Nr. 293 Donnerstag, 12. Dezember 1901 151. Jahrg. Ertrink täglich mit Ausnahme des Sonntag-. Die „Siebener Zamilienblätler" werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Ter »Hesßsche Landwirt" erscheint monatlich einmal. Eichener Anzeiger Verantwortlich für den allgemeinen Teil: P. Witiko; für den Anzeigenteil: H. Beck. Rotationsdruck und Verlag der Brü hl'schen Universilätsdruckerei (Pietsch Erben), Gießen. General-Anzeiger, Amtr- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen. matischen Leistungen Der Saratoga-Vertraa ist eine der schlechtesten diplo- "schen Leistungen der letzten Jahre; diesen Vertrag sollten wir lieber heute als morgen kündigen. Amerika bereichert sich auf eine ganz ungebührliche Weise auf unsere Kosten; seine „Konzessionen" haben einen Werth gleich Null. Die Negierung darf das nicht länger dulden. Mit einem Lande, das fortgesetzt seine Zolle so erhöht, wie Amerika, ist gar kein Verkehr möglich. Für sehr bedenklich halte ich, daß die Amerikaner jetzt daran gehen, auch unsere deutschen Handelsschiffe aufzukaufen. Es ist bekannt, daß sie in einem Jahre 1000 Aktien der Hamburg-Amerika-Packetfahrt gekauft haben. Diese Gesellschaft hat 60 Millionen Mark Aftien und 40 Millionen Obligationen. Diese 120 Millionen kann ein einziger amerikanischer Millionär an einem Tage aufkaufen. Wie lange wird es dauern, bis diese Gesellschaft in amerikanischen Händen ist? Das sind die Folgen unserer Politik gegenüber Amerika, die man mit einem Wort charakterisiren kann: Wenn dir Jemand einen Streich giebt auf die eine Backe, so reiche ihm auch die andere darl Wir können dies Toleranz-System unmöglich aufrecht erhalten. Die Abschaffung des N o h e i s e n z o l l e s , die Herr- Bebel verlangt, würde ich für äußerst bedenklich halten. Ich stimme darin dem Abg. Beumer durchaus zu. Wir können wohl an eine Erhöhung des Roheisenzolls denken, unter leinen Umständen aber an eine Herabsetzung. Ich wünsche, daß solche Zölle in den Tarif aufgenommen werden, die Amerika vielleicht veranlassen, feine Zollsätze etwas herabzusetzen. Ich glaube nicht an einen Zollkrieg mit Amerika, bin aber mit dem Abg. Calwer der Meinung, daß wir in einem solchen Zollkriege die bessere Position haben würden, weil wir die Käufer sind. Der ö st erreicht sche Handelsvertrag wurde seiner Zeit mit geringer Mehrheit angenommen, und ich glaube, ein neuer Vertrag würde die Zustimmung Oesterreichs nicht finden. Mit dem russischen Handelsvertrag sind wir schrecklich getäuscht worden, besonders unsere Textilindustrie, der nicht die geringste Konzession gemacht und keine Bindung zugestanden wurde. Ich kann es nicht verstehen, warum von russischer Seite ein solches Gewicht auf die Getreidezölle gelegt wird. Die Herren Sozialdemokraten sagen, daß der Getreidezoll das Brod vertheuert (Sehr rich-. tig! bei den Sozialdemokraten), aber ihre Berechnung ist nicht rieh-, tig, die Wahrheit liegt in der Mitte. Das Ausland trägt auch einen Theil des Zolls. Das System der Werthzölle will ich an sich nicht vertheidigen, ich glaube aber, daß dies eine wirksame Waffe ein Mittel der Abwehr ist gegenüber den Ländern, die uns durch ihre Werthzölle belästigen. Die amerikanischeil Zollplackereien mit den Werthzöllen find wirklich unerträglich, und wir müssen der Regierung die Möglichkeit geben, Amerika mit gleicher Münze zu zahlen. Daß die Landwirthschaft Noth leidet, ist klar, das beweist deutlich unsere Bevölkerungs- und Berufsstaftstik. Tie Linke schwärmt von einem Industriestaat, aber wir brauchen unseren heimischen Körnerbau nicht nur im Frieden, sondern vor Allem im Kriege, weil wir sonst ausgehungert werden könnten. (Ohol links.) Rom ist zu Grunde gegangen weil die Landwirthschaft zu Grunde ging durch die Einfuhr aus den Ackerbau treibenden Kolonien und durch die Auffaugung der kleinen Bauerngüter, durch die großen Latifundien. (Sehr richtig! links.) Mommsen sagt, Rom wäre nur durch Getreidezölle zu retten gewesen. Vergessen Sie nicht, daß es mit der Kraft des römischen Heeres zu Ende war, als aus den Legionen dec letzte Bauerssohn verschwand! Bewahren Sie uns vor dem Uebcrgang zum Industriestaat! Das würde den Verlust unserer wirthschaftlichen und politischen Selbständigkeit bedeuten. Erhalten Sie die ländliche Bevölkerung, erhalten Sie die Volkskrast! Die Volkskraft ist mehr Werth als Reichthum, (Lebhafter Beifall rechts.) Abg Singer (Soz.): Die Herren von der Rechten sollten doch wissen, daß der Bauer in Rom gerade durch die Latifundienbesitzer zu Grunde gerichtet ist. Die Freunde der Vorlage beschweren sich über das Wort Brodvertheurer, aber ein viel schlimmeres Wort, Parlamentarische Verhandlungen. Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet, Deutscher Reichstag. _ 110. Sitzung vom 11. Dezember, T Uhr. Das Laus ist ziemlich gut besetzt. Am Aundesrathstisch: Graf Posadowsky, Möller, von Podbielski u. A. Die erste Lesung des Zolltarif-Gesetzes wird fortgesetzt. Abg. Gras Kanitz (kons.): Noch niemals hat der Jnteressen- kampf m einem Parlament so heftig getobt, wie hier in der letzten Woche; nie ist das Schlagwort von der Vrodvertheuerung mehr gemißbraucht worden, als von den Rednern der linken Seite des Hauses. Giebt es denn nicht genug Zolltarife, in denen die Landwirthschaft mehr berücksichtigt ist, als in dem uns vorliegenden? Ich erinnere nur an Frankreich. Dort weiß man ganz genau, daß die Erhaltung der Landwirthschaft gleichbedeutend ist mit der Erhaltung der Wehrkraft des Landes. Man hat uns entgegengehalten, daß andere Berufsstände, z. V. das Handwerk, ebenfalls in Nothlage seien und daß wir mit Rücksicht auf diese Berufe die Getreidezölle nicht erhöhen dürften. Die Handwerker denken darüber anders; sie wissen genau, daß ihr Erwerb sehr eng mit dem Wohlbefinden des Landwirths zusammenhängt. Herr Bebel hat die Vorzüge des Industriestaates ins hellste Licht gerückt; er hat aber nicht erzählt, daß in London im letzten Jahre 48 Menschen verhungert sind. (Abg. Bebel ruft: Weiß ich genau! Ist in Berlin ebenso!) Ja, Herr Bebel, warum schieben Sie denn die Schuld auf die Getreidezölle, die ja in England nicht bestehen. Der Grundfehler, der so oft gemacht wird, ist der, daß man allen Werth auf die Brodpreise und nicht genügend Werth auf den Arbeitsverdienst legt. Weshalb sind 1891 zur Zeit der hohen Getreidepreise in Deutschland die deutschen Arbeiter an Der österreichischen Grenze nicht nach Oesterreich ausgewandert, obgleich dort damals das Brod billiger war, sondern umgekehrt? .Weil in Deutschland der Lohn des Arbeiters besser war. Wir wollen die allgemeine wirthschaftliche Kraft des Landes stärken durch den neuen Zolltarif, davon werden auch die Arbeiter Nutzen haben und darum find wir die besten Freunde der Arbeiter. (Widerspruch und Lachen bei den Sozialdemokraten.) Man weist immer auf die Nothwendigkeit langfristiger Handelsverträge hin. Aber die Hauptindustrieländer, England und Amerika, haben solche Verträge nicht, sondern Meistbegünstigungen, weil sie wissen, daß sie durch langfristige Verträge die besten Waffen aus der Hand geben. Wenn die Industrie trotzdem langfristige Verträge haben will, fo wollen wir sie abSchließen. Auf jeden Fall muffen wir aber die jetzigen Verträge kündigen. Das ift jetzt eine der nothwendigsten Maßnahmen. Den Fehler von 1891, die Verträge und die Meistbegünstigungen nicht zu kündigen, dürfen wir nicht wieder machen. Eine der Hauptaufgaben der Regierung ist die RLüebung urssLrcs Verhältnisses zu Amerika. Der jetzige Vertrag ift geradezu werthlos, Äa die Amerikaner ihm eine Auslegung geben, die wir nicht acceptiren können. das Wort Brodwucher, knüpft fick an den Antrag Kanitz und der dies Wort gebraucht hatte, war der deutsche Kaifer. Als Graf Kanitz noch vernünftige Anschauungen hatte (Heiterkeit), war er gegen alle Zölle. Es ift falsch, uns als Feinde der Landwirthschaft hinzustellen. (Lachen rechts.) Wir wollen dem kleinen Landwirtb helfen, aber nicht zu Gunsten der 25 000 Großgrundbesitzer das gesammte Volk Schwer belasten. Der Bund der Landwirtbe erklärt, daß er mit der Industrie Solidarisch ist, aber das ift die Solidarität der