Nr. 285 Dienstag, 3. Dezember 1901 151. Jahrg. ^scheint tSglich mit Ausnahme des MöntagS. Die Efeßener Famillenblätter werden dem Anzeiger im Wechsel mit Hess.Landwirt und Blätter Vr f)dü AalLÄunde *mol wöchentlich beigelegt. Gießener Anzeiger Verantwortlich für den allgemeinen Jeft: B. Wittko; für den Anzeigenteil: H. Deck. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scheu UutversttätSdruckerei (Pretsch Erbens Gieba». General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen. Parlamentarische Verhandlungen. Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet. Deutscher Reichstag. 101. Sitzung vom 2. Dezember. 1 Uhr. Haus und Tribünen sind gut besetzt. Am Bundesrathstische: Graf Bülow, Graf von Posa- dowSky, Frhr. von Thiel mann, Frhr. von Rheinbaben, Moller, bairischer Finanzminister Dr. von Riedel u. A. Auf der Tagesordnung steht die erste Berathung des Entwurfs eine? Zolltarifgesetzes nebst Zolltarif. Reichskanzler Graf von Bülow: Ich habe die Ehre, meine Herren, im Namen der Verbündeten Regierungen diesem hohen H^use den Entwurf eines Zolltarifgesetzcs zu unterbreiten. Ich werde die Einbringung dieses Gesetzentwurfs nur mit einigen kurzen Ausführungen begleiten. Der vorliegende Tarifentwurf, der wichtigste und bedeutungsvollste Gegenstand, welcher in der Session den Reichstag beschäftigen wird, ist das Ergebniß mehrjähriger, umfassender und sorgfältiger Vorbereitungen. (Ruf links: Sorgfältig ist gutl) Nach gründlicher Ermittelung der bestehenden Produktwns- und Absatzverhältnisse für Landwirthschaft und Industrie haben die im Wirth- schaftlichen Ausschuh vereinigten Vertreter und die unter ihrer Mitwirkung herangezogcnen und unter ihrem Beistand vernommenen zahlreichen Sachverständigen aus den verschiedenen Erwerbszweigen ein umfangreiches und wcrthvolles Material zusammengestellt. Auf Grund dieses Materials haben die zuständigen Reichsbehorden unter gewissenhafter Abwägung (Lachen bei den Sozialdemokraten) der einander vielfach entgcgenstehenden Interessen den Tarifcntwurf aufgebaut. Mit Genehmigung Seiner Majestät des Kaisers ist dieser Tarifentwurf den Beratungen des Bundesraths zu Grunde gelegt worden. Nachdem bereits un Juni durch mündliche Rücksprache unter den leitenden Ministern der größeren Bundesstaaten über die wesentlichsten Punkte des Tarifs Einvernehmen erzielt worden war, hat nunmehr der Bundesrath nach eingehenden Berathungen dem Gesetzentwurf in seiner jetzt vorliegenden Gestalt seine Zustimmung crtheilt. Der Entwurf, hervorgegangen aud den Bedürfnissen des deutschen Wirthschaftslebcns, will unter möglichst gleichmäßiger Berücksichtigung aller berechtigten Interessen in erfter Linie den Wünschen nach Erhöhung des Schutzes Rechnung tragen, welche von der Landwirthschaft erhoben worden sind und deren Berechtigung innerhalb der durch die nothwendige Rücksicht auf das Gemeinwohl gezogenen Schranken nicht bestritten tverden kann. (Lachen links.) Der Entwurf will aber auch der Industrie die Abhilfe derjenigen Mängel gewähren, welche sich bei der Handhabung des geltenden Tarifs im Laufe der Zeit herausgestellt haben. Endlich will dieser Entwurf für die künftigen Handelsvertragsvcrhandlungen mit anderen Staaten eine bessere Waffe liefern. Dieser Entwurf bedeutet somit nicht die Abweichung von der Politik der Tarifverträge. (Lachen links.) Warten Sie doch ab. wie der Hase weiter läuft. Jedenfalls besteht im Kreise der Verbündeten Regierungen die feste Absicht, im Interesse der deutschen Ausfuhrindustrie diese Politik auch in Zulunft weiter zu verfolgen, selbstverständlich unter Wahrung unseres guten Rechts (lebhafter Beifall rechts und im Centrum), über die Grenzen desjenigen, was wir ohne Preisgebung vitaler deutscher Interessen gewähren können, nach eigenem Ermessen zu entscheiden. Mit der Vorbereitung dieses Tarifs haben die Verbündeten Regierungen das Ihrige für das Zustandekommen der seit Langem in Aussicht genommenen Reform unseres Zolltarifs gethan. An diesem hohen Hause ist es nunmehr, seinerseits einzutreten in die Prüfung der Vorlage und dieselbe in gemeinsamer Arbeit mit den Verbündeten Regierungen zum Gesetz zu gestalten. Meine Herren! Bei Einbringung dieses Entwurfs sind sich die Verbündeten Regierungen sowohl der weittragenden Bedeutung einer solchen Aufgabe für das wirthschaftliche Leben der Nation, wie der ungewöhnlichen Schwierigkeit ihrer Lösung wohl bewußt. Welche Fülle, welches Wirrsal widerstreitender Interessen ringen bei der Neuordnung unseres Zollsystems nach Befriedigung! In fast allen wichtigen Fragen streiten die verschiedenen Richtungen unter einander und gegen einander in der Wissenschaft, wie im praktischen Leben. Wenn die Verbündeten Regierungen somit auf heiße Kämpfe auch in diesem hohen Hause gefaßt sein müssen, so glauben sie doch, daß mit diesem Tarif eine Grundlage gegeben ist, auf welcher sich für die Bedürfnisse der Landwirthschaft, der Industrie und des Handels eine gute Schutzwehr und ein billiger Ausgleich schaffen läßt, wenn uns die Volksvertretung ihre Hilfe nicht versagt. Ich habe, meine Herren, wiederum die Land- wirthschaft an erster Stelle genannt, weil ich mit den Verbündeten Regierungen davon überzeugt bin, daß sie sich in vielen Theilen des Reiches lange in besonders schwieriger Lage befunden hat, während sich Industrie und Handel in den letzten Jahrzehnten verhältniß- mäßig günstiger entwickelten und daß ihr daher bei der hohen Bedeutung. welche ihr für die Wehr- und Nährkraft der Nation zukommt (Beifall rechts und im Centrum), jedes mit den Bedingungen unseres wirthschaftlichen Gesammtlebens verträgliche Maß von Schuh und Hilfe gewährt werden soll. (Lebhafter Beifall.) Ich habe von einem billigen Ausgleich gesprochen, weil, wer angesichts so vieler schwer vereinbarer Forderungen mehr in Aussicht stellen wollte, cntlucber über Zauberkräfte verfügen müßte, die den Verbündeten Regierungen nicht zu Gebote stehen, ober in frivoler Weise Illusionen erwecken würde, die er nicht realisiren kann. Deutschland ist weder ein Industriestaat, noch ein reiner Agrarstaat, sondern beides zugleich. Für die Millionen fleißiger Hände, welche in den Fabriken und im Verkehr zu Wasser und zu Lande ihre Beschäftigung finden, müssen wir darauf bedacht sein, unseren Anthcil am internationalen Güteraustausch zu sichern und zu erleichtern. Es wird das ernste Bestreben jedes verantwortlichen Staatsmannes sein müssen, in Verhandlungen mit dem Auslande unter annehmbaren Bedingungen Handelsverträge zu erlangen. Durch eine solche Politik glauben die Verbündeten Regierungen die Arbeit für die breiten Massen in Stadt und Land und damit das Volkswohl zu fördern. Meine Herren, wir werden unsere Berathungen, und damit den häuslichen Streit, an dem es ja nicht fehlen wird, vor fremden Ohren, vor den Ohren des Auslandes zu führen haben. Lassen Sie uns in allem Kampfe der Cinzelinteresscn, in allem Zwiespalt der Doktrinen und Parteimeinungen einerseits bewußt bleiben, daß wir hier über unsere eigenen Angelegenheiten mit dem nationalen Egoismus verhandeln (lebhafter Beifall rechts), der unser gutes Recht ist, und andererseits nickt vergessen, daß wir dem Auslande gegenüber1 nur dann geschlossen und nur dann stark auftreten können, wenn aus Reden und Beschlüssen dieses hohen Hauses immer und überall der Gedanke an das Gesamrntwohl, der nationale Gedanke, hcrvorleuchtet. (Lebhafter Beifall rechts und im Centrum; Staatssekretär des Reichsschahamts Frhr. von Thiclmann: Das vorliegende Gesetz hat von allen Entwürfen, die je einem deutschen Reichstage vörgclegt worden sind, wohl die längste und eingehendste Vorarbeit erfordert. .(Zuruf: Lauter! Auf die Lrtbüne!)