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Fernsprechanschluß Nr. 51. ö "TSjT O Annahme von Anzeige« GictzenerAnzelger General-Anzeiger w mEö Amts- Md Anzeigeblatt für den Kreis Gießen ________________ tr -*y 1 Ur zeigenteil: Hans Beck. Valilische Tagesschau. Muisterialpräsident Frhr. v. Crailsheim über den Eisenbahn- Direktions-Präsidenten Thomö. Wir haben jüngst die unfreundliche Auslassung des Eisenbahn-Direktions-Präsidenten Thoms in Frankfurt a. M. gegenüber Bayern in Sachen der Eisenbahngemeinschaft mit- geteikt und dabei die Ansicht ausgesprochen, daß diese in Bayern böses Blut machen muffe. Ministerialpräsident Frei- herr v. Erailsheim, der von dem Präsidenten angegriffen wurde, äußerte sich in der Kammer der Abgeordneten darüber wie folgt: „Der 2lbg._ Dr. Pichler hat von einer Aeußerung gesprochen, welche em preußischer Eisenbahnbeamter aus einem Festmahle ge- chan hat. Man darf der Aeußerung keine allzu große Bedeutung beilegen. Da aber die Aeußerung die Rücksicht immerhin außer Acht läßt, welche Bauern beanspruchen darf, so habe ich Veranlagung genommen, die zuständige Stelle in Berlin auf diese Aeußerung aufmerksam zu macheu. Das zuständige Ministerium hat seine Aufmerksamkeit auf diesen Vorgang bereits gelenkt, und ich habe Grund zur Annahme, daß die Beurteilung des Falles in Berlin mit der in München sich deckt." Der Bremer Kriegerverein und General v. Spitz. Die Angelegenheit der Resolution der Bremer Kriegervereinsvorstände gegen General v. Spitz, den Vorsitzenden des deutschen Kriegerbundes, ist nunmehr nach einer Mitteilung des Vorstandes des deutschen Kriegerbundes in einer für beide Telle befriedigenden Art erledigt. Die Bremer Vereine haben nachgegeben. Die Mehrzahl der beteiligten Vereinsvorstände hat eine vom Vorstande des deutschen Kriegerbundes geforderte Erklärung, mit einigen von ihnen gewünschten Aenderungen und einem längeren Zusatze, in dem sie die Motive ihres Vorgehens auseinandersetzen, angenommen. In dieser Erklärung nehmen die betreffenden Vereine alle ihre Ausstellungen und Bemerkungen über die Rede von Exz. v. Spitz zurück. Die beteiligten Vorstandsmitglieder von drei weiteren Vereinen, welche sich nicht dazu verstehen wollten, die Erklärung zu unterzeichnen, haben, der Forderung des Vorstandes des Deutschen Kriegerbundes gemäß, ihre Vorstandsämter niedergelegt. Zwei Vereine endlich, welche die Resolution gleichfalls mit beschloßen hatten, kamen für den Vorstand des deutschen Kriegerbundes deshalb nicht in Betracht, weil sie dem Bremer Landes-Kriegerverbande und damit dem deutschen Kriegerbunde nicht angehören. Man kann darüber befriedigt sein, daß die Einigkeit innerhalb der deutschen Kriegervereine wicderhergestellt ist, und kann doch bedauern, daß die Organisation der Krieger- v er eine hier die Bremer gezwungen hat, wo sie durchaus im Rechte waren, schlankweg nachzugeben. Es wird das in ähnlichen Fallen immer wieder geschehen, da die Kriegervereine sich ihren Vorstand nicht wie alle anderen Vereine selbst wählen, sondern der Vorstand sich selbst durch Zuwahl ergänzt und der Vorsitzende vom Kaiser ernannt wird. Das formelle Nachgeben der Bremer ändert an der Thatsache nichts, daß die Kritik, die sie an der Aufbauschung des Bremer „Attentats" durch General von Spitz übten, durchaus zutreffend war. Zweite hessische Ständekammer. 31. Landtag. 70. Sitzung. Dienstag den 19. Nov. 1901. Beginn der Sitzung 10 Uhr 20 Min. Am Regierungstisch Staatsminister Rothe, Präsident des Finanzministeriums Gnauth, Geh. Rat Emmerling, Geh. Staatsrat Krug zu Nidda, Ministerialräte Dr. Breidert, Braun, Eisenhuth, Oberregiernngsräte Weber und Best. Präsident Haas begrüßt die Abgeordneten und hofft, daß die neue Ausstattung des Hauses, die man der Regierung zu verdanken habe, auch den Beifall der Abgeordneten finde. Auch giebt er dem Wunsche Ausdruck, daß in dem neu ausgestatteten Hause stets ein guter parlamentarischer Geist herrsche, und daß man bestrebt sei, nur das Beste des Landes zu fördern. Der Präsident gedenkt sodann des verstorbenen Abg. Schubart, als eines liebenswürdigen und durchaus pflichtgetreuen und eifrigen Mitgliedes, zu dessen ehrendem Andenken sich die Anwesenden von ihren Sitzen erhoben. Hierauf wird der an Stelle des Ma. Schubart gewählte Wg. Breimer (Beerfelden) vereidigt. Man tritt sodann in die Tagesordnung ein. Der erste auf der Tagesordnung stehende Antrag der Mgg. Leun und Wolf die Portofreiheit für Postpakete an M i - lit ärpersonen betr. wird auf Wunsch des Aba. Leun demnächst im Plenum zur Verhandlung kommen. Zu dem Anträge des Mg. Ulrich, die Regierung zu ersuchen, behufs Milderung der überall sich fühlbar machenden Ar- b eitslosigkeit alte irgend wie in Frage kommenden Staatsarbeiten in beschleunigter Weise in Angriff nehmen zu lassen, und eventuell den Ständen Vorlage über Notstandsarbeiten zugehen zu lassen, bemerkt Staatsminister Rothe: Was bis jetzt in dieser Beziehung geschehen sei, könnte jetzt besprochen werden. Er würde es aber für geeigneter erachten, wenn zuvor der Referent die Kammer von den Schritten der Regierung' unterrichten würde. Ministerialrat B r a u n: Schon seit mehreren Jahren seien die Kreisämter angewies t ia zum > Dezember jeden Jahres über die Lage der Industrie, des Handels und der Landwirtschaft Bericht zu erstatten. Im Laufe dieses Jahres habe schon zu Ende des Sommers kein Zweifel mehr bestehen können, daß man einer Krise entgegen gehe; namentlich hätten die Zahlen, die sich bei den Arbeitsnachweisstellen ergaben, eine deutliche Sprache geredet. Man hat aber nie den Stand der Dinge in den Städten erfahren. Anfangs Oktober sei der Regierung bekannt geworden, daß in Mainz, Offenbach- 'Darmstadt und Worms eine wesentliche Steigerung der Arbeitsangebote