Dienstag den 31. Juli Nr. 176 Zweites Blatt Amts- und Anzeigablntt für den Ureis Gieren 23ejnflsprtU vtrrlrljährl. Mk. SJt monatlich 75 Pfg. nut Bringkrlohn, durch die Abholestrll« vierteljährl. Mk. 1,9t monatlich 65 Pfg. Bei Postbezug Mk. 2,40 virrtrljähU. mit Bestellgeld. Alle Anzetgen-BermittlungSstellen de» In« und «ehmm Anzeigen für den Gießener Anzeiger eutge-«. Zeilenprei»: lokal 12 Pfg., an-würtS 20 Pfg. nur Schlimmes in Deutschland, und als sogar der Versuch, ihn zu einem Kaufmann auszubilden, kläglich ge- cheitert war, kehrte er nach seiner Heimat zurück, nachdem er seine moralischen Eigenschaften in negativer Richtung vervollkommnet hatte, soweitdieS nur rgend möglich war. Er führte nun in Kamerun ein recht lockeres Leben und erregte oft den Aerger der dortigen Beamten durch seine Unehrlichkeit und Jntriguensucht. . . . Und nun plötzlich wird Mpundo, weil er sich einem Matrosen gegenüber als „Prinz" ausgegeben hat, von einem Beamten, »er kaum einige Monate im Lande weilt, zu der für die DuallaS empfindlichsten Strafe, zu Hieben, verurteilt. Noch schlimmer liegt der zweite Fall, mit Viktor Bell, dem Sohn Manga Bells, des ersten aller Dualla«Häuptlinge, der infolge seiner etwas praktischeren in England genossenen Erziehung aus einer weit höheren Stufe steht als sein Kollege der King Akwa, der ferner in der letzten Zeit, nachdem er von seiner allerdings begreiflichen Anglomanie gründlich geheilt worden ist, sich als beste Stütze des Gouverneurs er- wiesen hat. Dazu ist Viktor Bell selbst ein ganz harmloser Junge, von dem außer seiner Eigenschaft eben gerade als Sohn Mangas nichts weiter zu sagen ist. Wenn er den Materialienverwalter, einen ehemaligen Unteroffizier und jetzigen Subalternbeamten nicht gehörig gegrüßt hatte, so würde eine Ohrfeige von Seiten des Herrn Materialver« Walters, wenn absolut das Prestige der Weißen aufrecht erhalten werden sollte, auch genügt haben. Der „Hamb. Korr.", der sonst ein geflisientlicher Förderer unserer Kolonialpolitik ist, schließt seine Ausführungen mit folgenden Sätzen: So aber stehen wir hier wieder vor einer jener schlimmen Früchte, die der in unserer Kolonial» Verwaltung herrschende AssessoriSmuS hervorbringt. Diese Vorfälle hätten verhängnisvoll für die ganze Kolonie werden können, wenn man bedenkt, daß DuallaS faßt an sämtlichen Flüssen Kameruns bis tief ins Inland als Händler sich niedergelassen haben und es ihnen ein Leichtes wäre, die ebenso dummen wie leichtgläubigen Buschneger gegen die Europäer aufzuhetzen, wie dies schon öfters, meist auS handelspolitischen Interessen, geschehen ist. und Vr. 7. Gratisbeilage«: Gießener Familienblätter, Der hessische Landwirt, Dlätter für hessische Dstksknndr._________________ König Humbert, mit seinem vollen Namen Rainer Karl Emanuel Johann Ferdinand Eugen Humbert, Sohn Viktor Emanuels II., war am 14. März 1844 in Turin geboren, hat also nur ein Alter von 56 Jahren erreicht. Am 9. Ja» nuar 1878 bestieg er den Thron Italiens. Schon am 22. April 1868 hatte er sich mit seiner Kousine Margherita Maria Theresia (geb. 20. Nov. 1851), Tochter des Herzogs Ferdinand von Genua, vermählt. Dieser Che entstammt als einziges Kind der jetzige König, Victor Emanuel III., geboren 11. November 1869, vermählt seit Oktober 1896 mit der Prinzessin Helene von Montenegro (geb. 8. Januar 1873) in bisher kinderloser Ehe. König Viktor Emansel HL, der bekanntlich am 6. Mai d. IS. an den Feierlichkeiten aus Anlaß der Großjährigkeitserklärung des deutschen Kronprinzen in Berlin teilgenommen hat, ist Ritter des hohen Ordens vom schwarzen Adler und steht L la suite des Husaren-RegimenlS König Humbert von Italien (1. Hess.) Nr. 13, das bekanntlich in Frankfurt am Main und Mainz steht und dessen Chef bisher sein königlicher Vater war. Telegramm deS Wietzener Anzeigers. Frankfurt a. M., 30. Juli. Der Atterr- täter heitzt Angelo Brieet, ist 31 Jahre alt und stammt auS Preto iu ToSeaua. Er wurde sofort verhaftet. H« l*l Fernsprecher Nr. 51. Zwei verhängnisvolle Urteile. Zu recht unbequemer Zeit wird in Kamerun die Erinnerung an die Thaten des Richters Wehlan und des Kanzlers Leist wieder ins Leben gerufen. Der „Hamb. Corresp.", ein Blatt, dessen Kolonialfreundlichkeit außer Zweifel steht, sieht sich genötigt, folgende Mitteilungen aus einem zuverlässiger Quelle" entstammenden Privatbriefe zu veröffentlichen: „Vor dem Tode des Herrn v. G ... sind z w e i F ä l l e hintereinander vorgekommen, wie sie sich seit der Okkupation durch die deutsche Regierung noch unter keinem Richter ereignet haben. 1. Mpundo Akwa erhielt im Disziplinarwege durch Herrn v. G. 2 5 Hiebe, weil er sich einem Matrosen S. M. S. .Habicht" gegenüber „Prinz" genannt hatte. 