Nr. 292 Zweites Matt. 151. Jahrgang. Donnerstag 12. Dezember 1901 Erscheint täglich wu Ausnahme des Montags. Die «iehener Familien, blätter werden dem An- tzeiger im Wechsel mit dem „Hess. Landwirt* und den „Blättern für hessische Volkskunde" viermal wöchentlich beigelegt. Redaktion, Expeditton und Druckerei: Schulstratze 7. Adresse für Depeschen: Anzeiger Gießen. FrrnsprechanschlußNr.51. GietzenerAnzeiger ** General-Anzeiger ** Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen Annahme von Lnzeia« xu der für den folgenden Tag erscheinenden Nr. bis vormittags 10 Uhr. Alle Anxeigen-DermiU- lungsstellen des In-und Auslandes nehmen Anzeigen entgegen. Zeilenpreis: lokal ILPt* auswärts 20 Psg. Rotationsdruck u. Verlag der Brühl'schen UnioersitätS - Druckerei (Pietsch Erben). Verantwortlich für den allgemeinen Teil: P. Wittko; für den Anzeigenteil: HanS Beck. Er schätze und achte das deutsche Volk, dem Europa großartige Werke kultureller Arbeit verdanke, aber eben deshalb wolle er nicht, daß mit dem Namen dieses großen Volkes lleinliche, kulturwrdrige Thaten gedeckt würden. Russisch-Polen einen Fragebogen zur Beantwortung, ob und inwieweit dietzandelsbeziehungenderPolenmit Deutschland gelöst werden können. New York, 10. Dez. Chile kaufte drei Torpedojäger und einen Kreuzer an. — Kammer. Tas Haus nahm einen Antrag an, der die Regierung auffordert, vor dem Senat für die Einführung einer progressiven Steuer auf Erbschaften von mehr als einer Million Francs einzutreten. Tas .Haus berät darüber, ob der Antrag in Erwägung gezogen werden soll, der die Regelung der Erlaubnis zur Errichtung einer freien Unterrichtsanstalt durch ein besonderes besonderes Gesetz verlangt und fordert, daß Lehrkräfte an diesen Anstalten Universitätsdiplome besitzen und eine dreijährige Probezeit an Staatsanstalten ablegen müssen. Ter Senat beschließt, den Antrag in Erwägung zu ziehen. Wien, 10. Dez. Im Abgevrdnetenhause ist eine Interpellation Steiner eingegangen darüber, welche Verfügungen die Regierung zu treffen gedenke, um eine Gefährdung der körperlichen Sicherheit der Bevölkerung bei der Abhaltung der geplanten Automobilwettfahrt Paris- Wien hintanzuhalten. Moskau, 10. Dez. Die Deputation, welche die Bedürfnisse des englischen Marktes an landwirtschaftlichen Produkten und Einrichtungen von Musterwirtschaften in England studieren soll, ift heute nach England abgereist. Sie besteht aus 32 Landwirten aus verschiedenen Orten Rußlands, Eierhändlern, Viehhändlern sowie Sachverständigen der Milchwirtschaft. Ter Führer der Landwirte ist ein Bevollmächtigten des Ackerbauministeriums. Warschau, 10. Dez. AmdeutschenKonsulats- gebäude wurde heute unter Hissen der deutschen Flagge, in Anwesenheit des Personals des Generalkonsuls das neue Schild befestigt. Als russische Vertreter waren der Stadtpräsident Vibikosf, der Oberpolizeimeister und der zum Ministerium des Aeußern gehörende, dem Generalgouverneur beigegebcne Geheimrat Wissiawski zugegen. - Tie hiesige „Gazetta" versendet an die polnischen volkswirtschaftlichen Kreise, Bankiers, Bankdrrektoren und Gewerbetreibende in Politische Tagesschau. Ueber einen Zusammenstoß deutscher nnb britischer Truppen in China haben wir bereits in unserer gestrigen Morgenausgabe kurz berichtet. Heute nun liegt uns der Wortlaut der Reuter'schen Depesche aus Tientsin vor: Posten stehender indischer Soldat lief Amok und ®ie. Swci Kameraden. Eine Kompagnie Pendschab-Jnfanterie marschierte aus, um den Irrsinnigen festzunehmen. Mittlerweile " .er hatten schon deutsche Mannschaften den Inder erschossen und eröffneten nunmehr Feuer auf die anrückenden Infanteristen. Es kam zu einem förmlichen Gefecht, in welchem drei Deutsche getötet wurden. Em Offizier wurde tätlich verwundet. Drei Inder sind getötet, mehrere verwundet. Die Deutschen dürsen bis auf Weiteres die Kaserne nicht verlassen. Zunächst sei der malaiische Ausdruck „Amok laufen" er- llärt. Das bedeutet so viel wie in blinder Wut angreifen. Bei den malaiischen Anwohnern des indischen Archipels entwickelt sich, Trenn sie durch Eifersucht, Zorn und andere Effekte in höchste psychische Erregung geraten, häufig ganz plötzlich eine eigentümliche, durch Mordsucht sich charakteri- sirende, die Zurechnungsfähigkeit ausschließende Geistesstörung. Die von der Wut Befallenen ziehen den Dolch, springen auf und stoßen laufend jeden, der für sie erreichbar ist, schon- mmgslos nieder. Nach amtlicher d eutsch er Mitteilung handelt es sich nun sücht um einen Kampf, sondern der deutsche Wachtposten handelte in Notwehr, als er den rasenden indischen Soldaten nieder- schoß, dec vorher mehrere Angehörige der deutschen Garnison tätlich verwundet hatte. An maßgebender Stelle wird versichert, daß ein Kampf überhaupt nicht stattgefunden hat. Man wird aber auch weitere amtliche Nachrichten abzuwarten haben, namentlich zuverlässige Angaben darüber, ob überhaupt und ivie viele deutsche Krieger dem wahnsinnigen Inder zum Opfer, gefallen sind. Die Malaiien betrachten alle Anlokläufer für vogelfrei und es ist erlaubt, sie auf der Stelle zu töten. Von einem deutschen Uebergrifs kann also keine Rede sein. Abenteuer und Beschwerde« aus der Polarwelt lautete das Thema, über das Dienstag abend im Kaufmännischen Verein im Hotel zum Einhorn in Gießen der Nord- pvlsahrer Dr. Julius Ritter von Payer sprach. — Ter Redner ging aus von den verschiedenen Wegen, auf denen man bisher die Erforschung der Polargebiete versucht