essen, ‘ttWiebene«, 01384 JWt »t bie lhlne bei k,J lWw®t«bea, 151 Jahrgang Sonntag 14. April 1901 Ldreflk für Drpesch««» Anzeiger Kietze». Fernsprcchanschluß Ki.tt, WNm, t|»Oirto« unk ■^-.f.-rri- UmMmI» 7. S-s-eint iaglich mit Uy5ttib«nt bet Montag». bm Wfcfriur Kamille». ßrfiHtt »erben bem Hn« wyr im Wechsel mit ,Hrff. '«itutwrt" unb „Blätter tfk tzrß SolUfunbe" oter« »al »64«ntlid) beiylegt. Bejngsprtis vierteltätzrt. Mk. 2.JO, monatl. 76 Pf», mit Bi ingerlohn; durch w Abholrßlcllen vierlelfÄfrt. Mk. 1.90, monatl. 65 Bei Postbezug vicrteliLH«!. Mk. 2.00 ohne Bestell^» »Ae »ngdatn Btrmtttlaeeir »den de» yu> und 8tu6leew» »ehmen Vlngeigen für b*e •kfjtuer Anzeiger «ntgMM. BtUenprtt» letal 11 auBtodrtß N Pfg. GichemrAnzeiger General-Anzeiger v Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen Nr. 87 Drittes Blatt Mn Wehen n unb *tn Nm in Bedingungen ftetÄ iu Anfragen erdeten an WM 1 8 288(1 Volitische Tagesschau. Ter Vorsitzende der KanalkomMission, Abg. v. Eynern (natL), weilt zu seiner Erholung in Italien. Er wird bis zum 19. April, an dem die Kanalkommission ihre Beratungen wieder ausuimmt, zurückgekehrt fein. Die „Kreuzztg." macht diese Mitteilung und meldet gleichzeitig, daß im Abgeordnetenhause eine Besprechung von Abgeordneten der Mark Brandenburg über die Frage der Oder- Regulierung stattgefunden hat. Was Herrn v. Eynern betrifft, so ist ihm eine Erholung nach den Kanalerörterungen gewiß zur Notwendigkeit geworden, denn selten hatte der Vorsitzende einer parlamentarischen Kommission ein so unerquickliches und undankbares Amt, wie in diesem Falle. Tie eigentlichen Herren der Situation sind ja von Anfang an die Führer der Kanalopposition, Graf Limburg- Stirum (kons.) und der Expräsident der Seehandlung, Freiherr v. Zedlitz (freit) aewesen. Nach ihren Wünschen und Tirektiven mußten die Verhandlungen geführt werden, umsomehr, als auch die Zentrumsmitglieder nichts einzu- wenden hatten gegen die allergründlichste Diskussion der Kanalpläne. Es fragt ficfy, wie lange Herr v. Eynern, und wie lange die Regierung diese uferlosen Tebatten noch mit anhören werden. Tas Thema ist ergiebig genug, um noch Monate lang variiert werden au können. Ten Beschluß macht mit tötlicher Sicherheit die Ablehnung des Mittellandkanals, sowie des Dortmund-Rheinkanals auf der Basis der Emscher-Linie, und was von dem großen Wasserbauprogramm übrig bleibt, sind einzig und allein die „Kompensationen". Gegen die Entschädigung der durch die beiden vauptkanäle sich beeinträchtigt fühlenden Landesteile bestehen wenig Einwendungen — in diesem Punkte herrscht eine schöne Einmütigkeit. So wird auch zweifellos über die Frage der Oder-Regulierung unter den Abgeordneten der Mark Brandenburg ein rasches Einvernehmen erzielt worden sein. Nur fehlt begreiflicherweise der Regierung die Neigung, dies „Geschäft" zu machen, wobei sie alles bewilligen soll, ohne die Gegenleistung zu erhalten. Mit der bisher geübten Delikatesse, diesen Standpunkt von Zeit zu Zeit anzudeuten, wird die Regierung freilich den Verhandlungen der Kanalkommission keine Grenzen setzen. Es ist an der Zeit, daß eine entfdjiebene Erklärung im Namen des Gesamtministeriums eine baldige Entscheidung herbeiführt darüber, ob noch immer die Aeußerung des Grafen Limburg für die Rechte gilt: „Den Mittellandkanal bauen wir keinenfalls." Aus