die Ostafrikabahn zu verabschieden, weil das Zentrum dem Entwurf nach wie vor kühl gegenüberstehe. Richtig ist es ja, daß der Wortführer des Zentrums in dieser Sache, Abg. Müller-Fuloa, in der Budgetkommission dem Gesetz seine Zustimmung unter dem ausdrücklichen Vorbehalt gab, daß er durch dieses Votum seine endgilttge Stellungnahme im Plenum keinesfalls festlegen wolle. Herr Müller-Fulda fügte hinzu, angesichts der verschlechterten Finanzlage des Reiches müsse jede neue Ausgabe besonders kritisch geprüft werden. Richtig ÜfH ferner, daß die wirtschaftlichen Verhältnisse in Deutschland zurzeit ungünstigere sind als im Mai d. I. Doch, es hieße Herrn Müller-Fulda und den anderen Zentrums- abg^ordneten Unrecht thun, wollte man "behaupten, daß sie nur dann Gelder für die Kolonien zu bewilligen geneigt sind, wenn die finanzielle und wirtschaftliche Lage daheim sich „rosenrot" anläßt. Den Gesichtspunkt, daß das betreffende Schutzgebiet aus dieser und jener außerordentlichen finanziellen Aufwendung des Mutterlandes Nutzen ziehen könnte, hat noch kein Zentrumsmann unbeachtet gelassen. Es ist ja schließlich nicht immer „Begeisterung" erforderlich, um ein Projekt gutzuheißen. Einigermaßen kühl stehen beispielsweise auch die Konservativen in ihrer Mehrzahl dem vstaftikanischen Bahnprojekt gegenüber. Gleichwohl werden sie, nach der Haltung ihrer Vertreter in der Budgetkommission zu schließen, für das Garanticgesetz eintreten. Die zweite Lesung des Gesetzes giebt ja zu eingehender Prüfung auch dem Plenum Gelegenheit. Bei dem Stimmenverhältnis, womit der von der Unterkommission ausgearbeitete Entwurf in der Budgetkommission zur Annahme gelangte — 13 gegen 10 — ist wohl möglich, daß auch dieser Entwurf den Beifall der Reichstagsmehrheit nicht findet, also abgeändert wird. Die Entscheidung über die Ostafrikabahn aber fällt unter allen Umständen in der nächsten Parlamentssession. Darauf wird die Regierung, gutem Vernehmen nach, bestehen. Kolonialdirektor Dr. Stuebel und der bayrische Bundesrats- bevollmächttgte Frhr. v. Stengel kennzeichneten den Standpunkt der Regierung in der letzten Sitzung der Budgetkommission, indem sie ausführten, daß der Bau der Bahn eine Lebensfrage für die Kolonie bedeute und sich auch ür das Reich durch Steigerung der Zolleinnahmen als örderlich erweisen werde. Da nun bei der Aufstellung des mrlamentarischen Arbeitsvrogramms, die bekanntlich im Seniorenkonvent des Reichstages erfolgt, die Wünsche der Regierung berücksichtigt zu werden pflegen, uno diese Wünsche, was die osiasrikanische Bahn anbetrifft, auf eine beschleunigte Erledigung des Garantiegesetzes gerichtet sind, so ist sicher anzunehmen, daß der Entwurf zu den ersten gehört, mit denen sich der Reichstag beschäftigen wird. Berichterstatter der Budgetkommission ist der Zenttums- abgeordnete PrinzArenberg, ein erklärter Freund der Ostafrikabahn, der eine kaum weniger einflußreiche Stellung im Zentrum einnimmt, als der kritischer urteilende Herr Müller-Fulda. Aus Stadt und Zand. (Der Abdruck der unter dieser Rubrik befindlichen Original-Nachrichten ist nur unter genauer Quellenangabe: „Gieß. Anz." gestattet. Gießen, 25. September 1901. '* Ernennung. Der Groß Herzog hat den Obstbaulehrer Karl Pfeiffer zu Köstritz (Fürstentum Reuß j. L.) zum Fachlehrer für Obst- und Gemüsebau an der Wein- und Obstbauschule zu Oppenheim mit Wirkung vom 1. Okt. ernannt. -n- Alpenverein. Am verflossenen Sonntag eröffnete die Sektion Gießen des Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins ihre Herbsttouren mit einer Wanderung durch den südlichen Vogelsberg. — Es kostete einige Schwierigkeit, den