- Präsident Graf Dallcstrem: Ich möchte den Herrn Staatssekretär bitten, einen etwas mehr centralen Standpunkt einzu- nehmen. (Große Heiterkeit.) Staatssekretär Frhr. von Tbielmann, der bisher von feinem Platze am Bundesratbst>)che aus gesprochen hatte, bcgiebi sich nunmehr auf die >n der Mitte gelegene Rednertribüne und jährt fort: Welcher Act diese Vorbereitungen gewesen sind, ist dem hoben Hause nicht erst durch die Rede des Reichskanzlers bekannt geworden. (Sehr richt,gl links.) Diese Vorbereitungen haben feil drei Jahren nicht allein die beteiligten Reichsämter, nicht allem die Bundesregierungen, sondern auch die gejammten Erwerbsstände in Deutschland beschäftigt. Es ist selbst neuerdings noch der Vorwurf erhoben worden, manche Aeußecungen der Erwerbsstände seien überhaupt nicht berücksichtigt worden. Dieser Vorwurf ist ungerecht. Auch außerhalb des Wirthschaftlichen Ausschusses, außerhalb der Berathungen, welche seitens der einzelnen Landesregierungen mit ihren eigenen Interessenten gepflogen wurden, hat eine jede Eingabe, mochte sie kommen, von welcher Seite sie wollte, von einer Vertretung des Handels, der Industrie, der Landwirthschaft die ernsteste Prüfung gefunden. Daß natürlich von zwei entgegen; stehenden Wünschen nur der eine berücksichtigt werden konnte, darf nicht überraschen, und ebenso selbstverständlich hat derjenige, dessen Wunsch berücksicktigt war, geschwiegen, und der andere hat sich beklagt. Ich kann Ihnen aber wiederholen, daß in jedem Stadium der Angelegenheit, nicht blos im letzten. Stimmen aus allen Theilen Deutschlands gekommen sind, welche je nach der Stellung der Antragsteller Zustimmungen zu den betreffenben Bestimmungen des Gesetzes enthielten. Also baß bas Gesetz, wie vielfach in einem Theil der Presse behauptet wirb, auf allgemeines Mißfallen in Deutschland stoßen würbe, darf ich hier schon bestreiten. Ich lese in einer heutigen Zeitung, daß allein die sozialdemokratische Pefttion gegen das vorliegende Zolltarifgesetz dreieinhalb Millionen Unterschriften gefunden haben soll. Ob dies der Fall ist, kann ich nicht wissen, nur muß ich darauf aufmerksam machen, baß diese Ziffer ungefähr bas Doppelte ber sozialbemokratischen Wähler ,st. unb daß daher, wenn die Ziffer zutrifft, auch eine große Menge unmündiger Kinder und Frauen sich an dieser Petitron bethciligt haben müssen. (Lachen bei den Sozialdemokraten.) Wenn man die Vorlage in großen Umrissen beurtheilt, so zerfällt sie hauptsächlich in zwei Theile: in die Urerzeugnisse des Bodens und die Nahrungsmittel im ersten und zweiten Abschnitt, in die industriellen Erzeugnisse in den übrigen Abschnitten. Jeder Abschnitt will für sich selber betrachtet werden. Die beiden ersten Abschnitte bezwecken den Schutz der deutschen Landwirthschaft, die übrigen Abschnitte betreffen nicht sowohl einen erhöhten Schutz ber deutschen Industrie in allen ihren Theilen, fonbern eine Ausgleichung ba. wo bei bem gegenwärtigen Tarif Ungleichheiten bestanden. Was über die Lage der deutschenLandwirth- schäft gesagt worden ist, wird im Laufe ber nächsten Tage von verschiebenen Seiten des Hauses noch vielfach beleuchtet werden. Ich brauche darauf, auf ein Thema, das seit zehn Jahren alle Köpfe unb alle Herzen beschäftigt hat, hier nicht näher einzugehen. Ich muß nur daran erinnern, daß ber oft erhobene Vorwurf, bei ben Minimalzöllen, wie sie im Zolltarifgesetz stehen, seien Verträge überhaupt nicht möglich, völlig unbs- gründet ist. Der Reichskanzler hat Ihnen soeben gesagt unb ick wiebcrhvle es, es ist unser Wunsch, wieder mit unseren Nachbarn unb anderen befreundeten Staaten zu Verträgen zu kommen, unb es ist die Ueberzeugung der Verbündeten Regierungen, daß auf Grund ber Mmbestzölle, wie sie im Entwurf stehen, solche Vereinbarungen möglich sinb. Sie bürfen nickt vergessen, baß. wenn wir im freundschaftlichen Verkehr mit den Nachbarstaaten leben wollen, die Nachbarstaaten von bem gleichen Wunsche beseelt sinb, unb ich erinnere baran, baß die Verträge, auf Grund deren unser letzigcs Zollverhältniß in Europa geregelt ist, auch nicht mit einem Schlage, sondern erst nack langen Verhandlungen, mit einem großen Nachbar- staate sogar erft nach einem Zollkrieg zu Stande gekommen sind. W«r wünschen selbstverständlich keinen Zollkrieg, wir haben aber die feste Ueberzeugung. es wird bem Geschick unserer Unterhänbler unb ber allgemein herrschcnben Stimmung nach friedlicher Lösung aller dieser Fragen gelingen, auch auf Grund des Zolltarif- gesetzesmit seinen Minde st zöllenent sprechende Verträge abzuschließen. Da ich gerade von ben Minbestzöllen spreche, will ich auf eine Bestimmung kommen, bie sich gewissermaßen nebenbei im Zolltarifgesetz finbet, bie aber in den letzten Jahren ben Reichstag mehr beschäftigt hat, als irgenb ein anberer Theil der betreffenden Gesetze. Es sind die Transitläger mit Allem, was damit zusammenhängt. Der Entwurf sieht die Möglichkeit einer Beibehaltung der Transitläger an solchen Orten vor, wo für dieselben ein Bcbürfniß besteht. Dies Vebürfniß kann mannigfaltiger Art fein, es braucht nicht allein bas Vebürfniß des Handels zu sein. Sic erinnern sich, baß auch bie Lanbwirth- sckaft an gewissen ostbeutschen Transitlägerii seiner Zeit ein lebhaftes Vebürfniß beiunbet hat. Wir wollen aber gleichzeitig die möglichen Schäden, welche durch Transitläger entstehen können, dadurch heilen, daß wir den Zollkrcbit nicht mehr, wie bisher, unverzinst gewähren, sondern bem Zollkrebitnehmer eine billige Verzinsung von vier Prozent auflegen. Die Verbünbeten Regierungen sind überzeugt, baß biese Mobalität alle Beschwerben zu beseitigen geeignet ist, welche von Seiten unserer Lanbwirthschaft gegen baS System ber Transitläger überhaupt vorgebracht sind unb vielleicht noch vorgebracht werben können. Die hauptsächlichste Beschwerde war, baß dem Hänbler gewissermaßen unter Krebitgebung seitens bcs Reichs bie Anhäufung großer ©etreibemengen ohne eigene Kapitalien unb ohne die Rothwenbigkeit von bereu Verzinsung gewährt werbe. Dies wird in Zukunft, wenn bas Zolltarifgesetz in biefer Beziehung in Kraft tritt, fortfallen. Der Hänbler wirb kein Interesse haben, größere Mengen im Jnlanbe aufzuhäufen, als ber unmittelbare Bebarf des Handels und die Versorgung der nächst- liegenben Theile des Reichs erforbert, und somit entfällt wohl die wichtigste Beschwerde, welche seiner Zeit gegen das System ber Transitläger vorgebracht würbe. Verfolgt ber Entwurf betreffs der Landwirthschaft, wie Sie aus den einzelnen Tarifsätzen sehen, eine wesentliche Verstärkung des Zollsckutzes, so ist das Gleiche, wie ich bereits sagte, nicht ber Fall hinsichtlich ber I n d u st r i e. Die Jnbustrie hat sich bei bem ihr gewährten Zollschutz wohl befunben, sie ist sogar in bem letzten Jahre zu einem Aufschwung emporgeblüht, ber bis bahin in Deutsch- lanb nicht bekannt gewesen war. Hier gilt es aber, einen anberen Mangel zu heilen. Unser alter Zolltarif ist fast ein Jahrhundert alt — ich meine nicht in seinen Sähen, Wohl aber in seiner ganzen Gestaltung. Er wirft Dinge zusammen, bie vor hunbcrt Jahren vielleicht züsammengehörten, weil ber Hanbel in ihnen gering unb bie Unterscheibung feiner, feinster unb allerefeinster Arbeit noch nicht soweit gebiehen war. Gegenwärtig ist eine Zusammenwerfung so vieler Dinge in eine Sammelposition, wie sie im geltenben Zolltarif vielfach vorkommt, ein Unding. Schon die Handelsverträge ber neunziger Jahre haben gezeigt, baß mit solchen Sammelstellen nicht auszukommen ist. Wenn Sie bas System ber Hanbelsverträge ber neunziger Jahre burchstubiren, so werben Sie finben, baß in jedem einzelnen der Verträge aus den Sammelstellen einzelne Artikel, zum Theil Artikel von geringer Bedeutung herausgeklaubt, ihre Zollsätze besonders festgesetzt oder gebunden sind Das hat aber viel» fadi nicht geschehen können, und wo es unmöglich war, die speziellen Artikel, auf bie es ankam. aus der Sammelnummer herauSzu- grellen, ist die ganze Nummer einem Vertragssatz unterworfen worden, der für einen Theil davon viel zu hoch, für einen andern Tdeil vielleicht viel zu niedrig war Die Schäden davon haben sich vielfältig gezeigt. Ick möchte beispielsweise nur an die Fahrräder und