Nr. 265 Erstes Blatt. 151. Jahrgang. Sonntag 10. November 1901 Erscheint täglich mit Ausnahme deS Montags. Die Gießener Familien, blätter werden dem Anzeiger im Wechsel mit dem «Hess. Lairdwirt* und den JBlättem für hessische Volkskunde" viermal wöchentlich bei« gelegt. Redaktion, Expedrtton und Druckerei: Schulstratze 7. Adresse für Depeschen: Anzeiger Gießen. Fcrnsprechanschluß Nr.51. Brigadekommandeur, Generalmajor Stamm in Gumbinnen, und der aus dem Krosigkprozeß bekannte Divisionskommandeur v. Alten in Insterburg haben von dieser Entscheidung Kenntnis erhalten. Ueber die Bedingungen, unter denen der Zweikampf stattfand, sind viele Lesarten im Umlauf. Mir ist diejenige die wahrscheinlichste, nach welcher nur ein einmaliger Kugelwechsel vorgesehen war. Es wrtrde nach Zählen geschossen, und beide Parteien schossen so gleichzeitig, daß man anfänglich glaubte, es sei nur em Schuß gefallen. Leutnant Blaskowitz hatte einen Schuß in den Unterleib erhalten. Die Kugel hatte die linke Niere zerschmettert und war an der Wirbelsäule abgeprallt. Die Verletzung war tätlich. Bereits wenige Stunden nach dem Zweikampf war Leutnant Blas- kowitz eine Leiche. Beerdigt wurde er von seinem Vater an seinem 2 5. Geburtstage. Einigen beteiligten Herren soll jetzt manches furchtbar leid thun — der Rest ist Schweigen. Das Jnsterburger Duell. * Insterburg, 7. Nov- Von der Trauerferer! für den im Duell gefallenen Leutnant Blas- ko w i tz giebt man folgende Schilderung: „Die Ueberführung der Leiche des Leutnants Blaskowitz nach Gumbinnen erfolgte vom Garnison-Lazarett aus. Die Trauerparade hatte das Infanterie-Regiment Nr. 147 gestellt. Nach einer kurzen Andacht im Garnison-Lazarett wurde der mit Palmen und Lorbeeren bedeckte Sarg von Unteroffizieren auf den Leichenwagen gehoben, während die 5. Kompagnie das Gewehr präsentierte und die Regimentskapelle „Jesus meine Zuversicht" intonierte. Unter dem Vorantritt der SpieUeute des 2. Bataillons und der Regimentskapelle sowie der 5. Kompagnie setzte sich der Trauerzug nach dem Gum- binner Thor in Bewegung. Hinter dem Sarge wurde das Pferd des Verstorbenen geführt. Dann folgten der Vater des Heimgegangenen, sein jüngerer Bruder, welcher als Leutnant beim Füsilier-Regiment Graf Roon steht, der Divisionspfarrer, der seiner Gedächtnisrede das Wort Joh. 11, 32 zu Munde gelegt hatte: „Herr, wärest Du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben", wohl sämtliche Offiziere der Garnison und viele Herren in Zivil. Den Schluß bildeten Unteroffiziere und Soldaten des Regiments. Vor dem Thor verabschiedete man sich von dem toten Freunde und Kameraden. 9cvch einmal ertönte das Kommando: „Achtung, präsentiert das Gewehr!" Dann ging es schweigend hinaus in di» dunkle Nacht, den Weg, den der hoffnungsvolle junge Offizier so manches Mal im Morgensonnenschein geritten war zu fröhlichem Wafsentanz und ernster militärischer Uebung. Es war der Heimweg, denn es ging auf die Vaterstadt zu, aber es war auch in tiefem Sinne der Heimweg, denn es war der letzte Gang, von dem es keine Rückkehr giebt. Der Kommandeur des Regiments widmet dem Toten einen überaus warmen Nachruf, an welchem er ihn u. a. einen hvchsähigen Offizier nennt und den schweren Verlust beklagt, der das Regiment betroffen hat. Derselbe Regimentskommandeur aber hat das Urteil des Ehrengerichts gebilligt, das den Zweikampf für unvermeidlich erklärte, obwohl es nach den übereinstimmenden Preßmeldungen feststand, daß es dem im Duell Gefallenen nicht bewußt gewesen ist, was er im Rausche gethan hat. Wir sind stolz auf unsere Offiziere wie auf unser ganzes Heer, und dürfen es sein. „Den preußischen Leutnant kann uns so leicht keiner nachmachen", lautete ein Wort des Alt- reichskanzlers. Aber gerade well wir die guten Seiten unseres Osfizierkorps erhalten wissen wollen, dürfen wir nicht blind sein gegen gewisse Schwächen, die sich eingeschlichen haben und ab und zu in bedauerlicher Weise ans Tageslicht treten. Die Neigung zu Trinkgelagen ist ein liebet, das trotz aller Maßregeln von oben her immer weiter grassiert. Ae Liebesmahle könnten unbeschadet des kameradschaftlichen Zusammenhaltens eingeschränkt und Trunkenheit nicht nur im Dienst, sondern auch im geselligen Verkehr vermieden werden. Kommt aber einmal ein Fall vor, wie der Jnsterburger, dann könnte vielleicht auch dem Ehrengericht die Befugnis gegeben werden, mit den starren Vorschriften des Ehrenkodex zu brechen. Die Versicherung des Leutnants Blaskowitz, er wisse von dem ganzen Vorfälle nichts, läßt zusammen mit seinem sonstigen Benehmen auf seine zeitweilige völlige Unzurechnungsfähigkeit schließen. Warum begnügt man sich in einem solchen Falle nicht mit Abbitte und nimmt den Offizier wegen anstößiger Trunkenheit in Strafe? Dann hätte er gesühnt, Zweisprachige Universitäten. In dem cisleithanischen Teil der habsburgischen Monarchie ist seit den Tagen des Herrn von Schinerling dev österreichische Reichsgedanke immer mehr rückläufig geworden, so daß er eigentlichen Halt nur noch in der Regierung selbst und außerdem in der deutschen Bevölkerung hat, mit dem Beding, daß das deutsche Element in Oesterreich die Führung haben soll. Es muß aber zugegeben werden, daß das Deutschtum gleichfalls schon in einer Rückwärtsbewegung begriffen ist und mancher Orten sich bereits zufrieden geben will, wenn ihm bloß die Gleichberechtigung neben den anderen Nattonalitäten gewahrt wird. Diese Nückwärtsbewegung ist am entschiedensten in Böhmen hervorgetreten, wo es den Tschechen gelungen war, beinahe die Anerkennung ihres staatsrechtlichen Ueberge- wichts zu erlangen