Nr. 250 Zweites Blatt. 151. Jahrgang. Donnerstag 24. Oktober 1001 Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. Die Siebener Zamllien- EblSttcr werden dem Anzeiger im Wechsel mit dem „Hess. Landwirt^ und den „Blättern für hessische Volkskunde" viermal wöchentlich bei» gelegt. Redaktion, Spedition und Druckerei: Gchulstratze 7. Adresse für Depeschen: Anzeiger Gießen. Fernsprechanschluß Nr.51. GietzenerAnzeiger General-Anzeiger ** Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gießen Annahme von Anzeigen zu der für den folgenden Tag erscheinenden Nr. bis vormittags 10 Uhr. Alle Anzeigen-Vermitt- lungsstellen deSJn-unü Auslandes nehmen An» zeigen entgegen. Zeilenpreis: lokal 12 Pf« auswärts 20 Pfg. Rotationsdruck u. 23et» lag der Brüh l'schen Universitäts - Druckerei (Pietsch Erben). Verantwortlich für den allgemeinen Teil: P. Wlttko: für den Anzeigenteil: Hans Beck Zur Hagesstage. Der freisinnige Abg. Dr. Müller-Sagan hat jüngst er- Zählt, Staatssekretär von Tirpitz habe ihm einst gesagt, jeder neue Panzer und jeder Kreuzer bedeute ein neues Schwergewicht in der Wagschale zu Gunsten des Freihandels. Die „Post" glaubt, diesen Aus- ftwuch mit folgenden Darlegungen anzweifeln zu sollen: „Herr von Tirpitz ist Staatssekretär im Reichs-Ma- rrneamt, also Ressortchef im strengsten Sinne des Wortes und überdies dem für die Reichspolitik allein verantwortlichen Reichskanzler unterstellt. Es wäre daher höchst befremdlich, wenn er in solcher Weise zu Fragen der Wirtschaftspolitik, welche seinem Ressort durchaus fremd sind, Stellung genommen haben sollte, und zwar Stellung in einer Weise, welche mit der von dem Reichskanzler vertretenen Politik gemäßigten Schutzzolles und mit der vom Kaiser ausgegebenen Parole gleichmäßigen Schutzes aller Zweige der nationalen Arbeit in direktem Widerspruch stände. Es wäre auch kaum denkbar, daß Herr von Tirpitz, wenn er wirklich der Meinung wäre, daß unsere Flottenpolitik eine Wendung zum Freihandel bedinge, als Staatsminister in dem Kabinett Bülow verbleiben könnte, dessen Ches namens der preußischen Regierung wiederholt der Landwirtschaft gesicherten und verstärkten Zollschutz, bei Neuregelung unserer Handelsbeziehungen zum Auslande in Aussicht gestellt hat. Wäre die Behauptung des Abg. Müller-Sagan zutreffend, so würde darin ferner eine Bestätigung des auch von uns damals erwähnten, aber offiziös als unrichtig bezeichneten Gerüchts zu erkennen sein, daß seitens der Marineverwaltung der Versuch unternommen worden sei, eine Mehrheit für die Flottenverstärkung unter Ausschluß der konservativen Parteien zu bilden und so freie Bahn für eine Schwenkung der Regierungspolitik ins linksliberale und freihandlerische Fahrwasser zu schaffen. Damals wurde bekanntlich auch gemeldet, daß dieser Plan an dem Widerstande der freisinnigen Vvlkspartei gescheitert sei, und man sich habe entschließen müssen, die Flotten-Verstärkung doch mit Hilfe der Agrarier durchzuführeu." Uns erscheint es selbstverständlich, daß sich der Staatssekretär des Wortlauts einer gelegentlichen, überdies privaten Bemerkung nach so und so viel Monaten — die Aeußeruug soll bei der Beratung des Flottengesetzes gefallen sein, — nicht mehr erinnert. Im übrigen drängt sich die Frage auf, ob und inwieweit es für die Sache, d. h. oes Zolltarifs, von Belang ist, wenn auf solchen, mehr oder weniger unverbürgten Aeußcrungen „herumgeritten" wird. Die „Franks. Ztg." erinnert beispielsweise, daß in der kritischen Zeit der Flottenvermehrung „noch ganz andere staatsmännische Persönlichkeiten" mit dem Argument, die Flottenpolitik arbeite dem Freihandel vor, operiert haben. Die Zuspitzung auf den damaligen Staatssekretär des Auswärtigen Grafen Bülow ist bei dieser Reminiszenz unverkennbar, und vielleicht wird auch der Kanzler eines Tages in aller Form parteipolitisch in „Anllagezustand" versetzt. Eine gewisse Ironie der Geschichte fügt es, daß dabei das erheiternde Moment nicht fehlt. Ist denn in der That den hier- als Anlläger auftretenden Agrariern der Uebergang zum Freihandel, dessen auch nur andeutungsweise Befürwortung einen Minister nach konservativer Auffassung „unmöglich" macht, so durchaus wider den Strich?" Keineswegs. Haben doch wetterfeste Agrarier, wie unser Abg. Köhler-Langsdorf, denen sich, wie wir gestern meldeten, die hannoverschen Konservativer: angeschlossen, erklärt, daß ihnen der reine Freihandel lieber sei, als ein Zolltarifentwurf mit nicht ausreichenden Erhöhungen der landwirtschaftlichen Zölle. Der Tarifentwurf trägt die Unterschriften der preußischen Minister, also auch, die des Marinestaatssekretärs, der dadurch die Notwendigkeit eines höheren Zollschutzes der Landwirtschaft anerkennt. Dieser offizielle Akt eines Ministers wiegt doch wohl schwerer, als die Wiedergabe von Prrvatäußerungen, deren Echtheit, zumal sie zeitlich zurückliegen, nicht unzweifelhaft ist. Die neueste „Nordd. Allg. Ztg." enthält keine Bemerk- ang zur Sache. Dagegen schreibt das offiziöse Organ: In verschiedenen Blättern begegnen wir der Behauptung, daß die deutsche Regierung beabsichtige, die Handelsverträge überhaupt nicgt zu kündigen. Es ist nicht recht verständlich, wie eine solche Auffassung entstehen konnte, wo ein neuer Zolltarif ausgearbeitet und allgemein bekannt ist, daß die deutsche Regierung mit Hilfe dieses Zolltarifs zu einer neuen Regelung der handelspolitischen Beziehungen zum Auslande, insbesondere unter stärkerem Schutze der heimischen Agrarprodukte, zu gelangen bezweckt. Der Entschluß, die geltenden Handelsverträge überhaupt nicht zu kündigen, wäre zweckwidrig und würde nur eine Stärkung der Position der ausländischen Staaten bedeuten, mit denen wir Handelsverträge auf neuer Basis abschließen wollen. Die deutsche Regierung muß sich also selbstverständlich freie Hand Vorbehalten, im geeigneten Zeitpunkte die bestehenden Handelsverträge zu kündigen. Ob und wann dieser Zeitpunkt eintritt, hängt von dem Zustandekommen des neuen Zolltarifs und von den Verhandlungen mit den anderen Staaten ab. Der Hinweis aus die Taktik dem Auslande gegenüber Macht in einem Regierungsblatt etwas den Eindruck der „Kampfbereitschaft". Eine für die Agrarier bestimmte Beruhigung liegt in der Betonung des „stärkeren Schutzes der heimischen Agrarprodukte". Und nach der Bemerkung von der Kündigung der Handelsverträge brauchen die Agrarier mit dem beabsichtigten Antrag, die Regierung dazu auszufordern, sich nicht mehr zu bemühen. Gewährung des Wunsches ist in aller Form zugesagt. Allerdings, der Zeitpunkt der Kündigung wird von allerlei Umständen abhängig gemacht. Mit Recht macht die „Voss. Ztg." darauf aufmerksam, daß die Regierung die Ueber- zeugung, bessere Handelsverträge abzuschließen, erst in dem Augenblick haben kann, wo die neuen Verträge abgeschlossen und unterschrieben in ihrer Hand sind. In dem Augenblicke, wo die Handelsverträge außer Kraft getreten sind, befinden wir uns schon im Zustande des Handelskriegs. Wolle die Regierung Deutschland vor einen: solchen schützen, so habe sie die Pflicht, einen bestehenden .Handelsvertrag nicht eher zu kündigen, als bis ein neuer Vertrag gesichert ist. Politische Tagesschau. Ein neuer chinesischer Schachzug. Die alte „Ordnung" der Dinge ist in China wieder eingekchrt. Mit Ausnahme von Deutschland bemühen sich die Mächte, ganz wie vor dem Ausbruch der Wirrren, Sondervorteile in Bezug auf Handelsniederlassungen u. s. w. von der chinesischen Regierung zu erlangen, und die unverwüstliche Kaiserin-Witwe kommandiert das Ganze, als ob nichts vorgefallen wäre, und ein diplomatisches Korps in Peking überhaupt nicht existierte. So plant sie jetzt die Ernennung eines neuen Thronfolgers und hat diese Würde einem Neffen des berüchtigten Prinzen Tuan zugedacht, der bekanntlich in erster Reihe den Gesandtenmord verschuldete, der verdienten Strafe aber leider entging und angeblich an einem weltfernen Orte in der Verbannung weill. Das wird ihn nicht gehindert haben, ein seinem Range entsprechendes vergnügliches Leben zu führen und mit seiner Beschützerin, der Kaiserin-Witwe, neue ftcmdenfeindliche Pläne zu schmieden. Die erste Frucht dieser Verständigung präsentiert sich bereits jetzt in der Thronfolgerfrage, und zugleich wird dadurch die völlige Bedeutungslosigkeit Kaiser Kwangsü's gekennzeichnet. Von diesem bedauernswerten Mann ist überhaupt kaum mehr die Rede, obwohl die Mächte nur ihn als legitimen Herrscher anerkennen. Es ist wahrscheinlich, daß das diplomatische Korps in Peking Einspruch erhebt, falls in der Tat ein Neffe Tuan's zum Thronfolger ernannt werden sollte. Nur fragt sich, ob die eigenwillige Kafferin-Witwe den Protest überhaupt beachtet. So eröffnet sich die Aussicht auf neue Differenzen. Der Hinweis auf die Waffengewalt dürfte nach den gemachten Erfahrungen von vomherein aus der Diskussion ausscheiden. Die Chinesen sind wieder obenauf. Wie das „Berl. Tgbl." berichtet, ist von chinesischer Seite den Mächten die bevorstehende Rückkehr des Kaiserhauses mach Peking angezeigt und zugleich angeftagt worden, in welcher Weffe sich die Gesandten an dem Empfang beteiligen würden. Es schweben darüber jetzt Verhandlungen unter den Gesandten in Peking, die hauptsächlich die Ansprache des diplomatischen Korps an den Kaiser von China und die Erwiderung desselben betreffen, Kundgebungen der internationalen Courtoisie, deren Formulierung bekanntlich stets vorher vereinbart zu werden pflegt. Deutsches Reich. Berlin, 22. Okt. Der Kaiser unternahm, wie aus Potsdam gemeldet wird, gestern nachmittag einen Spaziergang. Heute beging die kaiserliche Familie den Geburtstag der Kaiserin im Neuen Palais in aller Stille. Alle Kinder mit Ausnahme des Prinzen Adalbert, der sich auf See befindet, waren um die Kaiserin versammelt. Am frühen Morgen gratulierte der Kaiser und die Kinder des Kaiserlichen Paares. Um Mittag nahm die Kaiserin die Glückwünsche der nächsten Umgebung in Empfang. Vielfach wurden kostbare Blumenspenden überreicht. Zahlreiche Offiziere der Potsdamer Garnison gaben ihre Karten beim Oberhofinarschall- amt ab. Entgegen dem Herkommen früherer Jahre machte sich schon diesmal keinerlei lebhaftes Treiben in der Umgebung des Neuen Palais bemerkbar. — Graf Bernhard zur Lippe-Biesterfeld, der zweite Sohn des Grafregenten, ist zur Gesandtschaft im Haag kommandiert worden, was von manchen Seiten als ein Beweis für die Besserung der Beziehungen zwischen Detmold und Berlin angesehen wird. Jedoch wird der „T. R." geschrieben : Sollte das kein Irrtum sein? Die Grafen von Lippe-Biester- feld betrachten sich und müssen sich betrachten als Prinzen eines regierenden Hauses, denn nur als solche können sie ihre Stellung in Detmold einnehmen. Nun liegt aber kaum ein Fall vor, in dem ein Prinz aus regierendem Haus zu einer Gesandtschaft kommandiert wurde. Es sind diese Kommandos solche, zu denen sich jeder Offizier melden kann, der über die notwendigen Sprachkenntnisse und Geldnüttel verfügt. So könnte man aus der Kommandierung des Grase:: Bernhard sogar direkt schließen, daß man in Berlin die Grafen zu Lippe-Biestefteld noch immer nickt zu den regierenden Fürsten rechnet, die Beziehungen zwischen Berlin und Detmold sich also keineswegs gebessert haben. Alan darf sich, wenn inan die Sache von diesem Gesichtspunkt ansieht, wundern, daß der Graf nach dem Haag geht. — Als voraussichtlicher Nachfolger des kranken Botschafters Grafen Hatzfeld auf dessen Londoner Posten wird bekanntlich der jetzige Gesandte in Hamburg, Graf Wolff- Metternich, genannt. Dieses Gerücht wird nun noch dahin vervollständigt, daß für den dann frei werdenden Hamburger Posten die Wahl auf den Hofmarschall der verstorbenen Kaiserin Friedrich, Frhrn. v. Reischach, entfallen dürste. — lieber das Befinden des Reichstags-Abgeordneten Dr. v. Siemens erhält die „Voss. Ztg." von zuständiger Seite die Mitteilung, daß eine leichte Besserung eingetreten ist. — Die Generalversammlung des Bundes d^r Industriellen nahm heute nach einem Vortrage des Dr^ Osterrieth über Ergebnisse und Ziele der Kongreffe für gewerblichen Rechtsschutz folgende Erklärung an: „Tie- Generalversammlung erkennt die Ätützlichkeit der bis» herigen Arbeiten der Kongresse für gewerblichen Rechtsschutz an, und beschließt, den auf die Revision des Patentwesens, des Muster- und Markenschutz-Gesetzes gerichteten Besttebungen desselben chr besonderes Augenmerk zuzuwenden. Der Vorstand wird ersucht, sich durch Abgeordnete an den Arbeiten zu beteiligen." In einer weiteren Erklärung wurde mit einem Vorträge über die Lage des deutschen Feuerversicherungswesens der Feuerversicherungsverband als eine volkswirtschaftliche Notwendigkeit anerkannt und seinen Bestrebungen Sympathie ausgesprochen. — Wie die „Nat.-Ztg." mitteilt, sind die Gerüchte über Verhandlungen zwischen den thüringischen Private bahnen und Preußen zur Uebernahme durch die preußische Verwaltung darauf zurückKusühren, daß die von: Preußen übernommene Fuldabahn verlängert wer-, den soll, und hierzu ein Staatsvertrag zwischen Preußen- und Meiningen notwendig ist, der jetzt dem Meininger Landtage vorgelegt werden soll. — Mit der Zulassung der Realgymnasial^ Abiturienten zu den ärztlichen Prüfungen hat sich der Bundesrat in seiner letzten Sitzung abermals beschästtgt. Der Bundesrat Halle früher beschlossen, daß die Realgyrnnasialabiturienten vom 1. Oktober dieses Jahres- ab ohne weitere Nachprüfung zum ärztlichen Studium zu- gelassen werden sollen. Es war nun von juristischen Seite die Frage aufgeworfen worden, ob sich diese Vergünstigung auch bereits auf diejenigen Medizinstudierem' den erstrecken solle, die vor dem 1. Oktober d. I., als» in der Zeit zwischen den großen Ferien und den Michaelisferien, das Reifezeugnis erworben haben. Der Bundesrat hat diese Frage, wie eigentlich selbstverständlich war, bejaht, so daß die Realgyrnnasralabiturienten, die demnächst das Studium der Medizin beginnen werden, von jeder Nachprüfung im Lateinischen und Griechischen befreit bleiben. Posen, 22. Okt. Herr Martin Biedermann -*> der „Mann mit dem politischen Koffer", so wird der Her-, ausgeber der „Praca" jetzt in Posen genannt — schreibt Folgendes: „Mit der Verhaftung des Dr. Rakowski befinden sich gegenwärtig gleichzeitig nicht weniger als vier Redakteure der „Praca" im Gefängnis. Abonnenten, wir rechnen auf Euch! Abonnementsformulare liegen jeder Nummer bei usw. usw." Biedermann ist ein smarter Geschäftsmann. Greiz, 