Nr. 26V Zweites Blatt. LSI. Jahrgang. Freitag 15. November 1901 Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. Die «jehener FamUlen- vlatter werden dem An- Seiger im Wechsel mit dem »Hess. Landwirt" und den »Blättern für hessische Volkskunde" vrermal wöchentlich beigelegt. Redaktion, Expedition und Druckerei: Lchul st ratze 7. Adresse für Depeschen: Anzeiger Gießen. Fernsprechanschlnß Nr.51. GietzenerAnzeiger General-Anzeiger ® ** Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gießen Annahme von Anzeigen zu der für den folgenden Tag erscheinenden Nr. biS vormittags 10 Uhr. Alle Anzeigen-Vermitt» lungsstellen des In-und Auslandes nehmen Anzeigen entgegen. ZeilenpreiS: lokal 12Pf^ auswärts 20 Pfg. Rotationsdruck u. Verlag der Brühl'schen Universitäts - Druckerei (Pietsch Erben). Verantwortlich für den allgemeinen Teil: P. Witiko; für den Anzeigenteil: Hans Beck, Bekanntmachung. Betr.: Vorträge über Obstbau. Der Obstbautechniker deS Oberhess. Obstbauvereins, Herr H. Wiesner aus Friedberg, beabsichtigt, am Samstag dem 16. November, abends 8 Uhr, in Birklar, und Sonntag dem 17. November, nachmittags 3 Uhr, in Dorf- Güll je einen Vortrag über Obstbau zu halten, und nachher einige Obstbäume an anwesende Mitglieder gratis zu verlosen. An den Verlosungen können auch Mitglieder benachbarter Ortsgruppen teilnehmen. Den Herren Bürgermeistern, resp. Obmännern gehen noch besondere Mitteilungen zu. Zahlreiche Beteiligung ist erwünscht. Gießen, 12. November 1901. Der Vorsitzende des Vereinsbezirks Gießen des Oberhess. Obstbauvereins. Dr. Heinrichs. „Nicht-Gerrtlemerr". Man schreibt uns aus Berlin, 13. November: D«r ehemalige Agent der Berliner politischen Polizei, der im gesicherten Hort der Schweiz weilende Herr Nor- mann-Schumann, ist durch Bebel wieder einmal in den Vordergrund des Interesses gerückt. Ob die Vermutung Bebels richtig ist, daß der anscheinend noch, immer recht rührige Nvrmann-Schurnann die Behauptung von dem Bestehen einer „Hunnenbrief-Fabrik" in der Schweiz nach Deutschland zu lancieren gewußt habe, mag dahingestellt bleiben. Es fehlt einstweilen der Beweis- Wer ein anderer Punkt erscheint der Aufklärung bedürftig. Und der ist, daß nach Mitteilungen, die heute der „Vorwärts" veröffentlicht, Herr Normann-Schumann, gegen den sowohl Abg. Bebel wie der Gesandte v. Kiderlen den Nachweis schwerer Majestätsbeleidigungen, begangen durch Korre- pondenzen in ausländischen Blättern, geliefert hat — daß neser Mann mit zwei Seelen in der Brust „int Laufe des etzten Jahres wiederholt in Berlin gewesen ist und sich elber rühmt, daß er sich ohne Scheu bewege." Aus den Prozessen Leckert-Lützow und Tausch ist bekannt geworden, daß selbst Staatssekretär Frhr. v- Marsch« l l, der jetzige Botschafter in Konstantinopel, zur „Flucht in die Oeffentlichkeit" sich genötigt sah gegen Die Betriebsamkeit gewisser Agenten der politischen Polizei. Es ist damals zwar Frhrn. v- Marschall gelungen, das Netz der Jntriguen zu zerreißen; indessen haben die Zuschauer jener aufsehenerregenden Prozeßv er Handlungen — und oas ganze Inland und Ausland bildete das Publikum — wohl durchgängig die Empfindung gehabt, die reinigende Wirkung des Gewitters werde nicht allzu lange Vorhalten. Auch die Reformen, denen die politische Polizei unterzogen wurde, ändern an der Thatsache nichts, daß diese Polizei, ebenso wie die Kriminalpolizei, nun einmal zur Erfüllung ihrer Aufgaben der Dienste von „Nicht-Gentlemen" bedarf. Es müssen Leute zur Verfügung stehetr, die sich dazu hergeben, unter Maskierung ihres Berufes sich in das Vertrauen derjenigen Personen und Kreise einzuschleichen, deren Thun und Treibet: aus Gründen der Sicherheit oder zum Zweck der Entdeckung oder Verhütung von Verbrechen zu erforschen ist. Man mag diesen Personen eine sehr tiefe Stufe anweisen, man mag das Mittel bedauern — aber es läßt sich auf solche Mitwirkung ebensowenig verzichten wie auf die Spionage im Kriege. Nur sollten derartige Werkzeuge der Polizei stets auf das schärfste im Zaume gehalten, es sollte im Interesse des Ansehens der Gewalt, der sie dienen, verhindert werden, daß die „Nicht-Gent- lemen" sich herausnehmen, „eine Rolle zu spielen", daß sie sich Kenntnis von politisch-sekreten Verhältnissen und Vorgängen aneignen, mit der sie nicht nur prunken, sondern unter Umständen auch „gefährlich" werden können. Eben die Ueberzeugung von der Gefährlichkeit etlicher Nicht- Gentlemen veranlaßte Herrn v. Marschall und andere Diplomaten, sich für die Entfernung der betreffenden Agenten aus dem Dienst zu bemühen. Daß der schwerer Majestätsbeleidigungen bezichtigte 9öormann-Schumann etwa mit stillschweigender Duldung von Seiten einer Behörde sich in Berlin aufgehalten haben sollte, erscheint uns ausgeschlossen. Ist es zutreffend, daß er sich rühmt, sich in Berlin „ohne Scheu" zu bewegen, so deutet das auf hohes Selbstbewußtsein, und diese Eigenschaft besitzen in der Regel Personen, die sich mit „Enthüllungen" rächen können. Es giebt eine Grenze auch für die Verwendung von Nicht-Gentlemen im Polizeidienst, wenn nämlich diese dunklen Ehrenmänner mit den Strafgesetzen in Konflikt geraten. Dann muß die Polizei die Helfer abschütteln, ohne Rücksicht preisgeben, und mögen sie noch so „brauchbar" sein. Wir hoffen, daß dies in Bezug auf Herrn Normann- Schumann der Fall ist, daß alle Beziehungen zu ihm gelöst sind, und daß er nicht in die Lage kommt, deutschen Be- hörden fragwürdige Dienste zu leisten. Mitische Tagesschau. Beschleunigte Drucklegung des Zolltarif-Entwurfes. Der „Nordd. Allg. Ztg." wird bestätigt, daß auf Veranlassung des Reichskanzlers die Drucklegung des Zolltarif- Entwurfes nebst Begründung nach Möglichkeit beschleunigt wird, damit die betr. Materialien den Mitgliedern des Reichstages, wenn angängig, noch vor dessen Zusammentritt, zur Verfügung gestellt werden können. Inwiefern dies technisch durchführbar ist, läßt sich allerdings noch nicht übersehen. Graf Bülow hat schon bei mehreren Gelegenheiten Entgegenkommen gezeigt, wenn aus der Oeffentlichkeit, von der Presse oder aus parlamentarischen Kreisen Anregungen gegeben wurden. Nun hat auch diese Forderung erfreulicherweise Berücksichttgung gefunden. Sollten aber für ein Institut, das so trefflich ausgestattet ist wie die Reichsdruckerei, wirklich Schwierigkeiten bestehen, ein paar Hundert, oder sagen wir Tausend Exemplare des Zolltarifs nebst Begründung in etwa 14 Tagen herauszubringen? Wir trauen der Reichsdruckerei eine solche Leistung zu; es sind schon erstaunlichere vollbracht worden. Zum Botschaftnwechsel in London. Der „Kreuzztg." zufolge bestätigt es sich, daß als Nachfolger des Grafen Hatzfeldt für den Botschafterposten in London Graf Wolff-Metternich bestimmt worden ist. Dem Grafen Metternich wird von den Londoner »Daily News" eröffnet, daß er sein Amt zu ziemlich krttischer Zett antrete. Es sei indessen, so meint das Blatt, kein Grund vorhanden, warum England nicht auf vollkommen gutem Fuße mit der deutschen Regierung stehen sollte, obwohl es kein Bündnis begehre. Das heißt mit anderen Worten: Graf Wolff-Metternich möge nur die Sache und Gefühle Englands stets und gehörig respektieren, dann würde sich die öffentliche Meinung des JnselreichS am Ende dazu verstehen, Begehren nach einem Bündnis mit Deutschland zu äußern. Echt englisch in der Thctt! Doch die Gelassenhett, die das Londoner Blatt z'.rr Schau trägt, ist nichts weiter als der Deckmantel, hinter dem es die Besorgnis zu verbergen