eingetreten sei. Während im vorigen Jahre auf drei offene Stellen vier Bewerber sich gemeldet hätten, hatten in diesem Jahre vier offene Stellen sieben Bewerber gefunden. Habe man auch gewußt, daß diese Steigerung zu einem erheblichen Teil aus den Auriick- kehrenden Arbeitern der Jndustriebezirke sich bilde, so habe es doch geboten geschienen, sestzustellen, welches der Standpunkt im ganzen Lande sei. Das Ministerium | habe daher vor Einbringung des Antrags Ulrich den Kreisämtern empfohlen, schon bis zum 15. November ihre Berichte einzusenden. Es sei angeordnet worden, genau Erhebungen darüber anzustellen, ob Arbeiterentlassungen vorgekommen sind, ob ausreichende Arbeitsgelegenheit gegeben sei, und ob Notstandsarbeiten vorgesehen seien. Gleichzeitig habe man die Gewerbeinspektionen aufgefordert, ihre Beobachtungen den Kreisämtern zur Verfiigung zu stellen. Teilweise seien auch die Bürgermeistereien, die Ortskrankenkassen, die Arbeitsnachweisstellen und die Na- turalverpfle^ungsstationcn herangezogen worden. Es könne daher unbedenklich angenommen werden, wenn er nunmehr einen kurzen Ueberblick über die Lage gebe, daß das Material zuverlässig und vollständig sei. Was zunächst die Provinz Starkenburg angehe, so seien in den Kreisen Dieburg, Bensheim und Heppenheim keine Arbeiterentlassungen vorgekommen. 9hir vereinzelt habe es Arbeitseinstellung gegeben. Die Arbeiter könnten in der Land- und Forstwirtschaft Beschäftigung finden. Notstandsarbeiten seien nicht nötig. Es halte sich auch der Lohn auf der Höhe, was daraus hervorgehe, daß wegen zu hoher Löhne Wegebauten unterbleiben mußten. Im Kreise Erbach seien im Ganzen in drei Betrieben 90 bis 100 Arbeiter entlassen worden. Hier könnten auch die Arbeiter in der Land- und Forstwirtschaft Arbeit finden; es sollten sogar noch, Leute aus anderen Kreisen beschäftigt werden. Ungünstig lägen die Verhältnisse in Offenbach namentlich bei den Schuhfabriken und Eisenfabriken. Wegen Konkurs von Schuhwarenfabriken sei es zu vielen Arbeiterentlassungen gekommen. Ein weiterer Rückgang sei jedoch nickt zu erwarten. In den Metallwarenfabriken seien Arbeiterentlassungen nicht vorgekommen. Von den Landgemeinden des Kreises Offenbach sei es nur in Hainstadt zu Arbeiterentlassung (etwa 120) gekommen. Die Entlassenen könnten aber wieder Beschäftigung finden. In den Zigarren-, fabriken höre man keine Klagen; Maurer fänden in Frankftirt reichlich Arbeit. Zur Zeit würden 70 Arbeitslose von der Stadt beschäftigt. Besondere diotstandsarbeiten seien nicht vorgesehen. Doch werde durch Umbau von Straßen mit für Arbeit gesorgt. Ohne Weiteres erkennbar sei, daß die Zahl der wandernden Arbeiter zugenommen habe; im Oktober 1899 feien es noch 790 gewesen, jetzt schon 1632. Im Kreis Darmstadt sei die Krisis auf dem Lande kaum bemerkbar; es herrsche Nachfrage nach land- und forstwirtschaftlichen Arbeitern, ebenso in der Holzbranche. Wie in allen Städten, so sei auch in 'Darinstadt das Ergebnis der Nachforschungen ungünstig. Nach dem Berichte sei in allen Zweigen ein Rückgang der Geschäfte bemerkbar; insbesondere bei den Maschinen- und Werkzeugfabriken. Kürzung der Arbeitszeit und des Lohnes, habe man eintreten lassen. Arbeiterentlassungen seien aber nur 20 zu verzeichnen. Ein charakteristisches Bild liefere auch die Arbeitsnachweisstelle, wo sich 7062 gegen 4078 Stellensucher im Vorjahre gemeldet hätten. Parallel laufe auch die Schilderung der Verpftegungsstation und die Angaben der Polizei über Obdachlose, die 1267 gegen 615 im Vorjahre betragen hätten. Gleichwohl wurde auch in Darmstadt angenommen, daß momentan kein Anlaß zu Befürchtungen bestehe. Eine günstige Einwirkung übe hier auch die Bauthätigkeit aus. Bezüglich Obor- h essens und Rheinhessens könne er sich kurz fassen: Das Museum des Nberhesfisihe« Geschichtsvercius. Ein Rundgang durch die neu hergerichteten Räume im alten Rathause zu Gießen. HL Verlassen wir die Kapelle, so betreten wir Abteilung II, der vorrömischen und römischen Zeit angehörend. Wenn auch diese Mteilung an äußerem Glanze hinter der Sammlung im alten Rathaussaale zurücksteht, so ist der innere Werl derselben ein um so größerer, führt sie uns doch in das Kulturleben unserer ältesten Besiedelungen ein. So viel als angängig sind alle Funde in sich vereinigt, diejenigen bei denen der Fundort unbekannt oder nicht sicher ist, wurden der Art und Gattung nach geordnet. Beginnen wir mit den ältesten Funden, welche an der Straßenseite vom Eingänge aus links ausgestellt sind. Aufschrift: „Pfahlbauten aus dem Bodensee". Die Funde, welche überwiegend aus der neolithischen, jüngeren Steinzeit, stammen, mögen ein Alter !von 4000 bis 6000 Jahre haben. 'Diese menschlichen Ansiedelungen, die in Seen oder Sümpfe, seltener in Flüsse Hineingebaut waren, ruhten in der Regel auf Pfählen. -Einfache Töpferware, darunter Tongeschirre, Kochtöpfe, Teller, sind im oberen Aufsätze des Schrankes zugleich mit Geweihstücken und Hornteilen untergebracht. Stein- meißel, Hacken und anbere Werkzeuge noch in Hirschhorn steckend, Hämmer, Axthämmer, Schaber, Messer, sowie eine große Anzahl von sauber gearbeiteten Pfeilspitzen -verschiedener Form sind ausgelegt und zeigen die Ge- chicklichkeit, mit dem einfachsten Material sich die viel- - achsten Geräte für den Bedarf des täglichen Lebens zu schaffen. Die Spinnwirbel, Weberwerkzeuge, Stricke und ^Schnüre, Gewebereste, Amulette und Schmuck, Netzbeschwerer und Netzschwimmer gewähren uns einen Einblick in die Beschäftigung und das Kulturleben btejer Pfahlbauern. ... Rückwärts dieser Pfahlbaufunde mit der Aufschrift -,Steinzeit" befindet sich die Sammlung aus der Steinzeit des L a n d e s. (4000 bis 2000 v. Ehr Mit besonderem Vergnügen ersehen wir aus den Beze-rgimgen, daß 'ein