nale Nr. 108 Erstes Blatt Donnerstag 9. Mai 1901 ■ueeirte so Vfg. 6M 151. Jahrgang JBr Hl. Uolttkundr" vier« ••t -Aheatlich betykflt. Stimmgewinn mit dem AufgcbeneinesgutenTeils gerade der inner st en Eigenart Wüllners erkauft worden. Ich kann es nicht leugnen: Was Wüllner am Tonnerstag bot, das entbehrte starkderpersön- lichen Note, die Wüllner heißt, das kann jeder einigermaßen über dem Mittelmäßigen stehende Sänger auch. Ter Stimmgewinn gegen früher bedeutet keinen Gewinn an Modulationsfähigkeit, er bleibt ein relativ früher wenig vermißter Gewinn für einzelne Accente, es fehlt ihm die beruhigende Gewißheit, aus dem Vollen zu schöpfen. Was Wüllner an Ausgiebigkeit im Ton gewonnen hat, ist erkauft auf Kosten dessen, was früher gerade das bei Wüllner Wirksame war, ans Kosten der früher unüber? trefflichen Teutlichkeit der Aussprache, der sinngetreuen Deklamation, der packenden Gewalt seines Vortrags von früher. Darunter hat aber gelitten, und das ist entschieden das Bedauerlichste dabei, die wahrhafte Kunst, die große Wahrhaftigkeit, unter deren Bann man früher widerstandslos stand. Es ist ja — n*mug« fHr »en erscheinenden nm Ml wm ie Uhr *#*He*r. Ludwig Wüllner. Hi» Versuch Schluß. Um es kurz auszudrücken, dürfte man vielleicht sagen, daß Wüllner es zu vollendeter Meisterschaft gebracht hatte in der Knnst, den Text der Lieder mrt musikalischer Sicherheit und Präzision zur Klavierbegleitung zu rezitieren, nicht aber eigentlich zu singen! In dieser Eigenart bestand seine Stärke, auf ihr beruhte die große Wirkung, deren er stets sicher sein durfte. Er sprach rhythmischund melodisch, vom Komponisten geführt. Ich darf hier einen Punkt berühren, in welchem, wie mir scheinen will, der Künstler sich in einem großen Irrtum befindet, mindestens in der Hinsicht, daß er sich davon eine ganz andere Wirkung verspricht, als er in Wirklichkeit erzielt. Tas sind seine Gesten, durch die er doch vermutlich seinen Vortrag zu unterstützen trachtet. Auch hier will ich nicht in Einzelheiten mit ihm rechten, wiewohl mir oft scheinen will, daß er nicht über den ganzen Reichtum an Mimik verfügt, der nötig wäre, um den vielfältigen Stimmungen der von ihm gebrachten Lieder genug zu thun: so scheint er mir ganz besonders der Schwermut, dem Ernst und hie und da der Satire und einem gewissen Sarkasmus geneigt zu sein, wohingegen es ihm an natürlicher Frische und Heiterkeit des Gemüts Gbricht, und auch der echte Humor keine Note in seinem Ausdrucksvermögen besitzt. Doch darüber zu diskutieren, paßt wenig in den Rahmen dieses Versuchs: in dieser Beziehung handelt es sich vielmehr hier nur darum, wie weit zum Vortrag im Konzert- (aal Gesten und dergleichen überhaupt angebracht er- cheinen. Und in dieser Hinsicht thut Wüllner viel zu viel es Guten; der Kontrast zwischen der Konzerttoilette thut dann das übrige, d. h. das Ganze ist von widerspruchsvoller Wirkung, weniger wäre mehr. Man darf wohl sagen, daß der Konzertsänger bei einem ernsten Liede nicht lachen und bei einem humoristischen kein bärbeißiges Gesicht machen mag, er muß eben im Gesichtsausdruck der Grund stimmuug des Liedes gerecht zu werden suchen, aber alles was darüber hinausgeht, ist vom Uebel. Alles Nötige zur rechten Charakterisierung muß der Vortrag im übrigen leider ein viel geübtes Mittel, den Ton tragfähiger, größer erscheinen zu lassen, indem man die Konsonanten sehr stark zurücktreten läßt, und den Charakter der Vokale verschleiert, aber es hat mir bei Wüllner den Genuß des Abends im höchsten Grade gestört. Ter stimmliche Gewinn ist viel zu teuer .erkauft. Ganz /besonders muffte