Stadt und Kand. töteten, den 13 April 1901 ** Kriege rkameradschaft „Hassi a". Nach dem soeben erschienenen Jahresbericht der Kriegerkameradschaft „hassia" hat das vergangene Jahr dem Landesverband den stellung. >d abends 8 Uhn MN«. Aswans entgegen zu 8 grvßulige Programm rt 9orMung. esellitasl der verehrten nMetz ßtbmobl Verband einen Beitrag zur deutschen Litteratnr geliefert hat in Gestalt eines Fachkommersbuches. Wer die Poesie des Drahtes und des Telephons kennen lernen will, wird auf überraschende Funde stoßen. Das Fachkommersbuch der Postbeamten hat in feiner Art schon Schule gemacht, denn in Nacheiferung dieses Werkes sind bereits auch die Eiseilbahnbeamten vorgegangen. Wer wie der Schreiber dieser Zeilen dieser Entwickelung näher steht und das Kleinleben der Beamtengruppen verfolgt, der hat seine Freude an dieser Rührigkeit, an diesem Bildungseifer und Vorwärtsstreben. gm Stnlkrn MumLlMst ick mich aitgekgenW. ’ ich stets mrätig W pttist kivigsi. ftine Hopfner e 47. 014« 1. April: IdiHw« I für Gießen, abends 8 Uhr. Ein Beamten-Verband. Dem aufmerksamen Leser der Parlamentsberichte wird es nicht entgangen sein, daß keine Beamtenkateaorie in den Tebatten des Reichs- und des Landtags eine so große Berücksichtigung findet, wie die Poft- und Tele- graphen-Assistenten. Tas liegt nicht etwa daran, daß diese Beamten bedeutend mehr Grund hätten, zu klagen, als andere Beamte. Andere Beamtenkategorien, besonders die „Eisenbahner", könnten nach Lage der Tinge noch mehr klagen, als diese mittleren Postbeamten. Aber sie haben nicht die vorzüglick)e Vertretung durch die Fachpresse und Abgeordnete, wie sich einer solchen die Post- und Tele- tzraphen-Assistenten erfreuen. Bekanntlich haben diese einen Über 15 000 Mann starken Verband und ein eigenes Ver- handsorgan. Verband und Fachblatt bestehen seit zehn Jahren und haben gewissermaßen schon ein wenig Geschichte gemacht, die zu einer sozialen Studie interessanten Stoff böte. Erst vor kurzem wieder hat sich das Zusammengehörigkeitsgefühl dieser Beamten in einem einzig dastehenden Beispiel von Opferwilligkeit gezeigt. Es galt, für einen erblindeten und mittellosen Kollegen Geld aufzubringen. Ein Aufruf erbrachte die Summe von nahezu 10 000 Mark, sodaß dem Erblindeten eine jährliche Beihilfe von 600 Mark di- zu seinem Tode ausgesetzt werden konnte. Fürwahr, ein schönes Beispiel von Selbsthilfe und Solidaritätsgefühl, das nid)it verfehlen kann, auch in anderen Beamtenverbänden zur Nacheiferung anzuspornen. Die „Deutsche Postzeitung", das Organ der Post- und Telegraphen-Assistenten, zeichnet sich vorteilhaft aus durd) zahlreiche gute Beiträge. Man findet darunter aus der Feder von Postbeamten Aufsätze, die an klarem Stil und reid^ent Wissen nichts Alt wünschen übrig lassen. Ter Verband pflegt eine gewisse Int e*n ationalität edelster Art, wohl eine Richtung, die er non dem Postvater Stephan bekommen hat. Ter erste Reichspostmeister war ja bekanntlich ein Freund der Idee, daß unter dem Zeichen des Verkehrs und der Welt- post die Menschen mehr und mehr davon abkommen würden, einander mit Sabul und Flinte auf den Leib zu rücken, vielmehr sich seelisch einander nähern würden. Daher finden wir deutsche Postbeamte auf dem internationalen Kongreß, der vor zwei Jahren in Como zu Ehren Voltas zusammenkam, ebenso auf einem ähnlichen Kongreß