Nr. 235 Erstes Blatt. 151. Jahrgang. Sonntag 6. Oktober 1901 Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. Die Giehener Familien- blätter werden dem Anzeiger im Wechsel mit dem „Hess. Landwirt" und den .Blättern sür hessische Volkskunde" viermal wöchentlich beigelegt. Redaktion, Expedition und Druckerei: Schulstratze 7. Adresse für Depeschen: Anzeiger Gieße«. GietzenerAnzeiger ** General-Anzeiger w Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen Annahme von Anzeige« zu der für den folgenden Tag erscheinenden Nr, bis vormittags 10 Uhr. Alle Anzeigcn-Vermitt- lungsstellen Les In- und Auslandes nehmen Anzeigen entgegen. Zeilenpreis: lokal 12 Ps, auswärts 20 Pfg. Rotationsdruck u. Verlag der Brüh l'schen Unioersitäts - Druckerei (Pietsch Erben). Verantwortlich sür den allgemeinen Teil: P. Witt ko; für den Anzeigenteil: Hans Beck. Allgemeiner deutscher Frauenverein. (Originalbericht des „Gieß. Anz.") Eisenach, 30. Sept. Am Sonntagabend wurde hier die Generalversamm- tung des Alla. Deutschen Frauenvereins mit einem Be- grüßungsabcno eröffnet. 'Die erste Hauptversammlung des Frauenvereins wurde heute vormittag von der Vorsitzenden Frl. A. Schmidt-Leipzig eröffnet. Anwesend waren über 100 Vertreterinnen der deutschen Frauenbewegung aus allen Teilen unseres deutschen Vaterlandes. Frl. Schmidt wies auf die Erfolge hin, die die 1872er Eisenacher Versammlung, die sich u. a. mit der Errichtung von Mädchen-Gymnasien beschäftigte, gehabt hat. Bekanntlich bestehen solche Gymnasien jetzt in der: Städten Karlsruhe und Breslau. Bei Erstattung des Jahresberichts gedachte Frl. Schmidt des verstorbenen Vorstandsmitgliedes Frau Mathilde Weber- Tübingen und der Frau Lenz-Bern, welch letztere dem Allg. Deutschen Fraucnverein testamentarisch 600 000 Mk. vermachte, deren Zinsabwurf für Stipendien und zur Unterstützung der Gymnasialkurse in Leipzig bestimmt ist. Tie Entwickelung des Gesamtvereins hat Fortschritte gemacht, zwei neue Ortsgruppen in Halle a. S. und Magdeburg sind gegründet worden, die Ortsgnlppe München löste sich auf, die Mitglieder derselben blieben aber beim Verein. Seiner Hauptaufgabe, der Förderung der Frauen auf wissenschaftlichem, gewerblichem und sozialem Gebiete ist der Frauenverein gerecht geworden durch Anschluß an den Bund deutscher Frauenvercine, dessen Petitionen der A. T. F. mit unterschrieb. In Sachsen wurde erreicht, daß den Frauen die Teilnahme an allen Vereinsversammlungen gestattet ist. In den Leipziger Gymnasialkursen haben bisher 22 Damen das Abiturium erlangt, denen das philologische und medizinische Studium freigestellt ist. In beiden Fächern kann auch das Staatsexamen abgelegt werden, während die Professoren sich das Doktorrecht noch Vorbehalten. Zu den Leipziger Kursen leistet auch die Stadt 2000 Mk. Zuschuß. Aus dem Zinserträgnisse der Lenz- stiftung ist die Errichtung einer Frauenbibliothek im Gange, die die Schriften über die Frauenfrage von ihrer Entstehung an und wissenschaftliche Werke, von Frauen verfaßt, aufnehmen soll. Frl. Schmidt schloß ihren Bericht mit dem Hinweise, daß der Frauenverein von den Zielen, die er sich bei seiner Gründung vor 36 Jahren stellte, in keiner Weise abgcgangen