151* Jahrgang Nr. 241 Erstes Blatt Sonntag 13. Oktober 1901 Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. Die Gießener Zamllien- Llätter werden dem Anzeiger im Wechsel mit dem „Hess. Landwirt" .und den „Blättern für hessische Volkskunde"' Viermal wöchentlich bei- gelegt. Kedaktion, Expedition und Druckerei: Schulstratze 7. Adresse für Depeschen: Anzeiger Gießen* Fernsprechanschluß Nr. 51. GietzenerAMiger Eeneral-Anzeiger ** Amts- und Anzeigeblatt für den weis Gießen Annahme von Anzeige zu der für den folgenden Tag erscheinenden Nr. bis vormittags 10 Uhr« Alle Anzeigcn-Vermitt- lungsstellen des In-und Auslandes nehmen Anzeigen entgegen. Zeilenpreis: lokal 12Pf* auswärts 20 Pfg. Rotationsdruck u. Verlag der Brüh l'schen Universitäts - Druckerei (Pietsch Erben). Verantwortlich für den allgemeinen Teil: P. Witiko; für den Anzeigenteil: Hans Beck. Aas Jahr unter Aülow. Das erste Jahr der Bütowstchen Kanzlerschaft ist ab- gefaufen, und die parteipolitische Presse begleitet diesen Zeitpunkt mit Reden, von denen man mit dem Dichter sagen kann, sie seien „unerquicklich wie der Nebelwind, der herbstlich durch die dürren Blätter fäufelt". Die freisinnige Breslauer Ztg. führt aus, um diese Jahreszeit, wenn die Hirsche schreien, geschähen bei uns immer recht interessante Dinge, das eine Mal gewittere es in jenen Höhen, aus denen die Exzellenzen heimisch seien, das andere Mal entlade sich die Spannung über den Niederungen. Man habe gewußt, daß der Kaiser sein eigener Kanzler sein wolle, daß er es gekonnt habe und könne, liege an dem Kanzler und den Ministern. Mit Bismarck habe es für ihn auf die Dauer kein Zusammenwirken gegeben, auch, mit einer Persönlichkeit vom Schlage Caprivis Albe es zum Konflikt kommen müssen; es gehe nur, wenn die Kanzler sich mit einer unpersönlichen Stolle begnügten, wie Hohenlohe und Bülow. Aber im Sinne der Verfassung des Deutschen Reiches und Preußens sei das nicht. Die Voss. Ztg. singt gleichfalls ein melancholisches Lied: Hat heute das Land den Eindruck der Festigkeit und Stetigkeit der Politik, der Geschlossenheit und Einheitlichkeit der Regierung? Wir fürchten, an vielen Stellen wird die Meinung herrschen, daß trotz neuen Nummern der alte Faden fortgesponnen wird. Ein Nativnalliberal-er ist Minister geworden; aber nationalliberal war, als er Minister wurde, auch Herr Miquel. Das Ministerium blieb streng konservativ. Seit dem Kanzlerwechfel und dem Sturz des Finanzminifters sind ein paar neue Oberpräsidenten ernannt worden — streng konservative Männer, ganz wie früher. Der Staatssekretär der Reichs- lande, Herr von Puttkamer, der von liberalen Anschauungen ausgegangen war, ist entfernt worden, und an seine Stelle trat oer Verteidiger des llmsttrrzgesetzes, Herr v. Köller. Das alles hätte auch unter dem Fürsten Hohen- lohe geschehen können . . . Die wichtigste That, die Graf Bülow, seit er Ellenbogenfreiheit hat, vollbrachte, ist die Veröffentlichung des Zolltarifentwurfs. Er hat Freunde und Gegner damit überrascbt. Wenn das der Kurs der heutigen Politik ist, mußte darum Miquel fallen? Viel anders hätte ber Entwurf nicht aussehen können, wenn ihn der verherrlichte Gönner und Günstling der Agrarier selbst ausgearbeitet hätte. Aber freilich, will der Reichskanzler diesen Entwurf? Wir sehen heute, unter der einheitlichen, zielbewußten Regierung, dasselbe Spiel wie ehedem, dieselbe Zerfahrenheit in der offiziösen Presse, dasselbe Mißtrauen der Parteien. Hier behauptet das eine Blatt aus bester Quelle, die ganze Vorlage sei unverbindlich und spiegele nichts weniger als die Absichten des Grafen Bülow wieder; dort wird, ebenfalls aus