bei Gelegenheit der Weltausstellung. Deutsche, französische, englische, italienische und amerikanische Berufsgenossen in fröhlichem Bunde — ein Beispiel, dem man wünschen möchte, daß es Schule machte! Doch daran ist kein Zweifel, daß Kriege auch in den modernen Staaten durch Cliquen- mache und nationale Verhetzung entfacht werden können, dies aber um so schwieriger ist, je mehr sich die breiten Schicksten des Volkes burdi persönliche Fühlung von der Hinfälligkeit des nationalen Eigendünkels überzeugt haben. Ter internationale Anflug der deutschen Post- und Telegraphen-Assistenten ist ein kleines, aber bedeutsames Moment, geeignet, das nationale Selbstgefühl gerade dadurch ru heben, daß bie Deutschen bei solchen internationalen Zusammenkünften aus dem Munoe ihrer ausländischen Berufskollegen genug hören, um auf ihr deutsches Postwesen stolz zu werden. Uebrigens ist vor kurzem dies- bezüglidii ein interessantes Buch erschienen: „Die Volta- Festtage der Telegraphisten". Dies Werk enthält Darstellungen jener .Amgreßtage aus der Feder von Mitbeteiligten in italienischer, französischer, englischer und deutscher Sprache, für den Kulturhistoriker ein interessantes, Ltudienwerk. Nicht unerwähnt soll bei dieser Gelegenheit bleiben, daß der deutsche Post- und Telegraphen-Assistenten- ansehnlichen Zuwachs von 31 Vereinen gebracht, darunter 25 neugegründete. Ausgeschlossen wurde ein Verein, während ein weiterer Verein sich aufgelöst hat. Am 31. Dezember 1900 zählte die „Hassia" 860 Vereine mit 45 204 aktiven unb 6479 passiven Mitgliedern. Nach der Rechnungsablage betrugen die Einnahmen: 1. bei der Verbandskasse 30 659 Mark, 2. bei der Prinz Ludwigstiftung 1466 Mk., 3. bei der Emst Ludwig-Viktoria Melittastiftung 9079 M. Tie Ausgaben waren bei 1. 28 523 Mk., bei 2. 883 Mk. und bei 3. 4567 Mk. Das Vermögen betrug bei der Verbandskasse 94154 Mk., bei der Prinz Ludwigstiftung 26 584 Mk. und bei der Ernst Ludwig-Viktoria Melittastiftung 10 977 Mk Das für Veterarienunterstützung bestimmte Kapital ist 31964 Mk. stark. An Unterstützungen wurden 5600 Mk. gewährt und. Unterstützungszulagen für Veteranen 2555 Mk. Die Prinz LudrviaMftustg zahlte 870 Mk. Unterstützungen und die Emst Ludwig-Viktoria Melittastiftung 139 Beihilfen an Konfirmanden mit 2010 Mk. Für ba§ lausende Jahr sind zu gleichem Zweck 2245 Mk. yorgesehen. Tas Verbandsorgan, die „Parole" wurde in 935 Exemplaren gelesen. Jahrbücher wurden die erhebliche Zahl von 32322 Stück vertrieben, woraus- dem Verband ein Gewinn von 5818 Mk. zukam, welcher Betrag zur Unterstützung hilfsbedürftiger Kameraden Verwendung fand. Mit Befriedigung kann konstatiert werden, daß durch die von dem Präsidium mit der Zentralanstalt für Arbeitsnachweis in Darmstadt getroffene Einrichtung des kostenlosen Nachweises von Arbeitsstellen eine größere Anzahl solcher Stellen mit den im Herbst zur Entlassung gekommenen Reservisten besetzt wurden. Ter diesjährige Telegiertentag findet am Sonntag den 9. Juni in Wimpfen statt. •* Kleine Mitteilungen au! Hessen nutz den Nachbarstaaten. In Hungen hat sich als dritter Arzt Tr. Wagner, bisher Assistent am städtischen Krankenhaus in Mainz, nieder- gelassen. — In der Osterwoche wurde in Nieder-Flor- stadt das älteste Gemeindeglied, die kinderlose Witwe Anna Marie Jöckel, geb. Kratz, im Alter von nahezu 94 