dies bei Schubert auffallen; es giebt ja unzählige Lieder von Schubert, die man mit guter durchdachter Vortragsweise auch ohne besondere spezifisch gesangliche Kunst trefflich zu Gehör bringen kann. Zwischen beiden Vortragsweisen aber in derMitte stehen bleiben, taugt " absolut nichts. Lieder wie „An die Musik" verlangen zudem eine stimmliche Hingebung, eine Größe und Tragfähigkeit des Tons bei innigstem Schmelz, daß die große Wirkung, der dieses Lied sonst gewiß ist, gänzlich, ausbleibcn mußlc. Recht betrachtet, war Wolf am besten für die derzeitige Wüllnersche Kunst; er giebt schon in der >tomposition sehr viel Vortragsmäßiges und die gewählten Lieder verlangten stimmlich nur ein gutes Mittelmaß an stimmlicher Kraft. Sehr gut gelang Schumann, Blondels Lied; hier vereinigte sich zu einem guten Teil die echte frühere Wüllnersche Kunst mit der gewonnenen stimmlichen Entwickelung von heute. Leider war Brahms nicht auf dem Programm vertreten, Schumanns beide Grenadiere aber brachte uns Wüllner am Schluß nicht in der echten, wohl angebrachten Ekstase, sondern in übertriebenen schroff forcierten Accenten. Alles in allem genommen glaube ich, daß der frühere Wüllner echter war, und ein eigenartiger großer Künstler, während der heutige Wüllner zu einem guten Teile aufgeaeben hat, worin er unerreicht war, ohne doch erreicht zu haben, worin ihm mancher andere bedeutend Unftre^-j- Kai KM ÄS sä, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen se äs bringen, der Modulationsfähigkeit des Organs ersteht hier die Hauptaufgabe, unterstützt von der Komposition unserer großen Meister. Im Vorstehenden habe ich versucht, einigermaßen die Züge zusammenzustellen, die meines Erachtens für Wüll- ner's Eigenart wesentlich sind. Nun scheint aber der so oft gemachte Einwand, daß er keine Stimme habe, ihn nicht haben ruhen lassen, und der Tonnerstag abend ha^, bewiesen, daß Hebung auch in dieser Hinsicht sehr vieles zu ersetzen vermag: besonders in der letzten Abteilung entwickelte Wüllner sehr viel Kraft, ja sogar zum Teil über das Maß des Erlaubten. Tem Kenner mußte aber von altem Anfang an auffallen, daß hier nicht eine gewachsene ursprüngliche Stimmgewalt schaltete, sondern ein recht künstliches Gewächs, ja es wollte mir scheinen, daß in mancher Hinsicht die Stimme den Charakter des Forcierten annahm, und die sie im Piano vielfach der Wirkung beraubte, die ihr früher zu eigen war. Man hatte dabei des öfteren den Eindruck, daß er an der Grenze des ihm überhaupt Möglichen angelangt sei, während, er so gern noch gewachsen wäre. Auch hie und da unterlaufene geringe Tondifferenzen glaube ich demselben Moment zuschreiben zu müssen. Ein leichtes Flackern, besonders im Piano gehört auch hierher. Tabei ist der GietzenerAnzeiger General-Anzeiger v lleinIilbkS Mmäbien (cfort l (iriudjt. BahnboIftraße37,M. Verkäuferin ges. Ein hochfeines Kaffer'ßpqiat -fdrtff fuit per sofort oder 3uli a. c. eine Mlige, ge> Me und braniehinbifit Stt- aferik», die sich durch la ßtuy ie über ifte Ww, -M M'Mtz yiUtttn, aul efyn tarn. kMvMi^e bf vrM. Gtst. Angebote mit Sr> Machrüchen und Photograph» mter Nr. 8410 an bie ßtfebilion (iises Blatte« erbeten. "oi8Oi| LausmMert äjbS 151 BabnbosÜraß- Arbeiterin sucht Amllicher Heil. Bekanntmachung. Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntnis gebracht, daß die nach § 6 des Reichsgesetzes vom 21. Juni 1887 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden ermittelten Durchschnittsmarktpreise, einschließlich eines Aufschlags von Fünf vom Hundert pro Monat April 1901 für den Lieferungsverband Gießen pro 100 Kg. betragen: Hafer Mk. 17,10, Heu Mk. 8,90, Stroh Mk. 6,80. Gießen, den 7. Mai 1901. Großherzogliches Kreisamt Gießen. , ___________v. Bechtold.