sucht, daß der neue deutsche Botschafter gelegentlich energischer auf treten könnte, als der durch jahrelange Krankheit niedergebeugte Graf Hatzfeldt. Der letztere Umstand erklärt wohl auch zum Tett das »tiefe Bedauern", mit dem man in England den Grafen Hatzfeldt scheiden sieht. Auf deutscher Seite freilich kann nur der Wunsch bestehen, daß in Graf Wolff-Metternich ein Mann der schärferen Tonart im Londoner Botfchaftshotel Einzug hält, ein Diplomat, der beispielsweise Chamberlain'- schen Uebergriffen eine gebührende Zurückweisung auf dem Fuße folgen läßt. Aus Anlaß des Scheidens des Grafen Hatzfeldt von seinem Posten schreibt die „Times": Keiner der Vorgänger des Grafen Hatzfeldt erfreute sich größerer Achtung. Was für eine Erregung auch über die beiden Völker kommen möge, sie können niemals auf die Dauer blind sein gegen die zwischen ihnen bestehenden großen gemeinsamen Interessen, die die Aufrechterhaltung freundschaftlicher Beziehungen auf der Grundlage gegenteiliger Achtung erfordern. Weil Hatzfeldt lange ernst in diesem Sinne wirkte, sehen njr ihn mit Bedauern seinen Posten mit dem, wenn auch noch so wohlverdienten, Ruhestand vertauschen. Arbeitslose in Ungarn. Aus Budapest wird uns geschrieben: Der wirtschaftliche Rückgang hat auch die Industrie Ungarns betroffen und macht sich besonders in der Maschinenbranche bemerkbar. Hunderte von Arbeiter sind entlassen, Lohnkürzungen allenthalben durchgeführt. Vielfach entschließen sich die Arbeiter, Mrtschuftsgegenstände und sonsttgen Besitzstand zu veräußern, um das für die Auswanderung nach Amerika erforderliche Geld zu erlangen. Es muß anerkannt werden, daß die Regierung helfend einzugreifen sich bemüht durch beschleunigte Anordnung öffentlicher Bauten, Bestellung von Lokomotiven, Eisenbahnwagen usw., wie diese kürzlich auch die österreichische Regierung verfügt hat. Die, Zahl der Beschäftigungslosen vermehrt sich gleichwohl. Bencerkenswert ist, daß die Eisenarbeiter aus den Zeitungsmeldungen über die gesteigerte Schisfsbaulhätigkeit auf den amerikanischen Wersten die Gewißheit entnehmen, es könne ihnen „drüben" an Verdienst nicht fehlen. Um Enttäuschungen vorzubeugen, wäre es deshalb angezeigt, daß der österreichisch-ungarische Konsul in New-Pork einen Spezialbericht über die dortigen Arbeitetverl)ältilisse einschickte, der in den Industrie-Bezirken der habsburgischen Monarchie bekannt gegeben werden müßte. Vom Burenkriege. Das Reuter'sche Bureau meldet aus Clamvilliam vom 3. ds.: Eine größere Burenabteilung griff am 29. Oktober bei Bovendam einen von 35 Mann Kolonialtruppen eskortierten Convoi an. Nach hartnäckigem Widerstande erbeuteten die Buren den Convoi. DieVerluste der Engländer betragen 14, darunter 2 Offiziere. Die Buren sollen (!) die gleiche Zahl verloren haben. Wieder ein neuer hübscher kleiner Burenerfolg! Die „Frkf. Ztg." meldet aus Johannesburg: Die Verhandlungen, welche Sir Alfred Milner seit längerer Zett mit dem Generalgouverneur von Portugiesisch Ostafrika betreffs Ueberführung schwarzer Arbeiter nach Witwatersrand gepflogen hat, sind nun zu Ende gediehen, und die Randgruben haben bereits begonnen, Eingeborene von der Ostküste anzuwerben. Eine heitere Episode.aus dein Anfänge des Buren- krieges- erzählt ein deutscher Burenoffizier. Während Oberst Schiel vor dem verhängnisvollen Gefechte von Elandslaagte mit einigen seiner Leute auf einem Ausklärungsritt abwesend war, gelang es einer starken Abteilung des deutschen Kommandos, den nur schwach besetzten Be nhof Elandslaagte zu nehmen. Im Bahnhof befand sich zurzeit ein mit Spirituosen aller Art beladener englischer Zug. Die stets trink- lusttgen Deutschen machten sich sofort mit Eifer darüber her, und da kein Führer ihnen Einhalt gebot, sprachen sie dem schönen Whisky und Brandy so zu, daß sie bald in seligen Schlaf verfielen. Inzwischen hatten einige der englischen Begleitmannschaften des Zuges, denen es gelungen war, zu fliehen, eine Abteilung der in der Nähe liegenden Gordon- Highlanders von dem Ueberfall benachrichtigt, die nun schleunigst den Bahnhof besetzten und die schlafenden Deutschen gefangen nahmen. Wenn der Deutsche aber nicht ungerührt bei einer Flasche Whisky vorübergehen kann, der Schotte kann es erst recht nicht, und so verfielen die braven High- landers bald demselben Schicksal und schliefen, schwer betrunken, den Schlaf des Gerechten. Inzwischen waren aber die Deutschen wieder munter geworden und nahmen nun ihrerseits die schlummernden Highlanders gefangen. Deutsches Mich. Berlin, 13. Nov- Kaiser Wilhelm hat , dem König Eduard von England als Geburtstagsgeschenk ein silbernes Tafelservice übersandt. — Wie das „Berl. Tagebl." von unterrichteter Seite erfährt, ist die Ernennung des Monsignore Tawnassi zum päpstlichen Nuntius in München nunmehr vollzogen worden. — Zu den diesjährigen Herbftkontrollver-^ sammlungen in Elbing wurde den Unteroffizieren in Gegenwart der Offiziere in besonderer Versammlung ein Erlaß des Kriegsministeriums vorgelesen, der genaue Instruktionen enthält, wie betrunkene Soldaten von ihren Vorgesetzten zu behandeln seien. — Das 45. Infanterie-Regiment in Lyck (Ostpreußen) wird zum nächsten Januar mit dem 147. Infanterie-Regiment in Insterburg die Garnison tauschen. — Zur Frage der Berliner Handelskammer melden die Abendblätter, daß der Handelsminister dem von der Generalversammlung der Korporation der Aeltesten der Berliner Kaufmannschaft gefaßten Beschluß, wonach die Börse jederzett ein Drittel der Mitglieder der Kammer zu wühlen hat, nicht zustimmt. Potsdam, 13. Nov- Zur Feier des lOOjäfirigen Geburtstages der Königin Elisabeth (Gemahlin König Friedrich Wilhelms IV.) wurde heute abend in der Friedenskirche ein lithurgischer Gottesdienst ab geh alten, den Superintendent Wendland leitete. Anwesend waren der Kaiser und die Kaiserin. Schwerin, 13. Nov. Auf dem heute in Sternberg eröffneten Landtag beantragte die Regierrmg eine Erhöhung der Landessteuer auf 1 drei Zehntel des gewöhnlichen Satzes. Pritzwalk, 13. Nov. Bei der heutigen Landtagsersatzwahl wurde Rittergutspächter Stübbendorff-Zapal (frei- konservativ) mit 323 Stimmen gewählt. Der Gegenkandidat, Bauer August Voß-Schmolde, (unbesttmmt konservativ) erhielt 24 Stimmen. Stuttgart, 13. Nov. Der „Staatsanzerger" veröffentlicht den Wortlaut der Niederschrift über die Besprechung, die am 1. und 2. November 1899 zwischen dem Ministerpräsidenten v. Mittnacht und dem Staatssekretär v. Podbielski über die Einheitsm arte stattsand. Die Niederschrift lautet: 1. Der Frage besonderer Hoheitszeichen auf den Postwertzeichen legt die württembergische Pos- Verwaltung eine maßgebende Bedeutung nicht bei, wie ja schon jetzt ihr Wertzeichen eigentliche Hoheitszeichen nicht; aufwersc. 2. Die Einführung einheitlicher deutscher Post< Wertzeichen erachtet Die württembergische Postverwaltung im wirtschaftlichen Interesse und dem Ausland gegenüber als erwünscht. 3. Voraussetzung für eine- solche Einrichtung wäre die Erhaltung der reichsverfassungsmäßigen Selbstständigkeit der württembergischen Postverwaltung vor allem in finanzieller Beziehung. 4. Erwünscht wäre in dieser Beziehung die Mitteilung ins einzelne gehender Darlegungen der Refchspoftverwaltung mit dem erforderlichen Material, auf Grund deren ein bestimmtes Abkommen getroffen werden könne. 