Nr. 283 Erscheint täglich ®U Ausnahme des Montags. Die Siebener Zamüiem dlaner werden bent An» -e»ger im Wechsel mit oem »Hess. Landwirt' xnb den .Blättern für hessische Volkskunde' viermal wöchentlich beigelegt. Redaktion, Ervedttio« und Druckerei: Sch^lftraße 7. Adresse für Depeschen: Anzeiger Gießen. Kernsprechanschluß Nr.ül. Erstes Blatt. 151. Jahrgang. Sonntag 1. Dezember 1901 GietzenerAnzeiger ** General-Anzeiger w **' Amtr- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen Annahme von Anzeige« ru der für den folgenden Lag erscheinenden Nr. bis vormittags 10 Uhr. Alle Anzeigen-Vermttt- lungsstellen des In-und Auslandes nehmen Anzeigen entgegen. ZeilenpreiS: lokal 13 Pf.» auswärts 20 Pfg. Rotationsdruck u. Verlag der Brüh l'fchen UniversitätS - Druckeret (Pietsch (Erben). Derantwottlich für den allgemeinen Teil: P. Wlttko; für den Anzeigenteil: HanS Beck Bismarckiana. De* st)eben erschienene „Anhang zu Btsmrrrcks Gedanken und Erinnerungen enthält mannigfache wichtige Beiträge zur neuesten Zettgeschichte. Wir erfahren daraus, wie der Kronprinz, der während der Konfliktszeit in schroffem Gegensatz zum Ministerpräsidenten Bismarck gestanden hatte, sich nach Küniggrätz ihm näherte. Am 1. August 1867 schreibt er an ihn: "Im Innern des Landes wächst die Unzufriedenheit über die Maßregeln Ihrer Kollegen Eulenburg und Lippe, wozu namentlich die Verfolgung von Leuten wie Twesten und Lasker beiträgt. Was jenen beiden während der Reichstagssitzungen zu verdanken ist, wissen Sie ebenso genau wie ich, und ich kann nicht verstehen, was es un3 nutzen soll, derartige Personen zu maßregeln und zu verletzen. Ter Kronprinz ist es, der die Ernennung Fr red- 6ergs zum Staatssekretär des Reichsjustizamts dringend befürwortet. Er giebt auch die erste Anregung zur Berufung S i m s v u s an die Spitze des Reichsgerichts, und zwar in folgendem Schreiben an Bismarck vom 10. OÄober 1878: ,Mns vergaß ich neulich abend zu erwähnen, nämlich, ob nicht der Präsident des Äppellationsgerichts zu Frankfurt a. O. Simsou die geeignete Persönlichkeit wäre für den künftigen Posten eines Präsidenten des Obersten Reichsgerichts zu Leipzig. Noch eilt die Sache nicht, aber ich Null bei Zeiten meinen Kandidaten genannt und dringend empfohlen haben. Eine Persönlichkeit von solcher Verdangenheit und von so viel politisc^m Gewicht hat gewiß auch die richtige Begabung, um unser Oberstes Gericht einzusetzen und alsdann zu leiten!" Tiefe Anregungen hatten Erfolg. Völlig dagegen fiel der Kronprinz mit einer Emvfehlung Geffkens ab. Ter Kronprinz lenkte die' Aufmerksamkeit des Staatsmannes auf den Straßburger Professor als einen Mann, der reiflich nachdenke und viele Erfahrungen gesammelt habe. Aber da kaut er übel an. Bismarck erwiderte am 8. Januar 1876: „Bei den Verhandlungen, welche im letzten Sommer bei mir angeregt wurden, ist mir von ultramontaner Seite gerade der Dr. Gefscken als der Mann angedeutet worden, der eventuell die ultranvomanen Wünsche und Interessen zu vertreten bestimmt sei. Ueber sein Buch (Staat und Kirche) kann ich ziemlich unbefangen urteilen, denn ich habe den speziellen Inhalt der Maigesetze, den ich damit nicht tadelll will, nicht zu verantworten; ich war damals an den Arbeiten des preußischen Ministeriums nicht beteiligt und namentlich weder Kultusminister noch Ministerpräsident. Um so unparteiischer kann ich konstatieren, daß in den mir bekannten Kreisen der Fachmänner Tr. Gesfckens Buch als eine seichte Kompilation bezeichnet wird, wie seine Kritik der Falkscheu Gesetze jedenfalls von dreister Anmaßung, aber nicht von sachlicher Prüfung Zeugnis giebt. Ich habe Herrn Gefscken auf seinen Wunsch zur Professur in Straßburg vorgeschlagen, in dem guten Glauben, oaß es ihm um wissenschaftliche Thätig- keit ehrlich zu thun sei, und daß fein augustenburgischer und hanseatischer Partikularismus durch die Herstellung des Reiches versöhnt sein werde. Ich habe mit Bedauern gehört, daß ich mich darin geirrt habe, und er selbst an einem so wunden Punkte wie im Elsaß die Reichsinteressen befeindet. Es würde mich das alles nicht ab- halten, ihn, wie so manchen Gegner, zu sehen, wenn ich nicht eine Unterredung ohne Zeugen mit ihm scheute, und wenn ich nicht fürchten müßte, daß jeder Verkehr mit diesem Wertzeug konfessioneller Jntriguen das Mißtrauen der öffentlichen Meinung und insbesondere das meiner Kollegen gegen mich wecken müßte." Der Kronprinz war über diese leidenschaftliche Kritik einigermaßen erstaunt, fand aber begreiflich, daß unter diesen Umständen eine Unterredung zwischen Bismarck und Gefscken unterblieb. Tiefer Briefwechsel trägt manches zur Ertlärung des späteren Geffcken-Pvozesses bei. Recht interessant ist auch, aus den Aktenstücken zu erfahren, daß die württemb. Minister v. Mittnacht und v. Pfretzschner sich 1875 bei Bismarck bemühten, durch den Ausbau des Bundesratsbeschlusfes für auswärtige Angelegenheiten besser über die Weltgeschichte unterrichtet zu werden, da sie sich bei dem Krieg-in-Sicht-Äeschrei lediglich auf Zeitungsnachrichten angewiesen sahen. Bismarck erwiderte u. a_: „Eine offene Aussprache über die Ziele und die Maßnahmen der Reichspolitik wird meinerseits mit Genehmigung Sr. Majestät des Kaisers jedesmal ohne Anstand statt- ftnden, wenn sie den leitenden Ministern der im diplomatischen Ausschuß vertretenen Souveräne gegenüber erfolgen kann; es würde