___________________ Gießen, den 4. Mai 1901. Betr.: Die Vertilgung der Maikäfer. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Grohh. Bürgermeistereien deS KreiseS. Indem wir Sie wiederholt auf das nachstehend ab« gedruckte Reglement vom 11. April 4894 aufmerksam machen, beauftragen wir Sie, im Falle in Ihrer Gemarkung oder einem Teile derselben ein Hauptmaikäferflug dieses Jahr ein tritt, sofort die in H 1 des Reglements vorgeschriebenen Anord- nnngen zu treffen und nuS dies alSbald auzuzeigen. Weiter wollen Sie bis zum 1. Juli l. IS. berichten, wie hoch sich die für rubr. Betreff verausgabten Kosten belaufen, und wie groß ungefähr die Menge der vertilgten Maikäfer ist; letztere Menge ist in Litern anzugeben. v. Bechtold. Polizei-Verordnung, betreffend die Berttlguug der Maikäfer. Unter Zustimmung des KreiSauSschuffeS und mit Ge nehmigung Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz vom 6. März zu Nr. M. I. 5910 wird in Gemäßheit des Art. 78 des Ges. vom 12. Juni 1874, die innere Verwaltung und die Vertretung der Kreise und Provinzen betr., für den Kreis Gießen verordnet, was folgt: § 1. Jeder Besitzer eines Grundstückes ist gehalten, innerhalb eines von der Ortspolizeibehörde zu bestimmenden und öffentlich bekannt zu machenden, geeigneten Zeitraums sämtliche auf dem Grundstück befindlichen Bäume und Ge- büsche täglich morgens bis spätestens 8 Uhr durchschütteln, bezw. durchsuchen und die gesammelten Maikäfer auf geeig nete Weife vernichten zu lassen. Von den Waldungen unter liegen dieser Bestimmung nur die mit Laubholz bestockten BestandSränder längs der Felder, Wiesen, Kulturflächeu, Blößen, Schneisen und Wege. W. Weideuhaufeu, 5. Mai. Die Verlängerung der Bahn von Niederwalgern an der Main Weser-Bahn über unsern Ort hinaus bis nach Hartenrod wird Voraussicht- lich am 1. Juli dem Betrieb übergeben werden. Gegenwärtig werden die Oberbauarbeiten ausgeführt, und es verkehren deshalb täglich Materialzüge. Die Steigung ist sehr bedeutend. Mit dem Ausbau dieser Bahn bis nach dem Dillthale, der in den nächsten Jahren ausgeführt werden soll, werden die Orte Herborn, Dillenburg, Betzdorf u. s. w. mit Marburg eine nähere Verbindung erhalten. Die Bahnstrecke ist eingleisig. ** Kleine Mitteilungen auS Hessen und den Nachbarstaat«. In Frankfurt a. M. ist im Alter von 70 Jahren Prof. I Dr. Johann Georg Zehfuß, ehemaliger Direktor der höheren Erster Staatsanwalt Jonen stellt die Strafanträge, die wir bereits gestern meldeten. Bet der Beurteilung kommt in Betracht die Gemein- gefährllchkeit der Angeklagten, vor allem die schlimmen Folgen, die eine lolche Handlungsweise, wenn sie weite Kreise zieht, auf das allgemeine Rechtsbewußtsein hat. Als erster der Verteidiger erhielt Rechtsanwalt Kray das Wort: Er behandelt die Schuldfrage Baumanns und beantragt mit dem folgenden Verteidiger Rechtsanwalt Reichmann die Freisprechung Baumanns, der Witwe Dieckhoff und einer Anzahl der übrigen Angeklagten, deren »er- tkidlgung ihnen oblag. Der ganze Dienstag ist noch für Vorträge der Verteidiger und der Staatsanwälte vorgeseben. Aus Stadt und Land. Gießen, & Mai 1901. ** Parlamentarisches. Nach einem Bericht deS Zweiten Ausschusses der 2. Kammer sollen die Anträge der Abgg. Ulrich und Genoffen, betreffend die obligatorische staatliche Mobiliarverficherung und des Abg. sKöhler-Langsdorf betreffend die Einrichtung einer staatlichen Mobiliar-Feuer« versicherungSanstalt für das Großherzogtum