Ausgangspunkt „Büdingen" zu erreichen, denn der unerwartete Ruf des Schaffners „Hungen, ^Stunde Aufenthalt" ergab beim Nachforschen, daß die Maschine defekt geworden und in Ermangelung einer Reserve eine Maschine von Nidda herbeigerufen werden mußte. Aus der einen Viettelstunde wurden so naturgemäß deren drei. Ueber die Wattezeit half der unverwüstliche Humor der Touttsten hinweg. Die kleine, von Nidda herbeigeholte Tendermaschine ward von den Zuginsassen mit lautem „Hurrah" begrüßt, doch als sie abfahren sollte, ergab sich, daß die Maschine keinen Luftschlauch hatte, — ein neues Moment der Erheiterung. Nachdem auch diese Schwierigkeit überwunden, dampfte das Züglein in gemächlichem Tempo weiter und mit einstündiger Verspätung ward das erste Ziel, Büdingen, endlich um 11 Uhr erreicht. Nach Umgehung dieses schönen Städtchens gelangten die Wanderer durch den Park auf prächtigen Wegen nach Rinderbügen und von dott in mehrstündiger Höhenwanderung, die herrliche Aussichten bot, nach dem überaus lieblich gelegenen Fischborn. Hier besichtigte man die Quellengallette der Frankfutter Trinkwasserleitung, die, durch zahlreiche Kerzen erleuchtet, ein eigenartiges Bild bot. Vereinigen sich doch hier in einem 120 Meter langen Wasscrtunnel nicht weniger als 139 Quellen, deren köstliches Naß sich aus den Wänden der Gallerie ergießt und in der Sohle zu einem Bache anschwillt! In etwa 45 Kilometer langer Leitung wird das Wasser seinem Besttmmungsott Frankfutt zugeführt. — Die vorgerückte Stunde gestattete leider nur einen kurzen Aufenthalt in Fischborn, und es wurden daher die bereit stehenden Wagen alsbald bestiegen, die die Tellnehmer des Ausflugs in prächtiger Fahtt durch das Seementhal nach Gedern fühtten, wo ihrer im Bergwittshaus ein einfaches, aber gut zubereitetes Mahl hartte. Der letzte Zug brachte die Wanderer, diesmal ohne Zwischenfall, glücklich nach Hause. — Die Wintersaison der Sektton beginnt mit der Monats- Versammlung am 3. Oktober im Vereinslokal (Restauration von Weidig). ** Neue Kartenbriefe. Tie in letzter Zeit durch die Zeitungen gegangene Nachricht, daß bei den Pvskmstalten neuartige Kartenbriefe mit angehängter Karte für die Antwort zur Ausgabe gelangen würden, entspricht, zu- verlässigen Informationen zufolge, nicht den Thatsacben. Bei den Postanstalten werden allerdings seit einiger Zeit neue Kartenbriefformulare verkauft; sie sind aber nur eine wesentlich verbesserte Form der bisher gebräuchlichen Kartenbriefe, mit einer Antwortpo st karte sind sie aber nicht versehen. Tie neuen Kartenbriefe sind in bläulicher Farbe gehalten, im übrigen in Form und Größ? der Posttarten mit Antwort hergestellt; die bei den älteren Kartenbriefen vorhandene Schlußklappe und dritte .Schreibfläche finb in Wegfall gekommen. Laubach, 22. Sept. Aus Lehrerkreisen sind folgende Personalveränderungen zu melden: Lehrer Schäfer hier, der infolge Erkrankung zwei Jahre beurlaubt war, wird am 1. Oktober wieder seinen Dienst antreten. Dem bisher die 2. Schulstelle verwaltenden Schulvikar Stoll wurde eine Schulstelle zu Sellnrod übertragen. — In Ruppertsburg wurde auf sein Nachsuchen Lehrer Diehl mtt Wirkung vom 1. November in den Ruhestand versetzt. ** e. Bad-Nauheim, 23. Sept- Viel besprochen wird hier das traurige Schicksal und Ende eines Luxus- Hundes. Auf brieflichem Wege kaufte ein Herr, der sich vor Kurzem hier eine prächtige Villa erbauen ließ, durch Vermittelung der Hundeausstellung zu Heidelberg einen schottischen Schäferhund. Der Preis sollte 500 Mark betragen, und dem Käufer sollte das Recht zustehen, den Hund vor dem Kaufabschlüsse acht Tage auf Probe zu