Räuber. (Unruhe rechts.) Graf Kanitz weiß doch, daß auch in agrarischen Provinzen Hunger und Elend zu Hause sind; weiß Graf Kanitz nichts von der HungersNoth in seiner Heimath im Jahre 1873, weiß er nichts von den Hungerrevolten in Rußland? Sie (nach rechts) sagen, Sie wollen höhere Zölle, um die Löhne der Arbeiter erhöhen zu können. Thatsächlich sind aber die Löhne in Ländern mit Freihandel wett höher als in solchen mit Schutzzöllen. Wir sind gegen die Zölle und werden sie trotz der philosophischen Ausführungen des Vorredners bekämpfen, weil wir überzeugt sind, daß dadurch das Brod des Volkes vertheuert wird. Bevor ich auf die Vorlage selbst eingehe, muß ich noch einmal auf den Zwischenruf des Grafen Arnim während der Rede meines Freundes Bebel am letzten Donnerstag zurück- femmen. Der Abg. Graf Arnim hat versucht, einen Zwischenruf, der die gerechte Empörung auf dieser Seite hervorgerufen hat, dadurch zu mildern, daß er behauptet, er hätte den Zwischenruf in die Form einer Frage gekleidet; er hätte Bebel unterbrochen durch den Ruf: „Hat der Vater vielleicht Alles bertrunfen?" Nein, so war die Sache nicht, Graf Arnim hat dazwischen gerufen: „Der Vater hat vielleicht Alles ücrtrunlen!" Er hat das alfo als feine Ansicht hingestellt, und diefer Zwifchenruf ift charakteristisch für die Auffaffung, von der die herrschenden Klassen überhaupt erfüllt sind, charakteristisch für die Auffassung der Partei, der Graf Arnim angehört. Zu der Noth, zu dem Unglück, welches durch die bestehenden wirthfchaftlichen Verhältniffe über die breitesten Kresse der Bevölkerung hereingebrochen ist, zu der Noth und dem Elend, zu dem die arbeitende Klaffe verurtheilt ift durch die wirthschaft- liche Produktionsweise, fügen die Herren Hohn und Spott. (Große Unruhe rechts.) Jawohl, meine Herren!.... Präsident Graf Ballestrem: Von Hohn und Spott zu reden, ift nur dann zulässig, wenn kein Mitglied des Hauses gemeint ist. Abg. Singer (fortfahrend): Ich habe nur von der Partei gesprochen. (Heiterkeit.) Auf die persönlichen Verhältnisse eines Kollegen einzugehen, duldet der Präsident ja nicht, aber dadurch, daß der Zwifchenruf von einem Manne stammt, der als Großgrundbesitzer Vorrheil von den Getteidezöllen hat, wird er nicht schöner und nicht feiner. (Sehr wahr! links.) Der Abg. Speck hat neulich gesagt, man müsse die industrielle Entwickelung Deutschlands aufhalten. Nun, ich glaube, die katholischen Arbeiter werden Herrn Abg. Speck um ihrer Sellssterhal- hmg willen wegen dieser unvorsichtigen Aeußerung nach Haufe leuchten. Wie kommt es, daß das (Zentrum, wenn es die Anschauung des Abg. Speck theilte, sich für die Milliardenflotte begeistern kann! An der Behauptung des Abg. Speck, daß die Abgg. v. Volkmar und Segitz im bairischen Landtag die Erhebung des städtischen Octtois in München als harmlos bezeichnet haben, ist, wie ich ihm versichern kann, kein wahres 23ort; es ist auch unerfindlich. wie biefe Meldung hat aufkommen können. Unsere Kollegen in der Münchener Stadtverordnetneversammlung haben regelmäßig gegen den Octroi gestimmt. Herr von Vollmar hat mich ermächtig:, die Behauptung des Herrn Speck hier als eine Unwahrheil zurückzuweisen. Auch Herr von Hehl hat sich zum An- kläger gegen meine Partei aufgeworfen. Er sagte, wir Sozial- bemohaten seien ja selbst Schutzzöllner, ba wir für ben 3% Mark- Zoll gestimmt hätten. Wir haben nur beshalb für bie „rettenbe That", ben Hanbelsvertrag mit Rußlanb, gestimmt, weil es fich baruni handelte, ben Zoll von 5 Mark verringern zu helfen unb mehr nicht zu erreichen war. Natürlich finb wir aber für gänzliche Beseitigung aller Jnbustrie- unb Lebensmittelzölle, und wenn wir zur Macht gelangen, iverben wir für ihre Beseitigung Sorgen, natürlich wird bann aber Herr von Heyl nicht )'o billig wegkommen, wie heute mit feinen lumpigen 5 Prozent Einkommensteuern. (Sehr gut! bei den Sozdemolraten.) Wenn Sie für die Erhöhung der Zölle Sprechen, so haben Sie zwar die Majorität des Reichstages, aber nicht die des Volkes hinter sich. Die Mehrheit des Volkes Steht offenbar hinter ben Gegnern bes Zolltarifs. Lösen Sie doch den Reichstag auf, bann werden Viele von Ihnen nicht wicderkehren, und wenn wir er ft eine gerechte Eintheilung der Wahlkreise hätten, bann würben Sie auch im Leben nicht einen solchen Zolltarif durchsetzen. (Sehr richtig! links.) Herr von Rheinbaben hat mehr als Polizeiminister wie als jetziger preußischer Finanzminister gesprochen. Er hat offenbar ben Reichstag mit dem preußischen Landtag verwechselt, wo er gewohnt ist, vor einem Chor von Landräthen unb Vrodvertheuerern zu reben. (Sehr gut! bei ben Sozb.) Er hat gemeint, bie Regierung werbe sich nicht bernsteinen lassen. Nun, Herr Minsster, Sie werden nächstens Herrn Bernstein hier im Reichstag sehen unb bann erfahren, baß er mit uns vollftänbig übereinstimmt. An ber festen Solibarität ber Partei werden Ihre Anstrengungen, Zwiespalt zwischen uns zu säen, scheitern. Herr v. Rheinbaben hat es uns empfohlen, doch einmal einen Versuch mit einem Aufruhr n machen. Das ist bezeichnend für die Politik, die er verfolgt. Ein Blick auf die Petitionen hätten den Minister davon überzeugen müssen, daß auch im Rheinlands die Arbeiter entschieden gegen die Zollerhöhungen sind. Herr v. Rheinbaben hat eben mit ganz unzulänglichen Mitteln die Vorlage zu vertheidigen gesucht, und ich muß sagen, daß sich unter diesen Mitteln auch statistische Zahlen befanden. Niemals ist die Statistik ärger gemißbraucht worden, als zu Zwecken der Begründung dieses Zolltarifs. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Mit Flugblättern und Broschüren haben Sie ja auch wieder die Stimmung der Bevölkerung für sich zu erobern gefucht. In Landshut richtete der Magiftrat eine Mittheilung an die Fabrikbesitzer, laut deren er vom Landrath ersucht worden fei, Flugblätter zu Gunsten des Zolltarifs an die Arbeiter gelangen zu lassen und hierfür um die Unterstützung der Fabrikbesitzer bitte. (Hört, hört! links.) Ich möchte nur wissen, ob Sich auch hier wieder Jemand gefunden hat, der 12 000 Mk. dafür bezahlte. (Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Sie rühmen immer die Steigerung der Löhne; wie sind aber die Durchschnittsverhältnisse in Wirklichkeit? Auf den Kopf der Arbeiterfamilie entfallen im Durchschnitt (drei Köpfe) nur 70 Pfg. pro Tag und bei fünfköpfiger Arbeiterfamilie nur rund 40 Pfg. Wir halten den vorgeschlagenen Zolltarif für die Sank- tionirung eines Bündnisses, das Junker und Schlotbarone geschlossen haben. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Ich bin überzeugt, die Regierung würde die Forderungen der Agrarier gar nicht unterstützen, wenn sie nicht die Mehrerträge der späteren Zölle haben wollte für die Durchführung volksfchädlicher Pläne, für die Durchführung ungeheurer Erweiterungen des Heeres und der Marine. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Warum kommt denn die Regierung nicht mit einer Reichseinkommensteuer? Wenn fie das tijäte, dann würden die Herren von Der Rechten, die National-Liberalen und das Gen« trum sich Schwer hüten, für Solche Ausgaben zu stimmen. Sie finb eben nur Solange patriotiidi, als ihr Patriotismus aus dem Geldbeutel der Massen bezahlt wird. (Unruhe.) Bei Anwendung der Minimalzölle des neuen Tarifs würde das Reich zu einer Mehr« einnafune gelangen, welche betragen wurde für Rogggen: 11,8, für Weizen: 27,6. für Gerste: 10,1, für Hafer: 8,6 Millionen. Ter Ojefammtmehrcrirag aus Dicfen Zollen würde sich alfo auf über 58 Millionen Mark belaufen, wohlgemerkt unter Zugrundelegung des Minimaltarifs; bei Anwendung des autonomen Tarifs würde fich Diefer Mehrertrag steigern bei Roggen auf rund 19, bei Weizen auf 41, bei Gerste auf 20, bei Hafer auf 12 Millionen Mark; genau berechnet, würde er insgefammt 93 980 000 Mk. ergeben. Welche Summen da erft bei den unverschämten Forderungen des Bundes Der Landwirthe herauskommmen würden, davon können Sie sich nun vielleicht Selber schon ein Bild machen. Aus Den Vieh- zöllen ist insgefammt ein Mehr von 17 Millionen zu erwarten, aus dem Eierzoll von 4 Millionen, dem Käsezoll von 1 Million, aus allen