an die Nahmasckinen erinnern: das sind aber bei Weitem nicht die einzigen Falle. Es gtebl Hunderte solcher Fälle. Diesem Be- dürfmß entsprechend hat bei der neuen Ordnung beS Tarifes eine bedeutendere eingehendere Scheidung innerhalb der einzelnen Gruppen. und bei den einzelnen Maaren ftatrfmben müssen, und es ist statt des alten Tarifes mit 43 Nummern, aber vielen hundert Unter« nummern mit Buchstaben. Ziffern .griechischen Buchstaben und Bemerkungen cm einheitliches Gebilde von streng geordneten Waaren- gruppen geschaffen worden, das weniger als tausend Nummern zählt, das. wenn man die zollfreien Nummern abrechnet, nickt viel mehr als 750 umfaßt. Wir sind damit den anderen europäischen Staaten ungefähr gleichgekommen. Es giebt in den meisten Staaten Europas jetzt Tarife, bie in ben allgemeinen Grundsätzen der Anordnung sich ziemlich nahe an die unserigen ansckließen werden; unb bas wirb den rein formalen Theil ber Vertragsverhanblungen sehr erleichtern. Nun ist es richtig, bah, wenn man eine cinznführenbe Waare genau ihrem Wcrthe nach einem Zoll unterwerfen will, bas einfachste System bas ber Werthzölle ist. Bei ben Werthzöllen wird jebes Fabrikat unb Halbfabrikat seinem inneren Werth entsprechend getroffen. Es giebt ja auch Staaten, welches dieses System, ivie z B. bie Vereinigten Staaten von Nordamerika, grundsätzlich, andere, wie Belgien unb Holland, welche es vielfach anwenden. Aber für Deutschland eignet sich dieses Stiftern aus vielen Gründen ganz und garnickt. Einmal ist mit ber Abschätzung bes Waaren- werthes eine so heikle Arbeit verbunden, daß der deutscke Handelsstand. ich bin überzeugt, wie em Mann sich gegen das System von durchgehenden Werthzöllen erhoben haben würde. Sodann haben bei vielen Waaren Wcrlhzölle an der Ostgrenze einen anderen Sinn als an der Westgrenzc. Die'gleichen Waaren, die vom Osten ein» gehen, können minder werthvoll ober werthvoller sein, als wenn sie über bie Schweizer Grenze eingchon. Unb schließlich sinb, wie bad Beispiel der Vereinigten Staaten zeigt bei einem durchgehenden Werthzollsystem unendliche kleinliche Plackereien des Einfuhrhandels zu erwarten. Wer mit Nordamerika Handel getrieben hat, weiß davon zu erzählen; und ich glaube deshalb, hier in diesem hohen Hause keinem Widerspruck zu begegnen, wenn ick sage, daß unser System den Vorzug verdient. Ick glaube ferner aber auch, daß gegen die Art und Weise der inneren Gliederung des Zolltarifs sich ernste Widersprüche nickt erheben werden. Dieses — so zu sagen — Skelett des Zolltarifs hat lange, ehe überhaupt eine Einstellung der Sätze ftattgefunben hatte. sämmtlichenBunbesregierungen vorgelegen und ist von ben Bundesregierungen im Verein mit ihren Handelskammern und sonstigen Vertretungen gründlich durchgearbeitet worden. Ick glaube, baß es im Großen und Ganzen ziemlich fehlerfrei dasteht. Im Einzelnen mag bin und wieder ein Interessent eine Position an einer anderen Stelle zu sehen wünschen; 'ck glaube -aber nicht, daß ernste Einwendungen gegm die gewählte Art ber Aufstellung hier werden geäußert werben. Außerdem mache ick noch barauf aufmerksam, daß im inbustriellen Theil des Zolltarifs sich recht erhebliche Zollermäßigungen finden. Diese Zall- ermäßigungen sind eine Folge des gewählten Systems. Es hat sich bei der größeren Zergliederung ber einzelnen Sammelgruppen herausgestellt. baß dieser ober jener Artikel des Zolltarifs eines solchen Schutzes, wie er heute noch genießt, nicht mehr bebarf. Einige davon sind ganz zollfrei gelassen worden, andere mit erheblich geminderten Zöllen belegt. Eine starke Erhöhung der Sätze gegenüber dem geltenden Zolltarif hat nur startgefunden bei einzelnen wenigen Artikeln, namentlich Luxuswaaren, die eine solche Erhöhung wohl zu tragen im Stande sind. Wenn die Vorbereitung des Zolltarifs Jahre gedauert hat, so wird es Niemand anders erwarten, als daß eine gründliche Berathung in diesem hohen Haüse lange Monate dauern wird. Jetzt, in der ersten Lesung, stehen nur seine allgemeinen Prinzipien zur Frage. Ich versage mir deshalb, auf diejenigen Einzelheiten einzugehen. welche die einzelnen Abschnitte kennzeichnen. Daß der erste und der zweite Abschnitt, die Zölle auf Erzeugnisse des BodenS, Ihre besondere Rücksicht verdienen, brauche ich nicht.besonders hervorzuheben; ich glaube sogar, annehmen zu können, daß die Berathung bei dieser ersten Besprechung des Zolltarifs sich im Großen unb Ganzen auf den Werth ober llnwerth der landwirthschaftlichen Zolle beschränken wirb. Was über bas Recht der deutschen Landwirthschaft auf einen ft ä r ! e r e n Schutz ihrer Arbeit und ihrer Erzeugnisse zu sagen war, haben Sie seitens des .«derrn Reichskanzlers soeben gehört. Die verbündeten Regierungen sind entschlossen. Alles zu thun. was zu diesem Schutze geschehen kann, soweit es mit ber Möglichkeit künftiger Handelsverträge — denn diese wollen wir bestimmt — vereinbar ist. Abg. Graf Schwcrin-Löwitz (kons.): Es ist hier nicht meine Aufgabe, auf bie grundsätzlichen Meinungsverschiedenheiten einzu- gehen. bie bei ber borliegenben Frage auftauchen. Ich werbe mich einfach möglichst knapp cm die Vorlage halten. Der Kampf gegen den Tarif hätte meines Erachtens mit etwas mehr Anstanb und etwas mehr vaterländischem Loyalitätsgefühl geführt werben müssen, als c5 leibet geschehen ist. (Lebhafte Zustimmung rechts unb im Centrum.) Durch diese Kampfesweise ist bas Ausland herauS- geforbert worden, gegen ben Tarif Stellung zu nehmen. (Sehr ricktig! rechts.) Der Entwurf ist zunächst nichts als eine innere häusliche Angelegenheit unseres Volkes. Denken Sie sich boch ein- mal. bei Ilnierhanblungen zwischen zwei Fabrikanten ginge bet Kommissionär bes einen zu bem anderen Fabrikanten unb sagte ibm: »Diese Bebingungen. die Dir geboten werben, sinb ganz unannehmbar!" Ganz ähnlich war es bei ber Art unb Weise, wie namentlich unser Handel ben Tarif bekämpft hat. Der Hanbel sollte dock stets bedenken, daß auch seine Bliithe von ber Prosperität unseres inneren beutschen Güteraustausches abhängt. Herr von Miquel hat einmal von der zu starken Mitwirkung bes Hanbels an ber Gesetzgebung gesprochen. Wir Alle sehen gewiß mit Stolz auf bie Entwickelung unseres Welthcmbels, aber gegenüber ber Bedeutung unserer Gütercrzcugung spielt er boch nur eine bescheibene Nolle. In unseren Rhebereicn steckt ein Kapital von zweitausend Millionen Mark; diese Summe kann aber gegenüber den siebentausend Millionen Mark, die unsere landwirthschciftliche Produktion selbst in ber jetzigen ungünstigen Pcriobe darsteUt, doch nicht auf- kornmen. Wenn es sich darum handeln sollte, den Rhedereien größere Divibenben zu verschaffen ober bie Lanbwirthschaft zu retten Mhen Sie barunter? Der Großgrunbbesitz hat doch auch heute seine große Bedeutung; vor allem ist es seine Aufgabe, ben teck- mschen Fortschritt für ben Kleinebtrieb vorzubereiten. 