Nr. 287 151. Jahrg Donnerstag, 5. Dezember 1901 General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Liehen. mische Heiterkeit). Als ich einen Andern fragte, wie es denn mög- Wünsche nach höheren Zöllen laut geworden. Ich gebe das zu, ich Rotationsdruckmrd 93erlog der Brüh l'scheu Urrwerfitätsdrnckerer (Pietsch-Erben), Gießen. Verantwortlich fld: den allgemeinen TeL P. WitLto; für den Anzeigenteil: H. B«L der Furcht vor dem Auslande. Ja, glauben Sie denn, das Ausland wäre nicht ganz genau unterrichtet über die Verhältnisse bei uns? Man hat im Auslande eine ganz ausgezeichnete Kenntniß unserer Verhältnisse. Graf Posadowsky hat darauf hingewiesen, daß wir 44 Ermäßigungen in dem vorliegenden Tarif haben. Ja, sogar einige landwirthschaftliche Ermäßigungen haben wir. Für c i n Thier hat man den Zoll vermindert, und das ist der Esel. (Heiterkeit.) Wozu dient denn der Esel? Er dient meistens zu Vergleichen. (Heiterkeit.) Niemand kann behaupten, daß wir eine große Einfuhr von Eseln haben. (Zuruf: Wir haben genug I) Der Esel — ich meine den Naturesel, nicht den Vergleichsesel kommt bei uns so selten vor, daß ich kenne solche Spezialitäten auch, aber gerade weil das richtig ist, hätte man sich in erster Linie an solche großen Verbände wenden sollen, die einen weiten Blick haben, vor Allem an die Handelskammern. Dann hätte man erfahren, was wirklich das allgemeine Interesse fordert und nicht das Interesse eines kleinen Vereins oder des einzelnen Vetheiligten, der immer denkt: Heiliger Florian, bewahr' mein Haus, zünd' andere an! Nicht bloßer Registrator der Industrie ist der Staatsmann, der Handelsvertragspolitik treibt. (Beifall links.) Als man dem Grafen Bülow den Vorwurf machte, daß er keine führende Nolle in der Handelspolitik einnehme, da sagte er, das sei nicht seine Aufgabe, das sei Sache der Bundesstaaten. Auf diesen Standpunkt habe sich Fürst Bismarck, auf den sich ja die Herren vom Bundesrath so gerne berufen, nicht gestellt; er war auch der führende Theil bei dem, was er zur Ausführung brachte. Nur mit dem kleinen Diplomatisiren, wie es jetzt üblich geworden ist, kann dann auch ein solches Monstrum wie dieser Zolltarif zu Stande kommen. (Sehr richtigI links.) Hinter verschlossenen Thüren hat man diesen Zolltarif ins Werk gesetzt. Ja, warum denn? Handelte es sich denn um so furchtbare Geheimnisse? Als es sich im Jahre 1878 um die Jnaugurirung der Zollpolitik handelte, da war von solcher Heimlichthuerei keine Spur zu merken. Man konnte es jeden Tag in den Zeitungen lesen, was verhandelt worden war; als das Tabakmonopol eingeführt werden sollte, hat der Fürst Bismarck die Oeffentlichkeit gescheut? Als England in den vierziger Jahren die Revision seiner Navigationsakte vornahm, hat man da hinter verschlossenen Thüren verhandelt? Nein, Alles geschah in vollster Oeffentlichkeit. Warum also gerade bei diesem Zolltarif eine solche Geheimnißkrämerei? Warum hat man nicht auch das Handwerk und die Arbeiter gehört? Selbst Fürst Bismarck hat das doch gethan l Warum hat man in einer solchen Frage nicht die Hygieniker gehört? Diese haben estgestellt, daß die Ernährung der Arbeiter im Allgemeinen eine durchaus unzureichende ist. Das hat kürzlich noch ein namhafter Hygieniker für Breslau festgestellt. Warum redet man immer von hat. (Heiterkeit.) Auf solche Ermäßigungen ist also ein besonderer Werth nicht zu legen. Wenn das so weiter geht, legen Sie schließlich auch auf Gold einen Zoll. (Lachen rechts.) Ja, bei Ihnen wird nachgerade Alles möglich. Der jetzige Tarifentwurf hat zweifellos einen hochschutzzöllnerischen Charakter. Dabei hat man mit dem bisherigen Tarif die besten Erfahrungen gemacht. Dieser Tarif hat sich als eine sehr brauchbare Grundlage für Vertragsverhandlungen erwiesen; den Handelsverträgen, die auf dieser Grundlage abgeschloffen worden sind, ist ein ungeheurer wirthschaftlicher Aufschwung Deutschlands gefolgt. In dieser Beziehung hat sich also der Tarif sehr gut bewährt. Wir verlangen nichts weiter, als daß an der Politik der Handelsverträge festgehalten wird. Wir sind also hier die Konservativen. Die Industrie will keine höheren Zölle. Sie hat gegen die Erhöhungen die größten Bedenken; sie fürchtet, daß dadurch nun das Ausland seinerseits zu Erhöhungen angereizt wird. Auf diese Gefahr ist ja selbst in der Begründung hingewiesen. Nun wird immer von der Unzulänglichkeit unserer Zölle auf Fahrräder und Nähmaschinen geredet. Ja, werden wir denn wirklich mitFahrrädern so überschwemmt? Nach der Statistik führen wir 7 Mal so viel Näder aus, als bei uns eingeführt werden. Also so dringend ist das Bedürfniß nach höheren Fahrräderzöllen nicht und merkwürdiger Weise sind gerade einige den größten Fahrradfabrikanten Mitglieder des HandelsverlragsvereinS. Aehnlich verhält es sich mit den Nähmaschinen. Mir haben verschiedene Nähmaschinen-Fabrikanten über die Zollerhöhung gesagt: „So ein Unsinn; wenn uns nun die anderen Länder das nachmachen? Das Beispiel, welches ein großer, mächtiger Staat giebt, kann große Wirkungen haben. Hat nicht die Schutzzollpolitik von 1870 in vielen anderen Ländern die schntzzöllnerischen Tendenzen gestärkt? Nicht weniger hat das Beispiel auf Zollermäßigungen hingewirkt, das Deutschland 1891 mit den Handelsverträgen gab. Diese Handelsverträge haben unsere Ausfuhr kolossal gestärkt, sie ist seitdem um 631 Millionen größer geworden. Unsere feste lieber» Beugung ist, daß das Vorgehen Deutschlands mit einem solchen Tarif auch im Auslande die Neigung zur Folge haben wird, die Zolle zu erhöhen. Dadurch werden also die Verhandlungen erschwert, nicht erleichtert. Man sagt, unsere Industrie sei selbst an diesem Tarif interessirt. Das ist durchaus nicht der Fall. Die Industrie hat ein viel größeres Interesse daran, daß die Handelsvertragspolitik fortgesetzt wird, als an Zollerhöhungen. Selbst die Cisenzölle haben den Industriellen nicht die erwarteten Vortheile gebracht. Wie hat