Jahren, begraben. Merkwürdig war, daß die lange baufällige Scheuer ihrer Hofraite wenige Stunden nach ihrem Tobe zusammenfiel. — Ergänzend zu unserem Bericht über die verschiedenen in einem Hotel in Butzbach versuchten Brandstiftungen, können wir heute berichten, daß die Brandstifterin vor dem untersuchenden Richter gestand, daß sämtliche Brandversuck)e von ihr herrühren. — Die schwarzen Blattern, deren Ausbruch bei einer polnischen Arbeiterin in Offenbachwir kürzlich meldeten, sind nunmehr gänzlich erloschen. Die erkrankte Person ist geheilt und die wegen der Ansteckungsgefahr isolierten Personen sind entlassen. — Mittwoch abend erschoß sich in Worms unweit der Eisenbahnbrücke ein etwa 20 Jahre alter Kaufmann. Als Ursache wird Liebeskummer angenommen. — Im Ge- werb e-Museuw in Darmstadt sind z. Zt. die von der Pariser Weltausstellung 1900 für die Sammlungen der Grvßh. Zentralstelle für bie Gewerbe erworbenen tun sh- gewerblichen Gegenstände ausgestellt. Vermischtes. • Berlin, 11. April. Graf Friedrich Hohenau, dessen Namen in einem widerlichen Schmutzprozeß genannt wird, bestndet sich auf einer Vergnügungsreise auf der Lustyacht der Hamburg Amerika Linie nach dem Orient. Graf Hohenau war hier Rittmeister in einem der Gardedragoner- -Regimenter und spielte mit seiner bildhübschen Frau, eine Charlotte von der Decken, eine große Rolle in der Gesell in toller Lustigkeit „begossen"; kein Mime von Ruf, der in dem berühmten Lokale nicht manchmal Gast gewesen wäre? Tressel war speziell ein Freund des Bühnenvölkchens und pflegte die Beziehungen zu diesem lustigen Stande, trotz aller Opfer, die eine solche Neigung mitunter kosten soll, mit großer Vorliebe. Wenn er Memoiren hinterlassen hätte, wurde bie Berliner Geschichte der letzten 50 Jahre um einen interessanten Beitrag reicher sein. Denn er hat sie fast alle gekannt, die ans der großen Masse herausragten — und er hat sie vielfach besser gekannt als die nüchterne Umgebung des Alltags, der Straße, sie erkennen ließ. Bei ihm waren sie fröhliche Zecher — und mand)es freie Wort, mancher kräftige Fluch kam in seinem Reiche Uwhl über sonst herb verschlossene kühle Geheimratslippen; mancher kecke Witz flog in der Weinlaune mit den Champatzner- propfeu um die Wette heraus, wenn die rechten Brüder beisammen saßen? Aber er hat keine Memoiren geschrieben — und so manche lustige Schnurre, die er gewußt hat, ist mit ihm zu Grabe getragen auf dem Torotheenstädtischen Kirchhof, wo ihm seine letzte Schlummerstätte bereitet ist Es war ein „großes" Begräbnis, das dem einstigen armen Kellner aus bei Karlstraße zuteil wurde. Ein Kammerherr der Kaiserin legte am Sarg des „Hoftraiteurs" einen kostbaren Kranz nieder, der Polizei-Präsident und andere hohe Beamte zeigten sich im Gefolge, dem auch ein erheblicher Teil aus der Theater-Welt nicht fehlte Neben Emil Thomas stand Georg Engels; Lindau und Blumenthal, der neue Direktor des „Berliner Theaters", der alte des Lessingtheaters, auch Dorn, der Leiter des Wintergartens erwiesen dem Freunde die letzte Ehre? Sein Name wird so bald nicht vergessen werden; denn noch mancher gute Romandichter wird von feinen Lebemänner- Kapiteln immer wieder eines bei „Tressel" unter den Linden spielen lassen, und der liebe Leser, der ein bischen Anlage zum Genußmenschen hat, wird bann wollüstig seufzen oder mit der Zunge