ist, er verlangte stets nur Rechte, die sich auf Pflichten gründen. Sein Ziel ist die Hebung der Frauenbildung und damit die Hebung unseres ganzen Volkes, und bei diesem Ziele wisse er sich auch in Uebereinftimmung mit der anderen Volkshäljte. Der Verein stehe auf ethischem und sozialem Boden und komme die Erwerbsfrage bei ihm erst zu zweit in Frage. Dieser Jahresbericht, der auch der Enthüllung des Denkmals für Frau Luise Otto in Leipzig gedachte, wurde beifällig ausgenommen und ohne jede Debatte genehmigt. Es folgten nun zwei Berichte über Rechtsschutzstellen, erstattet von Frau Marie P su n g st -Frankfurt a. M. und von Frau Julie Eichholz-Hamburg. Die in diesen beiden Städten schon seit vier Jahren bestehenden Rechtsschutzstellen haben sich vortrefflich bewährt, sie werden immer mehr von der weiblichen Bevölkerung in Anspruch genommen, was daraus erhellt, daß z. B. in Frankfurt in diesem Jahre bereits 480, in Hamburg über 500 An- ,fragen gestellt und erledigt wurden. In Hamburg wurde Rat erteilt bei 210 Ehestreitigkeiten, in 180 Alimentationssachen, 89 Fälle betrafen Schuldforderungen und 44 Lohnstreitigkeiten usw. Wie die Frankfurter, so betonte auch die Hamburger Vertreterin, daß alle Anfragcnden getröstet, keine aber unbefriedigt die Rechtsschutzstellr verlassen habe. In Hamburg zweigte sich von der Rechts- schutzstelle eine Stellungvermittelung sür weibliches Haus- personal ab. Beide Berichte, die die segensreiche Wirkung der Rechtsschutzstellen trefflich hervortreten ließen, wurden durch Beifall ausgezeichnet. Im Anschluß daran gab die Vorsitzende bekannt, daß Frl. Dr. R a s ch k e - Berlin am 2. Oktober von halb 3 Uhr bis 4 Uhr eine Besprechung mit Vertreterinnen von Rechtsschutzstellen zu halten wünscht. Hierauf sprach Frl. Helm-Nürnberg über die Gründung von Heimstätten zur Förderung der Waisenpflege. Sie legte ihrem Referate eine Reihe von Leitsätzen zu Grunde, denen zu entnehmen ist, daß sie an Stelle der großen 5 — I Waisenhäuser kleine Heimstätten für Waisenkinder errichtet wissen will, in denen junge Mädchen aus gebildeten Ständen als Erzieherinnen thätig sein sollen. In der ausgedehnten Diskussion wandte sich Frl. A. Blum-Spandan gegen These 5, worin auf die Verwendung'von Mädchens aus gebildeten Ständen bei der Heimstättenerziehung hingewiesen wird, und äußerte in sittlicher Beziehung große Bedenken gegen die Vereinigung beider Geschlechter in den Heimstätten. Frl. F ö r st e r - Kassel giebt ihrer Freude über Ausführungen des Frl. Helm Ausdruck und bittet, wo es geht, einen, wenn auch nur kleinen, Anfang in dieser Hinsicht zu machen. Frau Hecht-Tilsit: Bei gutgeartcten Waisen ist der Familienerziehung der Vorzug vor der Anstaltserziehung zu geben; beim es gilt, die Kinder zum Kampfe für das Leben vorzubereiten, und in dieser Beziehung versagt die letztere. (Bravo.) Frau Professor Wendt- Hamburg: Wir müssen dahin wirken, daß in den Heimstätten Knaben und Mädchen zusammen erzogen werden, wie es auch für die Schulen am Platze wäre, wenn beide Geschlechter zusammen sitzen würden. Frl. Hoffmann -Dresden lenkt die Aufmerksamkeit der Versammlung darauf, daß die vorliegenden Bestrebungen nichts neues