2. Victor Manga, der zweite Sohn Manga's, erhielt ebenso 25 Hiebe auf Befehl des Herrn v. G. weil er den Materialien- verwaltet Herrn O. nicht ordentlich gegrüßt, seinen Hut nicht vom Kopfe abgenommen hat. Bevor die 25 Hiebe an dem Viktor vollstreckt waren, ging Manga sofort, nachdem er davon Kenntnis gehabt hatte, daß sein Sohn 25 Hiebe kriegen soll, zu Herrn v. G.. und bat ihn deshalb um Verzeihung. Seiner Bitte wurde jedoch von Herrn v. G. kein Gehör geschenkt. Diese beiden brutalen Thaten haben die Einwohner der Dualla in hohem Grade peinlich berührt. Ich glaube, daß, falls Manga nach Deutschland kommen würde, er dem Auswärtigen Amt die Angelegenheit vortragen würde. Von den Einwohnern Duallas hatte niemand geträumt, daß Manga's Sohn 25 Hiebe bekommen kann, weil dieser doch der angesehenste von allen Häuptlingen ist." Der „Hamb. Corresp." kommentiert diese Vorkommnisse in scharfer Weise und sagt u. A.: Es sei unterlassen, Schlüsie auf den C a u s a l v e r b a n d der beiden Strafbescheide mit dem plötzlichen, fernab von Kamerun, in der Wildnis erfolgten Tode des Herrn v. G. zu riehen, der laut amtlicher Meldung einem „Sonnenstiche" erlag, was immerhin als eine recht vage Todesursache bezeichnet werden kann. Wer das hinterlistige und rachsüchtige Naturell, das, wie den meisten wilden Völkern, so auch den Duallas eigen ist, kennt, wird sich über den ganzen Fall seine eigenen Gedanken machen. Da sich jedoch hierüber wie über so viele im Innern des dunkeln Weltteiles geschehene Dinge völlige Klarheit nie wird schaffen lassen, hat eS für die breite Oessentlichkeit keinen realen Wert, weiter darüber zu sprechen, wohl aber verdient die Verurteilung zweier Söhne der beiden angesehensten Dualla- Häuptlinge zur Prügelstrafe, die schon der Schreiber des oben citierten Briefes „brutale Thaten" nennt, näher beleuchtet zu werden . . . Betrachten wir nun die beiden Fälle, so handelt eS sich in dem ersten um Mpundo Akwa, den Sohn des aus der Zeit der Besitzergreifung Kameruns gewiß noch Jedem bekannten „King Akwa". Mpundo war als kleiner Junge nach dortiger Sitte von seinem Vater bei einem Weißen in Dienst gegeben worden, um sich bei diesem etwas Schlif und Kenntnisse europäischer Sitten zu erwerben, und sein damaliger Herr war, wie man sagt, recht zufrieden mit ihm. Als dann im Anfang der Kolonialbewegung bei unfl der Sport aufkam, junge Neger nach Deutfchland zu senden und dort alle möglichen und unmöglichen Erziehungsversuche mit ihnen zu machen, die zumeist recht nachteilige Folgen für den Charakter der armen Versuchsobjekte hatten, kam auch Mpundo in sein neues Vaterland. Als Häuptlingssohn wurde er gar sehr geehrt; Windthorst war sein Tauf- pathe und in Kiel wurde er in den höchsten Kreisen vorgeführt und gar ost mit sonst nur fürstlichen Perfonen zukommenden Titulaturen ausgezeichnet. Es ging aber unserem Mpundo wie den meisten seiner Schicksalsgenossen, er lernte Gießener Anzeiger General-Anzeiger i .-(Met Ult inAmcktzmr de- »tentefl- Sfe Gieß-er imwifieetritter MkM Hm Anzeiger im a* „Hess. dtÄbefarr a. »Blätter V* v»N-künde- wMÄ. 4*ri Higelcgt. Die Wirren in China. Li-Hung-Tschaugs Erklärung, nach der sämtlichle Gesandten sich aus dem Wege von Peking nach Tientsin befinden, wird in Berliner wie in Londoner Meisen sehr pessimistisch aufgefaßt. Auch die weitere Meldung, nach! der es, wie wir am Samstag schon berichteten, infolge von Uneinigkeit unter den Boxern selbst zu Kämpfen gekommen und Prinz Tuan hierbei getötet sein soll, findet wenig Glauben. — Nach einer Meldung aus Shanghai veröffentlichen die dortigen Tagesblätter eine Erklärung eines chinesischen Großbankiers, der Peking am 7. Juli verließ und am 25. Juli in Shanghai eintraf, alle Gesandtschaften seien zerstört, alle Europäer verschwunden, ob ermordet, wisse er nicht. Das bestätigt auch der Bries eines chinesischen Vertreters der russischen Bank in Nintsainang an den Leiter der russischen Bank in Shanghai meldend: Einer unserer chinesischen Vertreter traf aus Peking ein und erklärt, alle fremden Gesandten seien ermordet; als die Chinesen durch Breschen in die Gesandtschaft einbrachssn, t ö t e t e n d i e B e l a g e r t e n d i e eigenen Frauen und Kinder. Sir Robert Hart beging Selbstmord. Der Minister des Auswärtigen in Paris, Delcasse, brach jede Beziehung zu dem Gesandten Chinas ab bis zum Eintreffen einer authentischen Antwort Pichons. Die japanische Gesandtschaft in London behauptet, daß alle Gesandten in Peking längst tot seien, daß, China mit LügenmeldungeN-iur Zeit gewinnen will. „Daily Expreß" läßt sich aus Shanghai melden, Li- Hung-Tschang habe vollständig den K o p f v e r l o r e n über eine Botschaft, die ihn heimlicher Jntriguen gepen den Thron beschuldigt und den Prinzen Tuan offiziell zum Reichsverweser ernennt. — Einem Hongkonger „Times - Telegramm zufolge ist das Berlin e r M i s s i o n s h a u s im Norden der Provinz Kwan tung von Rebellen ge- b rau d sch atzt worden. In Schensi werden die eingeborenen Christen massakriert; fünf Europäer sind ermordet worden. — „Central News" bringt ent Shanghaier Telegramm, demzufolge sich die Nachricht über Greuelthateu in Partingfu bestätigt. Dreizehn europäische Missionare und eine bedeutende Anzahl chinesischer Christen wurden e mordet, die Missionsgebaudesind nieder ge brannt. - Aus Tsäfifu bringt ein Dampfer die Nachricht, daß die amerikanische Baptistenmiss in Tschingohanfu zerstört worden isü - Von der kaiserlichen Zollbehörde ist in {’Ä getroffen, daß infolge der drohenden Zustande in Mongts König Humbert von Italien ermordet. W. Gießen, 30. Juli 1900. Heute früh erhielten wir folgende Telegramme: Rom, 80. Juli. In Mouza fchotz ein Maun uameus Bvieei dreimal mittels Revolvers auf König Humbert, ihn tödlich verletzend, sodatz der König kurz darauf verstarb. Mailand, 30. Juli. Rach Beendigung eiueS Turnfestes iu Mouza wurde gestern abend 9 i/z Uhr auf König Humbert ein Attentat verübt. Bei Besteigen deS WageuS wurden Schüsse auf ihn abgegeben, von denen einer tödlich war. Der König starb vor Ankunft im Schlöffe. Die Kunde von dem fürchterlichen Verbrechen wird die Welt mit dem tiefsten Abscheu aufnehmen. In der köstlichen Frische eines italienischen