Viertes Blatt» Sonntag den 29. Juli Amts- unb Anzeigeblcrtt fitr den Kreis (Sieben Alle Snzägen«Bermittlu»gSstellea deS In. und ÄuilanK ■ernten Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgeh Zettenpreis: lokal 12 Pfg., auswärts 20 Pf,. RiWHm, Expedition und Druckerei: Ar. 7. tlaee|eu H« Anzeigen zu der michmlttagS für Ne M,«»« Xcf erscheinenden Nummer bis norm. 10 tt>c. AN-strLungen fpäleßenS abeeM vorher. OricheLmI Ugfi4 Bit LuS»ckhme deS Die Gießener »«BNieNßtttter Werden de« Anzeiger ta «echf-1 «tt „Heff. Swtorirt“ ä. ^Blätter W M. Volkskunde- WGchtl. 4 «ei beigelegt Adreffe für Depeschen: Anzeiger frlti*. Fernsprecher Nr. 5L GratisbeilagrN: Gießener Familienblatter, Der hegifche Landwirt, Klätter für hessische Volkskunde. Gießener Anzeiger General-Anzeiger im Neiugsprels vierteljährl. Ml. 2,» monatlich 75 Pf, mit Bringerlohn; durch die Abholestelev Vierteljährl. Mt. IM monatlich 65 Pf,. Bei Postbezug Mk. 2,40 vierteljähÄ. mit Bestellgeld. StreihSge durch die Paristr Mkltausßellmg. Von PaulLindenberg. (Nachdruck verboten.) xvn. Der Deutsche Schiffahrtspavillon. — Die Bedeutung des Deutschen Seewesens. — Ein Gruß der Heimat. Die Bedeutung der deutschen Handelsschiffahrt gelangt in ehrenvollster und imposantester Weise durch den Deutschen Schiffahrtspavillon zum Ausdruck, der fid). in unmittelbarer Nähe des eben besuchten Gebäudes befindet und von weitem schon die Augen auf sich zieht. Aus einem mit traulichen deutschen Giebeldächern versehenen, reichen malerischen Wandschmuck zeigenden Unterbau ragt in Höhe von 40 Metern ein dem Rothesand-Leucht- ckurm in der Wesermündung nachgebildeter Leuchtturm auf, von dessen Spitze uns die deutsche Farben begrüßen und abends sich nach allen Richtungen hin elektrische Lichtströme ergießen. In das Innere des vom Architekten Thielen-Hamburg herrührenden Baues gelangt man durch ein festgefügtes Thor, über dem sich ein Matrose unserer Kriegsmarine und ein biederer, in Sturm und Wetter ergrauter Schiffer von der Waterkant die Hände reichen, darunter aber leuchtet uns der kaiserliche Ausspruch entgegen: „Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser", darüber breitet der deutsche Reichsadler schirmend seine Schwingen aus. Hier im Innern zeigen die großen deutschen Werften lund Schiffahrtssirmen, daß Deutschland sich in verhältnismäßig kurzer Zeit den zweiten Platz unter den seefahrenden Nationen der Erde sich errungen und daß es sich- wie dies auch in hem Amtlichen Katalog hervorgehopep fOtrO, aus das regste und erfolgreichste beteiligt an dem internationalen Wettbewerb auf der Hochstraße des.Erdballs und dem Paradeplatz der Nationen, dem Tummelplatz der Kraft unb des Unternehmungsgeistes aller Völker der Erde. Mchts ist bezeichnender für den älteren Zu- stgnd, heißt es weiter, als daß Deutschland an den entscheidenden Erfindungen, an der Erzielung hoher und bemerkenswerter Leistungen in allen in Betracht kommenden Richtungen in den ersten drei Vierteln des 19. Jahrhunderts nirgend erheblich beteiligt war, während es dann binnen kann: 25 Jahren sich in vielen Zweigen eine führende Stellung erwarb. Durch die großartigsten Hafenbauten, Mündungskorrektionen, den Bau des Nordostseekanals, durch den Aufschwung Hamburgs zum ersten kontinentalen und zweiten europäischen Hafen, durch die