sich nur um die Herbeiführung der Begegnung handeln. Unter welchen Modifikationen der bestehende diplomatische Ausschuß dazu förderlich werden kann, darüber würde ich gern auf jeden Vorschlag erwägend eintreten, namentlich wenn er von Euer Exzellenz oder von einer so wohlvertretenen Regierung wie kgl. wurttembergische, auch durch deren ständigenGesandten zunächst vertraulich an mich gelangte. Jedenfalls bin ichEw. Exzellenz amtlich und persönlich dankbar für die freundliche Anregung des für die Fortbildung der Reichseinrichtungen so wichtigen Gegenstandes." Aus den Briesen des Kardinals Hohenlohe erfährt man, daß schon im Frühjahr 1876 Verhandlungen über die Beilegung des Kulturkampfes eingeleitet waren. Er selbst sprach die Hoffnung aus, daß der Zentrumspartei das Handwirk gelegt werde. Am 26. November 1879 schreibt Gustav Prinz von Hohenlohe, Kardinal der römischen Kirche, Bischof von Albano, über die Jesuiten: „Gut ist es immer, unser Vaterland vor dieser Landplage zu hüten." Ganz verwundert schreibt der Kaiser an Bismarck am 30. Dezember 1877, daß Biennigsen nach, Varzin berufen sein soll, um Minister des Innern zu werden, und daß, als er Eulenburg erklärte, davon nichts zu wissen, dieser es gar nicht glauben wollte. („Der Heuchlet, fugt Bismarck bei.) Der Kaiser fährt fort: „Ich muß Sie also ersuchen, mir Mittellung zu machen, was denn eigentlich vorgehet?. Was Bennigsen betrifft, so würde ich seinen Eintritt in das Ministerium nicht mit Vertrauen begrüßen können, denn so fähig er ist, so würde er den ruhigen und konservativen Gang meiner Regierung, den Sie selbst zu gehen sich ganz entschieden gegen mich aussvrachen, nicht gehen können." Da aber dieser Brief sich mit einem Bismarcks kreuzte, schrieb der Kaiser sofort, er bedürfe feiner Auskunft mehr: „Daß an all den Gerüchten nichts wahr sein konnte, verstehet sich ja von selbst, es war also nur die Berufung Bennigsens, die mich inquietierte, und da ich Ihnen ja nie verwehren kann, Personen, die Sie wirllich zu hohen Posten mir Vorschlägen zu wollen beabsichtigen, vorher noch genauer zu prüfen, so ist auch diese Jnquietude ganz beseittgt, da B. kein Kandidat ist." In demselben Briefe des Kaisers findet sich folgende Stelle: „Tie brennende politische Frage, ob Frieden oder Krieg, liegt ganz in Englands Hand; aber ich fürchte daß bei der Kriegs Lust der Königin Viktoria und chrem jüdischen ersten Ratgeber (Benjamin Tis- raeli Earl of Beaconsfield), der sie in ihrer Lust bestärkt, die Tinge zur Kriegsverlängerung und dann zu viel größeren Eomplicationen für Europa führen werden, als der bisherige lokalisierte. Enfin qui vivra, verra." Aus einem Schreiben des Generals v. Albedyll erfährt man, daß Kaiser Wilhelm I. schon im Juli 1885 in Ems einen schweren Ohnmachtsanfall hatte und „sehr nahe an dem Augenblick war, wo ein Zuruckkehren ins Leben nicht mehr möglich gewesen wäre." Am 14. Mai 1886 wiederholte sich der Anfall mit Lähmungserscheinungen, Verworrenheit, stotternder und schließlich versagender Sprache. Schon nach dem ersten Vorgang hatte sich, der Kronprinz mit Bismarck über den etwaigen Thronwechsel auseinandergesetzt. Das letzte Schreiben Kaiser Wichelms an Bismarck, das mitgeteilt wird, lautet: „Berlin, 23. 12. 1887. Anliegend sende ich Ihnen die Ernennung Ihres Sohnes zum Wirklichen Geheimen Rat mit dem Prädikat Exzellenz, um dieselbe Ihrem Sohne zu übergeben, eine Freude, die ich Ihnen nickst versagen wollte. Ich denke, die Freude wird eine dreifache sein, für Sie, für Sohn u(u)d für mich! Ich ergreife die Gelegenh(ei)t um Ihnen mein bisheriges Schweigen (zu erklären- auf Ihren Vorschlag, meinen Enkel den Prinzen Wilhelm mehr in die Staatsgeschäfte einzuführen, bei dem traurigen Gesundheits-Zustande des Kronprinzen meines Sohnes! Im Prinzip bin ich ganz einverstanden, daß dies geschehe, aber die Ausführung ist eine sehr schwierige. Sie werden ja wissen, daß die an sich sehr natür(liche) Bestimmung, die ich auf Ihren Rat traf, daß mein Enkel W. in meiner Behinderung die laufenden Erlasse des Zivil- und Militärkabinetts unterschreiben werde unter der Ueberschrift: „Aus Allerhöchsten Befehl", — daß diese Bestimmung den Kronprinzen s ehrirritiert hat, als denke man in Berlin bereits an seinen Ersatz! Bei ruhigerer Ueberlegung wird sich, mein Sohn wohl beruhigt haben. Schwieriger würde diese Ueberlegung sein, wenn er erfährt, daß seinem Sohn eine noch größere Einsicht in die Staatsgeschäfte gestattet wird n(n)d selbst ein Eivil Adjndant gegeben wird, — wie i ch seiner Zeit meine Vortragenden Räte bezeichnete. Damals lagen die Dinge jedoch ganz (anders), da ein Grund meinen Königlichen Vater veranlassen konnte, einen Stellvertreter des damaligen Kronprinzen zu bestellen, obgleich, meine Erbschaft an der Krone schon längst vorher zu sehen war, und meine Einführung unterblieb bis zu meinem 44. Jahre, als mein Bruder mich sofort zum Mitglied des Staats Ministeriums ernannte mit Beilegung des Titels als Prinz von Preußen. Mit dieser Stellung war also die Zuteilung eines erfahrenen Ge- schäf.s marines no.wmcig ummch.zur jedesmaligen Staats Minifterial Sitzung vorzubereiien. Zugleich erhielt ich täglich die politischen Depechien, nachdem dieselben durch 4—5—6 Hände, — den Siegeln nach, gegangen waren! Für bloße Conversation, wie Sie es Vorschlägen, einen Staatsmann meinem Enkel zu zuteilen, entbehrt