24 erkenne bankbar an, baß die Grundanschauungen, auf welchen berTarif unb seineBegrünbung sich aufbauen, sich "sehr vortheil- haft unterscheiden von den Anschauungen, die beim Abschluß der erften Handelsverträge maßgebend waren. Wir erkennen ebenfalls dankbar an, daß die Emfuhrungsrede des Herrn Reichskanzlers sich sehr vorteilhaft von den Anschauungen abhcbt, die von seinen beiden letzten Ämtsvorgängcrn vertreten wurden. Die Landwirth- schaft ist nach ihrer jetzigen Tcchnit thatsächlich außer Stande, ihre Prodnttion erheblich zu vermehren und dein inländischen Kousuin- bedurfniß voll zu genügen. ES muß aber unser Ziel sein, die Einfuhr ausländischen Getreides überflüssig zu machen. (Sehr richtig! rechts und im Ccntrum.) Und ich behaupte, daß das möglich sei, wenn unsere Anbauflächen vergrößert werden und wenn wir in Zu- kunft weniger Getreide verfuttern als in den letzten Jahren. Wir verfüttern 25 Prozent unseres Getreides, während nur 11 Prozent eingeführt werden. Es wäre außerordentlich kurzsichtig, wenn man, um momentan die Getreidevreise etwas billiacr zu halten, darauf verzichten wollte, unsere einheimische Getrcideproduttwn zu sichern. (Beifall rechts.) Der Gegensatz zwischen landwirthschasrlichem und induftriellent Betrieb, der oft konstruiri wird, ist gar nicht vorhanden; auch in Bezug auf die Ausfuhr haben sie die gleichen Interessen. Ich erinnere Sie daran, daß einer unserer größten Exportartikel Zucker ist. Der vorliegende Entwurf verdient in Bezug auf äußere Anordnung entschieden den Vorzug vor deut alten. Daß die Verhandlungen des wirthschaftlichen Ausschusses so sehr berücksichtigt worden sind, war sehr zweckmäßig. Es ist zii hoffen, daß es wenigstens späterhin möglich sein wird, die Stellungnahme dieses Ausschusses zu den einzelnen Fragen bekannt zu geben. In der Begründung heißt cD, daß die Produktionskosten der Landwirthe gestiegen seien. Wäre es da nicht angebracht, diese Erhöhung der Kosten bei der Erhöhung der Zölle zu Grunde zu legen? Schon diese Erhöhung der Produktionskosten allein rechtfertigt eine cntsprcchciide Erhöhung der Zollsätze. Die in dem Entwurfvorgeschlagene Erhöhunggenügtunsnicht; wir behalten uns vor, A n - träge auf weitere Erhöhung der landwirthschaftlichen Zölle einbringen. Wir werden auf solchen Aenderungcn bestehen müssen, wenn anders der Tarif für uns an nehmbar sein soll. (Hört! hört!) Nur dann können wir ihn als brauchbare Grundlage für den Abschluß neuer Handelsverträge ansehen. Wir werden ferner darauf bestehen müssen, daß für alle Zölle auf landwirthschaftliche Erzeugnisse die Grenze, bis zü welcher die T a r i f s ä tz c bei den Verhandlungen ermäßigt werden dürfen, gesetzlich fe st gelegt wird. Wir dürfen hier nicht ein Produkt vor dem anderen bevorzugen. Herr Gothein hat in Wahlversammlungen darauf hingewiesen, daß manche landwirthschaftlichen Erzeugnisse zurückgcsetzt seien. Ick frage ihn, ob er und seine Freunde bereit sind, für diese zurückgesetzten Erzeugnisse entsprechende höhere Zolle zu bewilligen? (Sehr gut! rechts ) Es ist gegen den Tarif das Bedenken erhoben worden, daß der Minimaltarif den Abschluß neuer Handelsverträge erschweren würde. Ich halte das nicht für stichhaltig. Es kommt hier in erster Linie darauf cm, zu verhindern, daß bei den neuen Verträgen wieder die Vergünstigungen, die wir dabei erzielen, auf Kosten der Landwirthschaft erreicht werden. Der Reichstag muß hier aussprechen, daß er in Zukunft nur solchen Verträgen zuslimmen wird, bei denen die Landwirthschaft genügend innerhalb bestimmter Grenzen geschützt wird. Das ist der Grund, weshalb wir für den Doppeltarif eintrcten, und ich meine, dieser Gesichtspunkt ist durchaus berechtigt. Ist es den Landwirthen zu verdenken, daß sie nach den traurigen Erfahrungen, die sie nach der ausdrücklichen Konstatirung der Begründung mit den jetzigen Verträgen gemacht haben, diesmal einen besseren Schutz ihrer Produkte sich sichern wollen? Auch wir sind Freunde von Handelsverträgen; aber wir unterscheiden uns von dem Handcls- vertragsvereine dadurch, daß wir nicht Verträge um jeden Preis wollen, sondern nur Verträge, die vortheilhast für uns sind und nicht einen wichtigen Zweig unseres wirthschaftlichen Lebens schädi- gcit. Wir wollen Verträge, durch die unser Export ohne Preisgabe wichtiger nationaler Interessen möglichst gefördert wird. Unter allen Umständen müssen wir für die Gestaltung unseres Zolltarifs unser Selbstbestimmungsrecht wahren. Was den V o r b c T ' T .* Inkraftsetzung des Gesetzes anlangr, so *)arh-” • gewünscht, daß hier h'.e Absichten der Regierung llarer -"M.lusd^--u gctommcn wären. Nack den bestimmten Versprech.ingeu, ?ic uns vorn Regierüngsnsch aus, aück vom Herrn Reickstanzter gemacht worden sind, lanu iw mir nickt denken, daß mau eiwa bcabsichligen könnte, die jetzigen Verträge unter gewissen Umständen auch nur einen Tag nach dem ersten Kündigungs- termiu in straft zu lassen. Eine solche Absicht wurde ja nichts weiter bedeuten, als daß mir uns einfach von dem guten Willen des Auslandes abhängig machten. 9?un führ: man. gegen den Minimal- iarif an Was wird dann geschehen, we::n sich der Satz als zü hoch Herausstellen sollte> Dafür haben wir doch immer die Mogllchteu der Korrektur seitens des Reichstags^ Wir tverdcn das Unsere :hun, um die jetzt beginnenden. Verhandlungen zu einem befriedigenden Ende zu fuhren. Unsere Stellung zu dem Entwurf ist aber allein abhängig davon, ob darin der Landwirthschaft der genügende Schutz zu Theil wird. Wir dürfen den Landwirthen nicht noch einmei eine schwere Enttäuschung bereiten, sonst würde an Stelle der bisherigen Muthlosigkeu Verzweiflung bei ihnen Platz greisen. 2;c deutschen' Bauern, di- deutschen Buren kämpfen so gut wie die afrrkani-schen um' ihre Existenz Für einen deutschen Bauern ist die Aussicht, daß die ganzen Massen der Laiidarbeiter in die Reihen der Sozialdemokraten getrieben werden ebenso schrecklich wie für einer Buren die englische Herrschaft. (Gelächter links. Beifall rechts.- Ick gebe die Hoffnung aus einen guten, friedlichen Abschluß Der Verhandlungen nicht auf. (Vciiall rechts ) Abg. Molkcnbuhr (Soz.): Ter Vorredner hat für die Behauptung keinen Beweis erbracht, daß die Landtvirthschäft einen Zollschutz braucht. Aber man sagt „Schutz" und meint „Ausbeutung der Massen". (Lärm rechts.) Bei dem Anhören der bisherigen Rede kam mir fortwährend der Satz in Den Sinnt „Die Sprache ist dazu da. um die Gedanken zu verbergen." Warum' rücken Sie nicht offen mit der Sprache heraus und sagen, worauf es.Ihnen ankommt? Der ganze Entwurf kommt mir als der Abschluß des Tivoliprogramms vor. bei dessen Aufstellung u. A. Hochrufe auf Ahlwardt ausgebracht wurden. Hätten die deutschen Bauern mehr für ihre Selbständigkeit gekämpft, so säßen viele von Ihnen (nach rechts) nicht hier. (Oho! rechts). Der Grundgedanke des Kampfes, den Sie führen, ist nicht ideal. Sie stellen es immer so dar. als hätten Sie einen bestimmten Rechtsanspruch auf Preise. Die zu irgend einer Zeit mal gezahlt sind. Das Verbot des TerminhgndclS haben Sie gekriegt, aber zufrieden sind Sie Damit nicht Dadurch ist bewiesen, daß nicht der Terminhandel an Dem Rückgang der Getreidcpreise die Schuld trägt- sondern ganz andere Umstände. vor allem die technischen " • Umwälzungen. Haben Sie Denn einen Anspruch auf hohe Grundrente? Sie sagen, wir können nicht mit Amerika fonfurriren. Ja, warum denn nicht? Amerika zahlt weit höhere Arbeitslöhne als die Land- wirthe bei uns im Osten, dort ,st der Kapitalzins höher und die Kosten der Frachten sind größere, aber in technischer Beziehung ist Amerika weiter vorgeschritten. Die Agrarier behaupten, die höheren Getreidepreise würden feine höheren Brodpreise zur Folge haben. Ja, wer soll denn die Kosten tragen? Etwa der Muller? Das werden Sie doch nicht glauben, daß der Müller die höheren Zollsätze aufbringen kann, zumal da die Zahl der selbständigen Mühlenbetriebe in Deutschland in den letzten Jahren ganz erheblich zurück- gegangen ist. Sollen die Bäcker den Zoll tragen? Wir hören ja immer von Herrn Oertel, daß die Bäcker zu Grunde gehen, lvenn ihre Gesellen nur dreizehneinhalb Stunden arbeiten dürfen. Wenn es den Bäckern so schlecht geht, werden sie gewiß den Zoll nicht tragen können Wer hat also den Schaden von den höheren Zöllen? Die Arbeiter, die Aermsten der Armen, müssen ihre Pfennige für Die Agrarier opfern und ihnen ihren Tribut leisten. Und das, obwohl schon eine ganze Reihe von Arbeitern so gestellt sind, daß einige Hungertage in jeder Woche bei ihnen Die Regel bilden. Sie (nach rechts) treten für die Interessen der Großgrundbesitzer etn, und wenn Sie sagen: Wir tämpfen ebenso zäh wie die afrikanischen Beeren. so können Sie überzeugt sein: die Arbeiter werden mit derselben ^äbigkeit für ihre hungernden Kinder ckampfen, wie Sie für d:e Interessen der Großgrundbesitzer 25 000 Großgrund- vcsiyer haben ein Viertel Der gejammten bebauten landwirthschaft- 11cf-cn Fläche >m Bentz: a!