großer Teil der seltenen Funde aus Oberhessen stammt. Die Steinzeit umfaßt außerordentlich lange Zeiträume. Man unterscheidet eine ältere (paläolithische Periode), in der Waffen und Geräte in einfachster Weise durch Ao- splittern von geeigneten Steinstückeii hergestellt wurden und eine jüngere Steinzeit (neolithische Periode), in der die Gegenstände durch Polieren und Durchbohren eine gefällige Gestaltung erhielten. Der letzteren Periode gehören mit verschwindender Ausnahme unsere Funde an. Besondere Erwähnung verdienen die mit einem Werkzeuge angeschnittenen Hirschgeweihenben, die in Rockenberg i. d. W. gefunden wurden, und die große Anzahl Steinteile, Meißeln, Schleifsteine ans Oberhessen. Die anscheinend als Amulette oder Schmuck verarbeiteten, durchlochten Zähne des Höhlenbären, die beiden Zähne des Rhinoeeros (Fundort Nidda), sowie die Zapfen des Auerochsen, bieten uns einen gewissen Anhalt für die damalige Fauna. Der daneben stehende kleine Schaukasten mit entsprechender Aufschrift, zeigt uns hochinteressante Funde aus der Steedener Dolomithöhle. (Steeden, Dorf an der Lahn im Regierungsbezirk Wiesbaden). Knochen vorweltlicher Tiere, wie Hyäne, Lux, Bär, Löwe, sowie Teil eines menschlichen Unterkiefers, und eine sauber gearbeitete Lanzenspitze von Stein, sind hier ansgelegt. Aus der gleichen Periode mögen wohl die B i r k la r e r Knochen- f u n d e in nebenstehendem Kasten stammen. (Birklar, Ort im Kreis Gießen). Wenden wir uns nun nach der Straßenseite zurück, so erblicken wir einen Behälter mit der Aufschrift: Fund e von Oftheim i. d. W. Zum größten Teil sind die Funde vom Lberhessischen Geschichtsverein im Jahre 1900 unter Leitung des Privatdozenten Dr. Kornemann ausgegraben worden, sie gehören überwiegend der Bronzezeit (2000 bis 1000 v. Ehr.) an, einer Zeit, in der die Bronze (Legierung von Kupfer und Zinn) zur Bearbeitung von Waffen und anderen Gegenständen noch vorherrschend war, während das Eisen noch unbekannt, oder seine Herstellung noch nicht erfunden war. Die unter dem Glaskasten stehenden großen Urnen, zum Teil mit einfacher Verzierung aus der Oberfläche aus- gestattet, dienten zur Aufnahme der im Schaukasten ausgelegten menschlichen und tierischen verbrannten Knochen, teile, der Gesäße und Metallgegenftände, letztere vom Feuer vielfach verletzt. Fein gearbeitete Nadeln und Zier- fcheiben von Bronze sind beachtenswert. Von demselben Begräbnisplatz stammen der in dem Behälter näher bezeichnete Warzentopf und die Feuersteingeräte, darunnter eine Steinsäge. (Neolithische Zeit.) Es folgen jetzt die Funde des Hallstädter Typus (1000 bis 400 v. Ehr.) , in dem neben getriebenen Bronzegeräten auch immer häufiger Eisengeräte und Waffen Vorkommen. Der bedeutendste Fundort, von dem der Name herrührt, ist Hallstadt im Salzkammergut. Der Glaskasten mit AufschriftLindener Mark birgt eine Fülle von schönen Bronzesachen. Kopf- und gewundene Halsringe mit wechselnden Windungen sog. Wen- delring (Torques), Spiralarmbänder, Zierscheiben, Kopf- und Radnadeln, sowie Wulstenringe, zeigen eine hohe Kunstfertigkeit des Bronzegusses. Ter daneben sich befinbenbe Behälter mit gleicher Aufschrift, enthält die mannigfachsten Thongefäße, wie Urnen, Schalen, -schüsseln, außen glatt oder mit einfachen Verzierungen versehen. Einzelne Gegenstände zeigen bereits den Uebergang zur La Teue-Zeit (400 v. Ehr. bis 100 v. Ehr.) an, die nach dem hervorragendsten Fundort, dem Pfahlbau von La Tene bei Marin am Neuf- chateller See benannt ist. Die auf dem Tisch mit Glasbedeckung und der Aufschrift „Trieb bei Gießen" versehenen Funde gehören überwiegend der Hallstadtzeit an. Der gesamte in der Mitte aufgebaute Fund wurde 1899 auf dem Exerzierplatz bei Gießen (Trieb) unter Leitung des damaligen Hauptmanns von Schlemmer ausgegraben. Von großer Bedeutung ist der schöne Bronzegürtel und der Schmuck aus Bronzescheiben, Perlen, von Bernstein und Bronze bestehend. Sehr schöne Kopf- und Radnadeln, Arm-, Bein- und Kopfringe, die letzteren zum Teil mit Gußzapfen, Spiralarmbänder und Rippenringe vervollständigen den eigenartigen Fund. Um diesen Hanptfunb liegen Bronzen mannigfacher Form, die verschiedenen Zeitperioden angehören. Schilfblattähnliche Dolchklingen'zeigen in ihrer Bearbeitung eine feine Technik. Es werde in Gießen ncunentlich in den Zigarrensabriken, Textil- und Metallwarenfabriken geklagt. Doch hätten Arbeiterentlassungen nicht stattgefnndcn, wie dies für die Stadt Gießen bestätigt werde. Eine große Fabrik in Gießen, die Eisenbahn werk st ätte daselbst und zwei Hirzenhainer Eisenwerke hätten sogar Bedarf an Leuten. Aus den Landkreisen werde versichert, daß volle ausreichende Gelegenheit zur Arbeit geboten sei. Allseitig werde auch eine Zunahme der Naturalverpfleguug konstatiert. Von Neu-Ulrichstein werde die große Zahl der Pfleglinge vermerkt. — Nachdem sich der Redner noch über die rhein- hessischen Verhältnisse ausgesprochen hatte, kam er zu folgenden Schlüssen: Der Rückgang der Konjunktur in der Industrie habe auch das Großherzogtum nicht unberührt gelassen; er werde aber weniger scharf empfunden. Ein allgemeiner Notstand bestehe nicht, und er würde nicht richtig sein, die Verhältnisse sonstwo auf unsere Verhältnisse anwenden zu wollen. Es fei nicht unmöglich, daß sich die Arbeitsgelegenheit vermindere. Da aber der Staat und die Städte in der Prüfung dieser Frage euigc- treten seien, so hätten sie sich auch ihrer sozialen Pflicht bewußt gezeigt. Es werde gelingen, den Schwierigkeiten der Lage ausreichend zu begegnen. Hiernach könne ja die Regierung den Antrag Ulrich- zur Kenntnis nehmen. Einebesondere Vorlage wegen N o t st a n d e s dürfte nicht geboten sein. Abg. Ulrich: Die Regierung habe in anerkennenswerter Weise sich darüber zu unterrichten