Hcffen, in An- betracht einer ähnliches bezweckenden Regierungsvorlage betreffend, für erledigt erklärt werden. Mathematik und Naturwissenschaft. Der Verein zur Förderung des Unterrichts in der Mathematik und den Naturwissenschaften hält seine 10. Hauptversammlung zu Pfingsten d. I in Gießen ab. Am Montag, den 27. Mai, abends 8 Uhr, findet eine gesellige Zusammenkunft in den Räumen deS Gesellschaftsvereins und am Dienstag, vormittags 9 Uhr, die erste allgemeine Sitzung statt, in der PoSke (Berlin) über Grundfragen des physikalischen Unterrichts sprechen wird. Darauf werden Abteilungsfitzungen und Besichtigungen verschiedener Institute die Teilnehmer in Anspruch nehmen. Am Mittwochvormittag wird die zweite allgemeine Sitzung durch einen Vortrag von Schmidt (Wiesbaden) eingeleitet werden, und nach der Frühstückspause sind wieder Abteilungsfitzungen, sowie Besichtigung des Braunsteinbergwerks und der Gail« schen Thonwarenfabrik, vorgesehen; um 6 Uhr: Festmahl in „Steins Garten". Für die dritte allgemeine Sitzung am Donnerstagvormittag hat Kienitz-Gerloff (Weilburg) einen Vortrag zugesagt, an den sich Diskussion und geschäftliche Sitzung anschließen sollen. Am nachmittag soll ein Ausflug nach Bad-Nauheim und am Freitag ein solcher in das Lahnthal (Braunfels, Weilburg) unternommen werden. So ist neben ernster Arbeit auch die Pflege der Geselligkeit berücksichtigt. In denselben Tagen findet in Gießens Mauern ein Gynäkologen-Kongreß statt, darum dürfte den Besuchern der Versammlung zu raten sein, sich ftühzeitig durch als- baldige Anmeldung bei Oberlehrer Block in Gießen die Wohnung zu sichern. ** Das Regierungsblatt, Beilage Nr. 5, auSgegeberr Darmstadt, 4. Mai, hat folgenden Inhalt: Oeffentliche Anerkennung edler Thaten. Bekanntmachung, die Prüfung für -ochbauaufseher, Dammmeister und Kreisstraßenmeister betr. Bekanntmachung, Vorarbeiten für eine elektrische Äsenbahn vom Bahnhof Bad Nauheim nach dem Johannisberg betr. Ordensverleihungen. Ermächtigung zur Annahme uud zum tragen fremder Orten. Namensveränderungen. Aufgabe der Zulassung zur Rechtsanwaltschaft. Dienstuachrichten. Konkurrevzeröffnuugen. ** Die Viehzählung vom 1. Dezember 1900 im Groß. Herzogtum Hessen weist folgende Zahlen auf: 50 091 Pferde (1897: 56 002), 5 Maulesel, 53 Esel, 330 679 Rindvieh (1897: 324 626), 82 360 Schafe (86 732), 312 889 Schweine (271 595), 125 788 Ziegen (1897: nicht ermittel), Federvieh, wie Gänse, Enten, Hühner rc., 1 383 003 (nicht ermittelt), 35 860 Bienenstöcke (nicht ermittelt). O Stangenrod, 7. Mai. Von unserem Orte aus, der eit dem vorigen Jahre mit Grünberg durch eine Kreisstraße verbunden ist, soll nun auch eine Straße nach Weiters- )ain gebaut werden. Von den Bewohnern der beteiligten Ortschaften wird dies mit Freuden begrüßt. x Grüuberg, 7. Mai. Für die Lehrer des Konferenz- Bezirks Grünberg hielt heute Kreisarzt Medizinalrat Dr. )aberkorn aus Gießen im Schulhause hier einen schul« ygienischen Vortrag. An den Vortrag schloß sich ein gemeinschaftliches Mittagessen im Gasthof ..Zum Hirsch". I-. Gensingen, 5. Mai. Gestern fand eine Generalver- ammlung der hiesigen Spar- und Darlehnskasse statt; ;r wohnten die Hälfte der Mitglieder der Kaffe und der Direktor deS Verbandes der hessischen landwirtschaftlichen Genossenschaften, Geh. Regierungsrat Haas, Bankdirektor Ihrig und Revisor Brauer-Darmstadt bei. Nach sehr ein- ehenden Ausführungen des Verbandsdirektors beschloß die Generalversammlung einstimmig, daß die Kasse weiterbeftehen oll, ein Beschluß, der nur zum Segen der ganzen Gemeinde ^reichen kann. Auch über die Deckung der eventuellen