denn der Zoll gewirkt? Im Jnlande hat man die Eisen- Preise hochgehalten und nach dem Ausland billig verkauft. (Sehr richtig!) So hat man in Holland den Schiffsbau, in Belgien die Drahtstiftindustrie großgezogen. (Sehr richtig!) Durch solche Zölle werden nur Syndikate und Kartelle befördert. Sehen Sie sich den Zuckerzoll an; Herr Paasche leugnet es zwar, daß der Zuckerzoll die Konsumenten geschädigt habe; aber kennt er denn nicht das Zuckerkartell? Das Interesse unserer Hauptexportartikel liegt nicht darin, daß Schutzzölle bestehen, sondern, daß die Preise der Rohprodukte sinken. Die Eisenzölle verdanken wir hauptsächlich dem Freiherrn von Stumm, der trotz seines Namens das beredteste Mitglied der Eisenkommission war. Amerika ist das Land, das die höchsten Eisenzölle hat; aber Amerika ist zugleich auch das Land der schroffsten Konjunkturwechsel. Unsere meisten Industrien sind so entwickelt, daß sie die Einfuhr gar nicht zu fiirchten brauchen. Selbst für Baumwolle ist ein höherer Zoll verlangt worden! Vernünftige Vaumwollfabrikanten wollen aber nichts davon wissen. Das Bündniß zwischen Agrariern und Großindustriellen ist ganz unnatürlich; das hat sich kürzlich noch gezeigt, wenn es auch zunächst gelungen ist, den Riß zu verkleistern. Was den M i n i m a l t a r i f anlangt, so kann ich mich hier auf einen Mann berufen, der gewiß eine ebenso große Bedeutung beanspruchen kann, als die heute Maßgebenden, ich meine den Parlamentarische Verhandlungen. Nachdruck ohne Vereinbarung nicht geftattet Deutscher Reichstag. !D4. Sitzung vom 4. Dezember. ff Nhr. Haus und Tribünen sind gut besetzt. Am Bundesrathstische: Graf Posadowsky, Möller, Arhr. von Rheinbaben, bairischer Finanzminister v. R i e d e l u. A. Die erste Berathung des Zolltarif-Gesetzes wird fortgesetzt. Abg. Dr Paasche (nat.-lib.): Die Ansicht des Abg. Richter, daß durch die Kommissionsberathung das Jntereffe an der Vorlage schwinden würde, kann für uns nicht maßgebend sein. Eine so wichtige Vorlage muh ganz einer Kommission überwiesen werden. Wenn man freilich von vornherein ein „Nein" dafür hat, so ist keine Kommissionsberathung nöthig. Dann war auch die lange Rede des Herrn Richter von gestern nicht nöthig gewesen. Der Handelsvertragsverein, der mit Millionen arbeitet, nennt die Freunde der Vorlage in allen seinen Publikationen Feinde der Handelsvertragspolitik. Das ist grundfalsch, wir sind keine Handelsvertragsfeinde, sondern wir Alle sind davon überzeugt, daß im Interesse der Sicherstellung unserer Exportindustrie möglichst günstige Handelsverträge abgeschlossen werden müssen. Wir denken gar nicht daran, unsere Weltmachtsstellung aufzugeben, wir denken auch nicht daran, von unserer Weltmachtspolitik abzulassen, mit der fteilich eine gesunde Heimathspolitik Hand in Hand gehen muß. Auf die Worte auswärtiger Minister darf man nicht zu viel Gewicht legen, der Handel darf sich dadurch ebenso wenig beunruhigen lassen, wie durch die Veröffentlichungen des Handelsvertragsvereins. Wenn dieser Verein auf die schlechten Löhne der Arbeiter hinweist und von Hungerlöhnen in Deutschland spricht, so schadet er damit nur der Industrie. Wir betrachten die Regierungsvorlage als Grundlage weiterer Verhandlungen und hoffen, daß etwas Ersprießliches zu Stande kommt. Die Herren von der Linken, besonders Herr Richter, thun so, als ob der industrielle Aufschwung gerade auf den geltenden Zolltarif, das Caprivische Machwerk, zurückzuführen sei. Aber hatten nicht auch beim Abschluß der jetzigen Handelsverträge die ausländischen Staaten vorher ihre autonomen Zölle beträchtlich erhöht, um uns gegenüber davon etwas ablassen zu können? Warum sollen nicht auch wir uns darauf einrichten. Das ist keineswegs ein Kuhhandel. Die Vorlage ist zurückzuführen auf ein Zusammenarbeiten von Volk und Regierung, sie ist keineswegs hochschutzzöllnerisch, wie die Gegner sagen. Der Abg. Richter warf den Agrariern gestern Hinterwäldlerpolitik vor, aber derselbe wirthschaftspolitischeGrund- ; satz, den er den Agrariern zum Vorwurf machte, ist in Amerika zum Durchbruch gekommen, und diese „Hinterwäldlerpolitik", das Bestreben, möglichst den eigenen Markt zu bevorzugen, hat.Amerika groß gemacht. Die landwirthschaftliche Produktion hat sich dort gewaltig ausgedehnt, der Weizenllau hat sich in wenigen Jahren verdoppelt, die Industrie ist in Blüthe gekommen, die Roheisenproduktion ist erheblich gestiegen. Und das Alles unter der Schutzzollpotilik, die niemals die Interessen des Auslandes, sondern stets rücksichtslos nur die eigenen Interessen vertreten hat! Man spricht dort auch von einer liberalen Politik zur Gewinnung fremder Länder, aber sie meinen damit oie Ermäßigung derjenigen Zölle, die Amerika nicht mehr braucht, und die Aufhebung der Zölle auf solche Maaren, die im Jnlande nicht produzirt werden. Daß man im Uebrigen in Amerika von der Schutzzollpolitik nicht abgehen will, beweist doch deutlich die neueste Botschaft des Präsidenten Roosevelt. Sollen wir da etwa nachgiebig sein? Nein, zeigen wir Amerika die Zähne! Eins der größten Elektrizitätswerke Deutschlands weist darauf hin, daß es ihm in Folge des hohen Zolles von 45 pCt. unmöglich sei, seine Erzeugnisse in Amerika abzusetzen. Sie sehen also, wie wenig Amerika auf andere Länder Rücksicht nimmt l Die Vorlage ist eine agrarische genannt worden und Abg. Rickiter hat gefragt, warum wir nicht auf der bisherigen Basis bleiben, sondern die Agrarzölle erhöhen wollen. Ich gebe zu, daß wir in den letzten Jahren einen industriellen Aufschwung zu verzeichnen hatten, aber warum weist man nur immer darauf hin und nicht auch auf die Sage der Landwirthschast? Warum macht man uns den Vorwurf, als wollten wir ohne Rücksicht auf die Arbeiter nur einseitig der Landwirthschast helfen? Das Sinken der sofort das Maximum . - . - ------------- (Sehr richtigI links.)