haben. Vor einigen Tagen kam das Tier in einem recht kleinen Behälter spät abends hier an. Es regnete in Strömen, und da das Tier etwas geschwächt aussah, verweigerte der Empfänger die Annahme. Der Spediteur stellte den Kasten mit dem Schäferhund nach vorheriger Fütterung des Tieres über Nacht in einen Stall. Als er sich am nächsten Morgen das Tier beschauen und dem Käufer vorführen wollte und deshalb die Stallthüre öffnete, sprang ihm der freiheits- liebende Hund über den Kopf, aus dem Hofe und ward nicht mehr gesehen! Tas Tier hatte den Verschlag zernagt und dadurch sein Entkommen bewerkstelligt. Der Hund wurde nun in den Lokalblättern ausgeschrieben, doch ohne Erfolg. Ta hörte vorgestern ein eifriger Nimrod, daß in seinem Revier ein Hund seine Hasen jage. Ergrimmt dcumber begab er sich! alsbald in den nahen Wald. Es dauerte gar nicht lange, da sah er auch schon den wilden Jäger durch.die Büsche streichen. Ein Schuß fiel und — o trügerisches Waidmannsheil — der schöne schottische Schäferhund im Werte von 500 Mark war zur Sttecke gebracht! Sio endete das Leben eines preisgekrönten, viel umworbenen Hundes! — Heute weilt der Besitzer des Hundes hier, um seine 500 Mark zu holen, entweder vom Käufer, der bas Tier auf Probe kommen ließ, oder vom Spediteur, der es entkommen Iie& oder von dem unglücklichen Schützen, der dem prächtigen Hunde das Lebenslicht auslöschte. Von dem letzteren sind schon 100 Mark Schmerzensgeld geboten worden. Aus dem Seenthale, 22. Sept. Das jetzt günstige Herbst- wetter ermöglicht ein rasches Fortschreiten der Eisenbahnarbeiten. Auf beiden Seiten des projektierten Tunnels sind, wie der „Gründ. Anz." mitteilt, etwa 100 Arbeiter (Italiener) mit Erdräumungsarbeiten und Sprengungen beschäftigt. Nach der nach Freienseen zu gelegenen Seite ist man ziemlich bis zur Tunnelsohle gekommen, während dies auf der Jenseite noch längerer Zeit bedarf. Das Matettal wird durch zwei Lokomotiven fortgeschafft und zur Erbauung von Dämmen verwandt. Interessant ist der Aufbau eines Dammes in nahe gelegener Waldwiese; derselbe erreicht die wohl als selten zu bezeichnende Höhe von 13 Meter. DaS rege Treiben auf dem Arbeitsplätze lockt täglich Zuschauer herbei, die mit Interesse den Arbeiten zusehen. A Eschenrod, 24. Sept. Gutsbesitzer K. Fischer aus dem benachbarten Hof „Zwiefalten" hat seine große Dampf- mollerei an einen Herrn aus Gerrnsheim a. Rh. verpachtet, der den Bettteb in Kurzem eröffnen wird. ** Kleine Mitteilungen anB Hessen und den Nachbarstaaten. In Weisenau wurde am Montagmorgen in der Zement- fabttk der Zementarbeiter Martin Lortz aus Hochstätten in Oberfranken beim Abfüllen des Fabttkats in der Lagerhalle von nachrutschenden gefüllten Zementsäcken verschüttet. Trotz der sofort angestellten Rettungsarbeiten wurde Lortz entfeell unter den Säcken hervorgezogen. — In Münster wurden bei der Gemeinderatswahl für die 3 ausscheidenden Mitglieder und 1 Ersatzmitglied gewählt: Christoph Becker III., Balthasar Lahm III., Georg Schneider IV. und Johs. Klehm. Von 50 Stimmberechtigten machten 31 von ihrem Recht Gebrauch. — Dem Dr. jur. August Schmieder in Frankfurt a. M., Gutsbesitzer in Fruhstorf, Bezirksamt Straubing, wurde der erbliche Adelsstand des Königreichs Bayern mit dem Prädikat „von" verliehen. Vermischtes. • Köln, 24. Sept. In verflossener Nacht kam es im Vorort Nippes zu schweren Ausschreitungen. Zwanzig durchweg als gewaltthätige Menschen bekannte Burschen überfielen die Nachtschutzleuke und griffen diese mit Stöcken und Messern an, sodaß die Beamten mit blanker Waffe dreinschlugen. Als Verstättung unter Führung eines Polizeikommissars ein* traf, verstärkte sich sich der Kampf, wobei auf beiden Setten meh rere Personen schwer verwundet wurden. Endlich gelang es der verstärkten Polizeimacht, die Raufbolde zu überwältigen und zwölf hinter Schloß und Riegel zu bangen. Die schärfste Untersuchung sowie die Verhaftung wetterer Personen statt. , . * Nürnberg, 24. Septbr. Der Ersenbahn-Assistent Brecht, der mit seiner Frau in Ehescheidung steht, durchschnitt in der Nacht seinem vierjährigen Knaben den Hals und warf den Leichnam in den Ludwrgskanal. 