22. Oll. Der Vorsitzende des Anti-Duell-Kongresses Fürst Karl von Löwenstein ist vom Fürsten Reuß ä. L. in mehrsttindiger Audienz empfangen worden. Regensburg, 22. Okt. Der von 5000 Personen besuchte bayrische Bauerntag, an dem auch zahlreiche Reichs- und Landtagsabgeordnete teilnahmen, hat folgende Resolution angenommen: Der bayrische Bauerntag erklärt die künftige Gestaltung des Zolltarifs für eine Lebensfrage der Landwirtschaft. Die bayrischen Bauern verlangen von den verbündeten deutschen Regierungen, besonders aber von der bayrischen Regierung, daß die den Landwirten wiederholt gegebenen Versprechungen auf verstärkten Zollschutz der landwirtschaftlichen Produkte eingelöst werden. Der Bauerntag verlangt gleiche Verzollung der vier Haupt-Getreidearten, einen Mindest zoll von 6 Mark pro Doppelzentner für diese, eine der Ausbeute entsprechende Verzollung von Malz, Mehl und anderen Mülllereierzeugnissen, Aufhebung der gemischten Transitläger, Minimalzölle für Vieh und für tierische Erzeugnisse, für sämtliche landwirtschaftliche Produlle, wie T a b a k, Wein usw. nach den Vorschlägen des Ausschusses des deutschen Landivirtschastsrates vom 17. August, sowie einen Minimalzoll von 70 Mark pro Doppelzentner für Hopfen. Ausland. Paris, 22. Oll. Eine eigentümliche Interpellation wird voraussichtlich die Deputiellenkammer beschäftigen. Dem Falle liegt folgendes Thatsächliche zu Grunde. Hauptmann Schaeffer, vom 63. Infanterieregiment, Ritter der Ehrenlegion, nahm kürzlich seine Entlassung und bot sich zugleich an zum Dienste im Territorialheere mit demselben Range. Das Kriegsministerium soll den Rücktritt angenommen, aber dazu bemerkt haben, daß er im Territorialheere nur den Rang eines Sergeanten erhalten könne. Der Hauptmann habe darauf enmbcrt, daß er es unter diesen Umständen vorziehe, mit den Leuten seiner Altersklasse zusammen als Soldat der 2. Klasse zu dienen. Es ist wohl anzunehmen, daß auch noch vor der Interpellation diese merkwürdige Geschichte etwas näher beleuchtet werden wird. Rom, 22. Okt. Der Papst war gestern äußerst ermattet, nachdem er am Sonntag 80 Personen empfangen hatte. Er mußte gestern während des ganzen Tages das Bett hüten, konnte jedoch heute wieder Audienzen erteilen. Es empfing der Papst heute Mittag den Prinzen Ruprecht von Bayern mit den Ehren eines Souveräns. Die Unterhaltung dauerte eine halbe Stunde. Der Prinz besuchte dann den Kardinal Rampolla, ber ihm in seinem Hotel die Gegenvisite machte. — Das italienische Königspaar wird sich, nach Blättermeldungcn, von Zanardelli, drei Ressortministern und von den verantwortlichen Diplomaten begleitet, nach Petersburg begeben. Italien will zum Schutze gegen den Zolltarif einen „Rückversicherungsvertrag" mit Rußland schließen. Italien will mit Dalmatien, Montenegro und Albanien gedeckt im Rücken seinen Einfluß als Nachbar auf dem Balkan zweckmäßig verwerten. (Die Nachricht scheint nicht besonders zuverlässig zu sein. D. R.) Swatau, 21. Okt. In Hsing-ning ist die Ruhe wieder hergestellt. Es sind 140 Aufrührer hingerichtet worden. Washington, 22. Okt. Marinesekretär Lang erhielt von dem zurzeit in Cavite befindlichen Contreadnüral Bodgers folgendes Telegramm: „Auf der Insel Samoa herrscht Aufruhr. Dampfer „Newyork" geht heute mit 300 Seesoldaten nach Cathologau ab. Fast die ganze Seestreitmacht ist bei Samoa zusammengezogcn." Vom Burenkriege. Eine für die Fortführung des Transvaal-Krieges sehr bedeutsame Meldung kommt heute aus London. Kürzlich wurde gemeldet, König Eduard beabsichtige, dem General Buller den Pairstitel zu verleihen, und ihm außerdem eine bedeutende Dotation zu gewähren. Wer sich gegenwärtig hält, wie General Luller in draufgängerischer Manier bei seinen mrsinnigen Unternehmungen am Lu- igela Tausende seiner Soldaten zwecklos hingeopfert, der wird sagen: der Mann hätte diese Auszeichnungen verdient. 9hin hat sich aber der englische König eines anderen besonnen. General Buller wurde, wird uns heute telegraphiert wird, wegen einer Kundgebung, in der er sich gegen die Angriffe gewisser Blätter vom 10. Oktober verteidigte, des Kommandos des ersten Armeekorps in Aldershot enthoben und zur Disposition gestellt. Zum Nachfolger wurde General Fr en ch , ernannt. Bis zu dessen Rückkehr aus Südafrika übernimmt General Hil- dyard den Befehl in Aldershot. Sonach verliert also Kttchener seinen fähigsten Untergeneral, der zweifellos von den frohlockenden Buren mit den besten Glückwünschen auf seiner Reise nach England begleitet werden wird. Die englische Regierung aber hat mit dieser Personaländerung wieder einmal einen vielleicht sehr folgenschweren unklugen Streich begangen. Wie von anderer Seite aus London telegraphiert wird, forderte dieser Tage Sorb Kitchener dringend geübte Kavallerie. Alles aber, was im Mutterlande noch zu haben ist, sind 3000 Mann, von denen die meisten Kitchcncrs Wünschen nicht entsprechen dürften. Nach der Entsendung dieser 3000 Mann ist England von Kavallerie entblößt. Darum wurde also der geschickteste Reitergeneral nach London berufen, um Kavallerie-Regimenter aus der Erde zu Stampfen. Kitchener aber wird dem Herrn French, der ihm die besten Dienste leistete, heiße Thränen nachweinen und nun umso dringender tüchtiger Kavallerie bedürfen. — Die Lebensmittelzusuhr macht den Engländern auch große Mühen und Kosten. Nach einer Meldung aus der schlesischen Stadt Sprottau werden in dem dortigen und dem benachbarten Saganer Kreise zur Zeit enorme Mengen Kartoffeln für englische Rechnung aufgekauft, die zur Verproviantierung der englischen Truppen in Südafrika bestimmt sind. Die Kartoffeln werden in Sprottau gleich für den überseeischen Transport verpackt, wozu eine dortige Firma vorläufig 1000 Kisten angefertigt hat. Das Urteil gegen Johannes Botha, einen unter dem Kommando Lotters stehenden Führer, das auf Dodes- sttafe lautete, wurde in lebenslängliche Zwangsarbeit umgewandelt. Jetzt liegt wieder eine interefsante offizielle Stattstik der englischen Regierung vor, die besagt, daß im September dieses Jahres allein etwa 17 000 Männer, 38000 Frauen und 54 300 Kinder, zusammen 109 418 Personen (Weiße), in den Konzentrationslagern interniert waren. Bon diesen starben im genannten Monat nicht weniger als 119 Männer, 328 Frauen und . . . 