schnalzen, bis endlich neue Sterne am Kneipen-Himmel auftauchen und den Glanz der alten langsam verblassen machen? Etliche freilich von den alten bewahren sich den Glanz ihrer Höhezeit, weil ihnen ber Name ihrer Stammgäste zur Unsterblichkeit verhalfen hat, wie z. B. Lutter und Wegener, wo Devrient und E. I. A. Hoffmann ihre feuchten Nächte feierten; bie meisten jedoch werden langsam vergessen. In unseren Vätertagen, vor Dressel also, stand Poppenberg in erster Reihe. Kein Mensch weiß noch etwas von ihm. Wer heute nach Berlin kommt, wird unfehlbar zu Kempinski geschickt, wenn er Wein trinken will. Bei Kempinski speist man vorzüglich und babei sehr preiswert, bei Kempinski — an oer großen Verkehrsader Berlins, der Leipziger Straße, — trifft man sich am bequemsten; so ist Kempinski augenblicklich Mode geworden, so Mode, daß man sehr häufig keinen Platz mehr dort findet. Aber der Reiz des Intimen, das biedere, alte Gesicht, das eine richtige deutsche Kneipe haben muß, fehlt ihr. Auch Kempinski wird seine Ablösung finden. Eine wirkliche Sehenswürdigkeit bilden die Keller-Räume des K a i s e r h o t e l s in der Friedrichstraße. Dort hat man mit viel Geschmack und jedenfalls kolossalen Kosten ein ganz herrliches Zecherheim geschaffen. Die berühmtesten Weinstuben Deutschlands sind in ihren Hauptpartien dort nachgeahmt; und wer sich nach Bremen in den Apostelkeller oder nach Lübeck in die ratsherrliche Trinkstube träumen will, kann das hier haben. Freilich die alten Edeltropfen, bie in den Fässern der reichsMdttschcn Ratskeller schlummern, find nicht zu haben. Aber in Lubec» und Bremen bekommen sie ja auch nur bie ‘ 'KHS ;e IW von •uckarbeitßI1 aller Art ' <*-Ä-' Kerliner Kries. (Plaudereien aus der Aaiferstadt.) (Nachdruck verboten.) Der Heimgang eines McheukorrigS. — Alte unb neue Berliner LiebltngSlokale. Drefsel ift tot! ... . Ich war gerade in einem Greife von alten Berliner Journalisten, Bühnenjüngern unb «nberem leichtblütigen Volk, als ein neuer Gast mit ber Künde in die alte verräucherte Bierstube der Friedrichstadt 6ereinfam, daß der König der Kücken einen Schlaganfall erlitten habe, dem er trotz aller ärztlichen Hilfe und Kunst wahrscheinlich erliegen müsse. Und es legte sich für ein paar Minuten wie ein Bann auf die kleine Gesellschaft TaS lustige Lachen verstummte; die Blicke wurden ernst und die Stirnen düster; denn sie kannten ihn fast alle, den liebenswürdigen, immer heiteren, hilfsbereiten Gastwirt, dessen Lokal „Unter den Linden" einen Weltruf besitzt; durch dessen blitzende Sck)eiben sehnsüchtiger Künstlerblick bringt, bis eines schönen Tages ein klingender Erfolg alle Vernunftgründe über den Haufen wirft und der Glückliche Kopfenden Herzens die Hand auf den Thürgriff legt, und Einzug hält in das Paradies der Feinschmecker, um feine Sehnsucht zu stillen und auch einmal „fürstlich" zu speisen! Srubolf Tressel, der Verpflege! der oberen Zehntausend, in dessen behaglichen Räumen ber flotte Gardeleutnant die edlen Weine der Champagne schäumen und mit dem Schaume die väterlichen Moneten verfliegen ließ, hatte auch dis Ritter vom Geiste bei sich zu Gaste; mancher scharfer vMlamentsrebner hat sich in den intimen Kneipgemächern naxff den Redeschlachten des Tages Erholung gegönnt, mancher durchschlagende Theater-Erfolg wurde bei Tressel schaff Der Name des Grafen