1 (1) 1 (1) Leberentartung 1 Atrophie der Kinder 1 Hirnhautentzündung (1) 1 Wetter 3« September bt 741,9 Die veutige Mmwer umfaßt 10 geilen (i) (i) (i) i (i) i (i) i 2 1 1 2 (1) (1) 1 2 1 1 1 1 (1) 1 & vom 2.-15. Jahr 8. 8. Still Sonnenschein l. bew. Himmel beb. Himmel Nebel Es starben an: Brechdurchfall Blutvergiftung Magenkrebs Tuberkulose d. Lungen 2 (1) , „ Hirnhaut 1 (1) 4- 23,8 + 15,3 Lungenentzündung Lungenerweiterung Blinddarmentzündung Meteorologische Beobachtungen der Station Gießen. Zusammen: Erwachsene: im 1. Lebensjahr: ist er in England verfertigt toorben; es war ein Geschenk der Königin Viktoria an einen früheren Präsidenten. Der (^reibpult wurde aus dem Holz des Schiffes „Resolute" angefertigt, das im Jahre 1852 ausgeschickt wurde, um Sir John Franklin aufzusuchen. Das Schiff blieb im Eise stecken und mußte verlassen werden. Ein amerikanischer Walsischfänger befreite es im Jahre 1855, und es wurde der Königin als Zeichen der Freundschaft und Zuneigung von dem Präsidenten und Volke der Vereinigten Staaten zurückgegeben. In einer britischen Werft wurde die „Re- fohlte" schließlich auseinandergebrochen, und aus ihrem Holz wurde der Schreibpult angefettigt und von der Königin „als Erinnerung an die Höflichkeit und liebevolle Güte, die das Geschenk der „Resolute" eingegeben", dem Präsidenten übersandt. Au feiner später angebrachten goldenen Platte sind die Daten der Geburt, des Todes und der Amtszeit der verschiedenen Präsidenten verzeichnet, und McKinleys Name muß leider nun schon dieser Liste hervorragender Namen hinzugefügt werden. * Die Verwendung von Schweinen zur Straßenreinigung ist im Stadlrat von Chicago beantragt worden. Tie Straßen von Chicago werden, wegen des Bankerotts der Stadt, nur noch im Geschäftsvicrtel etwas gereinigt, während in den Wohngegenden die Küchen- abfälle liegen bleiben. Man hat nun allen Ernstes den Vorschlag gemacht, die Stadt solle magere Schweine ankaufen und dieselben frei umher laufen lassen. Damit sie nicht so leicht gestohlen werden können, solle diesen öffentlichen Sdjroeinen der Name des betreffenden Alderman aufgebrannt werden. Haben sich die lieben sauberen Tierchen fettgefressen, so sollen sie von der Stadt verkauft und durch neue magere erseht werden, so daß also diese Art Straßenreinigung sogar noch einen Prosit fiir die Stadt abwerfen könnte. Tie Urheber des Planes meinen, man würde von der Wohlthätigkeit dieser „öffentlichen Schweine" bald in dem Grade überzeugt werden, daß auch die Hausbesitzer sich zur Straßenreinigung „private Schweins anschaffen würden, worauf denn Chicago bald durch die Reinlichkeit seiner (in Schweineshälle verwandelten) Straßen berühmt werden würde. — Der preußische Larrdwirtschaftsuriuister a)s Jäger. $cr Landwirtschaftsminister v. Podbielski, welcher dieser Tage in Begleitung des Oberjägermeisters vom Dienst. Frhrn. v. Heintze, zur Pürsche aus Elch Hirsche in der Umgegend von Jnse ain Haff in Ostpreußen weilte, hatte das Glück, im Belaufe Loye (Oberförsterei Tawellningken) einen kapitalen ungeraden Vierzehnender zur Strecke zu bringen. Der Elch, wohl der