5. Nach der möglichst zu beschleunigenden Prüfung der Frage behält sich- das Ministerium vor, den Gegenstand dein Staatsministerium vorzulegen, sowie dem demnächst zusammentretenden württembergischen Landtag Gelegenheit zu geben, sich zur Sache zu äußern. München, 13. Nov. Der unglückliche König von Bayern sondert sich jetzt ganz ab, während er früher zeitweise mit seinen Kavalieren speiste; er wird täglich düsterer und menschenscheuer. Der König liebt es, sich sein Essen verstohlen zu holen. Geistige Getränke, nach denen er verlangt, erhält er nur in beschränktem Maße und verdünnt. In früheren Jahren ließ er sich manchmal durch einen* Lakai einen Maßkrug mit Bier gefüllt bringen, auch Rettiche verzehrte er mit Vorliebe; jetzt tßt er nur noch heimlich und wenn er sich unbeobachtet glaubt. Zigaretten rauchte der König früher leidenschaftlich gern, nun ist dies etwas eingeschränkt. Sein Schlas ist unruhig, dauert aber trotz des häufigen Aufenthalts im Fürstenrieder Parke (der seit einigen Jahren mit einer zweiten Mauer umgeben worden) nichk lange. — Ter Finanzausschuß der Abgeordnetenkammer hak heute die Beratung des Justizetats ausgesetzt. Damit ist auch die Entscheidung über den Antrag verschoben, wonach in die I n st i z v e r w a l t u n g I s r a e l i t e n nur in einer Zahl einzustelken seien, die dem Verhältnis der Israeliten zur Gesamtbevölkerung des Landes entspreche. _______ AnslMil. Brüssel, 13. Nov. Gestern abend fand im Ruben- Saale ein Niesenmeetiny zu Gunsten der Mschassung des mehrstimmigen und Einfiihrung des gleichen Wahl- rechts statt. Die Führer der Sozialisten hielten energische Reden, in denen sie erklärten, die Opposition werde zunächst alle gesetzlichen Mittel anwenden, um eine Verfassungsänderung zu erwirken, wenn dieselben aber fehlschlagen sollten, so würde die Opposition bis zum «Aeußersten gehen. Paris, 13. Nov. In der Beratung, welche die Abgeordneten des nationalen Bergarbeiter-Verbandes heute nachmittag mit der Arbeitskvmmission der Deputtertenkammer halten, setzten sie insbesondere die Wünsche der Bergarbetter hinsichtlich des Achtstundentages auseinander, der nach ihrer Ansicht keineswegs die Produktton vermindern, wohl aber die Lage der Bergarbeiter beträchtlich bessern würde; die Abgeordneten führten das Beispiel der „Mine aux Mineurs" an, wo der Achtstundentag eingeführt sei, und fügten hinzu, durch die Bewilligung des Achtstundentages würde der eventuelle Ausbruch eines allgemeinen Ausstandes beseitigt werden. Tie Arbeitskvmmission wird, ehe sie ihre Entscheidung trifft, nächsten Freitag erst noch die Ingenieure der „Mine aux Mineurs" hören. Madrid, 13. Nov. Ter „Jmparcial" veröffentlicht ausführlich das Budget der „Union Nacional". Es schlägt eine allgemeine Reform der öffentlichen Verwaltung und eine Verminderung der Staatsämter vor. Der Mindestgehalt der Beamten soll 1500 Pesetas betragen. Ferner wird gefordert die Verminderung der Zivilliste, die Konvertterung der äußeren Schuld in eine innere unter Vergütung von 10 Prozent; Bezahlung aller Coupons in Pesetas; teilweise Abschaffung und Revision der Pensionen nnb verjährter Chargen; Umwandlung der Botschaften in Gesandtschaften; Aenderuug des Konkordats; allgemeine Wehrpflicht, und Abschaffung unnöttger Offiziere; die Festsetzung der Präsenzstärke auf 50 000 Mann; Abschaffung der Subvention der Transatlantica, bettagend 8 einhalb Millionen, Verpachtung von Fernando Po und Riomuni. Rom, 12. Nov. In politischen Kreisen verlautet, die Dreibundmächte, denen sich wahrscheinlich England än sch ließ en dürfte, verlangten auf Grund chrer Verträge, die ihnen die Rechte der meistbegünstigten Nation geben, die g leichen Zuge ständnis s e von der Dür kei, wie diese Frankreich machte. Belgrad, 13. Nov. Skupschtina. In Beantwortung einer Interpellation über die Veruntreuung von 128 160 Francs aus dem Depositionsfond durch Mitglieder d-es ehemaligen Kabinetts Wladan Gevrgewitsch erklärte Ministerpräsident 'Dr. Wuitsch, es stehe außer Zweifel, daß es sich hier um einen groben Mißbrauch handle. Da jedoch die strafrechtliche Verantwortung inzwischen verjährt sei, erübrige es nur, die materielle Verantwortung auf dem ordentlichen Gerichtswege festzustellen. Die Skupschttna nahm einstimmig eine Resolution an, wodurch der grobe Mißbrauch mit Äaatsgeldern festgestellt und das Kabinett Georgewitsch der Veruntreuung beschuldigt wird. Konstantinopel, 13. Nov. Die Pfvrte gab einer Anzahl Forderungen der österreichischf-ungari- fchen Regierung statt, welche u. a. folgende Punkte umfassen: h&ie drei Urheber eines Anschlages auf den Geranten des österreich-ungarischen Konsulats in Prizved, wurden zu exemplarischen Strafen verurteilt. General Uchmed Pascha, der den Dragoman des österreichischen Konsulats in Ueskueb beleidigte, wurde abgesetzt. Die Pforte zahlte dem österreichischen Staatsangehörigen Dawidorätsch der in Djakowo von albanesischen Räubern gefangen war, eine beträchtliche Entschädigung. Bezüglich der Entschädigungssumme von 90000 Francs, welche von österreichisch^ungarischen Staatsangehörigen anläßlich der bei den Unruhen in Armenien «erlittenen Beschädigungen gefordert werden, ist zwischen dem Botschafter und der Pforte ein Uebereinkvmmen zu stände gekommen. — Die Nachricht, daß der ftanzösische Botschafter Constans bald nach seiner Rückkehr nach Konstanttnopel von feinem Botschafterposten scheiden werde, scheint richtig zu sein, doch handell es sich hierbei keineswegs um eine Folgewirkung des Konfliktes zwischen Frankreich und der Türkei. Constans hat bereits seit längerer Zett die Absicht gehabt, gelegentlich der Neuwahlen zu der ftanzösischen Zamnier wieder in das politische Leben zurückzukehren. Petersburg, 13. Nov. Heute wurden anttlich Maßregeln bekannt gegeben, welche gegen die liberale „Rossija" wegen eines in der Nummer vom 10. November erschienenen ^Feuilletons des Chefredakteurs Amfiteatrow erfolgt sind. sDer geistreiche Journalist erzählt ein Märchen aus dem Leben der Vogel. Es hat die Form der Tierfabel, die aber nur gewähtt ist, um an der Regierungszensur eine fleirnüttge Kritik üben zu können. Tas Ministerium des Innern und die Oberpreßverwaltung spielen in dem brett- fchweifig erzählten amüsanten Märchen eine wenig würdige, komische Rolle. Auch die Stellung der russischen Presse wird witzig charakterisiert. Es fehlt nicht an Anspielungen aller Art. Tas hiesige Zensurkomtte soll über das Feuilleton sehr ergrimmt sein, und hat den Straßenverkauf der „Rossija" für die Dauer von zwei Monaten verboten. Man findet die Strafe übertrieben streng. Tas Verbot wird voraussichtliche nach zwei oder drei Wochen aufgehoben »verden. New-York, 13. Nov. Nach einem Telegramm des ^New - York Herald" aus Port of Spain, hat sich der vene- -zolanische General Juan Pietri im Staate Carabobo gegen pen Präsidenten Castro erhoben. Chicago, 13. Nov. Ein Massen-Meettng deutscher Veteranen beauftragte einen Ausschuß, gegen Chamberlains Aeußerungen energisch zu protestieren, und diesen Beschluß Chamberlain und dem amerikanischen Botschafter in London zu übermttteln. Graf Pückler, der bekannte antisemitische Agitator, hat dieser Tage wieder einen Vortrag gehalten, der, wie wir meldeten, ein fruh- ,zeitiges Ende fand, da ein Polizeioffizier die Versammlung auflöste. Der Graf sprach „über die Macht des Judentums". Er schilderte u. a. seine polizeiliche Vorführung vor einen Dresdener Gerichtshof, weil er auf die Vorladung vor Gericht nicht erschienen war, folgendermaßen: Es kam der Amtsvorsteher von Klein-Tschirne und ein Dresdener Gerichtsdiener morgens ftüh um 7 Uhr zu mir und sagten, sie müßten mich