landwirths chaftlich en Produkten zusammen- genommen bei Anwendung des autonomen Tarifs ein Mehr von 136 900 000 Mark; dazu kommen dann noch die Mehrerträge aus den volkswirthSchaftlichen Produkten mit 4% Millionen und die vermehrten Jndusttiezölle, die ich natürlich nur schätzungsweise angeben kann, und Die ich, wie Sie mir zugcben tocrDen, mit 40 Millionen eher zu nicDrig als zu hoch bemefse. Der gesammte Mehrertrag an Zöllen aus dem neuen autonomen Zolltarif würde sich demgemäß auf 181 Millionen Mark belaufen, d. h. die Einnahmen des Reichs würden um mindestens 30 Prozent gesteigert werden. (Hört! Hört!) Ich glaube, es wird nun Schwer Sein für Die Herren von Den VerbünDcten Regierungen, ihre Behauptung zu toieDerfioIen, daß fie auf Mehreinnahmen für die Reichskasse keinen entscheidenden Werth legen; daß ungeheure Mehreinnahmen entstehen werden, habe ich eben nachgewiefen und ich lege jedenfalls fehr entscheidenden Werth darauf, ob biefe Mehreinnahmen aus den Taschen der Arbeiter kommen oder auS Denen der besitzenden Klassen, denen allein diese Zollgesetzgebung zu Gute kommt. Ihren Arbeitern höhere Löhne zu zahlen. daS sollen Die edlen Motive sein, von Denen Die Agrarier sich leiten lafsen? Man spricht von Der Noth Der Landwirthschaft; nun, ich werde mir erlauben, Ihnen einige Namen aus dem Adreßbuch der „Nothleidenden" zu beriefen. Sic sehen daraus, welchen Vortheil auch deutsche Fürsten von den Getteidezöllen haben. Nach Conrad haben Die fünfzehn rcgicrcnDen Deutschen Fürsten von Den heutigen Zöllen bereits eine Einnahme von 2 328 691 Mark, und wenn die Vorlage der Negierung angenommen werden sollte, so wächst diese Einnahme auf 3 442 913 Mark. (Hört! Hört! links.) Nach meiner Empfindung ist es die größte Beleidigung, die der Bundesrath gegen Die deutschen Fürsten begeht, wenn -er sie in die Lage bringt, hier bezeichnet zu werden als diejenigen, die von der Besteuerung Des Hauptes zu ungeheure Vortheile haben. Weitere ,38 Fürsten mit 244 Besitzungen verdienen an Den jetzigen Zöllen 2 160 188 Mark, an Den Zollsätzen, wie sic die Vorlage beantragt, 3 176 000 Mark. Tas sind diejenigen, die man als nothleidend bezeichnet. 250 Großgrundbesitzer, die jetzt 13 754 000 Mark aus den Zöllen beziehen, werden nach Annahme der Vorlage 20 Millionen erhalten. Können Sie es dem Reichstage zumuthen, daß er zu Gunsten dieser Herren das Volk belastet? Ein anderer Herr besitzt 96650 Hektar, für ihn bedeuten die jetzigen Zölle kapi- talisirt eine Summe von 9% Millionen, die zukünftigen eine Summe von 15 Millionen. Und dieser Herr ist der deutsche Kasser, der bekanntlich keinen Brodwucher treibt . . . Vicepräsident Graf zu Stolberg: Ich bitte, die Perfon Sr. Majestät nicht in dieser Weise in die Debatte zu ziehn. Abg. Singer (fortfahrend): Uns machen die Herren hier im Hause immer Vorwürfe wegen unfercr internationalen Gesinnung, aber es giebt auch eine grüne Internationa le. Die Herren vom Bund der Landwirthe predigen ja selbst die internationale Harmonie aller Landwirthe. Auf dem Kongreß der Landwirthe in Budapest wurde Herr Dr. Noesicke sogar tn den Vorstand gewählt. Die Agrarier bedenken nicht, wie schlecht es ihre Arbeiter auf dem Lande haben, wo der Lohn gering und Die Arbeitszeit lang ist. Auch die Arbeiterwohnungen sind höchst mangelhaft; ich erinnere nur an den Ausspruch des Gutsherrn von Cadipen, daß die Arbeiterwohnungen schlechter sind als die Schweineställe. Was die Landflucht hervorruft, das ist die Thatfache, daß den Arbeitern auf dem Lande keine Existenz möglich ist. Sorgen Sie nur für die Hebung des Arbeiterstandesl Aber das wollen Sie garnicht, Sie fegen ja selbst, daß Die dümmsten Arbeiter ihnen die liebsten sind, weil sie sich mit den geringsten Löhnen begnügen. Daher die mangelhaften Volksschulen in ganz Preußen, und, was vielleicht Herrn Kollegen Büsing besonders intereSfircn durfte, auch in Mecklenburg. Graf Kanitz bestreitet es, daß das Volk durch die Getreidezölle belastet wird. Aber daß das thatfächlich der Fall ift, er- giebr doch eine einfache Berechnung. Dem Bund der Landwitthe genügt diese Belastung noch nicht, sie wollen alles besteuern; nur Caviar und Hummer haben vor ihren Augen Gnade gefunden. (Heiterkeit links.) Die Forderungen, sowohl der Regierungsvorlage, als auch die aus dem agrarifchen Lager, bedeuten nichts weiter als die Wiedereinführung des alten Robots. Ginge es nach den Forderungen der Agrarier, so betrüge der moderne Robot 20 Arbeitstage, die geleistet werden müssen, Damit Die Herren ihre Millionen ein- heimsen können. Fragen Sie nur einen Arbeiter, ob er glaubt, daß die Löhne steigen werden, wenn sich Ihre (nach rechts) Einnahmen erhöhen. Nein, dieNoth derLandwirthschaft,von derSie (nach rechts), sprachen, ist nichts als die Noth einiger weniger Großgrundbesitzer. Und auch das Centrum, das immer so thut, als ob cs für Die Arbeiter sorgt, legt mit HanD an, um dem Volke das Brod zu ver- theuern und die Arbeitsgelegenheit zu verringern. Es ist dadurch in Die NothwenDigkeit versetzt. Die rebellischen Arbeiter, Die ihm fönst folgten, beruhigen zu müssen, aber es toirD nichts nützen, Die katholischen Arbeiter werben Dem Centrum Dadurch entfremdet werden. Tas beweisen Die von christlichen Arbeitern in ihren Versammlungen gehaltenen Reden. Lassen Sie sich doch in den Weihnachtsferien von Ihren Wählern die Wirkung der Getteidezölle auseinandersehen! Ich bin fest überzeugt. Sie werden mit anderen Anschauungen hierher zurückkehren. Ihre Politik ist keine arbeiter- freundliche, Sondern eine arbeiterfeindliche, keine volkserhaltende, sondern eine volksverwüstende. (Unruhe im Centrum.) Und zu diesem Zweck rufen Sie sogar Die Hilfe Gottes an, genau so, wie in China Die Missionare bei ihren Plünderungen Gott angerufen haben, wie man dort gefengt und gemordet hat. (Große Unruhe rechts unb im Centrum.) Wenn es einen Gott giebt, so wäre er nicht zu beneiden, da er bei allen möglichen Schandthaten angerufen toirD. Es toar ein seltenes, aber um so erhebenderes Schauspiel, daß in Der vorigen Woche Die Vertreter Der verschiedenen Bundesregierungen hier so einmütig den Zolltarif vertlicidigten. Wenn die Herren jetzt nach Hause kommen, nicht ohne Die Tagegelder ein« gezogen zu haben , (Stürmische Unterbrechungen und Pfui-Rufe rechts), — ich verstehe Sie nicht. Die Herren vom Vundesrath Haben doch gesetzlich daS Necht. Tagegelder au liquidiren. Wunderlich ist es nur, datz sie das, was sie für sich in Anspruch nehmen, uns bertoeigem. (Sehr gut! links.) Also, ich wiederhole: Wenn die Herren abgereist sind, vermurhlich nachdem sie die Tagegelder eingezogen haben, werden sie in ihren Einzellandkagen ihre Siel- lung zu verantworten suchen. Einige Mitglieder des Bundesraths habe ich hier freilich vermißt. Wo waren die Vertreter der Hanse- städte? Wo war der Vertreter von Coburg-Gotha? Und der Minister Würtembergs, der sich auch für die Vorlage erklärt har, hätte, wenn er die Konsequenz aus seinen Worten gezogen hätte, eigentlich den Entwurf ablehnen müssen. (Sehr wahr! links.) Es ist in der Debatte von den Wohlthaten gesprochen, die den Arbeitern erwiesen werden. Wir wollen aber keine Wohlthaten. oder Bettelsuppen, sondern wir wollen, datz die herrschende Klasse sich endlich des Verbrechens bewutzt wird, das sie gegen die Arbeirer, die sie aushungert, begeht. Der Schahsekretär hat behauptet, der Entwurf sei allen Interessenten, auch den Handelskammern, vorgelegt worden; un Jahre 1898 ist aber vom Reichsschabamt ein Erlatz ausgegangen, in dem aufgcforoert wird, von einer Mittheilung des Entwurfs an die Handelskammern abzusehen, damit den Verhandlungen des wirthschaftlichcn Ausschusses nicht vorgegriffen werde. Rußland hat uns keinen Zweifel darüber gelassen, daß es nut dem 5 Mark-Zoll keinen Handelsvertrag abschließen wird. Das hat wieder die letzte Kundgebung des russischen Finanzministers bewiesen. Unsere Ausfuhr mit Rußland hat sich aber zur Zeit des jetzigen Vertrags ganz enorm gehoben. Wie können Sie es eine arbeiterfreundliche Politik nennen, wenn diese Ausfuhr eingeschränkt wird? Der Reichskanzler nannte es würdelos, auf die Stimmen des Auslandes