gesucht, wie sie der allgemeinen Krisio zu begegnen habe. Tie mitgeteilten Ziffern sprächen aber eine so deutliche Sprache, daß man die Hoffnung der Regierung nicht als richtig bezeichnen könne. Die Berichte aus den Großstädten lauteten viel trauriger, und er fürchte, daß sich die Bewegung auch auf das Land fortpflanze. Die Regierung dürfe deshalb in ihrer Aufmerksamkeit nicht erlahmen. Die Zahl der von der Stadt beschäftigten Arbeitslosen sei nicht maßgebend für den Stand der Krisis selbst. Die Arbeitslosen suchten zunächst sonstwo, nicht bei der Stadt unterzukommen, da sie den 9öotstandsarbeiten nicht alle gewachsen wären. Die Arbeitslosigkeit sei also eine viel größere als die Ziffern der Regierung angäben. Sie werde sich auch noch) ausdehnen. Die allertraurigfte Sprache redeten die Zahlen über die wandernden Arbeiter; chre Verdoppelung beweise, daß wir eine allgemeine Depression zu befürchten hätten. Es falle ihm nun nicht ein, gegen die Italiener zu sprechen) man sollte sie aber nicht als Lohndrücker benutzen. Diesen Versuch müsse die Regierung zurückweisxn. (Abg- Wolf: Ist das die internationale Sozialdemokratie?!) Präsident Haas erinnert den Redner daran, daß sich die Debatte blos darauf beziehe, ob sein Antrag an den Ausschuß verwiesen werden solle oder nicht. Abg. Ulrich beantragt, seinen Antrag an den Ausschuß zu verweisen, was geschieht. Abg. Diehl bittet, seinen Antrag auf Unterstützung von Gemeinden bei Anlagen von Wasserleitungen an den Ausschuß zu verweisen, und legt zugleich der Regierung ans Herz, die gute Gelegenheit im Winter zu benutzen, um durch Vorträge und sonstige Veranstaltungen in den Landgemeinden die Sache der Wasserleitungen zu fördern. Der Antrag wird sodann an den Ausschuß verwiesen. Das gleiche geschieht mit dem Antrag Backes, die Ausbildung und Anstellung der israelitischen Reli- oionslehrer in Hessen betr., Anträge Köhler-Langsdorf die Schächtfrage und die Umgestaltung der ländlichen Fortbildungsschulen zu Ackerbau-Vorschulen betr. Vorstellung der Petitions-Kommission der landwirtschaftlichen Bezirksvereinsversammlung zu Langwaden, Hagelversicherung betr. Vorstellung des Ortsvvrstandes zu Armsheim, Errichtung einer Irrenanstalt in Rheinhessen betr. Vorstellung des Verbandes deutscher Musikwerk- und Automatenhändler und Fabrikanten in Leipzig, Revision des Gesetzes vom 12. August 1889 über den Urkundenstempel betr. und Vorstellung der Kanzleigebilfen bei den Landgerichten, ihre Besoldungs- und Anstellungsverhältnisse betr. Zu der Vorstellung der Feld schützen des Kreises Gießen, Anstellung und Gehaltsregulierung betr., bemerkt Abg. Köhler-Langsdorf, er habe gehört, es sei auch eine Petition der Polizeidiener des Kreises Gießen eingelausen. Es sei ihm auch mitgeteilt worden, daß man ein Gemeindebeamtengesetz erlassen wolle. Er frage nach dem Verbleib der Petition an. Ministerialrat Dr. Breidert beantwortet die Frage dahin, daß die Petition an den Vierten Ausschuß verwiesen sei. Tie nun folgende Beratung der Regierungsvorlage betr. Nachweisungen über die Einnahmen und Ausgaben an Domanial- und Staatsvermögen und über die Verwendung der bewilligten Staatsgelder für die Finanzperiode 1894/97 giebt dem Abg. Molthan Anlaß zu folgender Bemerkung: Die Oberrechnungskammer habe mit Recht beanstandet, daß die Regierung dem Badekommissär in Nauheim 500 Mk. Vergütung für besondere dienstliche Thätigkeit bei Leitung des Betriebes der Badeanstalt Bad Nauheim bewilligt habe. Die Regierung habe sich liämlich mit dem Beschlüsse der Kammer bezüglich des Badekommissärs nicht zufrieden gegeben und die von der Kammer gestrichenen 500 Mk. Remuneration doch ausgegeben. Der Ausschuß habe dies bereits gerügt, besonders mit Hinweis darauf, daß die Einnahmen der Badeanstalt Nauheim nicht in die Staatskasse, sondern in den Kurfonds fließen. Er betrachte es als eine Jllusorischmachung des Budgetrechts der Kammer, wenn die Regierung sich nicht an das Budget halte. Präsident des Finanzministeriums G n a u t h (aus der Journalistentribüne schwer verständlich): Man müsse sich in die Zeit der dreijährigen Budgetperiode zurückversetzt denken. Im Jahre 1894 sei das Budget aufgestellt worden, und die Regierung habe den Wunsch gehabt, daß die Remuneration verwilligt werde. Die Regierung habe sich aber 1895 und 1896 mit der Streichung beruhigt. Inzwischen sei aber in Nauheim eine wesentliche Aenderung eingetreten, das habe auch die Ständekammer anerkannt. Es habe nun der Regierung nur billig erschienen, für das Jahr 1897 die Remuneration zu gewähren. Ein Fonds zur Remuneration stehe der Regierung nicht zur Verfügung, wohl aber ein allgemeiner Fonds. Hätten nicht besondere Verhältnisse vorgelegen, so hätte auch nicht die Regierung die Ueber- schreitung des Budgets vorgenommen. Solange er hier fitze, würde so etwas nicht vorkommen. Der zumeist unverstäudliche Abg. Jöckel spricht sich) energisch .gegen eine Beschränkung des Budgetrechts der Kammer aus. Abg. Ulrich erklärt, daß er über die Art, in welcher sich -der verstorbene Finanzminister über den Beschluß der Kammern hinweggefetzt habe, aufgebracht sei. Es sei direkt durch die beiden Kammern die Remuneration gestrichen worden, und man habe daun gus dem Wege durch Ueber- nahme des Betrags auf ein anderes Kapitel, das nichts mit Nauheim zu thun habe, die Summe beschafft. Er teile die Auffassung, daß man eine solche Umgehung des Budgetrechts nicht hinnehmen könne. Er sei aber beruhigt durch die Mitteilung des Finanzministers, daß unter ihm so etwas nicht Vorkommen würde. Damit ist die Debatte über diesen Punkt beendigt und die Einnahmen und Ausgaben aus der Finanzperiodc 1894/97 werden als richtig und gerechtfertigt anerkannt. Zu dem Antrag U l r i ch, eine Sammelausgabe ämtlicher geltenden