Organisation und Ausgestaltung der größten Schiffahrtsgesellschaften der Erde, die Begründung großer Fischerei- Mesellschaften, den Bau der größten und schnellsten Riesendampfer wie des größten Segelschiffes und der besten und schnellsten Torpedofahrzeuge auf vorzüglichen Werften hat es seine Fähigkeit zur höchsten technischen und kaufmännischen Leistung kundgethan und den alten Seemannsruhm der Hanseaten neu zu begründen begonnen. Den breitesten Raum nimmt im unteren Geschoß des schmucken Pavillons der Norddeutsche Lloyd ein mit den Modellen seines neuen Verwaltungsgebäudes in Bremen, Unb einer diese einschließenden Darstellung seiner gesamten Flotte, von den Riesenprachtdampfern an bis zu den kleinen Hafen-Dampfbooten, welche die Fährgäste an Bord der schwimmenden Kolosse bringen. Die Hamburg-Arnierika-Linie stellte das Modell des Lichtschachtes und des großen Speisesaales des seit kurzem fahrenden Schnelldampfers „Deutschland" aus, einige atfbere Rhedereien sind durch Schiffsmodelle vertreten, ebenso unsere bekanntesten Werften (wie F. Schichjau- Wbing, „Vulkan"-Stettin, Blohm & Voß - Hamburg, „Weser"-Bremen, „Neptun"-Rostock, I. C. Tecklenborg-Bre- merhaven), bie uns in zierlichen Duodez - Ausgaben die mächtigen Kriegs- und Passagierschiffe vorführen, neben Veranschaulichung der Dock-, Krahn- und Reparatur-Anlagen. Die in dieser Eingangshalle aufgestellte, in Kupfer 'getriebene, große Gruppe des Berliner Bildhauers Menck — eine Versinnbildlichung der den ganzen Erdkreis umfassenden Wirffamkeit der Schiffahrt mit dem gewaltigen Haupt des Donnergottes Thor, dessen Hauch die Erdkugel Ift Bewegung setzt — leidet an Unklarheit; ein Kunstwerk wirst nicht erst seitenlanger Ausführungen bedürfen, um verständlich zu fein, es ist dann meist von Hebet In zwei Galerien sind viele für das Seewesen wichtige Gegenstände vereint, die von der Rührigkeit und dem ernsten Streben unserer Handwerker, Mechaniker und industriellen Anlagen, nur das Beste zu bieten, rühmendes Zeugnis ablegen. Sehr übersichtlich ist das wahrhaft ungeheure Modell der Hamburger Hafenanlagen mit der Zollgrenze und den anschließenden Stadtteilen, sowie mit den in Ausführung begriffenen Eisenbahnumbauten — ein bewundernswertes Werk außerordentlicher Genauigkeit und noch, größerer Geduld, von dem Hamburger C. Ä. W. Albrecht stammend. Dieser Schiffahrtspavillon mit feinem reichen und gediegenen Inhalt hat sein gut Teil beigetragen zu dem Erfolge Deutschlands in Paris; den deutschen Besuchern aber bedeutet er einen tieben Gruß aus der Heimat, und gern wenden sich in dem bunten Wirrwarr wieder die Micke zu dem hochragenden, festen Turm mit der jetzt auf allen Meeren flatternden, achtunggebietenden Flagge Schwarz- weiß-rot! Aus Stadt und Land. Gieße«, den 28. Juli 1900. ** Das Regierungsblatt, Beilage Nr. 21, vom 24. Juli enthält: 1) Bekanntmachung, die Organisation der Hnfallversicherung betreffend. 2) Bekanntmachung, das Ergebnis der Verwaltung des Großherzoglichen Fonds zur Gewährung von Beihilfen bei Heberschwemmungen für das Etatsjahr 1898/99 betreffend. 3) Bekanntmachung, die Bildung und Zusammensetzung der Schiedsgerichte für die Hnfallversicherung betreffend. 4) Bekanntmachung, die Erhebung der in der Gemarkung Schiffenberg, Kreis Gießen, erwachsenen Kosten der öffentlichen Armenpflege betreffend. 