und sie auch thatsächlich durchzuführen. Den Anstoß hierzu hat seiner Zeit Graf Hohenwarth gegeben, der als Ministerpräsident den Kaiser Franz Joseph zu bestimmen wußte, daß er einen besonderen Ausgleich mit Böhmen versprach. Das kaiserliche Versprechen sackfte die tschechische Bewegung außerordentlich an und gab ihr nachhaltige Kraft. Es zeigte sich gar bald, daß ein Ausgleich in der Art, wie die Tschechen ihn wünschten, unmöglich war; aber spätere Minister fühlten sich dadurch doch! veranlaßt, den Tschechen eine Art Abschlagszahlung durch die „Sprachenverordnung" zu geben, die ganz dazu an- gethan war, das Deutschtum in Böhmen schwer zu schädigen und alle richterliche und Beamtengewalt in die Hände der Tschechen zu legen. Hiergegen erhoben sich wiederum die Deutschen Böhmens mit so elementarer Gewalt, daß das österreichische Ministerium den Rückzug antreten, die Sprachenverordnung aufheben und sie durch eine gerechtere Bestimmung ersetzen mußte. Der Friede innerhalb der böhmischen Bevölkerung aber ist noch nicht wieder hergestellt, ein befriedigender Ausgleich zwischen den beiden Nattonalitäten ist dort nicht geschaffen. Etwas weniger ungünsttg für das Deutschtum liegen die Verhältnisse in den anderen Kronländern. Zwar ist auch dort das Deutschtum in die Verteidigungsstellung gedrängt, doch die Errungenschaften der anderen Natio- ncllitäten sind nicht so groß wie die der Tschechen in Böhmen und einstweilen hart umsrritten. Nächst den Tschechen haben die Italiener Oesterreichs den meisten Vor- spnrng gewonnen. Im Bezirk von Triest sind sie beinahe maßgebend geworden, und auch in Tirol erheben sie nach- O O Annahme von Anzeige«! GietzenerAMger s General-Ameiaer v *** Universitäts-Druckerei! Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Metzen ® V " Kf zeigenteil: Hans Beck. und ihm wäre Gelegenhett zur Einkehr und Besserung gegeben.) Ueber die.Veranlassung zu dem Duell erhält die „Nat.- Ztg." von vertrauenswerter Selle folgende Darstellung. Danach hat Leutnant Blaskowitz am Taae vor seinem Polterabend seinen unverheirateten Kameraden die übliche Ab- schiedsbvwle gegeben. Daß er selbst dabei des Guten zu viel gethan hätte , haben seine Kameraden nicht bemerkt, sonst hätten sie ihn nicht allein nach Hause gehen lassen. In der frischen Luft scheint indessen die Bowle ihre Wirkung geübt zu haben, denn als in der Reitbahnstraße die Artlllerieleutuants Hildebrand und Raßmußen ihren Kameraden Blaskowitz trafen, schien er ihnen so schwach auf den Füßen, daß sie beschlossen, ihn der Vorsicht halber nach Hause zu bringen. Leider führten sie diese Absicht nicht sofort vollständig aus. Sie brachten den kaum seiner Sinne Mächtigen nur bis in die Nähe seiner Wohnung und glaubten, er würde sich von dort aus allein nach Hause finden. Sie waren bereits eine nicht unerhebliche Strecke von der Stelle entfernt, an der sie den Leutnant Blaskowitz seinem Schicksal überlassen hatten, als ihnen Bedenken aufsttegen, ob sie gut daran gethan hätten, den Kameraden nicht ganz nach Hause zu bringen. Deshalb kehrten sie um und fanden Leutnant Blaskowitz fast auf derselben Stelle, wo sie ihn verlassen hatten. Augenscheinlich hatte er sich zunächst an ein Haus angelehnt gehabt und war dann heruntergesunken, sodaß ihn die beiden Offiziere in hockender Stellung schlafend, an die Mauer gelehnt, antrafen, ©ie faßten rhn deshalb unter die Arme und suchten ihn emporzuheben. Dabei schlug der Trunkene mit den Armen um sich, ohne im Schlafe zu wissen, wer ihn an- gefaßt hatte, und gegen wen er sich wehrte. Das ist Die Ursache zum Zweikampf! Am nächsten Morgen, also am Freitag, fuhr Leutnant Blaskowitz zu seinem Polterabend nach Deutsch-Eylau. Vttm kann es ihm gewiß glauben, wenn er versicherte, von den Vorgängen des letzten Abends am nächsten Morgen nichts gewußt zu haben. In Deutsch-Eylau war alles zur Feier des Polterabends vorbereitet, auch die Gäste waren bereits erschienen, als ein Telegramm aus Insterburg einttaf, das den Leutnant Blaskowitz ausforderte, sofort nach Insterburg zu kommen. Er sei von zwei Offizieren gefordert und müsse wahrscheinlich den Ehrenhandel sofort ausfechten. Daß Leutnant Blaskowitz zu seiner Hochzeit gefahren, war den Absendern des Telegramms seblstverstänolich bekannt. Die Hochzeit war auf Samstag festgesetzt; sie wurde infolge dieses Telegramms verschoben und Leutnant Blaskowitz reiste sofort nach Insterburg. Da erfuhr er, daß die Leutnants Hildebrand und Raßmußen den Vorgang gemeldet und ihn gefordert hätten. Nun tagte ein Ehrenrat — ob am Samstag oder am Sonntag, das ist nicht gewiß — doch ist letzteres wahrscheinlicher. An dem Ehrenrat sollen außer dem Regimentskommandeur, Obersten von Reiswitz, der Hauptmann Weyer- gang und die Oberleutnants Müller und Quade „teilgenommen haben. Leutnant Blaskowitz wollte die Angelegenheit, von der er thatsächlich nichts wußte, in der Weise regeln, daß er eine Ehrenerklärung den beiden Artillerieoffizieren gegenüber abgab, und die Verletzten wollten sich damit auch begnügen. Es verlautet sogar, daß einer der beiden Artillerieoffiziere seine Forderung nach richtiger Würdigung der Verhältnisse zurückgenommen hatte oder habe zurücrnehmen wollen. Der Ehrenrat entschied jedoch jo, daß der Zweikampf unvermeidlich war. Der Die deutsche Dichtung in Kessen. Unter diesem Titel erschien kürzlich ein Buch des Re- datteurs der Zeitschrift „Hessenland" Dr. W. Schoof, das sich mit der Litteratur der ehemalig kurhessischen Länder beschäftigt. Die Beschränkung nur auf die kurhessischen Gebiete ist einerseits zu tadeln, andrerseits aber auch anzuerkennen und der Verfasser sagt ganz ttchtig, daß Hessen-Darmstadt, das seine besondere Geschichte gehabt, auch eine besondere Litteraturgeschichte verdiene. Und doch sind die Fäden, die sich zwischen den beiden Landeslitteraturen spannen, oft so eng, daß sie nntrennlich zusammenzugehören scheinen. Von rein geographischem Standpunkt aus gesehen nimmt die hessen- kasselsche Litteratur da ihr Ende, wo die Grenze ins Darrn- städt'sche übergeht. Wer wird aber eine Litteratur schreiben nach rein geographischen Begriffen.