verhaften, ich sollte doch ja mitkommen und keine Schwierigkeiten machen, sonst müßten sie Gewalt anwenden. Ich war baff. Man wollte mich, einen preußischen Rittergutsbesitzer und Grafen, mir nichts, dir nichts verhaften. Na, ich ging aber doch mit und sagte zu dem G-erichts- diener: Hären Se mei Kutester, bet is doch eine kolossale Unverschämtheit, bet Sie mich, mich den Grafen Pückler, verhaften wollen. Eigentlich müßte ich Mtz jetzt nehmen und in den Schloßkeller von Klein- Tschirne sperren! Da erbleichte der Mann. Ja, sagte ich, und denn müßten Sie mal da unten so acht Tage bei meinen Mäusen und Ratten brummen. Da würde Ihnen wohl denn die Lust vergehen, einen preußischen Rttterguts- besitzer verhaften zu wollen. Der Mann erbleichte immer mehr und sagte: Ach nee, Herr Graf, des hätten Se wohl doch nich gedahn. Was, sagte ich, nich jethan? Männeken, Sie duhn mir blos leid. Na, un denn ließ ich anspannen und denn jondelten wir los zum Bahnhof. Uff'en Bahnhof sage ich rund heraus: Gerichtsdiener, ich fahre erster, selbstverständlich, und Sie werden natürlich dritter fahren, sonst fahre ich ieberhaupt nich mit Aber härnse, sagte er da, des geht doch gar nich, Herr Graf! Ach was, sage ich, ob bet jetzt. Denken Sie, ich werde mit Ihnen dritter fahren? Na, denn fahre ich ähm och erschtr, sagte der Mann. Na, da lache ich natürlich und sagte: Det jiebt et nich, Mann, ich werde doch nich mit Ihnen zusammen erster fahren, als preußischer Rittergutsbesitzer. Wo denken Sie hin? Na, er stieg denn dritter in, ich erster, und so jondelten wir los. Auf dem Bahnhof in Jörlitz, wo wir um eins ankamen, holte ich mir denn den Mann und sagte ihm, ich würdejetzteinen ganz en e r g is ch e n Fluchtv e r such machen. Na, da schrie er wieder Ach und Weh, er würde seine Stellung verlieren und so — na und da bin ich denn wieder rnttjefahren. Als wir in Dresden ankamen, nahm ich ne Droschke und jvndelte mit ihm zum „Europäischen Hof". (Dem ersten Hotel in Dresden.) Da verkehre ich immer, und wie nu der Oberkellner kommt, sage ich: Ober, ick bin verhaftet und hier steht der Mann, der mich verhaftet hat. Und der Mann erblaßte zum brüten Mal. Is das nich neriesen- h a f t e F r e ch h e i t, was? Mich, einen schlesischen Rittergutsbesitzer zu verhaften. Det is doch noch nich dajewesen, daß man einen schlesischen Jrafen so mir nicht dir nicht verhaftet. Nu können Se sich denken, was das in dem Hotel, wo sie mich seit Jahren kennen, für ne riesige Bestürzung war. Nachdem ich mich beim erholt hatte, ging ich mit meinem Gerichtsbiener zum Landgericht. Na, die Verhandlung hat mir nu jarnich jefallen. Der Präsident fragt jleich: Geben Sie zu, daß Sie gesagt haben: Jeder Jude so ll Dr e s che kr i e g en? Jawoll! sage ich. Geben Sie auch zu, daß Sie gesagt haben: Man soll die Juden mit Keulen und Dreschflegeln totschlagen, wo man sie trifft? Jawoll! sage ich. Und geben Sie auch zu, gesagt zu haben: Wir wollen ja die Juden nicht totschlagen, aber Haue müssen sie haben, Keile müssen sie kriegen, ganz unbändige Keile, daß ihnen die Schwarte knackt? Jawoll! sage ich. Na, das genügt! sagte er. Und es jenügte voch. Ich war zu hundert Mark Geldstrafe verurteilt. Graf Pückler erzählte dann weiter, daß die Antisemiten in Dresden hiernach! zu feig gewesen seien, eine neue Versammlung zu veranstalten. Auch in Berlin hat das Gericht einen Vorführungsbefehl gegen mich erlassen. Aber ich hatte bei Zetten davon jehört, und mich dünne jemacht, und wie sie diesmal kamen, war ich längst über alle Berj>e. Zum Termin stellte ich mich aber pünktlich ein. Na, das war nu erst ne Verhandlung. Oede und langwellig, rein zum Verzweifeln. Ter Präsident schnauzte mich jleich an, so wie die Verhandlung losjejangen war, blos weil ich den Zeugen Pvlizeileutnant von Sanden mit den Worten: „Aber verehrter Herr Leutnant!" anjesprochen hatte. Na, wie sollte ich denn sagen? Sollte ich etwa zu ihm sagen: „Mein lieber, Verehrtester Herr!" oder „Mein sehr lieber, guter, bester, hochverehrtester Herr"? Ich kann das doch nicht wissen, und so fluchte und wetterte denn der Vorsitzende in einem fort, und schließlich wurde mir sojar das Wort entzogen. Sie hielten mir vor, daß es doch bedauerlich wäre, daß ein Mann von aristokratischem Namen so zum Demagogen würde. Aber ich sagte: Wir brauchen die aristokratischen Herren höchst notwendig, damit sie hinuntersteigen und die Massen wieder sammeln. Wenn das demagogisch ist, so will ich es gern sein. Wer soll das Volk denn sonst wieder patriotisch und vaterlandsliebend machen? Wer trotzdem haben sie mich verurtellt. Na, ich werde mich ja nicht dabei beruhigen. Diese Handlungsweise gegenüber einem Aristokraten und Patrioten ist einfach unerhört, und ich erkläre das Urteil einfach für inkorrekt und unstatthaft und werde mich an geeigneter Stelle über die mir zu teil gewordene Behandlung energisch beschweren. Wie man mit mir umgegangen ist, das ist einfach doll und die janze Verhandlung machte einen kläglichen und jammervollen Eindruck. Die wissen ja nicht mal, wie sie die Leute behandeln sollen. Ich vers- lange als preußischer Rittergutsbesitzer!, Graf und Patriot Respekt und Achtung, und der ^Deubel soll mir den holen, der mir diese Achtung nicht entjejenbringt. (Stürmischer Beifall.) Zum Donnerwetter, der preußische Wel hat doch noch seine Verdienste. Unsere Väter haben die Rejimenter anjefuhrt, die uns das Vaterland jeschaffen haben in bluttjen Kriejen, und da können wir woll verlangen, daß sowas anerkannt wird, ooch von einem preuß'schen Jerichtshofe und wenn unsereiner dann auch auf der Anklagebank sitzt, so soll man ihn doch respettieren, und so behandeln, wie es einem zukommt. Wer, wie jesagt, nun ist es jenug. Jetzt fange ich an, mich zu beschweren. Ich habe nu jenug davon. Ich bin von den Behörden jenug jeschunden worden, schikaniert und jeschunden mehr wie zu viel. Ich. stehe jetzt auf dem Standpunkt, daß man unsereBehörden und namentlich den Herren am jrünen Tisch energisch und barbarisch dieWahrheitgeigen muß, so geigen, daß die Kerle auf den Rücken fallen. Nich wahr, das wäre ein famoser Anblick, wenn die Leute da in Moabit unterm Tische lagen, und ich stolz wie ein Spanier den Saal verließe? In diesem Augenblick erhob sich der überwachende Polizeileutnant und bemerkte dem Redner: Ich muß dringend ersuchen, eine andere Tonart anzuschtagen. Ich habe fange genug Geduld gehabt. Graf Pückler (fortfahrend): Ja, so ist es mir also in Moabit ergangen. Und weshalb? Blos weil ich hier in Berlin in einer Versammlung wie dieser gesagt habe, man solle die ganze Judenbande aus dem Lande schmeißen und einige Salven auf sie abgeben, daß sie wie die Hasen davonlausen. Das sei doch selbstverständlich nur humoristisch gemeint gewesen. Aber das kann ich Ihnen sagen, wenn ich in Klein-Tschime zu befehlen hätte, so würde ich dekretieren: § 1. Jeder Jude kann durchgehauen werden. § 2. Jeder Jude kann rausgeschmissen und mit Dreschflegeln verdroschen werden. § 3. Jeder sehr fteche Jude kann sogar aufgehangen werden. Na, sehen Sie, das fassen Sie doch auch scherzhaft auf. Eigentlich müßte man auch so über mein Urteil lachen, wenn es nicht so traurig wäre, daß sich darin wieder die Furcht vor den Juden zeigt. Unsere Behörden laufen eben wie doll und verrückt hinter den Juden her und .. Bei diesen Worten setzte der überwachende Polizei leutnant den Helm aus, rief Silentium! und erklärte die Versammlung für aufgelöst. Aus Stadt und Sand. Nachrichten von allgemeinem Interesse sind uns stets willkommen und werden angemessen honoriert. Gießen, 14. November 1901. • • Ernennung. Der Großherzog hat den Schuldiener an der Volksschule zu Alzey Wilhelm Klee zum Pedellen an der Realschule und dem Progymnasium daselbst ernannt. * * Prof. Dr. Gustav Vogt t- In Zürich ist gestern der ordentl. Professor für Sck)weizerisches Recht Gustav Vogt gestorben. Gustav Vogt ist im Jahre 1829 in Gießen geboren Er ist ein Bruder des bekannten Naturforschers und Politikers Karl Vogt, der fett 1847 an unserer Landesuniversität als Professor wirkte und in der Bewegung von 1848 von der Stadt Gießen zum Obersten der Bürgergarbe gewählt und in das Vorparlament, später auch in die deutsche Nationalversammlung nach Frankfurt a. M- gesandt wurde. Gustav Bogt hat sich wie sein älterer Bruder schrift- tellerisch vielfach bethätigt. Wir nennen von seinen Werken, ölgende: Handbuch des Schweizer isch-en Bundesrechts (Solothurn 1860), Revision der Lehre von den eidgenössischen Konkordaten (Zeitschr. der Bem- Juriftenver. 