Verfassungs- und Verwaltung sge setze betr. führt Abg. Köhler-Langsdorf aus: Es sei Zeit, mit den Regierungsblättern aufzuräumen. Man wisse ja eigentlich nicht mehr, was wirklich Recht in Hessen sei. Er denke sich, daß man eine Kommission niedersetze, die herausklügele, was nun Gesetz sei, und sie solle vor den Kammern agen und beschwören, daß das, was sie zusammengestellt habe, Gesetz sei. Staatsminister Rothe: Gegen den Antrag Ulrich habe er nichts einzuwendcn, doch es handle sich um eine umfangreiche, kostspielige Arbeit. Es werde augenblicklich eine Kodifikation des gesamten Bcamlenrechts vorbereitet, er hoffe, noch in diesem Landtag eine diesbezügliche Vorlage bringen zu können. Abg. Ulrich weift darauf hin, daß einzelne Gesetze überhaupt nicht mehr zu haben sind. Viele Gesetze seien auch erheblich abgeänderl. Abg. Jöckel betont, daß eine ^ammelausgabe um deswillen keinen Wert habe, weil sie nach einigen Jahren wieder revidiert werden müsse und dann die alte Ausgabe wertlos sei. Der Antrag Ulrich wird angenommen. Des weiteren hat Abg. Köhler-Langsdorf beantragt, die Ziffer 50 (Luxuswagen betr.) des Tarifs zum Gesetz über den U r k u n d e n ft c m p e l sofort außer Wirkung zu setzen. Er bemerkt dazu: Es sei schwierig zu beweisen, was ein Luxuswagen sei. Den Bürgermeistern sei Gelegenheit gegeben, zu chikanieren. Man dürfe nicht von Luxuswagen reden, wenn eilt Bauer auf die Kirchweih oder ein Missionsfeft ahre. Abg. Weidner spricht sich gegen den Antrag Köhler aus. Es sei dafür gesorgt, daß nicht jeder Wagen versteuert werde und daß die Bauern auch einmal auf eine Kirchweihe fahren könnten, ohne gleich 20 Mk. Stempel für den Wagen bezahlen zu müssen. Der Antrag bedeute einen folgen- chwcren Durchbruch) des Stempelgesetzes. Die Abg. Wolf und Bähr erklären sich gleichfalls gegen den Antrag Köhler. Abg. Köhler: Es sei verwunderlich, daß gerade die Abgeordneten vom Lande gegen seinen Antrag seien. Es müßte wohl in Herchenhain viele Luxuswagen geben, bei ihnen in oer Wetterau gäbe es die nicht, da fahre man mit Mistwagen auf die Kirchweih. (Heiterkeit.) Der Antrag Köhler wird abgelehnt. Der Antrag Ulrich, die obligatorische staatliche Mobiliarversicherung betr., wird von der Tagesordnung abgesetzt. Der Antrag des Abg. Diehl, den Jahresbeitrag der Stadt Alzey zu den Kosten der. Realschule und des ttrogmynasiums daselbst, wird abgelehnt. Zu der Vor- tellung des Lehrers Baumann i. P. zu Lampertheim, eine dienstliche Maßregelung betr., legt Berichterstatter Backes den Standpunkt des Ausschusses dar. Abg. Seelinger tritt für Baumann em. Ministerialrat Eisenhut h setzt die Gründe auseinander, die zur Maßregelung des Baumann führten. Tie Abgg. Dr. Schmitt, Jöckel und Molthan betonen, daß das Unrecht darin liege, daß man die beiden anderen Lehrer, die gleiche Schuld wie Baumann trügen, nicht bestraft, sondern Baumann allein gemaßregelt habe. Abg. Schmidt verlangt, daß man einem Gesuche des Baumann um Wiederanstellung von Seiten der Legierung Folge geben solle. Die Debatte über den Fall Baumann wird abgebrochen. Schluß der Sitzung 1 Uhr 20 Min. Die Gießener Stadtverordnetenwahlen und die Natioualsozialen. Es dürste für manchen unserer Leser interessant sein, zu erfahren, wie sich die Gießener Nationalsozialen zu den hiesigen Stadtverordnetenwahlen geäußert haben. Wir finden in der „Hess. Landesztg." folgende Ausführungen: Donnerstag den 14. d. M. haben in Gießen die Wahlen zur Stadtverordneten - Versammlung stattgefunden und mit einem eklatanten Sieg der bürgerlichen Kandidaten geendigt. Es erhielten Prof. Dr. Gaffky 1793 Stimmen, Realgymnasiallehrer Jann 1616, Stadtverordneter Flett 1532, Stadtv. Orbig 1532, Stadtv. Schmal 1436, Stadtv. Brück 1347, Stadtv. Huhn 1299, Stadtv. Helfrich 1263, Stadtv. Emmelius 1087, Metzgermeister Pirr 905, Fabrikant Schaffstaedt 818 Stimmen. Außer Herrn Orbig ist also kein einziger Kandidat der Sozialdemokrateu durchgegangen. Herr Heinrich Fourier, der von den Sozialdemokraten nächst Herrn Orbig die meisten Stimmen auf sich vereinigte (516), ist noch um 300 Stimmen hinter dem an letzter Stelle gewählten bürgerlichen Kandidaten zurückgeblieben. Dieses unseres Erachtens vom Standpunkt des Allgemeinwohls aus höchst bedauerliche Resultat giebt Anlaß zu einigen Betrachtungen, zunächst über die Haltung der bürgerlichen Parteien. Einige Wochen vor der Wahl wurde, wenn wir nicht irren, eine Generalversammlung des freisinnigen und des nationalliberaln Vereins anberaumt, die Kandidaten, zum größten Teil bisherige Stadtverdrdnete, nominiert und dann unermüdlich der erstaunten bürgerlichen und sonstigen Welt als die Vertreter des Gesamtinteresses gegenüber den Einzelinteressen proklamiert. Man sollte also dieser Versicherung Glauben schenken, ohne 1 daß uns gesagt worden wäre, auf welches Programm sich die Herren verpflichteten, und ohne daß diese es für nötig gehalten hätten, ihre Grundsätze in öffentlicher Versammlung zu entwickeln. 