bester Quelle beteuert, der Entwurf sei vom Reichskanzler im Namen des Kaisers eingebracht, also werde er auch vom Reichskanzler vertreten und verteidigt werden. Und dann wieder wird das Wort des Kaisers verbreitet: „Der Minimaltarif ist Unsinn; übrigens ist Bülow derselben Meinung." Woran glaubt der Kanzler? Niemand weiß es. Aber es wird als offenes Geheimnis bezeichnet, daß noch immer drei Reichsämter drei verschiedene Ziele verfolgen, ungefähr so, wie vor em Ministerwechsel. Herr Möller ist im Lande umhergereist, und hat Reden über Reden gehalten. Die Agrarier sehen ihn als ihren Gegner an. Herr v. Podbielski will keine Reden halten, und die Agrarier wenden ihm ihr Vertrauen zu. Sind der Landwirtschafts- und der Handelsminister ein Herz und eine Seele und mit dem Grafen Bülow eine einheitliche und geschlossene Regierung? Aber nicht nur einheitlich, sondern auch! stetig und zielbewußt soll die Regierung sein, das verlangt und braucht das Land nach den Worten des Reichskanzlers. Man wird fragen dürfen, ob sich Stetigkeit und Zielbewußtsein darin äußert, daß der Minister des Innern die Bestätigung eines Bürgermeisters für nützlich erklärt und bauu die Verantwortung für die Versagung der Bestätigung übernimmt, daß der Minister der öffentlichen Arbeiten seit Jahren die Ueberführung der Straßenbahn von der Kanonierstraße nach der Neustädtischen Kirchstraße betreiben läßt, und dann die Ablehnung dieses Planes der Stadt übermittelt. Sind die Minister damit einverstanden, und sie müssen es wohl sein, da sie es verantworten wollen, so ist nicht zu leugnen, daß sie ihr Ziel geändert und der Stetigkeit den Wandel vollzogen haben, nachdem ihr Rat von der Krone verworfen worden ist. Die Ansprache des Grafen Bülow an das Staatsministerium hat mithin vorderhand nichit mehr als platonische Bedeutung. Die Umbildung des Ministeriums Bülow geschah bei den Verhandlungen über die Kanalvorlage. Herr v. Bethmcmn-Hollweg wurde nicht Minister des Innern, weil er der Auflösung des Abgeordnetenhauses widerstrebte. Sonst wäre er der Mann des Reichskanzlers gewesen. Was hat sich geändert, weil der Minister des Innern nicht mehr Rheinbaben, sondern Hammerstein heißt? Es ist alles wie zuvor. Und was aus dem Kanal wird, weiß man heute so wenig wie unter Miquel. Kündigt der eine Offiziöse an, daß die Vorlage in der nächsten Session sicher kommt, flugs folgt der zweite Offiziöse mit der Erklärung, daran sei nicht zu denken. Und obenein beginnt die alte Klage, daß die Regierung die Zügel am Boden schleifen lasse, daß ihre Presse ein trauriges Bild der Verwirrung dar- biüe, und daß niemand erkennen könne, wohin der Weg geht. Am Ende wissen es manche Minister selbst nicht, auch wenn sie sich für zielbewußt halten. Ebensowenig wie sich in der freisinnigen Presse Lobeserhebungen über Bülows Kanzlerschaff finden, ist auch die Zentrums-Presse mit den Ergebnissen des ersten Amtsjahres des vierten deuffchen Reichskanzlers ganz einverstanden. So kommt die „Köln. Volksztg-", obwohl sie dem Grafen Bülow einige Liebenswürdigkeiten mit auf oen Weg giebt, zn folgender Kritik: „Was uns betrifft, so halten wir den Grasen Bülow für einen Reichskanzler und Ministerpräsidenten, wie er unter den obwaltenden Umständen nicht besser sein kann. Wenn wir aber trotzdem manche der erhobenen Klagen in ihrem Kerne als berechtigt bezeichnen müssen, so trifft dies das ganze System der Politik, an die wir uns unter dem neuen Kurse haben gewöhnen müssen. — Schon unter dem Grafen Caprivi, aber noch mehr unter dem Fürsten Hohenlohe, hatte man den Eindruck, die Regierung habe sich die Politik des „Fortwurstelns" nach! dem