hat, und verweilte etwas länger bei dem Versuche Andrees, den Pol mittels Luftballons zu erreichen. Andree habe die Schwierigkeiten einer Polexpedition unterschätzt; er gleiche dem Passagier, der in einen Zug einsteige, ohne zu wissen, wohin er fahre. Er glaube nicht, daß Andree noch am Leben sei. Am wahrscheinlichsten sei es ihm, daß er ins Meer geschleudert worden sei. Der Erfolg der Nansen'schen Expedition ist in erster Linie auf die breite Bauart des Schiffes zurückzuführen, das dadurch in den Stand gesettt war, dem gewaltigen Drucke der Eispressungen standzuhalten, durch den ftüher alle im Eis eingeschlossenen Schiffe, so auch der „Tegethof", das Schaff v. Payers, zerschmettert wurden. Die Ausrüstung zweier Schiffe ist unpraktisch, da sie wegen des beständigen Wechsels im Laufe der Wasserkanäle doch sehr bald von einander getrennt werden. Die meisten Aussichten auf einen Erfolg bieten heute die unterseeischen Schiffe, obwohl sie auch mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Eisberge ragen manchmal über 300 Meter tief ins 'Wasser, und das Licht vermag nur bis zu geringer Tiefe einzudringen. Dadurch wird es schwer, in der Tiefe die offenen Stellen zu erkennen, die. für diese Schiffe bedeutungsvoll sind, weil sie doch immer von Zeit zu Zeit wegen des Luftaustausches an die Oberfläche kommen müssen. Dann ging der Redner über auf die Natur des Polarlandes. Das Polargebiet ist zum größten Teil Gebirgsland. Der kurze Sommer läßt ellenlanges Gras hervorsprießen, das Aäoschusochsen und Renntteren Weide bietet. Einen eigenartigen, herrlichen Blütenschmuck bringt der Sommer hervor, wenn die Alpenrosen, Vergißmeinnicht, Weiden und viele andere Pflanzen in Blüte stehen. Die kolossalen Temperaturunterschiede und die Luftsttömungen bringen die wuiiderbarsten Brechungserscheinungen hervor. Die Sonne ist schon eine Woche, bevor sie wirklich aufgeht, am Himmel sichtbar, begleitet von vielen Nebensonnen und Höfen. Schiffe spiegeln sich in der Luft verkehrt ab oder sind auch drei- und viermal übereinander zu sehen usw. Tie Region des Südpols unterscheidet sich wesentlich von der eben beschriebenen des Nordpols. Hier finden sich ungeheure, bis 4000 Meter ansteigende Vulkane und gewaltige Gletscher. Menschen können hier nicht leben. Nur Seelöwen und Pinguine treiben auf den dem Lande vorgelagerten Klippen ihr Wesen. Auf dem Lande selbst vermögen kaum Tiere zu existteren. Es ist ein furchtbar ödes und trauriges Gebiet, wo mehr Nacht und Nebel herrscht als Sonne. Tie Ausnahme neuer Gebiete ist zum größten Teile nicht mit dem Schiffe, sondern mit dem Schlitten gemacht worden. Die Mühseligkeiten dieser Schlittenfahrten sind furchtbar. Tie Aufnahme selbst bietet kolossale Schwierig, feiten, die in den klimatischen Verhältnissen beruhen. Die Strahlenbrechung zeigt den Reisenden Inseln, Gebirge, wo gar keine vorhanden sind. Die Instrumente vereisen. Die Uhr muß auf bloßem Leibe getragen werden, wenn sie nicht einfrieren soll. Tie Magnetnadel verliert ihre Zuverlässigkeit und zeigt Schwankungen bis zu 50 Grad. Von den tierischen Bewohnern des Polargebietes der- dient hauptsächlich der Eisbär Erwähnung. Im Hochsommer ist er weniger gefährlich, sondern mehr mißtrauisch und neugierig. Trifft er auf einen Menschen, dann umkreist er ihn erst stundenlang, bevor er ihn angreift. Im Frühjahr dagegen, wenn er durch die lange Wintersastenzeit ausgehungert ist, stürzt er sich sofort aus ihn, und ist dann bei seiner Kraft und Gewandtheit ein furchtbarer Gegner. Dr. v- Payer führte zahlreiche mit dem Eisbär erlebte Abenteuer an. Ein unentbehrlicher Freund des Polarfahrers ist der Hund, der ihm als Zugtter und Wächter unersetzlich ist, dem seine treuen Dienste aber meist mit Undank gelohnt werden. Tos Leben des Polarfahrers ist furchtbar anstrengend und entbehrungsreich. Das Polarland ist die Heimat des Hungers. Man genießt Schwarzbrot und Büchsenfleisch. Besonders geschätzt ist das frische Fleisch des Eisbären. Wenn das Brot fehlt, zeigt sich bald eine Abnahme der Körper- kräfte. Geistige Getränke sollten bei jeder Polaraxpedition mitgeführt werden. Bei kurzem Aufenthalt in der freien Luft sind Bart und Augenbrauen mit dichter Eiskruste bedeckt, jeder Körperteil muß vor der Luft geschützt sein, weit er sonst in ikurzer Zeit erfriert, und wehe dem Unglücklichen, den die Schneeblindheit befällt. Auch das Innere des Menschen beeinflußt die Umgebung. Tie Willenskraft, die die Kälte anfangs anregt, nimmt ab, der Mensch wird verschlossen und reizbar. Schwer ist es, die Tisziplin aufrecht zu erhalten. Nicht Strafen noch Belohnungen kommen dabei in Betracht, sondern einzig das gute Beispiel des Führers. Trotz der fast zweistündigen Tauer des Vortrages zollten die außerordentlich zahlreichen Zuhörer enthusiastischen Beifall. Payers einfache, doch formvollendete Vortragsweise wirkte besonders durch die Anschaulichkeit brr Llus- führungen und durch die Wahrheit des Selbsterletu^ Die Polen im österreichischen Parlament. Wien, 10. Dezember- Abgeordnetenhaus. Der Generalredner contra bringt die Beschwerden der Tschechen gegen die Regierung vor, die sie nicht für geeignet hielten, den inneren Frieden herbeizuführen. Wg. Dzieduszycki, als Generalredner pro, führt aus, es werde behauptet, daß die Polen eine Verschwörung angezettelt haben, und daß sie zu einer Gefahr für diesen Staat geworden sind. Es sei begreiflich, daß die Vorgänge außerhalb der Reichsgrenzen