2lber noch mehr! Bald darauf erfuhr mar durch eine Blätternotiz, daß viele Nbtionalliberale erklärt hätten, Herrn Orbig, den Sozialdemokraten, der auch auf der gemeinsamen Liste beider Parteien stand, unter keinen Umständen wählen zu können, ein schönes Zeugnis sowohl für die Tapferkeit als für die Parteidisziplin dieser Herren. Daneben ging dann die Agitation in den einzelnen Bezirken und Jntereffengruppen vor. Da auch diese sich nicht in öffentlicher Versammlung vollzog, so können wir leider nichts Näheres darüber berichten; sie scheint sich aber nach manchem, was davon bekannt wurde, nicht gerade durch die Höhe der politischen Gesichtspunkte ausgezeichnet zu haben. Ja, man betonte ausdrücklich, man sehe bei der Aufstellung der Knn- didaten von allem Politischen ab, als ob nicht z. B. die Aufstellung eines besonderen Handwerkerkandidaten genau ebenso ein politischer Akt wäre wie die Nominierung eines Arbeitervertreters durch die Sozialdemokraten. Niemand, der in den Gegensätzen unserer Stadt nicht ganz heimisch ist, vermag — dank des Fehlens aller programmatischen Liundgebungen zu sagen, wie weit es diesen, kurz gesagt kleinbürgerlichen, Bestrebungen gelungen ist, sich durchzusetzen. HerrPirr dürfte wohl icher hier anzuführen sein. Die einzige Partei, die mit einem Programm auszog, und die auch in öffentlicher Versammlung auftrat, war natürlich die sozialdemokratische. lieber ihr Programm brauchen wir nichts zu agen, da es sich mit dem Kommunalprogramm der Sozialdemokratie Hessens deckt und dieses in unseres Freundes Damaschke „Aufgaben der Gemeindepolitik" (Jena 1901) leicht aufzufinden ist. Auch über die Wahlversammlung, die am Abend vor der Wahl in Lonys Bierkeller stattfand, können wir schweigen. Nur so viel sei gesagt, daß namentlich die ruhigen, fachlichen und gehaltvollen Aus- ührungen des sozialdemokratischen Stadtv. Krumm einen sehr günstigen Eindruck machten, daß man durch sie sehr gut in die Fragen unserer Kommunalpolitik eingeführt wurde, und daß natürlich niemand von den liberalen Parteien in die Debatte eingriff. Aufgestellt hatte die Sozialdemokratie 7 eigene und 4 bürgerliche Kandidaten, aber davon sind nur die 4 (Gaffky, Jann, Flett, Orbig) durchgegangen, die auch von den bürgerlichen Wählern unterstützt wurden, alle anderen sind auf der Strecke geblieben. Und das ist vom nationalsozialen Standpunkt aus sehr zu bedauern. Das Kommunalprogramm der Hess. Sozialdemokratie steht unserem nationalsozialen sehr nahe— nur ist das unsrige noch besser durchgearbeitet — für unsere bürgerlichen Gegner ja wahrscheinlich ein Grund, uns als Kryptosozialisten hinzustellen, für uns aber, die wir ganz genau wissen, was uns von der Sozialdemokratie trennt, der Ansporn, in diesem Kampfe fest auf Seiten der Interessen der kleinen Leute, Arbeiter re. zu stehen. Leider scheinen diese selber nicht ganz sicher gewesen zu sein — auch in den Referaten durch Herrn Orbig und Krumm klang so etwas durch —, denn nur so läßt es sich unseres Erachtens erklären, daß sich in der Stimmenzahl der nicht gewählten sozialistischen Kandidaten eine Differenz von 40 Stimmen zeigt. (Heinrich Fourier 516, Adam Volz 476). Für uns Nationalsoziale aber ist die Wahl ein neuer Antrieb, mutig weiter zu agitieren, damit wir das nächste Mal, wenn nicht selbständig heroortreten, so doch ein entscheidendes Gewicht in die Wagschale werfen können — zum Besten des Allgemeinwohls." DFz Instervurger Duess vor dem Kriegsgericht. F ii. Insterburg, 18. November. Die Beweisaufnahme wurde fortgesetzt mit der Ver- nehmung des Oberleutnants Splettstoßer. Er schildert, den Zusammenstoß mit Blaskowitz in derselben Weise wie Hildebrand. Blaskowitz könne nicht unzurechnungs- ähig gewesen sein, weil er ihn, den Zeugen, den er seit )rei Jahren nicht gesehen hatte, gleichwohl erkannte und beim Namen nannte. Blaskowitz habe gewußt, was er that, eine Reden im Hausflur, die das Duell provozierten, feien völlig logisch gewesen. Von mechanischem Umsichhauen sei keine Rede gewesen. Hildebrand dagegen hätte sich äußerst ruhig verhalten, selbst die derbe Redensart, die er gegen Blaskowitz gebraucht, sei nur ein Beschwichtigungsversuch gewesen. Wenn Blaskowitz bei der Begegnung in der Reit- bahnftraße zunächst den Eindruck der Sinnlosigkeit machte, so hätte dies an seiner Schlaftrunkenheck gelegen, wäre aber nicht eine Folge des ovraufgegangenen Alkoholge- nusses gewesen. — Staatsanwalt: Wie hat sich Blas^ kowitz beim Zweikamps benommen? — Zeuge: Blaskowitz hat gezielt und schoß zuerst. —Verteidiger: Wann kamen Sie bei Leutnant Ähmidt zusammen? — Zeuge: Ein- Viertelstunde nach dem Vorgang im Hausflur. Leutnant Rasmussen bekundete: Wir erfuhren erst durch Leutnant Schmidt von dem Wohnungswechsel des Leutnants Blaskowitz. Der Ehrenrat habe Samstag abend die Erklärung abgegeben, daß er nicht in der Lage sei, einen Ausgleich vorzuschlagen. Blaskowitz sei nicht volltrunken gewesen, das beweise einmal das Wiedererkennen des Oberleutnants Splettstößer sowie die wiederholte Nennung seines, des Zeugen, und Hildebrands Namen, das bewiesen aber auch ferner die Aeußerungen und Handlungen des Getöteten. Blaskowitz habe, obwohl ihm durch Leutnant Schmidt eine Aussöhnung mit Hildebrand nahe gelegt worden, keinen Versuchzur Abbitte gemacht. Wenn Splettstößer bei dem Recontre äußerte: „Ruhig, der Mann weiß ja nicht, was er thut", so fei es geschehen, um Hildebrand von einer Erwiderung der Thätlichkeiten abzuhalten. Vier Gutsbesitzer aus der Nachbarschaft bekunden gleich- lautend: Blaskowitz kam nachts ungefähr halb zwei Uhr aus dem Kasino ins Hotel „Königlicher Sjof", trank dort weiter Whisky, Grog und Bier und nötigte sie, mit ihm itod) eine Flasche französischen Sekt auf das Wohl seiner Braut zu trinken, trotz allseitigenAbratens. Blaskowitz war animiert und hatte Streit mit dem Kellner, weil die Mche schon geschlossen war. Er war keinesegS betrunken, auch zuletzt nicht. Der Hotelier hat den Leutnant hinausgeleitet, der Herr seiner Sinne und Glieder war. Zeuge Oberleutnant Reinicke vom Infanterie-Regiment 147 sagt aus: Blaskowitz war nach der Kasino- Kneiperei gegen Mitternacht nickst merklich/ bezecht, er war aber seit Wochen nervös und mußte sich manchmal einen Ruck geben, um nicht harmlose Bemerkungen beleidigend zu beantworten. Beim Zweikampf sei Blaskowitzruhig gewesen, er choß zuerst. (Das sind merkwürdige Angaben, die einen eigenartigen Verdacht auf- keimen lassen. D. Red. d. Gieß. Anz.) Hauptmann Benedix, der Unparteiische beim Duell, sagt aus: Er habe einen Ausgleich versucht, aber