also des Grundes, einer Vorbereitung, wie bei mir, zu einem bestimmten Zweck u(nd) würde bestimmt meinen Sohn von neuem u(nd) noch mehr irritieren^ was durchaus unterbleiben muß. Ich schlage daher vor, daß die bisherige Art der Beschäftigung-Erlernung der Behandlung der Staats-Orientierung beibehatten wird, d. h. einzelnen Staats Ministerien zugeteilt werde, und vielleicht auf zwei ausgedehnt werde, wie in diesem Winter, wo mein Emel freiwillig den Besuch des Auswärtigen Amts ferner zu gestatten neben dem Finanzministerium, welche Freiwilligkeit dann von Neujahr ganz fortfallen könnte, und vielleicht das Minist. des Innern an die Stelle (treten könnte), wobei meinem Enkel zu gestatten wäre, in einzelnen sanglanten Fällen sich im Auswärt. Amt zu orientieren. Diese Fortsetzung des jetzigen Verfahrens kann meinen Sohn weniger irritieren, obgleich Sie sich erinnern werden, daß er auch gegen dieses Verfahren scharf opponiert. Ich bitte also um Ihre Ansicht in dieser Materie. Ein angenehmes Fest Ihnen Allen wünschend Ihr dankbarer Wilhelm. Der Schillerpreis des deutschen Aolkes. Als im Jahre 1829 die ersten romantischen Werke auf der Bühne erschienen und „Marion de Sonne" von der französischen Komödie angenommen wurde, erging eine Bittschrift an den König Karl X., er möge das Theater allen Werken der „neuen Schule" verschließen. Der König aber lächelte und erwiderte, daß er in litterarifdjen Angelegenheiten nur wie jeder Bürger seinen Platz im Zuschauerraum habe. Er lehnte es ab, fick), zum Richter in künstlerischen. Fragen zu machen und sie kraft seiner Staatsgewalt zu entscheiden. Anders Ludwig L von Bayern. Als Cornelius von München nach Berlin ging, sagte Ernst Förster zum Könige: „Wir werden es schwer empfinden; beim schon seine Gegenwart hält die Kun/st auf der Höhe und scheucht von Irrwegen zurück; wir büßen viel ein, aber Ew. Majestät verlieren eine Perle aus Ihrer Krone". Woraus Ludwig, heftig entgegnete: „Nicht an Cornelius ist die Kunsts in München gebunden; ich der König, bin die Kunst von München". Welcher Standpunkt der richtigere ist, vielleicht gehen die Meinungen darüber auseinander. Ludwig I. hat der Kunst ein warmes Herz entgegengebracht; aber wie von seiner Fürsorge, so erzählen die Straßen der bayerischen Hauptstadt auch genug von seinen Fehlgriffen. Und wenn schon der Herrscher eines Mittelftaates für seine Fehlgriffe geltend machen kann, daß er von Regierungsgeschäften aller Art zu sehr in Anspruch genommen sei, um auf dem Gebiete der Kunst und Litteratur mit dem Fachmann den Wettbewerb auszuhalten: wie erst muß dem Oberhaupt einer Großmacht, dem Leiter ihrer Politik, dem obersten Kriegsherrn ihres Heeres und ihrer Marine zu gute gehalten werden, daß er mit Arbeiten und Sorgen überbürdet ist, wenn er in litterarischen und künstlerischen Dingen Entscheidungen trifft, die in den Kreisen der zuständigen Beurteiler nicht immer Beifall finden! Je größer ein,. Staatswesen ist, um so größer ist das Unrecht, das man gegen die Krone verübt, indem man ihr Ausgaben zuweist, die sie nicht zu lösen vermag. Es ist falsch, Verhältnisse zu schassen, in denen die Verantwortung nicht auf die Räte des Monarchen abgewälzt, sondern ihm selbst auferlegt wird. Dadurch wird die Nation genötigt, Stellung zu den Anschauungen des Herrschers zu nehmen, und da in den Fragen der Kunst, der Litteratur, der Wissenschaft nicht der Wllle auch der mächtigsten Person gilt, so führt die Stellungnahme zu den Anschauungen des Herrschers bei denen, die sich die Seb ständig leit des Urteils wahren, mitunter zur Stellungnahme gegen diese Anschauungen. Das bedeutet eine Fehde gegen die Meinungen des Vtonarchen, auch wenn sie in den ehrerbietigsten Formen geführt wird. Und es ist noch gut, wenn sie geführt wird; sie i|t der Monarchie heilsamer als das Schweigen der Erbitterung. Eine solche Form der Fehde gegen die Ansichten des Kaisers über die Dichtkunst bedeutet der Schillerpreis des deutschen Volks, dessen Stiftung neuerdings angekündigt wird. Geschaffen unter anderen Umständen, als sie heute herrschen, hat. der alte Preis Jahrzehnte hindurch kaum zu lebhaften Erörterungen Anlaß gegeben. In neuerer Zeit aber ist es wiederholt vorgekommen, daß das Urteil des berufenen Preisgerichts verworfen und durch das Urteil des Monarchen ersetzt wurde. So konnte es kommen, daß drei der erfolgreichsten Dramatiker der Gegenwart, die der Mehrheit der Preisrichter ober ihnen allen bes Preises würdig erschienen, seiner verlusttg gingen unb ein Mann wie Wilden bruch öffentlich sein Bedauern über die Fülle der Zuwendung aussprach, die ihm durch die Gunst des Herrschers zu teil wurde. Da aber die Regierung durch Umgestaltung der Satzungen des Schillerpreises jetzt noch schärfer als ehedem zum Ausdruck gebracht hat, daß der Preis nach den Anschauungen der Zkvone zu verleihen ist, wie, so fragt die „Voss. Ztg ", kann es wunder nehmen, daß das Verlangen auftaucht, diesem Kaiserpreise den Schillerpreis des deutschen Volkes entgegenzustellen? Tiefer Gedanke hat, kaum daß er bekannt geworden, außerordentlichen Beifall gefunden. Die Satzungen des neuen Preises sollen sich den alten Satzungen von 1859 genau anpassen, nur daß die Entscheidung des Preisgerichts enbgUtig ist, nicht lebiglich bie Bedeutung eines unmaßgeblichen Gutachtens hat. Trifft die Wahl der Krone in Zukunft bieselbe Person wie die Wahl