Ber« uste wurde, nach den Auseinandersetzungen deS Verbands- strektorS der richtigen Beurteilung der Sachlage von Seiten der Mitglieder der Kaffe, eine Einigung erzielt. Ein Konkurs der Kasse ist damit abgewendet uud es ist sehr zu begrüßen, daß die Kaffe weiterbestehen bleibt. Mainz, 6. Mai. Soeben wird eine Bekanntmachung er« affen über alle diejenigen Gegenstände, die während der ver- loffenen Theatersaison in dem Theater gefunden worden nd, ohne daß sich die Verlierer rechtzeitig gemeldet hätten. Inter den gefundenen Gegenständen befinden sich 91 Hand- chuhe und 41 Taschentücher, außerdem aber noch 2 Gebet- büch er und 2 Rosenkränze. Mitische Tagesschau. Die antiklerikale Bewegung in Portugal nimmt immer größere Heftigkeit an. In der Universitätsstadt Coimbra, o wird der ^kath. „Köln. Volksztg." berichtet, war zu einer Doktorpromotion, die stets von einem feierlichen AktuS begleitet zu werden pflegt, auch der Bischof von Oporto eingeladen. Die gewählteste Gesellschaft der Stadt, unter ihr sehr viele Damen, hatte sich in der Aula eingefunden, und das Fest nahm anfangs seinen gewöhnlichen Verlauf. Der Rektor begrüßte in seiner Rede den Bischof und rühmte eine Verdienste. Darin erblickte das liberale Publikum ein Zugeständnis an den KlerikalismuS und brach in laute Pfui« rufe auS; es erhoben sich fast alle Studenten und auch ein Teil der Professoren und begannen den Bischof gröblich zu beleidigen. Es entstand ein furchtbares Getümmel und Gedränge; die Damen flohen entsetzt und manche zogen sich Verletzungen zu, der Rektor wurde als „Klerikaler" und „Jesuitcnjünger" verhöhnt und war vollkommen ohnmächtig, die Ordnung wieder herzustellen, ja man hätte sich vielleicht thätlich am Bischof vergangen — chou begann man ihn spöttisch am Talare zu ziehen — wenn ihn nicht einige Herren in ihre Mitte genommen und zur Thür begleitet hätten, wo sein Wagen bereit stand. Durch den Wagenschlag wurden ihm noch antiklerikale Flug- chriften auf den Sitz geworfen, und begleitet von einem auten Hallo, an dem die Bevölkerung teilnahm, konnte er >ie Stadt verlassen. Der „Odia", ein dortiges Blatt, meint, der Bischof, der fast sein ganzes Leben als Heidenmisfionar unter den Wilden Afrikas verbracht habe und allgemeine Anerkennung und Achtung genieße, habe erst in sein europäisches Vaterland heimkehren müssen, um „Kaffern" kennen zu lernen. Im bedeutendsten Kulturzentrum Portugals hätte er solche gefunden. Auf Antrag des Abg. Singer (Soz.) findet eine Besprechung der Interpellation statt. Abg. Müller-Fulda (Zentr.) betont, man müsse doch ruhig erst die Untersuchung abwarten, bevor man über die Behörden ein so scharfes Urteil fällt; andererseits werden allerdings rechtzeitig Vorkehrungen zu treffen sein, damit sich solche Unglücksfälle nicht wiederholen. Abg. Wurm (Soz.) weist darauf hin, daß — wie bereits wiederholt festgestellt — Pikrinsäure auch im feuchten Zustande explodiere; dies habe auch der Brand der Bauerschen Fabrik in Elberfeld gezeigt. Festgestellt sei auch, daß in der Fabrik explosionsfähige Stoffe hergestellt wurden; in der Nähe befand sich ein Benzinlager, und man hatte keine Vorkehrungen dagegen getroffen, daß es auffliegen könnte. Das ganze Unglück wäre vielleicht au vermeiden gewesen, wenn man eine ständige Kontrolle eingerichtet hätte, wobei auch die Arbeiter mitzusprechen haben. Staatssekretär Graf Posadowsky erklärt gegenüber dem Vorredner, daß der Brand der Bauerschen Fabrik in Elberfeld nicht entstanden sei durch Explosion von Pikrinsäure; die Ursache war vielmehr, daß die Pikrinsäure sich verbunden hatte mit kalkigen Salzen und Pikrat entstand, ein Stoff, der sehr explosionsfähig ist. Preuß. Geh. Reg.