5) Ordensverleihungen. 6) Ermächtigung tzur Annahme und zum Tragen ftemder Orden. 7) Dienstnachrichten. 8) Dienstenthebung. 9) Dienstentlassung. 10) Dienstentsetzung. 11) C haraktererteilungen. 12) Ruhestandsversetzungen. 13) Sterbe fälle. ** Die „zugeknöpften" Eisenbahnbeamten. Sehr zu bedauern bei der herrschenden tropischen Hitze sind die staatlichen Lokomotivführer, denen es streng verboten ist,, im Dienste auf der Lokomotive den schweren Hniformrock auszuziehen oder auch nur einen leichten Rock anzuziehen. Stundenlang dauert oft die Fahrt, die der Lokomotivführer und sein Heizer, direkt vor der Kesselfeuerung stehend, zurück , legen müssen Da kann max sich leicht die Qualen vorstellen, die sie bei der heißen Sommertemperatur in ihrer schweren Kleidung auszuhalten gezwungen sind. Uni) wie leicht könnte die vorgesetzte Dienstbehörde den Lokomotivführern Erleichterung verschaffen, wenn sie ihnen erlaubte, Drillich- oder blauleinene Kleidung auf der Maschine zu tragen. Bedenkt man, daß die Beamten des inneren Dienstes an den heißen Tagen und in ihren meist kühlen Büreaus in Hemdärmeln dasitzen und sich an und für sich jede Erleichterung verschaffen' können, so kann man nur wünschen, daß denen, die vielfach schwereren Dienst haben als die Büreaubearnten, auch eine den Dienst und das dienstliche Ansehen absolut nicht störende Erleichterung gewährt wird. Aber die deutschen Eisenbahnverwaltungen sind leider weit davon entfernt, diese berechtigten Wünsche zu erfüllen. Das bewies ja erst neulich die Verfügung der bayerischen Verwaltungsbehörde in Bezug auf die Kleidung der Abfertigungsbeamten, die wir in unserer Nr. 173 glossierten. Der böse Geist Bureaukratius treibt sein Unwesen gerade im Eisenbahnverwaltungswesen leider am allerschlimmsten. Daß doch ein Donnerwetter vom Himmel käme und ihn zerschlüge! ** Die Beförderung kranker und schwacher Personen auf den Eisenbahnen ist neuerdings wieder durch besondere Vorschriften der preußischen Staats- bahnverwaltüng erleichtert. Es werden jetzt auf Verlangen sogar Salonwagen eingestellt, die zum Krankentransport eigens hergerichtet sind. Die königliche Eisenbahrrdirektion Berlin hat z. B. einen vierachsigen, mit allen Bequemlichkeiten versehenen „Kranken-Salonwagen" beschaffen lassen, der sich nach ärztlichem Gutachten vorzüglich bewährt. Darin befindet sich, für schwerkranke Reisende ein auf besonderem Federgestell ruhendes Bett, das gleichzeitig auch als Tragbahre benutzt werden kann, um den Kranken bequem in den Wagen hinein und, ohne ihn umzubetten, wieder herausschaffen zu können. Auf arößeren Stationen sind vielfach auch Einrichtungen für den Transport gelähmter oder schwacher Personen (Trag- und Fahrstühle) vorhanden, ferner Einsteigetreppen, die an die Wagen herangesetzt werden. Im Bedarfsfälle hat man sich! nur an die betreffende Station zu wenden. Die Bestellung von Kranken-Salonwagen muß natürlich möglichst frühzeitig, entlveder an die Station oder unmittelbar an die königliche Eisenbahndirektion, gerichtet werden, damit der Wagen rechtzeitig herangezogen werden' .kann. Für die Benutzung der Kranken-Salonwagen si:rd die tarifmäßigen Gebühren zu zahlen. ** Heber Spinn st ubenunfug war uns aus Bettenhausen eine vom 18. d. M. datierte Korrespondenz zugegangen, die wir in