stärkste, der seit langen Jahren in dem Jbenforst erlegt worden ist, hatte Schaufeln von seltener Schönheit und Stärke und wog unaufgebrochen etiva 8 Centn er. Der Kopf des erlegten Hirsches wurde im Auftrage des Ministers einem telegraphisch aus Paossen bei Skaisgirren herbei- gerufenen Präparator zur Bearbeitung übergeben, um später der Sammlung des Herrn v. Podbielski einverleibt zu werden. Gerichtssaal. Karlsruhe, 23. Sept. Die hiesige Strafkammer verurteilte den sozialdemokratischen Landtagsabgeordneten Opi- fizius aus Pforzheim wegen Veruntreuung von 500 Mk. zum Nachteil des Pforzheimer Lebensbedürfnisvereins zu 3 Monaten Gefängnis und eckannte ihm die Fähigkeit zur Bekleidung öffentlicher Aemter auf die Dauer von 2 Jahren.ab. Darmstadt. 22. Sept. Strafkammer. Dem schon mehrfach wegen Milchfälschung mit Geldstrafen belegten und deshalb bei einer eventuellen weiteren Verurteilung vor einer Freiheitsstrafe stehenden Milchhändler U. von hier fies es anfangs ds. Jahres und einige Zeit vorher auf, daß seine von auswärts bezogene Milch öfters zu Beanstandungen Veranlassung gab. Er ging der Angelegenheit auf den Grund und entdeckte, daß der Milchhändler August Hahn von Arheiligen ihn schädigte. Hahn empfing täglich zu gleicher Zeit ebenfalls Milch auf dem Bahnhof und jeder von beiden nahm, wenn der andere noch nicht zur Stelle war, deffen Milch einstweilen bis vor den Bahnhof mit. Hahn war meist der erste, schüttete alsdann einen Teil von U. Milch in seine Kanne und ersetzte das Weggenommene durch den Inhalt mitgebrachter Kannen. Dieser Ersatz muß ziemlich fragwürdiger Natur gewesen sein, denn U.'s Milch war nach der Beimischung schlechter. U. sah sogar einmal von seinem Beobachtungsposten aus, daß Hahn in aller Gemütsruhe sich mittelst der Milchwaage vergewisserte, ob die Mischung nicht allzu mangelhaft sei. Hahn gestand zu, daß er etwa acht Mal sich so an fremdem Eigentum vergriffen und daß er U.'s Milch fiir besser als die (einige gehalten habe. Die vom Schöffengericht deshalb wegen Diebstahls ausgesprochene vierwöchige Gefängnisstrafe sand auf Berufung Hahns durch die Strafkammer Bestätigung. In den Bemerkungen der „Statistischen Korrespondenz" heißt es, nach anhaltender trockener Witterung seien im letzten Drittel des verflossenen und im Anfänge deA laufenden Monats im ganzen Staatsgebiete tüchtige, teils zu reichliche Niederschläge gekommen. Den Stand der Kartoffeln und Futtergewächse hätten die Niederschläge nur zu einem kleinen Teile und nur wenig mehr aufbessern können, da die voraufgegangene Dürre den größeren Teil schon zu sehr geschädigt hatte. In den Provinzen Ost- und West- Preußen und Schlesien sowie in den Regierungsbezirken Frankfurt, Stetttn und Köslin seien zwischen dem 3. und 10. ds. Mts. Nachtfröste eingetreten; die Kartoffelfeldes hätten hiernach ihr saftiges Grün in eine schmutzige, dunkelbraune Farbe verwandelt. Die fast überall vorgenommene Beackerung aur Winterbestellung werde in den von minderreichlichen Niederschlägen betroffenen Gegenden einstweilen noch erschwert. Mit der Einsaat des Wintergetteides sei auf leichten Böden und hochgelegenen Aeckern bereits begonnen worden. Aus den für Kartoffeln wichtigsten Anbaugebieten, den östlichen Provinzen und Brcrndemmrg, werde über ihren Stand am ungünstigsten berichtet. Leider werde fast überall Fäule befürchtet, stellenweise schon als vorhanden bezeichnet. Der Zustand der Klee- und Luzernefelder sowie der Wiesen habe sich nach den teils recht ergiebigen Niederschlägen etwas gebessert. Solvett ein zweiter Schnitt möglich gewesen, sei das Grummet meist in guter Beschaffenheit ein