zu achten. Nun. das mutz ein schlechter General fein, der nicht die Stellung des Feindes beobachtet! Früher hat die offiziöse Presse nach den Reden des Reichskanzlers alle Aeutze- rungen der ausländischen Presse genau verzeichnet, als sie dem Reichskanzler noch freundlich waren. Wie „würdelos" hat damals der Reichskanzler gehandelt. Wenn dem Reichskanzler die Beachtung der Stimmen des Auslandes würdelos erscheint, dann hätte doch ein Wink von ihm genügt, um dem Zustand ein Ende zu machen, daß die Urtheile der Presse über den Reichskanzler tote Die Kritik einer gefallsüchtigen Primadonna gesammelt werden. Die jetzige Vorlage bedeutet die Besteuerung des Hungers. (Gelächter rechts.) Sie lachen darüber, ganz im Arnimschen Sinne. (Unruhe rechts.) Die 3% Millionen Unterschriften, die unsere Petition gefunden hat, sind der Ausdruck der Empörung des Volkes. Der Reichskanzler wäre verpflichtet, über diese Vorlage nicht die Meinung des Reichstags, sondern des Volkes zu hören. Wir werden Alles daran setzen, um diese Vorlage zu Falle zu bringen. Nieder mit dem Brodwucher! Nieder mit dem Hungertarif! ^(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Abg. Heim (Ctt.)': Auch das Längste hat also ein Ende! (Heiterkeit.) Meine Stellungnahme ist bei dieser Vorlage sehr schwierig. Wir haben heute zuerst einen Vertreter des Großgrundbesitzes gehört, der „Brodwucher" treibt, und Herrn Paul Singer als Vertreter derjenigen, die der Wuchertarif aushungert. (Heiterkeit.) Auf welche Seite soll ich mich da schlagen? In Schmollers Jahrbüchern hat im Jahrgang 1898 Dr. Ballod nachgewiesen, daß die Landwirthschast ebenso viel Werthe erzeugt, wie die Industrie. Deshalb ist es unverständlich, weshalb von freihändlerischer Seite die Landwirthschast stets als quantite negligeable behandelt Wird. Es ist von sozialdemokratischer Seite behauptet worden, ich würde meinen Patriotismus kündigen, wenn ich den 7 Mark-Zoll nicht bekomme. Wenn mir die Herren nachweisen, daß ich jemals für den 7 Mark-Zoll eingetreten bin, so will ich 5 Mark in die sozialdemokratische Parteikasse zahlen. (Heiterkeit. Zuruf bei den Sozialdemokraten: Viel zu wenig!) Das ist noch zu viel. Sie schätzen sich nur zu hoch ein. (Heiterkeit.) Ich bin nicht der „Hetzer", als der mich Herr Bebel verschrien hat. Ich bin überhaupt kein Agrarier in dem Sinne, daß ich nichts Anderes kenne als die Landwirthschast. Aber wir müssen allerdings eine bessere Berücksichtigung der Landwirthschast verlangen, damit diese existenzfähig bleibt. Im bairischen Landtag ist mit Ausnahme der Sozialdemokraten von allen Parteien bis hin zum Freisinn, das allerdings jetzt von Herrn Richter dimittirt worden ist, die gleiche Behandlung aller Getreidearten verlangt worden. (Zuruf links: Haber') Haber ist ganz gut bemerkt. Kommen Sie mal zu uns. dann werden wir ein nettes Haberfeldtreiben gegen Sie veranstalten. (Heiterkeit.) Meine bairischen Freunde verlangen den 6 Mk.-Zoll sowie Minimalzölle für alle Getreidearten und auch für Vieh. In der Frage der Handelsverträge nehme ich eine andere Stellung ein als Graf Kanitz. Was ist für die Industrie wichtiger, als stetige Verhältnisse? Diese Stetigkeit der Verhältnisse kann nur durch langfristige Handelsverträge erreicht werden. Aber umso mehr muß dafür gesorgt werden, datz bei diesen langfristigen Verträgen der Landwirthschast keine unerträglichen Bedingungen ausgezwungen werden. Bei keiner Getreideart findet sich ein so enormes Anwachsen des Imports wie bei der Gerste und beim Hafer. Jetzt ist cs in Baiern so, daß die schönste Gerste unverkäuflich ist. Da mag unsere Finanzexcell^nz sagen, was sie Will; das steht in keinem links; Lärm. Präsident Graf B a I l e st r e m bittet, den Redner . nicht zu unterbrechen.) Diese Konstatirung ist Ihnen unbequem; □ in \1 . 03____.1 d n üio Fioi Sie den nicht Bauernstand vernichtet. Und wenn stimmen Sie sind, die lungen der katholischen überall. Es giebt aber u~.v------- . . Getreidezölle sind. (Ruf bei den Sozialdemokraten: Die sind auch darnach!) Sagen Sie das nicht, andere Leute sind auch darnach. (Heiterkeit.) Sie sagen immer, den Vortheil von den Zöllen haben nur die Krautjunker, und weil es 20 000 Krautjunker giebt, denen Sie die Köpfe einschlagen wollen, schlagen Sie auch den 2 Millionen Bauern die Köpfe ab. (Heiterkeit.) Das ist die Konsequenz Ihrer Logik. Hier im Hause giebt es hartgesottene und weichgesottene Gegner der Vorlage. Um Bebel sitzen die Hartgesottenen; die sind wenigstens klar, man weiß, was sie wollen. Herr Singer gehört auch noch- zu den hartgesottenen Gegnern, aber bei Herrn Richter kann man schon im Zweifel fein. (Heiterkeit.) Im bairischen Landtage haben sich die Freisinnigen für höhere Getreidezölle er- Härt. (Ruf bei den Freisinnigen: „Das sind nur die Steil") Nur die Drei! (Heiterkeit.) Nein, alle waren dafür. (Widerspruch links.) Erlauben Sie mir, das habe ich selbst erlebt, ich habe die Herren absichtlich herausgekitzelt. (Heiterkeit.) Und die Stadt, die von den Freisinnigen unumschränkt beherrscht wird, Nürnberg, hat den höchsten Oetroy auf Getreide, 54 Pfennige auf den Doppeleentner. (Hört! Hört! rechts.) Zu den Weichgesottenen gehören auch die Herren von der deutschen Volkspartei, deren stärkster Mann, Herr Stockmeier, ausdrücklich erklärt hat, daß die Landwirthschast ihre Produktionskosten nicht mehr decken kann. Nun komme ich zu den Hartgesottenen! (Heiterkeit.) Herr Singer hat meinen Freund Speck falsch verstanden; dieser hat sich nur gegen eine ungesunde Entwickelung der Jndusttie ä tont prix ausgesprochen. (Widerspruch bei den Sozialdemokraten.) Der bairische Landtagsabgeordnete Frhr. von Haller hat sich nicht so offen gegen den Octroi auf Getreide ausgesprochen, wie heute Herr Singer. Der Kollege Singer hat sich ungeheuer über den Zwischenruf des Buch, in feiner Statistik, c5 hat auch noch Niemand eine Doktor- arbett darüber geschrieben: aber wahr ist es doch! Das kleinere und mittlere Braugewerbe ist in Den letzten 10 Jahren fologal zurückgegangen m Folge der unlauteren Konkurrenz der großen Brauereien, Die große Mengen Der billigen fremden Gerste importiren. Ich hoffe. Daß wir bei Der Frage Der Gerslenverzollung. wo es sich ja nicht um Brod handelt, Die Unterstützung Der Herren von Der äußersten Limen finden werDen, Die ja zum großen Theil Alkobolgegner sind. «Heiterkeit.) Man behauptet, datz Der Großgrundbesitz allein Den Vortheil Des GetreiSezolls habe unD datz er Durch Die-,en Zoll kolossal bereichert worden sei. Nun, ich beneide keinen Großgrundbesitzer der letzten zehn Jahre. In Barern geh! Der Großgrundbesitz zurück. Und Dieser Großgrundbesitz ist vielfach vom Getreidebau abgegangen und hat sich Der Waldwirrhschaft zugewandt. Woher kommen aber Die 47 Mill. Gentner bairisches Getreide her? Wie können Sie behaupten. Daß Der bairische Bauer keinen Nutzen von Den Zöllen haben würde? (Abg. Bebel ruft: Auf wessen Kosten, Das ist Die Frage.) Tas ist noch nicht betoiefen, daß Die Kosten Die Brodester zu tragen haben werden. Wo ist Denn in Baiern Der Großgrundbesitz? In Baiern hat Der Bauer von Den Zöllen Den Nutzen. (Bebel ruft: Der Großbauer!) Wo ist Denn in Baiern der Großbauer? Ein Bauer mtt 5 Hektar bringt in Baiern seine 70 bis 80 Gentner Getreide auf Den Markt. (Widerspruch Das ist die Praxis und nicht Ihre graue Theorie. .(Rufe bet den Sozialdemokraten: Cirkus Busch!) Sagen Sie nicht „GtrfuS Busch". Da giebt es auch Elefanten und Ochsen. (Große Heiterkeit.) Bei uns in Baiern haben Die kleinen Bauern ganz beträchtliche Einnahmen von Den Großbauern, ohne daß deshalb ein gesellschaftlicher Gegensatz zwischen ihnen besteht. Die Bauern müssen Dem Boden das Brod abringen mit einem Opfermuth und einer Entsagung sondergleichen. (Rufe bei Den Sozialdemokraten: Sehr wahr!) „Sehr wahr", rufen Sie, und doch wollen Sie diese Bauern von der Scholle oertreiben. (Lebhafter Widerspruch bei Den SozialDemokraten.) Wie steht es nun mit Der BroDvertheue- rung? Hitze unD EDinunD Klapper haben nachgewiesen, Daß Brod- preis und Getteidepreis nicht parallel laufen. Während des 5 Mk.- Zolls sind Die BroDpreise nicht gestiegen, aber nach Abschaffung Des 5 Mk.