1054 Kinder, zusammen 2411 Personen. Hieraus ergiebt sich, daß sett dem 1. Juni dieses Jahres von 54 326 unmündigen Buren-Knaben und Mädchen im ganzen 5209 Kinder hingemordet worden sind. Aus Stadt und Kand. (Der Abdruck der unter dieser Rubrik befindlichen Original-Nachrichten ■ift mir unter genauer Quellenangabe: „Gieß. Anz." gestattet.) Gießen, den 23. Oktober 1901. * * Aus dem Theaterbureau. Auf das morgen beginnende Gastspiel von Karl Schönfeld sei hiermit nochmals aufmerksam gemacht. Der Künstler hatte mit der Rolle des „Shylock" im „Kaufmann von Venedig", welche derselbe am ersten Abend spielt, überall einen durchschlagenden Erfolg. — Kommenden Sonntag, nachmittag 4 Uhr, wird „Die Dame von Maxim" auf vielfachen Wunsch nochmals aufgeführt. * * Das Amtsblatt des Ministeriums der Justiz Nr. 18 vom 21. Oktober enthält ein Ausschreiben an die Großh. Amtsgerichte bett, die freiwillige Versteigerung von Grundstücken. * * Zur Stadtverordnetenwahl. Die Sozialdemokraten sind die ersten, die mit ihren Kandidaten auf dem Plane erscheinen. Am Samstag hat der Wahlverein eine Versammlung abgehalten, in der er u. a. seine Kandidaten aufstcllte. * * Von der Post. Wie wir hören, hat die Ober-Postdirektton in Darmstadt den Beamten und Unterbeamten der Postämter im Großherzogtum Hessen cs streng untersagt, auf Anftagen des Publikums, in welchen Geschäften die von der Ober-Postdirektton empfohlenen Gummistempel (Namenstempel) erhältlich seien, ein bestimmtes Geschäft zu empfehlen oder auch nur zu bezeichnen. Es soll vielmehr überall den in Bettacht kommenden Geschäften selbst überlassen werden, sich znr Beschaffung solcher Stempel den Interessenten zu empfehlen. * * Vortragsabend des Kaufmännischen Vereins und des Ortsgewerbevereins. Gestern abend veranstaltete der Kaufmännische Verein und der Ortsgewerbeverein den ersten der angekündigden Vortragsabende. Welches Interesse unsere Bürgerschaft diesen Vorträgen allgemein bildenden Inhalts entgegenbringt, beweist der Umstand, daß der Saal von Steins Garten, trotz des eingetrctcnen Regenwettcrs, das gewiß noch manchen vom Besuch zurückgchalten hat, schon ehe der Redner, Hofschau- ifpieler Otto Ewald aus Kassel, über sein Thema „Eine MLise zum Ober-Ammergauer Passionsspiel" zu sprechen begann, dicht gefüllt war, Jo daß mancher Nachzügler Mühe hatte, ein Plätzchen zu bekommen. Der Redner gab, ehe er zu dem Kernpunkt seines Themas überging, eine Skizze des historischen Hintergrunds und der Entwickelung der Oberammergauer Passionsspiele. „Passronsspiele" nannte man die dramatischen Spiele des Mittelalters, soweit sie religiöse Stoffe behandelten. Bereits im 9. Jahrhundert gab es in Freising geistliche Spiele. Besonders wirksam erwies sich für diese Spiele die Leidensgeschichte. Als eigentlicher Schöpfer gilt hier der Augsburger Meistersinger Sebastian Wild, dessen Tragödie vom Leiden und Sterben Christi auch die ursprüngliche Fassung des Oberammergauer Festspieles bilden soll. In der Umgegend von Oberammergau giebt es große Waldungen. Deshalb wandten sich feine Bewohner schon früh der Schnitzkunst zu, insbesondere wurden Heiligenbilder ge- chnitzt. Auf diese Weise wurde schon früh der religiöse Sinn bei ihnen ausgeprägt, so daß allmählich selbst ihr Aeußeres einen gewißen Änsttich biblischer Würde erhielt. Die geistlichen Spiele fanden hier also einen besonders günstigen Boden. Eine int Jahre 1630 ausgebrochene Seuche dachte man dadur'ch zu bekämpfen, daß man alle 10 Jahre in großem Maßstade die Passion au,führen wollte. Von den Benediktiner-Mönchen des benachbarten Klosters wurde der Text dazu bearbeitet. In diesen ersten Passionsspielen waren freilich neben hoch dramatischen Momenten auch läppische bis zur Unflätigkeit ausartende Szenen, so daß 1810 die Spiele sogar verboten wurden und es nur mit vieler Mühe den Vorstellungen einer nach München gc- ändten Deputation gelang, die Aufhebung des Verbots zu erwirken unter der Bedingung, daß der Text gereinigt würde. Ein Benediktiner besorgte dies abermals. Die,e veränderte Fassung gefiel so, daß die Spiele.bereits 1815 einmal wiederholt werden mußten. Seit 1820 wurde der zehnjährige Zeitraum innegehalten. Bald erfreuten sich die Oberammergauer Spiele eines ungeheuren Zudrangs, so daß schon 1830 die Bübne notgedrungen außerhalb des Ortes aufgeschlagen tocroen mußte. 1850 fand eine nochmalige Revision des Textes statt. Die Gestalt, die er damals erhielt, hat er zum größten Teil noch.heute. Die Musik ist zwar edel; wenn sie aber die dramatischen Vorgänge Vorgänge unterstützen soll, bleibt sie unbeholfen und schüchtern, und doch dürfte sie nicht anders sein. In der Fassung des ganzen Dramas liegt der Hauptreiz. Auch die Jn- zenierung ist musterhaft. Dabei verschmähen die Spielleiter jede Mitwirkung von fachmäüNischer Seite. Man muß dabei aber berücksichtigen, daß die Dorfbewohner bereits von Kindesbeinen an mit dem Spiel vertraut find. Auf einer Uebungsbühne spielt man Komödie. Die Proben beginnen mindestens ein halbes Jahr vor der Spielzeit. Der Eindruck der Spiele auf den Besucher wird verschieden sein. Die meisten aber dürften mit Befriedigung, ein Teil sogar mit Begeisterung von bannen ziehen; sonst wäre der immer zunehmende Andrang nicht zu erklären. Der oft gemachte Einwand, es sei eine Profanation, Gott auf die Bühne zu bringen, ist nicht stichhaltig, denn.Christus hatte doch während seines Erdenwandels sich seiner Gottheit entkleidet. Ein weiterer Borwurf ist der, daß es kein Bauerntheater ei und daß die Darsteller nach Vervollkommnung stteben. Aber von einem Bauerntheater kann keine Rede sein. — Im zweiten Teil seines Vortrags gab der Redner eine Be- chreibung der Reise nach Oberammergau. In formgewandter, von mannigfachen interessanten Erläuterungen begleiteter Rede führte er den Zuhörer von München nach dem reizend gelegenen stillen Dörfchen Oberammergau, immer die wunderbaren landschaftlichen Reize der durchfahrenen herrlichen Gegend eingehend schildernd. Unterstützt wurde er dabei durch eine große Anzahl trefflich gelungener Lichtbilder, dtt dem Beschauer die schönsten und wichtigsten Punkte des Weges vor Augen führten. Es würde zu weit führen, wollten wir hier eine ausführliche Besprechung davon bringen. Dann gab Ewald eine kurze Beschreibung Oberammergaus und seiner Bewohner. Oberammergau ist ein Ort von 15—1600 Einwohnern, von denen fast die Hälfte am Spiele beteiligt ist. Der Redner führte die Bilder der hervorragendsten jetzigen Spieler teils in der Eigenschaft, in der sie auftreten, teils als einfache Handwerker u. s. w. in ihrer schlichten Häuslichkeit vor. Weiter beschrieb er, wiederum an der Hand einiger schöner Lichtbilder, das imposante Spielgebäude und das Spiel selbst. Von der Größe des Musentempels kann man sich eine Bor- stettung machen, wenn man bedenkt, daß der Zuschauer- raum 4500 Personen faßt. Das Spiel zerfällt in drei Abteilungen. Diese sind in 17 Vorstellungen gegliedert, die sich aus Prolog, Chorgesang und der eigentlichen Handlung zusammensetzen. Das erste Bild ist die Vertreibung aus dem Paradies. Die eigentliche Handlung beginnt mit dem Einzug Jesu in Jerusalem, die sofort den ganzen ungeheuren Bühnenraum zur Verwertung bringt Hervor- gehoben zu werden verdient, daß die Darstellung durchaus nicht konfessionell gefärbt ist. — Die Zuhörer folgten den anschaulichen Darlegungen des Vortragenden mit größter Aufmerksamkeit, und der reiche Beifall, den sie ihm am Schluß spendeten, beweist, wie sehr sie davon befriedigt waren. • * Zur Leichenschau in Hessen. In einer vor einigen Tagen in Bingen abgehaltenen Versammlung rheinhessischer Aerzte kam die von dem Großherzoglichen Ministerium in Darmstadt bekundete Absicht der Einführung der obligatorischen Leichenschau in Hessen zur Sprache. Besonders lebhaften Widerspruch erfuhr der von der Regierung verlangte Eid, da die Leichenschau gegenüber den großen und viel wichtigeren Standes- und Gewissenspflichten des Arztes eine unbedeutende Amtshandlung sei, die bisher auch Laien überlassen worden wäre. Eine Notwendigkeit, nunmehr gerade diese Tätigkeit durch einen Eid besonders hervorzuheben, bestehe nicht. Die Versammlung sprach sich einstimmig dahin aus, daß zur Vornahme der Leichenschau alle Aerzte berechtigt und speziell die Armenärzte verpflichtet sein sollen. * * Militärdienstnachricht. Leutnant Fiebelkorn im 5. Gr. Hess. Jnf.