bei den Polen in Oesterreich die schmerzlichsten Gefühle geweckt haben. Wenn er von Dingen außerhalb der Reichsgrenze rede, so thue er dies, ohne die Absicht und ohne die Hoffnung, irgend etwas zu ändern. Er thue dies, damit man die volle Wertlosigkeit der Vorwürfe, die in letzter Zeit gegen die Polen außerhalb Preußens erhoben wurden und die volle Perfidie derjenigen, die diese Vorwürfe erhoben hätten, abschätzen könne. (Lebhafter Beifall bei den Polen.) Der Redner bedauert, daß man in Preußisch-Polen die Muttersprache nicht nur aus der Volksschule, sondern auch aus den Privatschulen zu bannen suche. (Hört! linfy Damals sei es trotz des tiefen Eindrucks, den diese Nachricht auf die polnische Bevölkerung Oesterreichs machte, zu keinen lauten Kuno- gebungen gekommen. Redner erinnert an die Einsetzung einer Kolonisationskommission in Preußen, welche polnische Güter aufkaufte und weiterverkaufte. Auch damals hätten die Polen geschwiegen. Ferner weist der Redner auf die Ausweisung österreichischer Untertanen aus Preußen hin, nur weil sie Polen waren, die es wagten, polnisch adressierte Briefe und Telegramme abzusenden. Dagegen, sagt der Redner, haben wir uns in den Delegationen verwahrt, ohne uns mit einem Wort in die inneren Angelegenheiten Deutschlands einzumischen. Redner verweist endlich darauf, daß nun auch der Religionsunterricht, der nach einem (Jtebote der Kirche in der Muttersprache zu lehren sei, in einer fremden Sprache vorgetragen merken soll. Dies sei geschehen, nachdem seit einem halben Jahrhundert von der polnischen Bevölkerung keinerlei illegale Schritte unternommen worden seien. Nachdem man dann erfahren, daß die Kinder deshalb gepeitscht und die Eltern derselben wegen Aufruhrs angeklagt worden seien, habe die polnische Bevölkerung ihr Gefühl nicht mehr zurückhalten können. Bedauerlich sei, daß deshalb Straßenkundgebungen vorgekommen seien und bedauerlich werde es immer sein, wenn die Bevölkerung gegen einen diplomatischen Vertreter Schritte unternehme. Redner giebt sodann der Zuversicht Ausdruck, daß die Verfolgung der Völker untereinander aufhören werde und fordert dazu auf, einen Hort des Friedens zwischen den Völkern der österreichischen Monarchie zu schaffen. (Lebhafter Beifall.) — Der Ministerpräsident Dr. v- Körber erklärt, die Partei des Vorredners werde es der Regierung gewiß mit vollem Rechte verübeln, wenn sie sich die Kritik einer fremden Regierung gefallen lassen, ober gar die Einmischung eines anderen Staates in die inneren Verhältnisse Oesterreichs gestatten wollte. Deshalb sollte auch die Besprechung innerer Angelegenheiten eines anderen Staates im Hause ausgeschlossen bleiben, und er müsse deshalb von seinem Standpunkte aus gewisse Aeußerungen zurückweisen, die sich auf einen fremden Staat in den Ausführungen des Vorredners bezogen. (Beifall.) Daszynski erwidert, es gebe Tinge, bei denen die durch die internationalen Beziehungen gezogenen Grenzen überschritten werden müßten, und er müsse, nicht nur namens des polnischen Volkes, sondern aller Völker gegen die Behandlung der nichtöfterrerchifchen Polen protestieren. Deutsches Reich. Berlin, 10. Dez. Ter Kaiser ist abends kurz vor 7 Uhr in Slaventzitz euigetroffen und vom Herzog von Ujest empfangen worden. — Die „Nat.-Zto." dementiert die Potsdamer Meldung über die angebliche Duellrede des Kaisers im Kasino des ersten Garde-Regiments. — Wie von angeblich vorzüglich unterrichteter Sette mitgeteilt wird, dürfte der B u n d e s r a t sich u n t e r keinen Umständen einer weiteren Erhöhung der Getreidezölle geneigt zeigen, als der dem Reichstage vorliegende Zolltarif sie vorsieht. Der von den Vertretern der Regierung im Reichstage eingenommene Standpuntt werde auch fernerhin unbedingt festgehalten werden. Darin herrsche unter allen Regierungen vollkommenes Einverständnis. — Seitens der deutschen Heeresverwaltung sind die eine Zeit lang unternommenen Versuche mit einem Gewehr von sechs Millimeter-Kaliber eingestellt worden. Die königliche Gewehr-Prüfungs-Kom- rnissivn in Ruhleben, die mehrere Waffen dieser Art in der Praxis eingehend erprobt hat, erachtet die dabei erzielten Ergebnisse nicht als zufriedenstellend. Es ist unwahrschein- llch, daß man in absehbarer Zett kleineres als das jetzt im Gebrauch befindliche Kaliber von acht Millimetern wählen wird. — Die heutige Hauptversammlung der Korporation der Kaufmannschaft von Berlin lehnte mit 630 gegen 300 Stimmen die freiwillige Umwandlung in eine Handelskammer ab. Stuttgart, 10. Dez. Ter württembergische „Staatsanzeiger" weist den Vorwurf des katholischen „Volks- blattes" zurück, er habe die Los von Rom-Bewegung gebilligt. Der „Staatsanz." erklärt, er habe Sympathie für das Deutschtum in Oesterreich, verurteilender die Los von Rom-Bewegung, weil sie zersetzend auf die Monarchie einwirken würde. Ebenso weist der „Staatsanz." die Behauptung, daß er den österreichischen Thronfolger wegen seiner Teilnahme an den Veranstaltungen des katholischen Schulvereins angegriffen habe, zurück. München, 10. Dez. Ter Abg. Heim wiederholt in der „N. Bayer. Ztg." seine jüngst in der Kammer erhobenen Anschuldigungen gegen die Pfälzer Bank und die Bayerische Terraingesellschast, um ihnen Gelegenheit zu geben, ihn wegen Verleumdung vor Gericht zu rufen. Ausland. London, 10. Tez. Nach einer Depesche aus Newyork vom 10. Dezember ist dort eine Depesche aus Willemstad auf Curacao eingetroffen, welche besagt, daß der Präsident