des unabhängigen Preisgerichts, so wird der doppelt gekrönte Dichter doppelten Ruhm genießen. Gehen aber die Urteile auseinander, so wird die öffentliche Meinung in dem Empfänger des Kaiserpreises nicht immer den Mann sehen, der besser ist als der Empfänger des Volkspreises. Aus dem Gegensatz zwischen Hof und Volk, der sich jn vielen Fragen der Kunst zeigt, ist der neue Preis erstanden; er wird diesen Gegensatz vielleicht noch verschärfen. Aber die Stiftung des Schillerpreises des deutschen Volkes ist nur ein Symptom unerfreulicher Verhältnisse, die auch auf anderen Gebieten bestehen und zu einer Bewegung der Geister geführt haben. Ein Seitenstück zum Schillerpreis ist der Verdunpreis, der dem besten Geschichtswerke zufallen sott. Die Sachverständigenkommission hatte diesen Preis Heinrich b. Shbel zuerkannt für seine Geschichte der Gründung des Deutschen Reichs, das jetzt in einer Volksausgabe von dem Verlage R. Oldenbourg in München herausgegeben worden ist, rechtzeitig vor Weihnachten, ein Werk, das als Ganzes von einer Großartigkeit, von einer Bedeutung ist, daß ihm bie Mitwelt wie die Nachwelt sicherlick) die vollste Anerkennung nicht verweigert. Dennoch wurde ihm der Verdunpreis verweigert. Auch hier ist die letzte Entscheidung nicht dem Preisgericht, sondern dem Kaiser zuge^iesen. Man hat derlei Erfahrungen bei den Entwürfen ru großen Denkmälern gemacht. Auch hier ist bas Urteil des Monarchen in Widerspruch mit dem Urteil des Preisgerichts gekommen. Und ähnliche Fälle mehren sich auch auf Gebieten, wo nicht ein Recht des Kaisers,' zu befehlen, gesetzlich! fest- steht, sondern nur die Frage ist, ob auf seinen W unsch Rücksicht genommen werden solle. 2luch hier entsteht manche Verstimmung, wenn die Erfüllung des Wunsches nur aus der Überzeugung hervorgeht, daß man dem Verlangen der Krone Rechnung tragen müsse, nicht daß seine Erfüllung sachlich den Vorzug verdiene. Die gegenwärtigen Kundgebungen derProfessoren- Freise haben ebenfalls mit dem Volksschillerpreise gemein, daß in ihnen eine ehrerbietige Fehde gegen die Ansichten des Kaisers gesehen werden kann. Und auch sie bestätigen die Auffassung, daß die heutigen Einrichtungen nicht ausreichen, um die Verantwortlichkeit, nicht bloß die politische, sondern auch die moralische, von dem Herrscher auf seine Räte abzulenken. Auch hier haben die Amtsstellen nicht hinreichend erwogen, daß dre Nachteile auf den Monarchen zurückfallen können, wenn sich die Wahl eines akademischen Lehrers, den er besonders ausgezeichnet hat, als «politisch oder wissenschaftlich als verfehlt erweisen sollte. Es ist die Aufgabe der Minister, derart ihren Schuld vor den Monarchen zu halten, nicht nur staatsrechtlich, daß sie selbst überall als die wirklichen Urheber etwaiger Mißgriffe erscheinen müssen, daß vor allem in keinem Fall der Kaiser selbst als fehlbar vor dem Volke erscheinen muß. Diese Aufgabe liegt ihnen ob auf dem Gebiete der Politik, wie auf dem der Kunst, der Litteratur, der Wissenschaft. Hätten sie verstanden, dieser Aufgabe zu genügen, so -wäre kein Schillerpreis des deuffck)en Volkes entstanden, so hätte man nicht von hösischer Kunst geredet, so brauchte man nicht darüber zu rechten, ob ein Herrscher besser nur dieselbe Stellung in der Kritik für sich beanspruche wie jeder Bürger oder in ihm sich die Kunst eines Landes verkörpere. Es ist bedauerlich, daß sich diese Gegensätze verschaffen, wie auch bei der Verleihung von Medaillen geschehen ist. Als Friedrich II. die Wahl Nioses Mendelssohns in die Akademie der Wissenschaften ablehnte, tröstete sich Mendelssohn: es ist besser, daß die Akademie mich vvrge- schlagen und der König mich abgelehnt hat, als daß der König mich vorgeschlagen und die Akademie abgelehnt hätte. Aber es ist nicht gut, wenn sich die Notwendigkeit solcher Trostsprüche oft ergiebt, und es ist nicht gut, wenn ein mit Arbeiten aller Art überlasteter Monarch genötigt wird, persönlich. als Kunstrichter zu wirken und als solcher in der Oeffentlichkeit zu erscheinen. Der Träger der deutschen Kaiserkrone steht zu hoch Mrd erhaben da, als daß er in die Streitigkeiten wie der politischen so auch! der noch' der künstlerischen und litte- Tarif(^01 Parteien gezogen werden sollte. Und darum ist die Moral des Vvlksschiller Preises, daß alle Einrichtungen, die die Verantwortung für eine Entscheidung von dem Preisgericht oder dem Minister auf den Monarchen selbst, in Wirklichkeit oder auch; nur scheinbar, übertragen, vom Uebel sind und der Abänderung dringend bedürfen zum Schutze des Monarchen und seiner Volkstümlichkeit. Politische Tagesschau. Zudustrialifienmg des Ostens. Man schreibt uns: Das Thema von der Industrialisierung deS Ostens wird im Lauf der nächsten Monate wiederholt im Parlament erörtert werden. Hat doch der preußische Handels- mi nister durch seine sommerliche Informationsreise nach dem Osten dort die Jndustinalisierungspläne zu neuem Leben erweckt. Man war bet Herrn Müllers Ankunft freilich hoff- nungssteudiger als bei seinem Weggang. Wie Reif fiel besonders die Memeler Rede des Ministers, in der er die Kaufmannschaft ermahnte, der Notwendigkeit eines erhöhten Zoü- schutzes für landwirtschaftliche Produkte sich nicht zu verschließen, auf die Erwartungen von Handels- und gewerblichen Kreisen. Ein schwacher Trost schien den letzteren, daß der Minister, als er im Herbst gen Westen zog, den