! -vsa) kann es m dieser Beziehung nur mit dem Diplomaten und Staatsmann Bismarck halten und erkläre mich gegen den Minimaltarif. (Reichskanzler Graf von Bülow betritt den Saal.) Nun sagt man uns, um uns zu beruhigen: es wird möglich sein, mit dem neuen Tarif günstige Verträge abzuschließen. Ich frage: Woher will man denn das wissen? Mir ist gesagt worden, im preußischen Staatsministerium sei die Frage gar nicht erörtert worden. (Hört! hört!) Wenn der Herr Reichskanzler bestimmte Aiihaltspunkte für seinen Glauben hätte, würde er sie doch gewiß in feiner bestimmten liebenswürdigen Kollegialität seinen Kollegen nicht vorenthalten haben. Ta er nichts gesagt hat, ist wohl anzunehmen, daß er auch nichts Bestimmtes weiß. Was sagt denn die Begründung über diese Frage? Es heißt da, die Aussichten für den Abschluß neuer Verträge konnten noch nicht überblickt werden. Das ist nicht sehr vertrauenerweckend. An einer anderen Stalle heißt es, man müsse sich vorbereiten, um eventuell für einen Zollkrieg gerüstet zu sein. Was ist denn nun eigentlich die Absicht? Wenn man mit den jctjigcn Minirnalsätzen keine Handelsverträge zu Stande bekommt, wllen dann die Minimalsätze ermäßigt werden oder will man es Dann auf einen Zollkrieg ankommen lassen? Mir hat ein Mitglied der Mehrheitsparteien gesagt, dann sollten die Minimalsätze aufgehoben werden. (Ohol rechts.) Ja, das hat dies Mitglied mir ge- M; 'S weiß ja nicht, ob viele von Ihnen so denken. Wenn das Ihre Meinung und die Meinung der Negierung sein sollte, dann ist es jedenfalls nicht sehr zweckmäßig, die Minimalsätze überhaupt erst e'c"t r^en" Posadowsky sagt: Die Sache ist gar nicht so gefährlich. Die beste Garantie für uns liegt in dem Ueberschuß unterer Einfuhr. — Ja, wenn wir nur nicht in der unangenehmen Situation waren, daß unsere Einfuhr größtentheils aus Nohstosfen besteht; nur 49 pCt. unserer Einfuhr sind Fabrikate und Nahrungs- w'ttel. Wollen Sie denn auf diese Einfuhr von Rohstoffen verzichten? Und wenn nein, wie wollen Sie denn das Ausland zwingen, den Zoll zu tragen? Nun muß hier immer Amerika mit seinen Wn Schutzzöllen herhalten. Ich bedauere die verfehlte Schutzzollpolitik Amerikas gewiß; aber wir dürfen nicht außer Acht lassen, daß trctzdem unsere Ausfuhr nach den Vereinigten Staaten in den letzten Jahren bedeutend gestiegen ist. Wenn man es schon auf einen BoUfricg ankommen lasten will, so muß man sich wenigstens über leine Chancen klar sein. Wenn man ohne diese Klarheit in den Zollkrieg binemrennt, so handelt man nicht patriotisch, sondern chauvinistiich. (Sehr richtig.) ' ’ ' " Tie ganze S P e z i a l b c g r ü n d u n g ist äußerst schwach, die angewandte Logik ist etwas eigenartig. Zum Wenigsten hätte man Widerspruche vermeiden und einheitlich vorgehen müssen Nrw da^ eine Zieht sich durch die Begründung wie ein rother Faden daß ’s? m W d) a T t geholfen werden muß. Taß^die Land^ wirthichaft nothleidend ist, ist.einfach ein Dogma Warum hat die Steuerung nicht wenigstens eine Enquete darüber veranstaltet? Sinne des Wortes, nicht mit kriegerischer Macht, sondern mit friedlichen Waffen ermöglicht. (Beifall im Centrum und rechts.) Abg. Gothein (freif. Vgg.): Auch meine Freunde sind der Meinung, daß es sich nicht empsiehlt, den ganzen Zolltarif unmittelbar im Plenum des Hauses zu behandeln, das würde wegen der Schwierigkeit der Materie hinsichtlich jeder einzelnen Position gar nicht möglich sein, wir sind daher auch für eine Kommissionsberathung. Der Staatssekretär Graf Posadowsky sagte, daß die Zolltariffrage keine politische, sondern eine wirthschaftliche Frage sei. Diese Bemerkung ist insofern von erheblichem Jntereffe, als verschiedene Beamte es Stadtverordnetenversammlungen, gewiffen Vereinen u. s. w. verboten haben, sich in Resolutionen gegen den Zolltarif auszusprechen, weil hier ein politischer Gegenstand vorliege. So hat der Polizeipräsident von Hannover dem Werkmeisterverein es sogar untersagt, einen Vortrag darüber anzuhören. Ich freue mich deshalb, daß der Staatssekretär diese untergeordneten Behörden rektifizirt hat, und ich hoffe, er wird es veranlassen, daß den Regierungs- und Polizeibehörden jetzt eine ausdrückliche Anweisung zugeht, daß sie die Erörterung der Zolltarifftagen unbeanstandet lassen, weil sie wirthschaftlicher und nicht politischer Natur seien. Das ist die einfache Konsequenz der Erklärung' des Staatssekretärs. Es ist daraus hingewiesen, daß auch früher Herr von Marschall und Andere es als nothwendig bezeichnet hatten, den bisherigen Tarif mehr zu spezialisiren. Der Staatssekretär mußte aber auch zugeben, daß es doch nicht nothwendig gewesen sei, nur immer die ganzen Positionen vollständig preiszugeben, sondern daß man das diplomatische Geschick besessen habe, dies zu umgehen. Also, so dringend war das Bedürfniß des Spezialffirens Wohl doch nicht, wie cs jetzt hingestellt wird. Immerhin erkennen wir an, daß es ganz angebracht gewesen sein mag, den Tarif etwas bester auszubauen. Ich glaube aber nicht, daß damals, als dieser Gedanke auftauchte. Jemand im entferntesten daran gedacht hat, nun einen solchen Tarif wie diesen mit 946 Positionen zu schaffen. Aber das ist ja ziemlich gleichgültig, wieviel Positionen der Tarif enthält, die Hauptsache ist, ob die ganze Anordnung denn wirklich soviel besser ist, als früher. Man hat jetzt die Rohstoffe und die Maaren, die daraus hergestellt werden, besonders behandelt. Jetzt muß man z. B. genau überlegen, wo beim Holze die Bearbeitung anfängt, um zu entscheiden, ob es sich um Holz oder um Holzwaaren handelt. Dadurch wird der Gebrauch des Tarifs sehr erschwert, ja manche zusammengehörige Dinge sind in einer Weise von einander getrennt worden, die dem gesunden Menschenverstand geradezu als unberechtigt erscheinen muß. Das ist aber Alles ziemlich gleichgiltig (sehr richtig, rechts), die Hauptsache ist, daß ftüher nicht entfernt von einer Reform mit schutzzöllnerischen Tendenzen die Rede war. Erst bei der Zusammensetzung des wirthschaftlichen Ausschusses hat sich das