1865), Beiträge zur Kritik und Geschichte der Administrattvjusttz im Kanton Bem (ebenb. 1869). „Was nun?" Ein Beitrag zur Lösung der Eisenbahnfrage (Schweiz. Zeiffchr- Zürich 91), der Nordostbahnstreit (ebenb. 1894). • • Liceutiat B. Willkomm, Assistent bei der Bibliothek bet Landesuniversität, wird, wie rotr hören, voraussichtlich zum 1. Januar Gießen verlassen und als Hilfsbibliothekar an der Universität Jena, zunächst in Vertretung des Bibliothekars Dr. Steinhäuser, der einem Ruf als Vorstand der städtischevi Bibliothek in Kassel folgt, nach Jena übersiedeln. * * Herr Karl William Büller spielt am Freitag im hiesigen Stadttheater den „Striese" in Schönthans üierafiigem Schwank „Der Raub der Sabine rinnen". Die „Augsb.. Ztg." schreibt über die Aufführung folgendes: „Der Raub der Sabinerinnen" hat wohl noch selten einen solchen Lacherfolg erzielt. Tie Auffüllung der Rolle zwar weicht von dem landläufigen „Striese"-Typus weit ab. Striese ist nichts anders als der Leiter einer „Schmiere". Unter diesem Gesichtswinkel betrachtet Herr Büller seinen Striese, Emanuel Striese, und das Bild, das er vor uns erstehen läßt, ist denn auch von eminenter Wirkung. Jeder Zug, jede Bewegung, jede Miene ist ein kleines wohlausgeselltes Genrebildchen. Förmlich explosive Wirkung erzielte der £ triefe des Herrn Büller. Solch bedingungslosen Erfolg zu erreichen, dazu gehört ein geborener Komiker, und das _ ist Herr Büller. Das vollbesetzte Haus gab sich denn auch widerstandslos der Kunst des Gastes gefangen und quittierte unaufhörlich mit lautestem Beifall. Wir haben noch selten solche Heiterkeitsausorüche erlebt, als am gestrigen Wend. * * Eine Zählung der Reisenden in den Eisenbahnzügen findet am 16., 17. und 18. November, am 11., 12. und 13. Dezember ds. Is. und am 12., 13. und 14. Februar n. Is. statt. ** Offene Stellen für Militäranwärter im Bezirk der Großh. hessischen (25.) Division. Neu-Isenburg, Bürgermeisterei, Polizeiwachtmeister, 1700 Mark, steigend bis zu 2300 Mk. und 100 Mk- Kleidergelb pro Jahr; daselbst 3 Schutzmänner, je 1100 Mk., steigend bis zu 1500 Mk. und 70 Mk- Kleidergeld pro Jahr. Im Bezirk des 18. Armeekorps- Camburg (Nassau), Amtsgericht, Kanzleigehilfe zur vorübergehenden (etwa zweijährigen) Aushilfe, Vergütung nach Seiten mit 5—10 Pfg. (je nach vorheriger Festsetzung). Freienohl (Kr. Arnsberg), Polizei- verwaltung, Polizeidtener und Vollziehungsbeamter, An- fangsgehalt 800 Mk., steigt bis 1200 Mk., daneben 50 Mk. Kleidergeld und 50 Mk. Wohnungsgeldzuschuß, Nebengehalt als Vollziehungsbeamter 50 Mk. Nassau, Stadtgemeinde, Polizei- und Gemeindediener, 800 Mk. und 70 Mk- für Uniform. Plettenberg, Amt, Polizeidiener und Vollziehungs- beamter, 1100 Mk., 60 Mk- Wohnungsgeld und 75 Mk. Kleidergeld. x Nieder-Ohmen, 13. Nov. Kürzlich zog sich das em halbes Jahr alle Kind eines hiesigen Einwohners dadurch eine gefährliche Brandwunde zu, daß es der Bratpfanne zu nahe kam. Jetzt ist das arme Wesen seiner Brandwunde erlegen. □ Ermenrod, 13. Nov. In der dieser Tage hier stattgehabten Bürgermeisterwahl unterlag der bishettge Bürgermeister. Wie verlautet, konnte indessen der Neugewählte nicht die Bestätigung zu seinem Amte erhallen. Infolge dessen wird eine abermalige Bürgermeisterwahl in unserer Gemeinde stattfinden. Darmstadt, 13. Nov. Prinz Heinrich von Preußen, vom Großherzog zum Bahnhof geleitet, reifte um 4 Uhr 23 Min nachmittags nach Frankftwt a. M. und fährt von da nach einem Besuch bei den landgräflichen Herrschaften nachts nach Potsdam weiter. — Veranstaltungen, zu denen das Erscheinen des großherzoglichen Paares erwartet' und zugesagt war, sind hier, vorerst abgesagt. Das ist beispielsweise mit einem Diner des russischen Gesandten, Fürst Coudascheff, der Fall, das für die nächste Woche angesagt war. Darmstadt, 13. Nov. Man schreibt der „D. Z.": „Tie Angelegenheit der Unterzeichnung des Handelsvertragsvereins-Aufrufs durch zahlreiche Darmstädter Geschäftsleute, welche mit der Landwirtschaft in regem Verkehr stehen, scheint von den Landwirten weiter verfolgt zu werden. Wie verlautet, sind auf eine an die seinerzeit unter dem Aufrufe Unterzeichneten ergangene Wfrage neuerdings zahlreiche Mitteilungen von Tarmstädter Geschäftsleuten eingegangen, wonach diese erklären, daß sie den Aufruf thatsächlichnicht unterschrieben haben, ihre Namen vielmehr gegen ihr Wissen und Wttlen nach dem bekannten Vorgehen vom Handelsvertragsverein selbst unter den Ausruf gesetzt worden sind. Es fehlt in den eingelaufenen Zuschriften nicht an Aeußerungen, welche die eigentümliche Art der Unterschristen-Einholung des Handelsvertragsvereins auf das schärfste verurteilen. Wch geht daraus hervor, daß nicht nur Mitglieder des Handelsvertragsvereins, sondern auch andere Geschäftsleute ohne deren Wissen und Einverständnis unterschrieben^worden sind, lvas einer gegenteiligen Aeußerung der „Franks. Ztg." gegenüber konstatiert fet Die von mehreren Landwirten der Umgebung ausgehende Auflage hat nach ihrem Wortlaut den Zweck, hinsichtlich der weiteren Stellungnahme zu ermitteln, welche Firmen die extrem landwirtschaftlich- feindliche Kundgebung des Handelsvertragsvereins absichtlich unterzeichnet haben gegenüber denjenigen, welche gegen Wissen und Willen unterschrieben worden sind unb anscheinend die Mehrheit bilden." — Die vom national* liberalen Verein angenommene Protest-Resolution gegen die Auslassungen des englischen Kvlonialministers Chamberlain lautet: „Die am Abend des 12. November hier zahlreichst vereinigten Bürger und Einwohner Darmstadts weisen mit Entrüstung Die unerhörte, maßlose Verdächtigung des deutschen Heeres, welche der englische Äolonialminister Chamberlain in einer am 25. Oktober öffentlich gehaltenen Rede vorgenommen, zurück und legen energische Verwahrung gegen diese mit der Geschichte in grellem Widerspruch stehende empörende Beschimpfung des deutschen Heeres ein. Wir erheben lauten Widerspruch gegen diese nicht bloß das deutsche Heer, sondern auch seine Führer, namentlich den unvergeßlichen Kaiser Wilhelm I., Joie die königlichen Helden, den Kwonvrinzen Friedrich Wilhelm, den Prinzen Friedrich Karl und unseren Prinzen Ludwig, den verewigten Großherzog Ludwig IV. von Hessen, sowie unsere großen DÜinner, mie Fürst Bismarck und Graf Mvltke aufs tiefste verletzende, verungliinpfende Aeußerung und erwarten, daß der deutsche Lieichs- tanzler, wie der deutsche Reichstag, diese