dortigen organischen Vertretungen des Handels und der Industrie gleichfalls und eindringlich zu Gemüte führte, wie die Landwirtschaft doch die eigentliche Grundlage unserer staatlichen Kraft und Ordnung sei. Nun, auch ein Minister hat biüiger- weise Anspruch darauf, nach seinen T hat en beurteilt zu werden, und von diesen Thaien wird Herr Möller erst in den parlamentarlschen Verhandlungen Zeugnis ablegen. So weit positive, auf die Hebung der Industrie Ostelbiens ab- zielende Maßregeln in Betracht kommen, geschieht dies im preußischen Landtag. -Herr Möller ist Fachmann genug, um die Ausdehnungsfähigkeit insbesondere der ostdeutschen Maschinen- und Holzverarbeitungsindustrie erkannt zu haben. Der Osten hat billigere Rohstoffe, billigere Arbeitskräfte und billigeren Grund und Boden als der Westen. Was ihm vor allem not thut, ist eine Ausgestaltung der Verkehrsverhältnisse. Als einstiger Industrieller des Westens wird Herr Möller die Bedeutung der Verkehrsge- legenheitan für die industrielle Entwicklung zu schätzen wisseri. Wenn es ihm gelingt oder gelungen ist, im preußischen Staatsministerium eine diesbezügliche Berücksichtigung des Ostens durchzusetzen, so erwirbt er sich ein nicht geringes Verdienst. Wie es weiterhin mit dem Wiedereinbringen der Kanalvorlage steht, darüber läßt sich zurzeit Bestimmtes nicht sagen. Aber der Wunsch der Industriellen des Ostens, das Projekt des masurischen Schifffahrtskanals alsbald und eventuell gesondert in Angriff genommen, zu sehen, dürfte Herrn Minister Möller bekannt geworden sein, sodaß sich ihm auch nach dieser Richtung hin ein Feld zur Be- thätigung seiner Sympathie für die Industrialisierung des Ostens eröffnet. Ferner sind Zollsätze, die der Erneuerung des Handelsvertrags mit Rußland nicht im Wege stehen, für die Entwicklung von Handel und Industrie der Ostmarken gewissermaßen eine Lebensftage. Der Minister wird also bestrebt sein müssen, was an ihm ist, zu chun, damit der agrarische Luftzug den Nicht-Landwirten Ostelbiens nicht die Grenzthür vorüber Nase zuschlägt ... Das vationalsoziale Agrarprogramm. D. Gießen, 30. November. Gestern abend fand im Cafe Ebel eine zahlreich, besonders von Studenten besuchte Versammlung des Nation al- sozialen Vereins statt, in der Dr. Maurenbrecher- Berlin über „die Zukunft der deutschen Landwirt- schaftt sprach. Da der Vortrag gewissermaßen das Programm der nationalsozialen Partei nach dieser Richtung entwickelte, das manchem unserer Leser wesenllich neues bieten dürfte, so geben wir ihn im folgenden in etwas ausführlicher Weise wieder: Dr. Maurenbrecher wies.zunächst darauf hin, daß, wenn man m politistken Vereinen über die Zukunft der deutschen. Landwirtschaft spreche, man von vornherein sich darüber klar sein müsse, daß es sich da nicht um rein wirtschaftliche Gedankengänge handelt, sondern in erster Linie darum, welches der Weg ist, den die Agrarpolitik des Staates gehen soll und welche Bedeutung der Landwirtschaft beizumessen ist. Es sei ein schwerwiegender Fehler unserer liberalen Politiker, daß man sich viel zu sehr auf spezielle wirtschaftliche Fragen festgelegt habe. Die nationalsozialen Interessen, so setzte der Redner auseinander, gipfeln in zwei Punkten: 1. wollten die Nationalsozialen im Interesse der Leistungsfähigkeit des deutschen Volksganzen nicht, daß Stadt und Land durch verschiedene handelspolitische Parolen auseinander gerissen würden und wiederum politische Gegensätze würden. So gut die Nationalsozialen die Sozialdemokraten bekämpften, weil sie den Arbeiterstand von der übrigen nationalen Gesamtheit losreißen wollten, ebenso verwürfen sie die Politik des Bundes der Landwirte, weil sie den handelspolitischen Kampf der Gegenwart formulierten nach dem Schlagwort „Entlveder das Interesse der Stadt oder das Interesse des Landes", weil sie in der Forderung, des Minimalzolles auf Getreide durchaus scharf den Wunsch ausdrückten, daß für die Gesamtentwicklung unseres Wirtschaftslebens das Interesse des Getreide produzierenden Landwirts ausschlaggebend sei. Diese Parole sei unnational. Der Idee der selbstgenügsamen Wirtschaft auf dem Lande stehe in der Stadt entgegen der Gedanke der steigenden industriellen Entwicklung Deutschlands. Darum treibe die Nationalsozialen ihr politisches Gesamtbild von der Einheitlichkeit der Zukunftsentwicklung der Nation in Gegensatz zum Programm des Bundes der Landwirte. Der 2. Punkt gipfele in der Frage, was uns vom nationalen Standpunkt aus die Landwirtschaft leisten solle. Der Bund der Landwirte behaupte, sie solle uns das Getreide bauen, damit wir von der Versorgung durch das Ausland unabhängig blieben. Die Nationalsozialen sagten, sie solle die Menschen schaffen, die fähig seien, die vaterländischen Geschicke zu tragen; das Land müsse der Urquell der nationalen Entwicklung, der Jungbrunnen bleiben, aus dem die in der Kultur der Stadt verbrauchten Kräfte sich immer wieder ergänzen könnten. Wolle die deutsche Nation einen breiten Raum auf der Erdrinde einnehmen, so bedürfe man im Innern Deutschlands eines Bauerntums, das überschüssige Bevölkerung aus sich herauslaffen könne, ohne seine Kraft zu verlieren. Deshalb müffe man dabei stehen bleiben, daß dieses Bauerntum sich nicht geschieden fühle von ber Entwickelung, die bie Stabt wohlhabend gemacht habe. Wenn auf dem Lande genügend Getreide gebaut werden solle, um das ganze Volk zu