geändert. In der Begründung des Entwurfes heißt es, der wirthschaftliche Ausschuß sei unter gleichmäßiger Berücksichtigung von Landwirthschast, Industrie und Handel berufen worden. Thatsächlich verhält sich die Sache anders, eS ist vollständig tendenziös verfahren worden, um einen schutzzöllnerischen Ausschuß zu schaffen. Man hat es fertig gebracht, den deutschen Handelstag, der Handel, Industrie und Schifffahrt vertritt, lediglich als eine Vertretung des Handels zu bezeichnen und einen privaten Verein, den Centtalverein deutscher Industrieller, der doch nur eine beschränkte Zahl von Jndusttiellen schutzzöllnerischen Charakters vertritt, als die Vertretung der gelammten deutschen Industrie cmzusehen. Ich habe verschiedene Industrielle gesprochen, die im wirthschaftlichen Ausschuß vernommen worden sind und einer hat mir das schöne Wort gesagt, wie er herausgekommen fei, habe er das Gefühl gehabt, er sei in einer Animirkneipe für höhere Zölle gewesen. (Stür- er Landwirte zu erheben haben. Ein paar Worte zu dieser aktuellen Frage, ehe wir von dem nationalsozialen „Zukunftsbauern" reden. Unser Redner verwies Herrn Schlenke erstens auf die Geschichte der Getreidezölle. Als Bismarck sie einführte und man ihre dauernde Heilkraft chon damals bezweifelte, meinte er, kein Agrarier könne doch so verrückt sein, einen Zoll von 3 Mark je fordern zu wollen. Thatsächlich aber führte jener Anfangszoll keine dauernde Sanierung der landwirtschaftlichen Lage herbei, sondern die Notlage blieb dieselbe. Wieder und wieder wurden die Zölle erhöht. Die 9totlage ist noch heute dieselbe. Und statt 3 Mark fordert der Bund der Landwirte nun schon 7.50 Mark, und in Kreisen, die noch weniger an Bescheidenheit leiden, ist schon von zehn Mark die Rede gewesen. Hat das deutsche Volk, das in dieser Weise von den billigen Weltmarktpreisen abge- chlossen, sein Brot stets teurer bezahlt, nicht ein Recht, die Herrn Landwirte zu fragen, ob sie nun nicht endlich einmal eine sichere Garantie bieten könnten, daß die Zölle wirklich auch dauernd hülfen? Diese Garantie zu bieten, ehnte aber Herr Schlenke ab. Und mit Recht- Denn diese Garantie giebt es nicht. Wohl sichern die Zölle dem augenblicklichen Besitzer eine erkleckliche Mehreinnahme, für die Herren Großgrundbesitzer sind es mehrere tausend Mark jährlich, für die kleinen Bauern natürlich wenige einzelne. Sobald aber ein Besitzwechsel eintritt, bei mehreren Erben oder bei Verkauf und Pachtwechsel werden diese Mehreinnahmen auf den betreffenden Grund und Boden angerechnet, und müssen nun als Zinsen herausbezahlt werden. Also die Lage wie vorher- Während der Landwirtschaft alles an billigem Lande liegen sollte, haben die Zölle zweifellos preis steigernde Tendenz (woran durch die Thatsache noch, nichts geändert wird, daß andere Ursachen trotz alledem zu einer Verbilligung führen können). Diese Tendenz tritt einleuchtend zu tage bei Verpachtung der Domäne Presenske auf Rügen. Der Verttag war bereits aus 15 000 Mark festgelegt, da brachte der „Stuttgarter Beobachter" die Zolltarifsätze, und sofort machte die Stadt Stralsund den Vertrag telegraphisch rückgängig, um den Pachtpreis erhöhen zu können. Also, hvch? verehrter Bund der Landwirte, dessen Verdienste um die Organisation der Bauernschaft wir bereitwilligst anerkennen, wenn wir Ihnen noch einmal die Zölle bewilligen sollen, so garantieren Sie uns, daß dieselben nun auch endlich dauernd helfen, daß es keine Schraube ohne Ende ist, wie die bisherige Entwickelung leider nicht befürchten lassen. Ohne eine solche Gewähr kann wirklich kein gerecht fühlender Mensch diese Belastung des Volkes verantworten. Denn machen Sie es sich bitte klar: nicht um eine gewöhnliche Steuer handelt es sich hier, die dem Besitz entsprechend auf die Volksgenossen verteilt würde, sondern um eine Verteuerung des Brotes. Und wer ißt mehr Brot'^ Die Reichen oder die Armen? Wenn der letztere nur ebensoviel äße, wie jener, so wäre es schon eine Utu geheuerlichkett. Und nun ist es sogar umgekehrt! Eine vernunftwidrigere, ungerechtere Besteuerung, wie oic]e, giebt es nicht. Man rechnet, daß der Gesamtdurck'cknttt aller gewerblichen Löhne etwa 7.'>.> Mk. beträgt- U->d nun hfthenie man. was es für ein solches Einkommen bedeutet, Deutet Die Grenze, unter Die ohne Die allerschwerste Schädigung Der Landwirthsckaft unter feinen Umständen beruntergegangen werden Darf, im Gegensatz Dazu bezeichnet der Marimaltartf Das Ziel, Das für Den LanDwirih erstrebensweriö ist. Das ibm wirklich einen gerechten Schutz bietet. (Lachen links.) Viele Blätter haben bei Der BehanDlung Des neuen Tarifentwurfs ein sehr geringes nationales Empfinden an Den Tag gelegt Diesen Vorwurf aber mache ich nicht allein einem Tbeil unserer Presse, sondern ich dehne ihn auch auf Personen aus. Ist doch »in Deutscher nach Wien gegangen um Dort Propaganda gegen Den Deutschen Zolltarif zu macken. Wie würde es wohl einem Amerikaner gehen, der nach Deutschland käme, um hier gegen Die amerikanische Schutzzollpolitik zu eifern? (Sehr gutl rechts.) Wer würde Den noch in Amerika ansthen, Der wäre ein gesellschaftlich und politisch todtec Mann. (Lebhafte Zustimmung rechts.) Ick zweifle nicht Daran. Daß es auf Der Basis Dieses Tarifs möglich sein wird, Handelsverträge abzusckließen. Allerdings werden Diesmal auch versckieDene LänDer Zugeständnisse machen müssen. Man gebe mir e in Opfer an. Daß Rußland bei Dem letzten Vertrage gebracht Hail Damals waren wir Alle Die LeidtragenDen. Das muß Diesmal anders werden Rußland kann nicht verlangen. Daß wir unsere Landwitthschafi ruiniren, Damit seine Landwirthe höhere Einnahmen haben. Wenn Rußland uns entgegenkommt, so ist es unsererseits eine genügende Gegenleistung, wenn wir für Rutz- Sache handelt. Vor allem geben wir zu, daß es auch uns jetzt unmöglich erscheint, die landwirtschaftlich technischen Fragen so reinlich von der politischen zu scheiden, lvie unser Redner wollte. Gelang