sind, sondern daß in manchen Städten, wie in Dresden, schon ein ähnliches Institut sich gut bewährt habe. Frl. Helm-Nürnberg betont, daß es unsere Aufgabe sein müsse, in den Heimstätten wirklich tüchtige Volksmütter und Volksväter zu erziehen. Frau Müller-Hannover? berichtet aus ihren Erfahrungen in ihrer Heimatstadt, daß dort öfters Waisenkinder in Familien untergebracht worden sind, wo sie Hunger, Not und Entbehrungen leiden । müssen. Diese Thatsachen sprechen also für die Anstalts-^ erziehung. An der weiteren Diskussion, die erkennen läßt,: daß in verschiedenen Fragen die Meinungen noch aus-^ einandergehen, beteiligten sich noch Frau Helene v. Forster- Nürnberg, Frl. Helene Lange, Frau Dr. Gosche-Halle, Frau Kommerzienrat Heil--Charlottenburg, Frl. Blume und Frau Goldschmidt, welch letztere wie auch die Referentin in ihrem Schlußworte die Bitte ausspricht, die Gedanken, welche das Referat geboten habe, als Anregung zum Nachdenken zu benutzen, damit die auf dem Gebiete der Waisenpflege 6e=. stehenden Mißstände beseitigt werden. Der folgende Punkt der Tagesordnung lautet: „Bericht s von Frl. Anna Blum-Spandau über den Vereinzur Förderung des Frauenerwerbs dlurch Obst- und G a r t e n b a u". Tie Rednerin machte zunächst Mitteilung von dem Bestehen eines solchen Vereins, der vor sechß Jahren in Berlin gegründet worden sei und sich gegenwärtig über ganz Deutschland verbreitet. Er verfolge den Zweck, den rationellen Betrieb des Obsh- und Gartenbaues als Lebensarbeit und Beruf in der Frauenwelt zur Ein- führung zu bringen und den Damen die erforderliche theoretische und praktische Ausbildung in einem gvord- niten Studiengange zugänglich, zu machen, dies geschehet in der Gartenbauschule Marienfelde bei Berlin, über deren: Einrichtung Rednerin verschiedene Mitteilungen machte. Für i die Aufnahme wird dieselbe Bildung gefordert, wie für; die Aufnahme in ein Lehrerinnenseminar. Es besteht ein ein- und ein zweijähriger Kursus. Tas Hauptgewicht wird ^ auf die praktische Ausbildung gelegt. Es sind schon 32: junge Mädchen daselbst ausgebildet worden und haben auch Gelegenheit gefunden, sich in selbständiger Stellung diesem ' Berufe widmen zu können. Es ist auch ein Darlehns- und1 Unterstützungsverein für Gärtnerinnen gebildet worden, die. sich selbständig machen wollen. Endlich gab die Referentin^ noch Kenntnis davon, daß auch sür Lehrerinnen in Marien- ■ felde seit 1900 Gartenbaukurse eingerichtet worden sind, die bereits gute Früchte gezeitigt haben. In der 'Diskussion• erwähnte Frau Heil-Charlottenburg, daß sie schon vor 151 Jahren ähnliche Versuche unternommen habe. Es müssen ! Mittel und Wege gefunden werden, die Ausbildung der' Gärtnerinnen noch zu vervollkommnen, da sie bis jetzt nichh genügt. Ihr steht das Moment der Erziehung durch die! Gärtnerei höher als das des Erwerbs. Nach einem kurzen Schlußworte der Referentin erfolgte gegen 2 Uhr der Schluß der ersten Verhandlung. Vermischtes. * Ein drolliges G-eschichtchen vom Besuch' des deutschenKron Prinzen in Lowther Castle .erzählt Vanith Fair: Ter Zug, in dem der Kronprinz fuhr, wurde ung zu erteilen, daß er wünsche, die -nippen aufgelöst und die Ausführung iete bewährten Künstler