vergeblich nur leichtereBedingungen habe er erreicht. Bor dem Kampfbeginn habe er die Entfernung, 15 Sprungschritte, abgemessen, die vorgeschriebenen Formalitäten erledigt und einen letzten Versöhnungsversuch gemacht, -oeibe Schüsse seien vor dem Kommando Zwei gefallen. Er glaubte anfangs an einen unblutigen Ausgang des Duells und sagte: Der Zweikampf ist beendigt. Da fiel Blavtowitz hm und wurde vom Zivilarzt Dr. Eolley aufgefangen. Zeuge weiß nicht, ob die Gegner zielten. Dr. Eolley bekundet als Zeuge: Blaskowitz hatte sofort das Gefühl, ein Sterbender zu fein. Es wurde für Versöhnung der Gegner gesorgt. Nachher trat eine teib weise Erholung des Verwundeten ein, zeitweise bestand. auch die Möglichkeit, sein Leben zu erhalten. Auf dem Transport in die Klinik verschlimmerte sich der Zustand nicht , dann aber trat ein Rückfall ein. Es wurde eine Operation vorgenommen, ein Bluterguß in den Unterleib konnte jedoch nicht gestillt werden. Der Patient starb, ohne das Bewußtsein erlangt zu haben. Assistenzarzt Heßler: Nach dem Sektionsergebnis war der Schuß unbedingt tätlich, das Geschoß drang seitlich rechts unter der siebenten Rippe em, durchschlug das Zwerchfell und traf Niere, Leber, Lunge und Herz, durchbohrte dann abermals das Zwerchfell und blieb in der linken Seite wenig unter der Haut stecken. Zwei andere Offiziere bezeugen die völlige Nüchternheit der beiden Artilleristen in der Unglücksnacht. Auf die übrigen Zeugen wurde mit allseitiger Zustimmung verachtet, da der Sachperhalt genügend geklärt erscheint. Der Vertreter der Anklage, Kriegsgerichtsrat Boje, betont, daß der Angeklagte nicht die Absicht gehabt habe, feinen Gegner zu töten. Tie Zurechnungssäh ig- k e 11 des Scutnants Blaskvwitz fei erwiesen. Gleich- tooljl sei aber Hildebrand keineswegs völlig unschuldig an dem Cieigntö, denn er habe Blaskow.tz immerhin gereizt und nicht so behandelt, wie man Betrunkene zu behandeln, pflege. Deshalb beantrage er, nichr auf die Mindeststrafe von zwei Zähren, sondern auf drei Fahre Festung zu erkennen. ~ec Kaiser möge den Angeklagten begnadigen, der Gerichtshof dürfe nicht der Gnade vorgreisen. Gegen Groddeck beantrage er wegen Kartelltragens eine Woche Festung, weck er bereits wegen des gleichen Delikts vorbestraft sei. Ter Verteidiger Hauptmann Flügge führt aus: Blaskowitz sei durch ein tragisches Schicksal ums Leben gekommen. An feinem Grabe stand tieferschüttert Hildebrand- Es ist aber nicht zu verkennen, daß Blas ko Witz der allei n s ch u t d ig e Te il sei. Alle Angriffe auf die Artillerieoffiziere seien nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme in nichts zerronnen. Wie lvürde die öffentliche Meinung geurteilt haben, wenn im ersten Zweikampf Hildebrand, in einem zweiten Rasmussen das Opfer gelvesen wäre? Hildebrand werde vorgeworfen, daß er Blaskowitz beleidigt habe. Seine Worte seien aber kameradschaftlich gemeint, daher keine Beleidigung gewesen. Ferner wurde gesagt, Hildebrand und Rasmussen hätten den Vorgang verschweigen können. Tas ging aber nicht an, denn die Beleidigung war zu schwer. Auch, die Behauptung, daß Blaskowitz unzurechnungsfähig gewesen, fei unzutreffend; er sei nur angetrunken gewesen. Außerdem aber entschuldige selbstverschuldete Trunkenheit nach dem Militärgesetze nicht, verschärfe eher die Schuld. Der Nachweis der Zurechnungsfähigkeit sei einwandfrei erbracht. Hildebrands Verhallen sei äußerst kameradschaftlich gewesen, er wollte den Mann mit der Offiziers-Uniform vor Unheil schützen, selbst noch nach schwerster Beleidigung. Auch, der Vorwurf, daß eme Uebertretang der Allerhöchsten Verordnungen oorliege, trifft nicht zu. Kaiser Wilhelm I. wie Wilhelm II. hätten als äußerste Satisfaktionsmittel nach wie vor den Zweikampf ausdrücklich zugelassen. „Ziehe dein Schwert nicht ohne Grund und stecke es nicht ein ohne Ehre." Ein solcher Fall habe hier vorgelegen. Er bitte um einen Gerichtsbeschluß, der den Verurteilten der Königlichen Gnade empfehle. ' Das Gericht kam zu dem bereits mitgeteilten Urteil und lehnte eine besondere Empfehlung des Angeklagten für die Königliche Gnade ab, da kein Anlaß dazu vorliege. ♦ * * Prinz Albert, der Gemahl der Königin Viktoria, hatte in seinen Anschauungen über das Duell ansangs die Ansicht, man werde auf dem Wege des Ehrengerichts dem Zweikampf ein Ende machen. Er wandte ftd} an den Herzog von Wellington: aber der berühmte Feldherr glaubte, nur die öffentliche Meinung könne Helsen. Das befriedigte den Prinzen rucht. Denn cye die öffentliche Meinung die tief eingewurzelte Unsitte gründlich ausrotte, könne noch viel Unheil geschehen. Er schlug deshalb Ehrengerichte vor, an deren Spitze Wellington selbst treten solle. Aber sowohl Wellington war dagegen wie der Generalfeldzeugmeister Sir George Murray. Ta schrieb Prinz Albert am 13. Januar 1841: „Jemand, dessen Ehre (soweit sie sich auf die Meinung der Welt gründet) verletzt ist, muß ein Mittel haben, wodurch er den ihm genommenen Schatz wieder erlangen und sich in der Achtung der Welt wwöerherstellen kann. In alten Zeiten war der Appell an das Schwert das anerkannte Mittel. Mit ocm Fortschritte der Zivilisation und unter dem Einflüsse des Ehristentums wuroe diese unchristliche uni) barbarische Sitte allgemein verurteilt, gesetzlich verboten und streng bestraft; aber kein Ersatz wurde gewährt, und der Lfsiz.er, dessen ganze Existenz auf der Ehre beruht, ist vor die Alternative gestellt, entweder das Gesetz der Religion und des Staates zu übertreten iind ein Verbrecher zu werden oder in der Achtung seiner Berufsgenossen und der Welt seine Berufsehre zu verlieren, und die Ehre, lvelche fern Stolz ist, befleckt zu sehen. Der Gerechtigkeitssinn verlangt daher, zu erwägen, welche anderen Mittel zu gewähren seien, wenn das