>'o von jedem Pfennig des Armen öekomaft der lÄcke Großgrundbesitz immer einen großen Theil ab. Die »leinen Landwirthe haben von der Zollerhohung nickts. Der Mehr- werth des Grund und Bodens in Folge Der Erhöhung der (betreibe» jc'Je beraa: wenn Die Satze des Tarifs verwirklicht werden, nach rr.?>:vr Berechnung sechseinhalb Milliarden Mark (Widerspruch rechts.) Ja wohl das ist die Kricgskosienentschädigung, die Sie j'ck dann von den Hnrorhekenban.'en gleich im Voraus zahlen lassen kennen. (Lachen rechts.) Wurden die Sätze des Bundes der Landwirthe angenommen, so wurde das auch nichts helfen, nach zehn Jahren wurden Sie wieder kommen und sagen: Wir sind noch viel bankerotter. (Heiterkeit.) Wenn Sie das Land nicht mehr bearbeiten können, ic sollte man Sie doch einfach ablosen und den Grund und Boden denen zur Bearbeitung überlassen, die die technischen Fortschritte -u benutzen versieben, man sollte den Grund und Boden in Den Besitz der Ge'ammtheit überführen Sie beklagen i',ck über die Entwickelung Deutschlands zum Industriestaat. Das :st eine natürliche Entwickelung, die niemand aufhalten kann, aber wem- sick heute die Bevölkerung mehr und mehr von der Landwirtlnchaf: abwendet, so sind daran die Agrarier Schuld, Die Den Leuten das Leben auf Dem Lande gründlich zu verleiden verstehen. Die Regierung erklärt, sie habe alle Interessenten gehöiL Gewiß, alle Interessenten. die etwas haben wollen, nicht aber Die Arbeiter, die Die st osten zu tragen haben. Sie sagen, besser thcureS Brod und höhere Löhne, als billiges Brod und niedrige Löhne. Nun. Sie batten ja 1591 höhere Roggenpreise Haben Sie Da etwa Ihren Arbeitern höhere Löhne gezahlt? Keineswegs. In einer 23er« 'ammlung von Fabrikanten in Essen hat Krupp erklärt, daß Die Industrie der Landwirthschaft, wenn nöthig, einen höheren Zoll gewähren werde, denn die Brodpreise seien von keinem oder nur geringem Einfluß auf die Höhe Der Löhne. In Wirklichkeit werden die Arbeiter, wenn sie das Brod Hjeurer bezahlen müssen, am Einkauf con Jndustrstbroduktcn sparen, und die Folge davon ist em I Rückgang der Industrie, Arbeitslosigkeit und Arbeiterentlassungen^ Sie berufen sick auf Amerika, aber dort hat die Schutzzollpolitik Milliardäre gezüchtet, und die Farmer sind zu Proletariern hcrab- gefunien. zu Unterifjanen des Eisenbahnkönigs und des Schweinegrafen. Bei uns gebt man ganz systematisch vor. Zuerst bringt man das Zuchthausgefctz ein, um die Arbeiter zu knebeln, und dann will man ihnen das Brod vertheuern. Auch in England wollte man in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die Arbeiter knebcln. ?r_ir gestand man ihnen wenigstens billiges Brod zu. Die Agrarier sagen, wir müssen hohe Schutzzölle haben in Folge unserer passiven Handelsbilanz. Wäre es wirklich wahr, daß eine passive Handelsbilanz ein Land arm macht, wie arm müßte dann England sein? Wir müssen uns entschieden dagegen verwahren, daß man unter der Firma „Schutz der nationalen Arbeit" die nationalen Arbeiter aussauge. Würde jetzt Der Reichstag aufgelöst und unter der Parole: für oder gegen höhere Zölle die Neuwahl vor sich gehen, ich glaube, Sie würden einen Reichstag bekommen, dem Sie gar nicht wagen würden, diesen Tarif vorzulegen. .(Lachen rechts; Beifall links.) Hieraus vertagt das HauS die wertere Derathung mq Dienstag. 1 Uhr. , > » Schluß 5 Uhr, M n-nra? ft-nr.. Tas natronalsozialc 2L,;rcrrprograruru uub der Zukttttst-Sbarrer. Von Herrn Oekonomierat Schl en k e geht uns folgende Zuschrift zu: Der Schreiber dieses hatte auch daS Vergnügen, den Ausführungen des Dr. Maurenbrecher-Berlin über dre Zukunft ’ der deutschen Landwirtschaft und der Entwicklung des nationalsoziatcu Agrarprogramms zuhören zu können. Wirklich das Vergnügen! Die Ausführungen waren glänzend, packend, fast sinnverwirrend. Ich. hartgesottener Agrarier berauschte mich einige Zeit an den Bildern, die der Redner, anscheinend selbst berauscht von seinen Zukunftsbildern, entwarf. Größere Besitzungen, einförmige Ackerflächen verschwanden vor meinen Augen. Zahllose kleine Bauernhöfe, in denen ein blühendes, fruchtbares Geschlecht hauste, bauten sich aus. D>er Getreidebau war eingeschränkt bis auf den Bedarf der Familie. Die übrigen Ländereien — mehr als 20 Morgen können es nicht sein — sind mit üppigen Futterpflanzen für die zahlreichen Kühe mit strotzenden Eutern bedeckt. Andere Flächen sind mit Obstbäumen und Beeren- sträucherri bepflanzt, unter denen das Gemüse für den nächsten Markt unter den fleißigen Händen der Besitzer gedeiht. Hühner und sonstiges Eier legendes und Fletsch lieferndes Geflügel durchschreitet sorgfältig die üppigen Anpflanzungen, Schädlinge aufpickend und Eier präparierend. Die glattesten Verbindungswege sind geschaffen. Die durch die Industrie reich gewordenen Städter haben das Geld dazu hergegeben, das ist ihre Pflicht. Der Gegensatz zwischen Stadt und Land wird so ausgeglichen, das ist national. Auf den Wegen zwischen diesen weit ausgedehnten hunderten und lausenden von Bauernbolonien laufen billige und rasche Bahnen, am besten elektrische Bahnen, die alle Produkte billig und rasch, alles auf Kosten der reich gewordenen Stadt, auf ihren Markt führen. Kaum ist das Ei gelegt, so ist's auch schon auf dem Wege zur Stadt, wo es von der Köchin im Spitzenhäubchen sehnsüchtig erwartet und in Empfang genommen wird. Vor der Menge von goldenen Früchten und dem prächtigen Gemüse wird's den Marktbesuchern grün und gelb vor den Augen. Denn die Städter haben die Pflicht, alles zn guten Preisen zu kaufen und besonders auch aufzuessen. Die Wirtschaften verzapfen nicht mehr Bier und andere alkoholischen Getränke, sondern nehmen den Baucrnkolonien pslichtschuldigst alle Milch ab. Sie bezahlen sie auch gut. Der regsamere und wieder durch städtische Mittel gebildetere Bauer zählt schmunzelnd am Abend die Tageseinnahme. Er zählt auch bedenklich die Häupter seiner Lieben, ob's auch schon genug sind. Denn er hat der Stadt gegenüber in dieser Beziehung Verpflichtungen übernommen. Er hat der durch die Industrie degenerierten städtischen Bevölkerung frisches Blut zuzuführen, auch die Lücken, die Fieber und Unfälle in die Bevölkerung unserer Kolonien gerissen haben, auszufüllen. Kurzum, der Bauer hat fruchtbar zu sein. Das platte Land ist verpflichtet, viel Menschen zu erzeugen. Das ist national. Vor Schulden kann das Programm der Nationalsozialen ihren Zukunftsbauern auch nicht ganz behüten. Aber es hat ein Heilmittel: die Hypothekarresorm. Das ist der eigentliche Grundgedanke unseres Programms, sagt der Redner. Die heute bestellenden.'Hypo- thekenbanken kaufen das Gold zu J bis Dp0 Proz.. um es ihren Hhpothekargläub.gern zu leihen, zu 4 bis 4.^0 Proz. Das ist ein unrichtiges Verfahren. , Die Gemeinde muß das Geld kaufen,. ebenso wie die Hypothekenbank, sie leiht cs ihren Gemeindec'ingesessenen. auch zu 4 bis 4.50 Proz. Der Gewinn fließt nun m die Gemeindekasse. Die Gemeinde, dadurch reich an Mitteln, bestreitet damit die Bedürfnisse der Gemeinde. Der Ge- meindeeingcsessene spürt aus einmal, daß man. seitens der Gemeinde reine Anforderungen mehr an ihn stellt — er braucht also wohl keine Gemeindesteuern mehr zu bezahlen. Das war zu viel. Ich stürzte aus allen meinen Himmeln, in die ich mich, im Banne des Redners stehend, geträumt hatte. Ich tvar wieder in Gießen mit seinen 250 Prozent Kommunalsteuern. Uno dies unglückliche Gießen, das fortgesetzt neue Anleihen selbst macht, soll Geld hergeben fürs platte Land, damit ihm noch mehr Milch, iwch mehr Butter, viel Gemüse^ viel Obst, um Gottes Willen aber fein Getreide — das können wir in Amerika billiger kaufen — auf den Markt gebracht werde. Dasselbe Gießen soll aufs platte Land billige Verkehrsmittel schaffen — da Straßen vorhanden sind, werdens doch Bühnchen auf diesen Straßen sein müssen — die den städtischen Markt rasch und leicht versorgen. Dasselbe Gießen, dessen durch die Industrie reich gewordene Bevölkerung jid) in ihren Omnibuswagen zum Bahnhof martern läßt, noch