es chm ja schließlich selbst nicht, diese Trennung absolut aufrecht zu erhalten. Die Frage, ob es Gründe geben könne, welche ttotz aller Unrentabilltät zum Getreidebau zwingen können (z. B- Ueberfluß an Dünger, Mangel an Arbeitskraft, Beschaffenheit des Bodens) ist ganz gewiß auch für den Polittker von Bedeutung. Wenn daher der Uebergang zu anderen Produkten thatsächlich nicht so leicht ist, als es unser Redner darstellte, so würde damit die Notlage allerdings ein noch ernsteres Gesicht bekommen. Auch in der Frage, ob eine ALotlage der Landwirtschaft ! faktisch gegeben sei, was bekanntlich von den Linksfrei- i finnigen geleugnet wird, beugen wir Nationalsozialen uns der Autorität der Landwirte, die das natürlich besser kfoiffen müllen. Landwirthe stehen Millionäre, unter Den Rübenzuckerfabrikanten giebt es welche, und ich sehe sogar hier im Hause auf Der Rechten Millionäre sitzen. (Heiterkeit.) Unser Export steht jetzt noch recht günstig, aber im Inland hat Der Verbrauch kolossal abgenommen. und wie wird es erst nach Ablauf Der jetzigen Handelsverträge werden? Und dabei sind wir erst am Anfang der Depression; sie wird noch zunehmen, und damit wird auch die Unsicherheit in Handel und Industrie zunehmen. Der Grund- unterschied zwischen uns und dem Staatssekretär ist, daß wir im wirthschaftlichen Interesse die Produktionskosten verbilligen wollen, während Sie auf eine Verteuerung hinarbeiten. Wie sollen wir da noch auf dem Weltmärkte konkurriren können? Jetzt reden Sie davon, die Mehreinnahmen aus den Zöllen für die Wittwen und Waisen verwenden zu wollen; Ihr ausgesprochenes Ziel ist es ja aber, die Einfuhr von Getreide schließlich ganz zu verhindern Wenn Ihnen oas gelingt, was bleibt Dann den Wittwen und Waisen? Ja, dann fitzen die auf dem Proppen. (Heiterkeit.) Wir werden an diesem Tarife mitarbeiten, um es zu versuchen, ihn zu einer besseren Basis für künftige Verträge zu machen. Wenn der Reichskanzler dem Reichstag gestern zugerufen hat: Kardinal, ich habe das Meinige getqan, thun Sie das . , . „ Ihre, so erinnere ich Daran, daß hier an dte Thätigkeit der In- land Den Maximaltaris ermäßigen. Was wir uns verbitten müssen, quifition gedacht ist. bei Der Die Jnkulpaten meist auf einem ist, daß Die russische Regierung unseren Tarif sich zu bekämpfen Scheiterhaufen verbrannt wurden wobei die Thätigkeit des Kar- erlaubt, weil er unsere Arbeiter belaste Seine eigenen Interessen dinals keine sehr ehrenvolle ist. Wenn in diesem Falle aber die mag Rußland vertreten, aber um unsere innere Politik hat sich Ein weiteres Dogma ist, daß der Landwirthschast nur durch Er-1 Sache sich In gleicher Weise aosoielt, dann liegt Die Schuld nicht Höhung der Getreidezölle geholfen werde» könne, und ein Drittes! an uns. sondern an Den Jnkulpaten. Bestall links.) Dogma, daß nur höhere Getreidezölle Den Bauern- Aba. Gomv (Retcksp.): Die Landwirthe verlangen gar nichts ftanb schützen können Die Bauern. Oie ick ge-1 Unrechtes. Denn Der Bauer ist genügsam, sie wollen nur einer. Lohn sprachen habe, sind anderer Meinung. Der kleine Bauer sieht für ihre Mühe ur.D eine angemessen- Verzinsung für ib: Kapital, ein, daß er, wenn er keinen Roggen verkauft, auch keinen vortheil, Eine wirksamere Hilfe für Die Landw'.rrbsckaft als einen guten Zoll- von höheren Zöllen hat (Lachen rechts.) Graf Schwerin wirft dem!schütz giebt es aber nicht. Die Landwirthschas.' hat auch ein Anrecht auf Professor Brentano vor. daß er den Bauernstand opfern wolle. Bren- ein Aequwalent für Die großen Lasten. Dte ihr Die sozial-. Geiey- tano befreitet dies, er hat nur gesagt. Daß Dte höheren Zölle Dem I gebung auserleg: hat. und Das ihr bis jeyt noch nicht zu Theil kleinen Bauern schaden, und er hat ferner hypothetisch getagtgeworden ist Aus den Ausführungen des Vorredners habe tch trenn cs im allgemeinen Interesse des Vaterlandes liege den nickt herausgehört, welche Stellung-r gegenüber Dem Zoll- und dem Bauernstand zu opfern, so müsse man ihn opfern. (Ruf rechts:, Freibandelsprinztp einnimmi Ist Der Abg. Gothein Der Ansicht, Pfui Deubel! — Große Unruhe, Glocke Des Präsidenten.) Tie Re- öCg öte Landwirthschast auch unter Den gegenwärtigen Bedingungen gierung sagt in ihrer Begründung des höheren Haferzolles ja selbst, existenzfähig ist? Auch meine Freunde wünschen eine Industrie. Der Daß in weiten.Theilen des Landes der kleinere und mittlere cs gut'geht. Wir wollen Daß sie auch gute Löbne zahlt Damit Die Bauer kein Brodkorn verkaufen könne. Graf Posadowsky sprach von j Arbeiter in Der Lage sind mebr landwirthschaftliche Produkte zu der Vermehrung Der selbstänDigen Existenzen in Der Landwirth- ! ’oniumtren als bisher; wir verlangen aber auch daß Die Landschaft, und an einer anderen Stelle sprach er von einer Vertiefung i wirthsckalt geschützt wird. Wie er fick hierzu stellt. Hai uns Herr der volkswirthschaftlichen Bildung. Jene Aeußerung läßt nicht Dar- - Gothein nicht verratben. Nun sagt man im Interesse Der Kon- auf schließen; Die Menschen, die in Die Welt gesetzt roerDen, ver-! sumenten Dürfe Der Getreidezoll nicht erhöbt werden Das gilt mehren sich Doch. (Stürmische Heiterkeit.) — Tie stärkste Ent- i doch aber höchstens vom Roggen- und Wetzenzoll — wenn man an- völkerung des platten Landes im Osten haben wir zur Zeit Der I nimmt. Daß dieser Einwand zuwifft — gegen Den Gerstenzoll aber höchsten Getreidepreise gehabt, und ebenso war es in England. Wer- j lassen sich Einwendungen überhaupt nicht erheben. Er ist höchstens den jetzt die Zölle wieder erhöht, so sind Die Landwirthe nach 10 Jahren doch noch viel nothleidender, und Den Versuch einer nochmaligen weiteren Zollerhöhung toirDe sich Dann Das Volk nickt gefallen lassen. Herr Spahn sagte, unter Den LanDwirtben gäbe es keine Millionäre. Aber selbst unter Dem Aufruf Des Bundes Der imferer Gegner allein aber kann unS, so sehr wir ihnen denselben gönnen, doch wenig fördern. Noch möchten wir uns gegen