unserer Nr. 167 zum Abdruck brachten. ' Nun erhalten wir von Herrn Bürgermeister Köhler aus Langsdorf ein sechs Folioseiten umfassendes Schreiben. Seine Bitte um dessen ungekürzten Abdruck müssen wir mit Bedauern ablehnen. Herr Bürgermeister K,ö h l e r erwidert nämlich auf jenen Artikel unseres Korrespondenten größtenteils überhaupt nicht, sondern eifert auf mehr als der Hälfte dieser Blätter gegen die Zuchtlosigkeit der Städter, greift die akademische Jugend und die Arbeiterbevölkerung rc. rc. an, schafft also damit den auf diem Lande begangenen Unfug nicht beiseite. Auf der zweiten Hälfte seiner Blätter bestätigt Herr Bürgermeister. Köhler, daß ein Verfahren wegen Schlägerei beim Amtsgericht anhängig gemacht worden und daß eine zweite Schlägerei thatsächlich vorgekommen ist. Die erstere, so sagt Herr Bürgermeister Köhler, sei von einem Menschen „aus Fabrikbezirken" hervorgerufen worden und erst durch anonyme Angeber an die Oeffentlich-kcit gekommen. Dne zweite Schlägerei hätten nicht Bettenhäuser, sondern. Burschen aus einem andern Dorfe in angetrunkenem Zustande verursacht. Thatsächlich berichtigend sind nur die ersten Worte des folgenden Absatzes: „Weiter bemerke ich daß die Behauptung, „die Mädchen" (wie der Einsender generalisierend schreibt) trieben sich bis 2 Uhr nachts außerhalb des Dorfes herum, vollständig der Wahrheit zuwider- läuft." Herr K. fährt fort: „Wahr dagegen ist, daß die Burschen und Mädchen, vielfach sogar folgend meiner eignen Anregung, an hübschen Sonntag-Sommer- abenben kameradschaftweise auf den Dorsstraßen und ums Dorf herum, ebenso wie in Langsdorf und in allen Noch unverfälschten und unverdorbenen Bauerndörfern, lustwandeln und sich zu überbieten suchen in Ausübung des Gesanges mralter und herrlicher Volkslieder. Freilich verurteile auch ich das Ausdehnen solcher Spaziergänge bis tief in die Nacht hinein, aber nur darum, weil die Jugeird dann weniger arbeitstüchtig am Morgen ist, nicht aber weil ich Unzüchtigkeiten befürchte". Herr Bürgermeister Köhler schließt mit dem Bemerken, daß die dortigen sittlichen Zustände die besten seien; das bewiesen seit langen Jahren die Kirchenbücher und Standesamts-Register. Wir glauben dem Herrn Bürgermeister, dsaß er mit dieser Bemerkung recht hat, und ziehen die moralische Tüchtigkeit der Bettenhäusener keineswegs in Zweifel. Wir nehmen auch, an, daß unser Herr Korrespondent durchaus nicht die Absicht gehabt hat, die sittlichen Zustände in jener Ortschaft überhaupt zu verurteilen, sondern nur gelegentliche bedauerliche Vorkommnisse. Wenn er in deren Verurteilung vielleicht das rechte Maß nicht eingehalten hat, Jo geschah das selbstverständlich ohne unser Wissen. Wir Durften dem Herrn, der seine Korrespondenz mit seinem vollen Namen unterzeichnet hatte, ohne weiteres glauben. Daß übrigens Spinnstuben- Vorkommnisse zu behördlichem Einschreiten öfters Veranlassung geben, zeigt das in dem amtlichen Teile unserer gestrigen Nummer für die Gemeinde Obbornhofen erlassene Polizeireglement. Wir bemerken schließliche, daß es uns, der Redaktion des „Gießener Anzeigers", völlig fern gelegen hat, durch Veröffentlichung jenes Artikels den Bewohnern von Bettenhausen zu nahe zu treten, sondern glaubten im Gegenteil in deren Interesse zu handeln, indem wir begangenen Unfug, der ja nach der