geerntet worden. Der Beamte ließ sich später von einem Eisenbahnzuge über- fahren. • Tilsit, 23. Sept. Gestern abend um 9 Uhr kamen zwei Kinder bei dem Brande des Hauses Jägerstraße 8 in den Flammen um. Sie waren von den Eltern allein zu Hause gelassen worden. Das älteste Kind machte sich mit der Petroleumlampe zu schaffen, welche umsturzte und explo- diette. Das älteste Mädchen rettete sich noch rechtzeitig und ließ die beiden jüngeren Geschwister zurück. * Swinemünde, 24. Septbr. Der zur Rhederei W. Kunstmann in Stettin gehörige Dampfer „Borussia", mit eiper Ladung Erz von Schweden unterwegs, ist außerhalb des HafenS auf Grund geraten. • Mannheim, 24. Sept. Heute früh wurde der ledige Tierarzt Karl Glaßner, der bei dem städtischen Viehhof m Mannheim angestellt ist, in seinem Bett erschossen aufgefunden, während auf dem Fußboden des Zimmers die frühere Buffetdame Helene Ullrich, die im Einverständnis mit Glaßner Gift zu sich genommen hatte, in bewußtlosem Zustand aufgefunden wurde. * fceilbronn, 24. Sept. Dem „Südd. Korr.-Bur." wird über den verhafteten Direktor Fuchs u. a. folgendes geschrieben: Fuchs war früher Angestellter in einem hiesigen Bankgeschäft, später Besitzer eines demokratischen Blattes in Worms. Nachdem er dort gänzlich umgeworfen hatte, kem er in völlig abgebranntem Zustand nach Heilbronn zurück und fand dort zunächst in einem kleinen Bankhaus Anstellung. Zugleich war er damals eifriges Mitglied der hiesigen Vollspartei und ständiger Korrespondent des „Beobachters", besonders über städtische -Angelegenheiten. Der in seiner Mehrzahl aus Demokraten gestehende Auflichtsrat der hiesigen Gewerbebank nahm im Jahre 1889, als die Stelle des Direktors frei wurde, keinen Anstand, Fuchs an diese Stelle zu berufen. Sobald nun Fuchs hierdurch wieder in eine einigermaßen günstige Position versetzt war, suchte er in hervorragender Weise sich an dem öffentlichen Leben zu beteiligen und zwar hauptsächlich in der. in der hiesigen Stadt immer dankbaren Art, nämlich besonders durch fortgesetzte Angriffe gegen die Person des Stadt Vorstandes. Es konnte ihm somit, ftüheren Vorgängen entsprechend (man darf nur an den berüchtigten Tr. Lipp denken, der steckbrieflich verfolgt ist), Nicht fehlen, daß er in den Gemeinderat gewählt wurde, wo er eine ausgedehnte Thätigkeit gegen den Oberbürgermeister Hegelmaier^zu entfalten suchte, der ihn übrigens vollständig durchschaute. Es ist hier ziemlich bekannt, daß dieser schon sett Jahren über Fuchs gelegentlich äußerte: einem der- artigen Spitzbuben würde er keinen Pfennig anvertrauen". 'Leider hat er Recht behalten, als er die Katastrophe ders Gewerbebank oftmals voraussagte. 'Zürich, 24. Sevtbr. Heute vormittag hat sich ein Student der hiesigen Universität in der Wohnung seiner 'Geliebten mit Arsenik vergiftet. Ein rasch herbeigeholter Llrzi konnte nur den Tod feststellen. * Neapel, 24. Septbr. In einer geheim betriebenen .Fabrik von Feuerwerkskörpern eines gewissen Tucei in der Orefieistraße brach heute früh eine Feuersbrunst aus. Sieben Personen kamen in den Flammen um, mehrere Löschmänner sind durch Rauch erstickt. Gegen Mittag war das Feuer gelöscht. • Bukarest, 24. Sept Wie die „Agence Roumaine" feftfieUt, befanden sich bet dem Eisenbahnzusammen- stoß bei Paeloia in beiden Zügen 34 Personen, nämlich 18 Eifenbahnbedienstete und 16 Passagiere, sämtlich Rumänen. .Von diesen sind 7 Eisenbahnbedienstete und 2 Passagiere getötet, 16 Personen verletzt, darunter eine schwer. ♦ Merkwürdiger Fall. Auf der Festfahrt des , Kronprinz Wilhelm" riff en, wie erzählt wird, eines Abends alle Bande frommer Scheu: die Seekrankheit