übertragen : Begas!) Die Beschlüsse der Kunst- ir den Magistrat nicht, so lange dieser . er halte es für zweckmäßiger, mit -a Gegenstand noch zu warten. (Bei- ^eschließt hierauf einstimmig die Ver- genheit, worauf der Schluß der Sitzung on ist übrigens bereit, die Märchen- lichen Wünschen umzuarbeiten. hat auf eine Anfrage folgendes ge- stdeputation stellte in ihrer Sitzung am von Anfang an einen architektonischen Platzes vor dem Friedrichshain be- lärchen nur als dekoratives Element ste Deputation ist aber auch mit mir roße Brunnenanlage naiver und ein- a muß. Prof. Wiedemann (von dem herrührt) will in diesem Sinne mit- Leistungsfähigkeit Wiedemanns glaube igGewünschte, wenn auch mit viel ioch erreicht werden wird." ,tg." hört, es sei eine Aenderung der • Anregungen des Kaisers und es sei :echtswegs nur für den Fall in Aus- n, daß in sachlicher Beziehung eine ceicht und deshalb die polizeiliche Bau- ürde.__________________________________ sche Tagesschau. Vorgänge auf der „Gazelle" , unkontrollierbare Nachrichten ver- f sozialistische Volksblatt in Halle fol- en Richtigkeit ihm angeblich verbürgt ngemein strengen Dienst, den Kapitän der den an Bord befindlichen Mann- Stunde raubte, wurden die Mann- Auch die Beköstigung soll nicht den :ochen haben. Vor etwa 10 Wochen r Mannschaft dadurch zum Ausdruck, ib anbere Geschützteile über Borb ae- )er Kapitän M'ovgens in seiner Kajüte offenes Schreiben fand, in welchem ?, ben Dienst weniger streng zu ge- würbe er in See geworfen werden, ie Kajüte gekommen ist, konnte nicht Tie Posten, denen die strenge Be- z zur Kajüte an vertraut war, ver- Zkunft zu geben. Es wurden sofort n in Untersuchungshaft genommen, tert, die fast ausnahmslos ausgedient er Entlassung zur Reserve standen, en worden, acht sitzen noch in Haft, bis jetzt zu keinerlei greifbarem Er- - Besatzung der „Gazelle" besteht aus ur ihrem blöden Liebhaber, dem herzog- theimlich, wie das Dirnchen in Gang, 'ichnet war. Dabei blieb sie immer jede Nuance war Crevette, bis zu den r. Nur ihre Knixe int zweiten Akte graziös, und darum ganz besonders für ckürliche Anmut Lebensbedingung ist, ich. Jedenfalls aber ist Frl. H. eine c Routine und besten äußeren Mitteln, werden wir uns freuen. war als Ehemann in tausend Aengsten r lange nicht so frei wie als Beckers, ,t so freudig bei der Sache, auch in nd Mienenspiel oft outriert. Vorzüg- amseyer als General, ein derb ver- von echtem Schrot und Korn. Auch ^gene Frau, die an Geister glaubt, köstlicher Bierruhe „auf die ganze Ge- . Herren Gerlach, 3 ob er, Sandor, fier, Herr Georgi, der den herzog- wßem Geschick darstellte, ferner die n Rollen befriedigten durchaus. Im griff leider nicht immer alles ohne Das Publikum jedoch war in seiner eben, denn es lachte, lachte und lachte. Wohnzimmer geleitet und sich dann, da inzwischen die Wohnung dieses Dr. Petypon verschlossen wurde, in unverständlicher Unschuld in seinem Schlafzimmer zur Ruhe gebettet. Als die Herren Doktoren Peiypon und Montgicourt die excentrische „Dame von Maxim" eine Zeitlang sich selbst überlassen müssen, wird sie von Petypons hagestolzem Onkel, einem General und Afrikakrieger, . aus weicher Lagerstatt überrascht. Onkel