-Rat Jaeger bemerkt, bezüglich des Benzinlagers seien diejenigen Vorkehrungen getroffen gewesen, welche sich aus den bisher über die Lagerung leicht explodierbarer Stoffe gesammelten Erfahrungen ergaben. Nach Feststellung der Behörden bestand für das Benzinlager ^keine Gefahr; es ist auch nicht aufgeflogen. Der Gewerbe- Inspektor, der die Griesheimer Fabrik kontrollierte, ist, wie Redner betont, ein^außerordentlich tüchtiger Fachmann auf dem Gebiete der Sprengstofftechnik; er war gerade in der letzten Zeit mehrmals jede Woche, da es sich um eine neue Konzession handelte, in Griesheim zur Besichtigung gewesen. Man könne hieraus ermessen, wie unbegründet die von den Sozialdemokraten erhobenen Vorwürfe seien. Abg. v. Kardorfk (Rp.) meint, die Sozialdemokraten tollten nun auch gegen die Große Berliner Straßenbahn vorgehen, der täglich Menschenleben geopfert würden. Nach weiteren Bemerkungen der Abgg. Jaeger (nl.) und Schrader (fr. 93er.) erwidert Abg. Singer (Soz.), es sei verwunderlich, wie der Abg.v. Kardorff einen so komischen Seitensprung bei einer so ernsten Angelegenheit thun konnte. Gerade die sozialdemokratischen Stadtverordneten seien die treibende Kraft gegen die Große Berliner Straßenbahn. Mit seinen Beschwerden gegen die Straßenbahn müsse sich v. Kardorff an den Eisenbahnminister v. Thielen wenden, der über den ^kopf der Stadt hinweg die Konzession um 30 Jahre verlängerte und den der Abg. v. Kardorff immer verteidige. Herr v. Kardorff meinte, es sei überhaupt unrecht, daß der elektrische Betrieb eingeführt sei. Von einem waschechten Agrarier wundert mich dieser Einwurf nicht. Das ist allerdings richtig, mit der Umwandlung der Pferdebahn in eine elektrische Bahn ist der Verkauf von Pferden und Hafer etwas eingeschränkt worden. (Heiterkeit.) Abg. p. Kardorff (Rp.) entgegnet, er habe vollkommen ernst gesprochen. Wo habe er übrigens den Minister v. Thielen verteidigt? Vielleicht bei der Kanalvorlage? Präsident Graf B a l l e st r e m unterbricht den Redner: Die Kanalvorlage wollen wir ruhen lassen. (Heiterkeit.) Hiermit schließt die Besprechung. folgt die Interpellation des Abg. v. Hoden berg ^Wclse), die lautet: Welche Schritte sind gethan zur Be- Xeumg ber in Südafrika in englischer Gefangenschaft befinduck)>en deutschen Missionare. benb er g (Welfe): Eine Reihe deutscher ..nssionarr sei m Südafrika von den Engländern festqe- nvmmen und nach Pretoria geschleppt. Ihr Vermögen sei von den englischen Soldaten fortgenommen. Die Engländer behaupte^ daß die Missionare nicht neutral geblieben seien Zehn en Pretoria verhaftete Missionare behaupten dagegen daß es den englischen Offizieren Freude gemacht habe, gegen die deutschen Myswnare vorzugehen. Erst als sie in her Nähe von Pretoria waren, habe man sie besser behandelt Die Frage sei, ob nicht das Auswärtige Amt einen Teil der Schuld trage, daß so viele Deutsche ihre Staatsangehörigkeit aufgegcben haben. Der Kaiser habe den Schutz, der Missionare als Hauptaufgabe bezeichnet. In der Heimat Leten Tausende für die Befreiung der deutschen Missionare. Der neue Elberfelder Mllitarbtfrejullgs.Projeß. XX. Elberfeld, 7. Mai. In der gestrigen Sitzung behandelten die Schlußvorträge der Staatsanwaltschaft und der erste Vortrag der Verteidigung lediglich die Frage: Hat eine Verbindung des Freimachers Baumann mit Militärärzten, vor allem mit Dr. Schimmel, bestanden? Die Staatsanwaltschaft bejaht diese Frage, die Verteidigung vermint sie ebenso entschieden, ja, die Verteidigung behauptet sogar, daß