Sommerabends ist der ritterliche König von Italien von der Hand eines entmenschten Mordbuben erschossen worden, von dem man vorläufig noch nichts anderes weiß als seinen Namen, der sich aber mit seiner grausigen That einen weltgeschichtlichen Herostratischen Unruhm erworben hat, offenbar verführt durch die halb krankhaften Irrlehren des internationalen Anarchismus. Der König hatte am Tage an einem Turnfest teil genommen. Das Fest war beendet und die Sonne untergegangen. Ein Sommerabend in Italien! Die Tageshitze ist sofort verschwunden, und eine kühlere Luft weht von den Bergen herunter. Die Vögel singen, die Grillen zirpen, süßer Dust strömt von den Oleandersträuchern und den verblühenden Magnolien aus, Nachtfalter und Käfer schwirren von Blüte zu Blüte. An einem solchen Abend hat König Humbert sein grauseS Ende gefunden, König Humbert unter den gekrönten Häuptern Europas eins der wenigen, die sich von der großen Politik stets so fern hielten, als es sich mit ihrem hohen Berufe irgend verträgt. Dor 22 Jahren, am 17. November 1878, wurde auch ein Attentat auf ihn und die Königin Margherita, feine schöne Gemahlin, verübt, in Neapel, am Schluffe einer durch das ganze Land zurückgelegten Rundreise. Als der Bubenstreich damals gänzlich erfolglos vorübergegangen war, da erhob sich im ganzen Lande eine stürmische Kundgebung für den König und das Königtum. Und seine Volkstümlichkeit wuchs immer mehr und mehr. Die außerordentliche Menschenfreundlichkeit, Liebenswürdigkeit, Leutseligkeit und Herzensgüte, seine Unerschrockenheit und persönliche Kühnheit, die namentlich bei dem Erdbeben in Casamicciola 1883 und bei der Choleraepidemie in Neapel 1884 sich kundgab, wurde allgemein gerühmt, und seine Landeskinder liebsten den König, wie selten ein Volk seinen Fürsten liebt. Nun hat ihm einer seiner Unterthanen das Leben genommen. ... ÄC’ era una volta un principe“ (es war einmal ein Prinz), so wird wohl einmal eine italienische Romanze beginnen, die von dem Leben und fürchterlichen Lebensende König HumbertS in rührenden Klängen vermeldet, und die man in Italien singen wird, wenns einem recht weh ums Herz ist. Das italienische Volk wird seinen Re Umberto nie vergessen. Auch das deutsche Volk wird mit dem italienischen den Tod des engverbündeten Monarchen tief betrauern. Seit 1883, nach Abschluß des Dreibundes zwischen Deutschland, Oesterreich und Italien, war König Humbert auch in Deutschland eine populäre und hochverehrte Persönlichkeit. Damals besuchte unser nachmaliger Leidenskaiser Friedrich den König von Italien in Rom und fand den herzlichsten, freundschaftlichsten Empfang. Fünf Jahre darauf reifte Kaiser Wilhelm II. nach Italiens Hauptstadt zum Besuche des römischen Königshofes, und im Mai 1889 erwiderte König Humbert den deutschen Kaiserbesuch in Berlin, wo man ihm allseitig den glänzendsten, begeistertsten Empfang bereitete. Und schon int Jahre 1892 erneuerte König Humbert mit feiner Gemahlin den Berliner Besuch, als die nach ihrer hohen Patin Margarethe getaufte jüngste Schwester des deutschen Kaisers sich mit dem Prinzen Friedrich Karl von Hessen verlobte. Endlich aber stehen heute uns allen noch in lebhaftester Erinnerung jene Tage, da das italienische Königspaar am Kaisermanöver bei Homburg teilnahm. Damals gewann König Humbert sich mit seiner Gemahlin für immer Tausende deutscher Herzen. In Monza ist das entsetzliche Verbrechen verübt worden, einer Kreisstadt bei Mailand, wo schon zu Theodorichs Zeiten ein Palatium sich befand, an dessen Stelle im 18. Jahrhundert ein palazzo imperiale (Kgl. Schloß) erstand, und das als Modicia Residenz der langobardischen Könige war. -alle Fremden die Stadt verlassen haben, daß der Zoll- kommissar in Pankai meldet, die Lage sei drohend, und die Behörden gewährten den Fremden keinen Schutz. Die Unruhen greifen immer weiter um sich. * * * ... Der italienische Konsul ersuchte, um die Zuverlä^rg- ke-it ttsr Versicherungen der Chinesen, daß die Gesandtschaften in Sichjerheit seien, zu erproben, den stellvertretenden Vizekönig von Kanton, sich mit dem italienischen Gesandten in Peking in Verbindung zu setzen, um von ihm die Antwort auf eine Anfrage in einer, Angelegenheit zu erlangen, die nur dem Gesandten und ihm (dem Konsul) bekannt sei. Der Vizekönig erwiderte, er könne dem Ersuchen nicht Folge leisten, da es über sein Vermögen gehe, denn alle Botschaften aus Peking würden auf geheimen Wegen erlangt, und der Gouverneur von Schantung sei der Vermittler. Mair muß dem italienischen Konsul Dank wissen, daß er also die Verlogenheit der Chinesen ins Licht gerückt hat. Diese „geheimen Wege" und die ganze Geheimniskrämerei hätten keinen Sinn, wenn die Machthaber in Peking nicht eine schwere Schuld auf dem Gewissen hätten, die sie aus Furcht vor Strafe nicht zu gestehen wagen. — Eine Depesche der Agentur Laffan meldet, die Regierung der Vereinigten Staaten habe jetzt sichere Beweise dafür, daß sowohl der Gouverneur von Schantung wie der Tao Tai von Shanghai Kopieen des geheimen amerikanischen Code besitzen, und daß die angebliche Congersche Depesche eine direkte Fälschung ist. * * ♦ Die Ansp rache unseres Kaisers an die für China bestimmten Truppen, die der „Reichsanzeiger" im nichtamtlichen Teile in dem bereits mitgeteilten Wortlaut veröffentlicht, findet in London durchweg im Publikum zustimmende Aufnahme; die Presse beurteilt sie zurückhaltend, aber doch mit beifälliger Erwähnung. Nur im „Daily Graphic" erhebt sich