Friedrich-Hohenau wurde s. Z. viel in Verbindung mit der Affaire Kotze-Schrader genannt, und Graf Hohenau wurde von Berlin nach Hannover versetzt, von dort ist er dann nach Dresden zur Gesandtschaft gekommen; augenblicklich hat er unseres Wissens eine Stellung dort nicht mehr. Er ist Major geworden, hat den Abschied bekommen und vor wenigen Monaten wurde ihm eine kleine Art Reaktivierung zu Teil. Selbstverständlich ist es nach dem Bekanntwerden einer unerhörten Skandalaffaire vollständig mit der gesellschaftlichen und militärischen Stellung des Grafen vorbei, und er wird wohl nicht mehr in die Lage kommen, den schönen hellblauen Rock der Gardedragoner zu tragen. • Bremen, 11. April. Von einem Gelddiebstahl an Bord „Kaiser Wilhelms des Großen" wird gemeldet: Der Diebstahl wurde kurz vor dem Anlaufen in Cherbourg, wo Contanten gelandet werden sollten, entdeckt. Die sorgfältige Untersuchung des Gepäcks der in Cherburg, Southampton und Bremerhaven landenden Reisenden, sowie die genaue Ueberwachung des Personenverkehrs an und von Bord war ergebnislos. Man ist hier zu der Ueberzeugung gelangt, daß der Diebstahl bereits in New-Jork verübt ist. Vermutlich ließ sich der Dieb in der Nacht vor der Abfahrt in den Laderaum vor der Contantenkammer einschließen und begab sich morgens während des AnbordkommenS der Passagiere mit dem Raub wieder an Land. Die Barren hatten einen Wert von genau 88000 H/K. Der Dampfer ist streng abgeschlossen. Alles, was vom Dampfer kommt, wird ganz genau untersucht. Der Dampfer hat in New-Jork ca. 2 Millionen Contanten, teils in gemünztem Gold, teils in Goldbarren, an Bord genommen. Daß bei der Uebernahme ein Versehen stattgefunden hat, wird von zuständiger Seite als ausgeschlossen bezeichnet. Die Contantenkammer ist von Gepäckstücken dicht umgeben. Als bei der Ankunft in Southampton die für Eng- land bestimmten Barren gelandet werden sollten, zeigte sich, daß die Kammer erbrochen war. Die gestohlenen Goldbarren, die für die Berliner Münze bestimmt waren, hatten jeder ein Gewicht von 10 Kgr. * Eine alte römische Stadt entdeckt. Aus Rom wird gemeldet: Bei Cancello (Caserta) wurden die Fundamente einer alten Stadt mit kolossalen Prachtgebäuden — eines davon hat 40 Mtr. Front — entdeckt. Unter den Trümmern fanden sich überaus feine Säulenkapitäle und Friesfragmente; ferner wurde eine wertvolle Marmorstatue mit einer Phrygischen Mütze ans Licht gefördert. * Galizische Redakteure. Aus Neu-Sandec wird der „Ostd. Rdsch," berichtet: Der Herausgeber des hiesigen volnischen Lokalblattes, Felix Dörfler, stand wegen Preßvergehens vor Gericht, weil er das einemal einen Toten, und später den stadtbekannten Straßenbettler Stanislaus Ostrowski als verantwortliche Redakteure seines Blattes an- aemeldet hatte. Der Straßenbettler wohnte der Verhandlung als Zeuge bei und gab an, daß er für seine Würde einen Monatsgehalt von 5 fl. bezogen habe. Betreffs des toten Redakteurs legte der Angeklagte zu seiner Verteidigung dessen Papiere vor, aus denen hervorging, daß er alle vom Preßgesetz geforderten Eigenschaften besaß. Daß der verantwortliche Redakteur auch leben müsse, sei im Preßgesetz nicht ausdrücklich vorgeschrieben. Der Gerichtshof ging aber auf diese „Rechtfertigung" nicht ein und verurteilte Felix Dörfler zu sieben Tagen Arrest. * D i e Schätze einer Sängerin. Die