-Regt. Nr. 168 wurde zu den Reserve- Offizieren übergeführt. * * Besitzwechsel. Die Seltershöhe wurde für 70.000 Mark von dem seitherigen Besitzer Bahlert an Herrn Ruth aus Fronhausen verkauft, der z. Z. in Wiesbaden wohnt. * * Sänger-Jubiläum. Heute sind es 25 Jahre, seit Schreinermeister Friedrich Rosenbaum dem „Bauer'schen Gesangverein" als aktives Mitglied angehörte. Der Verein ehrte den Jubilar in Anerkennung seiner Verdienste, die er sich als langjähriges Vorstandsmttglied erworben, gestern Abend durch em Stündchen. * * Ruhestörer. Mehrere Personen, die heute Nacht nach 12 Uhr auf dem Seltersweg, in der Frankfurter- uttd in der Liebigstraße durch lautes Singen und Schreien die Bewohner in ihrer Ruhe störten, wurden von einer Schutzmann- Patroille verfolgt und notiert. b. Leihgestern, 23. Okt. Bei der am Samstag stattgehabten Bürgerineist erwnhl wurde Joh. Heß XVI. wiedergewählt und zwar mit 188 von 195 abgegebenen Stimmen. Herr Heß verwaltet nun schon seit 1871 das Bürgermeisteramt zur allgemeinen Zufriedenheit der Gemeinde, wofür ein neuer Beweis die große Majorität ist, mit der auch diesmal seine Wiederwahl erfolgte. •’ b. Mainz, 22. Okt. Der in dem Kohlenlager der Firma Harleff aus der Gustavsburg ausgebrochene Brand nimmt immer größere Dimensionen an. Gestern mußte man aus den umliegenden Fabriken die Feuerwehren requirierten, um wenigstens ein Ucbcrgreifen des Feuers auf die Nachbargebiete zu verhüten. Bingen, 22. Okt. In ziemlich allen Otten des Kreises Bingen ist die Weinlese seit einigen Tagen beendet, so daß ein Rückblick auf den Verlaus angebracht erscheint. In Bezug auf die erzielte Quantität läßt sich sagen, daß das Ergebnis durchschnittlich einem Mittelherbst gleichkommt. Klemberger und Riesling, wo solche gebaut werden, lieferten den meisten Ertrag. Es ist bedauerlich, daß durch das Platzen und in Fäulnis übergehen der Trauben soviel vettoren ging und ein längeres Hängenlassen der Trauben nicht möglich war; die Qualttät des zu erwartenden Weines mußte unter der Ungunst der Witterung naturgemäß leiden. Daher mußte die Lese sehr ftühzeitig vorgenommen werden, ftüher als sie in den letzten Jahren jemals notwendig wurde. Trotzdem siel der neue Wein in der Qualität recht gut aus, so daß die Winzer mit derselben sehr zufrieden sind. he. Frankfurt a. M., 22. Okt. Der Buchhalter einer hiesigen Kohlen-Großhandlung wurde wegen Unterschlagungen verhaftet. Er hat seine Firma um mehrere tausend Mark gebracht. Frankfurt a. M., 22. Okt. Ein eigentümlicher Fall erregt in hiesigen Lehrerkreisen berechtigtes Aufsehen. Der durch seine Thätigkeit auf dem Gebiete der Volksbildung bekannte Professor Mannheimer ist auf Veranlassung seines Schulvorstandes um seine Entlassung eingekommen und hat diese auch erhalten. Abgesehen von seiner sozialen Thätigkeit, soll die Thatsache die Entscheidung beschleunigt haben, daß Prof. M. bei verschiedenen Mitgliedern des preußischen Landtages sich der Sache der an der Frankfurter jüdischen Realschule angestellten Lehrer angenommen habe. Bestätigt sich diese Nachricht, so würde damit ein neuer Beweis für die Abhängigkeit des Lehrerstandes erbracht sein. fc. Kassel, 22. Okt. Ein Rekrni des 14. Husarenregst ments starb an Unterleibstyphus. •* Kleine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbarstaaten. In Bisses starb nach kurzem, aber schwerem Leiden nach eben vollendetem 70. Lebensjahre Pfarrer Adolf Kraus. — Im Winterhafen in Mainz wurde die Leiche des seit dem 13. ds. Mts. vermißten Kaufmanns Hans Ritter aus Worms geländet. Vermischtes. * Zu demUeberfall auf den Gerichtsassessor Dr. BernhardLadenburger, der, wie wir meldeten, inzwischen bereits den Tod des Bedauernswerten zufolge hatte, werden aus Riva noch folgende Einzelheiten gemeldet: Assessor Dr. Ladenburger aus Mannheim der Sohn einer Frau Johanna L. geb. Kauffman, wohnte seit 14. d. M. im „Hotel du Lae". Am 18. d. M. morgens machte er einen Spaziergang von Riva zum Ponalfall. Bei der zweiten Gallerie trat plötzlich ein Mann auf ihn zu, mit dem er sich, da der Fremde offenbar ein Deutscher war, in ein Gespräch einließ. Plötzlich hieb der Fremde auf Dr. L. so heftig mit seinem Stock ein, daß der Stock zerbrach. Dr. Ladenburger, ein Mann von kräftiger Statur, setzte sich energisch zur Wehr, und nun begann ein Ringen auf Leben und Tod. Der Fremde versuchte, sein Opfer über die Brüstung der Gallerie in die See zu werfen, und als dies nicht gelang, zog er einen Revolver und gab auf Dr. L. drei Schüsse ab, von dennen der erste ihm durch den Leib ging. Dr. L. brach zusammen. Jetzt schoß der Attentäter noch zweimal auf den wehrlos Daliegenden; einer dieser Schüsse ging durch das Schulterblatt in die Brust, so daß die Kugel im Brustkorb stecken blieb. Der Attentäter floh beim Herannahen von Leuten auf der zur Zeit stark begangenen und befahrenen Straße unter Zurücklassung seines Hutes und des Stockes. Dottor Ladenburger wurde im Blute liegend auf der Straße gefunden. Trotz der tödtlichen Verletzung war er bei Besinnung und gab an, daß der Attentäter wahrscheinlich ein Deutscher, groß und stark fei und einen braunen Schnurrbart habe. Dr. Ladenburger wurde in das Spital nach Riva gebracht, wo ihn der Tob von seinen Schmerzen erlöste. Wie bereits gemeldet wurde, gelang es, des Thäters, eines Konditors Müller aus Inster' bürg in Ostpr., iu Arco habhaft zu werden.________ Handel und Verkehr. Volkswirtschaft. Märkte. w. Gießen, 23. Okt. Der gestrige Rindviehmarkt hatte einen Austrieb von 12—1300 Stück. Der Handel war bet hohen Preisen überaus flott. Frankfurter, Wiesbadener, Hanauer uno Aschaffenburger Einkäufer trugen sehr dazu bei, das Markt- geschäst zu beleben, sodaß der Vorrat mit geringen Uederstanden gleich nach 11 Uhr geräumt war. In schwerem Milchvieh war wieder, wie stets bei guten Markten die Nachfrage stärker wie das Angebot, sodaß die Preise in dieser Ware außergewöhnlich hoch waren und für einzelne schöne Exemplare über 500 Mk. bezahlt werden mußten. Kühe fttfchmelkend und tragend, hiesige tun*)- raffen beste Qualität wurden mit 380—420 Älk. gehandelt, geringere Ware fand mit 260—300 Mk. willige Abnehmer, wahrend ältere Abmelktiere, so klein auch der Borat war, wohl tfolge in der hohen Futterpreise schwer an den Mann zu bringen waren. Auch der Kälberhandel war dieses mal belebter als an den beiden letzten Märkten, womit ein Steigen der Preise für diese Ware em- irat Frankfurt kaufte einen ganzen Transport schwerer natber zusammen und wirkte damit auf eine günstige d. t). Ijogcce^^ei^’ fteigerung ein. Kälber schwerste Ware wurden mit 60—62 Mk., Mitl-lwar- 66-58, leicht- Ware 50-52 Mk pro C-ntn-r Schlacht- gewicht vertäust. Das aufgetriebene Fettvieh gmg nur zu weichenden Preisen fort, woran zweifellos, das um diese Jahreszeit m den Handel gelangende Oldenburger und HolUemer Weidenvieh die Schuld trägt. Fette Rinder wurden mit 60 Mk., fette Ochsen 1. S mit 68—70 Mk., 2. S. mit 64—66 Mk. pro Centner Schlacht- gewicht