von Venezuela, General Castro, die Möglichkeit erwäge, daß Deutschland die Zollstation Laguayrazur Begleichung der deutschen Forderungen an Venezuelabesetze. Castro soll gedroht haben, in diesem Falle den Freihandel für Venezuela zu proklamieren und er sage, daß er nicht für die Schulden feiner Vorgänger verantwortlich sei. (Die Nachricht scheint uns sehr unwahrscheinlich.) Paris, 10. Dez. Nach einer amtlichen Depesche, die dem Kolonialministerium zugegangen ist, bestätigt es sich, daß Fadelabah, der Sohu Rabahs, am 23. August in einem Gefecht mit den französischen Truppen gefallen ist. Zwei Tage später ergaben sich sein Bruder und alle feindlichen Häuptlinge mit 1500 Eingeborenen. Die Macht Rabahs ist damit endgiltig vernichtet. Vom Burerrkriege Eine Depesche Kitcheners aus Pretoria vom 9. d. M. meldet :Seit dem 2. ds- sind 31 Buren getötet, 17 verwundet, 352 gefangen worden, 35 ergaben sich. Durch die vorgeschobene Linie von Blockhäusern von Brugspruir nach Greylingstad ist das Ostgebiet gangbarer geworden. Ich bin jetzt zum ersten Mal im stände, systematische, fortlaufende Operationen in der Umgegend von Ermelo, Bethel und Carolina unter Leitung der Generale Bruce- Harnilton, Spens und Plumer ausführen zu lassen. Im Westtransvaal geriet Methuen mit dem Kommando Liebenbergs in ein Gefecht, er erbeutete alle Wagen der Buren und nahm 29 gefangen, die in den obenerwähnten einbegriffen sind. Im Nordosten der Kavkolonie gehen Srobell und Monro noch gegen Fouche und Myburg vor, deren Kommandos, wie sie es immer zu thun pflegen, wenn sie ernstlich bedrängt werden, sich in den Bergen zerstreuten. Im äußersten Westen sammelte sich eine bedeutende Buren- äbteilung unter Maritz und anderen, um Tontellbosch-Kop anzugreisen, wo es der Garnison gelang, die Buren zurückzuschlagen. Maritz soll schwer verwundet sein. Die Kolonne Dorans verfolgt diese Kommandos, während Crabbe und Cavanaah das Lund südlich von Rynsdorp säuberten. In der belgischen Repräsentantenkammen gelangte am 10. d- M. die Interpellation des Sozialisten Vander- velde über die Konzentrationslager zur Besprechung. Die Tribünen sind überfüllt- Unter den Zuhörern befinden sich die Gemahlinnen des Präsidenten Steijn und Louis und Moritz Bothas. Der Interpellant befragt die Regierung, welche Haltung sie einnähme, wenn die anderen Regierungen einen gemeinsamen Schritt unternähmen, und von England eine bessere Behandlung der in den Konzentrationslagern Befindlichen zu erlangen. Bandervelde ruft das Mitgefühl der Kammer für die Nicht- tombatanten, Greise, Frauen und Kinder, und sagt, er handele ohne feindseliges Gefühl England gegenüber, denn seine Frau sei eine Engländerin, sein Schwager kämpfe in Südafrika unter Kitchener. — Der Minister des Auswärtigen erwidert, die Regierung könne nicht intervenieren und die Initiative nicht ergreifen, da England eine Intervention nicht annehme. Inzwischen verlautet aus London, daß die Regierung Lord Kitchener den Befehl erteilte, ehestens mit der Heimsendung oer Burenfrauen und Kinder aus den Konzentrationslagern zu beginnen. Man scheint also doch mit dem bisherigen Äonzentrativnslagersyftem brechen zu wollen. .Seit zehn Jahren fnrdet einmal jährlich in London und in Aldershot ein militärischer Gottesdienst! in den jüdischen Gerneinden statt. In der Zentral- synagoge hatte sich am 8. d- M. zu diesem Gottesdienst eine beträchtliche Menschenmenge angesammett. Oberst Cohen hielt eine Ansprache. Er machte auf den großen Anteil aufmerksam, den jüdis che Soldatenan dem Kriege gehabt hätten. Im englischen Reich gäbe es vielleicht weniger als eine viertel Million Juden, und von diesen seien 2000 Mann, einschließlich 80 Offizieren, in Südafrika gewesen. Aus Stadt und Zand. (Der Abdruck der unter dieser Rubrik befindlichen Original-Nachrichten ist nur unter genauer Quellenangabe: „Gieß. Auz." gestattet.) Gießen, den 11. Dezember 1901. • * Auszeichnung. Das Ehrenzeichen für Mitglieder freiwilliger Feuerwehren wurde verliehen dem Mitgliede der freiwilligen Feuerwehr zu Kostheim Kaspar Keßler. * * Hochwasser. Aus den verschiedensten Gegenden kommen Meldungen über Hochwasier. In Mainz wurde wiederum wegen starken Anschwellens des Oberrheins und des Neckars der telegraphische Wasser st andsnach richtendien st eröffnet. Kehl meldet, daß der Rhein von 138 auf 190 gestiegen sei und daß der Rhein noch stark wachse. — In Wimpfen ist der Neckar seit gestern um 2.48 gestiegen, der heutige Stand ist 3.88; das Steigen hält an. — Nach Meldungen aus Witten ist das Hochwasser das stärkste seit zehn Jahren. Viele Häuser sind vollständig vom Verkehr abgeschnitten. Der Verkehr zwischen den einzelnen Ottschaften ist nur durch Kähne möglich. Die Haustiere mußten aus den Ställen in Sicherheit gebracht werden. Die Ruhr fühtt viel Holz, Futter und andere Gegenstände; auch verschiedene Badeanstalten wurden rnitgerisien. Aus Trier wird geschrieben, daß infolge anhaltenden Sturmes, Schneetreibens und Regenwetters die Nebenflüsse der Mosel Hochwasier führen. — Auch bei der Lahn macht sich ein Steigen des Wassers bemerkbar. Die Wieseck hat ebenfalls chren gewöhnlichen Wasierstand bereits bedeutend überschritten. — Weihnachtsbescherung. Am Donnerstag den 19. Dezember, abends 7 Uhr, findet im Hotel Schütz die Weihnachtsbescherung des Gesangvereins „Enthusiasmus" statt. Der Verein hat sich bei seiner Gründung das schöne Ziel gesteckt, armen Kindern zur Wechnachtszeit eine