eine Stimme, die die Vereinigten Staaten auf Kosten des Kaisers lobt, mehr Nüchternheit im Ausdruck empftehlt und erklärt, die Mächte würden zwischen Schuldigen und Unschuldigen unterscheiden. Unter dem Hinweis auf die Mohammedaner und Japaner mahnt das Blatt schließlich, die Religion aus dem Spiel zu lassen. * * * In China sind bis jetzt drei deutsche Offiziere und dreißig Mann gefallen und 130 Mann, darunter neun Offiziere verwundet worden. Dazu kommen noch die vermißten des Pekinger Detachements. Der Gesamtverlust der Deutschen beträgt demnach einschließlich der Vermißten 264 Offiziere und Mannschaften. Rüstungen. Eine A b s ch i e d s f e i e r für die vstasiatische Feldbäcker-Abteilung veranstalteten Tempelhofer Bürger in einem dortigen Restaurant. Freitag nachmittag machte die Abteilung auf den Schießständen in der Hasenhaide Schießübungen mit dem neuen Karabiner. Alles erforderliche Material wird von München aus, wohin drei Oberbäcker und 15 Bäcker bereits abgefahren sind, mit der Bahn nach Genua geschafft und dort verladen. In einigen russischen Blättern wird die Behauptung aufgestellt, preußische Truppen, sowie Munition und Ausrüstungsgegenstände für das in Genua aufzustellende deutsche Expeditionskorps würde auf russischen Bahnlinien durch Sibirien nach China befördert. An Berliner unterrichteter Stelle ist nichts davon bekannt. lieber die Stellung der Regierung in Washington zu der Frage des Oberkommandos in China ging folgendes Telegramm ein: Die „Assoc. Preß" berichtet, die amerikanische Regierung werde gern der Wahl eines oder des anderen Befehlshabers der internationalen Truppen zum Höchstkommandierenden zustimmen. Sollte aber eine Einigung unter den Befehlshabern nicht erfolgen, so müsse die Frage an die betreffenden Regierungen zurückverwiesen werden. In diesem Falle würden die Vereinigten Staaten eine deutliche kräftige Sprache führen, die wahrscheinlich! mehr als je zuvor die fremden Kabinette von der geschäftsmäßigen, unkonventionellen Art und Weise der amerikanisck)en Diplomatie überzeugen wird. Die österreichische Regierung erließ ein Ausfuhrverbot für Was fen und Munition für China und wies die Konsulate an, zu verhindern, daß österreichisch^- ungarische Schiffe solche Transporte nach; dem Ausland übernehmen. Bei dem Zusammentritt der italienischen Kammer in Rom wird die Regierung eine Kreditforderung von 40 Millionen Lire für Rüstungen gegen China einbringen. Aus Petersburg wird gemeldet: Infolge der Verteilung von Proklamationen, in denen zur Ermordung der „Weißen Teufel" aufgefordert wird, griff die Bevölkerung von Irkutsk die dort wohnenden Chinesen an und warf mehrere ins Wasser. — 17 000 Mann gehen über Odessa nach der Mandschurei ab. „Daily News" und „Daily Telegraph" verbleiben dabei, daß Rußlands militärische Hilfs quellen rn Asien weit überschätzt worden seien und Rußland nach ergenem Geständnis, ohne Verstärkungen aus Europa heranzuziehen, deren Herbeischaffung durch Zerstörung der sehr erschwert ist, höchstens 8500 Mann (?) mobilisieren könne. ' * Telegramme des Gietzerrer Anzeigers. München, 30. Jnli. Die Freiwilligen für Chrna hatten gestern Gottesdienst. In der Bcnno- krrchc versammelten sich die Katholiken, in der Markus- «rd>e die Protestanten. In der ersteren hielt Stadtpfarrer Than nne Ansprache in der er ans die Kreuzfahrer als dre ersten christlichen Streiter im Orient verwies Bei den Protestanten richtete Militärpfarrer Seydel an die Mannschaften erhebende Worte. Um halb elf Uhr fand in der Max II.-Kaserne, die Festschmuck angelegt hatte, die Vorstellung des 2. ostasiatischen Bataillons vor dem Prinz- Regenten statt. Die Mannschaften waren in Tropen-Uni- sonn mit Strohhüten angetreten, sie trugen das Seitengewehr ohne Tornister, die Offiziere waren mit Revolvern und Feldstechern ausgerückt. Eine große Anzahl von Generalen, darunrer der Kriegsminister Frhr. v. Asch, der Generalstabschef, Generalleutnant von Lobenhoffer, sowie Ler der 4. Armee-Inspektion zugeteilte preußische Gene- ralstabs-Ofsizier Garnier und der japanische Militär-Be- I vollmächtigte, Major Oba, hatten sich eingefunden. Kurz vor Beginn der Parade erschienen die Prinzen Ludwig, Rupprecht, Arnulf, Georg, Ludwig Ferdinand und Alfons. Der Regent, der in einem offenen Galawagen a la Daumont anfuhr, begrüßte die Truppen mit einem „guten Morgen", der von denselben mit „guten Morgen königliche Hoheit" erwidert wurde. Unter den Klängen des Präsentiermarsches, der dann in die Luitpold-Hymne überging, schritt der Regent hierauf die Front des in Kompagniefront aufgestellten Bataillons ab, die Offiziere sowohl wie einzelne Mannschaften durch Ansprachen auszeichnend. Nachdem die Truppen ein offenes Carre formiert hatten, hielt der Regent eine kurze Ansprache, in der er die Hoffnung ausdrückte, daß die Mannschaften auch in fernen Landen ihre Kriegstüchtigkeit und Manneszucht zeigen würden und Gottes Segen die deutschen Waffen begleiten werde. Major von Montgelas dankte dem Regenten mit der Versicherung, daß alle Scheidenden als echte Bayern nie vergessen würden, was sie ihrer Waffenehre schuldig seien. Er endete mit einem dreifachen Hurra auf das Herrscherhaus, in das die Truppen begeistert einstimmten. Sodann defilierte das Bataillon, dem auch die Radfahrer folgten. Nach, Beendigung der Parade zog der Regent verschiedene Offiziere und deren Gemahlinnen ins Gespräch und drückte dem Grafen Montgelas seine besondere Zufriedenheit über die Haltung