Genetal hält nun Crevette für die Frau seines Neffen und veranlaßt sie, ihm mit ihrem vermeintlichen Gatten auf sein Schloß in der Touraine zu folgen, um dort bei einer großen Festlichkeit die Honneurs des Hauses zu machen. Wie die satanisch nette Tingeltangetense, Und in übermütiger Karnevalslaune muß der drollige Spaß gespielt werden. Bei uns schlug man wohl ein zu langsames Tempo ein. Menschen und Dinge wollen hier so durcheinändergewirbelt sein, daß der Zuschauer keinen Moment zur Besinnung kommt und es möglichst übersieht, daß in dem Ganzen kaum ein Fünkchen Vernunft liegt. Im Einzelnen aber sahen wir recht hübsche Leistungen. Vor allem ist dem frisch-fröhlichen Spiele des anmutigen Frl. Hohenfels der Erfolg, den „Die Dame von Maxim" auch bet uns erzielte, zu danken. Frl. H. trieb die bisweilen sehr pikanten Scherze der süßen Bestie Crevette nicht auf die Spitze, sie zeigten eine überraschende Ungezwungenheit und Natürlichkeit. Ja, es .....„ — ame von Maxim" wohl an die 200 Mal zur Aufführung gekommen. Den 20. Teil davon erlebt unsere Bühne vielleicht auch. P.W. — Frankfurter Schauspielhaus. Man schreibt uns: Wie bisher festgestellt wurde, wird Frau Agnes S o r m a am Dienstag den 6. Oktober ihr Gastspiel als „Guiditta" in Fuldas „Zwillings- schwester" eröffnen, Donnerstag, 10. Okt. als „Nora", Freitag, 11. Olt. als „Marikke" in „Zohannisfeuer" und Samstag, 13. Okt. als „Rautendelein" in der „Versunkenen Glocke" fortsetzen. Montag, 14. Okt. verabschiedet sich Frau Agnes Sorma als „Christine" in „Liebelei" und als „Beatrice" in „Jephtas Tochter" vom hiesigen Publikum. Alle Gastvorstellungen finden außer Abonnement und bei großen Eintrittspreisen statt. Geschäfts Urrlegung. Einem geehrten hiesigen und meiner werten Kundschaft die von heute Kürschnerei und Mützenfabrik von Bchvhofstratze 49 auswärtigen Publikum, sowie ergebene Mitteilung, daß ich an meine in den Laden des Herrn Wirsig, Selters weg IO verlegt habe. — Durch jahrelange Erfahrung in diesem Fach hoffe ich, meine werte Kundschaft in jeder Weise zufrieden zu stellen und bitte, das mir seither bewiesene Vertrauen auch fernerhin bewahren zu wollen. Hochachtungsvoll 6610 Gießen, den 5. Oktobe" 1 » e Witwe ElisaL und Kn Gießen, den 3. Oktober 190. Danksagun Für die vielen Beweise herzlich dem uns so schwer betroffenen Verlud geliebten Gatten und Vaters, sowie Blumenspenden, insbesondere für die des Herrn Pfarrer Dr. Nau mar Dank Bekanntmach Auf dem gestern abgehaltenen Vieh (ofeS Ferkel aufgefunden worden. Der Eigentümer wird aufgefordett, Hier alsbald geltend zu machen. Gießen, den 3. Oktober 1901. Großherzogliches Polizeiam Hechler. Freiwillige < zur Anschaffung des 2 „KniWs Umgang mit als Aufmerksamkeit für den Reil abgeordneten Köhler, Langsdorf 'genommen im Aquarium Gießen. lange, ehe er erwartet wurde, auf der Station signalisiert. Der Stationsvorsteher drahtete daher eine eilige Botschaft nach dem Schlosse. Lord Lonsdale, der sah, daß er unmöglich die Station zu der Zeit erreichen konnte, die der ängstliche Beamte angegeben hatte, drahtete zurück: „Schiebt ihn auf ein Nebengeleise" — ein glücklicher Einfall, der sofort befolgt wurde. Der nichts ahnende Prinz