*) Ein Dichter der in Deutschland geboren, um ein Beispiel im weitesten Sinn zu zeigen, ist seiner Gebutt nach ein Deutscher. In seinem Inneren, in seinen Werken aber kann er ebensowohl Franzose, wie Engländer oder Internationaler sein. Er muß sein Deutschtum erst durch Thaten beweisen. Gerade so ist es bei der Litteratur eines engeren Bezirks. Nicht die Thatsache, •) Das ist doch schon gar oft geschehen. Abgesehen davon, daß in den meisten Werken über die Weltlitteratur die geographischen Grenzen so scharf gezogen zu sein pflegen, daß die Litteraturen der einzelnen Volker gesonderte Behandlung finden, und daß es unzählige Werke giebt über die Litteratur jedes Kulturvolkes — das ist doch zweifellos auch schon eine Trennung nach geographischen Begriffen —, auch Monographien über die Litteratur in Ostpreußen, in Schlesien, in Rheinland-Westfalen, in Schwaben rc. existieren, in denen der Versuch gemacht morden ist, den bewußren unbewußten gegenseitigen Beziehungen der einzelnen litterarischen Persönlichkeiten und Erscheinungen, die aus dem nämlichen Lennatboden erwuchsen, nachzugeyen und sie darzulegen. Solche Beziehungen lassen sich in den meisten Fällen finden, unb fällt einmal einer ganz und gar aus seiner Umgebung heraus, so ist sein Erscheinen unter den Anderen um so interessanter, und der forschenden Behandlung erst recht wert. Das ist auch ernste litterar- historische Arbeit. Anm d. Red. des Gieß. Anz. daß der betreffende Dichter zufällig in dem Landstrich geboren, macht ihn der Aufnahme in die Litteraturgeschichte würdig, sondern wenn er in seinen Werken seine Stammesangehöttg- keit zu erkennen giebt und zeigt, das; er ein echtes Kind feiner Heimat ist — wenn es im besten Sinne des Wortes zürn Heimatdichter wird. Wenn man von dieser Bettachtung ausgeht, dürfte vielleicht mancher Name in dem vorliegenden Buche verschwinden, wenn freilich auch zugegeben werden muß, daß gerade die Größen der hessischen Litteratur sich ihrer Heimat treu erinnerten und ihr in ihren Werken Denkmäler setzten. Es ist eine ungemein fleißige Arbeit. Wenn man bedenkt, daß Schoof hier ein Gebiet betrat, das noch niemand vor ihm bebaut hat, und daß er uns als Ausbeute ein Buch giebt, das nahezu 270 Seiten und allein 13 Seiten Register enthält, so müssen wir vor seiner Arbeitskraft allen Respekt haben. Und gerade der Umstand, daß es die erste zusammenhängende Geschichte der Litteratur Hessen-Kassels ist, die existiett, sühnt un§ mit mancherlei aus, was wohl zu beanstanden wäre. Die neueste Litteratur wird hiettn, wie der Verfaffer auch schon von vornherein beargwöhnt, zuerst kommen. So kann ich z. B. der Bevorzugung Anna Ritters vor einem Dichter, wie es z. B. Knodt ist, dessen letzte Gedichtsammlung erst wieder von seinem lyrischen Talente zeugt, keinen Geschmack abgewinnen. Im großen und ganzen wird sich aber das Buch als Einführer in die Litteratur Hessen-Kassels wohl bewähren. Ich wünsche der verdienstvollen Arbeit auch in Hessen- Darmstadt recht viele Leser.*) A. B.-R. •) Das von uns wiederholt erwähnte Buch ist im Verlag der Elwert'schen Buchhandlung in Marburg erschienen. Annr. d. Red. Literarische Neuerscheinungen. (Besprechung vorbehalten.) Byrons sämtliche Werke in 2 Bänden. Uebers. von Ad. Böttger. Hrsg, und mit anderen Uebersctzgn.. ergänzt von Prof. Dr. Will». Wetz (Gießen). Mit Bildnissen, Abbildungen von B.'s Stammsitz, einem Facsimile.und einer btogr,-krit. Einleitung vom Herausgeber. Leipzig, Max Hesse's Verlag. In 3 Bde. eleg. geb. 6 Mk. Geiger, Ludw., Goethe Leben und Werke. (200 Seiten.) Ebenda. 3 Mk. Bon Hard, Phil., Was lehren uns die Ergebnisse der Reichs- tagswahleu? (VH, 110 S.) Heidelberg, Karl Winters Univ.-Buchhandlung. Mk. 1.20. Heijermans jr., Herrn., Die Hoffnung auf Segen. Eine Fischertragödie in 4 Akten. (IV, 91 S.) Halle a. d. S., Otto Hendel. 25 Pfg. Heijermans jr., Henn., Trinette. Skizze. Einzig autoris. deutsche Uebersetzung von R. Ruben. (290 S.) Berlin, S. Fischer. Mk. 3.50. Hochf elden, Brigitta, Muster im Sezessions- und Jugendstil. 2. Folge. Für Platt- und Stielstich, sowie Applikation. (9 Tafeln.) Berlin, Franz Ebhardt u. Co. 80 Pfg. Mauthner, Fritz, Beiträge zu einer Kritik der Sprache. 2. Bd. Zur Sprachwissenschaft. (Vllt, 735 S.) Stuttgart, I. G. Cotta. Meyers Bollsbücher 1271—1288 (Köhlich, Handbuch d. ges. Radfahrwesens: Handelsgesetzbuch; Brehm, Wild- und Hauskatzen; Hersch, Anna-Lise; Tabori, das Leben m Fortsetzungen; Thode, die deutsche bildende Kuifft; Twain, Erzählungen nnb Plaudereien; Maisire, das junge Sibirien). Leipzig, Bibliograph. Institut. * 10 Michaelis, Dr., Mageiiüiätetik für Gesunde und Kranke. Unter besonderer Berücksichtigung der krankhaften Zustände des Nerveiisysteins, der Lunge, Leber, Herz und Darmkanal. 2. Aust. (HO S.) Schweidnitz, Georg Btteger. 1 Mk. 3 ch m i d t, Gust., u. Dr. S t e n g l e i n, Die öffentl. An- kündiailng der Arznei- unb Geheimmiuel und die Gefetzgebung. (45 S.) Hanlwver, Verein deutscher Zeitungsverleger. Scholl, Karl, Erobert oder erräubcrt? Geschichtl. Nachweis, wie Englard Ostindien nahm. Ein Seiteiistück zum Burenktteg. (48 S.) Bamberg, Handelsdruckerei. 