einzige, jetzt anerkannte mit der ganzen Strenge des Gesetzes verfolgt werden soll." Ter Prinz ruhte nicht eher, als lus er Erfolg hatte. Die Ehrengerichte wurden in England verworfen, dagegen die Kriegsartikel geändert. Es wurde mit dein Brandmal der Ehrlosigkeit gezeichnet, wer verübtes Unrecht nicht abbittet und gutzuniachen sucht; ebenso wurde für ehrlos erklärt, wer die Abbitte nicht annimmt. Nicht der Gegner des Duells, sondern der Herausforderer und der Duellant wurde aus der Armee entfernt, weil er nicht handelte, wie es „dem Charakter von Ehrenmännern angemessen" ist. Theodor Martin, der Biograph des Prinzen, berichtet: „Sogenannte Ehrenhändel erhielten durch diese Erklärung den Todesstreich. Duelle kamen seit dieser Zeit so in Mißkredit, daß sie praktisch unmöglich wurden. Eine so große Veränderung konnte kaum ohne eine vorübergehende Beeinträchtigung des gesellschaftlichen Tons zu stände gebracht werden. Auf gewisse Naturen hatte die Furcht vor einer Herausforderung einen heilsamen Zwang ausgeübt. Wir werden noch gelegentlich durch eine Brüskerie der Manieren oder Rücksichtslosigkeit der Sprache daran erinnert, daß das Duell als ein Zaum gegen Selbstsucht oder bäuerische Grobheit nicht ohne Wert sein mochte. Aber in allen feineren und edleren Naturen hat das Bewußtsein, daß dieser Zwang nicht mehr existiert, die Verpflichtung wach gerufen, sich jenem höheren Zwange der Höflichkeit und Selbstbeherrschung zu unterwerfen, welche die Zierde aller guten Gesellschaft ist." Aus Stadt und Sand. Gießen, 20. November 1901. - Vereinigung für hessische Volkskunde. Die neu gegründete Vereinigung für hessische Volkskunde läßt in diesen Tagen eine Liste in der Stadt circulieren, um Meldungen zum Beitritt entgegenzunehmen. Die Aufgabe, die sich die Vereinigung gestellt hat, kann wohl als bekannt gelten. Sie will das hessische Volksleben erforschen, wie es zum Ausdruck kommt in Wohnungsweise und Tracht des Volkes, in Sitten und Bräuchen, in Mundart und Dichtung, Sage und "Märchen. Einer so vielseitigen Arbeit kann nur die regste Beteiligung aller Kreise dauernden Erfolg verbürgen. Die Vereinigung wendet sich deshalb an alle Mitbürger ohne Unterschied der Konfession und des Standes mit der Bitte, sie chatkräftig zu untccftüljcn. Es verdient darauf hingewiesen zu werden, daß allenthalben in Deutschland ähnliche Bestrebungen eifrig gepflegt werden, und es ist deshalb eine Ehrenpflicht jedes Hessen, dazu beizutragen, daß seine Heimat hinter anderen Teilen des deutschen Reiches hierin nicht zurücksteht. — Die Mitglieder erhalten die Zeitschrift der Vereinigung: die „Blätter für hessische Volkskunde" zügeslellt, sie werden spätere umfangreichere Publikationen, die in Aussicht genommen sind, umsonst ober zu sehr ermäßigtem Preise erhallen. Außerdem werden etwa allmonatlich Mitgliederabende veranstaltet werden, an welchen einzelne volkskundliche Themata zwanglos zur Erörterung kommen sollen. Die Mitgliedschaft wird erworben durch Zahlung eines Jahresbeitrags, dessen Höhe dem Ermessen jedes einzelnen überlassen bleibt, er muß jedoch mindestens eine Mark betragen. Anmeldungen können jederzeit auch direkt an den Schriftführer der Vereinigimg, Herrn Privatdozent Dr. Helm, Südanlage 5, gerichtet werden. ........MHI ■■■ I! ■■!!!II IBBHWimOB—■ IFÜR GUTES GELD können Sie auch gute Waare erwarten. Wenn Sie aber von einem Händler eine Düte ausgewogene Waare oder ein billiges Packet empfangen, wo Sie „Quäker Oats“ verlangen, so bekommen Sie nur eine sehr minderwertige Nachahmung. Die echten Packete tragen den geschützten Namen „Quäker Oats“, sowie die Quäker-Figur. Achten Sie darauf. 6711 Quäker Oats MMMBEMMffllBTHlWl’l MMaMMBIHMMn ÄKllMtMllMM Submission. Die Füllung des Eiskellers in den neuen Kliniken in Gießen soll auf dem öffentlichen Submissionswege vergeben werden. Die Lieferungsbedingungen können auf dem Verwalluugs- Bureau genannter Anstalt nachmittags von 3—5 Uhr eingesehen werden. Offerten sind mit entsprechender Aufschrift versehen, versiegelt bis zum Mittwoch d. 27. Nov. 1901, mittags 12 Uhr, dahier einzureichen. 7458 Zuschlag erfolgt bis zum 30. November 1901. Gießen, 13. November 1901. Großh. Verwaltungs-Direktion der neuen Kliniken. Donnerstag den 19.Dez. 1991 nachmittags 2*/, Uhr, ' werden auf hiesigem Ortsgericht die Liegenschaften der Wilhelm Steinbach Eheleute, hier die dem Wilh. Steinbach zustehende ideelle Hälfte an denselben öffentlich meistbietend versteigert werden. Gießen, den 6. November 1901 Großh. Ortsgericht Gießen. ___________Gros._______7300 Donnerstag den 2. Jan. 1901 nachmittags 21/, Uhr, werden auf hiesigem Orisgericht die dem Wilh. Steinbach und bezw. dessen Ehefrau vor Namen stehenden Grundstücke der Gemarkung Gießen öffentlich meift- öietenü versteigert werden. Gießen, den 19. Novbr. 1901. Großh. Ortsgericht Gießen. ' ___________Gros. 76Q6 Donnerstag den 22. Novbr. nachmittags 3 Uhr, sollen dahier Neuenweg 28 Haus- nnd Küchengeräte aller Art (darunter 5 Kleiderschrankc, 1 Verti- kow, 1 Divan, 1 Trumeaux, 1 Waschkommode, 1 Kommode' 2 Schreibtische, 1 Ladentheke' 1 Kassenschrant u. v. a., (neu)' 35 neue Anzüge (Rock, Hose und Weste), eine größere Anzahl Taschenuhren und Uhrketten, 1 Oekonomiewagen und vieles andere zwangsweise gegen bar versteigert werden. 04723 Seipel, Gerichtsvollzieher. 36 |Nur noch wenige! ä E .60 CQ 240000=20000 7595 E Schirm-Fabrik M. Levi 7378 Moritz Gregor! & Sohn -uppen. a c Haupt- Gewinn Haupt- Gewinn -*■ soooo **■ 25000 ■* ! 5000 Haupt- Gewinn O .3 £ cc rt k Xwürfe/n. do b = i E V) 4 4 104 100 150 600 bedeutend unter Preis. Eigene Werkstätte für sämtliche Puppen-Reparaturen. 16000» 15=340000 Wohlfahrts-Loose versendet: General-Debit Lnd. 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