dem deutschen Heere uitb seinen großen Führern angethane Schmach in gebührender Weise Äzufertigen wissen werden." Bürgel, 13. Nov. Gegen die Gemeinderatswahl vom 26. August war bekanntlich von mehreren Einwohnern in Bürgel Einspruch wegen verschiedener Gesetzwidrigkeiten erhoben worden. Die Verhandlung vor dem hiesigen Krcis- ausschuß fanb am 6. statt. In der jetzt verkündeten Entscheidung wurde die stattgefundene Wahl vom Kreisausschus; auf Grund des Art. 25 der Landgemeindeordnung wegen erheblicher Gesetzwidrigkeiten beanstandet. Die Verstöße bestanden darin, daß während der Offenlegung der Wahlliste eine Anzahl von Namen von dem Bürgernreister teils aus eigener Machtvollkommenheit nachgetragen und anderseits auch -von den in der Liste Eingetragenen eine Anzahl wieder gestrichen sind, ohne daß die davon Betroffenen Nachricht erhalten haben. Als weiterer Grund zur Beanstandung rst die in Abwesenheit der Wahlkommission vom Bürgermeister in > Gemeinschaft mit dessen Gehilfen vorgenommene Nummerierung der Stimmzettel und Feststellung des Wahlprotokolls ungesehen. Eur neuer Termin ist auf Mittwoch den 20. d. xMts., vor dem Kreisausschuß anberaumt. Mainz, 13. Nov. Wie üblich hielt der Mainzer Karneval- oerein am 11. November seine Generalversammlung ab. -Darin wurde auch das Programm des am Fastnachtsmontag fftattsindenden großen Zugs vorgelegt. In diesem wird die Darmstädter Künstler-Kolonie eine große Rolle spielen. Dem „Mainzer Tagblatt" zufolge sind a. A. folgende Gruppen vorgesehen: Die beiden großen Figuren vom Eingang der Darmstädter Künstler-Ausstellung mit dem Rücken nach der Spitze des Zuges auf zwei Bollerkarren, das Gewand bis oben hin züchtig zusammenraffend; hierauf die sieben Darmstädter Schwaben, einen langen Klingelbeutel wie einen Spieß tragend, mit bem sie bei dem Publikum sammeln. Wagen der Künstler-Kolonie, ganz in grellen Farben gehalten, rechts und links auf dem Wagen Bäume, die auf dem Kopfe stehen, mit den Kübeln nach oben. Vorn das Darmstädter Spielhaus mit dreieckiger Thüre (die Spitze nach unten gekehrt). Der Kassierer an der Kaffe schläft. Auf der Rückseite des Wagens lang herabhängend das Original Darmstädter Riesenplakat. An der Spitze des Wagens, gleichsam von demselben gezogen, der Pegasus in Gestalt eines großen Schaukelpferdes mit herunterhängenden Flügeln; auf demselben ein Tünchcrlehrling sitzend, das Ende des Flügels als Steigbügel benutzend. Zweiter Künstler-Kolonie- Wagen mit der Aufschrift: „Großherzogliches Tünchergeschäst". Auf einem erhöhten Throne die trauernde Göttin der Kunst; letzterer wird als Schlußstück von zwei pyramidenartigen Grabsteinen gestützt mit der Auffchrift: „Hier ruht in Frieden die Vernunft." „Schlumrnre sanft, o Kunst." An der Hinteren Seite des Wagens eine Waage, in der herunterhängendcn Schale ein Geld sack mit der Aufschrift: „280,000 Mk. Defizit", in der anderen Lorbeerkränze, die von den hinten nachlaufenden Künsllern trotz aller Mühe nicht erreicht werden können. Auch sonst wird der Zug reich sein an humoristisch- satyrischen Gruppen. Mainz, 13. Nov. Die hiesige Ortsgruppe des Alldeutschen Verbandes veranstaltete heute abend für den verstorbenen Reichstagsabg. Lehr eine Trauerkundgebung. —. Die Flurschäden der Herbstmanöver im Kreise Mainz betragen 20 000 Mk. Die Besitzer sind durch diese Regulierung sehr befriedigt. — Auf das Preisausschreiben der Stadt für die Errichtung eines Denkmals für den verstorbenen Stadtbaumeister Ed. Kreyßig sind 37 Entwürfe eingelaufcn. Das Denkmal, das auf der Kaiserstraße errichtet werden soll, darf nicht mehr als einen Kostenaufwand von 15000 Mk. beanspruchen. Wiesbaden, 13. Nov- Im Wiesbadener Architektenverein machte Eisenbahnbauinspektvr Petry eingehend Mitteilung über das neue Bahnhofsprojekt. Danach sind Die Pläne ministeriell noch nicht genehmigt. Auch die Geldmittel sind noch nicht bewilligt. Das frühere Projekt erforderte etwa 11 Millionen, das jetzige etwa 17 Mill. Der Personenbahnhof mit 130 Meter Front wird ähnlich dem Frankfurter angelegt und rückt um etwa 700 Meter weiter nach Süden hinaus an die Südseite der hier noch auszubauenden Ringstraße. ** Kleine Mitteilungen ans Hessen und den Nachbarstaaten. In Liederbach wurde bei der Beigeordnetenwahl Karl Vierheller mit 27 Stimmen zum Bürgermeister-Stellvertreter gewählt. Etwa 50 Prozent der Wähler hatten von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht. Der bisherige Beigeordnete Weiß II. hatte eine Wiederwahl abgelehnt. — In Eltville soll ein Bäcker eine Brodsorte erfunden haben, die 30 Tage frisch bleibt. Der Bäcker hat ein kleines Vermögen an die Versuche gewagt, man spricht von 7000 NU. Armee und Marine prüfen jetzt das patentierte Backwerk. — Am Mitt- wochmorgen wurde von dem Binger 8 Uhr-Zug kurz vor der Station Heidesheim ein unbekannter Mann, der sich in selbstmörderischer Absicht auf das Schienengeleise geworfen hatte, totgefahren. Der Kopf wurde ihm vom Rumpf ge- trennt. — In Eschborn i. T. sind die Masern in der- arügem Umfang aufgetreten, daß die beidm Schulen seitens der Behörde auf die Dauer von 14 Tagen geschlossen werden mußten. Ein Kind ist der Epidemie bereits erlegen. — Fünf Jungen im Alter von 11 bis 16 Jahren trieben sich am Sonntag in der Nähe des sog. Jägerhauses bei Herborn- Seelbach herum. Zwei von ihnen erbrachen ein Häuschen, in welchem Sprengpulver aufbewahrt wird, entnahmen dem Vorrat einen Hut voll, schütteten es auf einen Haufen und zündeten diesen an. Die entstehende Flamme verbrannte zwei Jungen auf eine ganz schreckliche Weise. Einer von beiden ist bereits gestern gestorben. Ter andere wird den Verlust des Augenlichtes zu beklagen haben. Uermischtes. • Zum Duell Blaskowitz. Von angeblich com- petenter Stelle wird jetzt in Insterburg gegenüber den bisherigen Mitteilungen über das Duell, dem der Leutnant Blaskowitz zum Opfer gefallen ist, folgende Richtigstellung veröffentlicht: „Erstens: Leutnant Blaskowitz hat sich den Rausch nicht im Offizierkasino, sondern in einem hiesigen Hotel geholt. Offiziere waren nicht zugegen. Zweitens: Der Ehrenrat wie der Regimentskominandeur haben über die Tuellaffaire als solche nicht zu entscheiden gehabt und nicht entschieden. Drittens: Eine Ehrenerklärung seitens des Leutnants Blaskowitz hat nicht stattgefunden; sie war auch nach Lage der Sache vollständig ausgeschloffen. Bedingt war einmaliger Kugelwechsel. Viertens: Weder der Regimentskommandeur noch der Ehrenrat waren bei dem Duell zugegen." (Es liegt auf der Hand, daß diese Feststellungen, ebenso wie die von uns gestern wiedergegebene Darstellung, ge- migen, um den traurigen Vorfall in milderem Licht erscheinen zu lassen. Man darf wohl auch annehmen, daß die militärischen Behörden mit der obigen Richtigstellung noch nicht das letzte Wort gesprochen haben. * Rednerische Entgleisungen. In den „Oesterr. Bl. für Stenogr." finden wir folgende, den Sitzungsberichten des Wiener Abgeordnetenhauses entnommenen orarorischen Stilblüten: „Der Herr Vorredner hat sogar in den harmlosen Tauben, deren Zucht nach meinem Anträge gefördert werden soll, ein Haar gefunden". — „Diese Flotte, welche zum großen Teile nur dem phantasiereichen Gehirne der Gegner entspringt, steht ja überhaupt nur auf dem Papier". — „Wir schöpfen neue Hoffnung für die bedrängte Bevöllerung aus dem warmen Munde, mit dem der Minister über ihre Lage gesprochen hat". — „Die Ziegel- und Pflastersteine, welche die Fesüeilnehmer damals gegen die Fenster