eine Einzelausführung des Herrn Schlenke wenden. Er bringt, wie schon in der Versammlung so auch in diesem Blatte unser Verhältnis loder besser Mißverhältnis zu Amerika zur Sprache, um die Politik der Handelsverträge zu diskreditieren. Tas heißt offene Thüren einrennen. Die Mißstimmung gegen Amerika ist auch in handelsvertragsfreundlichen Kreisen so sehr verbreitet, daß selbst die Sozialdemokraten Calw er und Schippel eine Revision unserer Beziehungen nach dieser Seite hin gefordert haben, eine Thatsachc, welche Dr. Maurenbrecber in der Diskussion bereits hervorhob. Was von uns und vielen anderen verlangt wird, ist eine Umbildung der Meistbegünstigungsklausel in ein Rcprozitäts- oerhältnis, d. h. Vergünstigungen, die wir anderen Staaten gewähren, können von Amerika nur dann in Anspruch genommen werden, wenn es uns die gleichen Zugeständnisse macht. Also Umbildung, nicht Beseitigung der Handelsverträge ist es, was wir aus diesem Mißverhältnis folgern. In einem bestimmte Falle übrigens hat sich Amerika nicht so illoyal bewiesen, wie es gemeinhin gemacht war. Als es den Agrariern gelungen war, das Fleischbeschaugesetz durchzubringen, glaubte man und glaubten sie selber, Amerika werde Repressalien ergreifen. In i>er Dhat brachte auch Bailey, der Vertreter der Großschlächter von Kansas, den Antrag ein, die deutsche Maßregel mit einer zehnprozentigen Erhöhung der Zölle auf alle deutschen Waren zu beantworten. Der Antrag verschwand aber in -einem Ausschuß. Dr. Strecker. Aus Stadt und Sand. (Der Abdruck der unter dieser Rubrik befindlichen Original-Nachrichten ist nur unter genauer Quellenangabe: „Gieß. Auz." gestattet.) Gießen, den 5. Dezember 1901. •• Prüfung für Gerichtsschreiberaspiranten. Die Prüfung für Gerichtsschreiberaspiranten in diesem Herbste, an der sich 50 Kandidaten beteiligten, haben dem Vernehmen nach 38 bestanden. Der Gerichtsschreiberaspirant Wilhelm Ludwig von Lich bestand am besten, der Gerichtsschreiberaspirant Heinrich Koch von Birklar legte das zweitbeste Examen ab. Beide standen bei dem Amtsgericht Lich im Vorbereitungsdienst. -t- Breungeshain, 4. Dez. Massenhaft kauft zurzeit der hessische Forstfiskus Oedungen und Wiesen von Privaten und Gemeinden an und bepflanzt sie sofort mit Fichten. Dies geschieht nicht allein in und um den fiskalischen Wäldern, sondern auch mitten in den Gemarkungen. — Die Nachbargemeinde Michelbach hat das Wasser der Quellen zur projektierten Quellwasserleitung von sachkundiger Seite messen lassen. Das Ergebnis war recht zuftiedenstellend. r. Darmstadt, -L Dez. ^ier hat sich ein Komitee gebildet, das den Wiederaufbau der Turnhalle in die Wege leiten will. Das Protektorat hat der Grofitz erzog übernommen. Das Komitee erläßt einen von den Spitzen der staatlichen, städtischen und militärischen Behörden Darmstadts unterzeichneten Aufruf, in dem die Bewohner Darmstadts zu werkthätiger Hilfe aufgefordert werden. Offenbach, 4. Dez. Der Streik in der Fahrradfabrik von Gebr. Giese u. Co. wurde am Sonntag durch gütliche Auseinandersetzung beigelegt. Die Firma willigt in eine Lohn- reduktion von 10 pCt. anstatt 25 pCt. und verspricht, bei Besserung der Geschäftslage die bisherigen Löhne wieder zu bezahlen. Einige Arbeiter, die nicht sofort wieder eingestellt werden konnten, sollen in erster Linie Berücksichtigung bei Neueinstellungen finden. — Die „Genossen" tauschten in zwei Versammlungen chre Erfahrungen bezüglich der letzten verlorenen Gemeinderatswahl aus, wobei sie zu dem Schluß kamen, die örtliche Organisation besser auszubauen, „um in Zukunft den Gegnern schlagfertiger gegenübertreten zu können." Zu diesem Zweck rourbc die Einführung des Bezirkssystems nach dem Muster von Hamburg und Berlin beschlossen und eine Kommission gewählt, welche die Vorarbeiten dazu übernehmen soll. Schwurgericht. P. Gießen, 5. Dezember. Gestern Vormittag fand unter Vorsitz des Landgerichtsrats Hellwig die Verhandlung gegen den noch unbestraften, am 8. Oktober 1878 geborenen Landwirt Balduin Traut von Herbstein statt, der wegen eines Sittlichkeits-Verbrechens angeklagt ist. Es waren in der Sache 13 Zeugen zu vernehmen. Die Anklage vertrat Oberstaatsanwalt Dr. G ü n g e r i ch, während als Verteidiger Justizrat Dr. Gutfleisch fungierte. Auf Antrag des Vertreters der Staatsbehörde wurde die Verhandlung hinter verschlossenen Thüren geführt. Nach Wiederherstellung der Oeffentlichkeit wurde der Spruch der Geschworenen verlesen, der auf nichtschuldig lautete. Der Verteidiger Justizrat Dr. Gutfleisch stellte darauf den Antrag auf Freisprechung seines Klienten, Uebernahme der Kosten durch die Staatskasse, sowie auf Entlassung Trauts aus der Haft. Demgemäß erkannte auch der Gerichtshof. Universitäts-Nachrichten. ____ — Mommsens Antwort an die Universitär Straßburg. Auf das an dieser Stelle bereits mitgeteilte Schreiben, das von den 65 Ordinarien der Kaiser Wilhelms' Universität an Professor Mommsen abgegangen ist, ist nunmehr von dem letzteren folgende Antwort eingetrofien: Eharlottenburg, 1. Dezember. Es ist Ihrer Universität eine schwerere Ausgabe zugefallen als jeder anderen in Deutschland, und sie hätte wohl vor allen anderen ein Anrecht auf ein günstiges Geschick. Vielfach ist es anders gekomnren, und es muß das ja auch getragen werden. Leichter aber werden Sie cs tragen, wenn Sie empfunden, wie viele außerhalb des Reichslandes mit Ihnen sind und zu Ihnen stehen, nicht bloß diejenigen, welche reden, sondern ohne Frage auch viele derer, die schweigen. Kandel und Verkehr. Volkswirtschaft. Frankfurt a. M., 3. Dez. Die Adlerfahrradwerke setzten „infolge der ungünstigen Zeitverhältnisse zur Vermeidung von Arbeitereutlassungen" sowohl die Tages- wie die Akkordlohnsätze je nach Lage um 10—15 Prozent herab. Märkte. Limburg a. d. L., 4. Dez. Fruchtmarkt. Durchschnittspreise pr. Malter. Roter Weizen 13.86—00.00 Mk., Weißer Weizen 00.00—00.00 Mk., Korn 10.19—00.00 Mk., Gerste 9.03 bis 0.00 