wurde von einem Nebcngeleise auf! das andere geschoben und fuhr erst in die hübsche kleine Station ein, als oer Wagen aus Lowther mit seinen berühmten Posttllonen und Vorreitern draußen vorgefahren war, während Lord Lonsdale ruhig auf dem Bahnsteig wartete, als ob er schon lange da wäre. Der Prinz erfuhr nichts von der kleinen List. * Vom Aufenthalt des deutschen Kronprinzen in Amsterdam werden noch vielerlei Episoden erzählt, von denen wir die nachstehende wiedergeben iDoUen. Es heißt da: „Schon morgens um neun Uhr war der Kronprinz mit seinen Begleitern zum Ausgehen fertig, dann ging's zu Fuß oder zu Wagen kreuz und quer durch die Stadt, in Museen, Tiergarten, Panorama, Hafen, zum Denkmal De Ruyters, zur Oper, Operette, nach Zaandam, überhaupt dahin, wo nur einigermaßen Besehenswertes zu finden ist Es ist unglaublich, welche Wißbegierde und welche Ausdauer der Kronprinz dabei entwickelte. So gut wie niemand erkannte ihn. Kösftich amüsierte er sich, als ihn in der Kalverstiraat ein Obsthändler anbrüllte: „De laatfte mcoie pruimen, twintig voor een dnbbeltje!" (Tie letzten schönen Pflaumen, zwanzig für zehn Cents!) In dem hier stets herrschenden Gedränge wurde er manchmal hin und her -geschabt, aber er schubte tüchitig zurück. Immer folgte ihm, auf einigem Abstpnd, ein altes Weibchen, das ihn nicht aus den Augen verlor. Es war der als Frau verkleidete bekannte Kriminaloberinspektor Batelt, der, unerkannt, den Schritten des Kaisersohnes folgte. Vor dem Amstelhotel lehnte der Herr Inspektor sich ans Gitter und wußte seine Rolle so gut zu spielen, daß ihm ein Herr des Gefolges ein Almosen zusteckte. Lächelnd nahm der Oberinspektor es an. fr Stadt. geiumr. uöum Neuling, Weißvindermeiüer. Mehrere geistig beschränkte aus Stadt und 03890] Nachdem die Weinlese soweit beendigt ist, treffe ich am Samstag dem 6. Oktober zum ^m^^iu.Weiktmbeii in der Schulftraße ein» BV Nur 4 Tage in Gießen auf dem l Orkus Al Freitag den 4. Oktober, aber Große Gala-Eröffnungs mit hockst interessantem Programm. Bei ist die Gowby-Truppe, darunter Texas-Jack, Reiter der Welt. — Preise der Plätze: 11,50 Mk., 1. Platz 1 Mk., 2. Platz 60 i Kinder unter 10 Fahren zahlen auf allen ? Samstag den 5. Oktober, ab Grosse Sport-Vor Alles Nähere durch Austragzettel. Eintrittspreise: Karten zum einmaligen Eintritt 30 Pfennig, Schüler zahlen bei klaffenweisem Besuch 10 Dfg. Vom 30. September ab werden außerdem Dauerkarten zu 1,50 Mk. ausgegeben, welche nur für die Person des Lösenden Giltigkeit haben. Denkmünzen in Silber zu 5,60 Mk. und in Goldlegierung zu 1,60 Mk., beides in EMi, sind in der Ausstellung zu haben. Herborn, im Septbr. 1901. 6467 Der Borstand. ** Altweibersommer. Die weißen, laugen Fäden flattern wieder durch die Luft und hängen sich an den Kleidern des Wanderers fest. Auf Wiesen und Feldern webt die Läuferspinne die dichten Netze, die, wenn sie abgetrocknet sind, der Wind erfaßt und als „Altweibersommer" oder „fliegenden Sommer" oft hoch durch die Lüfte entführt. Erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit ist man über die Herkunft dieser „Marien"- ober „Herrgottsfäden" unterrichtet, während man ftüher die unglaublichsten Vermutungen