Muster weiland des Grafen Taaffe zum Muster genommen. Bald zeigte man liberale, bald konservative Allüren, und der Auffrischung wegen wurde hier und da ein Schuß Zentrumswein hinzugenommen. Immer Halbheiten, nur ja nichts ganzes! Aber durch diese Politik wurden die einen abgestoßen und die anderen doch nicht gewonnen. Gießener Sladttheater. Der Kaufmann von Venedig. Von Shakespeare. Vor 300 Jahren, im Jahre 1600, effchien der erfte Druck des „Kaufmanns von Venedig". Wie ost ist er seitdem über die Bühnen der Welt gegangen! Von allen Shakespeare'schen Lustspielen ist dieses, nach statistischen Feststellungen, das am häufigsten aufgeführte. In der Gesamtheit seiner Komödien hat Shakespeare einen phantastischen Zaubergarten der Phantasie geschaffen, der, wenn wir ihn durchwandeln, uns befreit von dem Staube der Alltäglichkeit. Launenhast gewundene Wege wandeln wir, über lachende Gefilde mit neckisch spielenden Menschen, durch ernste wilde Schluchten, durch Myrtenbüsche, die ein süßer, silberner Mondschein durchzittert beim Schlage der Nachtigall und dem Gezwitscher lustiger, drolliger Vögel. So bunt aber hat der Dichter kaum irgendwo anders seinen dramatischen Teppich gewebt, wie im „Kaufmann", so kontrastierende Fäden durchschießen sich kaum wieder. Worin hier der ganz eigenartige Reiz liegt, ist, daß er zwei lustige Neck- und Liebeskomödien, die Wahl durch das Kastenorakel mit dem angehängten Satyffpiel der Ringveffchenkung, und die Jessica-Komödie wie luftiges Bänder- und Flitterwerk um die Tragödie des hochherzigen Venezianers und der Tragik-Komödie Shyloks, der um seine Rache und sein leibliches Kind betrogen wird, flattern laßt. Man übersieht leicht über der bunten Umkleidung den tiefen Ernst des Shylok-Problems, das eine National- und Menschheitstragödie bedeutet. In dem Juden verkörpert sich der Haß einer durch Jahrtausende währenden Unterdrückung, der Giftstich des getretenen Tieres. Trotz der Brandmarkung des Nachdurstes und seines Scheiterns liegt unwillkürlich zugleich eine Humanitätspredigt vor. Dicht aneinander drängt sich das Seltsame und Widersprechende in diesem Lustspiel. Der tiefe, schaurige Ernst der alttestamentarischen Rache mit dem romantischen Gefopptwerden des Rachedurstes durch das sophistische Urteil, das orientalisch - märchenhafte Kastenorakel und das englisch-spanische Possenspiel mit den verschenkten Ringen, die zauberhafte Romantik der Liebesund Mondnacht mit der sphärenhaft klingenden Apostrophe an die Musik und die Narrenkomödie des Vaters und Sohnes Gobbo, der Griff in die Tiefe der Menschenseele und eine, gerade dem jüdischen Familiensinn widersprechende Gefühlsroheit, wie sie in Jessikas Flucht und Verhalten liegt. An Stelle der Aesthetiker haben sich in neuerer Zeit die Juristen mit dem wunderlichen Rechtshandel des Juden von Venedig beschäftigt, und IHering, der Veffasser des „Geistes im römischen Recht", ist dabei zum advocatus diaboli geworden, indem er den alten Shylock als einen um sein gutes Recht betrogenen Märtyrer hinstellt und in dem hartherzigen Pochen auf den Schein das Pathos der allgemeinen Rechtsidee zu hören meint. „Wie mächtig, wie riesig", so ruft Jhering in seinem „Kampf ums Recht", „dehnt sich da die Gestalt des schwachen Mannes... Es ist nicht mehr der Jude, der sein Pfund Fleisch verlangt, es ist das Gesetz Venedigs selber, das cm die Schranken des Gerichts pocht, denn sein Recht und das Recht Venedigs sind eins; mit seinem Rechte bricht letzteres zusammen." Shylock ist für Jhering „die typische Figur des Juden im Mittelalter, jenes Parias der Gesellschaft, der vergebens nach Recht schreit", und