Korrespondenz auch von der dortigen Ortspolizei als solcher aufgefaßt worden ist, in der rechten Weise rügten. Bensheim, 25. Juli. Heute abend ereignete sich hier auf der Station der Main-Neckareisenbahn ein schwerer Hnglücksfall. Als der um 7,29 Uhr von Frankfurt kommende Personenzug den sog. Schwanheimer Ucbergaitg passierte, wurde das Fuhrwerk des Landwirtes Ritzert aus Schwanheim von der Lokomotive ersaßt. Das Pferd erlitt infolge des Zusammenstoßes so schwere Verletzungen, daß es sofort verendete, der Wagen wurde vollständig demoliert und der Lenker des Fuhrwerks schwer verwundet, so daß er in das hiesige Hospital verbracht werden mußte. Außer dem Lenker des Fuhrwerks befand sich noch eine zweite Person auf dem Wagen, die mit dem Schrecke:: und einigen leichten Verletzungen davonkam. Aus dem Odenwald, 26. Juli. Die Gebäulichkeiten der Lungen Heilanstalt bei Neustadt sind zum großen Teil vollendet, sodaß der Eröffnung in ab* sehbarer Zeit kein Hindemiß entgegensteht. Bei der überaus günstigen Lage der Anstalt erscheint die Aussicht auf erfolgreiche Wirkung des Aufenthalts und der ärztlichen Behandlung als eine durchaus begründete. Im Jntereffe so vieler Hilfesuchenden kann man es nur freudigst begrüßen, daß der ersten Entschließung zum Bau des Sanatoriums in hiesiger Gegend so rasch und zweckentsprechend die That gefolgt ist. Kassel, 25. Juli. An dem aus Kupfer getriebenen Herkules, der weltbekannten Kolossalfigur, die das Oktogon auf unserer Wilhelmshöhe krönt, werden gegenwärtig umfassende Renovierungsarbeiten vorgerwmmen, zum ersten- male seit einem halben Jahrhundert. Von den Zimmerleuten, die jetzt dort oben in schwindelnder Höhe herum- kletterten!und dem seit beinahe 200 Jahren einsam thronenden farnesischen Herkules gründliche den Kopf wuschen, wurde unter den Haaren im Kopf des Standbildes eine 12 Zentimeter große, runde Platte aufgefunden, auf welcher folgende Inschrift in lateinischen Lettern steht. „Carolus, Landgraf zu Hessen hat dieses Bild machen lassen durch Johannes Jakob Ankhonius, ein Goldschmied, ge= bürtig ans Augsburg. Ist angefangen anno 1714 unb fertig worden anno 1717, den 30. November". Der Fun» dieser bisher unbekannten Platte ist deshalb so bedeutsam. -weil bis auf den heutigen Tag als historisch, beglaubigt an- genommen wurde, daß der Schöpfer dieses weltbekannten Kunstwerkes ein gewisser, im Jahre 1692 auf dem Messing- Hofe bei Kassel geborener Kupferschmied Namens Otto Philipp Küper, Sohn eines dort beschäftigten fürstlichen Hammerschmiedes gewesen fei, dem infolge dieser hervorragnd künstlerischen Leistung verschiedene Auszeichnungen und Vergünstigungen zu teil wurden. So wurde Küper, wie aus einer bei den Erben der Familie Küper noch vorhandenen, vom Landgrafen Karl am 8. Juni 1717 ausgestellten Urkunde hervorgeht, ohne vorhergegangenes Meisterstück in die ehrsame Zunft der Kupferschmiede um deswillen ausgenommen, weil die verfertigte Arbeit Herkules zur Genüge bekannt gebe, daß Küper das erlernte Kupferschmiedhandwerk wohl verstehe. Vermischtes. * Dortmund, 25. Juli, lieber das Eisenbahnunglück in (Samen ist noch folgendes mitzuteilen: Der Köln-Berliner Schnellzug, mit Schlafwagen ausgestattet, geriet bei der Einfahrt in den Bahnhof in ein falsches Gleis und stieß mit voller Wucht auf einen dort stehenden