Freude zu bereiten. Beretts im Vorjahr hat er diesen Plan verwirklicht. Eine fröhliche Schar von 38 Kindern umstand mit ihren Eltern, Erziehern usw. den reichlich geschmückten Weihnachts- baum. Die Knaben wurden mit Anzügen, Stiefeln u. beugt, die Mädchen mit Kleidern usw. beschenkt. Fröhlich kehrten die Kinder, sorgsam all' diese Kostbarkeiten, unter denen auch das Weihnachtskonfekt aller Att nicht fehlte, ttagend in ihr Heim zurück. Dank den zahlreichen Spenden der Mitglieder ist der Verein in diesem Jahre in der glücklichen Lage, eine noch größere Anzahl Kinder beschenken zu können. (Näheres siehe im Inseratenteil.) • * Buchhaltungskurs für Handwerksmeister. Der am 7. Dezember zum Abschluß gekommene Buchhaltungskurs für Handwerksmeister in Darmstadt nahmen einen für die Teilnehmer sehr befriedigenden Verlauf. Insbesondere wurde Herrn Heckelmann über seine ruhige, sachliche und dabei doch humorvolle Vottragsweise seitens seiner Schüler am letzten Abend besonderer Dank gezollt. — Ein zweiter Kursus in Buchhaltung wird bei entsprechender Teilnehmerzahl im Monat Januar stattsinden. Anmeldungen hierfür sind baldigst an die Großh. Zentralstelle für die Gewerbe zu richten. Das Unterrichtsgeld einschließlich der erforderlichen Lehrhefte ist auf 5 Mk. festgesetzt. * * Hessische Handelskammer. In Mainz trat dieser Tage der Vosrand der Kanimer in Anwesenheit des Großh. Regierungskommissars Ober Regierungsrat Dr. U s i n g e r zu einer Sitzung zusammen. Die Tagesordnung umfaßte nachstehende Punkte: 1) Errichtung von Prüfungskommissionen zur Abnahme der Meisterprüfungen. 2) Beratung des Entwurfs der Prüfungsordnung zur Vornahme der Meisterprüfungen. 3) Beratung des Entwurfs der Instruktion für die Beauftragten. 4) Besprechung über Er- nemnmg Der Beauftragten sowie einstweilige Dersahung dieses Amtes. Zu Punkt 1 beschloß der Vorstand, dem Ministerium die Errichtung von drei Prüfungskommissionen und zwar je eine in Darmstadt für die Provinz Starkenburg, in Gießen für Oberhcssen und in Mainz für Rheinhessen vorzuschlagen. Die vorliegende Meifterprüf- ungsordnung wurde nach eingehender Durchberatung mit kleinen Abänderungen und Zusätzen angenommen. Die Beratung der Instruktion für die Beauftragten wurde bis nach erfolgter Veröffentlichung der Instruktion für die Geiverbeinspektionen, welche demnächst vom Ministerium erlassen wird, zurückgestellt. Nach Schluß der Tagesordnung and eine allgemeine Aussprache über das Submissions- vesen, den Schutz gegen § 616 B. G. B. und anderes mehr tatt. Der in der letzten Sitzung bewilligte Bettag von 300 Mk., der zur Prämiierung der eingelaufenen besten Entwürfe für Gesellenbriefe besttmmt war, wurde auf 500 Mark erhöht, da gleichzeitig auch Entwürfe für Meisterbriefe mit eingefordert werden sollen. Das Ausschreiben hierzu wttd dieser Tage erlassen werden. x. Annerod, 10. Dez. An der Straße nach Steinbach and man heute die Leiche des seit einigen Tagen vermißten Kaspar Balzer von Alb ach. Der Tote, ein Mann im Alter von 81 Jahren, lag neben einem Baurn, unter dem er sich vielleicht, um seinen Rausch zu verschlafen, niederge- lasien hat. Außer seinen Papieren fand man noch ein Branntweinfläschchen bei der Leiche vor. Butzbach, 10. Dez. Wie man der „Butzb. Ztg." mitteilt, wurde am Sonntag im nahen Zuchthaus Marienschloß der Aufseher Kissel von einem Sträfling überfallen und erhielt von diesem einen starken Hieb mit einem Eisenstab über den Kopf, sodaß die Schädeldecke gespalten ist und an dem Aufkommen Kissels gezweifelt wird. Darmstadt, 10. Dez. Eine gestern im Saalbau abgehaltene Versammlung des Alldeutschen Verbandes war von etwa 2000 Damen und Herren aller Stände besucht. Kommandant Jo oste sprach in zweistündiger, des öfteren von Beifall unterbrochener Rede über den südafrikanischen Krieg. Für Postkarten wurden (ohne das Eintrittsgeld) 495 Mk. gelöst. Zum Schluß wurde eine Protestresolution gegen die bekannten Chamberlain'schen Aeußerungen einstimmig angenommen. v. Darmstadt, 10. Dez. D. Mattäi hielt heute im historischen Verein für das Großh. Hessen einen interessanten Vortrag über Reisen und Reiseverkehr im Zeitalter Karls des Großen und Ludwigs des Frommen. Er stützte sich in seinen Ausführungen auf eine bis jetzt wenig bekannte Quelle, die sog. translatio des Eginhard. Mainz, 10. Dez. Eine Anzahl Schutzleute, die sich in der letzten Zeit grobe Ungehörigkeiten, sogar gegen ihre Vorgesetzten, haben zu schulden kommen lassen, wurden von der Bürgermeisterei zu empfindlichen Geldstrafen verurteilt. Außerdem wurde ihnen die Lehre mit auf den Weg gegeben, daß im Wiederholungsfälle die strengsten Strafen über sie verhängt werden würden. Bingen, 10. Dez. Am Sonntag nachmittag unternahmen vier junge Leute, Techniker Jakob Birgel aus der Nähe von Trier, Gerhardt Quandt aus Reyd, Otto Horst aus Stuttgart und Kaufmann Jakob Ritter, welcher bei Horst zu Besuch war, eine Segelfahrt aus dem RH ein nach Geisenheim. In Geisenheim kehrten die jungen Leute in einem Wirtshause ein, und begaben sich wieder in ihr Boot zurück. Sie werden seit dieser Zeit vermißt. — Die Leiche des Kaufmanns Jakob Ritter ist heute früh am Kempter Eck geländet worden, wodurch die Hoffnung, die vier jungen Leute könnten vielleicht irgend wohin ver- chlagen worden sein, leider vernichtet wird. — Gestern hätte der Rhein beinahe ein neues Opfer gefordert, indem ein von einem Techniker geführtes Boot zwischen einem Schleppzug geriet, und von