aufstellte, um die merkwürdige Naturersckeinung zu erklären. So viel ist sicher, daß die Spinnen selbst nicht selten in jenen Geweben weite Reisen zurücklegen, denn Altweibersommer, der solche kleinen Luftschifferinnen enthielt, ist sogar mitten auf dem Meere beobachtet worden, wo die zarten Fäden in dem Takelwerk von Schiffen haften blieben. Wie man annimmt, müssen die Spinnen, die stets vereinzelt gefunden werden, freilich unabsichtlich' und gegen ihren Willen die für sie gefährlichen Fahrten antreten; andere Insekten dagegen unternehmen bekanntlich, gleich den Zugvögeln, oft in mächtigen Formationen große Wanderungen, wie es bei einer Reihe Käfer-, Schmetterlings- und Libellenarten, bei Heuschrecken und Termiten der Falt ist Der Volksaberglaube beschäftigt sich heute noch viel mit dem fliegenden Sommer; dieser wird in den verschiedenen Gegenden bald als unheilverkündend, bald als glückbringend für diejenigen, die er berührt, gedeutet. In der That eilt nun der Spätsommer fort, seine letzten Tage sind gekommen. Heute tritt die Sonne in das Zeichen der Wage und damit nimmt der .Herbst seinen kalendermäßigen Anfang. * Der Fuß und der Charakter. Die neueste Schrulle der englischen Gesellschaft, die sich schnell überall verbreitet, ist die „Pedologie", das Erkennen des Charakters aus den Linien der Füße. Der Klient betritt das Zimmer des dieser Wissenschaft Kundigen, und läßt beim Fortgehen Fußabdriicke zurück, aus denen dann sein Charakter gelesen wird. Ein bisher als Chiromant bekannter „Professor Osman will der wahre Entdecker der neuen „Wissenschaft" sein. Er hat mehrere Jahre lang die Füße auf ihre für den Charakter bezeichnenden Eigenschaften hin studiert. Er hat eine Sammlung, die eine große Menge Fußabdrücke von Männern und Frauen in den verschiedensten Lebenslagen umschließt. Ter Professor ist überzeugt, daß die Pedologie eine viel zuverlässigere Wissenschaft ist Villa 8 Zimmer, Bad und Küche, schöner, großer Garten in ruhiger, feiner Lage zu vermieten oder zu verkaufen, cventl. mit 1 Bauplatz. Näheres bet Karl KleeS, Süb- anlage 18, 6418 Heul (Bdjft Schml Wein Fr Prim ‘ Hochachtungsvoll W« AH würdiger Gegenstände. 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Ter runde muskulöse Knöchel, der von häßlichen Ecken frei ist, deutet, wie er sagt, auf eine erregbare Natur. Tie Knöchel dieser Art sind natürlich unter Frauen viel allgemeiner, als unter Männern. Ein breiter Knöchel ist das Zeichen eines kräftigen Willens und deutet in der Regel auf ein starkes Gemüt. Doch bedeutet ein sehr schmaler Knöchel nicht immer einen schwachen Willen. Ein hoher Spann weift gewöhnlich auf einen sehr unpraktischen Geist. Ein sehr hoher Spann gehört in der Mehrheit der Fälle einem Träumer an. Eine der deutlichsten Typen ist der Fuß der Tarne der Gesellschaft. Er wird vom Professor Osman als runder oder „gemischter" Fuß klassifiziert. Er ist klein und symmetrisch, hat aber eine in die Augen fallende Konkavlinie zu beiden Seiten am Ballen. Der genaue Gegensatz ist der sogenannte viereckige Fuß des' „Mannweibes". Aerztinneu haben einen eigentümlichen Fuß, den man leicht erkennen kann. Er hat weniger Biegungen als der Gesellschaftsfuß