Güterzug. Der Anprall war ein furchtbarer; die Lokomotive des Schnellzuges wurde aus dem Gleise geschleudert und bohrte sich in das Erdreich ein, der Tender riß sich los, wurde mit mehreren nachfolgenden Wagen an der Lokomotive vorbeigeschoben, wobei insbesondere die Holzteile der EckkoupeeS zerstört wurden. Der Packwagen wurde um- geworfen, schwer beschädigt ist auch der Postwagen. Von dem Güterzuge find gegen sechs Wagen ganz zerstört, ein Wagen ist direkt aus sein Vorderwagen gefahren. Zahlreiche Passagiere waren zwischen den Trümmern eingezwängt, es dauerte eine Stunde und länger, ehe man sie aus ihrer entsetzlichen Lage befreien konnte. Arbeiter der benachbarten Zeche „Monopol", sowie das Stationspersonal leisteten die erste Hilfe. Es sind bei dem Unglück zu Tode gekommen der Lokomotivführer Schneider und der Heizer Lubinger, beide aus Dortmund, sie hatten den Zug erst hier übernommen. Schwer verletzt ist der Zugführer Emil Hartmann aus Berlin-Schöneberg und der Packmeister Wilhelm Gröper aus Berlin. Leicht verletzt, so daß er es unternehmen will, die Reise heute noch sortzusetzen, ist der Kaufmann Saurier aus Paris, der über eine Stunde in einem Abteil 2. Kl. zwischen den Trümmern eingeschlossen war. Vier andere Personen, ein Restaurateur aus Wesel, der Schlafwagenschaffner und der Postschaffner, sowie eine kranke Dame, sind ganz leicht verletzt und konnten die Reise mit dem nächsten Zug fortsetzen. Direkte Ursache des Unglücks war, daß der Wärter des vor dem Bahnhof liegenden Blocks dem Schnellzug eigenmächtig das aus Halt stehende Einfahrtssignal frei gemacht hat. Da die Weiche für das dritte Gleis, in das der Güterzug eben eingefahren, noch nicht herumgelegt war, so mußte der Schnellzug in dieses Gleis einfahren. * Berlin, 26. Juli. Gestern und heute waren hier mehrere Fälle von Hitzschlag zu verzeichnen, die aber, so weit bekannt, durchweg einen guten Verlaus nehmen. * Im Duell erschoß am 1. Weihnachtsfeiertag der Leutnant Rau vom 150. Jnf.-Regt. den Oberleutnant Stielow vom selben Regiment im Stadtwalde bei Allen- stein. Leutnant Rau ist jetzt nach der „Pos. Ztg." wegen dieser That zu 2 Jahren Festung verurteilt worden. * Thorn, 26. Juli. Hier ereignete sich heute früh ein schweres Unglück. Bei einem Umbau stürzte der vordere Giebel ein, durchschug die Decken und verschüttete alle Arbeiter. Bisher sind 1 Toter und 3 schwer Verwundete geborgen. * Gräfin v. Schlieben, die, wie wir vor einiger Zeit berichteten, unter dem dringenden Verdachte verhaftet wurde, daß ftie ihre Villa in Steglitz in Brand gesteckt habe, hieß vor ihrer Verheiratung schlicht bürgerlich Marie Hartog. Sie befaß in der Potsdamerstraße schon seit mehreren Jahren ein Blumengeschäft und daneben eine „Gartenbauschule für Frauen", die dank der außerordentlichen Geschicklichkeit der Inhaberin im Entwerfen geschmackvoller Arrangements jeder Art bald ausgezeichnet florierten. Namentlich in den Kreisen der guten Berliner Gesellschaft, auf Wohlthätigkeitsfesten und Bazaren wußte Fräulein Hartog ihre Erzeugnisse abzusetzen und ihrem Institut seinen guten Ruf zu verschaffen. Um so erstaunter war man, als sich die Dame einem neuen' Erwerbszwtzig zuwandte und Redaktrice der Zeitschrift „Neues Frauenblatt" wurde. Die redaktionelle Leitung dieser Wochenschrift war ihr von