1 Mk. Suhr, H. F. C., Magische Tändeleien. (VII, 136 S.) Stuttgart, Levy u. Müller. Karl. 1,50 Mk. Stettenheim, Jul., Wippchens sämtliche Bettchte. X V. (152 S.) Berlin, Herrn. Paetel. 1,50 Mk. Tanera, C., Deutschlands Kämpfe in Ostasien 1900/1901. Jllustr. voii E. Zimmer. 2.-4. Lfg. (S. 25—88.) München, C. A. Beck, a Lfg. 50 Pfg. drücklich Anspruch auf eine Selbständigkeit, die der Ein-' heitlichkeit der Verwaltung und dem Staatsgedanken überhaupt jedenfalls nicht förderlich ist. Wesentlich kommt dabei in Betracht, daß die Bestrebungen dieses Bevölkerungs- teils von Cisleithanien beinahe naturgemäß eine Anlehnung an Italien suchen. Wenn die führenden Männer auch mehr oder minder entschieden das in Abrede stellen, trenn auch zugegeben werden muß, daß das Treiben der Jtalia- nissimi und die Agitation der „Italia irredenta" weniger geräuschvoll geworden, so ist auf jene Ableugnung wenig zu geben, und eine Agitation verliert dadurch ihre Gefährlichkeit nicht, daß sie einen stilleren Charakter annimmt. Ausläufer der tschechischen Bewegung finden sich in Mähren, Ausläufer der italienischen in Istrien. Was nun die Einwirkung aus die Hochschulen betrifft, so ist Prag, die älteste deutsche Universität, eine tschechische Universität geworden mit einem deutschen Anhängsel. Das Bestreben der Tschechen ist ferner daraus gerichtet, daß in Brünn in Mähren, wo jüngst eine technische Hochschule neu eröffnet worden ist, eine zweisprachige Universität geschaffen werde, wobei natürlich der tschechische Teil dazu bestimmt ist, das kommende mährische Geschlecht in tschechischem Sinne zu erziehen. Tie Italiener haben in Oesterreich keine eigenen Universitäten. Tie österreichische Regierung geht damit um, eine solche zu errichten, doch ist der Plan noch nicht so weit ausgearbeitet, daß man auch nur wüßte, wohin diese italienische Universität kommen soll. Triest wünscht sie für sich und hat, wie wir mitteilten, bereits erhebliche Geldmittel dazu aufgeboten. Die Anstellung von italienischen Professoren und Einführung von italienischen ParallelL)llegien au der stiftimgsgenräß deutschen Universität Innsbruck in Tirol hat zu sehr erheblichen Krawallen geführt, über die wir verschiedentlich berichtet haben. Die deutsch-nationalen Studenten Innsbrucks haben hieran Anstoß genommen, was begreiflich ist, wenn auch nicht gebilligt werden kann, daß der Groll der deutsch-nationalen Studenten sich gegen die österreichisch-italienischen Kommilitonen und gegen deren Professoren richtete. Die Behörde hat sich sogar veranlaßt gesehen, die Vorlesungen der drei weltlichen Fakultäten fürs nächste zu untersagen und die Universität schließen zu lassen. Tie Schwierigkeiten für die österreichische Regierung dem Nationalitätenhader gegenüber mehren sich von Tag zu Tage. Schon seit Jahrzehnten fehlt es an einer starken Hand, die die der Staatseinheit sich abwendenden Kräfte wieder zusammenraffen könnte, und es fehlt an ihr, weil allem Anschein nach der österreichiische Staatsgedanke in der Bevölkerung selbst nicht mehr stark genug ist. Das Verlangen nach zweisprachigen Universitäten ist hierfür nur ein Symptom. * * * Innsbruck, 8. Nov- Italienische Studenten und Arbeiter veranstalteten heute mittag vor dem Gebäude der Statthalterei eine Kundgebung. Die Polizei vertrieb die Manifestanten, die mit Stöcken zuhieben, mit der blanken Waffe. Zehn Personen wurden verhaftet- W i e n, 8. Nov- Etwa 300 flovenische Studenten veranstalteten an der hiesigen Universität eine Kundgebung zu Gunsten der Begründung einer slo deutschen Universität in Laib ach. Die Slovenen wurden von deutschnationalen Studenten aus der Aula gedrängt. Der Rektor verweigerte die Bewilligung des Saales zur Abhaltung der Versammlung. - ......................- — Politische Tagesschau. Herr Chamberlain hat im übergroßen Eifer in einer Versammlung, in der Baden-Powell ein Ehrensäbel überreicht wurde, sich hin- reißen lassen, in etwa aus der Schule zu plaudern und einen kleinen Einblick in die geheimsten Pläne und Wünsche zu gestalten, die thatsächlich die Grundlage der ganzen südafrikanischen Raubpolitik der bekannten Gruppe Chamberlain-Rho des-Beit-Miln er repräsentieren. — „Ganz Südafrika in seiner ganzen Länge und Breite vomKapbiszumSambesimußunterenglische Flagge kommen", — das war die Pointe der neuesten Chamberlainschen Rede, und daß in diesem so abgegrenzten Südafrika zufällig im Westen die deutsche Kolonie, Deutsch-Südwestafrika und im Osten das portugiesische Territorium (beides gewiß recht stattliche Teile des Chamberlainschen Südafrika), gelegen sind, kommt bei den Plänen des britischen Kolonialministers entweder gar nicht oder doch nur nebensächlich in Betracht. „Ganz Südafrika den Engländern", das ist der Traum der Chamberlainschen Cligue resp. der hinter ihr stehenden Finanzmacht, nach deren Pfeife Joseph Chamberlain vielleicht teils freiwillig und teils unfreiwillig tanzt. Was sagt man in Berlin in der Wilhelmstraße zu dieser neuen Anmaßung eines englischen Ministers? Wii:d man diesen Anspruch auf deutsche Gebietsteile auch unwidersprochen laut werden lassen? Die künftige deutsche Einheitsmarke. Für die Ausgabe der deutschen Einheitsmarke, wie sie mit der württernbergischen Postverwaltung vereinbart ist, hat, wie berichtet wird, die Reichspostverwaltung bereits alle Vorbereitungen getroffen. Zum Druck der Marken sind schon alle Platten hergestellt, sodaß jeden Augenblick mit der Anfertigung begonnen werden kann. Es sind etwa achthundert bis neunhundert Millionen Wertzeichen in 25 