ein direkter Beweis dafür erbracht sei, daß eine Verbindung zwischen Baumann und Dr. Schimmel nicht be- ianden habe. Bei diesem scharfen Gegensatz der Meinungen, der auch in das Publikum gedrungen ist, wird mit Spannung dem Urteil entgegengesehen, das in dieser Woche noch zu erwarten ist. Staatsanwalt Alberts behandelte eingehend die Frage der Be° techung von Militärärzten durch Freimacher und beleuchtete die historische Grundlage dieses Prozeßes, die schon erwähnten Befreiungsprozefse auS den 70er und 80er Jahren -or Sivil- und Militärgerichten. Der Verdacht, daß Baumann bestochen hat. muß zur Gewißheit werden. Die Befreiungen, bei denen Dr. Lindemann und Dr. Schimmel in den 70er und 80er Jahren thätig waren, lassen deutlich erkennen, wie Baumann mit Militärärzten operierte. Dem Dr. Schimmel wurden in allen Garnisonen und zu allen Ersatzgeschäften, wo er thätig war, Baumannsche Klienten zugeschickt. Baumann selbst hat dem Viehhändler Simson, den Kommissar Düffel als unbedingt glaubhaft bezeichnete, gesagt: Mittel, die ein krankhaftes Aussehen erregten, würden nicht mehr gegeben, jetzt erkläre der Arzt beim Oberersatzgeschäft die Leute einfach ür untauglich; eine Freimachung koste 2t 00 Mk, von denen er und der Arzt je 1000 Mk. erhalte; Orte, wo es gut gehe, seien Osnabrück und Münster. Diese Simsonschen Angaben weisen auf Dr. Schimmel hin, besonders weil Baumann Osnabrück an erster Stelle nannte. Soll das ge- chehen sein, ohne daß Baumann mit Dr. Schimmel in Verbindung gestanden hat? Ich hebe das ausdrücklich hervor, weil Generalarzt Dr. Stricker seine Ansicht von der Unschuld Dr. Schimmels in einer Weise mt*rearum dürste den Besuchern i, sich frühzeitig durch als» rer Block in Gießen die eilage Nr. 5, auSgegrbeu B Inhalt: Oesteutliche An- ntmachung, die Prüfung für mb LreiSstraßenweister bett, r eine elektrische Sisenbahn ch dem Johannisberg betr. ng zur Annahme und zum Soeränderungen. Aufgabe schäft. Dienstnachrichten. Dezember 1900 m Groß» Kadlen ans: 50 091 Pferde Z Esel, 330619 Rindvieh (86132), 312889 Schweine 1: nicht ermittel), Federvieh, 1383003 (nicht ermittelt), elt). . ion unserem Orte der nberg durch eine SrerSstraßr Straße nach Wetters. Bewohnern der beteiltgtev c^dk Lehrer des rochrm- Kreisarzt Mdizmckat Ichulhause hier emen sch t den Dortrag |W W tL Nack W beschloß bit daßi,t.8 Dti««9b" dti Sttbi'11' •* ®trbf hit*eöbb enstünde, ’ie ,fLen >”0J m Theater 0£iui. HM er rechtzA g «ch 91 7'S betten °«’^tnt« J „ Gewerbeschule, gestorben. — Durch Allerhöchstes Dekret wurde dem Schulverwalter Karl Wenzel die vierte Lehrerstelle in Grünberg definitiv übertragen. — Der frühere Bürgermeister D. Ritter in Laub ach sieht in diesem Jahr auf eine 50jährige Dienstzeit als Rechner verschiedener Ortschaften zurück. In Rücksicht auf sein hohes Dienstalter beabsichtigt er seine AmtSthätigkeit einzufiellen. Er bekleidete zuletzt noch die Gemeinderechnerstellen in Ruppertsburg und Wetter selb, sowie die Stelle enes AirchenrechnerS in Freienseen. Um beide ersten Stellen sollen bereits zablreiche An Meldungen vorliegev. — In Battenberg soll ein Krieger denkmal am 17. Juli eingeweiht werden. Gerichtssaat. D. «tetzen, 7. Mat. (Strafkammer.) ffieaen Verbrechens gegen $ 176 poa 3 des R.