kein Wunder ist es, daß der Anwalt des summum jus bei dieser Auffassung sich über den „elenden Winkelzug", den „kläglichen Rabulistenkniff" des weisen Daniel ereifert, der „dem Manne, dem er einmal das Recht zugesprochen hatte, vom lebenden Körper ein Pfund Fleisch auszufchneiden, das damit notwendig verbundene Vergießen des Blutes veffagt." Ganz anders betrachtet der Rechtsphilosoph Kohler die Sachlage. Er erinnert daran, daß die Rechtsinstitution, den säumigen Schuldner zu zerfleischen und zu verstümineln, schon im alten Rom und auch anderswo, z. B. im alten norwegischen Rechte heimisch war, und führt aus, wie der Geist der Zeiten sich dieses unmenschlichen Rechts allmählich entwöhnte und es thatsächlich verwarf, als es im Buchstaben Das ist bas Los vieler, die „Allerweltsfreunde^ sein Mollen und in Wirklichkeit doch fernen zuverlässigen! Freund haben, weil man weiß, daß sie den Mantel ihrer Millionen umschlingenden Menschenliebe bei jedem Windes anders hängen. — Keine Politik, die Erfolg haben soll, kann auf die Dauer eines Programms, eines Banners entbehren. Allein eine entschlossene Aktion erscheint den Staatsmännern von heute vielzubedenklich, solche Rosse besteigen sie grundsätzlich nicht. IHV höchstes Ideal sind die kleinen Kreuz- und Quersttche weiblicher Handarbeit, und wenn sie zum Beispiel in katholischen Fragen Erklärungen abgeben, glauben sie ein Welt-- wunder geleistet zu haben, wenn auch der Evangelische Bund darüber Freude empfindet. Politisch genommen heißt das von der Hand in den Mund leben, aber die Artisten dieser Politik lassen sich nicht einreden, baß das politische Zwischenaktsmusik sei, sondern glauben am Ende noch, sie seien die Väter neuer Epochen. Das soll,! wie gesagt, durchaus nicht persönlich gegen den Grafem Bülow gerichtet fein, es ist ein B-rwurf, der sich auf) das ganze System bezieht. Durch letzteres will das Zentrumsblatt wohl denr Reichskanzler sein schlechtes Zeugnis versüßen. Mer was will bas sagen, wenn ein Lehrer in einer Klasse zum Primus sagt: Du hast zwar nicht viel geleistet, aber tröste Dich, bie ganze Klasse langt auch! nichts. — die „Köln. Volksztg." über Bülow unb die Regierung. Aie allgemeine Dolksschule. Zn der vielfach erörterten Frage: „Ob besondere Vorschule oder allgemeine Volksschule für die unteren Jahresklassen?" schreibt ein Schulmann in der „Tägl. Rundschau": „Es ist eine höchst auffällige Erscheinung, daß unsere Nation, die allgemein als diejenige der höchstem soldatischen Tugenden gilt, das erste Gesetz des Militärs^ die einheitliche straffe Organisation, bisher nicht auf ihr! Bildungswesen angewandt hat. Auf diesem Gebiete herrscht die bunte Musterkarte einstiger deutscher Kleinstaaterei, die: den Gedanken einer Reichsschulbiehörde, wie er schon' vor langen Jahren entwickelt ist, immer wieder nahelegt.! Den Besorgnissen der dadurch etwa gefährdeten Individua alität in Bildungsanaelegenheiten kann man getrost entgegenhalten, daß Einheitlichkeit noch lange nicht geisttötender Drill und Mechanismus, sondern aanz das Gegenteil davon ist. Wenn die Verwirklichung oieses Planes auch nochl in der Ferne liegen mag, so sollte doch keiner der deutschen Staaten anstehen, sich! die guten und lange erprobten Erfahrungen zu nutze zu machen. Wir würden da- durch allgemach auf dem Wege steter Entwickelung von selber einer organischen Gestaltung des' deutschen Unterrichtswesens entgegentreibe, dem man dann eines Tages nur die Krönung der reichsamtlichen Behörde auffusetzen hätte, wenn sie dann überhaupt noch! nötig wäre. Die Vor-i schule verdankt ihr Dasein nicht einem starken Volksempfinden, sondern