verschiedenen Sorten, als Briefmarken, Kartenbriefe, Post- anweisungsvordrucke, Rohrpostbriefumschläge und Postkarten der verschiedenen Arten, fertigzustellen, ehe mit der Ausgabe der Wertzeichen begonnen werden kann. Die vorhandenen Bestände an den jetzigen Wertzeichen der Reichspost sollen nach Möglichjkeit aufgebraucht werden. Die künftigen deutschen Einheitsmarken entsprechen im allgemeinen den Germaniamarken der Ausgabe von 1900; die neuen Marken unterscheiden sich von den jetzigen nur dadurch, daß an Stelle des Wortes „Reichspost" die vertragsmäßigen Wörter „Deutsches Reich" treten. Da die zwei Worte mehr Raum beanspruchen, so gehen sie über den ganzen unteren Rand der Briefmarke weg. Die Schnörkel in den beiden unteren Ecken fallen deshalb weg. Für die Wertzeichen der deutschen Schutzgebiete ist eine neue Ausgabe nicht erforderlich, da sie den Namen des Schutzgebiets tragen. Für die deutschen Postanstalten im Ausland, in der Türkei, in Marokko und in China, waren auch die neuen Wertzeichen mit der Bezeichnung „Deutsches Reich" verwendet. Das Land, in dem sich die deutschen Postanstalten befinden, ober die fremde Währung wird den Marten bekanntlich durch einen schwarzen Aufdruck beigefügt. Ans Stadt und Land. Nachrichten von allgemeinem Interesse sind uns stets willkommen und werden angemessen honoriert. Gießen, 9. November 1901. " Zn der Gemälde-Ausstellung im Turmhause am Brand wird kommende Woche schon ein teilweiser Wechsel der Gemälde vorgenommen. Wir wollen daher unsere Kunstfreunde nochmals auf die gegenwärtige Ausstellung Hinweisen. Ferner ei bemerkt, daß die Ausstellung im Winter um dieselbe Tageszeit wie auch im Sommer geöffnet ist, und zwar täglich, mit Ausnahme Samstags, von 11 bis 1 Uhr, Mittwochs auch noch von 3 bis 5 Uhr nachmittags, an Sonn- und Feiertagen ununterbrochen von 11 bis 3 Uhr. ** Bezirkstag des Bezirksvereins „Beide Hessen und Nassau" im Deutschen Fleischerverbande. In Frankfurt a. M. tagte gestern nachmittag unter dem Vorsitz von Karl L a u tz - Darmstadt ein außerordentlicher Bezirkstag des Bezirksvereins „Beide Hessen und Nassau" im Deutschen Fleischerverbande. Unter den Anwesenden befanden sich die Reichhtagsabgeordneten Kramer-Darm- tadt, Hoch- Hanau, W e l l st e i n - Koblenz und Landtagsabgeordneter "Sänger-Frankfurt,. ferner Vertreter der Handelskammern Wiesbaden, Darmstadt und Kassel. Zum Zolltarif-Entwurf referierte Karl Schnell -Kassel: Er bezeichnete den neuen Zolltarif, falls er Gesetz werden ollte, als eine schwere Schädigung des F l e i sch e r- aewerbes. Tie neuen Zollsätze für Schlachtvieh bildeten keinen Schutzzoll als solchen, sie machen vielmehr jede Einuhr überhaupt unmöglich. Die Schließung der Grenzen liefert das Publikum erbarmungslos den Agrariern aus, wshalb trifft der Zolltarif nicht nur das Fleischergewerbe, andern auch das konsumierende Publikum. Die deutsche Landwirtschaft ist nicht in der Lage, das durch die stetige Zunahme der Bevölkerung rapid gewachsene Nahrungs- Bedürfnis zu befriedigen. Am bedenklichsten erscheint die Art der Verzollung nach Lebendgewicht, die eine ungerechte Verteuerung der Produkte herbeiführen wird. Der Referent beantragte folgende Resolution: „Der Bezirksverein erklärt sich, um einer weiteren Fleischverteuerung vorzubeugen, entschieden dafür, daß die Reichsgrenzen für die Einführung von Schlachttiereu geöffnet und die Bestimmungen über die Einführung erleichtert werden. Er spricht sich aber gegen die Festsetzung der Zolle für Ochsen und Schweine nach Lebendgewicht aus, wie sie im Zolltarifentwurf vorgesehen sind, weil durch diese Art der Zollerhebung bewirkt würde, daß statt reifer und gemästeter Ware nur wenig genährtes leichteres Vieh als Jungvieh zu den niedrigen Stückzöllen eingeführt wird und bei der Verzollung nach Lebendgewicht auch alle die Teile, wie Haut, Hörner, Talg, Eingeweide re., die an sich zollfrei find, zu niedrigen Zollsätzen einaebracht werden dürfen. Vom Auslande eingeführtes frisches Fleisch dient als Ersatz für fehlendes Schlachtvieh und dürften daher hierfür nur mäßige Zolle in Anwendung gebracht werden. Für zubereitetes vom Ausland bezogenes Fleisch und Speisefette müssen die Zölle in solcher Höhe festgelegt werden, daß die ausländische Ware dem Selbstkostenpreis der inländischen im Preise gleichsteht, damit die Produktion des Inlandes geschützt, und nicht eine der wichtigsten Gewerbegruppen, der Fleischerstand, schwer geschädigt wird. Der Bezirkstag erwartet, daß vor der Beratung des Tarifs Bundestag und Reichstag die berufenen Vertreter des Fleischergewerbes, als die der Vorstand des 33 000 Mitglieder zählenden deutschen Fleischerverbandes bezeichnet wird, hören." In der Diskussion drückte Karl M arx-Frankfurt sein Bedauern darüber aus, daß der Fleischerverband bei Be- ratung des Tarifentwurfs übergangen worden sei. Die Resolution gelangte darauf zur einstimmigen Annahme. Lantz-Darmstadt brachte einige Wünsche zu den Ausführungsbestimmungen des Fleischbeschaugesetzes zum Vortrag. Zu § 9, der die Untersuchung behandelt, verlangt der Referent Möglichkeit des Rekurses gegen die Entscheidung des Fleischbeschauers, zu § 10 wird gewünscht, daß die neueste Entdeckung Koch's von der Nichtübertragbarkeit der Tuberkelbazillen des Rindviehs den Bestimmungen über die Fleischbeschau zu Grunde gelegt wird. Wünschenswert ist ferner, daß ihr Ursprung im Auslande leicht erkennbar ist. Weitere Forderungen betreffen gleichmäßige Zollbehandlung, die Vernichtung von ausländischen Konfiskaten, die Konservierungsmittel, bei denen die Urteilssprüche sich zuweilen diametral