ernähren, bann könnten nicht so viele Menschen auf dem Lande angesiedelt werden, wie zu wünschen sei. Beweis dafür lieferten die Getreide exportierenden Provinzen des Ostens. Gerade diese seien es, die in den letzten Jahrzehnten den ganzen Bevöllerungszuwachs aus sich heraus abgeschoben hätten, und deren Bevölkerung viel langsamer wachse als im Westen. Wolle man den Getreidebedarf im eigenen Lande decken, so müffe man wünschen, daß die agrarischen Zustände im Westen sich auf die übrigen Provinzen ausdehnten. Denn die Provinzen, die einen zahlreichen Bauernstand ernährten, konsumierten chre Produktion selbst. Er sei überzeugt, daß dieser Gedankengang nationaler sei als d« des Bundes der Landwirte. Das Beispiel zeige, baß, wenn bas Mutterland nicht imstande sei, nachzusiedeln, sich in den Kolonie en sehr bald der Gedanke der politischen Entfremdung vom Mutterlande bemerkbar mache. Seine Parki wolle, daß Deutschland einen zusammengeschloffenen, breiten Raum auf der Welt bilde, der politisch einheitlich geleitet sei. Und um diesen Gedanken zu verwirklichen, bedürfe es der breiten Basis eines gutgenährten, rasch sich vermehrenden Bauerntums, denn der Arbeiterkreis sei für die Kanalisation bekanntlich nicht brauchbar. Der Bund der Landwirte wollte, daß der Getreidebau künstlich verstärkt werde. Die Nationalsozialen fragten, ob diese künstliche Ausdehnung im Interesse des Volksganzen liege. Auf liberaler Seite sei häufig der Landwirtschaft geraten worden, vom Getreidebau zu anderen Produktionen überzugehen. Das halte er für falsch. Für die Nationalsozialen scheide die Frage, ob der Getreidebau aufzugeben sei oder nicht, aus, ganz abgesehen davon, daß immer noch eine gute Menge landwirtschaftlicher Betriebe mit erklecklichem Profit arbeiteten. Für die Nationalsozialen handle es sich um die politische Frage, ob man auf dem Wege der Handelspolitik künftig den Getreidebau zu stärkerer Ausdehnung an» reizen solle oder nicht. Die geschichtliche Entwickelung zeige, daß eine absolute Unrentabilität des Getreidebaues noch in weiter Ferne stehe. Das könne nicht dazu reizen, auf dem angegebenen Wege den Getreidebau noch weiter auszu- dehnen. VefonberS aber kämen 3 Wirkungen, die eine Steigerung der Zölle nach sich ziehen würden, in Betracht. Die erste sei die Erschwerung der Lebenshaltung der städtischen Mafien. Der Getreidezoll schädige die städtische Bevölkerung, aber nicht nur als Konsument, sondern auch als Produzent. Das« sei die zweite Wirkung. Denn die Erzielung guter Handelsverträge würde dadurch erschwert. Dazu komme das dritte und fi"ir die Nationalsozialen Schwerwiegendste, wa§ sonst in der Bekämpfung deS Bundes der Landwirte nicht immer scharf genug hervortrete: Der Getreidezoll nütze der Landwirtschaft als Betriebsform, als soziale Schicht sehr wenig. Nach Erhöhung des Getreidezolls würden die Besitzer vielfach chren Grund und Boden verkaufen, weil nunmehr der Reinertrag höher sei, also auch die Kapitalsumme höher angerechnet werden könne. Dann dürfe man von einem Schutz der Landwirschaft nicht mehr reden. Denn der Nachfolger, der einen höheren Preis zahlen müsse, stehe da wie heute. So nütze der Getreidezoll auf die Dauer den landwirtschaftlichen Betrieben überhaupt nichts. Und wenn der Besitzer auch nichts verkaufe, so sterbe er doch einmal. Dann werde das Gut eingeschätzt, und die Erben hätten denselben Notstand wie früher. Nur dem momentanen Grundbesitzer nütze der Zoll, er hindere aber die bessere Entwicklung der Landwirffchast. Denn das Dringendste, was die Landwirtschaft bedürfe, sei billiges Land, damit ein möglichst großer Teil des Kapitals zum Betriebe verwendet werden könne. Der Mangel der Landwirtschaft liege darin, daß sie nicht kapitalkräftig genug sei, und der Getreidezoll bewirke, Laß die Verschuldung immer mehr anwachse, Der Getreidezoll sei also als Hilfsmittel für die Landwirtschaft zn verwerfen. Der Redner suchte nunmehr nachzuweisen, daß nicht der Kleinbetrieb, sondern der Großbetrieb es sei, der das Land veröde. Denn jener hat, so begründete er, viel mehr Gelegenheit, zu anderen Produkten überzugehen. Und auf dem Land, in der Nähe der Städte, auf dem ein Großgrundbesitzer wohnt, lassen sich Hunderte und Tausende von kleinen Besitzern ansiedeln, die wohlhabender leben können als der Großgrundbesitzer, weil sie die Möglichkeit haben, Waren zu produzieren, die auf dein benachbarten Markte einen höheren Wert haben und deshalb rentabler sind als der Getreidebau. Auch der Bund der Landwirte dehnt den Schutzzoll auf diese Waren wie Butter, Käse usw. in gleicher Weise wie auf das Getreide aus. Doch der Schutzzoll ist hier völlig überflüssig, i Der Redner sucht dies durch statistisches Zahlenmaterial nach^ zuweisen.) Ueberall, wo wir auf diesen Gebieten arbeiteten, haben wir auch ohne Zollschutz die Konkurrenz des Auslandes beseitigen können. Beispielsweise haben wir 1897 noch 106 000 Tonnen frische Kartoffeln aus England bezogen, im letzten Jahre aber schon 3000 Tonnen mehr an das Ausland abgegeben, als wir bekommen haben. Das ist doch sicher ein Zeichen, daß für alle Spezialprodukte die Entwicklung der Technik in der Landwirtschaft, allgemein gesagt, die Entwicklung der Bildung und geistigen Regsamkeit unter den Bauern mehr wert ist als der Schutz durch Zoll. In der Steigerung der Bildung und Regsamkeit unserer Landwirte liegt eine große Menge