-Str. G. steht der Taglöhner Johannes Naumann auS Bad-Nauhetm vor ber Strafkammer. Es stehen »erfcht:dene Fäll« zur Anklage. Die Verhandluna findet, da die Großh. Staatsanwaltschaft den Ausschluß der Oeffentllchkeit wegen Gefährdung der Sittlichkeit beantragt, hinter verschlossenen Tbüren ft«V. DaS Urteil lautet auf eine Gefängnisstrafe von 1 Jahr 6 Monaten unter Annahme eines fortgesetzten Delikts. Die bürgerlichen Ehrenrechte werden ihm auf die Daucr von 3 Jahren aberkannt. — Der Schachtmeister Friedrich Forna^on aus L aunsberg und der Bahnarbeiter Klement Schneider von da find angeklagt, auf der Rtxfelder Höhe am 16. Mat 1900 gemeinfchastltch vorsätzlich und rechtswidrig dm dort aufgestellten Galgen beschädigt und umgeworfen zu haben. Der Fall würde an und Iß.- sich wcnlg Interesse dteten, wenn die Anklageschrift nicht den Galgen als öffentliches Denkmal bezw. Gegenstand der Wissenschaft, gemäß 8 304 Str.-G. bezeichnete. Dte Staatsanwaltschaft vr; tritt auch dirsen Standpunkt in der heutigen Verhandlung, während dte Verteidigung einem G«lg"N diese Eigenschaft abspricht. DaS Gericht kommt zu dem Schluffe, daß der Standpunkt der Slaatsanwaltschaft nicht als der richtige anzutehen sei und verurteilt Klement Schneider in eine Geldstrafe von 10 Mk., bte eventuell mit zwei Ta^en Gefängnis z r oer> b'ltzen ist. Die Verhandlung gegen den Schachtmeister Fornayon wird, da er n'cht e schienen ist, auSges.tzt Kandel und Uerlrehr. UolKsmittschast. R. ReichLbank. Am 1. Juni d. I. wird in WermelS- kirch'N eine von der Reichdbankstelle in Barmcn abhängige Retchsbank- neöeostelle mit Kassmewrichtung und beschränktem Giroverkehr eröffnet meiden. W. Rieder-Wöllfladt, 7. Mai. Dte Molkereigenossenschaft (etngetr. G n m. unbrschr. Haftpfl) in L'qutdatton bat den Konkurs angezeigt, der auch am 1. dS. MlS. eröffn*! worden ist. ES sei darauf aufmerksam gemacht, daß diese Firma mit der Molkerei» G noffenschaft „Wrtterau" (etngetr. G^n. m. beschr. Hafipfl) nicht zu verwechseln ist, deren Betrieb ungehindert seinen Fortgang nimmt. Tabak. Hamburg, ".Mai. Die günstige Stimmung für Brasil- Tabake blieb weiter bestehen, so daß dte an den Markt gebrachten Partien schlank zu befferen Preisen begeben werden kannten. Rccht großer Beliebtheit batten sich dte St. Felix und Cruz das Almas sowie Alagoinha Sorten zu erfreuen, in denen alle Angebote zu höheren Preisen ausgenommen wurden. Auch die bisher der schwereren Qualität wegen wenig gekauften CaShoira-Gewächse fanden bedeutend mehr Beachtung und wurden bei der zum TeU sauren und wetchschmeckenden Beschaffenheit zu hohen Preisen in großen Partien aus dem Markt genommen. DaS Brasil-Geschält sowie das große Jntercsse, welches hier für dte Sumatra Einschrribu^gen vorherrsche- d ist, beschäftigte den Markt so stark, daß andere Sorten kaum beachtet wurden. Gehandelt wurden cirka 10000 Packen Brasil und 600 Seronen Havanna-Einlagen. Dte etngetroffenen Erstlinge der neuen Mexiko- Ernte entsprachen nicht den gestellten Erwartungen, da sie zu dunkel aussallen und zum Teil so klein «'malf:doch bis zu dem benannten Termin in den Händen Großherzogl. Bürgermeisterei Laubach sein. Laubach, am 1. Mai 1901. Großh.Bürgermeisterei Laubach. Jochem. 3385 EWfeMMl Apsklriilgk neue, Aprikosen Birnen Brüuelleu Kirschen Pflaumen, ealisoru., Pflaumen, Catharina, Zwetscheu, türk., Gemischtes Obst in verschiedenen Qualitäten bei 1491 Emil Fischbach. Alle 2381 Sorten Stt-uKahllM: Schellfische, Kabeljau, Seezunge«, Sauber, Aechte, Weihfische, Walfische, Aarve«, Karpfen »sw. in stets srrscher, sowie in lebender Ware. Bestellungen zu Gesellschafts- effen usw. werden prompt auSgeführt Martin Simon, «lsterweg 1. {Back-Dulver Vanille Zucker Puddtug-Pulver L 10 Pfg. Millionenfach bewährte Rezepte gratis von den besten Geschäften. 231 Pflücksalat, sowie schöne Gemüse« u. Ealat« pflanzen, im Freien gezogen, empfiehlt Wilh. Gerhard. 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