gegenüberstehen. Die Versammlung schloß sich den Ausführungen des Referenten an. Zur Frage der obligatorischen Schlachtvieh- Versicherung sprach Karl Schnell-Kassel. Der Re-, ferenf forderte bei Einführung der obligatorischen Schlachtviehversicherung den Ausschluß der Notschlachtungen und genügenden Einfluß des Fleischergewerbes auf die Verwaltung der Versicherung. Zur Zeit sei ein Bedürfnis für ihre Einführung übrigens nicht vorhanden. Marx- Frankfurt sprach sich fürAblehnung des zu erwartenden Gesetzentwurfes aus. Zum Handel nach Lebendgewicht referierte Obermeister Pirr-Gießen, der als Gegner dieses Handels sich bekannte. Denn die Freiheit des Handels würde dadurch beschränkt und der Unreellität Thür und Thor geöffnet. Es gelangte eine Resolution zur Annahme, in der die Versammlung das Bestreben landwirtschaftlicher Kreise bekämpft, den Handel mit Schlachtvieh gesetzlich festlegen zu wollen, weil dadurch die Handelsfreiheit eingeschränkt würde. Ebenso wird der Handel mit Schlachtvieh nach Lebendgewicht verworfen. Butzbach, 7. Nov. In der gestrigen Gemeinderatssitzung berichtete Straßenmeister Metzger über eine Blitzableiter- Anlage an dem neuen Nealschulgebäude und gab bekannt, daß er von Friedrich Fuendling in Friedberg und Karl Stohr jr. in Gießen Kostenvoranschläge eingefordert habe. Die Arbeiten der Blitzableiter-Anlagen wurden einstimmig Friedrich Fuendling übertragen. Es soll publiziert werden, daß die Stadtkasse wieder Geldbeträge gegen Aushändigung von Schuldscheinen von Privatpersonen in Empfang nimmt. Bei Landtagsabg. I o u tz soll über den Stand der Bahnprojekte Wetzlar, Usingen und Lich angefragt werden. Laubach. 8. Nov. Die günstigen Witterungsverhältnisse der letzten Woche waren dem Bahn bau forderlich. In der Nähe der Stadt sind etwa 50 Arbeiter in zwei Gruppen beschäftigt, die eine auf dem linken Ufer der Steinbach, die andere am „roten Berg"; dort wird ein größerer Brückenbau, hier werden größere Sprengungen in nächster Zeit vorgenommen werden. I Darmstadt, 8. Nov. In der gestrigen öffentlichen Sitzung der Stadtverordneten-Versammlung wurde u. a. -über Ausführung der N o t st a n d S - A r b e i t e« intEommenben Winter beraten. Der bezügl. ^Voranschlag der Tiefbau* Deputation sieht 63 000 Mk. hierfür vor. Ein Voranschlag, 'rüher vorgesehene Arbeiten auszuführen und einige neue einzustellen (Kostenaufwand 25 300 Mk.) wurde nebst diesem einstimmig genehmigt. — Das städtische Gaswerk bringt nach dem Bericht des Stadtv. Wolfskehl für das Rechnungsjahr 1900/01 einen lieber schuß von 306 441 Mk., circa 6000 Mk. mehr als im Vorjahre. Ein Teil des Reingewinnes von zusammen 157 000 Mk. wurde in die Stadtkaffe abgeführt, der Rest mit ca. 177 000 Mk. wird dem Erneuerungsfonds zugeschrieben. — In nichtöffentlicher Sitzung wurde der Ankauf einer Anzahl Gebäude der Künstler- kolonie zum Zweck einer ähnlichen Veranstaltung wie die diesjährige im n ä ch st e n Sommer abgelehnt. — Auf Antrag der Bürgermeisterei wurde an stelle des seitherigen Titels „Stadtbaumeister" für den Vorsteher des Hochbauamts der Amtstitel „Stadtbaurat" genehmigt. Höchst, 8. Nov. Hier hat eine Zentrumsversamm- r-Iung fiattgefunben, die sich mit den Getreidezöllen be- 'chäftigte. Der Redner des Tages, 2(bg. Dr. Müller-Fulda, ,'agtc u. a : „Wenn ein Minister (gemeint ist Herr v. Podbielski) gesagt haben sott, der neue Zolltarif sei lediglich eine „innere Angelegenheit", so kann dies nicht in dem Sinne gemeint fein, daß der Zolltarif ohne Rücksicht auf unsere Ausfuhr-Industrie aufgestellt werden muffe, sonst wäre eine solche Aeußerung nur ein Beweis von Kurzsichtigkeit und Verständnislosigkeit." Herr M. gab ferner dem Gedanken Ausdruck, die Exportindustrie gehöre „sozusagen auch zu der nationalen Industrie". Frankfurt a. M., 8. Nov. Eine Anti-Chamber- Iain-Kundgebung fand in der hiesigen Krieger- kameradschast )tatt. Der Borsitzende, Hauptmann der Landwehr Land mann hielt an die alten Soldaten eine An- prache, die folgendermaßen lautete: Meine Herren Kameraden! Sie alle haben wohl mehr oder weniger von einer Rede Kenntnis genommen, die der englffche Kolonialminister Chamberlain, der Haupturheber des frevelhaften Raubkrieges in Südafrika, kürzlich in Edinburg gehalten hat. Dieser Mann hatte die Unverschämtheit, zu sagen, die Geschichte werde es dermaleinst zeigen, daß die "englische Kriegführung in Südafrika humaner sei als die anderer Nationen während der letzten Kriege. Chamberlain hat hierbei unter anderem ausdrücklich vom Feldzuge 1870/71 gesprochen und damit die deutsche Kriegführung moralisch unter die jetzt englischerseits in Südafrika beliebte gestellt. Meine Herren Kameraden, das Herz im Leibe muß sich dem umdrehen, der so etwas liest; die Zornesglut muß uns allen ins Gesicht steigen ob dieser frechen Behauptungen eines Engländers (lang anhaltendes, lebhaftes Bravo.) Es giebt keine größere Gemeinheit für eine sogenannte civittsierte Nation, als im Kriege Privateigentum des Gegners zu rauben, Farmen abjubrennen, Gefangene zu hängen, unschuldige Frauen und Kinder in ungesunde Lager einzu- sperren und sie dort dem Hunger und dem Elend preiszugeben, ja teilweise sterben zu lassen (Pfuirufe) — und da wagt es ein englischer Minister, überhaupt einen Vergleich zwischen englischer und deutscher Kriegsführung zu ziehen! (Zurufe: Frechheit!) Ich selbst habe den Feldzug gegen Frankreich mitgemacht, kann aber mit aller Ehrlichkeit bezeugen, daß mir persönlich fein Fall vorgekommen ist, daß sich ein deutscher Soldat am Privat» eigentum des Feindes vergriffen hätte; wo es aber geschehen, va ist von feiten