Mk., Hafer 7.40—0.00 3)11, Erbsen 00.00-00.00 3)tk., Kartoffeln 0.00-0.00 Mk. Krieskasten der Redaktion. (Anonyme Anfragen bleiben unberücksichtigt.) U. Die ältesten Teile des Residenzschlosses in Darmstadt gehören dem Mittelalter an, so der Hoskonditoreibau im Schloßkirchenhof. Die anderen, diesen Hof umgebenden Bauten entstammen trt der Hauptanlage der Regierung des Begründers der Hessen-Darmstädtischen Linie, Georg I. (1569—1596). Der Glockenspielbau wurde von Ludwig IV. errichtet, die großen Massen der neueren Schloßtelle mit ihreu vier Pavillons von 1717 an durch Landgraf Ernst Ludwig. Das Schloß enthalt die den: Land gehörigen wissenschafllichen Kunstsammlungen, die Hofbibliothek, das alte Museum, da^ Küpferstichkabinet, die Gemäldegallerie, die naturwissenschaftlichen Sammlungen und den Antikensaal. Kassel, 3. Dez. Tie hiesige Strafkammer verurteilte einen Wirt von WUhelmshöhe wegen Bierpantscherei zu 300 ML. Geldstrafe. Er hatte Tröpfelbier in Flaschen abgezogen und seinen Gästen vorgesetzt. Ein von ihm« enllassener Kellner brachte die Sache zur Anzeige. Neueste Meldungen. Originaldrasitmclduugcn des Gießener Anzeigers. Berlin, 5. Dez. Hier trafen drei Offiziere und fünf Soldaten des oslasialischen Expcdttwnskorps ein, bie auf Anregung des Generals von Lessel einen Distanzritt von Tientsin durch dieMongolei bis zum Baikalsee in 62 Tagen zurückgelegt haben. Berlin, 5. Dez. Wie dem „Tagebl." zufolge rtt Reichstagskreisen verlautet, beabsichtigt das Zentrum, seine Mitglieder zu den Kommisswnsberatungen des Zolltarifs in großer Zahl heranzuziehen. Bei den einzelnen Positionen sollen stets neue Mitglieder in die Kommission geschickt, bezlv. die Kommissionsmitglieder so oft als möglich ab gelöst werden. Kiel, 5. Dez. Der Maler Zastrow ist unter dem dringenden Verdacht verhaftet worden, die Person zu sein, die in letzter Zeit Passanten auf offener Straße Messer-, stich e beibrachte. Posen, 5. Dez. Die Sammlungen für die wegen der Wreschener Krawalle Verurteilten haben die Höhe von 50000 Mark erreicht. Ein neuer Aufruf wird vorbereitet. Der Prozeß gegen den polnischen Schriftsteller Rakowski beginnt heute. London, 5. Dez. Der französische Dampfer „Yangtse^ der „Messagerie Maritime" ist 16 Meilen von Dschibuti gestrandet. London, 5. Dez. Die Rechtsbeistände der Miß H o b - House teilten dem Kriegsminister Brodrick mit, gegen Kit- chener, Milner und ihre Offiziere Schritte einzuleiten wegen ungerechter Deportation, Heimbring- ung und thätlicher Beleidigung der Miß Hob-- house. Brüssel, 5. Dez. In der gestrigen BurenkonferenH erklärte Dr. Leyds, daß bisher von England kein annehmbares Friedensangebot vorliege. Eine Autonomie unter englischer Kontrolle könnten die Buren niemals acceptieren. UebcrdieS seien die Buren noch auf 5 Jahre mit Waffen und Munition versehen. Madrid, 5. Dez- Ein großer Teil der Polizei ist in der Umgebung des Palastes ausgestellt, um eine Wiederholung der Demonstrationen, die gestern in der nächsten drähe des Palastes stattfandcn, zu verhindern. Wie es heißt, will der Polizeipräsident infolge der Kundgebung demonstrieren. . Laibach, 5. Dez. Der slovenische Gemeinderat votierte unter Entrüstungsrufen gegen die preußischen Richter 200 Kronen für die Opfer in dem Wreschener Prozeß. Der Bürgermeister hielt eine sehr scharfe Rede gegen bk Preußen. Petersburg, 5. Dez. Bei dem Dorfe Studjanka an der Beresina, der historischen Stelle, wo die große Armee den Fluß überschritt, ist auf Veranlassung des Eigentümers des Grund und Bodens ein Denk m a l errichtet worden. Es zeigt in zwei Medaillons die Bildnisse Napoleons und Alexanders I., von Lorbeerkränzen umgeben, und folgende Inschrift in russischer und französischer Sprache: Hier überschritten Kaiser Napoleon und die große Armee am 26., 27. und 28. November die Beresina. Der Enthüllungsfeier wohnten der Gouverneur, die Spitzen der Militär- und Eivilbehörden sowie militärische Abordnungen bei. Astoria (Oregon), 5. Dez. Das englische Schiff „Nelson" kenterte gestern nacht während eines Sturmes und sank mit der ganzen 28 Mann starken Besatzung. Feuilleton. Lord Ayron. „Ein garstig Lied, pfui, ein politisch Lied", dies geflügelte Wort aus dem Faust hat schon gar manchen Interpreten gefunden und man wollte sogar durch dieses Wort beweisen, daß Goethe nichts habe wissen wollen vom politischen und nationalen Leben, und weil man bewiesen zu haben glaubte, daß der Olympier sich abseits halte vom Gebiete der Diplo- mateu, glaubte man schließen zu dürfen, daß politische Lieder keinen rechten Anspruch darauf machen dürften, als voll zu gelten, und eigentlich als Afterlyrik anzusehen seien. Nun, darüber mögen sich die zanken, die nichts Besseres zu thun haben. Jedenfalls freuen und erbauen wir uns noch heute an Theodor Körner und Geibel, und mehr denn je muß in letzter Zeit wieder eines Mannes gedacht werden, dessen Lieder nicht minder wie sein aufopfernder Heldenmut ihn lange und mit vollem Recht in aller Munde führten — wir meinen Lord Byron. Denn Byron kann mit Fug und Recht als der Vater unserer modernen politischen Lyrik gelten. Nicht blos Vittor Hugo, Delavigne, Alfred de Müsset, auch Wilhelm Müller, der des Dichters Tod in so begeistert volltönenden Versen besungen, Graf Platen, Zedlitz, Anastasius Grün, dessen „Schutt" namentlich in seinem ersten Teile an Byron's „Gefangenen von Chillon" so unabweisbar erinnert, Her- wegh, Lenau, Meißner — fast unsere ganze politische Dichterschule jener Zeiten steht in einem magnetischen Rapport mit diesem Großmeister des politischen Pathos, dessen zornfunkelnde Rhythmen so überwältigend auf die nächsten Geschlechter wirkten. Der dumpfe Druck der Restauration vermochte freilich nur die den Gewalthabern feindliche Entrüstung der politischen Lyrik zu entbinden; denn zu den gleichberechtigten Klängen der Verherrlichung wahrhafter Großthaten und freiheitlicher Siege gab jene Epoche wenig Gelegenheit. Napoleon