positive Agrarreform. Dieses Reformprogramm, zu dem der Ausbau der Verkehrsstraßen gehört, kostet fteilich Geld. Es stellt an die städtischen Steuerzahler die Anforderung, zugunsten bäuerlicher Verhältnisse auf dem Lande Geld zu geben. Aus diesem Gebiet versagt zum größten Teil das Agrarprogramm, das uns von den Linksfreisinnigen vorgetragen wird. Man giebt dadurch den Bauern das Geftihh als ob der Städter ihm aus feiner wirklichen Not nicht helfen wolle, und treibt ihn in die Arme des Bundes der Landwirte. Die Sozialdemokratie ist da vernünftiger. Sie weiß, daß jede Sozialreform Geld kostet. Kautsky hat es direkt ausgesprochen, daß deni Land, wenn man es braucht, Kapital zugeführt werden muß, auf dem Wege der staatlichen Entwicklung. Der eigentliche Punkt, wo man ein setzen mufe ist bie bäuerliche Gemeinde. Wie bie Stadt ein Gesamtkörper ist, der für feine Angehörigen wirtscbaftliche Aufgaben übernimmt, so muß auf dem Lande Die Gemeinde dieser Körper fein, der auch finanziell in die Lage gesetzt werden muß, den Bewohnern leistungsfähig gegenüber zu stehen. Diesen Gedanken verbinden wir mit dem Gedanken der „Hypothekarreform". Das ist der eigentliche GrundgedankeunferesProgramms. Was bisher die Hypothekenbanken leisteten, soll den Bauern in Zukunft die eigene Gemeinde leisten. Sie kann ebenso wie die Hypothekenbanken Geld erhalten, z. B. zu 3.25 oder 3.50 Prozent, das sie den Landwirten für 4 Prozent giebt. Der Bauer wird am Steuererlaß usw. bald merken, daß er dem eigenen, nicht einem privaten Institut den Gewinn vermehrt.; Auch die Hypothekenreform hilft natürlich dem Bauern nicht auf die Dauer; denn bei jedem Besitzwechsel wird das, was er an Erleichterung erhalten hat, wieder auf den Wert des Grundstücks geschlagen werden. Immer aber ist der Grundgedanke der, daß die Gemeinde leistungsfähiger wird, die länger bleibt als die einzelne Generation. Am Schluß seines Vortrages betonte der Redner noch-j mals, daß feine Partei die ernste Notlage innerhalb der bäuerlichen Wirtschaftsverhältnisse durchaus anerkenne und auf den angedeuteten Wegen bereit sei, dem Bauern zu helfen. Es sei erforderlich, daß man Sinn bekomme für die Notwendigkeit positiver neuer Organisationen, um die Kluft zwischen Stadt und Land zu beseitigen, die entstanden fei durch die Agitation des Bundes der Landwirte. National müßte feine Partei den Bauernstand wünschen und sozial den Bund der Landwirte verwerfen, weil er im besten Falle das Individuum des Bauern schütze und seinem Egoismus diene, aber nicht der sozialen Gesamtheit der Lcmd- wirffchaft. Es entspann sich nun eine sehr lebhafte Debatte; insbesondere beteiligte sich daran Oekonomierat Schien ke, der den Ausführungen des Dr. Maurenbrecher in allen Hauptpunkten entgegentrat, sie angriff und zu entkräften suchte, wobei er der Praxis entnommene Beispiele anführte. Leider machte die vorgeschrittene Zeit eine enbgütige Äus^ tragung der Debatte unmöglich Tas Eisenbahnunglück bei Buir. Wie wir bereits gestern und in unserer heutigen Vormittagsausgabe meldeten, ist der vorgestern abend in Köln um 7.40 fällige Personenzug Nr. 27 zwischen den Stationen Buir und Horrem entgleist. Der um 7.03 von Düren abgefahrene Zug hat planmäßig bis Köln keinen Aufenthalt mehr; das Unglück ereignete sich sonach bei schneller Fahrt auf freier Strecke, und da der Bahnkörper sich in guter Verfassung befand, auch an der Unfallstelle keine Kurve aufweist, so vermutet man, daß die Entgleisung absichtlich durch ein Verbrechen herbeigeführt worden ist. Die Folgen des Unglücks find überaus schwer. Die Maschine, ein Eil-» guttoagen, ein Postwagen und zwei Personenwagen vierter' Klasse sprangen aus dem Geleise; während die Maschine! links neben das Geleise sich legte, fielen mehrere Wagenl nach der rechten Seite um und stürzten die hohe Böschung herab. Das Fahrpersonal, von dem niemand erhebliche- Verletzungen erlitten hatte, sowie auch zahlreiche Passa- giere eilten sofort den Insassen der verunglückten Wagen zu! Hilfe und bemühten sich, dieselben aus den Trümmern, hervvrzuziehen. Auch die alsbald von Türen und Köln' herbeigeh-olten Aerzte sowie das Personal des von Kölni hinzugezogenen Hüfszuges beteiligten sich rege an dem Rettungswerke. Zwei Personen, ein Rottenarbeiter nebst dessen Frau, wurden alsbald tot aus dem Trümmerhaufen herausgehvlt. Fünf weitere Personen sind schwer verletzt und wurden, nachdem ihnen auf dem nahe gelegenen Gute des Herrn Höffeler Notverbaude angelegt worden, nach dem Krankenhause in Düren befördert; einer derselben, der Klavierstimmer Brück aus Köln, ist inzwischen bereits feinen Verletzungen erlegen. Außerdem find noch etwa 15 Personen leicht verletzt; sie konnten über Düren- Neuß nach Köln weiter befördert werden. Beide Geleiso waren infolge des Unfalles gesperrt. Entgleist sind außer der Lokomotive zwei Eilgutwagen, ein Packwagen und zwei Wagen vierter Klasse. Ein inmitten des Zuges befindlicher Postwagen entgleiste mit einer Achse und machte so das Zurückziehen der nicht entgleiften Wagen' unmöglich. Während die Maschine sich, nach links über M Geleise legte, stürzten die entgleisten Wagen rechts die hohe Dammböschung hinunter. Der hinter dem Packwagen angehängte Wagen vierter Klasse wurde gänzlich zertrümmert, die Seitenwände desselben sind ineinandergeschachtelt. In diesem Wagen befanden sich cruch die getöteten und schwerverletzten Fahrgäste. Entsetzlich zugerichtet war dre auf der Stelle getötete Frau des Hilfsbremsers Krause aus Lövenich. Die Unglückliche hing mit ihrem Leibe zwischen den Trümmern, und nur schwer konnte die Leiche geborgen werden. Dem Hilfsbrcmser Krause ist der Brustkasten eingedrückt worden. Das Geleise befand sich, wie schon gesagt, in tadelloser Verfassung. Es war vor kurzer Zeit neu gelegt, aber schon gut eingefahren. Vermischtes. • Bern, 29. Noo. Auf dem Luganer See ereignete sich Donnerstag Abend ein schreckliches Familiendrama. Der Bibliothekar Biedermann aus Winterthur, der mit seiner Frau und einem 12jährigen Töchterlein in einem Kahn auf den See hinausgerudert war, erschoß hier Weib und Kind und verübte dann Selbstmord. Die Beweggründe zu dieser Schreckensthat sind unbekannt. 