des Bataillons aus. Unter Hochrufen verließ sodann der Regent die Kaserne. Tokio, 30. Juli. Einem heute hier aus Shanghai eingetroffenen Telegramm zufolge verlautet dort, daß die fremden Missionare und eingeborenen Christen bei Paoting von den Boxern am 8. Juli angegriffen wurden. Ein fremder Arzt, dessen Nationalität unbekannt ist, und über 2000 eingeborene Christen wurden niedergemetzelt. Alle ihre Häuser wurden zerstört. Weiter heißt es, daß der chinesische General Likkokah, der jetzt nach Peking marschiert, den unter seinem Kommando stehenden Soldaten Befehl gegeben habe, alle Christen, die sie anträfen, zu töten. Ein französischer Pater und 2000 bis 3000 eingeborene Christen seien bereits niedergemetzelt. Man befürchtet jetzt allgemein, daß durch die Ankunft des chinesischen Generals mit seinen Soldaten in Peking die Gefahr gesteigert und sich die Lage noch kritischer gestalten werde. Der Krieg i« Südafrika. Londoner Blätter veröffentlichen folgende Depesche aus Kapstadt vom 27.: De Wet hat sich erboten, sich zu ergeben unter der Bedingung, daß es seinen Mannschaften gestattet werde, unbelästigt nach ihrem Wohnsitz zurückzukehren. Roberts weigerte sich, auf irgend ein der- artiges Anerbieten einzugehen, und verlangte, daß sich De Wet bedingungslos ergebe. „Daily Mail" wird aus Scribe vom 26. Juli gemeldet: 200 Buren ergaben sich gestern in Ficksburg. Eine Depesche Lord Roberts' aus Pretoria vom 27. ds. besagt: Die Generale French und Hutton setzten die Verfolgung der Buren am 25. dS. fort. Der Erstere überschritt den Oliphantsfluß und konnte Middelburg und den Feind sehen, der sich in einer Entfernung von sieben Meilen in großer Unordnung längs der Wege nördlich der Eisenbahnlinie zurückzog. Das Thal war durch Reiter und Wagen auf mehrere Meilen gesperrt war. Es war unmöglich, den Feind weiter zu verfolgen, da der Rest der Truppenmacht noch westlich des Oliphantsflufles stand und der Regen in Strömen floß. Unter den Maultieren und Ochsen ist die Sterblichkeit groß, die Haltung der Mannschaften ist vortrefflich. Hutton besetzte Fauriesberg, wo er die Gattin Steijn's und mehrere britische Gefangene antraf. P. De Wet, ein jüngerer Bruder Christians, ergab sich. Lord Methuen rückt auf Potschesstroom vor. Wie schrecklich der Pserbemängel in Lord Roberts Armee zeitweise ist, geht aus einem vom 23. Juni aus Heidelberg datierten Bries des Berichterstatters der „Morning Post" hervor. Darnach betrug die Effektivstärke der Brigade des Generals Broadwood infolge Mangels an Pferden statt 1800 nicht mehr als 400, die der Leibgarde-Kavallerie 63 (Offiziere und Mannschaften), der 12. Ulanen 120 und der 10. Husaren 200, und diese traurig reduzierten Pferde waren nur zum geringsten Teile solche, die ursprünglich mit den Regimentern aus England abgegangen waren; die anderen setzten sich aus einer bunten Sammlung von argentinischen, birmanischen, Basuto- und Kap-PonieS zusammen, die meist gänzlich unfähig waren, die schweren Reiter und deren schwere Ausrüstung zu tragen. Seit langer Zeit habe die englische Kavallerie insolgedeffen ausgehöstt, eine mobile Truppe im eigentlichen Sinne des Wortes zu sein, sodaß die Ausgabe, den wenig belasteten Bur auf seinem beweglichen eingeborenen Pferde, das mit )cr geringen Nahrung des Feldes auskomme, zu ver- olgen, eine faktische Unmöglichkeit geworden sei. Offiziere und Soldaten seien desKrieges herzlich überdrüssig, und manche Soldaten, die ein bequemes Farmhaus entdeckt, ließen sich dort häuslich nieder und bezeigten keine Eile, zu ihren Truppenteilen zurück- kukehren. Deutsches Mich. Berlin, 29. Juli. Aus Helgoland wird gemeldet: Die „Hohenzollern" mit dem Kaiserpaar an Bord ging am Samstag früh 4 Uhr unter Salut der Stationsbatterie hinter der Düne vor Anker. Der Kaiser nahm am Vormittag den Vortrag des Staatssekretärs Bülow entgegen. Nachmittags begab sich der Kaiser mit der Kaiserin, den Prinzen Eitel-Friedrich und Adalbert, dem Staatsminister Bülow und Herren und Damen des Gefolges nach der Düne. Die Buhnenbauten wurden besichtigt und nach etwa zwei Stunden Aufenthalt auf der Dünenspitze erfolgte die Rückkehr. — Die in Hannover erscheinende welfische „Deutsche Volks-Ztg." dementiert die Gerüchte von einer Verlobung des Prinzen Friedrich Heinrich von. Preußen mit der Prinzessin Alexandra von Cumberland. — Morgen (Montag) begeht der Veteran deS deutschen HeereS, General-Feldmarschall Leonhard v. Blumenthal, das seltene Fest des 90. G e b ur t s t a g es in voller Rüstigkeit. — Die „Kreuz-Ztg." berichtet aus Göttingen, daß der außerordentliche Professor in der juristischen Fakultät der dortigen Universität, Dr. v. Savigny, als Hilfsarbeiter für das preußische Kultusministerium in Aussicht genommen sei. Dr. v. Savigny war früher ordentlicher Professor in Freiburg in der Schweiz und gab seine Stellung wegen Differenz zwischen der Mehrzahl der deutschen Professoren und dem Herrn DecurtinS und Genossen auf. — Gegen die Verleger und den verantwortlichen Redakteur der „Staatsbüstgerzeitung" hat das Landgericht I Berlin wegen wiederholter öffentliche,^ Beleidigung der Gerichtsbarkeit und Staats- anwaltschastSbehörde in der Konitzer Mordangelegenheit Anklage erhoben. — Für die Matrosen-Division der Ostsee treffen am Montag 160 Reservisten zur Besetzung deS zweiten Panzergeschwaders in Kiel ein. Eine gleiche Anzahl Reservisten der Werft-Division ist gestern dort eingetroffen und eingestellt worden. — Die Torpedoboote „Gera" und „China" sind gestern mittag 1 Uhr nach China abgegangen. — Mit Allerhöchster Ermächtigung hat der preußische Evangelische Oberkirchenrat die Konsistorien seines Amtsbereiches angewiesen, schleunigst Fürsorge zu treffen, daß eine Fürbitte für die in China Gefallenen in daS Allgemeine Kirchengebet eingeschaltet werde. Ausland. Paris, 29. Juli. Der Kriegsminister unterbreitete dem Präsidenten Loubet ein Dekret zur Reorganisation des obersten Kriegsrats. — Der Schah von Persien unternahm heute eine Dampferfahrt aus der Seine. Er empfing sodann einige Diplomaten und wird abends beim Präsidenten Loubet speisen. Morgen beabsichtigt der Schah die Ausstellung zu. besuchen. — Der Inter nationale Kongreß für Arbeiterschutz hat in seiner Schlußsitzung das Projekt der Kommission gutgeheißen und die ständige Vereinigung definitiv gegründet. In Anerkennung der Verdienste, welche die Schweiz um das Werk hat, wurde der Sitz des Bureaus nach der Schweiz verlegt. Deutschland, Belgien, die Schweiz, Italien und Oesterreich sind mit ihren nationalen Sektionen beigetreten. Für England hat der Delegierte des Cobden- Klubs versprochen, eine nationale Sektion zu bilden. Belgrad, 29. Juli. Infolge der Ausweisung des Stadtkommandanten, der sich geweigert hatte, Milan zu verhaften, reichten 37 Offiziere aller Waffengattungen ihren Abschied ein. — Die kirchliche Verlobung des Königs fand gestern im Hause der Braut statt, der auch das diplomatische Korps beiwohnte und bei der in Vertretung des Zaren der russische Geschäftsträger als Trauzeuge fungierte. Die Vermählung findet am Donnerstag statt. Der frühere Regent, General Belimarkovitsch^ wurde wegen einer abfälligen Aeußerung über die Braut des Königs verhaftet. — Unter den in Serbien akkredierten Diplomaten macht sich der Wunsch geltend, um ihre Versetzung nachzusuchen, da die Damen der Gesandten sich weigern, der Braut des Königs ihre Aufwartung zu machen. Der serbische Minister des Aeußern betonte, das gegenwärtige Ministerium habe nur den Zweck, die Eheschließung des Königs zu erledigen, um dann einem Kabinet Avakumo- witsch Platz zu machen. — Der Frauenverein gratulierte der Königin Natalie zur Verlobung ihres Sohnes, worauf- die Königin sofort in einer Depesche ihren Dank aussprach. New-York, 29. Juli. Der kürzlich abgeschloffene Reziprozitätsvertrag zwischen Deutschland und ben- vereinigten Staaten von Amerika sieht die Befreiung des amerikanischen Obstes von der Inspektion wegen des San.-. Joft-Käfers vor. New Orleans, 29. Juli. New-Orleans war drei Nächte hindurch einem Pöbel weißer Männer preisgegeben, die Neger niederschoffen aus Rache dafür, weil am letzten Montag ein Neger namens Charles zwei Polizisten ermorbet hatte. Gestern abend umstellte eine Abteilung Polizisten das Haus, in dem Charles verborgen gehalten wurde. Er tötete drei Polizisten und einen Knaben, der zusah; dann wurde das Haus von der Polizei in Brand gesteckt. Als Charles dann hinauslief, wurde er buchstäblich in Stücke geschossen. Ein weißer Volkshause begann dann, Negerwohnungen, Geschäftshäuser und Schulen in Brand zu stecken und Schwarze zu erschießen, wo man sie sand. Marr glaubt, daß im ganzen über 30 Neger getötet sind. Der Mann, in dessen Hause Charles verborgen war, wurde gefangen, gehängt, erschossen und zuletzt in Stücke geschnitten. 2000 Mann Miliz und besondere Polizei bemühen sich^ Ordnung zu halten, aber die Tumulte haben heute neu begonnen. Aus Stadt und Kand. Gießen, 30. Juli 1900. * Von der Universität. Wir haben jüngst schon berichtet, der Rektor der Gießener Universität habe an das Rektorat der Darmstädter Technischen Hochschule ein Schreiben gerichtet, in dem amtliche Auskunft darüber erbeten wird, welche Bedeutung den Schlußworten des Untersuchungsberichtes beizumessen sei, den das Darmstädter Rektorat über die Excesse bei Gelegenheit der Gutenbergs eier in mehreren Zeitungen brachte. Heute^ steht am schwarzen Brett der hiesigen Universität folgender Anschlag: Das Rektorat der Technischen Hochschule in Darmstadt hatte an verschiedene Zeitungen eine Mitteilung gesendet, der zufolge „gerade die gröbsten" in Main- bei der Gutenbergfeier vorgenommenen Ausschreitungen „irrtümlich Darmstädter Studierenden zur Last gelegt" seien. Daraus wendete ich mich am 21. Juli mit der Anfrage nach Darmstadt, ob jene Aeußerung etwa eine Anschuldigung Gießener Studierender enthalten solle. In seiner am 26. Juli hier eingetroffenen Antwort erklärt der Rektor der Technischen Hochschule zunächst, die Untersuchung über die Mainzer Vorgänge sei lediglich in der Richtung geführt worden, „fest, zustellen, welche Ausschreitungen Darmstädter Studenten zur Last fallen, nicht aber welchen dritten Personen etwas zur Last fällt." Hiernach ist die obige Zeitungsnotiz rein logisch-theoretischer Natur; sie bezieht sich auf niemanden, insbesondere nicht auf Gießener Studenten; sie läßt es einfach dahingestellt, wer die „gröbsten Ausschreitungen" begangen hat und enthält sich jeden Urteils und jeder Andeutung. In seinen weiteren Ausführungen teilt der Rektor der technischen Hochschule mir mit, ihm sei im Laufe der Untersuchung ein einziger Fall bekannt geworden, bei dem ein Gießener Studierender beschuldigt wurde. In Eltville soll ein Angehöriger der Landesuniverfität einen Mainzer Herrn als „dummen Jungen" bezeichnet haben. Da dies das einzige ist, was die Darmstädter Untersuchung gegen Gießener Studenten zutage gefördert hat, so ist