bezahlt, wahrend allere Kühe zmn Schlachten nur sehr schwer unterzubringen waren und teilweise unverkauft den Markt verlassen mußten. Hannover, 22. Okt. In der heute stattgehabten General- verscunmlung der Aktien-Gesellschast „Nordwesl - und Mittel-- deutschesPorlland-Cementsyndikal", wurde der aus der Tagesordnung stehende Antrag aus Kündigung des Syndikats- vertrages zum 1. Januar 1902 mit geringer Majorität abgelchnt, dagegen ein weiterer Antrag aus Auflösung des Syndikats zum 31. Dezember 1902 mit überwiegender Majorität angenommen. Köln, 22. Lkt. (Telegramm deo „Gieß. 21nz." Die gestrige Borversammlung her Gewerkschaft Gießener Brauusteiubcrgwerke vorm. Feruie ergab die völlige Rechtfertigung deS seitherigen Borsitzendeu, Rechtsanwalts Grünewald - Gießen, der durch Mehrheitsbeschluß beaustragt wurde» au Stelle der seither fnn- gterendeu Kommission Schmidt, Biukel und Klepzig, die Ber- haudluugeu mit Zeruie bezw. dessen Bevollmächtigtcu, Jn- stizrat Lr. Gutflcisch, und unter Zuziehung des Bucherrevisors Cohen wcitcrzuführen. Die Versammlung erkannte durch einmütige Zustimmung au, daß der Borsitzcude Grünewald in allen Punkten im Interesse der Gewerkschaft gehänselt habe. Der neue Direkor Dr. E s ch soll alsbald die Geschäfte übernehmen. Paris, 22. Okt. An der heutigen Börse war die Stimmung gedrückt wegen der Wahrscheinlichkeit eines allgemeinen Ausstandes der B e r g w c r k a r b e i t e r. Dadurch ivar besonders Rente niedriger, Spanier auf Besserung des Wechselkurses etwas hoher. Brasilianer durch die Steigerung der Kaffepreise, die mit ungünstigen Ernteaussichten motiviert wurde, günitig beeinflußt. Bon Banken die Banque de France neuerdings steigend. Thomson- Houston durch Blairkoabgaben um 35 Frks. niedriger. Rio Tiirlo infolge der Kupferbaisse stärker rückgängig; auch Goldminen schwacher. Sport. (?) HerSfcld, 21. Okt. Vom schönsten Wetter begünstigt, hielt der Hessische Athleten-Verband feinen Delegrertentag hier ab. Vertreten waren sämtliche Vereine des Verbairdes. Nach Verlesung des Protokolls vom letzten Telegiertentag in Gießen wurde zur Tagesordnung übergegcmgcn. Der Kraftsporwerein „Herakles" und der AchletcnLlub „Adler", beide aus Kassel, und der Marburger „Athletenklub" wurden einstimmig ausgenommen. Der Main-Taunus-Gau wurde nicht in den Verband ausgenommen. Nach einer über eine Stmrde dauernden Diskussion wurde beschlossen, in den Deutschen Achletenverband erst einzutreten, sobald dieser eine Unfallkasse errichtet hat. Nachdem noch verschiedene Punkte Erledigung gefunden hatten, schloß der L Vorsitzende Ernst Serdel ben Delegiertentag mit einem dreifachen „Kraft Heil" auf den Hess. Athletenverband. Der nächste Delegiertentag findet im April 1902 m Melsungen statt, verbunden mit Vorstenunerslunde. — Ein Rundgang durch die Stadt, Besichtigung der Uebungs- lokale beider Athletenklubs und ein Tänzchen hielten die Delegierten noch lange in bester Stimmung zusammen. Man erhofft, daß sich die anderen, noch verbandslosen Vereine dem immer mehr empor- wachsenden Hess. Athletenverband anschließen werden. Gerichtssaal. D. Gießen, 22. Okt. (Strafkammer.) Der vielfach vorbestrafte Johann Georg Jöckel von Zeilbach ist des Verbrechens gegen § 176, 3 des St.-G.-B., sowie zweier Diebstahlshandlungen, begangen gegen die Joh. Georg Guth Witwe von Bruchenbrücken und den Beigeordneten Michel von dort am 25., bezw. 5. August 1901, beschuldigt. Der Angekalgte leugnet in gewandter Rede; die Beweisaufncchme erbringt aber den überzeugenden Beweis seiner Schuld. Das Urteil lautet aus eine Gesamtzuchthausstrafe von 1 Jahr 9 Monaten und die Kosten des Verfahrens. Die bürgerlichen Ehrenrechte werden dem Angeklagten ans die Tauer von 5 Jahren aberkannt. — Der mehrfach vorbestrafte Heinrich Philipp Josef Dickhardt von Vilbel ist beschuldigt, in der Nacht vom 1. auf den 2. September 1901 au Vilbel den Maurer Adam Friedrich Dickhardt von da durch Messerstiche lebensgefährlich verletzt zu haben. Der Angeklagte ist nicht geständig. Die Staatsanwaltschaft beantragt gegen ihn eine Gefängnisstrafe von 4 Jahren in Anbetracht der Rohheit der Thal. Das Gericht verurteilt ihn in eine Gefängnisstrafe von 3 Jahren. Dem Verletzten wird eine Geldbuße von 360 Äik. zugefprochen. — Der Heinrich Meininger 8r von Mittel-Gründau ist angeklagt, in der Nacht vom 25. auf den 26. August 1901 zu Mittel-Gründau den Heinrich Kolb aus Lieblos durch vier Messerstiche erheblich körperlich verletzt zu haben. Der Angcklaate leugnet die ihm zur Last gelegte Sttafthat. Nach erfolgter Beweisaumahme beantragt die Staatsanwalrschaft Einstellung des Verfahrens mangels Beweises. Das Urteil lautet auf Freisprechung von Strafe und Kosten. — Gegen den der Körperverletzung angeklagten, aber zurHauptverbandlung nicht erschienenen Wilhelm Schwarz von Ilbenstadt wird die Vorführung zum neuen Dermin — Dienstag den 29. ds. Mts. — beschlossen. — Die von dem Johannes Hofmann 7r in Hoch-Weisel gegen ein Urteil des Schöffengerichts Butzbach vom 6. September 1901 eingelegte Berufung wird zurückgenommen, — In gleicher Weise nimmt der Taglöhner Wilhelm Merle in Angenrod das von ihm gegen ein Urteil des Schöffengerichts Alsfeld verfolgte Rechtsmittel zurück.— (In unserem Bericht über die letzte Strafkammersitzung ist das gegen Bürgermeister Reuß von Torheim ergangene Urteil dahin zu berichtigen, daß er zu 3 Mk., nicht, wie es in jenem Bericht infolge eines Druckfehlers hieß, zu 300 Mk. verurteilt wurde. Der frühere sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Dr. Lütgenan war am 17. Mai von dem Schöffengericht in Dortmund wegen Betruges zu zwei Wochen Gefängnis verurteilt worden. Der Betrug wurde darin gefunden, daß Dr. Lütgenau im Jahre 1896, als ihm im Prozesse Hofsrichter 93 Mark übergeben worden waren, um die Ladung von Zeugen zu bewirken, das Geld behalten und sich den gleichen Betrag aus den beim Essener Meineids- rrozeß gesammelten Geldern hatte erstatten lassen. Gegen das Erkenntnis hatte Dr. Lütgenau Berufung eingelegt, die jetzt vor der Strafkammer in Dortmund verhandelt würbe. Das Mitglied des Parteivorstandes, Gerisch aus Berlin, stellte Dr. Lütgenau das schlechteste Zeugnis aus. Es sei schon vor der Reichstagswahl im Jahre 1898 bekannt gewesen, daß Dr. Lütgenau nicht würdig sei, der Partei anzugehören. Gegen seine wiederholte Aufstellung alsReichs- tagskandidat habe der Vorstand nichts machen können, weil die Aufstellung von hier aus erfolgt sei. Es seien aus der Partei immer mehr unlautere Sachen von ihm zum Ausdruck gekommen, weshalb ihm die Redakteurstelle bei der Zeitung gekündigt worden sei. Der Angeklagte erzielte insofern einen Erfolg, als das Gericht ihn nicht wegen Betrugs, sondern wegen Unterschlagung verurteilte. Bei der Erhebung der 93 Mark habe der Angeklagte nicht die Absicht des Betrugs gehabt, wohl aber habe er später den Besitz des Geldes verschwiegen und es für sich verbraucht. Universitäts-Nachrichten. Der „Reichsanz." publiziert amtlich: Der ordentliche Professor Dr. Alfons Kißner zu Königsberg i. Pr- ist in gleicher Eigenschaft in die philosophische Fakultät der Universität zu Marburg und der ordentliche Professor Dr. Eduard Ko sch witz zu Marburg in