dazu auf städtische Kosten. Jetzt war ich wirklich wieder auf Gottes Erdboden. Der gewandte Redner hatte sich's von vornherein leicht gemacht mit seinen Luftschlössern. Er erklärte, tcchnisck/e Fragen kümmern mich nicht, die lasse ich beiseite. Bas war auch nötig, sonst wäre das Bild, was er von der zukünftigen deutschen Landwirtschaft entwarft unmöglich gewesen. Es giebt bei uns leider Gottes wenig Land, auf dem sich so ein kleines Paradies selbst mit Aufwendung großer Geldmittel und noch größerem Fleiß und Intelligenz schassen ließe. Für den, der's übernimmt, hat der Tag in der besseren Jahreszeit mindestens 16 Arbeitsstunden. Man frage nur nach da, wo auf nicht großen Flächen unter besonderen Bodenverhältnissen bei Mainz oder Frankfurt die fleißigsten Menschen, die es giebt, dem Gemüsebau obliegen. Kann die Bevölkerung der dortigen, nahe zusammenliegenden reichen Städte das dort erzeugte Gemüse alle verzehren? Nein, große Massen desselben gehen auf den Rheinschiffen stromabwärts bis ins Ausland, wenn ich nicht sehr irre, selbst bis nach London. Was würde werden, wenn die großen Güter der dortigen Gegend, die oft guten Gemüsebvden haben, aufgeteilt und an fleißige intelligente Bauern vergeben würden, um aus- jchließlich Gemüse, Obst, Milch, Butter, Eier zu erzeugen. Sie würden mit ihren Produkten, wenn sic angemessene Preise erzielen wollten, sofort auf den Export angewiesen sein. Nun kommt aber noch ein Gegenstrom von dergleichen Produkten vom Ausland, von Holland, aus Italien, aus dem südlichen Frankreich, selbst aus Algerien. Äeser Gegenstrom soll nach dem Programm der 22a'. o..asozialen durch Emgangszöüc nicht gehemmt werden— ui: p schon den Gemüsetrieg an Den Grenzen entbrennen — sie schmeißen sich gegen]citig mit den unverküupichen Salat- köpfen. Also in einzelnen Gegenden läßt sich der Gemüsebau, die intensive Viehhaltung durchführen mit viel Kapital und Arbeit. Wir haben intelligente Köpfe genug, die derartige Unternehmungen ins Werk setzten, roenn sie nicht die Marklberhältnisse zu gut fennien, und ün voraus wüßten, daß die Unternehmung notwenbigerweise fehlschlagen müsse. Ich frage: warum bilden sich keine Aktiengesellschasteir für solche Zwecke? Die Gründer solcher finden doch sonst überall heraus, wo hohe Dividenden zu machen sind! Die lechnischen Fragen läßt Redner beiseite. Tas giebt bequeme Arbeit. Er hätte ja sonst bekennen müssen, daß der größte Teil der Kulturflächen Deutschlands sich durchaus nicht für den Gemüsebau, nicht für den Obstbau, nicht einmal für eine intensive Viehwirtschaft eignet. Daß die Bewirtschafter vieler, vielleicht der meisten Ländereien den Hackfruchtbau (Kartoffeln, Rüben) pflegen, besonders Damit die folgende Halmfrucht, der Klee und andere Blattpflanzen besserer^ Und sicherere Erträge bringen. Mit einem Wort, die deutsche Landwirtschaft ist ge- zwungen, Getreidebau zu treiben oder ihre Länder zum großen Teil veröden zu taffen. Sie wählt das kleinere Uebel und baut neben Futterpflanzen und Handelspflan- zen, wo sie fortkommen und lohnen, auch Getreide über den eigenen Bedarf hinaus. Der Redner verwarf alle Einfuhrzölle auf landwirtschaftliche Produkte, nur an die Jndustriezölle rührte er nicht. Da das nicht gerecht ist, kann eS unmöglich national sein. Denn die Jndustriezölle legen der Landwirtschaft große Opfer aus. Das Eisen ist teuer durch den Eingangszoll und durch die Ringbildung. Alle unsere Geräte und die Maschinen, welche heute schon der Kuhbauer braucht, sind teuerer. Die Verkehrsmittel (Eisenbahnen) kosten viel Geld, weil alle diese Dinge und Materialien entweder einen hohen Eingangszoll bezahlen oder von den Verwaltungen ausschließlich bei deutschen Fabrikanten bestellt werden, und diese mit aller Sicherheit Den hohen Eingangszoll auf ihre Erzeugnisse schlagen. Daß die Arbeitslöhne dem Landwirt unter diesen Umständen verteuert werden, liegt bei dieser sorgfältigen Behütung der Industrie auf der Hand. Der nationalsoziale Redner sagte in der Diskussion: Wir müssen Baumwolle und Petroleum vom Auslande beziehen, warum sollen wir nicht das Getreide vom Auslande beziehen, wenns dort billiger ist? DaS soll also auch national sein! Nordamerika z. B. senden wir unseren Ueberfluß an Jndustrieerzeugnissen zu. ES erwehrt sich derselben durch immer wieder erhöhte Zollschranken. Wir nehmen den Hebet* stuß an Getreide Nordamerikas auf, nach dem nationvlsozialen Programm ohne Eingangszoll. DaS wäre zu Dumm, um national sein zu können. Der nationalsozale Redner war in Sorge, daß unS der Getreidezoll, wenigsten? unfern Nachfolgern im Besitz, schlecht bekommt! Ich habe ihn gebeten, sich darum doch keine morgen zu machen. Die landwirtschaftlichen Zölle werden voraussichtlich mit Rücksicht auf langfristige Handelsverträge auf 12 Jahre abgeschlossen. Was dann wird, ob die Ge- trcrdezölle schwinden, ober erniedrigt oder erhöht werden, darauf kann weder der Einzelne noch der Staat spekulieren. Mindestens wäre es Thorheit, darauf zu spekulieren, und vor verkehrten Spekulationen kann man Niemanden schützen. Das zeigen am besten die unausgesetzten Spekulationen mit Wertpapieren aller Art. __ Der preußische Staat spekuliert eben wenigstens nicht in der Hoffnung auf Erfolge der Getreidezölle. Er schlägt fortgesetzt bei Verpachtung von Domänen zu, obgleich vielfach nur die Hälfte des bisherigen Pachtpreises geboten wird. Der Vortragende hatte ganz recht, wenn er sagt, die Landwirte seien häufig nicht kapitalkräftig genug. Darin liegt aber auch der überzeugendste Beweis, daß unter den heutigen Verhältnissen sehr wenig zu verdienen ist. Denn wäre etwas zu verdienen, so würden kapitalkräftige Leute die Pachtungen übernehmen, die zahlreichen verkäuflichen Güter aufkaufen und die hohen Dividenden zu machen suchen. * Die Landwirte, nicht allein die großen, sondern auch die kleinen, sind es leider herzlich müde zu wirtschaften, sie ließen sich gerne ablösen. Sie sind auch erbittert über die sog. guten Ratschläge der Leute, die landwirtschaftliche Verhältnisse nicht kennen und doch darüber große Worte machen. Vor innerer Erregung versagt ihnen fast die Stimme, wenn sie auf die ungeheuerlichen Aeußerungen unserer Nationalsozialen antworten wollen. Schlenke. Politische Tagesschau. Boa den Plünderungen in Peking. Fast wörtlich übereinstimmend erzählen der amerikanische Korrespondent Jasper Whiting und der englische Major Scott von plündernden Damen. Whiting schreibt, dir Plünderung sei die einzige Konversation bei Tafel, in den Straßen, in den Häusern, in den Läden gewesen. Am Nachmittag ging man nach seiner Gesandtschaft, um den Auktionen der geplünderten Gegenstände beizu- wohneu. Am Abend machte man kleine Exkursionen in die Umgegend, um zu plündern. „Die Plünderung", heißt es dann wörtlich weiter, ,-ist nicht bloß die Beschäftigung der Männer; die Damen beteiligen sich in ebenso aktiver Weise daran, ja sie waren diejenigen, welche das erste Beispiel gaben. Man erzählt, daß weniger denn 5 Min. nach Ankunft der Truppen in Peking drei Damen in aller Eile ihr Gesandtschaftshotel verließen, sich.in ein gewisses, sehr bekanntes Magazin, in der Straße der Gesandtschaften gelegen, begaben, um nach kurzer Zeit schwer beladen mit Ballen von Seide, kunstvollen Spitzen und Kunftobjekten aller Art daraus zurückzukehren. Ter andere Zeuge, Mchor Scott, erzählt, damit genau übereinstimmend, ausdrücklich, daß er die Dinge selbst gesehen hat: „Es waren kaum 5 Minuten verstrichen, seitdem ich mit meinem Bataillon in die britische Gesandtschaft von Peking eingerückt war; das Gewehrfeuer unter den Stadtmauern dauerte noch fort. Da sah ich, daß drei Damen wie die Verrückten die Straße der Gesandtschaften hmunterliesen. Sie hatten sich nicht einmal die Mühe genommen, einen Hut aufzusetzen, und ihr Haar, derangiert durch den schnellen Laus, hing aufgelöst über ihre Schultern herab." Und nun erzählt Scott genau dasselbe wie oben. Aus Stadt und