vielfach! künstlicher Hilfe. Das beweist sowohl die Anzahl der im Laufe der Zeit eingegangenen, als auch die Zahl der schlecht gehenden Anstalten. Manche ffistet ihr Dasein mit einem guten Dutzend Schüler und belastet Staats- und Kommunalsäckel in ungerechtfertigter Weise.! Es giebt keine teureren öffentlichen Schulens als diese. Von der antisozialen Nebenwirkung der Vor-! schulen wollen wir nicht sprechen. Dieser Gesichtspunkt, ist oft genug erörtert worden. Erinnert fei aber an die noch bestand. Shakespeares Dichtung stelle nun den Sieg des neuen, humanen Rechts über ein altes, morsch gewordenes und in Unrecht verwandeltes Recht bar., In seinem Buch „Shakespeare vor dem Forum der Jurisprudenz" führt Kohler aus, daß z. Z. des Kaufmanns von Venedig das Rechtsbewußtsein bereits in ein Stadium eingerückt ist, in dem der Shylocksche Schein nicht mehr nur der Moral und dem Anstandsgefühl, sondern auch dem Rechts-, und Gerechtigkeitsgefühle widerspricht; das Fleischpfund gilt nicht nur nach dem richterlichen Rechtsgefühl als etwas Rohes, als etwas außerhalb des gesitteten Rechts Stehendes, das mithin nicht mehr als Recht anerkannt werden kann. Und dieses Rechtsbewußtsein ist es, das die richterliche Entscheidung herbeisühtt. Die Zeit ist bereits zu dem ernstlichen Bewußtsein gekommen, daß einem derartigen Schuldschein keine Folge gegeben werden darf,, aber es ist noch nicht gelungen, für dieses Bewußtsein den rechten Ausdruck zu finden. Des „weisen Daniel" Utteil ist „ein gutes Utteil, aber mit schlechten Entscheidungsgründen; aber besser ein solches, wie ein schlechtes mit guten Enscheidungsgründen." Nach Kohlers ebenso geistreicher wie gelehrter Deduktion bleibt es mithin für die Idee des Stückes vollständig gleichgiltig, ob der Gläubiger ein Jude ist ober nicht, wovon sich denn nun freilich niemand, der die Dichtung mit kunstempfindenden und nicht mit Juristenaugen auf sich einwirken läßt, leichtlich überzeugen lasten wird. Dem großen Phantasiemenschen Shakespeare kam es auch bei dieser Schöpfung doch weniger auf die „Idee" an, als feinen gelehrten Auslegern unserer Tage. Ihn erregte der abenteuerliche Fall und die Plastik der Gestalt, die er nicht anders als im Lichte seiner Zeit sehen konnte. Er war kein „Antisemit", da er um die Wende des 16. und 17. Jahrhunderts kein Philose- mit sein konnte, und wir folgen unbefangen feiner Schilderung, die uns das Häßliche häßlich und das Schöne schön wiedergiebt — bis zu einem Punkte, über den das moderne Gefühl,ganz los gelöst von jederKonfessionalität, nicht hinweg kann. Daß der Jude am Schluß der spannenden Gerichtskomödie begeisterten Worte, die der preußische Kultusminister stets sprach, wenn er seiner Schülertage in der Quedlinburger Volksschulen gedachte, wo er mit Kindern aller Stände wohl, wie der Abdruck der blutigen Hand von ihr herrühren, kann aber dafür feine Erklärung geben, wie der Handabdruck an die Holzbelleidung der äußeren Thür hinge-, kommen ist. Staatsanwalt Zimmermann legt ein mit Blut getränktes, glatt zusammengelegtes Taschentuch vor, uitti fragt, ob die Schneider zugeftehen will, daß dies Tuch schön zusammengelegt unter einem Bündel Kleider gefunden worden sei, und wie sie erkläre, daß dies Tuch in dem Zustand unter die Kleider gekommen fei. Die Angellagte erklärt, das Tuch fei am Abend zusammengedrückt vor dem Bette gefunden worden. Amtsrichter Pullmann habe dasselbe am Mordabend dort liegen sehen. Das Tuch fei damals auch nicht so glatt zusammeng elegt gewesen, wie es sich heute nach langem Liegen präsentiere. AMTLICH GLÄNZEND BEGUTACHTET: gezwungen wird, das Christentum anzunehmen, und zwar