hierdurch auch der sachliche Nachweis geliefert, daß die Zeitungs-Aeußerung sich nicht auf die Gießener Festtetlnehmer beziehen kann; denn „gerade die gröbsten Ausschreitungen" waren ganz anderer Natur. Ich betone dies ausdrücklich, um naheliegenden falschen Deutungen der Zeitungsmitteilungen zu begegnen, und ich füge hinzu, daß, abgesehen von dem eben angeführten Falle, auch nicht die leiseste Anschuldigung gegen einen Gießener Studenten sich hat begründen laffen. Gießen, den 29. Juli 1900. Der Rektor der Landes-Universität. E. Netto. Da mache sich nun einer einen Vers brand. Nach dem Wortlaut der von uns erwähnten Zeitungsnotiz müßte man annehmen, die Untersuchung habe zwar ergeben, daß grobe Excesse verübt, und zwar von Studierenden verübt wurden, daß aber nicht Darmstädter Studierende die Schuldigen sind. Gießener sind es nun auch nicht gewesen. Bleiben noch die Heidelberger. UnS scheint, daß das Führen von Untersuchungen nicht zu den hervorragenderen Leistungen deS Darmstädter Rektorats zu rechnen ist. Warum, fragen wir, hat die Darmstädter Studentenschaft förmlich und feierlich bei dem Oberbürgermeister von Mainz um Entschuldigung gebeten, wenn ihr die begangenen Excesse gar nicht zur Last fallen? S-r. Der Geselligkeitsverein Gleiberg hielt am Samstag auf Burg Gleiberg seine Generalversammlung ab, die trotz der drückenden Schwüle des Nachmittags sich guten Besuchs von Gießen, Krofdorf und Lollar zu erfreuen hatte. Nachdem der Vorsitzende, Provinzialdirektor Geheimerat v. Bechtold, die Versammlung eröffnet hatte und der bisherige Vorstand durch Zuruf wiedergewählt war, genehmigte die Versammlung den für 1900/1901 ausgestellten Etat und die Rechnungsablage für das verflossene Jahr. Bei dieser Gelegenheit erfreute der Vorsitzende die Versammlung durch Verlesung eines Telegramms des Inhaltes, daß aus Antrag des Großh. Kreisamtes Gießen die Großh. Hessische Regierung dem Verein 400 Mk. Beisteuer bewilligt habe. Der Geschäftsbericht betraf insbesondere die seit längerer Zeit geplanten Herftellungsbauten, deren Pläne und Kostenanschläge Kreisbauinspektor Stahl vorlegte, wobei er zugleich mitteilte, daß die Arbeiten teils schon begonnen, teils vergeben seien. Dank den Spenden von Mitgliedern und Freunden des Vereins und der Beihilfe der Hessischen Regierung wird es möglich sein, den Philippsturm (das „WikhuS"), der nach Westen trotzig aus der Außenmauer vorspringt, wohnlich einzurichten, die beiden Nebensäle deS nach Süden blickenden Nassauer Baues entsprechend dem Kaisersaal auSzustatten und an seinen Ost- giebet eine Veranda auzubauen, die eine herrliche Aussicht gewähren und an heißen Sommernachmittagen ein sehr begehrtes, kühles Plätzchen werden wird. Nachdem aus der Versammlung heraus kleinere bauliche Verbesserungen, sowie dieVeranstaltung einer besonderen FeierzurEinweihung des bis zum Herbst fertig zu stellenden „Buchner- stübchens" im Philippsturm angeregt und demgemäß beschlossen worden war, wurde dem Vorstand der Dank des Vereins für seine ersprießliche Thätigkeit ausgesprochen und eine Besichtigung der auszubauenden Anlagen vorgenommen, wobei sich besonders dem Buchnerstübchen sehr erfreuliche Aussichten aus weitere Spenden eröffneten. Hoffentlich ist dem Einweihungstage das rechte, gestern schmerzlich vermißte gute Wetter beschießen, damit die dann neu er- schlossenen Reize der Burg Gleiberg ganz zur Geltung kommen. ** Die Gewitter der letzten Tage haben in ganz Oberhessen großen Schaden angerichtet. Zu den aus der Stadt und nächsten Umgebung schon in unserer Samstagsnummer gemeldeten Schäden schreibt unser b-Berichterstatter aüs Friedb erg: Der Blitz schlug mehrere I Mal auf dem Felde in Kornhaufen ein. Auch Hagel - | schlag war damit verbunden, doch ohne Schaden anzurichten. Die niederströmenden Wassermengen waren so groß, daß das Wasser über die Abflußkanäle durch die Straßen schoß. Infolge des Sturmes ist viel Obst von -bett Bäumen gefallen. Ferner meldet unser ^ Korrespondent aus Gedern, daß dort der Blitz in das Wohnhaus des Herrn Franz an der Straße nach Wenings einschlug, glücklicherweise ohne zu zünden. Der Blitzstrahl zerstörte den Schornstein, schlug die Wände durch und nahm seinen Weg durch die Küche. Die Großmutter des Herrn Franz, die allein zu Hause und gerade in der Küche beschäftigt war, kam ohne Schaden davon. Aus Lingelbach meldet unser m-Berichterstatter: Unter furchtbarem Krachen fuhr ein Blitz in die mit viel Stroh und frischem Heu gefüllte Scheu n e des Landwirts Krug, die unmittelbar darauf in hellen Flammen stand. Der Besitzer, der sich gerade in Begleitung seines Hündchens in der Scheune befand, wurde von dem Blitzstrahl einen Augenblick betäubt, sodaß er zu Boden stürzte; er erholte sich aber gleich wieder, wogegen das Hündchen tot war. Das Feuer ergriff auch die W o h n - bäude und den Vie Hst all, die sämtlich ein Raub d e r F l a m men wurden. Das Vieh konnte mit Ausnahme eines Bullen, der in die Flammen hineinsprang, gerettet werden. Mit Hilfe der Feuerwehren der umliegenden Orte wurde das Feuer mit großer Mühe auf die eine Hofraite beschränkt. Aus dem Vogelsberg schreibt schließlich noch unser -h-Bcrichterstatter: Bei dem heftigen Gewitter, das gestern abend mit starken elektrischen Entladungen über unsere Gegend zog, schlug der Blitz in den niederen Turm der Stadtkirche zu Nidda. Es war ein kalter Schlag, «b-er keine größeren Verwüstungen hinterließ. Ein weiterer Strahl zerschmetterte das Dach des