und trähert sich mehr der viereckigen Form. Der gewöhnlichste Typus unter Männern ist der praktische oder kaufmännische Fuß. Er hat von einem Ende zum andern ziemlich dieselbe Breite. Der „mürrische" Typus ist dagegen groß und flach, mit ungewöhnlicher Breite über dem Ballen und verhältnismäßig niedrigem Spann. Ties Verhältnis giebt ihm trotz seiner Länge und Festigkeit einen Anschein von Schwäche. Der „diplomatische" Fuß ist auch eigentümlich. Er ist sehr stark und ungewöhnlich breit, mit gut entwickelten und symmetrischen Zehen. Der „abergläubische" Fuß ist durch seine ungewöhnliche Länge und Schmalheit kenntlich Die feinen Linien, welche die Fußsohle überall bedecken, geben die genauesten Hinweise auf den Charakter. Sie entsprechen ganz den Linien der Handfläche, welche die Chiromanten so genau prüfen. * Niemand weiß, w o mich der Schuh drückt. Diese sprichwörtliche Redensart hat auf ihrer Wanderung durch die Jahrhunderte nichts von ihrer ursprünglichen Form eingebüßt. Plutarch erzählt in den Ehevorschriften Kap. 18: Ein junger Römer wird von seinen Freunden darüber zur Rede gestellt, daß er sich von seiner züchtigen, reichen und schönen Frau getrennt habe. Da zeigt er auf seinen Schuh und sagt, auch dieser sieht schön und neu aus, aber niemand weiß, wo er mich drückt. Diese Erzählung hat Hieronymus (331—420) adv. Jovin I 48 wörtlich ins Lateinische übersetzt, selbst in dem Schlußsätze et bic soccus, quem cernitis, videtur vobis novus et elegans, sed nemo seit praeter nie, ubi me premat. Büchmann nennt den Hieronymus als Quelle dieses bekannten Bildes in unferm Sprachschatze, die er aus Plutavchs L. Aemil. Paullus Kap. 5 abgeleitet habe. Aber die Worte Plutarchs lauten an dieser Stelle wesentlich anders, auch in dem Schlusatze: Niemand von euch könnte wissen, an welcher Stelle mein Fuß gedrückt wird. * Aus dem Tagebuche einer jungen Frau. Montag: „Sagte heute morgen beim Frühstück zu tOto, daß eine kleine Reise für uns beide sehr vorteilhaft sein würde. Er entgegnete, daß er jetzt unmöglich von feinen Geschäften abkommen könne." — Dienstag: „Machte die Bemerkung, daß,, wenn wir eine Reise machen wollten, eine Tour nach Paris herrlich wäre. Otto schien von diesem Vorschläge sehr unangenehm berührt und erklärte bestimmt, nichts mehr davon hören zu wollen." — Mittwoch: „Schrieb an die liebe Mama, sie möge uns einen Besuch abstatten, und erbat mir telegraphische Antwort." — Donnerstag: „Erwähnte nichts mehr von einer Reise, sondern begleitete Otto zur Thüre, als er fortging, und küßte ihn herzlich." — Freitag: „Mutter telegraphierte, daß sie nächste Woche zu Montag: „Sagte heute morgen beim Frühsttick zu Otto, daß tische offen liegen." — Samstag: „Otto sagte, daß es ihm gelungen fei, für einige Zeit von den Geschäften abkornmeN zu können. Wir fahren Montag mit dem Frühzuge nach Paris." Höchster Rabatt, kleinste Raten Pianos und Harmoniums zu vermieten monatliche Mietpreise 2-12 Mk. Bei späterem Ankauf gemieteter Instrumente Umschrift der bezahlten Miete nach festen Bedingungen. Gespielte Pianos zu allen Preisen von 50 Mk. an. Reparatur-Werkstätte, Aufpolieren von Pianos, Klavierstimmen. Wilh. Rudolph, Giessen Seltersweg 91.