der Vorgesetzten und Kriegs» gerichte unnachfichiliche Ahndung erfolgt. Also nieder mit diesen englischen Verdrehungen und Lügen! Kameraden, schließen wir uns einstimmig den schon an zahlreichen anderen Orten gegen die Chamberlaiuschen Unverschämtheiten eingelegten Protesten an! Ich bitte sich zum Zeichen der Zustimmung von Ihren Sitzen zu erheben. Vermischtes. * Berlin, 8. Nov. Professor Dr. Bork, der zweitälteste Oberlehrer am fönigl. Prinz Heinrich-Gymnasium zu Schöneberg, hat sich in seiner in Wilmersdorf belegenen Wohnung infolge eines Nervenleidens erschossen. Der Verstorbene hinterläßt Frau und sechs Kinder. * Berlin, 8. Nov. In der heutigen Nacht versuchte in Reinickendorf der Arbeiter Fabian, der in trunkenem Zustande nach Hause kam, seine Frau zu erstechen. Dieselbe rettete sich durch einen Sprung aus dem Fenster, wobei sie sich äußerst schwere Verletzungen zuzog. Fabian, der sich selbst mehrere Verletzungen beigebracht hatte, wurde von den Hausbewohnern festgenommen und nach dem Gefängnis gebracht. * In Heidersdorf (Kreis Nimptsch) wurde ein vorgeschichtlicher Friedhof von bedeutendem Umfange entdeckt. * Elberfeld, 7. Nov. Buchstäblich geköpft wurde in dem Nachbhrorte Wülfrath ein Flaschenbierhändler. Telephonarbeiter hatten einen dünnen, kaum sichtbaren Draht anstatt der früheren Leine bei den Arbeiten benutzt und diesen während einer Kaffeepause quer über eine Straße, jedoch nicht hoch genug gespannt. Da kam in scharfem Trabe mit seinem Fuhrwerk ein Flaschenbierhändlcr herbei; er sah den dünnen Draht nicht und kam mit dem Hals gegen den Draht, der die Gurgel glatt durchschnitt, sodaß der Kopf nur noch an einem Hautfetzen am Halse hing. • Gelsenkirchen, 8. Nov. In einer behördlichen Konferenz wurde das Statut für die im hiesigen Bezirk zu errichtende Seuchenwache vorbereitet. Nach der „G. Z." soll sich das Institut über die ganze Bochumer Knappschaft crftrccfcn. Die definitive Erledigung des Statuts ist einer späteren Versammlung der Beitragleistenden vorbehalten. Für das erste Jahr sind 30 000 Mk. veranschlagt, jedoch glaubt man, daß in den folgenden Jahren die Kosten höher sein werden. Jena, 7. Nov- Am Dienstag fand hier eine Protestkundgebung gegen die unverschämten Auslassungen Chamberlains über die deutsche Kriegsführung von 1870/,1 seitens der Burschenschaft „Arminia" statt, und zwar durch einen Umzug, in dem eine Figur des englischen Kolvnialministers mitgeführt wurde, die von Zeit zu Zett mit einer Tracht Prügel bedacht wurde. An dw irr großer Menge erschienenen Zuschauer wurden „Goldaktien aus Johannesburg verteilt mit der Unterschrift: "Deutscher Michel, das läßt Du Dir gefallen?" — Das „Jen. Dolksbl- schreibt über diese Kundgebung: „Eine burenfreundliche Demonstration veranstaltete in den heuttzen Mittcegsst»«- den eine stattliche Zabl von Angehörigen der studentischen Verbindung „Arminia". Unter Vvrantritt einer Musikkapelle bewegte sich in feierlich komischem Zuge ein Wagen durch mehrere Straßen der Stadt, auf dem folgende Szene von einigen kostümierten Personen dargestellt wurde: Arm in Arm saßen auf der Vorderfront des Gefährtes ein stämmiger Burenkriegsmann und ein graubärtiger deutscher Landwehrmann, geschmückt mit dem Eisernen Kreuze. Ferner zierten den Wagen ein Vertreter des Russenreichs, der einen Friedenszweig in der Rechten schwang, sowie zwei Engländer, von denen der eine im Frack, der andere uniformiert war. Ersterem wurde von Zeit zu Zeit von den beiden stammverwandten Kriegern die Rückseite des Körpers bearbeitet. Alsdann wurde immer ein Hoch auf die Buren ausgebracht, in das die begleitende Menschenmenge lebhaft einstimmte. An einem auf dem Wagen angebrachten Galgen baumelte eine Figur, welche die vielsagende Aufschrift trug: „Chamberlain". Bewaffnet waren die begleitenden Musensöhne mit — Bierseideln. • Riva, 7. Nov. Längs des ganzen Ufers des Gardasees wurden neuerdings mehrere Erdstöße verspürt, die aber wenig Schaden anrichteten. * London, 7. Nov. Ter hier herrschende Nebel verursacht großen Schaden. Zahlreiche Fahrzeuge liegen im Hafen und wagen nicht aufs Meer hinauszufahren. * Königin Alexandras Weihnachtsgeschenk für die Soldaten in Südafrika. Marr schreibt aus London: Königin Alexandra wird einigen der in Südafrika kämpfenden Soldaten ein Weihnachtsgeschenk gewähren und damit das Beispiel der verewigten Königin Viktoria nachahmen, die bekanntlich für jeden Soldaten in Südafrika eine Schachtel mit Schokolade zum letzten Weih nachts feste nach dem Kap der Guten Hoffnung sandte. Damals glaubte allerdings wohl niemand, daß noch ein drittes Weihnachtsfest werde in Südafrika in Waffen gefeiert werden müssen: man hatte damals mehr Hoffnung auf Frieden am Kap als heute. Königin Alexandra sendet den Kriegern Tabakpfeifen — echte Briarpipes — mit Silber beschlag, auf denen der Namenszug der hohen Geberin mit der Krone darüber eingraviert sein wird. Es sollen mehrere tausend dieser Pfeifen in Auftrag gegeben worden sein, und zwar sind sie so abzuliefern, daß sie rechtzeitig in Südafrika eintreffen und zu Weihnachten auch wirklich in den Händen der Tommies sind. Die Schokolade kam nämlich arg zu spät. Doch damit nicht genug, sie kam auch lange nicht zu allen, denn der Weg ist weit und die Schokolade hatte so viele Lagerplätze und Depots zu passieren, daß unterwegs bereits die Zahl der Lieb- g: sich stetig mehrte und zur Front nur wenige der hen Schächtelchen kamen. Noch- bis in den Sommer n klagten ganze Truppenteile darüber, daß sie ihr Nachtsgeschenk nicht erhalten hatten. Gerichtssaal. Kiel, 8. Nov. Das Urteil im Gazelle-Prozeß