der Herausgeberin, Frau Madsack in Hannover, übertragen worden, unb Fräulein Hartog übernahm die Dchriptleitung des Blattes, deren Redaktion nun nach der Potsdamerstraße verlegt wurde. Die neue Redaktrice wußte ihrem Blatt, das durch einen grellen Titelkopf leicht ins Auge fiel und sich „Zeitschrift für alle Interessen der Frauenwelt" nannte, bald einen erfreulichen Aufschwung zu geben, indem sie es als Propaganda für die Frauenbewegung benutzte oder umgekehrt die Bewegung für ihre Zeitschrift nutzbar machte. Zu diesem Ztveck gründete sie einen Verein „Frauenerwerb", dessen Organ das Blatt wurde. Dor neue Verein wurde bald die Zentralstelle für Zweigvereine, die in Hannover, Königsberg und Danzig erstanden und sich hauptsächlich damit befaßten, bie wirtschaftlichen Interessen der erwerbenden Frauen zu heben durch Errichtung einer Zentralauskunftsstelle, eines Rechtsschutzbureaus, durch Ausstellungen von Frauenarbeiten und anderes mehr. Fräulein Hartog war die Seele des Ganzen und hatte fid), durch ihre Thätigkeit, wenn auch nicht unter den eigentlichen Führerinnen der Frauenbewegung, einen namhaften Anhang geschaffen. Etwas Überraschend kam es nun, als neben der Dame plötzlich ein junget Graf v. Schieben auftauchte, den Fräulein .Hartog zufällig kennen gelernt hatte. Plötzlich zu Beginn des vorigen Jahres machte Graf Schieben die Redaktrice des „Neuen Frauenblattes" zur Gräfin, indem er sie eheliche. Der Altersunterschied zwischen der im Alter von vierzig Jahren stehenden Gräfin und ihrem kaum dreißig Jahre alten Gemahl war aller dings etwas groß, immerhin hörte man in den Kreisen, die' dem Ehepaar nahe standen, nur das beste über die junge Ehe, » Man wußte, daß die Gräfin sich in ifyretm Heim in der Potsdamerskraße mit einem erlesenen Kreise von Schriftstellerinnen und Damen der Berliner Gesellschaft zu umgeben pflegte. Im vergangenen Winter veranstaltete die Gräfin auch eine Ausstellung des Vereins „Frauenerwerb". Das gräfliche Paar bezog bald darauf eine eigene Villa in Steglitz, die die Gräfin aus ihren Mitteln hatte erbauen lassen, und hier ist dann die schieß- licbe Verhaftung wegen Verdachs der Brandstiftung erfolgt. Die Angehörigen der Gräfin haben bisher vergeblich für ihre vorläufige Haftentlassung bedeutende Kautionen angeboten. * Im Salmschacht bei Polnisch-Ostrau schlug eine mit neun Grubenarbeitern besetzte Förderschale mit solcher Wucht gegen ein vorgeschobenes Prellgestell auf, daß dieses in Stücke ging. Alle neun Arbeiter erlitten sehr schwere Verletzungen. Dreien müssen die Füße amputiert werden. * Eine klassische Begründung. In einem Orte Oberbayerns reichte kürzlich der Totengräber fein Entlassungsgesuch mit der klassischen Begründung ein: „Wenn fein Mensch stirbt, so kann der Mensch nöt leben." Ob dem Ansuchen stattgegeben wird, darüber soll die nächste Gemeindeausschußsitzung bescheiden. So berichtet die „Landshuter Zeitung". * Kellnerin und Dichterin. Die illustrierte Wochenschrift „Ue 6 er Land und Mee r" (Deutsche Verlagsanstalt in Stuttgart) brachte kürzlich die Biographie und das Bildnis einer Dichterin, die nunmehr die Fesseln ihres bisherigen Berufs als Kellnerin abzustreifen und sich dem Lehrerinnenstande zuzuwenden beginnt. Grethch en Baldauf, so heißt sie, verdiente in den verflossenen Wintermonaten im Cafe