geschleudert haben, wollen die Herren heute uns in die Schuhe schieben". — „Es herrscht eine Arbeitslosigkeit auch auf den Abgeordnetenbänken, welche sich scheuen, die sachliche Arbeit in die Hand zu nehmen". Universitäts-Nachrichten. Innsbruck, 13. Nov. Die Vorlesungen an der Universität werden am 14. November in vollem Umfange wieder ausgenommen. Gerichtssaal. Frankfurt a. M., 13. Nov. Dor der hiesigen Strafkammer hatten sich heute zwei Wechselfabrikanten zu verantworten. Äcr 34 Jahre alte Kausmcmn Richard Wernle offerierte durch Zirkulare, Annoncen u. s. w. geldsuchenden Leuten Accepte, die er als Kundenwechsel bezeichnete. Die Geldsuchenden mußten dafür 3 Prozent Provision pränumerando bezahlen. In Wirklichkeit waren es Gefälligkeitsaccepte, ohne als solche gekennzeichnet zu sein. Die Querschrisl vollzog der vermögenslose Agent Friedrich August Heineck aus Glauchau gegen eine Vergütung von je 50 Psg. 300 Wechsel haben die beiden auf diese Weise fabriziert. Ein Kunde, der einen solchen Wechsel ausdrücklich als Kundenwechsel bezeichnete uud in Umlauf seyte, ist wegen Betrugs bestraft worden. Ein anderer, der für 1800 Mk. Wechsel genommen und diese als Kundenwechsel in Umlauf gesetzt hatte, löste sie selbst wieder ein. Alles in allem bezahlten die Leute die 3 Prozent für ein wertloses Stück Papier, auf das ihnen kein Mensch einen Pfennig gab. Wernle, der früher m München und Stuttgart wohnte, und in Basel wegen ähnlicher Geschichten mit 9 Monaten Gefängnis bestraft ist, wurde wegen Betrugs zu 4 Jahren Gefängnis verurteilt. Heineck erhielt wegen Beihilfe 9 Monate Gefängnis. Hanau, 13. Nov. Dor dem Schwurgericht begann heute ein Mord prozeß. Angeklagt sind der Bauer G l ä s e r und sein 22jährigcr Sohn aus Meerholz bei Schlüchtern, denen zur Last gelegt wird, am 8. August den Bauer Fuchs aus Meerholz gemein- schaftlich ermordet zu haben. Fuchs, mit dem die Familie Gläser m Streit lebte, hatte gegen den jungen Gläser eine Anzeige erstattet und war zu seiner Vernehmung am Amtsgericht au Schlüchtern gewesen. Am andern Morgen sand man ihn ermordet am Wege liegen. Der Verdacht der Lhäterschaft fiel sofort auf die beiden Glaser. Der junge Gläser hat auch eingestanden, daß er dem Fuchs ausgelauert und nach einem kurzen Wortstreit mit einem Prügel auf ihn eingeschlagen habe. Der alte Gläser leugnet jede Schuld. Der Prozeß wird etwa 4 Tage dauern. Schiffsnachrichten. Norddeutscher Lloyd. In Gießen vertreten durch Earl Loos, Kirchenplatz. Bremen, 13. November. (Per transatlantischen Telegraph.) Der Doppelschrauben - Schnellpostdampser „Kaiser Wilhelm der Große", Kapitän H. Högemann, vom Norddeutschen Lloyd in Bremen, ist heute 8 Uhr morgens wohlbehalten in Newyork angenommen. Eisenbahn Zeitung. — Herborn, 13. Nov. Infolge eingetreteuer technischer Schwierigkeiten wurde die Eröffnung der Bahnstrecke Herborn- Hartenbach verschoben. Kirchliche Nachrichten. Evangelische Gemeinde. Donnerstag den 14. November, abends 8 Uhr, Bibel stunde im unteren Konfirrnandensaal, Kirchstraße 9. Jac. 2, 1 ff. Pfarrer Dr. Grein. Gottesdienst der israelitischen Keligionsgesellschast. Sabbathfeier am 16. November 1901. Freitag abend 415. Samstag vormittag 8’° Nachmittags 380. Sabbathausgang 526. Wöchengottesdienst: morgens 7 Uhr, abends 400 Uhr. Briefkasten. (Anonyme Anfragen bleiben unberücksichtigt.) Eine Stammtisch-Anfrage. ^Dürfen Herrenkleidergeschäfte ihre Zuschneider SomUags beschäftigen ober als Verkäufer an Sonntagen benutzen? Unter welchen Paragraphen bes Bürgerlichen Gesetzbuches gehören dieselben?" — Antwort: Ein Zuschneider zählt nicht zu den im § 133 a der Gewerbeordnung bezeichneten Angestellten höherer Art, sondern ist nach einer Entscheidung des Berliner Gewerbegerichts vom 16. September 1896 gewöhnlicher Gewerbegehilse: er unterliegt also auch den für Ge> werbegehilfen geltenden Bestimmungen. Nach diesen darf der Ge- iverbegehilfe an Sonntagen nicht beschäftigt werden, mit Ausnahme von 6 Sonntagen im Jahre, über deren Wahl er sich mit dem Arbeitgeber verständigen tind an denen er bis 12 Uhr mittags arbeiten muß. Mil diesen Bestimmungen dürfen aber nicht die für Kontor- oder Ladenangestellte verquickt werden, wie der oder die Fragesteller es lhun. Diese Angestellten dürfen an SonrUaaen bis nachmittags 3 Uhr beschäftigt werden, nut Ausnahme der polizeilich sestgelegten Sonntage vor Festen usw., an bene» länger gearbeitet werden darf. — Sie sehen, wir treiben die alttestamen- tarijche Politik „Ailge um Auge, Zahn um Zahn". Ihr heutiges liebenswürdiges Schreiben Hal uns vielen Spaß gemacht und wir danken Ihnen für Ihre sremidlichen Gesinnungen verbindlichst. Ganz besoirders bitte» wir, den Herrn von uns heimlich zu grüßen, der ein so außerordentlich zutreffendes Urtell über Dinge und Verhältnisse abgegeben habeii soll, in die er, wie der Augenschein lehrt, den allertiefsten Eiriblick hat. Anonyme Ausfälle sind doch immer ein Zeichen nobelster Gesümung. Ncuefte Meldungen. Originaldrahtmcldungcn des Gießener Anzeigers. Berlin, 14. Nov. Zur gestrigen Frühstuckstafel beim Kaiser war u. a- Prinz Hohenlohe-Oehrmgen, der preußische Gesandte in Darmstadt, geladen. Wildpark, 14. Nov. Prinz Heinrich von Preußen ist heute Vormittag 10 Uhr im Neuen Palais eingetroffen. München, 14- Nov. Für die Nervofttät, die die Frage der Einheitsbriefmarke in gewißen politischen Kreisen Bayerns erregt, ist ein sehr heftiger Artikel eines Münchener partikularistischenOrgans bezeichnend, das dem Prinzregeuten die Aeußerung in den Mund legt „Mehr lasse ich mir nicht ab pressen." Das Blatt betont, daß in dieser Anschauung alle Bayern mit dem Herrscher einig seien. Es rst zu erwarten, daß dies bei der auf heute verschobenen Generaldebatte über den Etat oes Auswärtigen Ministeriums zur Sprache ge- bracht werden wird. Augsburg, 14. Nov. Heute vormittag begann unter großem Andrang des Publikums die Schwurgerichtsverhandlung gegen Kneißl und Genoßen. Bei Beginn der Verhandlungen wies der Präsident mit Bezug auf einen Zeitungsartlkel darauf hin, daß sich die Geschworenen nicht an die angebliche Stimmung tn der Bevölkerung Augsburgs zu Gunsten oder Unguasten des Angeklagten oder der Gendarmen zu kümmern hätten. Er fei übet zeugt, daß die Geschworenen von den Zeitungsartikeln sich nicht beirren taffen werden. Es sind im ganzen 122 Zeugen geladen. Amsterdam, 14. Nov. Dem Reuter'schen Bureau wird aus Apeldoorn bestätigt, daß die Königin Wilhelmina vorzeitig entbunden habe. Die Königin fei zwar schwach, ihr Zustand fei jedoch nicht besorgniserregend. London, 14. Nov. Kriegsuunister Brodrick hielt gestern bei einem Diner eine Rede, in der er aussührte, kein Krieg sei mit mehr Menschlichkeit geführt worden als der in Südafrika. Die Verlängerung des Krieges sei der allzu wohlwolleudeu Behandlung der „Re- bellen" zuzuschreiben. Die Buren verheimlichten ihre Spur, indem sie die Eingeborenen auf dem Marsche töteten. Erst heute habe er ein Telegramm von Kitschener erhalten, in dem es heiße, an den Eingeborenen verübte Alordthaten der Buren seien häufig vorgekommen- Am letzten Sonntag seien wieder zwei Eingeborene tot auf dem Boden eines Schacht s ausgesunden worden, wohin sie mit gebundenen Händen hinabgeworfen worden seien. In den Konzentrationslagern und aus den verschiedenen Inseln befänden sich 42 000 Buren. Die Zahl der Getöteten und Verwundeten sowie derjenigen, die England verlassen hätten oder aus Ehrenwort freigegeben worden seien, betrage 11 0 00. Unter