von den Vertretern des Idealismus in dem Stück, und daß .die eben noch so milde Gerechtigkeit ihr eisernes Siegel darauf drückt, das ist heute für Jeden, ob Jude oder Christ, unerträglich. Wäre Shylock, wozu ihn einzelne Interpreten immer haben machen wollen, der Repräsentant der alten jüdischen Ahasverus-Tragik, so müßte er hier das Mester, »das er für den Antonio geschliffen hat, lautlos aufheben und sich selbst damit die Brust durchstoßen. — Fände sich doch eine starke und behutsame Hand, die den Mut hätte, jene Stelle der Dichtung (vielleicht nur durch Ausmerzung einiger Verse) zu reinigen und ihr einen Zug auszulöschen, der vor 300 Jahren zustimmendes Gelächter erregen mochte, uns heute aber die Schamröte des verletzten Menschengefühls in die Wangen treibt. Der Shylock ist eine so dankbare als schwierige Aufgabe für Charakterdarsteller, und er pflegt an kleineren Bühnen nur aufs Repertoire gesetzt zu werden, wenn ein solcher als Gast erscheint. Unsere Direktion beging das Wagnis ohne East, und zwar mit unerwartet gutem Gelingen. Bühnen- uirtuofen, wie Posiart, pflegen, effekthaschend, dem Juden eine Maste von Details, von ausgeklügeltem Kleinkram zu geben. Herr de ©iorgt, unser neuer Charakterdarsteller, ein noch sehr jugendlicher, aber zweifellos recht viel versprechender Künstler, schuf eine Gestalt aus einem Gusse. Er hatte den Charakter des Kaufmanns mit klarem Auge erschaut und mit sicheren Handgriffen ins Leben gestellt, immer aufs «ganze sehend und ohne kleine Arabesken zur Hauptsache werden zu lasten. Was einer unserer feinsten Bühnenkenner verlangt, daß der Darsteller des Shylock nicht die Tragik seines Leidens, sondern die Unschönheit seiner Leidenschaften 'betonen müsse, um uns seinen Sturz als eine ästhetische Notwendigkeit plausibel zu machen, — bei Herrn de Giorgi ist es Ereignis geworden, und die Wirkung, die er so erzielte, war nicht gering. Der köstlichen Maske entsprachen Rede und Spiel; die, nicht allzu starke, Tialektfärbung erschien durchaus berechttgt; die tückischen Blicke, die heiseren Kehllaute, die eckigen, heftigen Bewegungen, der unruhige Gang, das ungestüme Drängen auf den Spruch, der satanische Jubel bei des Pseudo-Rechtsgelehrten ersten Ausführungen und der Zusammenbruch zum Schluß, das alles formte sich glücklich zu einem lebenswarmem Bilde. Allerdings wurde der mächtige Fluß der Gerichtsszene durch zaudernde »Spielpausen stellenweise bis zur Stockung gestaut, aber diese Hauptszene imponierte doch durch die Energie und Schärfe des Ausdrucks und verfehlte ihre Wickung auf die lebhaft interessierte Zuschauer- schaft nicht. Einen Shylock mit ernsthaftem Erfolg darstellen zu können, das will außerordentlich viel besagen bei einem so jungen Schauspieler. Dieses einzige Rollenheft ist ein ganzes Cornpendium der Psychologie, das mit heißem Bemühen studiert haben muß, wer es nur einigermaßen sein eigen nennen will. Herr de Giorgi ist über das „einigermaßen" so weit hinausgekommen, daß wir seiner Seelenkunde hohe Achtung zollen. Den „königlichen" Kaufmann Antonio, den edlen Gegenpart des Wucherers, gab Herr Ramseyer, seiner Individualität gemäß, zu hart und rauh, ganz ohne den Zauber jener undefinierbaren Melodie, der uns den vom Unglück gezeichneten Sohn des Glückes erst poetisch interessant macht. Herr Ger lach war wohl ein prächtig qusgestatteter, aber ziemlich individualitätsloser Bassanio. Dagegen gab Fräulein Feige eine verdienstvolle, stilgerechte Nachbildung der Shakespeare'schen Porzia, ^ausgezeichnet durch Anmut und gefällige Heiterkeit, die in ihrer Renaissancetracht und ihrem blonden Haare wie eine „Bella di