-Zolles ist Der GetreiDeirnport zurückgegangen, Der Brod- preis stieg und Doch bekam der Bauer für sein Getreide weniger. Ich habe früher gesagt, daß die Agrarfrage nicht durch Handels- berträge gelöst werden kann. Da werden Sie mich auf einem ganz vernünftigen Standpunkte sinden. (Stürmische Heiterkeit links.) Lachen Sie nicht zu früh, ich habe noch nicht ausgeredet, ich nehme Rücksicht auf die Schwäche Der Anderen und denke mich in ihren Standpunkt hinein. (Heiterkeit.) Die Landwirthschast bedarf der Schienenwege und Darf vor Allem nicht auf die Betätigung des genossenschaftlichen Gedankens verzichten. Die Entwickelung der Industrie wollen auch wir; der kluge Bauer wird stets einer Politik zustimmen, Die die Jndusttie fördert, denn er weiß sehr wohl, daß er auch Käufer für feine Produkte haben muß. — • ' —' Dann (nach links) klug einer Politik zu, Abg. Singer weist auf Protestversamm- Arbeiter hin. aber Ausnahmen giebt es zahllose Industriearbeiter, Die für höhere Grälen Arnkm aufgeregt, aber wenn er selbst sagt, daß die Mrgro. nare in China in Gortes Namen geplündert und geraubt haben, fo beriefet er unsere christlichen Gefühle ebenso, wie Graf Arnun fein Gefühl verletz:. Noch weit mehr, als hier hn Hause, wird tn per Agitation draußen übertrieben, roo man Dom bethleheminfchenKrns Dcrmorö spricht unD Gedichte veröffentlicht, in Denen Die febreas lichen Folgen Der Kornzölle besungen werden. Ware das richtig, so hätten Sie einen großen Fehler begangen, durch Ihre Zustimmung zum russischen HanDelsvertrag. 'Nun noch em Won über Die Petition, Die 3 Millionen Unterschriften trägt. (Abg. Singer: 3N- Millionen.) Entschul- Diaen Sie. Herr Singer, Daß ich Das vergessen habe, ich verstehe mtt Millionen nicht so umzugehen. (Heiterten. Ruf bet den SozialDemokraten: „Schwach!") Rufen Sie mir nicht zu: Schwach! Sonst müßte ich sagen: Frau Nachbarin. Euer Fläschchen! (Heiterkeit.) Aui Ihre Massenpettnonen ist nicht zu viel zu geben. Sie haben ja nicht Die Parole ausgegeben. Daß UnmünDige nicht unter* schreiben Dürfen. Sie übertreiben jedenfalls Die Wertschätzung Dieter Petition, rote Sie ja so oft übertreiben, hat Doch eines Ihrer Mitglieder hier einmal im Hause Den Schaumwein als Volksgettänk bezeichnet. (Heiterkeit.) Es mag ja sein. Daß einzelne Bauern Champagner trinken, aber sie trinken ihn meist nickst mehr sehr lange. (Heiterkeit.) Zu ihrem Ziel werden Sie tn Jbrer Gegnerschaft gegen Die Zollpolitik nur über Bauernleichen gelangen. Wenn Herr Bebel hinsichtlich Der geschäftlichen Behandlung Der Vorlage I seine Drohungen wahr macht, Dann werden wir zu Dem Parlamen- I tarisrnus gelangen, wie er in Oesterreich geübt wird, roo Die Muskelkraft entscheidet; Dann werden nur uns nicht mehr an Den Reichskanzler mit unseren Anfragen wenden Dürfen, sondern an Paul I. (Große Heiterkeit.) . . Wenn Der Zolltarifentwurf Gesetz wird, bann wird eine Dec wichtigsten sozialen Forderungen erfüllt werden können, die Einführung Der Wittwen- und Waisenversorgung. Nun. ich hoffe, Daß Der Brei nicht so heiß gegeßen werden wird, wie er zur Zeit servirt wird. (Rufe von Den Sozialdemokraten: Na. also! Dann stnd wir ja einig.) Ich meine Ihren Brei! (Große Heiterkeit.)! Sie werden noch in Ihrer Partei gerade in den Zollfragen eine Kontresttörnung erleben (Lachen bei den Sozialdemokraten); jedenfalls wissen wir, ich sage es noch einmal, daß Sie außer über Die Leichen Der Bauern nicht zu Ihrem Ziele gelangen können, und wir werden dafür sorgen. Daß Sie nicht dazu gelangen. (Lebhaft«: Beifall unD Händeklatschen rechts und im Gentrum.) Präsident Graf Ballcsttcm: Las Händeklatschen ist im Deutschen Reichstage nicht Sitte. Um 6% Uhr nimmt Das Wort Preußischer LanDwirthschasts- minifter v. PodbielSki: So fest ich davon überzeugt bin, daß eine ganze Reihe Der Ausführungen Des Dbg. Singer zweifellos nicht Die Zustimmung der Mehrheit Des Hauses findet, so sehe ich mich trotz Der vorgerückten Stunde doch veranlaßt, seinen Ausführungen entgegenzutteten. Ich habe es oft bemerkt. Daß Leute, Die sich im Unrecht befinden, grob werden und nach Schlagworten suchen. Here Singer sprach von Brodwucher, Zollwucher und Besteuerung des Hungers. Ziehen Sie aus diesen drei Worten eine Sentenz; ich tonn es nicht. Herr Singer spricht von der Belastung des Volkes, obwohl er weiß. Daß die Sätze durch Die Handelsverträge herabgemindert werden. Herr Singer scheint bei seiner Berechnung den ganzen Grundbesitz angeführt zu haben, obwohl Der größte Theil De§fen>en Wald ist, und auf Dem anderen Theil sitzen Pächter. Wenn also ein Vortheil eintritt, so haben ihn Die Pächter und nicht Die Besitzer. (Lachen bei Den Sozialdemokraten.) Die Sozialdemokraten sagen, daß Die hohen Zollsätze Den Abschluß von Handelsverträgen erschweren. Aber Diese Behauptung wird nur aufgestellt aus agitatorischen Gründen. Sie haben ja mit Ihrer Agitation leider bei den Industriearbeitern Erfolg, aber vor Den Landarbeitern machen Sie Halt. Daher Ihr Hatz! Sie wollen Unzufriedenheit schüren und unser Ansehen im Lande untergraben. (Ruf bei Den Sozialdemokraten: Das thun Sie selbst!) Es liegt hier ein großer Prinzipienstteit vor, auf den ich bei der vorgerückten Zett nicht eingehen kann. Die deutsche Landwirthschast will nichts Unbilliges, sie will nur, daß Handel und Wandel überall gedeihe. (Beifall rechts und im Gentrum.), Hierauf vertagt sich das Haus. Persönlich bemerk Abg. Graf v. Arnim (Rp.): Der Dbg. Singer hat gesagt, daß ich nur Hohn und Spott gegenüber Dem Vorgang gehabt habe, Den Herr Kollege Bebel neulich vorgetragen hat. Ich möchte doch bitten. . . Präsident Graf Ballcstrem: Herr Dbg. Gras Arnim, das hat Herr Singer, wie et selbst betont, nur mit Bezug auf Personen außerhalb des Hauses gesagt. (Weiterleit.) Wenn er ein Mitglied Des Hauses verletzt hätte, so toürDe ich Dagegen cingeschritten sein. (Heiterkeit. — Abg. Graf Arnim verläßt Die Rednertribüne.) Nächste Sitzung: D o n n e r st ag, 11 Uhr. Fortsetzung Der ersten Berathung Der 3olltarifpoclage.)j Schluß Uhr. ,.(U_ Aus Msma'.cks Ariesivichsel. Schluß. Noch über zahlreiche andere wichtige Fragen persönlicher und fachlicher Natur geben die 353 Briefe dieser Sammlung ' zum Teil fehr überraschende, durchweg aber interessante Ausschlüsse — so über die (durch den Grasen Henckel von Donnersmarck vermittelten indirekten) Beziehungen Bismarcks zu Gambetta, wodurch die früheren Blätter- meldungen ihre Bestätigung finden, so über die Dorge- ichichte des deutsch-österreichischen Bündnisses und das persönliche Wirken des Fürsten Bismarck und des Grasen Andrassy zur Erreichung dieses Zieles, so auch namentlich über das Verhältnis des Fürsten Bismarck zu den deutschen Bundesstaaten, namentlich zu Sachsen und Bayern. Die erste lebhafte Anerkennung für „feine bewährte und loyale Haltung" empfangt er am 15. Dezember 1867 vom damaligen Kronprinzen Albert von Sachsen, dem heutigen Könige, der wegen eines überaus preußenfeindlichen Artikels in einer Publikation der sachsr- schen Kriegervereine, deren Protektor er war, rm Norddeutschen Reichstage angegriffen und von Bismarck verteidigt worden war. In seiner Antwort bezeichnet es Bismarck „als die nächste Aufgabe der Bundespolitik, dahin zu streben, daß alle Bundesgenossen Preußens, namentlich aber der (damals) hervorragendste unter denselben, das Könrg- reich Sachsen, es nicht bloß als eine Vectragspflicht, sondern als ein wertvolles Recht ansehen, dem Bunde anzro- gehören. Diese Bedeutung kann der Bund für seine Genossen nur dann haben, wenn den Souveränen die lieber» zeugung bleibt, daß sie durch die Zentralisierung eines Teils ihrer Rechte in der Hand eines unter ihnen eine nach menschlichen Begriffen sichere Bürgschaft für die Gesamtheit ihrer sonstigen Rechte erworben haben, und daß letztere gegen den Druck innerer Bewegung ebenso gewiß geschützt ist wie gegen äußere Gefahren. In diesem Sinne der Gegenseitigkeit und Solidarität unter den hohen Genossen des Bundes sehe ich es für eine Pflicht des Bundeskanzlers an, das Ansehen und die Rechte der fürstlichen Häuser innerhalb des Bundes mit ebenso gewissenhaftem -Eifer zu wahren wie das des eigenen Landesherrn." Diese Politik hat Fürst Bismarck bekanntlich bis zuletzt streng durchgesührt, und verschiedene schöne Briefe der Könige von Bayern und Sachsen beweisen, wie sehr diese Bundespolitik an den maßgebenden Stellen Anerkennung und Dank ^erntet hat. Derselbe Gedanke wird in einem Schreiben des Grafen Herbert Bismarck an den bayerischen Grafen Holnstein vom'22. Februar 1878 folgendermaßen ausgedruckt: Mein Vater halt unentwegt an dem Gedanken fest: daß nur in dem föderativen Bande des Reich-svertrages die sichere Grundlage der Einheit gegeben ist, weil nur auf diesem Boden die dynastischen und Stammesinteressen ihre V^- mittelung mit der Einheit nach außen finden, ohne welche wir einheitlichen Völkern nicht gewachsen sind." Sehr entgegenkommend verhält er sich auch Anregungen gegenüber, )ie von den württembergischen und bayerischen Ministern v. Mittnacht und v. Pfretzschner während der bekannten Krieginficht-Periode im Jahre 1875 ausgehen, um den auswärtigen Ausschuß des Bundesrats zu beleben, und dadurch den Mittelstaaten Teilnahme an der äußeren Politik zu sichern. Mtitnacht betont dabei ausdrücklich das Vertrauen, das Deutschland in die Politik des Kaisers und des Kanzlers setze, und Bismarck erwidert verbindlich der Auswärtige Ausschuß fei eine im hohen Grade nützliche Institution. Er werde sich gern des Rates befreundeter Staatsmänner bedienen, wolle sich auch den leitenden Ministern der im Ausschüsse vertretenen Staaten gegenüber offen über die Reichspolitik aussprechen. Bekanntlich ist dieser Ausschuß auch im Sommer vorigen Jahres anläßlich der Chinawirren wieder in Thätigkeit getreten. Bekannt ist zwar schon lange aus den Veröffentlichungen Poschingers über Bismarcks Franks u r ter Bundestagszeit, daß dieser dort bereits zu der Ueber- zeugung von der Notwendigkeit einer reinlichen Scheidung zwischen Preußen und Oesterreich gelangt war. Wie sehr dies aber der Fall war und mit welchem Programm er Frankfurt a. M. verlassen hatte, mit einem Programm, das er dann später als Minister verwirklichte, ergiebt sich aus einem langen Petersburger Schreiben vom 12. Mai 18d9 an Minister v. Schleinitz. Bismarck bemerkt darin: „Aus den acht Jahren meiner Frankfurter Amtsführung habe ich als Ergebnis meiner Erfahrungen die lleberzeugung mitgenommen, daß die dermaligen Bundeseinrichtungen für Preußen im Frieden eine drückende, in kritischen Zeiten eine lebensgefährliche Fessel bilden, ohne uns Dafür dieselben Aequi- valente zu gewähren, welche Oesterreich, bei ei'" 'm ungleich größeren Maße eigener Bewegung, aus ihnen zieht. Ich sehe in unserem Bundesverhältnis em Gebrechen Preußens, welches wir früher oder später ferro et ignt werden heilen müssen, wenn wir nicht bei Zeiten m. günstiger Jahreszeit eine Kur dagegen vornehmen. . Das Wort „Deutsch' für „Preußisch" möchte ich gern erst dann auf unsere Fahne geschrieben sehen, n>enn wir enger und zweckmäßiger mit unseren übrigen Landsleuten bei« Kunden wären, als bisher; es verliert von seinem Zauber, wenn man es schon jetzt, in Anwendung auf feinen bundeL- täglichen Nexus, abnützt." Zum Schluß noch einige interessante Einzelheiten. Am 7. Juni ichreibt der damalige preußische Gesandte in Petersburg, Prinz von Reuß, an Bismarck: „Fürst Gortschakow trägt mir auf, Ihnen seine Teilnahme an Ihrem erneutem Unwohlsein auszusprechen. Er läßt Ihnen sagen. Sie möchten sich nicht zu viel über die Kammern ärgern; er behauptet, es sei ein viel besserer Stand für einen Minister, wenn er auf Die gegen ihn und seine Politik gerichteten Angriffe öffentlich antworten könnte, als wenn er, tote ihm dies fortwährend passierte, sich im Dunkeln angegriffen fühlte, ohne sich wirksam verteidigen zu können." Ein russischer Minister, der seinen preußischen Kollegen wegen parlamentarischer Angriffe und deren öffentlicher Zurückweisung beneidet, ist doch gewiß eine sehr interessante Erscheinung! Der Konitzer Word vor Hcricht in Berlin. Nachdem wir bereits das Urteil imProzeßSonnen- feld gebracht haben, teilen wir nachstehend noch kurz einiges aus den Verhandlungen mit Der Staatsanwalt befragt den Angeklagten, woher er denn die Vermutung hatte, daß die Geschworenen durch irgend welche Wühlereien schon zu Ungunsten des Levy beeinflußt sein konnten? Der Angeklagte erwidert: Es sei bekannt, daß die Wühlereien, in Könitz die Gemüter in höchstem Grade verwirrt haben. Tie Behauptung, daß eine Religionsgesellschaft von Re- ligions wegen Kinder hinmorde und abschlachte, müsse doch eine allgemeine Entrüstung Hervorrufen. Das sn eine allgemeine Erfahrungsthatsache. Ebenso stehe fest, daß Erster Staatsanwalt Schweigger bei der Ausstellung Der Geschworenenliste jeden Juden abgelehnt habe. — Es werden zunächst einige Teilnehmer der Versammlung ver- nommen, welche bekunden, daß die Tendenz des Vortrages nur darauf hingezielt habe, eine objektive Darstellung des Prozeßganges zu geben und den Juden nahe zu legen, daß sie ihr Vertrauen auf die Behörden setzen mußten. Daran schließen sich die Aussagen des Stenographen Bürger, der die Konitzer Verhandlung stenographiert und des Redakteurs Tr. Petras, der der Verhandlung in Könitz beigewohnt, und sich stenographische Notizen über die Aeußerungen der Verteidiger und des Ersten Staatsanwalts Schweigger gemacht hat. — Der letztere bekundet als Zeuge, daß er zu jener Zeit erst frisch nach Könitz gekommen war. und noch nicht Gelegenheit hatte, das etwa 50 Bände umfassende Aktenmaterial in Sachen der Ermordung Ernst Winter's bis ins Kleinste durchzustudieren. Richtig sei es. daß er sich mit der Verteidigung dahin verständigt habe, die Verdächtigung der Thäter- ichaft in der Winter scl)en Mordsache nicht in die Verhandlung^ zu werfen. Er sei erstaunt gewesen, daß ihm von der Verteidigung der Vorwurf der Stimmungsmacherei und Illoyalität gemacht werden konnte, und habe es deshalb für feine Pflicht gehalten, sestzustellen, daß der erste Verteidiger seine erste Aeußerung unrichtig aufgefaßt habe, und er selbst das zweite Mal dasselbe gesagt habe, wie das erste Mal. Es sei nicht richtig, daß seine Aeußerung gewissermaßen wie eine Bombe in die Reihen der Geschworenen geschlagen sei. Nach seinen eigenen Beobachtungen waren die Geschworenen von der Schuld des Moritz Levy vollständig überzeugt. Es habe ihm jede Absicht fern gelegen, in jenem Stadium gegen Levy die Beschuldigung des Mordes zu erheben. Auf Befragen des Justizrats M u n ck e l bestätigt der Zeuge, daß bis jetzt eine Anklage gegen Moritz Levy wegen Mordes nicht erhoben sei, er selbst das Verfahren vielmehr eingestellt habe. Zeuge Rechtsanwalt Appelbaum-Kvnitz: Er sei erstaunt gewesen, als sich Erster Staatsanwalt Schweigger in seiner Replik erhob und erklärte, daß er zur Zeit nicht genügende Beweise gegen Moritz Levy habe. Er habe nicht das Bewußtsein, daß er die Aeußerung des Ersten Staatsanwalts falsch aufgefaßt und behauptet habe, daß letzterer die Unschuld Levys bekundet habe. Noch erstaunter sei er gewesen, als der Erste Staatsanwalt die Bemerkung in seiner zweiten Replik noch einmal in unterstrichener und ganz acceiituiertcr Weise oorbrachte. Er habe mit vielen anderen die Auffassung gehabt, daß dem Ersten Staats- anwalte ganz neue Beweise zu Gebote stehen müßten. Er habe nicht gefunden, daß der Erste Staatsanwalt auch den Vorwurf der Illoyalität zurückgewiesen habe. Er habe den Angriff des Rechtsanwalts Sonnenfeld für einen scharfen und sehr persönlichen gehalten, und deshalb auch eine persönliche Zurückweisung erwartet. Die Zurückweisung des Ersten Staatsanwalts habe ihm nicht genügt. Staatsanwalt Schmidt: Er müsse feststellen, daß es eine falsche Zeitungsnotiz war, welche besagte, daß der erste Termin aufgehoben worden sei, weil Vergleichs-Verhandlungen schwebten; dies sei geschehen, weil der Angeklagte noch einen Schriftsatz eingereicht hatte. Der Staatsanwalt erklärt, daß nach der Beweisaufnahme das Odium der Verleumdung vom Angeklagten genommen werden müsse, dieser aber nach §§ 185 und 186 schuldig sei. Tas Verfahren des Ersten Staatsanwalts Schweigger sei nicht illoyal gewesen; im Gegenteil! Er habe sich