Land. Nachrichten von allgemeinem Interesse sind uns stets willkommen und werden angemessen honoriert. Gießen, 3. Dezember 1901. - Gießener Volksbad. Im November wurden 8055 Bäder verabreicht, gegen 8714 un Oktober 1901 und 7420 im November 1900 oder im Durchschnitt auf den ganzen Badetag 288 Bäder gegen 300 im Oktober 1901 und 265 im November 1900. Der Besuch im einzelnen hat sich verteilt wie folgt: Schwimmbad 4506 Manner, darunter 764 zu 10 Pfg., , 783 Frauen, , 122 „ 10 „ Wannenbäder 1. Kl. 263 Männer, 62 Frauen, „ 2. , 602 , 386 „ Dampf- und Heißlustbäder sowie Massage zusammen 138 Männer, 26 Frauen, Brausebäder 1157 Männer, 132 Frauen. Die Personenwage wurde von 180 Personen benutzt und das Bad von 16 Personen besichtigt. •• Die Deutschen im Auslände. Man schreibt uns aus Darinstadt: Es dürfte wohl bekannt sein, daß seit zwei Jahren eine allgemeine Kirchenkollekte für die Versorgung der evangelischen Deutschen im Auslände bei uns in Hessen erhoben wird. Die Erträgnisse dieser Kollekte sind seither zum größten Teile den deutschen Kolonien zugute gekommen. Für den Kirchbau in Dar es Saturn und in Windhoek wurden bedeutende Schräge verwandt. Außerdem erhielten die Seemannsmission, die evangelische Gemeinde in Paris, welche viele Hessen zu Mitgliedern har, und die Diaspora an der unteren Donau namhafte Unterstützungen. Daß die Stärkung der evangel. Kirche im Auslande auch dem Deutschtum zugute kommt, ist einleuchtend. Ebenso aber dient sie auch zur Förderung der Mission. In unseren Schutzgebieten ist dies der Fall. In Windhoek, der aufblühenden Hauptstadt von Deutsch-Südwestafrika, das jetzt schon durch den Telegraphen Weltoerbindung hat, bald auch durch die Eisenbahn mit der Küste verbunden sein wird, eröffnet demnächst die Rheinische Mission eine Hauptstalwn. Missionshaus und Schule stehen schon, nun soll es auch an den Kirchbau gehen. Auch in Deutsch-Ostafrika geht es vorwärts. Das Kilimandscharo- gebiet^ ist völlig beruhigt. Die Leipziger Mission dehnt ihre Stationen aus und wagt sich sogar in den äußersten Westen. In Tsintan (Kiautschou) ist das großenteils aus dem Nachlaß des Ehinesenmissionars Dr. Faber hergestellte Faberhospital soeben fertig geworden. Es hat Platz für 60 Kranke und in einer Isolierbaracke noch für 50 weitere. Der Allgemeine protestantische Missionsverein hat die Oberleitung. Nur in dem fteberreichen Neuguinea kämpfen unsere Neuendettelsauer und Barmer Missionare noch mit denselben Schwierigkeiten wie im Anfang. Die scheuen und geistig tiefstehenden Papuas sind schwer zu gewinnen. Jetzt leisten sie wenigstens keinen Widerstand mehr, ja sic zeigen sich schon beim Kirchbau hilfsbereit. Einzelne Bekehrungen sind erfolgt. Wenn so im allgemeinen ein erfreulicher Fortgang der Missionsarbeit wahrzunehmen ist, so fehlt es doch auch nicht an Nöten. Die um Indien verdiente Goßner-Mission (Berlin) vermag ihre nahezu 50 000 Getauften und 17 000 Taufbewerber nur dann zu. versorgen, wenn ihr die heimatliche Kirche thatkräftig zu Hilfe kommt. Vermischtes. * Der Kaiser am Spieltisch. Der Kaiser weilte beim jetzigen Grasen, damaligen Herrn v. Alvensleben auf Neu-Gattersleben, als Jagdgast und gewann dort von dem durch seinen Witz bekannten Advokaten Hagemann aus Leipzig zwanzig Mark im Piquet. Das gewonnene Zwanzigmartstück ließ der Kaiser mit Diamanten umgeben zu einer Busennadel fassen und Herrn Hagemann nach Leipzig senden. Infolge dieser Auszeichnung reiste der Rechtsanwalt natf) Berlin. Er begab sich im Frack und weißer Kravatte ins Schloß. Mit seiner ihm eigentümlichen Gemütlichkeit gelang es ihm, bei den Wachtposten und Lakaien ungehindert vorbei- zubommen, indem er mit seinem sächsischen Dialekt wiederholt sich äußerte: „Nu, idp will mich nur beim Kaiser für das schöne Geschenk bedanken." Hö gelangte er schließlich dis zu den Gemä(em des Kaisers und wurde von dem- elben nicht nur empfangen, sondern auch noch zur Tafel geladen. Der Rechtsanwalt entschuldigte sich, jedoch, der Auszeichnung nicht Folge geben zu können, indem er sagte: „Nu ne, Majestät, das geht nicht, ich muß nach Leipzig zurückreisen zur Wahl." Mit liebenswürdigem Lächeln bemerkte der Kaiser: „Ah, ein pflichttreuer Unterthan, das gefällt mir; ich erwarte Sie übermorgen zur Tafel." — Nach einem Jagddiner, das gleichfalls beim Grafen Mvens- leben stattfand, schnupfte Hagemann oft aus einer unansehnlichen Dose. Der Kaiser, dies bemerkend, fragte: „Was haben Sie denn da für eine alte häßliche Dose?" — „Maje- tät", erwiderte Hagemann, „das ist ein Andenken von meinem lieben teuren Freunde, dem berühmten Döring." Einige Zeit darauf wurde Herrn Hagemann im Kaiserlichen Auftrage eine goldene, mit Diamanten reich verzierte Dose übermittelt. Er schnupfte nun noch mehr als früher, schon um feinen vielen Bekannten Gelegenheit zu geben, das Kaiserliche Geschenk bewundern zu können. — Vor nickst langer Zeit ist Hagemann nach kurzer Krankheit geswrben. * Der Revolver unter den Stadtvätern. Heißblütige Diskussionen im Stadtrat von Roquebrunn, dem romantisch gelegenen Felsenneste in der Nähe von Monte Carlo, haben zu einer grimmigen Tragödie im Heiligtum Mer ehrbaren Körperschaft geführt. Es stand eine Maßnahme zur Debatte, deren Ausführung zu einer schweren Erhöhung der Steuern und zu einer direkten Bereicherung des Stadtoberhauptes Brigliano geführt hätte. Einer dett Stadtverordneten, Orsini, der ganz besonders durch dis geplanten Beschlüsse benachteiligt worden wäre, geriet über eine Rede des Bürgermeisters in solche Wut, daß er einen Revolver aus der Tasck>e zog und auf feinen Gegner ab- feuerte, der, in den Unterleib getroffen, zusammenbrach. Mit einer zweiten Kugel traf Orsini den Unterbürgermeister Sigaut, und zwar derart, daß dieser bald daraus verstarb. Ein im Saale anwesender Polizist warf sich sofort auf den Mordbuben, um ihm die Waffe zu entreißen und ihn zu verhaften, aber Orsini emwischte ihm und lief hinter die flüchtenden Stadtväter die Treppe hinunter, wobei er noch einmal seinen Revolver abfeuerte und einen der Stadtverordneten im Gesicht verwundete. Unten auf der Straße kam ihm der Bruder des ersten Bürgermeisters entgegen. Orsini schoß auch auf diesen und traf ihn in den ^pf. Tann flüchtete er zur Stadt hinaus und enttarn. Man glaubt, daß er sich über die italienische Grenze geflüchtet habe. Die schweren Blutuiaten haben eine gewaltige Aufregung in dem sonst so friedlichen Städtchen hervorgerufen. Der Zustand der Verwundeten, besonders der des ersten Bürger- meifters, ist sehr bedenklich. Tie Beerdigung Sigauts wird unter Beteiligung des ganzen Ortes stattfinden. Ter flüchtige Orsini ist ein früherer Jäger des Fürsten Carl von Monaco. Seine Frau wird feit der That ebenfalls vermißt. Neueste Meldungen. Origiualdrahtmcldungen des Gießener Anzeigers. Berlin, 3. Dez. Die österreichisch-ungarische Regierung hat hier ihr Bedauern über die preußenfeindlichen Demonstrationen der Polen in Galizien ausdrücken lassen. Kopenhagen, 3. Dez. Der norwegische Dampfer „Waagan* wurde, aus Drontheim kommend, auf offener See infolge einer Explosion ein Raub der Flammen. Zwei Menschen kamen ums Leben. London, 3. Dez. Kitchener meldet aus Pretoria: von gestern: Wie die verschiedenen englischen Truppen- abteilungen berichten, sind in der vergangenen Woche 32 Büren gefallen und 18 verwundet worden. 