den Waffen stünden noch 10 000. Durch die Einführung des Blockhäusersystems sei es den Engländern gelungen, den Aufenthalt der Buren in einem Gebiet von 147 000 Quadratmetern in Transvaal und 17 000 Quadratmetern im Oranje-Staat unmöglich zu machen. Das übrige Gebiet werde durch leichtbewegliche englische Truppen-Kolonnen gesäubert. Der Redner schloß seine Ausführungen mit der Bemerkung, die Regierung fei so sehr von der Notwcudigfeit überzeugt, den Mißstand brechen zu müssen, daß sie b eab sich- tige, Kittchener frische Truppen zu senden, um die Ermüdeten zu ersetzen. Gerade heute habe eine brittsche Kolonie zu diesem Zweck ihren Beistand augeboten. Berlin, 14. Nov- Heber die Stimmen-Mehrheit, mit welcher der Zolltarif im Bundesrat angenommen wurde, gehen die zudem sehr unsicheren Angaben auseinander. Cs unterliegt aber keinem Zweifel, haß die Minderheit sehr klein war. — Von den wichtigsten Aenderungen, die die Bundesrats-Ausschüsse beziehungsweise der Bundesrat am Zolltarif-Gesetz und am Zolltarif vorgenommen haben, verzeichnet der „L.A." u. a. folgende: Den deutschen Zoll-Ausschüssen sind die vertragsmäßigen Zoll-Befreiungen und Zoll-Ermäßigungen grundsätzlich ein» geräumt worden. Die handelsüblichen Hrnschließungen der Waren (Emballagen) bei deren Eingang in den freien Verkehr sind ausdrücklich für zollfrei erklärt worden. Die Hopfenzölle wurden um ein Drittel erhöht, der Quell r a ch o - Z o l l um die Hälfte ermäßigt. Der G ä n s e z o l t von 70 Pfg. für das Stück blieb bestehen. Für den Doppelt Zentner wurde indes ein neuer Zoll von 24 Mk. hinzugesügt. Bei dem Gänsezoll hat man es sicher mit einem der vielen 5wmpensations-Obiekte zu thun, die in dem neuen Zolltarif-Entwurf enthalten sind. Vielleicht gilt dasselbe auch' von dem erhöhten Hopfenzoll. Berlin, 14. Nov- Gegenüber allen bisherigen Darstellungen ist das „Kl. I." in der Lage, folgenden authen- lisch en Bericht der Augenzeugen über dasJnsierburger Duell zu geben: Am Donnerstag den 31. Oktober nachts trafen die Artillerie-Leutnants Hildebrand und Raßmussen auf dem Nachhausewege Blaskowitz, der halb sitzend, halb liegend in einer Ecke hockte und augenscheinlich, stark betrunken war. Da die beiden Genannten die Wohnung des Leutnants nicht kannten, so ging einer von ihnen bis zur nächsten Ecke zurück, um einen dritten Artillerie-Offizier, von dem sie sich eben getrennt hatten, darnach zu fragen. Dieser wurde auch eingeholt und war im stände, die gewünschte Auskunft zu geben. Die drei Artilleristen geleiteten nunmehr gemeinschaftlich den Betrunkenen nach Hause und zwar bis in sein Zimmer. Daselbst angelangt, erklärte Leutnant Blaskowrtz, daß er noch etwas trinken müsse, und versuchte wieder aus seinem Zimmer ins Freie zu gelangen. Da gütliches Zureden nichts fruchtete, die Reden und Gegenreden aber immer heftiger rouroen, so befahl Oberleutnant Hildebrand als der älteste im Zimmer anwesende Offizier dem Leutnant Blaskowitz, -sich nunmehr ruhig zu Verhalten, und als diese Mahnung auch nichts half, rief er iym zu: /z<5ie brauchen nichts mehr zu trinken. Sie sind ja schon besoffen wie ein Schwein." Kaum hatte er diese Worte ge- spvochen, so stürzte Leutnant Blaskowitz aus ihn zu und versetzte .ihm eine schallende Ohrfeige. Oberleutnant Hildebrand verließ hierauf die Wohnung, ohne irgend etwas zu entgegnen oder sich gar selbst zu Thätlichkeiten hinreißen zu lassen. Daraufhin ließ sich Blaskowitz auf einen Stuhl nieder und fragte, ob er wirklich so besoffen wäre, woraus Raßmussen antwortete: „Sie verdienten, daß man JhneneinsmitderNeitPeitschedurchsGesichit zieht." Da sprang Blaskowitz wiederum auf und schlug Raßmussen ebenfalls ins Gesicht. Die beiden Artilleristen entfernten sjch darauf stillschweigend. — Diesem Bericht der Augenzeugen fügt das „Kleine Jourrial" noch hinzu, daß Blaskowitz steif und fest dabei blieb, sich auf den ganzen Vorfall nicht zu entsinnen, wodurch für .chn auch die Möglichkeit entfiel, durch eine Abbitte die Sache wieder gut zu machen. Der Ehrenrat aber verfügte, daß Blaskowitz den beiden Offizieren Genug- thuung zu geben habe, es wurde je einmaliger Kugelwechsel bestimmt, und beide Duelle sollten hintereinander ausgesochten werden. Hamburg, 14. N>ov. In der gestrigen Sitzung der Bürgerschaft kamen die Blättermeldungen zur Sprache, daß Kriegsmaterial an dieEngländer über Hamburg nach Südafrika zur Versendung gelange. Rechtsanwalt Jacobsen interpellierte die Deputation für Handel und Schiffahrt, und ersuchte um Aufklärung, in welchem Umfange Kriegs-Material, Munition, Lebensmittel und Pferde über Hamburg nach Südafrika gingen, und ob irgendwelche Maßregeln zur Verhinderung der Ausfuhr getroffen worden seien, da diese Gegenstände doch Kriegs- Contrebande wären. Weil der Redner bei seiner Begründung des Antrages angeblich zu weit abschweifte, entzog ihm der Präsident das Wort. Hierauf erklärte das Mitglied der Deputation für Handel und Schiffahrt, Lütgens, ihm lägen aus Rhederkreisen Antworten zweier Schiffahrt- Linien vor, deren Verwaltungen nichts weiter über diese Verschickungen bekannt sei. Ein Ausfubrverbot bestehe deutschersells gegenwärtig nur hinsichtlich Chinas. Uebri- gens sei nach den statistischen Ausweisen die Ausfuhr über Hamburg nach Süd-Afrika nur ganz minimal. Karlsruhe, 14. Nov. Aus einer offiziösen Berliner Zuschrift an die hiesige „Südd. Reichs-Korresp." geht hervor, daß die leitenden englischen Kreise in nichtamtlicher Form über die Empfindungen, welche die Sprache des Kolonialministers Chamberlain bei der deutschen Regierung ausgelöst hat, gut unterrichtet worden sind. London, 14. Nov. Wie „Daily Telegraph" meldet, werde Präsident Krüger, falls das Schiedsgericht den Buren-Antrag ablehnt, einen Aufruf an die Großmächte richten, um) einen Waffenstillstand zu erlangen, der ihm gestatten würde, mit England wegen der Friedensbedingungen zu unterhandeln. London, 14. 9Lov. Aus Brüssel wird gemeldet: Wenn das Haager Schiedsgericht sich weigert, den Burenantrag betr. Einsetzung eines Schiedsgerichts zu erwägen, werde Krüger ein Schreiben an den deutschen, den russischen und den österreichischen Kaiser richten und diese um ihre Intervention ersuchen. Liverpool, 14. Nov. Sir Grey hielt gestern abend eine Rede, in der er die Umbildung des Kabinetts mit Elementen der Regierungspartei verlangte. Er drückte sich äußerst befriedigt aus über die Rückkehr Lord RofeveryZ in das politische Leben. Ferner erklärte er, daß nach Sei endigung des Krieges die Autonomie in Südafrika eingesührt werden würde. Telephonischer Kursbericht- Jb'rankfart a. M., 14. November. 3*/2% Reichsanleihe . . 100.55 30/, do. ... 89.45 37,% Konsole ...» 100.50 3% do ..... 89.40 3 72% Hessen .... 98.00 5% Italien. Rente . . . 99.10 4 /o Griech. Monopo 1-Anl. 41.50 30/ Portugiesen .... 25.80 3% Mexikaner .... 25.50 47z /j Chinesen .... 84.30 Kreditaktien.....195.50 Diskonto-Kommandit . . 173.70 Darmstädter Bank . . . 119.90 Dresdener Bank .... 121.10 Berliner Handelsges. . . 133.30 Oesterr. Staatobahn . . . 138.00 Gotthard bahn.....154.30 Laurahütte ...... 179.50 Bochum ....... 164.00 Harpener ...... 158.00 Tendenz: fest. „Henneberg-Seide“ ZU " schwarz, weiß u. farbig für Blusen und Roben von 95 Pfg. bis Mk. 18.6o p. Mir. Absolut keinen Zoll zu zahlen! da die portofreie Zusendung der Stoffe durch meine Seidensabrik auf deutschem Grenzgebiet erfolgt. — Nur echt, wenn direkt von mir bezogen! 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