gleicher Eigenschaft in die philosophische Fakultät der Universität zu Königsberg i. Pr. versetzt worden. (Es ist in dieser amtlichen Publikation also nichts davon bemerkt, daß die Versetzung des Professors Koschwitz nach Königsberg „aus dessen Antrag" erfolgt sei. Geschieht eine Versetzung auf Antrag!, so wird dies in der Regel auch in der Veröffentlichung durch den „Reichsanzeiger" dabei bemerkt.). Landwirtschaft. Berlin, 19. Olt. Saatenstaud in Preußen Mitte des Monats Oktober. (Es bedeutet: Nummer 2 gut, 3 mittel — Durchschnitt.) Winterweizeu 2,4 (Oktober 1900 2,6), Winterspelz 2,2 (1,3), Winterroggen 2,4 (2,7), junger Klee 2,8 (3,1), Luzerne 2,7 (2,7). In den Bemerkungen der statistischen Korrespondenz heißt es: Das Ausnehinen der Kartoffeln ist in der verflossenen Berichtsperiode überall tüchtig gefördert tvorden. Lieber die Menge und Beschaffenheit der Knollen ließen sich die Berichte meist günstig aus, jedoch wird aus fast allen Gegenden des Staates Befürchtung der Fäule laut, und letztere oft schon als vorhanden bezeichnet. Die bereits in der letzten Berichtsperiode teilweise begonnene Beackerung, sowie die Einsaat der Winterfelder ist mit aller Macht fortgesetzt worden, sie konnte aber in nur wenigen Berichtsbezirken der östlichen Provinzen und dann nur für Roggen beendet werden. Die Bestellungen von Weizenfeldern sind noch nirgends weit gefördert worden, denn infolge des am 5. Oktober eingetretenen völligen Witterungswechsels sind sämtliche Feldarbeiten gehemmt worden. Die Anfang September eingebrachte Saat entwickelte sich schon kräftig, die spätere ist kaum ausgelaufen und steht einstweilen noch dünn. Der Stand des jungen Klees hat sich nach fast überall reichliche erfolgten Niederschlägen meist erheblich gebessert. Dieburg, 18. Okt. In den letzten Tagen fand im Beisein des Landstallmeisters v. Witlich und des Herrn Rittmeister Nägele zu Darmstadt der Abtrieb der im lausenden Sommer aus der hiesigen, dem Landespferdezuchtverein für Hessen gehörigen Fohlenweide unterge- brachten Fohlen statt. Die Besitzer der jungen, meist schönen Tiere waren mit dem Resultate sehr zuftieden. Heidesheim, 19. Okt. Der Wttrterbedarf von 20 bis 25000 Kilogramm Kartoffeln für die hiesige Siechenanstalt soll wieder an einen Produzenten vergeben werden. Angebote sind bis zum 26. Oktober an die Direktion der Anstalt einzureichen. Birkenau, 18. Okt. Dem Oekonomen G. Gilmer hfer sind bis jetzt fünf feiner besten Pferde im Werte von mindestens 4000 Mark verendet, zwei weitere werden ebenfalls in kurzer Zeit der Krankheit erliegen. Die gestern und heute von Veterinärarzt Dr. Nuß von Rimbach unter Zuziehung zweier Tierärzte aus Mannheim bezw. Darmstadt an zwei gefallenen Pferden vollzogene Sektion ergab kein bestimmtes Resultat. Neueste Meldungen. Originaldrahtmeldungen des Gießener Anzeigers. Mainz, 23. Okt. Von der hiesigen Eisenbahnbetriebs- Direktion wird amtlich gemeldet: Gestern Abend gegen IP/2 Uhr sind von dem D-Zuge Nr. 42 Berlin-Basel bei der Einfahrt in den Bahnhof Bischofsheim die Lokomotive mit einer Tenderachse, der Gepäckwagen und der Postwagen mit je drei Achsen, die Schlafwagen und ein Wagen dritter Klasse mit je einer Achse entgleist. Reisende sind nicht verletzt. Ein Postbeamter erlitt leichtere Verletzungen. Die Reisenden des D-Zuges sind nach einstündigem Aufenthalt mit dem Personenzuge Nr. 659 Darmstadt-Mainz weiter befördert worden. Die beiden Hauptgeleise sind für einige Zeit gesperrt. Eine Untersuchung ist eingeleitet. Die Ursache der löttgleisung ist noch nicht feftgefteUt Theater, Kunst und Wissenschaft. Darmstadt, 20. Oktober. Als Festvorstellung zur Ferer der Allerhöchsten Gcburtsfestc des Groß herzogs und der Groß Herzogin wird die Planquettesche Operette „Die Glocken von Corneville" vorbereitet. Tycho Brahe, der große nordische Astronom, ist am 24. Oktober (neuen Stils) 1601 gestorben, und mit Recht hat man in vielen wissenschaftlichen Kreisen von dem Gedenktage Kenntnis genommen. Hat doch sogar der Himmel die Erinnerung an die Ty chemische 9Looa in der Cassiopeia vom Jahre 1572 durch Austeuchtenlassen eines neuen Sternes in deren Nachbarschaft, nämlich im Perseus, wieder ausgefrischt. Geboren wurde Tycho am 14. September 1546, also kurz vor der Kalenderresorm, die sein Leben scheinbar um einige Tage verlängert hat, zu Kaud- strup bei Helsingborg, baä damals zu Dänemark gehörte. Er entstammte einem alten Adelsgeschlechte; trotzdem ist das seinem Familiennamen häufig vorgesetzte „de" ein Fehler. Von unruhigem und hochfahrendem Geiste beseelt, machte er viele Reisen. Der Landgraf Wilhelm von Hessen, ein Freund der Astronomie, erkannte seine hohe Begabung und veranlaßte Friedrich II. von Dänemark, ihn zu unterstützen. Von 1576—1597 beobachtete er auf der ihm von diesem Fürsten angewiesenen, reizend gelegenen Insel Hveen (angeblich insula venusta beeeuteno- im Sund, wo er die berühmte Uraniborg und die Stjerne- borg (Stellaeburgum) erbaute. Seine großen Instrumente bezeichnen wohl das Beste, das ohne Anbringung von Mikroskop und Fernrohr geleistet werden konnte. Streitigkeiten veranlaßten seinen Weggang nach Prag, wo ihn Rudolf II. zum kaiserlichen Mathematiker ernannte. Er hat diese Stelle nicht lange verwaltet, da er schon nach vier Jahren einem traurigen Zufall zum Opfer viel, der ihn in weiteren Kreisen ebenso bekannt gemacht hat wie feine Arbeiten. Auch die silberne Nase, die er infolge eines unglücklichen Duells trug, und deren Spuren neulich bei der Ceffnung seiner Gruft gesunden sein sollen, ist bekannt; seltsamerweise muß noch 300 Jahre nach seinem Tode ein Antiduellkongreß tagen, ohne vielleicht mit dem alten Unfug aufräumen zu können. Seine Standesgenossen, deren Vorurteile chm nicht ftemd gewesen sind, verfeindete er sich gleichwohl (noch vor der Uebersiedelung nach Hveen) durch eine Mißheirat. — Es sind besonders die Marsbeobachtungen von Tycho, die seinem größeren und liebenswürdigeren Schüler Johannes Kepler das Material zur Auffindung seiner Gesetze lieferten. Das sogen. Tychonische Weltsystem bedeutet insofern einen Fortschritt gegen das Ptolemäische, als es die Epicykel abschaffte und auf wenige Kreisbewegungen alle§ zurück führte. Tycho glaubte es gegen das Kopemikanische verteidigen zu sollen, well dieses Fixsternparallaxen verlangte, die ja thatsächlich entdeckt worden sind, aber erst im 19. Jahrhundert. Die beiden Anlagen auf Hveen sind verfallen, und die Mauern zum Teil zur Errichtung anderer Gebäude verwandt. Die Haupt- instrumente standen, wohl zum Schutze gegen Winddruck, in tiefen Ausschachtungen („Mypten"), die mit Mauerringen aus Findlingsblöcken umwallt waren. Ellr Stein über dem Eingänge zur ©temenburg trug die stolze Inschrift: 9Zec fasees nec opes, sola artis sceptra perennant. Frankfurt a. M., 23. Okt. Konsiftorialrat Pfarrer Dr Jung ist gestorben. Frankfurt a. M., 23. Okt. Oberbürgermeister Adickes erhielt folgendes Telegramm: Seine Majestät der Kaiser und König lassen für die Meldung der Eröffnung der Akademie für Handclswissenschaften bestens uanfen mit dem Wunsch, daß die neue Bildungsstätte von reichem Segen begleitet sein möge. Ans Allerhöchsten Befehl der Geh.