Tiziano" aussah. Sehr gut gelang ihr das Geplauder mit Nerista und das belustigende Spiel mit den Freiern, und auch das Plaidoyer der Gnade strömte frei und überzeugungsvoll von ihren Lippen. Dem weiteren Kampfe des jungen Rechtsgelehrten mit dem alten Fuchs fehlte es an der geistigen Beweglichkeit und dem Nachdruck, den das Organ der sympathischen Darstellerin wohl nicht herzugeben vermochte. Frl. F. schien obendrein den Handel gerade da, wo er am gefährlichsten wird, mehr als ein Spiel denn als bittere Wahrheit zu nehmen. Ein frisch und gefällig wirkendes Pärchen war die Nerista und der Graziano des Frl. Brand au und des Hrn. Schneider, wobei sich die größere, vielleicht etwas zu starke Ntunterkeit auf feiten des Herrn, die überzeugendere Beredsamkeit auf feiten der Dame fand. Aus dem Chaos der Nebenrollen hob sich eigentlich nur Herr Woifch als Vater Gobbo vorteilhaft heraus. Auch Herr Sandor konnte sich sowohl als der dunkelfarbige Prinz von Marokko, wie als Doge noch sehen lassen, ebenso auch Herr Z o d e r als zweiter Freier von Arragon, der mit einem „Narrenkopf" heimgeschickt wird. Die Rolle des Lanzelot wäre wohl bei einer Dame besser aufgehoben gewesen. Frl. Hohenfels hätte gewiß einen famosen Jtalienerbuben abgegeben. Das phantastische Komödienspiel verlangt und verträgt ein schillerndes, farbenprächtiges Kleid. Die geftrige Inszenierung »var, an unseren Verhältnissen gemessen, reich und gefällig. Die neuen Dekorationen, das Städtebild und das Innere des Dogenpalastes, machten sich gut, und es verdient Anerkennung, daß der Versuch gemacht war, dein Glanze der Dichtung szenisch nachzukommen. In der Gerichtsszene hätte sich mit den vorhandenen Mitteln ein wirkungsvoller Coup anbringen lassen: an den Thüren drängen sich mit orientalischer Neugier und Unruhe fortwährend Shylocks Glaubensgenossen, um sich über den Gang der Dinge zu vergewissern. Das hätte recht lebhaft gewirkt. Stimmungsvoll gedacht war von der Regie das schöne Nocturno des letzten Aktes, in dem das Märchen vom wllden Wucherer von Venedig wie in einem träumerischen Harfenton verklingen soll. Da aber dem Lorenzo - Darsteller die duftige Poesie des Liebesidylles in dem mondscheindurchwobenen Garten von Belmont noch nicht aufgegangen war und auch sonst manche Störungen eintraten — vorher schon war es manchmal recht laut hinter der Szene gewesen — so ging leider der so schön vorbereitete und in feinen Hauptleistungen auch alles Erwarten übertreffende Abend nicht in fo wohlthuender Harmonie aus, als unter den nämlichen Verhältnissen es ausführbar gewesen wäre. P. W. o or wH W o Ä Q «-» Q U .L CA 21 « •** -O ♦© w •** -rr >* Q t: - - .2 o o s Q "£? — o ° B o 5 »ö '-, , , >-, Ü. W W — 3 ** C «d „ C Ei 5«^ H- 5 ®g coo'S © (£> ZLZ C H S' 'S^-o © m tr o 3 <5 B dL B tu c: o CD X c ö? e . dd OJ _ O B ja___ (W> b x 2 dO B C c Z ^■2 >©.2 äG Z>S E Z « B p B o -- Ä o Ä vP V "p CD tiD E L Z B 3 d 5» §Z. _ U uQ 2 tut c ♦ c CD B »rs & -2 5$ L s Z Z B Z B B§ o X dO B S r N Ä o ?C P P iB- « £ P X B X> O sS s p B ’S © >p 8 -p B -p p C ‘cd B cd B § "p o N- ,5? «Ü- ö s _O CD E -N- CD B C o <® S-— «ft CQ© 5 CD ro '— B o *S CQ u- S — c p^r x> o »p . CD B CD P >-» ♦ Ä «£- » w c p «rf? *ä=> p 3E o B-° « p f<ö gfr o «X> S jo >o\ 5 .E S d-L § .5± b e 19 «ä’iE- u S * ^-» C B 3 cs rt p »S B >o *« o ” u .= VD C w P s ö p <-d dd a **>■*# p D r$> a» E ,p g-8^ CD na tut dQ B CD -E Lo — R 's X" c Oft c« p B ■ >P P C ,-— 5 £ -Z «„• ff» P P -W Q v CX ‘a a p >b ^'p CDtH a V -Ä.S B «D p B p p p w CD P -m dQ P -O p B dQ s •a « S »b E N Oft® CD f«’ p E ‘8' £ 3 *> p E p L Ä p .' 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