einem der Verbindungsdrahtseile umgeworfen wurde. Indessen glückte es einigen Fischern, den Techniker noch rech^tzeitig dem kühlen Element zu entteißen. Hanau, 10. Dez. Mit dem heutigen Tage ist hier ein tädtisches Arbeitsamt in Thätigkeit getreten, das ils unentgeltliche Arbeitsvermittelungsstelle und als Aus- unftsstelle für alle das gewerbliche Leben berührenden Fragen gedacht ist. Vermischtes. • Leipzig, 10. Dez. In ihrem Laden wurde gestern die Händlerin Bertha Lory dem Tode nahe aufgefunden. Es waren ihr mit einem Beil furchtbare Verletzungen am Kopf beigebracht worden; sie starb irn Krankenhause, wohin man sie gebracht halt. Aus dem Laden hatte der Mörder Gold- und Silbergegenstände sowie baares Geld entwendet. Die Polizei hat bereits die Verhaftung mehrerer verdächtiger Personen veranlaßt. Nnivrrsttäts Nachrichten. — lieber die Frequenz der Technischen Hochschule in Darmstadt sei nachdem uns vorliegenden Personal-Verzeichnis folgendes berichtet: In diesem Wintersemester sind 1442 Studierende und 258 Hospitanten eingeschrieben. Hierzu kommen 83 Teilnehmer an einzelnen Vorlesungen, darunter 33 Damen. Tie Zahl der deutschen Staatsangehörigen beträgt 1330, die Zahl der Ausländer 453, unter letzteren befinden sich 206 aus Rußland. — Aus Karlsruhe wird geschrieben: Regierungsbaumeister Richard K. Graß- mann in Berlin, Oberingenieur der Allgemeinen Elektrizitäts- geseUschast wurde zum o. Professor für Maschinenbau an der Technischen Hochschule dahier ernannt. — Man berichtet aus Heidelberg: An der hiesigen Universität haben in dem Zeitraum vom 23. November vorigen bis 22. November dieses Jahres 249 Promotionen stattgefunden. Die Hälfte entfällt auf die j u r i st i s ch e Fakultät. Gerichtssaab D. Gießen, 10. Dez. Strafkammer. Carl Arnold von Marbach ist angeklagt, aus der Bahnstrecke Bad-Nauheim—Butzbach — auf Eisenbahnen — im August und September durch drei selbständige Handlungen eine Anzahl von Wertsachen, die zum Gepäck von Reisenden gehörten, sich rechtswidrig angeeignet zu haben. Der Angeklagte war zur Zeit, als er die Diebstähle beging, Bahnarbeiter. Diese selbst find nach der Anklageschrift qualifiziert. Die heutige Verhandlung ergiebt das Vorliegen eines schweren und zweier einfachen Diebstähle. Tas Urteil lautet auf eine Zusatzstrafe von 7 Monaten zu einer durch Entscheidung der Strafkammer vom 18. Oktober wegen gleich beschaffener Tiebstähle erkannten Gefängnisstrafe von 2 Jahren. — Ter Bahnarbetter Eberhard Möbus und die Karl Deibel Ehefrau, beide von Garbenteich, waren durch Urteil des Schöffengerichts Gießen vom 1. November, der erstere wegen Körververlei-ung und Hausfriedensbruch in eine Gefängnisstrafe von 5 Wochen, Sie letztere wegen des letzteren Deliktes in eine solche von 1 Woche verurteilt worden. Gegen das verurteilende Erkennt- nis haben beide Angeklagte und die Staatsanwaltschaft Berufung versolat, die jedoch von dem Anqeklaaten Alöbus und, soweit sie feine Strafen betrifft, auch von der Ltaatsvehorde zurucraenommen wird. Die Staatsanwaltschaft selbst hält heute eine Geldstrafe als angemessene Sühne für das Delikt der Angeklagten Deibel. Das Gericht erkennt demgemäß auf eine solche von 20 Mk. Die Kosten der Berufungsinstanz trägt die Staatskasse. — Die Marie Häusler von Gießen war wegen Diebstahls durch Entscheidung des Schöffengerichts vom 22. Oktober in eine Gefängnisstrafe von 3 Tagen und die Kosten des Verfahrens verurtellt worden. Gegen das verurteilende Erkenntnis verfolgt die Anaeklagte, um chre Freisprechung zu erzielen, das Rechtsmittel der Berufung. Die Verhandlung vor der Strafkammer war vor kurzem zwecks neuer Zeugen» ladnnq vertagt worden. Es findet eine ziemlich ausgedehnte Beweisaufnahme statt, nach deren Schluß die Staatsanwaltschaft kostenfällige Verwerfung der eingelegten Berufung beantragt. Das Gericht ertennt demgemäß unter Verurteilung der Angeklagten in die Kosten auch der zweiten Instanz. — Der vorbestrafte Bäckergeselle Josef Prlte von Landshut steht unter der Anklage vor den Schranken der Strafkammer, zu Bad-Nauheim anfangs Oktober ein dem Bäckermeister Philipp König gehöriges gebrauchtes Fahrrad im Werte von etwa 150 Mk. sich rechtswidrig angeeignet zu haben. Der Angeklagte ist geständig. Die Staatanwaltfchaft beantragt gegen den Angeklagten, insbesondere auch in der Er- roägung, daß die ihm zur Last gelegte Strasthat fast an den schweren Tiebstahl grenze, eine Gefängnisstrafe von 6 Monaten. Tas Urteil lautet auf eine Gefängnisstrafe von 6 Monaten, unter Anrechnung eines Monats der erlittenen Untersuchungshaft. — Der 15jährige, aber schon mehreremale wegen Diebstahls corbeftraffe: Wilhelm Seipp von Hattenrod ist beschuldigt, in der Nacht vom 28. auf den 29. September auf der Kegelbahn des Gastwirts Dörr von Hattenrod dem Konrad Albach von da 10 Mk. rechtswidrig entwendet zu haben. Der Angeklagte leugnet nicht. Die Kammer erkennt gegen ihn auf eine Gefängnisstrafe von 2 Monaten dem Anträge der Staatsanwaltschaft gemäß unter Zuriastsetzung der Kosten des Verfahrens. Mildernde Umstände werden demselben bewilligt. In der Privatklagesache des Mathias Fanith von Holzheim gegen den Georg Heinrich Reitz von da war der Angeklagte der ihm zur Last gelegten Seleibigung durch Urteil des Schöffengerichts Butzbach vom 1. November freigesprochen worden. Gegen das frei» prechende Urteil hat der Privatkläger das Rechtsmittel der Berufung eingelegt. Nach längeren Ausführungen der beiderseitigen