-Kabinetsrat v. Luvanus. Berlin, 23. Okt. Die „Berl. Pol. Nachr." melden: Dem Vernehmen nach ist das neue Z0lltarif g esetz in den Bundesratsausschüssen schon zur Annahme gelangt — Wie man hört, wird sich in einigen Tagen in der militärischen Vertretung Bayerns im Bundesrat ein Wechsel vollziehen. It Berlin, 23. Okt Der Chef der Reichskanzlei, Geh^ Rat Conrad, erschien gestern m der Wohnung Georg v. Siemens, um im Auftrag des Reichskanzlers sich nach dem Besinden des Kranken zu erkundigen. — Auf Grund genauester Informationen können wir mitteilen, daß Staatssekretär v. Tirpitz die Aeußerung über den Zusammenhang zwischen Flottenvermehrung und Freihandel nicht gethan hat Paris, 23. Okt. Bezüglich der Abstimmung über den Antrag betr. den Achtstundentag und einen Minimallohn füc die Bergarbeiter wird noch berichtet, daß daß die Majorität auch viele gemäßigte Republikaner umfaßte, die sonst gegen das Kabinet Waldeck-Rousseau stimmten; die Minorität setzte sich zusammen aus sämtlichen Sozialisten und großen Teil der Radikalen, die sonst immer für das Kabinet stimmten. St Etieune, 23. Okt. Die Delegierten der Berg» arbeiter beschlossen, an den Ministerpräsidenten ein Schreiben über die Forderungen der Bergarbeiter zu richten, und falls die Antwort Waldeck-Rousseaus nicht befriedigend ausfalle, mittels geheimer Parole den Gesamtausstand zu beschließen. Ein Delegierter erklärte, daß der Gesamtausstand in einem ihnen am geeignetsten erscheinenden Augenblick an- geordnet werden würde. Die Delegierten beschlossen ferner, den Mitgliedern sämtlicher Bergarbeitersyndikate ein besonderes Zeichen zuzusenden. Neapel, 23. Okt. Der hiesige Panama-Skandal erweist sich als noch schlimmer als erwartet wurde. Der Senator Saredo, der Chef der neapolitanischen Untersuchungskommission, veröffentlicht - heute seinen Bericht in zwei Bänden von 1000 Seiten. Er deckt die Korruption der Verwaltung auf, indem die Geschichte einzelner Klientelen und Camorrabünde eingehend untersucht und dargelegt wird. Im letzten Teile spricht Saredo von den Mitteln der Sanierung der Stadtsinanzen; er schlägt die Unifizierung aller städtischen Anleihen, eine staatliche Anleihe zum Ankauf der Wasserleitung, die Vergemeindlichung aller Verkehrsinstllute, sowie von Gas und Elektrizität vor und zuletzt die Schaffung eines großen Freihafenbezirks, um Neapels Handel mit dem Orient zu beleben. Der Bericht stellt fest, daß verschiedene Stadtverordnete und Stadträte sich kaufen ließen und verschiedenen die Stadt benachteiligenden Kontrakten zugestimmt haben. Zeitungsredakteure, die mit Namen genannt werden, erhielten Entschädigungssummen in Hohe bis zu 100 000 Lire in einzelnen Fällen. Technische Beamte unterzeichneten und fälschten mit Wissen des Magistrats die Bücher. New-Zork, 23. Okt. Präsident Roosevelt ist gestern morgen bei seiner Schwester in Farmington eingetroffen. Der Präsident, für dessen Sicherheit auf der Reise die sorgfältigsten Maßregeln getroffen wurden, begiebt sich morgen nach Newhaoen, um das thm von der Universität Pala verliehene Diplom als Doktor der Rechte entgegenzunehmen. — Roosevelt ernannte einen Gelddemokraten zum Einnehmer der Jnlandsteuern in Süd-Karolina an Stelle des nominierten republikanischen Kandidaten. Berlin, 23. Okt. In den letzten acht Tagen find 9 Kondukteure der großen Berliner Straßenbahn des Betruges und der Unterschlagung überführt und zur Verantwortung gezogen worden. Die Leute haben die Straftaten dadurch begangen, daß sie bereits verkaufte Fahrscheine, die von Fahrgästen im Wagen weggeworfen wurden, zum zweiten Male verkauften. St. (Stiemte, 23. Okt. Die hiesige Gruben-Direktton hat beschlossen, die Arbeiten in ihren Gruben vom 31. Oktober ab einzustellen, und sie erst nach Ablauf der jetzigen unruhigen Periode wieder aufzunehmen. Der Eingang zur Stadt wird den ausständigen Arbeiten! während des Streikes nicht erlaubt werden. Den in der Stadt ansässigen Arbeitern werden Pässe ausgehändigt. Der Ausstand wird auch die hiesigen Wafsenfabriken in Mitleidenschaft ziehen. Rom, 23. Oktober. Bei Sassari wurde der Postwagen von 7 maskierten Banditen überfallen. Die das Gefährt, begleitenden zwei Carabinieri wurden verwundet, eine inti Wagen befindliche Frau getödtet. Es gelang dem Postillon aber, die auf 10 000 Lire bewerteten Postsachen in Ächerheit zu bringen. Wien, 23. Okt. In der gestrigen Sitzung der evangel. Generalsynode wurde beschlossen, den auf den 31. Oktober fallenden Reformationstag zum Festtag der evangel. Schule zu erheben. Lemberg, 23. Okt. Der Gutsbesitzerssohn Hidvck rourbe- zu einem Monat schweren Kerker üerurteUt, verschärft durch Fasten, weil er ein 17jähriges jüdisches Mädchen in eini Kloster gebracht, wo sie sich zur Vorbereitung ihrer Tause< befindet. Telephonischer Kursbericht, Frankfurt a. 31., 23. Oktober. S'/gf/o Reicheanleihe . . 100.50 Kreditaktien.....171.10 30/9 do. ... 89.40 Diskonto-Kommandit . . 117.50 3*/,% Konsole .... 100.20 Darmstädter Bank . . . 118.80 3°/o do...... 89.60 Dresdener Bank .... 118.00 S'/gO/o Hessen .... 98.10 Berliner Handelsges. . . 131.00 50/j Italien. Rente . . . 98.80 Oesterr. Staatsbahn . . , 132.90 4 /q Griech. Monopol-Anl. 41.80 Gotthardbahn.....154,50 S°/o Portugiesen .... 25.40 Laurahütte......179.50 3u/o Mexikaner .... 00.00 Bochum.......159.50 dVzVa Chinesen .... 84.40 Harpener......154^0 Tendenz: fest. & Seidenstoffe teÄ; von Elten & Keussen, ELng KrefeltL Giessen, den 23. Oktober 1901. 7044 sagen wir hiermit unseren tiefgefühltesten Dank. Die tieftrauernden Hinterbliebenen. Für die vielen Beweise aufrichtiger Teilnahme bei dem Heimgang unseres teuren, unvergesslichen Gatten, Vaters, Schwiegervaters, Bruders, Schwagers und Onkels Herrn 0tnrIsSia?B MssF Schuhmachermeister Bekanntmachung. Die Westanlage vor der Stadtmädchcnschule wird neu emgedeckt und eingewalzt und deshalb am 24. und 25. d. M. für den Fuhrwerksverkehr gesperrt. Gießen, den 23. Oktober 1901. Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Hechler. Gesellschaft für Erd- u. Völkerkunde Gießen Erster Mortraga Donnerstag den 24. Oktober, abends 8* 1 2/» Uhr, in der großen Aula der Universität. Km PrimtSozent Dr.K. Sapper (Letzzig) über: 7042 Die Vulkane Genttalamerikas. Karte« für Nichtmitglieder sind zu Mk. 1.50, solche für Studierende und Schüler zu NU. 0,50 in der Krebs'schen und Ricker'schen Buchhandlung zu erhalten. 3u verkanten Bekanntmachung. Donnerstag den 24. d. Mts., nachmittags 3 Uhr, solle:: dahier Neuemveg 28 Haus- und Küchengeräte aller Art, sowie 200 Stück Gylinder und 100 Stück Glühkörper u. v. a. zwangsweise gegen bar versteigert werden. 04295 Gießen, den 23. Okt. 1901. Seipel, Gerichtsvollzieher. uj.mpfrhluiiijiii Stadt. Schlachthaus. Freibank. Henle uuv morgen: Zchvmrflkistz 50 Pfg. Pomm. Gänsebrust, >Gotb. Cervelatwurst, ger. Lachs, Bücklinge, Franks. Würstel, neuer Eaviar, Hummer, Oelsardinen, Spick-Aal, marinierte Fische aller Art, vorzügl. Sardellen, diverse Sorten feiner Käse empfiehlt C. G. Kleinheuu, Delikat.--, Fisch- u. Geflügel°Hdlg. Bahnhofftr. 59. Telephon 66. Schellfische Kabeljau in la. feinster, blutfrischer Ware soeben eingetroffen bei 296 A'&G.WaSlenfeBs. 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