256 wurden gefangen genommen und 14 ergaben sich. Dio Generale Bruce Hamilton, Spence und Plumer marschieren gegen, den Feind im Ermelsbezirk. Methuen hatte in Westtransvaal einen kleinen Zusammenstoß mit Burentruppen. Die Burentommandos im Südwesten des Oranjestaates wurden durch Gefangennahme einzelner kleiner Ztommandos beträchtlich, verringert. General French berichtet, feine Truppen brachten im Nordosten der Kapkolonie den Scharen von Myburg und Fouche schwere Verluste bei. Diese sind jetzt zerstreut. Im Südweslen ist Kommandant Theron mit geringen Streitkräften südwärts den an der Eisenbahn; nach Clanwilliam stehenden englischen Abtettungen enti wischt. Man ist ihm aber auf den Fersen- London, 3. Dez. Aus Vryheid wird gemeldet: Zahlreiche Buren sind in der Umgegend aufgetaucht. Die Engländer haben Höhlen aufgefunden, in denen große Mengen von Proviant aufgefpeichett waren. De Wet wäre beinahe in Gefangenschaft geraten iu der Nähe von Kroonstad, wo er sich mit einem kleinen Kommando aufhielt. Die Kolonnen Elliots und Frenchs verfolgen ihn und bringen ihm schwere Verluste bei. Wien, 3. Dez. Gestern Abend stieß auf der Station Sollena'i der Aspangbahn ein von Süden kommender Personenzug mit einem Wiener Zuge zusammen. 3 Wagen wurden zertrümmert. 3 Personen wurden schwer, 19 leicht verletzt. Washington, 3. Dez. Das Staatsdepartement bezeichnete es als unrichtig, eine Anzeige vom Tode der Miß Stone erhalten zu haben. Die Vereinigten Staaten werden bei der Pforte Vorstellungen über die Haltung der türkischen Behörden erheben. Schanghai, 2. Dez. Die Regierungstruppen sind von den Boxern im Nordosten der Provinz Tschili geschlagen worden. .Erfahrung lehrt’s tagtäglich, daß ein Geschenk um so wertvoller ist, je prak- rischer es für uns ist, je größere Dienste es uns leistet. Tie eleganten Weihnachts-Kartons mit je 3 Stuck Doering’s Eulenseife sind daher eine doppelt wertvolle Beigabe zu Weihnachts-Geschenken, denn 1. sind sie das Beste, was die Reifen-Branche bietet, 2. sind die Kartons sehr schon ausgestattet, 3. sind dieselben in Tarnen- wie in Herrenkreisen als Geschenk sehr beliebt und 4. ist ihr Nutzwert in Folge ihrer günstigen Wirkung auf Zarthett der Haut und Klarheit des Teints, ein anerkannt ^großer. Doering's Weihnachts-Kartons sind überall ohne Vreisausschlag zu haben. (Nachdruck verboten.) n. .,el und Gretel", die as sollte also unsere Kriefe aus der Residenz (Originalbericht des „Gieß. Anz.") „Kammersänger". „Ich kann Ihnen nur sagen, daß seit Wagners Tod noch nirgends ein Bedürfnis nach neuen Opern besteht." Man braucht fiti)i daraufhin nur unsere Buhnenreperroirs anzufehen, um zu finden, daß cs stimmt! „Carmen", „Cavalleria" und „Bc.uzzo" sind die einzigen Nach-Wagnerifchen Opern, mit be;iL_, abgesehen vielleicht Tie Herren Riechmann, Weber, Kreft und Wolf schufen ein prächtiges Quartett, das so tief und sonnig in der Farben- und Lichtzusammenstellung wirkte wie ein altes niederländisches Bild. Aber auch Frl. Benay als Vertreterin der lieblichen „Rosa", die sich von Anfang bis zu Ende anfingen lassen muß, that ihre volle Schuldigkeit Ter Komponist wurde nach jedem Akt gerufen. Se. Kgl. Hoheit der Großherzog wohnte, der Aufführung bei und spendete auch zu wiederholten Malen seine Anerkennung. T-r M sind ihrer drei, die um das Röschen werben. Ter eine, ein verkappter Ritter, der zweite ein Maler und der dritte ein, um. tzkstdschmied. Letzterer, den das Nttidcheu wieder liebt, muß' von Humperdincks Märchenstück . natürlich auch den Sieg erlangen, und dem alten Küfer-1 Bühnen Geschäfte gemacht haben. Darmstadt, 2. Dez. Eine neue Oper, „Merster Martin und seine Gesellen" von Wendelin Weißheimer, auf die wir ziemlich lange warten mußten, da sich der Premiere immer wieder unvorhergesehene Hindernisse entgegen^ stellten! Als erste Opernnovität der Saison fand das Werk, das am Sonntag unter persönlicher Leitung des Komponisten in Szene ging, ein allseitiges Interesse und eine Aufnahme, die an einigen Stellen die Grenzen des konventionellen Beifalls überschritt. Die Oper ist nach einer Erzählung des bekannten Romanttkers Hoffmann gearbeitet, die aber, ausnahmsweise, weder grotesk, noch schauerlich ist, sich vielmehr vortrefflich zu jener Art von Librettos eignet, welche Lortzing liebte. eifter Martin und feine Gesellen" verlangt feiner ganzen Anlage nach eine Musik, wie sie der „Waffenschmied" aufweist, nach der orchesttalen Seite hin vielleicht eine Jnstrumentenmifchung im Meister- -fingerftiL Tenn auch das Mottv, das der Handlung zu Grunde liegende Hauptthema erinnert etwas an Meister Pogners Preisaufgabe; der Wagnersche Zunftmeister wlll die Hand seiner Tochter nur einem geben, der im Wettsingen den Preis ba Don getragen — Meister Martin mag nur einen Küfer als Eidam. List und Liebe werden voll den Frauen ausgewendet, um sich in Meister Martins Dienst treue Gesellen den begehrten Schatz zu erwerben. Es -----J —J y— 1 vy-kVkyVL, daß die Einstudierung einer alten Oper, sagen wir einmal der Verdischen „Aida" noch immer mehr trägt, als die riskante Inszenierung einer Novität, welche die Pflichtabende kaum überdauert. Gerade die letzten Jahre haben uns hier auf dem Gebiet der Opernneuerwerbungen eine Menge von Fehlschlägen gebracht. Zwei „Festopern", die Sophie von Br^ baut" und die „Assarpai" von Hummel sind auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Mit dem öden Machwerk „Die Bettlerin von Pont des Arts" ließ sich gar nichts ausrichten — und unwilltürlich sagte man sich: Ta haben uns die Opern unseres Hofkapellmeisters Willem de Haan, feine „Kaiserstochter" und seine „Jnkasöhne" doch ungleich mehr geboten! Warum giebt man diesen Werken, die stets volle Häuser machten, nicht wieder ein gewisses Daseinsrecht? Wir wollen uns freuen, wenn man die Weißheimersche Oper nicht so bald einsargt. Tenn es ist ein edler Geschmack in ihr, und der Komponist weiß sich bis zum Schluß auf der Höhe der angeschlagenen (Stimmungen zu halten. Dazu kommt, daß jeder Akt seine eigene Farbe hat, und die Menschen nicht als Figuren, sondern als Individualitäten behandelt werden. Namentlich gilt dies von dem „Meister Martin" und den „Trei Gesellen". meister kommt beim Anblick des schönen Goldpokals, den | ^beaterbireftionen bestimmen, gierig nach neuen Partie- Friedrich gefertigt, wie eine Erleuchtung, daß die Lippen'kuren Ausschau zu halten, nachdem die Erfahrung gelehrt, seines sterbenden Weibes mit den Worten: „Ein glänzend " Häuslein wird er bringen, würzige Fluten treiben drin . . ." auf einen Goldschmied und nicht, wie er bisher gemeint, auf einen Küfer, hingedeutet haben. Freude und allgemeine Zufriedenheit bildet die Stimmung des Finales. Auch die abgewiesenen Freier tragen ihr Schicksal mit Würde. Tie Partitur zeigt den Komponisten, der über ein reiches musikalisches Wissen verfügt und auch den Ehrgeiz besitzt, volkstümlich zu schreiben. In Karlsruhe ist die Oper häufig gegeben worden. Weshalb sie nickst die Runde über alle deutschen Opernbühnen gemacht hat, erscheint uns keineswegs wunderbar. Es ist nickst die triviale Liedertafelmusik, die immer und überall ihr Publikum findet, es ist andererseits aber auch nicht der ganz vornehme Stil eines Originalgeistes, dem zu Liebe man sich in kritische Fehden und Vorkämpferschlachten einläßt. In der Kunst haben und beherrschen den Markt entweder das ganz Große oder das ganz Minderwertige. Das anständige Mittelgut kommt, wenigstens auf der Bühne, meist recht schlecht fort. Und die Oper „Meister Martin und seine Gesellen", die zu einer Zett entstanden ist, als gerade Wagner begann, seine magischen Kreise zu ziehen, kann noch von Glück sagen, daß sie sich überhaupt durchgesetzt hat, denn im allgemeinen gilt durchweg der Ausspruch des Tenors in Wedekinds 6 Kaplar;sgasse §8 A 11 L iKWW LV Z ■ v ■ ■ Tjr^'.' Ä^W MÄÄW k V k x MM Hl« i-> < W ferner: für 3 der (j Landg haltsvi Bitte: Kz Meß, Kamn, in den bei bei bei bcr leiste werden ., Ak bre Ren ®att9 '^erw Un9ün rustellen aus: q En ®eb ^ahl Einzig in seiner Art ist des Möbelfabrik-Lager und Versand-Geschäft Eigene grosse Schreinerei. '. -L: | Vorzügliche Qualität Polster-, Tapezier- und Decoral ions-W erkstätte Tdlan beachte nachstehende staunend billige Preise/ die Gelegenheit ißaftrf SgDeazäaQs'Sä^ sn eemgsBe^tesr Wobnmijß-Ehirklihmiiro M190 M. bis 3000 M 7729 stets v@g*i*äthig am Lager»! ISilSi^ste Bezugsquelle für Hotel- und Wirtschafts-Einrichtungen. Coulanteste Zahlungs-Bedingung nach üebereinkommen! 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