neuen Wohnhauses des Bürgermeisters zu R o d e n b a ch. Am Samstagabend gegen 10 Uhr ging ein weiteres schweres Gewitter mit andauerndem Regen nieder, ohne aber für den Sonntag die ersehnte Temperaturabkühlung zu bringen. Vielmehr ballten sich gestern nachmittag wiederum dunkle Wolken zusammen, die sich gegen einhalb sieben Uhr in einem starken Gewitter mit schrecklichem Unwetter entluden und damit einem Gießener Feste, der X. Ruderregatta, die sehr stark besucht war, ein jähes Ende bereitete. Der mit starkem Regen verbundene orkanartige Sturm hauste furchtbar in den Bäumen. Wie besäet waren die Straßen mit abgebrochenen Zweigen, während die Obstgärten mit den abgeschlagenen Aepfeln und Birnen, den geknickten Rosenstöcken und niedergewalzten Gemüsebeeten ein noch traurigeres Bild zeigten. Der mit einem Plan überdachte große Boots schuppen der Gießener Rudergesellschaft wurde vom Sturm in sich zu sa m - mengewvrfen, beschädigte im Zusammenstürze vier Boote und verletzte den Wärter erheblich im Gesichte. Die Straßen und Obstalleen der Umgegend bieten einen jämmerlichen Anblick. So schreibt uns unser -d- Mitarbeiter: Auf dem Weg von Trohe nach Wieseck sah man zahlreiche umgeknickte Obstbäume. Als man auf der Tro her Kirch weihe vor dem Regen in einer Halle Schutz suchte, flog auf einmal der als Dach dienende Platt davonIrland total durchnäßt mußte man in den Häusern Sck)utz suchen-. An der Marburgerstraße vor Gießen warf der Sturm eine starke Linde in den I n g h a r d s ch e n Garten; ein in der Nähe der Kempf'schen Besitzung stehender Baum wurde entwurzelt, und nur durch die Telegraphendrähte, die übrigens nach uns gewordener Mitteilung an mehreren Stellen zerrisen wurden, aufrecht erhalten. Aus der Umgegend von Lollar, Dau bringen usw. meldet unser -ll-Korrespondent, daß dort durch Blitzschläge eine Anzahl Fruchthaufen in Flammen aufgingen. Groß ist die Zahl der in Waldungen, Gärten, und mn den Straßen vom Sturme niedergerissenen Bäume. Am Eingang zum Walde hinter der Wellers bürg wurde eine der großen Pappeln umgerisscn und quer über die Staatsstraße geworfen, sodaß Fuhrwerk die Stelle nicht passieren konnte. Auf der Straße nach Rödgen wurden viele Alleebäume gefnieft und entwurzelt. — Ferner schreibt man aus Köln: Das in den späten Nachmittagsstunden herniedergegangene Unwetter hat großen Schoden angerichtet. Durch den orkanartigen, dem Gewitter voraus- gehenden Sturm wurden mehrere Dächer der ausgedehnten städtischen Schlachtviehhofanlagen erfaßt und vollständig zertrümmert. Schwere Balken wurden wie Streichs- Hölzer zerknickt und eiserne Träger wurden auf das Dach eines kleinen Schuppens geschleudert, unter dem eine Anzahl Personen Schutz gesucht hatte. Der Schuppen stürzte ein, wodurch die darunter stehenden Personen versckstittet wurden. Die Feuerwehr war alsbald zur Stelle und brachte vier Schwerverletzte in Sicherheit. Auf einer Chaussee wurden 43 Bäume entwurzelt, tausend Fensterscheiben durch hühnereigroße Schlossen zertrümmert. Reisende erzählen, daß auch im Bergischen Lande das Unwetter arg gehaust habe. Bei Bensberg wurden zwei Personen erschlagen. A Lützellinden, 30. Juli. Das Jahresfest unserer Kleinkinderschule wurde gestern festlich begangen. Die ganze Gemeinde nahm an der Feier teil und auch aus den benachbarten Orten waren Festgäste erschienen. Die Spiele und die Liturgie, die die Kinder vortrugen, erregten allgemein die Freude und bad Interesse der Anwesenden. Unter Mitwirkung des Kirchengesangvereins und des Posaunenchors nahm die Feier einen würdigen Verlauf. Bad-Nauheim, 29. Juli. Wochenprogramm der Unterhaltungen. Montag den 30. Juli, abends von 8 bis 10 Uhr auf der Terrasse Konzert der Kurkapclle. Abends 8 Uhr Theatervorstellung: „Auf Strafurlaub". Dienstag den 31. Juli, nachm. von 4‘/a—7 und abends von 8 bis 10 Uhr auf der Terrasse Konzert der Kapelle des Jnf.- Regtd. Nr. 137 aus Hagenau. Bei gutem Wetter spielt die Kurkapelle nachm. von 4—6 Uhr am Teich. Abends 8 Uhr Theatervorstellung unter Mitwirkung der Kurkapelle: „Der Obersteiger". Darmstadt, 28. Juli. Der Großherzog und die Großherzogin empfingen heute mittag den Kommandeur der 25. (Großherzogl. Hessischen) Division Generalleutnant v. Perbandt und den zum ostasiatischen Expeditionskorps kommandierten Oberleutnant Otto vom Leib «Regiment Nr. 117. Die beiden Herren nahmen an der Frühstücks- täfel teil. — Der Erbprinz und die Erbprinzeffin zu Hohenlohe-Langenburg trafen gestern abend znm Besuch in WolsSgarten ein. Der Erbprinz reist heute morgen nach Koburg weiter. Sport, Spiel, Jagd. Gießen, 20. Juli. Die 10. Ruderregatta auf der Lahn, veranstaltet von der Gießener RudergeseUschast 1877. war zurächst vom schönsten Wetter begünstigt und erfreute sich dementsprechend eines äußerst regen Besuches. Leider wurden die Hoffnungen les Publikums auf interessante, spannende Rennen arg enttäuscht, da bei */6 der Rennen entweder überhaupt nur ein Boot startete oder nur eins durchs Ziel ging. Von einem Endspurt und Kampf zwische:- zwei Booten konnte nur bei einem Nennen die Rede fein. DaS Publikum verhielt sich auch demgemäß teilnahmloS. Ein vorzeitig.S jährS Ende bereitete der Regatta das Unwetter, auf dessen Einzelheiten an anderer Stelle unseres BlalteS näher cingegangen ist. Die Ergebnisse der Rennen stnd folgende: I. Großer Vierer. Ehrenpreis (Wanderpreis), gestiftet von der Stadt Gießen- 1. Frankfurter R.-G. Germania (6.38); 2. Frankfurter Ruder-Verein 18G5 (6.46