wurde gestern Abend gegen 9 Uhr gefällt. Cbcvmatrofe Weiß wurde von der Anklage des Ueberbordwerfens von Geschühteilen freigc- sprocben, dagegen wegen Achtungsverletzung und Gehorsamsverweigerung und Beleidigung eines Vorgesetzten zu drei Monaten Gefängnis verurteilt., Der Matrose Gröger wurde von der Anklage der Bedrohung mit Begehung eines Verbrechens freigesprochen, wegen Abfassung und Singens eines auf den Kommandanten gemünzten Liedes zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Obermatrose G e n z wurde wegen Achtungsverletzung und Singens des Liedes zu drei Monaten Gefängnis, Wachtmeistermaat Kunze wegen desselben Vergehens zu drei M o n a t e n Gefängnis und Degradation verurteilt. Außerdem stand noch Obermatrose Seite unter Anklage, welcher dem Matrosen Gröger bei der Abfassung des Liedes einige in dem Liede zur Verwendung kommende Ausdrücke sagte. Er erhielt drei Wochen Mittel- a r r e st. Kunze wurde infolge Fluchtverdachtes sofort verhaftet. Handel und Verkehr. Volkswirtschaft. Getreide. Während der abgelaufenen Woche hat sich die Tendenz wesentlich befestigt. Amerika und Rußland haben ihre Forderungen um Mark 3 bis 5 per Tonne erhöht, doch greift der Konsum hier zu den höheren Preisen vorerst nur zögernd ein. Ro ggen unverändert. Gerste Braugerste preishaltend. Futtergerste billiger angeboten. Hafer fest. Mais fest. Die heutigen Forderungen sind: Redwinter 2 Mk. 129.00—130.50. Kansas 2 Mk. 129—131.50. Südruss. Weizen Mk. 123—132. Laplata-Weizen Mk. 000—000. Rufs. Roagen Mk. 100. Russische Futtergerste Mk. 94—96. Nuss. Hafer Mk. 123—138. Mixed Mais Mk. 116. Laplata Mais rye terms Mk. 107. cif Rotterdam. Viehmartt. In der abgelaufenen Berichtswoche belebte sich das Geschäft an den einzelnen Märkten etwas besser, man kann den, Umsatz als gut mittelmäßig bezeichnen. Prima Großvieh wurde flott gehandelt, und überall ausverkauft. Aber auch mittlere Qualitäten fanden hierdurch bessere Beachtung. Kälber waren an einigen Plätzen rasch ausoerkaust und konnte die Nachfrage nicht gedeckt werden, während an einigen kleineren Märkten geringer Ueberstand blieb. Fette Schweine lebhafter gehandelt und rasch umgesetzt, Läufer und Milch- schweine etwas mehr beachtet. Tabak. Leider ist die bisher ziemlich reservierte Haltung im Einkaufsgeschäfte zu Anfang der Woche geschwunden durch das Eingreifen einiger Fabrikanten im Neckarthaie. Unsere Hoffnungen, daß sich in diesem Jahre der Einkauf in ruhiger und vernünftiger Weise vollziehen dürfte, bestätigen sich nicht. Es sind fast sämtliche Orte des Neckarthales in dcr Preislage von 21—27 Mk. im Sturm genommen worden. Die ganze Gegend von Bretten sowie die Württemberger Orte wurden zu 20—25 Mk. verkauft. In Bruhrcin verschiedene Orte zu 24—26 Mk., in den Haardtorlen wurde bis zu 35 Mk. bezahlt. Tie ganze Tabakswelt befindet sich in fieberhafter Aufregung, und wenn der Einkauf in der eben geliebten Weise fortgesetzt wird, dürste in ca. 14 Tagen die gesamte Ernte verkauft sein. Auf die Beschaffenheft des Tabaks wird überhaupt nicht mehr gesehen, was wirklich sehr zu bedauern ist. Unter solchen Umständen rann natürlich auch von einem Gewinn absolut keine Rede sein. Der einzige Hoffnungsstrahl, der sich für den Handel noch zeigt, dürfte in einer guten Abhänguna liegen. Daß eine derartige Einkaufsweise nicht zur Gesundung oes Geschäfts beiträgt, haben wir wiederholt schon erwähnt, cs mögen die Käufer die etwa entstehenden Verluste ruhig auf ihr Konto nehmen. In alten Tabaken ist es sehr flau, lose psal.zer Rippen gcschästslos, lose feine 8—9 Mk., gebündelte 10—11 Mk. Auszug aus dm Atgudksam!srktzl8krll -er StaM Gießen. Aufgebote. Am 2. November. Gustav Maisch, Zimmermann dahier mit Katharine Haas in Annerod. 4. Johann Konrad Karg, Taglöhner in Rimhorn mit Susanne Naumann dahier; Wilhelm Hedderich, Schreiner dahier mit Friederfte Bcrthel Hierselbst; Georg Zimmer, Bahnarbeiter dahier mit Anna Maria Röhrig hierselbst. 5. Karl Hollmann, Dekorationsmaler dahier mit Katharine Maria Thorn er in Arnsburg. 6. Heinrich Abel, Fuhrmann dahier mit Elisabeths Reuschling hierselbst. Eheschließungen. Arn 2. November. Karl Volz, Eisenbahnarbeiter dahier mit Margarethe Schmidt in Oppenrod; Philipp Wilhelm Rohrbach, Tapezier dahier mit Margarethe Volp hierselbst; Leopold Karl Maliern, Bahnarbeiter dahier mit Johanna Amalie Esseluhn hierselbst; Ernst Wilhelm Müller, Lokomotivheizer in Bonn mit Margarethe Henriette Kimmel dahier. 7. Wilhelm Luh, Sergeant dahier init Adolphine Wilhelmine Auguste Fischer hierselbst. Geborene. Am 21. Oktober. Dem Parlier Karl Ernst Ludwig ehie Tochter, Antonie Helene Babette Maria. 27. Dem Bildhauer Martin Schmall eine Tochter, Therese. 29. Dem Hauptmann und Koinpagniechef Gustav Loetsbroks ein Lohn, Heinrich Werner; dem Schreiner Ferdinand Sauer eine Tochter Elise. 30. Dem Postassistcnt Heinrich Rau eine Tochter. Am 1. November. Dem Prokurist Georg Kreuder eine Tochter, Martha Else. 2. Dem Zementeur Karl Bögler eine Tochter; dem Fabrikarbeiter Emil Heppert ein Sohn, Karl Friedrich. 3. Dem Kürschner August Kreizschmar eine Tochter. 4. Dem Fuhrmann Konrad Graulich eine Tochter, Anni Therese Elisabeche. 6. Dem Tapezier Daniel Linker eine Tochter. 8. Dem Sattler Franz Josef Seidel eine Tochter, Minna Emilie. Gestorbene. Am 2. November. Paul Wenz, 3 Monate alt, Sohn des Taglöhners Friedrich Menz dahier. 3. Wilhelm August Arthur Scheppelmann, 3 Wochen alt, Sohn des Bauuifternehiners August Scheppelmann dahier. 6. Karl Albert Kemer, 23 Jahre alt, Bureauvorsteher dahier. 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