von vornherein der Hereinziehung der Mordverdächtigung gegen die Familie Levy's durchaus widersetzt, er habe das lieber» einkommen mit der Verteidigung strikte inne gehalten, nachdem aber die Verteidigung die Hilfsfrage gestellt hatte, mußte er pflichtgemäß diese Hilfsfrage erörtern und dabei habe er Gelegenheit genommen, eine Aeußerung, die der Rechtsanwalt Appelmann offenbar falsch aufgefaßt habe, richtig zu stellen. Er habe dies in durchaus sachgemäßer Weise gethan. Der Angeklagte, der wohl gesehen, daß sein Klient nicht mehr zu retten sei, sei nun persönlich geworden, und der Erste Staatsanwalt Schweigger habe sich dahin entschieden, nicht erregt und in persönlicher Weise zu erwidern, sondern sich auf sachlichen Boden zu stellen, und nur sein Erstaunen über das Verhalten der Verteidigung auszusprechen. Der Vorwurf der Illoyalität sei eine schwere Beleidigung gegen einen Staatsanwalt. Bei der Abmessung der Strafe müsse berücksichtigt werden, daß der Angeklagte sich in einer Versammlung habe hinreißen lassen. Den Juden sei geraten worden, sich an die Behörden anzulehnen; der volle Schutz durch die Behörden sei den Juden in Könitz auch vollauf geworden, und es sei eine grobe Undankbarkeit, wenn nun ein Rechtsanwalt, der Die Sache der Juden in Könitz geführt habe, öffentlich so schwere Anklagen gegen den Vertreter der Anklagebehörde erhebe. Es müsse ferner berücksichtigt werden, daß der Angeklagte das Verdikt von Geschworenen kritisiert habe, daß die Angelegenheit die öffentliche Aufmerksamkeit im höchsten Maße erregt habe, und daß jetzt allgemein ein Streben dahin gehe, Ehrenbeleidigungen recht streng zu ahnden. Aus diesen Gründen beantrage er eine Geldstrafe von 1000 Mark evcnt. für je 15 Mark ein Tag Gefänanis, und Publikation des Urteils im „Konitzer Tageblatt", im „Berliner Tageblatt", in der „Kreuzzeitung" und in der „Staatsbürger Zeitung". Er wolle mit einem Rat an den Angeklagten schließen: sobald er wieder einmal Gelegenheit habe, in Ausübung seines Berufs einen Vertreter der Staatsanwaltschaft persönlich anzugreiien, so möge er genau darauf achten, was ihm erwidert werde, damit es ihm nicht noch einmal passiere, wegen seiner Angriffe in öffentlicher Versammlung gegen einen hvchangcseheiien Beamten wegen Verleumdung angeklagt zu werden. Er könne nur sagen: „Si taeuisses". Hieran schließen sich längere Ausführungen des Justizrats M unckel und des Angeklagten selbst, die darin gipfelten, daß der Angeklagte nicht die Absicht und auch nicht das Bewußtsein einer BeleiDigung gehabt, daß er in der Versammlung nur Wahres berichtet und daß der Erste Staatsanwalt Schweigger den Vorwurf der Illoyalität nicht in deutlich erkennbarer Weise zurückgewiesen habe. Auch müsse dem Angeklagten der Schutz des § 193 zur Seite stehen. Nach kurzer Beratung verkündete der Vorsitzende folgendes Urteil: Der Gerichtshof sei überzeugt, daß der Erste Staatsanwalt Schweigger durch seine sachlich gehaltene Erwiderung den Vorwurf der Illoyalität habe zu- rückweisen wollen, und auch zurückgewiesen habe. In der hieftgen Versammlung handle es sich nicht um einen Rechenschaftsbericht des Angeklagten seinen Auftraggebern gegenüber, auch die Thatsacln, daß er als Jude über die Konitzer Verhältnisse gesprochen, könne ihm nicht den Schutz des § 193 gewähren. Indem er den Vorwurf erhob, daß „illoyal" gehandelt und der Vorwurf der Illoyalität nicht zurückgewiesen worden sei, habe er unwahre That- sachen behauptet, durch die er den Ersten Staatsanwalt Schweigger in der öffentlichen Achtung herabwürdigte. Er sei deshalb zu 300 Mark Geldstrafe verurteilt und dem Beleidigten die Publikationsbefugnis in der „Ostdeutschen Tagesztg.", dem „Berk. Tageblatt", der „Kreuzztg." und der „Staatsbürger-Zeitung" zugesprochen. Politische Tagesschau. Dueüstatistik. Die ministerielle „Bert. Korr." schreibt: In einem Teile der Tagespresse sind die vom Kriegsminister am 27. November im Reichstage angegebenen Zahlen der Duelle, an denen aktive Offiziere beteiligt waren, als nicht maßgebend bezeichnet worden; die Statistik werde erst vollständig, wenn auch die Offiziere des Beurlaubtenstandes berücksichtigt würden. Die Zahl dieser Duelle sei aber außerordentlich hoch, wie aus der Menge der von den bürgerlichen Gerichten wegen Zweikampfs Verurteilten zu entnehmen sei. Tenn diese seien mit geringen Ausnahmen Offiziere des Beurlaubtenstandes. (Aus der Kriminalstatistik werden dann die entsprechenden Zahlen von 1883 bis 1898 aufgereiht.) Diese Annahme ist völlig verfehlt, denn die Offiziere des Beurlaubtenstandes unterstanden nach der früheren und unterstehen nach der jetzigen Militärstrafgerichtsordnung wegen Zweikampfes usw. der Militärstrafgerichtsbarkeit; sie können also in der Zahl der von den bürgerlichen Gerichten wegen Zweikampfes Verurteilten gar nickst enthalten sein. Aus jener irrigen Annahme heraus werden nun u. a. folgende Zahlen fast durchweg den Offizieren des Beurlaubtenstandes zugeschrieben 140 int Jahre 1897, 154 im Jahre 1898. Thatsäch 1 ich stellt sich aber die Zahl der abgeurteilten Fälle, in denen Offiziere des Beurlaubtenstandes beteiligt waren, auf 8 im Jahre 1897, und auf 6 im Jahre 1898. Gerichtssaal. 8. Darmstadt, 10. Tez. Strafkammer. Es scheint kaum glaublich und doch ist es Thatsache, daß ein schon 28 Mal, darunter 15 Mal wegen Bettelei, 5 Mal wegen Diebstahls, im übrigen wegen Hehlerei uno Landstreicherei vorbestrafter, am 12. April 1857 zu Hof i. Bayern geborener früherer Bierbrauer seit 1896 bei dem hiesigen Kreisamt als Hilfsdiener beschäftigt war. Anfangs hatte er 1000 Mk., später 1200 Mk. und seit 1. April 1900 1400 Mk. Einkommen und ca. 200 Mk. Nebenverdienst. Er war aber zum Trinken geneigt und die Gelegenheit machte ihn wieder zum Dieb. Es ist erwiesen, daß er aus der Kasse des die Stempelgelder vereinnahmenden Kreisamtsgehilfen D. den Betrag von ca. 2000 Mk. nach und nach entwendet und dafür Anschaffungen aller Art gemacht hat. Seiner Familie erklärte er, daß er in der Lotterie gewonnen habe. Bei der Voruntersuchung leugnete er zunächst, gab aber, als ihm seine Ausgaben vorgerechnet rourben, erst die Entwendung von 200 Mk., dann 500 Mk., endlich 760 Mk. zu, die er unter altem Papier, das aus dem Papierkorb in den Keller gewandert war, in einem Kouvert gefunden haben will. Ta er aber Zugang zu allen Räumen hatte, auch öfter die nur in einer Tischschublade verschlossenen Gelder gesehen hat, wirb er als uber^hrt erachtet und zu einer Zuchthausstrafe von 2 Jahren 6 Monaten verurteilt. — Emer ähnlichen Versuchung ist bie 26jahnge 3atob B li r l Wwe. geb. Volz von hier unterlegen, die ihrer auf dem hiesigen Volizeiamt schon seit 28 Jahren bie Reinigung besorgenden Mutter behilflich war. Nachdem un vorigen Jahr ihr Mann und ihr Kind krank geworden und gestorben sind, scheint sie in schlechte Verhälliiisse geraten zu sein, eie stahl mittels eines 'Nachschlüssels aus einem Pult des Bureausekretärs Kaiser nach und nach 200 Mk. Bureausekretär Kaiser giebt zwar seinen Verlust auf mindestens 1800 Mk., nach der Beivelsaufnahme hat er aber über diese Posten keine Bücher geführt, auch wird festgestellt, daß er wiederholt vergessen Halle, abends sein Pult zu schließen, sodaß das ganze über 20 Personen zählende Personal des Polizeiamts ungehindert zu den Geldern gelangen konnte. Ter Gerichtshof legte daher der An», geklagten nur den Diebstahl von 200 Mk. zur Last und oerurteute| he unter Zubilligung mildernder Umstände zu 10 Monaten Gefängnis, wovon 4 Wochen als durch die Untersuchung verbüßt erachtet werden. llcni'ltc Meldungen. Lrigiiraldrahtmeldungen des Gießener Anzeigers. Berlin, 11. Dez. Auch der kommandierende General des Garde-Korps v. Bock und Pollach dementiert die Potsdamer Nachricht von einer angeblichen Rede deL Kaisers über das Duell in folgender Form: Ein ungewöhnlich dreister Schwindler hat eine Anzahl der TageS- blättcr mit einer detaillierten Erzählung betrogen, an der einzig und allein wahr ist, daß der Kaiser sich nach Beendigung des Gottesdienstes m der Potsdamer Garnisonkirche am 1. Dezember kurze Zeit im Regimentshause des 1. Garde- Regiments zu Fuß