brach aus. In dem ziemlich dünn besetzten Speisesaal, in dem nur wenige „Aufrechte" bis zum Schluß des Essens aushielten, ereignete sich nun ein in seiner Art einziger tragikomischer Fall. Eine Exzellenz erhob sich, gepackt von dem ttickischen Dämon der Seekrankheit, doch nicht rechtzeittg genug, um nicht einen Teil 'des dem Wogendrange gebrachten Opfers in den Nacken der neben ihm sitzenden Exzellenz zu ergießen. Diese jedoch, selbst mit Kummer ringend, bemertte es nicht, bis einer der Stewards ihn ehrerbiettg anredete: „Entschuldigen Sie, Ex- .zeflenz, Sie haben sich am Rockkragen hinten beschmutzt; aber iole Exzellenz dahin gekommen sind, begreife ich nicht!" * Die Zigarren des Herrn v. Miquel. Miquel war ein Dauerrauchjer, der erst beim Einschlafen die Zigarre verlöschen ließ. Doch er wußte nicht, was er rauchte, und so züm Konsum eines heimischen Krautes gekommen, dem selbst ein fanatischer Patriotismus Geschmack nicht hätte abgewinnen können. Für seine Gäste war er wählerisch, so daß auch verwöhnte Raucher zufrieden sein konnten. Doch paßte er die Aufwartung dem Verständnis des Empfängers an. Fehlgriffe waren dabei nicht zu vermeiden, besonders wenn der Gegenstand der Unterhaltung ihn gefangen nahm — was baim der Fall war, wenn er selbst sprach, und er >that das meistenteils. Eine Korrektur ließ er sich bann gern gefallen. Als ein Besucher ihm die angebotene Zigarre mit den Worten zurückreichte: „Exzellenz haben mir von Ihrer eigenen Sorte gegeben", schmunzelte er bergnügt und nahm den passenden Umtausch vor. * Eine der geschätztesten Reliquien des „Weißen Hauses" ist, wie die „Pall Mall Gazette" schreibt, der Schreibpult, der fast ein halbes Jahrhundert hindurch von den aufeinander folgenden Präsidenten der Bereinigten Staaten gebraucht worden ist und auf dem Namen und Amtsdauer eines jeden buchstäblich in Gold einaegraben sind. Obgleich er eine so hervorragende Stelle »in der Residenz des erwählten Leiters Amerikas einnimmt, Landwirtschaft. Saateustaud in Preußen um Mitte September. (Nr. 2 — gut, Nr. 3 — mittel (Durchschnitt), Nr. 4 — gering.) 15. Sept. 01. 15. Aug. 01. 15. Sept. 00. 743,4 744,2 + 14,5 Höchste Temperatur amZ23.-24. September + 26,6° C. Niedrigste „ „ » » + u Summa: 13 (6) 10 (4) 2 (1) 1 (1) Anm.: Die in Klammern gesetzten Ziffern geben an, wie viel der Todesfälle in der betreffenden Krankheit auf von auswärts nach Gießen gebrachte Kranke kommen. Theater, Kunst und Wissenschaft. Hamburg, 23. Sept. Das Expeditionsschiff „Ma» ta d o^ ist nach dreizehnmonatlicher Abwesenheit von der Nordpol- erpedition unter Führung des Steuermanns Dreßler zurückgekehrt. Ter Führer der Expedition B a u e n d a h l, der erst eine Rundreise durch Norwegen unternimmt, kehrt erst in 3 bis 4 Wochen zurück. Der Gesundheitszustand Aller ist gut. , Eine Bauschule für Frauen ivird demnächst m Berlin ms Leben treten. Tas neue Institut will durch Erschließung des Baufaches für Frauen dem weiblichen Geschlecht einen neuen lohnenden Erwerbszweig zugänglich machen. Es soll zunächst mit der Heranbildung von Bauzelchnerinnen, bautechnischen Hilfsarbeiterinnen usw. begonnen werden, wie solche in anderen Ländern bereits mit gutem Erfolge thätig sind. Tie Lehrgegenstände sind: Konstruk- tionszcichnen, Formenlehre, Architektur, Entwerfen, Voranschlägen, höhere Mathematik und Statik. Eisenach, 24. Sept. Ter Allgemeine Kongreß für evangelische innere Mission in Deutschland wurde gestern abend hier feierlichst eröffnet. Staatsminister Dr. Rothe hielt eine Begrüßungsansprache. Gaebel-Berlin dankte im Namen des Zentral- Ausschusses. lieber 600 Teilnehmer aus ganz