'Wien, 29. Noo. Der wegen Unterschlagung steckbrieflich verfolgte Handlungsreisende Pulz aus Dresden wurde hier verhaftet. 'Konstantinopel, 29. Noo. Wegen eines Pest- falleS wurden sämtliche Quarantäne-Vorschriften in Konstantinopel wieder in Kraft gesetzt. Gerichtssaat. D. Gießen, 30. Nov. (Strafkammer.) Der mehrfach wegen Eigentumsdelikten vorbestrafte Martin Meyer von Hanau ist beschuldigt, durch mehrere selbständige Handlungen fremde bewegliche Sachen in der Absicht rechtswidriger Zueignung chrem rechtmäßigen Eigentümer entwendet zu haben. Vom 1- auf den 2. April — so konstatiert die Anklageschrift — schlich! er sich bei dem Landwirt Koch in Alsfeld ein und entwendete ihm verschiedene Wertgegenstände und einen Barbetrag von 800 Mk.; am Abend des 2. April wiederholte er den Diebstahl bei dem Bäcker und Gastwirt Karl Kurtz I. zu Alsfeld; am 4. auf den 5. Mai bestahl er den Fabrikanten Karl Waldeck von da, Ende April oder in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai eignete er sich verschiedene dem Dienstknecht Grosselich in Alsfeld gehörige Wertsachen an; an demselben Orte stattete er der Witwe des Karl Klingelhöffer einen Besuch ab und entwendete ihr verschiedene Gegenstände; in der Nacht vom 2L auf den 22. April bestahl er den Landwirt Weider in Bremen bei Eisenach. Den letzteren Diebstahl verübte er auch unter Anwendung falscher Schlüssel, sämtliche Diebstähle sind durch das Moment des unbefugten Einschlechens oder Einsteigens qualifiziert. Der Angeklagte leugnet fast durchweg. Es muß deshalb eine große Reihe von Zeugen eingehend vernommen werden, die den Beweis der Anklage erbringen. Die Staatsanwaltsck)aft beantragt gegen den Angeklagten unter Ausschluß mildernder Umstände auf eine Gesamtzuchthausstrafe von 15 Jahren zu erkennen — unter Einschluß einer von der Strafkammer zu Hanau gefällten dreijährigen Zuchthausstrafe —, chm die bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von zehn Jahren abzusprechen und Stellung unter Polizeiaufsicht anzuordnen. Der Angeklagte entgegnet nichts. Die Kammer erkennt auf eine Gesamtzuchlhausslrafe von insgesamt 11 Jahren 9 Monaten. Tie bürgerlichen Ehrenrechte werden auf die beantragte Dauer aberkannt, Polizeiaufsicht beschlossen. Ter Vorsitzende begründet die erkannte Strafe in längerer Ausführung. — Wegen Beleidigung eines hiesigen Schutzmanns war der Gärtner Johann K"uba in Gießen durch Urteil des hiesigen Schöffengerichts vom 25. Oktober in eine Geldstrafe von 20 Mk. verurteilt worden. Gegen das verurteilende Erkenntnis hat der Angeklagte Berufung eingelegt. Der Verteidiger beantragt heute Freisprechung, die Staatsanwaltschaft Herabsetzung der verhängten Geldstrafe. Das Urteil lautet auf eine Gefängnisstrafe von zwei Tagen. — Der Arbeiter Wilhelm Löb in Lauterbach ist beschuldigt, im August 1901 zu Lauterbach in rechtswidriger Absicht eine inländische öffentliche Urkunde, einen Eintrag in seinem Militärpaß, verfälscht und zum Zwecke der Täuschung von ihr Gebrauch gemacht zu haben. Der Angeklagte ist geständig. Dem Antrag der Staatsanwaltsck)aft gemäß erkennt das Gericht auf eine Gefängnisstrafe von 14 Tagen, die durch die Untersuchungshaft als verbüßt erachtet wird. Der Angeklagte erkennt die sofortige Rechtskraft des Urteils alsbald an. — Der Arbeiter Wilhelm Thomas in Klein- Bockenheim ist angeklagt, vom 9. äuf den 10. Juli zu Vilbel den Eduard Liebich von da vorsätztlich mittelst eines Messers — eines gefährlichen Werkzeugs — körperlich verletzt und an der Gesundheit beschädigt zu haben. Der Angeklagte ist geständig, schützt aber Notwehr vor. Die Staatsanwaltschaft beantragt gegen den Angeklagten eine Gefängnisstrafe von 4 Monaten unter Annahme mildernder Umstände. Die Kammer erkennt auf eine solche von fünf Monaten, die durch die erlittene Untersuchungshaft als verbüßt erachtet wird. — Dem vorbestraften Tagelöhner Georg Friedrich Lenz von Ober-Schwitten legt die Anklageschrift zur Last, am 24. August zu Langd eine Taschenuhr mit Gehäuse und Kette dem Ludwig Roth von da in rechtswidriger Absicht weggenommen zu haben. Der Angeklagte leugnet hartnäckig. Nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme besteht jedoch kein Zweifel an seiner Schuld. Die Staatsanwaltschaft beantragt gegen tijn eine Gefängnisstrafe von 9 Monaten. Das Gericht erkennt auf eine solche von 4 Monaten und Tragung der Kosten des Verfahrens. Theater, Kunst und Wissenschaft. — Aus Frankfurt a. M. schreibt man uns: In der Dezember-Ausstellung des Kunstsalons Hermes in Frankfurt a. 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