Anwälte entscheidet die Kammer dahin, daß die Verhandlung zur weiteren Zeugenladung auf nächsten Freitag auszusetzen sei. — Der Kaufmann Nathan Reiß von Gießen war durch Erkenntnis des hiesigen Schöffengerichts vom 8. November wegen Beleidigung des Kaufmannes Nathan Stamm von hier in eine Geldstrafe von 40 Mk. verurteilt worden. Gegen das verurteilende Erkenntnis verfolgte der Angeklagte das Rechtsmittel der Berufung. Eine ausgedehnte Beweisaufnahme spielt sich vor der Kammer ab. In längeren Ausführungen verbreiten sich die Vertreter der Parteien über den der Privattlage zu Grunde liegenden Thatbestand. Das Urteil lautet auf kostenfällige Verwerfung der Berufung des Angeklagten. Berlin, 8. Dez. Ein Pistolenbuell hat Mitte Oktober zwischen bem Oberleutnant v. Schilgen und dem Leutnant: v. Raumer vom 26. Infanterieregiment in Verden a. Aller statt» gefunden. Es verlief bei dreimaligem Kugelwechsel unblutig. Beide Offiziere wurden vorn Kriegsgericht zu je drei Monaten Festung verurteilt. Leipzig, 10. Dez. Der Prozeß gegen die Direktoren und Aufsichtsräte der Leipziger Wollkämmerei Aktiengesellschaft wurde heute fortgesetzt. Der Angeklagte Fuhrmann-Antwerpen bestreitet, daß eine Verschleierung des Vermögensstandes der Gesellschaft stattfand. Der Angeklagte Hergersberg-Berlin erklärt, er hätte das Pachtkredit-Konto mit 540 000 Alk. für verloren gehalten, aber nach und nach für abschreibungsfähig; bte Eigendectung sei nur zum Wohle der Wollkämmerei erfolgt, damit sie nicht untergehe. (£r sei entschlossen gewesen, auf Verlangen der Generalversammlung, die volle Wahrheit zu sagen. Ter Angeklagte Offermann beftätigtr einmal 140 000, dann 300 000 Mk. zur Sanierung geopfert zu haben. Es folgen die Zeugenvernehmungen.. Kunst und Wstenschajr. Stockholm, 10. Dez. In der heutigen feierlichen Vormittagssitzung des Storthings teilte das Nobel-komite des Storthings mit, daß der NobelsriedenspreiÄ für 1901 dem Schweizer Arzt Henry Dun ant und dem.' Professor Frederic Passy aus Paris, jedem zur Hälfte, mit je 104 000 Francs zuerkannt sei. Am Abend fand in Gegenwart des Kronprinzen und der königlichen Family die Verteilung der vier großen Nobel-Preise für« Wissenschaft und Litteratur von je 208000 Fr. statt. Sie wurden zuerkannt: für Medizin Professor Beh- ring-Halle, für Chemie Professor Bant ho ff-Berlin, für Physik Professor Röntgen-München, für Litteratur Sully P r u d h o m m e - Paris. Mit Ausnahme des Letzteren waren alle anwesend. Der Preis für Sully Prudhomme wurde dem französischen Gesandten übergeben. Dann sand in der Musikakademie die Nobel-Feier statt, welcher der Kronprinz, die preisgekrönten Professoren und eine zahlreiche Versammlung beiwohnten. Der Präsident des Nobel- Komitees, ehemaliger Ministerpräsident Bosttoem, hielt die Festrede, in welcher er das Leben und Wirken Nobels schilderte. Der Präsident der Akademie der Wissenschaften, Professor Odhner, richtete sodann ehrende Worte an die Professoren Roentgen und Vanthoff, während der Rektor des karolinischen Jnstttuts, Graf Moerney, die Verdienste Pvo- fessor Behrings feierte, und der ständige Settetär der Akademie, Tr. Wissen, Sully Prudhommes gedachte. Hierauf überreichte der Kronprinz den Preisgekrönten prächtig ausgestattete Diplome. An die Feier schloß sich ein Festbankett. Handel und Verkehr. Volkswirtschaft. Gießen, 10. Tez. Ter gestrige V i e b m a r f t hatte einen Auftrieb von 600 Stück Rindvieh und etwa 150 Kälbern. Für einen Tezembermarkt war der Handel ganz annehmbar, was wohl feinen Grund in den weichenden Preisen des diesmaligen Marktes hat. Käufer vom Main und von der Sieg belebten das Geschäft. Diese konnten ihren Bedarf in schwarz bunten Milchkühen, die beim Vormarkt bereits verkauft wurden, nicht decken. Ebenso langte der Auftrieb im schwerem Milchvieh nicht hin, um der Nachfrage zu genügen, weshalb für diese Ware die hohen Preise der letzten Mäckte bestehen blieben. Fettvieh war nur vereinzelt aufgetrieben und ging auch nur bei schwachem Begehr fort Es wurden verkamt Kühe, frisch melkend und tragend, schwere Ware zu 440—480 Mk., 2 Qualität 330—380 Mk., abmelkende Kühe zu 150—180 Mk. Tragende Färsen zu 170—200 Mk. Junge fette Rinder erzielten pr. Ztr. Schlachtgewicht 57—59 Mk. Kälber pr. Ztr. Schlachtgewicht 1. Sorte 57—59 Mk., 2. Sorte 53—55 Mk., leichte Ware 48—50 Mk. Der Markt wurde beinahe geräumt und war frühzeitig beendet. Kirchliche Nachrichten. Evangelische Gemeinde. Donnerstag den 12. Dezember, abends 8 Uhr, im unteren Konfirmandensaal (Kirchstraße 9): B i b e l ft u u d e. Jac. 3, 13 u. ff. Pfarrer Dr. Grern. Neueste Meldungen. Originaldrahtmcldungen des Gießener Anzeigers. Bingen, 11. Dez. Heute wurden auch die Leichen der drei übrigen bei der Nachenfahrt verunglückten jungen Leute geländet. Frankfurt a. M., 11. Dez. Der ledige Privatier I ■»•ÄS DM W l«Ä lÄ?» K.