Nachricht, daß Adelina Patti, die jetzige Baronin Cederström, ihr Craig-y-nos verkaufen will, hat unter den Dorfbewohnern im Swanseathale keine geringe Bestürzung hervorgerufen. Tie große Diva ist bei den einfachen Leuten in der Nachbarschaft außerordentlich beliebt, und so sehen sie die Göttliche natürlich nur shr ungern fortziehen. „Craig-y- nos", was „Felsen der Nacht" bedeutet, hat seinen Namen von einem großen kuppelförmigen Hügel, an dessen Fuß das schöne Schloß liegt. Tas mächtige Gebäude ist an der Seite von Gewächshäusern, Treibhäusern für Weinstöcke und Pfirsichbäume begrenzt. Die Patti hat wie die meisten Frauen eine große Furcht vor nächtlichen Einbrechern. Zwei Wächter machen allnächtlich die Runde um das Schloß, und alle Fenster sind mit einer sinnreichen Anwendung von Lärmglocken versehen. Diese Vorsichtsmaßregeln sind in der That notwendig; denn das Schloß ist ein wirkliches Schatzhaus. Es ist von kostbaren Geschenken von königlichen und anderen vornehmen Personen, die die große Sängerin mit ihrem Gesang entzückt hat, angefüllt. Tazu gehören ein schönes Diamanthalsband, ein Geschenk der Königin Viktoria, und ein mit Edelsteinen gerahmtes Kleinbild Der englischen Königin. Einen Ehrenplatz hat auch das in Diamanten und Perlen gefaßte Bild der Königin von Portugal. In einem kleinen Zimmerchen befinden sich die mit Kleinodien besetzten Ohrringe Marios, die der große Tenorsänger bei einem der letzten Male, wo er und die Patti zusammen sangen, trug, ferner mehrere Lorbeerkränze aus gediegenem Gold, von denen einer besonders schön ist, der auf jedem Blatt den Namen einer Oper, ihren Komponisten und die von der Diva gespielte Rolle engeschnitten trägt. Tie Patti besitzt nicht nur das größte Klavier der Welt, sondern auch das teuerste Orchestrion. Dieses wundervolle Instrument kommt den vereinigten Anstrengungen von achtzig Musikern gleich, hat einen Spielplan von über 80 Opernstücken und Liedern, und kostet nicht weniger als 60000 Mark. Einen Schatz, den die Patti nicht weniger hochhält, obgleich sein wahrer Wert fast gleich Null ist, ist eine alte „Henriette" genannte Puppe, die die Künstlerin, wie sie stolz erzählt, im Alter von 7 Jahren „für schönes Singen" erhielt. Arbeiterbewegung. Mainz, 11. April. Zurzeit tagt hier der Y[. Verbandötag des C e n t r a l v e r b a n d e s der Maurer Deutschlands bei ziemlich lebhafter Beteiligung aus ganz Deutschland. Der Verband zählt gegenwärtig 82 964 Mitglieder gegen 74 534 im vorigen Jahre, das Ver- bandsverrnögen beläuft sich auf 848 711 Mk. 38 Pfg Die Haltung des Derbondsorgans wurde von verschiedenen Rednern einer strengen Kritik unterzogen. Betreffs des Kartellwesens hatte Magdeburg beantragt, sich mehr als seither mit diesem zu beschäftigen. In langer Debatte kritisierten die meisten Redner den Umstand, daß die Bauarbeiter seitens der Kartelle etwas stiefmütterlich behandelt würden. Bei der Frage ^Lohnbewegung und Streik" wurde es gerügt, daß die Lohnbewegungen in einzelnen Orten zu einer für das Baugewerbe nicht gerade günstigen Jahreszeit eingeleitet worden seien, das sei ein großer Fehler und der Eifolg in solchem Falle immer fraglich. Es sollen für die Folge keine Unterstützungen für solche Angriffsstreiks mehr gegeben werden, die gegen Ende des Sommers unternommen würden. — Die Generalversammlung des Verbandes