Deutschland sind anwesend. Aus Hanau wird geschrieben: Die Direktion des Stadtthea- ters (Jaritz und Oppmari wird wie in den Vorjahren auch in der bevorstehenden Wintersaison in O s s e n b a ch a. M. und Homburg v. d. H. Vorstellungen geben. — Aus Worms schreibt man: Zwischen der Stadtverwaltung von Worms und den Leitern des Darmstädter Hof- und des Mainzer Stadttheaters sind auch für diese Saison Verträge abgeschlossen worden, nach welchen die Mitglieder dieser Bühnen'für eine Reihe von Vorstellungen im städtischen Spiel- und Festhause gewonnen worden sind. Vorerst sind 36 Vorstellungen und zwar 24 Schauspiel- und 12 Opernvorstellungen in Aussicht genommen. McheutliÄt Leberlicht der Todesfälle in Gießen. 37. Woche. Vom 8. bis 14. September 1901. Einwohnerzahl: angenommen zu 25 900 sinkt. 1600 Mann Militär). Sterblichkeitsziffer: 26,10, nach Abzug der Ortsftemden 14,05°/oo. Kinder Handel und Verkehr. Volkswirtschaft. Stuttgart, 24. Sept. Das Bankhaus Josef Schweizer hat infolge der Schwierigkeiten der Firma Robert Bloch in Pforzheim seine Zahlungen vorläufig eingestellt. Der Status eraieot aber einen beträchtlichen Heberschuß der Akttven über die Passiven. Von ersteren sind allerdings einige Posten nicht schnell genug realisierbar. Landstuhl, 24. Sept. Der Rechtskonsulent Eilbott in Zweibrücken ist zum Konkursverwalter im Konkurse der Gesellschaft Bumb und Herrle ernannt. Ein Gläubigerausschuß aus den Vertretern der drei Hauptgläubiger, bestehend aus den Rechtsanwällen Justizrat Gießen, Schuler und Trier in Zweibrücken wurde der „Pf. Pr? zufolge gebildet. — Die altrenomicrte Heidelberger Garu- und Kurz- wareu-Eugroofirma I. I. Lindau bot ihren Gläubigem 28 Prozent an. Das Angebot wurde jedoch abgelehnt. Universttäts Nachrichten. Dr. Heinrich Schröder, Verfasser der bekannten Schriften über die Oberlehrerfrage, beabsichtigt, den Schuldienst zu verlassen und die akademische Laufbahn einzuschlagen. Aus diesein Anlaß ist ihm, wie die „Kieler Ztg." meldet, für die Verdienste um seinen Stand von der höheren Lehrerschaft Deutschlands eine Ehrengabe von 100 000 Mk. überreicht worden. — Der bisherige Privatdozent Prof. Dr. Edmund Husserl zu, Halle a. S. ist zum außerordentlichen Professor in der philosophischen Fakultät der Universität zu Göttingen ernannt worden. Kcrttoffeln 2,7 2,7 2,8 Klee 3,3 3,7 8,4 Luzerne 3,2 3,5 3,0 Wiesenheu 3,4 3,6 3,0 5757 Jäaitlicbe Mi, Betten, Hiegel, PiVans, H-irsz nnd Polsterwaren verkaufe von heute ab zu ganz bedeutend herabgesetzten Preisen. WM dST'l W/EB"/ Möbelgeschäft, Kaplansgasse. 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In dem einen derselben werden die Schüler mit Papparbeiten und in dem anderen mit Kerb- schnittarbeiten beschäfügt. Zur Beteiligung an dem Unterricht können ältere Schüler der Volksschule sowohl als auch Schüler der höheren Lehranstalten (letztere vom 11, Jahre ab) zugelassen werden. Für Werkzeuge und Materialien, welche den Schülern während der Unterrichtszeit gestellt werden, sind von jedem derselben 2 Mk. zu entrichten; außerdem haben die Schüler ;bec höheren Lehranstalten noch ein Schulgeld von 4 Mark zu bezahlen. Anmeldungen zum Unterricht werden zur angegebene« Zeit im genannten Schulhause entgegen- genommen. Gießen, dSN 24. September 1901. 6390 Mecum, Bürgermeister. Hahn, Oberlehrer. Mk. 5000 , 2000 . 2000 -Mk. 2000 - . 2000 ° . 2000 - . 2800 . . 4200 9^* Sämtliche Neuheiten der Herbst- und Winter-Saison sind bereits cingetroffen und bitte ich um geneigten Zuspruch. Gießener Volksbad Wir laden zum Abonnement für das mit dem 1. 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