-Ä ■sm IÄ I^S te Rä5 Meegen bas frei Mch smiitel bet£ ► der beiberfeitiato Muietzm |et _T ljri^ Kenntnis by Mn leleibiguttn bes E?rW*Ä -r o» Eine er Kammer ab. % der Poüeik ' Aatbe,lanb. $\2 ■ Neurung beS St h°t Mitte Oüok '"d dem Leutnar werden a.Siaetfta: M unblutig. Ben Monaten Feslun; die Tirektoren l-j iengefellfchafl nr.1- üntroerpen hefte, derGesellschafift- tlärt, er haL bar schalten, abamv >cckung sei nut jum nichl uiilcrzehe. in SenetalDerjammhmg Cfiermann beftdtigt, ieuing geopfert -u ijL ittn. 8 Wi*y3 tM MtiichrL dvL 'MtVbmxie ciebtn^reiil inant unb tat sedem zm M, [m Wend Md in öniglichen Mit lel-Prestr'ft: on je 208000 ft A Professor W tnthosf'Beilin. en, für LitterM ahme des Letzteren sully Prudhoninn geben. Dann fwd statt, welcher der m und eine zahl' Ment des Nobel- zosttoem, hielt du irten Nobels W lissenschaften,PV. Sorte an die > id der Rektor des ■e Verdienste P°> Sekretär der W gedachte- heM nten ME chein ^eswEU ksöirifN norft i--'- * 150 »-» 5 :Ä* ' vr. O sris »ii s* *** Elia sch ew wurde in seiner Wohnung heute Vormittag erhängt aufgefunden. Hebet den Grund zur Thal ist nichts bekannt. Bochum, 11. Dez. Tie hiesige Strafkammer verurteilte aen Lehrer Nagel aus Hiltrov wegen Sittlichkeitsverbrechen, begangen au seinen Schülerinnen, zu 3 Zähren 6c- fängnis. Breslau, 11. Dez. Ter Tirektor Breslauer soll nach Monatlicher Untersuchungshaft seine Mitschuld an der Million endefraudation seines Mitdirektors Schostag gegen die Rhederei Vereinigter Schiffer cingestanden haben. Breslau, 10. Dez. Eine furch bare Feuersbrunst äscherte ein großes Bauerngut in Klitschen (Kr. Oels) ein. Tie Schwester des Besitzers und eine Auszüglcrin kamen in den Flammen um. Loudon, 11. Dez. Reuter meldet aus Carnarvon vom 7. Dez.: Ueber den Burenangriff auf Tontelboschkop wird noch folgendes berichtet: Im Gefecht wurden 2 Buren getötet und 14 verwundet, darunter der Kommandant Maritz, der einen Schuß in die Brust erhielt. Sein Revolver wurde zerschmettert. Bruchstücke davon drangen ihm in die Brust. Nachdem der Feind die Einnahme des Platzes aufgegeben hatte, zog er sich zurück. Melbourne, 11. Dez. (Reuter). Der Bundespremierminister erklärte, das Kabinett werde in der nächsten Sitzung über eine weitere Sendung australischer Truppen nach Südafrika beraten. Haag, 11. Dez. Aus Anlaß der Rückkehr der Königin Wilhelme na ans Schloß Loo werden gegen den Prinzgemahl feindliche Kundgebungen befürchtet, da trotz aller öffentlichen Dementis die bekannten Gerüchte immer noch kursieren. Eger, 11. Dez. Ter 20jährige Buchhalter Ferdlnand aus Markneukirchen feuerte auf seine eben daher stammende Geliebte einen Revolverschuß ab, worauf er die Waffe gegen sich richtete. Beide wurden schwer verletzt. Das Motiv zur Thal soll Licbesgram sein, da die Eltern des Mädchens den Verkehr nicht billigten. Berlin, 11. Tez. Ten „Bert. Pol. Rachr" zufolge ist die Zeitungsnachricht unzutreffend, wonach der preußische Etat pro 1902 cm Defizit von 80 Mill, aufwäisen werde. Der Etat werde in den Einnahmen und Ausgaben balancieren, ohne daß es dazu der Heranziehung außerordentlicher Teckungsmittel bedarf. Berlin, 11. Tez. Ter Gefreite N o w a ck i vom 2. Bataillon des 2. osrasiatischen Infanterie-Regiments wurde gestern wegen Ge h o r | a Ni s - V e r w e i g e r u n g und t h ä t l i ch e n Angriffs auf feine Vorgesetzten, begangen bei der Rücklehr aus China in Wien, zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Ter Mitangeklagte Fischer erhielt wegen Beihilfe drei Wochen strengen Arrest. London, 11. Tez- Der Sohn Chamberlains hielt gestern eine Rede, worin er Sir Campbell Bannermann heftig angriff. Der Redner sagte, was ihn betreffe, so möchte er nicht aus dem Platze stehen, den die Geschichte dem Manne geben wird, der von allen Feinden Englands zum Zeugen gegen die englische Armee angerufen wird. — Sir Campbell Bannermann hielt gestern in Tunfermline in Schottland eine Rede, in der er erklärte, das Programm der Regierung verfolge eine blinde und anm a^entf« Politik. Der Wunsch des englischen Volkes sei weder Dte Sucht nach Ruhm, noch Erwberungsgelüste, noch, auch die; Rache, sondern ein großmütiger und sicherer ^riebe. - Der Staatssekretär des Krieges, _ Wyndham, erilartei gestern in einer Rede in Exeter, daß die Politik des letztem Vierteljahres England von dem Abschluß eines Friedens bedeutend entfernt habe. Er beschuldigte CampvÄL Bannermann, durch seine Reden die Buren, die ihre Unab» hängigkeit verlangen, zum Widerstande anzufeuern. — AuK Pretoria wird gemeldet: Tie Zusammenziehung bec Burghers durch Dewet dauert in dem Bezirke von! Lindley fort. Dewet scheint ganz besonders die Blockhaus- Linie, die zwischen Kronstadt und Lindley liegt, zu übei> wachen. Man vermutet, daß Präsident Steijn sich bei. Dewet befindet. Bukarest, 11. Tez. Ab g eo r d n ete n kam m er., Ter Finanzminister bringt einen Gesetzentwurf auf Einführung des Ausfuhrzolles von 16 Centimes für baS Miloqi-aniin Zucker ein; der Zoll soll sofort in Alraft treten. Teiephonischer Kursbericht. Frankfurt a. M., 11. Dezember. 8Vt% Reichsanleiho . . 100.70 Kreditaktien . . . 90 , do. ... 90.20 Diskonto-Kommandit 3,/,% KodroIb .... 100.90 Darmstädter Bank . 3° 0 do..... 90 35 Dresd n ?r Bank . . 3l/t% Heesen .... 98.50 Beniner Handelsges. tjo/j Italien. Rente . . . 100.40 ! Oesterr. Staatobahn . 4 /q Griech. Monopo 1-Anl 42.70 | Gotthardbahn . . . 5°/.. Portugiesen .... 27.80 Laurahütte . . . S ’/o Mexikaner .... 25.50' Bochum . . . . . 4‘/2 /j Chinesen . „ . . 87.70 j Harpener . . . . Tendenz: ruhig. . . 206.10 . . 179.20 . . 126.00 . . 126.90 . . 138.20 . . 142 60 . . 166.00 . . 182.00 . . 170.00 . . 160.25 Städtischer Arbeitsnachweis Gießen Gartenttraste 2. Angebot der Arbeitnehmer: 1 Schlaffer, 1 Schmied, 1 Schreiner, 2 Hausburschen, 8 Taglöhner, 1 Lauffrau, 1 Lausinädchen. Nachfrage der Arbeitgeber: 1 Buchbinder. Alice-Schule. Die Weihnachts-Ausstellung findet Dienstag und Mittwoch den 17. und 18. Dezember statt. 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