war in Byron's Augen ein Tyrann; aber ebensowenig konnte er sich für feine Ueberwinder begeistern. Ein Waterloo, das einen Kongreß von Verona zur Folge haben konnte, galt ihm nicht als ein Sieg der Menschheit. Wellington aber, dem jeder geniale Zug fehlte, war ihm persönlich verhaßt, gerade den Siegen seiner eigenen Nation schenkte er die geringste Sympathie. Er war den Engländern gegenüber kein Pindar und Tyrtäos, sondern ein Archilochos. Einen Georg III., einen Castlereagh verfolgte er bis auf's Blut in satirischen Versen. Als Don Juan bei seiner Ankunft in England in das begeisterte Lob der großen Nation ausbricht (XI, 9): „Hier schwingt die Freiheit ihre Flügel, Hier gilt des Volkes Stimme nicht gering. Die dem Regenten selber ist ein Zügel. Sier ist nicht Inquisition und Qual — ier gilt der Fceiheü jede neue Wahl! Hier sieht man Sitte, keusche Frauen, — hier zahlt Die Nation, was sie will; ist'S auch teuer, So ist's, daß man mit seinem Beutel prahlt, Hier brüstend, daß man viel verschwende heuer; Borgeht man sicher; das Gesetz auch strahlt Und scheucht ein jedes Räuberungeheuer —** wird er sofort durch den Ueberfall von vier Straßenräubern in seinem Hymnus auf die Herrlichkeit Alt-Englands unterbrochen. Wir halten inne — denn giebt es eine feinere Satire auf unsere Zeit und die Zustände im Lande Eduards, als diese Worte des wackeren Sängers — wären sie nicht würdig, im „Kladderadatsch" zu stehen? Das bedeutendste politische Gedicht Byron's ist seine „Ode auf Napoleon Bonaparte", die in einem unauslöschlichen Lapidarstil abgefaßt ist. Von Viktor Hugo's Begeisterung für die Größe des Helden findet sich bei Byron kaum eine Spur, wenn er auch in der „Bronzenen Zeit" bedauert, daß auch Napoleon, dessen Morgenflug, dessen hundert siegreiche Schlachten die Alpen gesehen, den Rubikon der Tyrannei überschritten habe, wenn er es auch liebt, den kriegsgewaltigen Mann seinen kleinen Ueberwindern als verhältnismäßig groß gegenüber zu stellen. Er nennt sein Herz groß an Kraft, doch arm an Wert; auch der später in deutschen Versen müdgehetzte Vergleich mit dem festgeschmiedeten Promecheus findet sich zuerst in diesem Gedichte. Napoleon vermochte nicht dem Flitter von Purpur, Stern, Binde und Hermelin zu entsagen, deshalb wird dem korsischen Usurpator der reine Held der Freiheit gegenübergestellt: Sag', du verwöhntes Kaiserkind, Wohin die art'gen Sächlein sind? Wo ruhen die müden Blick' emmal, Die rings nach Größe spähen, Da sie nach blut'gen Ruhmes Strahl Noch schnöde Thalcn sehen? Auf ihm, dem ersten, letzten, besten — Dem Cincinnatus von dem Westen, Den Neid nicht wagt zu schmähen: Washington — den die Menschheit nennt Beschämt, weil sie nur einen kennt! und heute würde er noch gedenken des Philosophen von Hilversum — Johannes Paulus Stephanus Krüger? In den grausamsten Sarkasmus verfällt der Dichter, wenn er die „Heilige Allianz", die irdische, Gott nachgeschaffene Trinität verspottet, den „Heckenzaren, Selbstherrscher aller Walzer und Barbaren", die Kalmückenschönheit, den Kosakengeist, dem er den Rat erteilt, seine Baschkirenhorden zu rasieren und zu waschen. Nur die neuen Nnmantiner Mkastiliens, die Verteidiger von Saragossa und Koseinszko's tapfere Schaaren finden Gnade vor den Augen des Dichters. Und was würde er heute sagen zum Friedenszaren, der wonnigsüße Weisen bläßt auf seiner Schalmei als ein moderner König Rens, indes sein Haager Schiedsgericht ein veilchenhaftes Dasein führt und es ablehnt, die Berufung der Buren an seine Instanz in Erwägung zu ziehen? Difficile est satiram non scribere. Ja, unsere Zeit ist klein geworden. Wo ist heute in der Welt, und gar im gottseligen England selbst, ein Mann, der wie Byron die prophetischen Worte wagt: Blick nach dem Ganges — dessen Sklavenherden Den Grundbau eures Reichs erschüttern werden. Sieh da! Die Rache für Erschlagne schnaubt, Der Aufruhr hebt sein geisterbleiches Haupt, Der JnduS wälzt scharlachne dunkle Flut Und heischt als Schuldrückstand Europas Blut — und der wie Byron seinem eigenen Volke seine Schmach und Schande vorhält? Bismarck hat Südafrika das Grab der englischen Welt- macht genannt. Nun, seine Prophezeiung geht langsam, aber mit um so sicherer Gewißheit in Erfüllung und dann werden die Kassandrarufe Lord Byron's blutige Wahrheit werden. Günstiger konnte der Zeitpunkt wohl nicht gewähU werden, die Werke des heldenhaften Freiheitskämpfers, des Barden kühnen Heldenmuts und glühender Vaterlandsliebe in neuer deutscher Ausgabe zu veröffentlichen. Dr. Wilhelm Wetz, Professor an unserer Landesuniversität, hat im Verlage von Max Hesse in Leipzig Byron's sämtliche Werke in 9 Bänden, übersetzt von Ad. Böttger, herausgegeben und aus anderen Uebersetzungen ergänzt. Diese neue Byron- Ausgabe ist in 3 elegante Bände gebunden, in allen Buchhandlungen für 6 Mark käuflich und wird für viele jedenfalls eine willkommene Weihnachtsgabe fein. Der Herausgeber schickt ein ausführliches Lebensbild des Dichters dem Werke voraus und unterzog sich auch der undankbaren und zeitraubenden Mühe, in Einleitungen zu einzelnen Dichtungen oder Erläuterungen zu einzelnen Stellen das zu einem leichteren Verständnis Nötige beizutragen. Die 180 Seiten zählende Lebensbeschreibung ist nicht ein in überschwenglichen Worten schwelgender Panegynkus auf den Dichter, sondern eine auf gründlichem Wissen aufgebaute Darstellung seines Lebens und Wirkens, die fesselt und das Interesse für den Dichter bis zum Ende festhält. Wer immer Sinn und Verständnis hat für stark ausgeprägte Individualitäten, wer Lust und Liebe hat, sich in den Lebensgang, die Gedanken und in die Werke eines geistvollen Menschen zu vertiefen, wird diese neue Byron- Ausgabe gern und mit Genuß lesen. Einzig in seiner Art ist das Möbelfabrik-Lager und Versand-Geschäft Eigene grosse Schreinerei. fi®Mk. an Vorzügliche Qualität Gebrüder Adami, Mäusburg 14. 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