aufgehalten hat, wo der Kaiser unangemeldet erschien und sich mit denjenigen Offizieren unterhielt, die zufällig dort anwesend waren, ein Vorgang, der keineswegs neu, sondern auch früher schon vorgekommen ist. Der ganze übrige Inhalt der Erzählung mit allen Details beruht auf völlig freier Erfindung. Berlin, 11.Dez. Gegen die Erhöhung der Malz, und Hopfensteuer veranstaltet der deutsche Brauerbund, der seinen Sitz in Frankfurt a. M. hat, heute in der hiesigen Viktoria-Brauerei eine große Protest-Versamm- lung, die aus allen Teilen Deutschlands, insbesondere aus Süddeutschland, zahlreich besucht war. Kommerzienrat Henrich aus Frankfurt a. M, eröffnete als Vorsitzender des Bundes die Versainmlung und hob hervor, daß an eine Preiserhöhung des Bieres nicht zu denken fei, weil damit ein erheblicher Rückgang des Konsums und der Ruin zahlreicher Gastwirte verbunden sei. Direktor Jdelbauer- Munchen hielt den ersten Vortrag über die Schädigung des Braugewerbes durch die Zollerhöhung auf Gerste und Malz. Redner berechnete die Mehrbelastung der Braugerste durch die von der Regierung vorgeschlagenen Zollsätze auf 17 Millionen, im Falle der Annahme der agrarischen Forderungen auf 68 Millionen Mark. Generaldirektor Goldschniidt von der hiesigen Patzenhofer-Brauerei sprach sodann über „Hopfenzoll", der von 14 auf die enorme Höhe von 60 Mk. pro. 50 Ko. gebracht werden soll. Die vorn Vorstand des deutschen; Brauerbundes vorgeschlagene Protest-Resolution wurde einstimmig angenommen. K ö 1 n, 12. Dez. Die Strafkammer verurteilte beit Schutzmann Dressel, der einen Schlosser bei der Verfolgung mit dem Säbel schwer verletzt hat, zu drei Ddonaterri Gefängnis. Stockholm, 12. Dez. Ter Professor der Medizin^ K'ossel in Heidelberg, ist zum ausländischen Mitglied: der schwedischen Akademie der Wissenschuften ernannt: worden. London, 12. Dez. Ter Kriegsminister Bvodrick hielt in Glasgow eine Rede, in der er aus führte, die Softem des Krieges hätten sich in den letzten zwei Monaten; erheblich vermindert. Es werde nunmehr möglich sein, ine- Industrie des Rand auf einen erheblich größeren Fuß: wieder einzurichten. Es kehrten jetzt wöchentlich 400 Flächt, linge zurück, anstatt wie ftüher 200 in 14 Tagen. Sofia, 12. Dez. Tie Missionarin Stone, die an* aeblich von den Räubern, die vergeblich auf das verlangte Lösegeld warteten, ermordet sein sollte, ist in Koprivem folibi bei Dubrtza lebend gesehen worden. New-Ao rk, 12. Dez. Tie anarchistische Presse der-» anstaltet Sammlungen zur Errichtung eineF Czo 1 gosz^ Denkmals. ------------ . , 1 '»■' — Couverts mit Firma liefert billigst Brühl’sche Universitäts - Druckerei, Schulstr. 7 Weihuachtslitteratur. Wilh elm von Polenz, Junker und Fröhner. Dorftragödie in 3 Akten. Berlin W. F. Fontane & Eo. Preis geh. 3 Mk. — Eine Dorftragödie nennt P. sein Drama. Das Stück spielt um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts, zu einer Zeit, da bereits die Aufklärung in voller Blüte stand und trotzdem der deutsche Bauer formell noch Leibeigener war. In diesen Widerspruch hineingestellt sehen wir die Repräsentanten des Junker- und des Bauernstandes. Ter wackere Bauer Christian Noack geht im Kampfe um sein Recht zu Grunde. Neben ihm stehen eine ganze Reihe meisterhaft gezeichneter bäuerlicher Typen; im Gegensatz dazu der hoffähige Adel, der auf seine Rechte pocht. Aber auch der Erb-, Lehn- und Gerichtsherr von Altenroda, der Frerherfv von Hayn, ist eine tragische Figur. Er erscheint als schwankender Halb Charakter, oer bei allem Wvhlwolen, gerade durch seine Emancipationsideen dem Manne, dem er helfen will, zum Verderber wird. W. von Polenz zeigt sich hier als Kulturdichter ersten Ranges und als feinster Kenner deutschen Landlebens. Johannes Schlaf: Die Suchenden. Roman. Verlag von F. Fontane u- Eo., Berlin W. Preis Mk. 5.—. „Die Suchenden" ist ein Liebesroman. Doktor Falke ist ein feinneröiger, moderner Nervenmensch und hat, trotz seines Berufes und seiner bürgerlich rangierten Lebensführung die seinem Typus eigene Neigung zur Reflexion, die so oft gleichbedeutend ist mit einem Knick des Willens und Handelns. Er ist ein tüchtiger Arzt, ein wohlhabender Mann, glücklicher Gatte und Famllienvater. Er ist in jeder Hinsicht rangiert und sühll sich in ferner Lebenslage glücklich. Da tritt ihm eir Weib entgegen, eine junge ungarische Musiklehrerin und, j^ehe, ein heimlicher Widerspruch, in dem er dennoch, gegen sein Wissen, mit seinen Verhältnissen gestanden, wird offenbar und akut. Ilona Uraf ist ein Werbtypus, der ihm bereits in feinen jüngeren Jahren gefährlich zu werden gedroht hat, und mit dem sich endgiltig abzufinden ihm nun dennoch vom Schicksal bestimmt ist. Zunächst ist er in eine DoppeHiebe verstrickt und in einem hamletschcn Schwanken zwischen Ilona und Greta, seinem Weibe. Er sucht sich aus dieser schwierigen Lage herauszuhelfen, indem er beide Frauen zusammenführt und ein Dreiverhältnis herzustellen sucht. Es gelingt ihm auch zunächst; aber, und dies ist mit großer psychologischer Feinheit durchgeführt, beide Frauen, jede in ihrer Art, Greta in ihrer stillen, diskreten, Ilona in ihrer stürmisch, temperamentvollen, revolutionären gar bald gegen den, wie idealen auch immer, Zwang eines solchen Verhältnisses. Ilona, die stärkere der beiden Frauen, fesselt ihn dauernd, er giebt Weib, Kind, Praxis und sein ganzes bisheriges Leben auf, um mit ihr ein neues zu beginnen. In der Charakteristik zeigt Schlaf wieder all seine plastische Kunst und im besonderen sind die Gestalten der beiden Frauen meisterhaft ausgeführt. Alle Poesie und Stimmung, die Schlaf vermag, bestätigt er in der Ausgestaltung des Milieus auch in diesem Werke. Man vergleiche nach dieser Richtung besonders das eingefügte Lievestagebuch des Doktor Falke. Nicht der geringste Vorzug des Werkes ist ferner die maßvolle und geflärte Form, in die Schlaf die oft recht leidenschaftlichen Vorgänge gebannt hat. Go ethesLeben und Werke. Von Ludwig Geiger. (Einzeldruck aus: Goethes sämtliche Werke. Vollständige Ausgabe in 44 Bänden. Mit Einleitung von Ludwig Geiger. Mit zwei Bildnissen Goethes, einem Gedicht in Faksimile und einem Regrfterband.) Oktav. 207 S. Leipzig, 1901. Max Hesses Verlag. 3 Mark. — Eine neue Darstellung von Goethes Leben, sowie eine Einführung in ba§ Verständnis seiner Werke und seines Wesens wird hier von einem: Altmeister der Goetheforschung geboten, der als Heraus-, geber des Goethe-Jahrbuches seit Jahrzehnten in der Sitte# ratur-Wissenschast eine der ersten Stellen einnimmt. Die Sck)rift bildet die Einleitung zu einer neuen, demnächst in der Reihe von „Max Hesses Neuen Leipziger Klassiks- Ausgaben" erscheinenden Goethe Gesamt-Aus- g a b e; diese wird unter Benutzung der Weimarer Ausgabe eine ganze Reihe dort zuerst veröffentlichter Goethe- Schriften mit ausnehmen, und darf vermöge der hierdurch erreichten Vollständigkeit und wegen der beigegebenen fünf Register der Beachtung aller Litteraturfteunde sicher fein. „Die Stauffer-Mühle" nennt Johanna Spyri ihre letzte Erzählung, die sie uns hinterlassen hat. (Verlag von Martin Warneck, Berlin.) Es ist eine gar liebliche, rührende Geschichte aus ihren Schweizer Bergen, die sie da erzählt. In erster Linie ist sie ja wohl für Kinder geschrieben, aber auch jeder, der nodji etwas von unbe-i fangen em Kindersinn in sich hat, wird sie mit Freude lesen; und diese kurze Geschichte mag manchem mehr Wahrheit und wirklichen inneren Gewinn bringen als manches dicke Werk. — Auch die Ausstattung des Büchleins ist recht hübsch. K Hoffmann. — Die Friedrich Naumann'sche nationalsoziale „Zeit" macht daraus aufmerksam, daß Weißheimer, der Komponist der neulich im Hoftheater zu Darmstadt mr Aufführung gelangten Oper „Meister Martin und feine Gesellen", die den besonderen Beifall unseres Großherzogs fand, dem vorjährigen sozialdemokratischen Parteitage zu Mainz eigens eine Kantate gewidmet hat. In das ^kräftige Hurra" der genannten Wochen» fchrist stimmen wir freudig ein, 6 Kaphnsgasse 18 | I Vf^ T i ; fi 'S?*" f 1 ■,v,' ■,. L ft ' OW^W GM » Vorzügliche Qualität! ahrelange, Garantie! 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