der Bäcker Deutschlands, die gegenwärtig h^er tagt, lehnte mit 23 gegen 17 Stimmen der Delegierten die Einführung einer Arbeitslosen-Unterstützung ab. ES wurde aber beschlossen, nunmehr die Mitglieder des Verbände« selbst über die Einführung einer Arbeitslosen-Unterstützung abstimmen zu^^err Auszug aus Sen Kirchenbüchern der Stadt Gießen. Evangelische Gemeinde. Getraute. Johannesgemeinde. Den 80. März. Johann Georg Borchmann, Taglöhner zu Gießen und Katharine Elisabethe Reichwein, Tochter des verstorbenen TaglöhnerS Georg Ernst Reichwein zu Gießen. Denselben. Peter Stoll, Taglöhner zu Gießen, ein Wittwer, und Maria Herrmann, Tochter des verstorbenen Feldwebels Johann Adam Herrmann zu Gießen. Denselben. Heinrich Gravelius, Schlosser zu Gießen und Johanna Adolfine Georgine Fischer, Tochter des Schneidermeisters Georg Fischer zu Gießen. Getaufte. Lukasgemeinde. Den 31. März. Dem Restaurateur Karl Lenz ein Sohn, Willy Justus Adolf, geboren den 17. Februar. Den 3. April. Dem Ober-Postassistent Karl Konrad Sehrt ein Sohn, Eduard, geboren den 3. März. Schiffsnachrichten. Der Postdampser „Westernland" der „Red Star Linie", in Antwerpen, ist laut Telegramm am 10. Aprll wohlbehalten in Nerv-Dor? angekommen. Spazierstöcke stets Neuhetikn. Casseler Schirmfabrik Gietzen, Seltersweg 9 Arbeitsverdingung. Die Lieferung der Arbeiten zum Bau eines neuen Schulhauses für die Gemeinde Bieber, als: 1. Erd- und Maurerarbeiten m'ck Materiallieferung, 2. Zimmerarbeiten „ „ 8. Eisenlieferung, 4. Dachdcckerarbeiten „ „ 5. Spenglerarbeiten ,, „ 6. Tüncher- und Anstreicherarbeiten „ „ 7. Glaserarbeiten „ n 8. Schreinerarbeiten „ „ 9. Schlosser- und Schmiedearbeiten „ „ 10. Brunnenarbeiten „ „ II. Pflasterarbeiten n „ soll im Submissionswege verdungen werden. Zeichnungen und Bedingungen sind bei dem Architekten Gust. Hamann, Gießen, Bergstraße 11 einzusehen. Vorgeschriebene Angebotsformulare find auf genanntem Bureau gegen Erstattung der Kopialgebühren erhältlich. Angebote sind in geschloffenem Kouvert mit entsprechender Die Bürgermeistereien. 2727 Aufschrift versehen bis spätestens Freitag deu 19. April, vormittags 10 Uhr bei genanntem Architekien einzureichen. Zuschlagsfrist 14 Tage. Rodheim, ben 1Q a i( ,ggi Fellingshausen, Die Aufnahme der schulpflichtigen Kinder. Moutag deu 15. April d. I, vormittags von 10 biS 12 Uhr, findet in der hiesigen Volksschule, und zwar in der Stadtknabenschule im Zimmer Nr. 3, 1. Stock, in der Stadtmädchenschule Zimmer Nr. 10, 2. Stock, die Aufnahme der Kinder statt, welche bis 1. Mai d. I. das sechste Lebensjahr zurückgelegt habe». Auch können am genannten Tage auf Wunsch der Eltern oder deren Stellvertreter solche leiblich und geistig nicht unreife Kinder ausgenommen werden, welche bis zum 30. September d. I. das sechste Jahr vollenden. Bei dec Anmeldung der Kinder ist der Impfschein vorzulegen und bei auswärts Geborenen der Geburtsschein mitzubringen. Außerdem haben diejenigen Eltern, welche von der Gewährung freier Lehrmittel für ihre zur Aufnahme gekommenen Kinder Gebrauch machen wollen, unter Vorzeigung des letzten Staatssteuerzettels bei dem betreffenden Oberlehrer Antrag zu stellen. Gießen, am 6. April 1901. 2677 Aür den Schulvorstand: Mecum, Fuhr, Hahn, ________Bürgermeister.______________Oberlehrer. 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