Austria, im Restaurant Rheingold und im Restaurant Hohenzollern in Leipzig als Kellnerin ihren Unterhalt und dichtete nebenher. Von hier ging sie in ein Restaurant des Weltbades Baden-Baden, wo sie gegenwärtig ob ihrer poetischen Schöpfungen von sich reden macht. Grethchen Baldauf, die Kellnerin-Dichterin, ist die Tochter eines Korbmachers im sächsischen Erzgebirge und zählt 22 Jahre. Von ihr stammen eine Serie Gedichte, die unter dem Titel „Lieder des Mädchens aus dem Volke" erschienen sind und die in litterarischen wie in studentischen Kreisen deshalb Interesse fanden, weil ihre Verfasserin, wenn sie nicht dichtete, das schäumende Naß kredenzte. * Von b er Weltausstellung. Der Geh. Kommerzienrat Lanz, Chef ber Maschinenfabrik Heinrich Lanz in Mannheim, führte kürzlich in seiner Eigenschaft als Vizepräsident des Preisgerichtes der Klasse 19 (Dampfmaschinen, Lokomobilen, Kessel) den Präsidenten der Republik im die französische Abteilung dieser Klasse. Der „Figaro" berichtet darüber und erwähnt, daß der Präsident unter anderem gesagt habe: „Ich weiß, daß Sie in einer benachbarten Abteilung eine ganz unvergleichlich gute Maschine ausgestellt haben; ich verspreche Ihnen, mir oieselbe noch genauer anzusehen." Der „Figaro" berichtet ferner, daß Herr Lanz in den Champs Elhsees ein Haus gemietet hat, in dem er den ersten Stock selbst bewohnt, während der zweite seinen Hauptangestellten reserviert ist, die er abwechselnd zu sich einlabet. Auch über bie deutsche Abteilung, in bter Präsibent Landet sich lange aufhielt, halten die Franzosen mit den Ausdrücken ihrer Bewunderung nicht zurück und die genannte Zeitung behauptet, daß jeder, der genauer prüfe, sagen müsse, „wie viele Fortschritte hat Deutschland in den letzten 10 Jahren gemacht!" Generalkommissar Dr. Richter wurde wiederholt und eindringlich vom Präsidenten beglückwünscht. *Estracht bereit sinder: Weltausstellung. Die sogenannten „attractions" der Pariser Weltausstellung umkreist der „Pleitegeier". Es herrscht Heulen und Zähne- klappern, Thränen fließen, Flüche steigen zum Himmel empor, und ein Riesenbankerott breitet seine schwarzen Fittige aus. Die unverbesserlichen Spekulanten, so schreibt ber „Matin", bie bei ber Grünbung der „attractions" von fabelhaften Glücksgütern und von chimärischen Reichtümern träumten, sitzen an den Wassern der Seine und weinen bitterlich. An allen Ecken und Enden kracht es, als Gerichtsvollzieher verkleidet geht der Tod um. Es wird ein großes Sterben werden! Nicht alle „attractions" werden zusammenbrechen, aber fast alle sind gezeichnet. Vor vierzehn Tagen ging das „Riesentheater Columbia" den Weg aller Riesentheater und schloß die Pforten, jetzt legt sich „Paris im Jahre 1400" ins Grab. Welches Theater wird jetzt folgen? Düstere Gerüchte sind im Umlauf, und die bemalte Leinwand der Panoramen zittert und bebt. Das „Riesentheater Columbia" war mit einem Kapital von 600 000 Franks (6000 Aktien pro Stück zu 100 Franks) gegründet worden. Heute sind die Aktien nicht einen Pfennig wert, selbst als Zimmertapete sind sie zu schlecht. Von 850000 Franks, die „Paris im Jahre 1400" gekostet hat, wird man auch nichts Wiedersehen. Aber das sind nur Lappalien im Vergleich mit dem übrigen. Drei Dutzend „attractions" befinden sich auf dem Ausstellungsgebiete und in der Nachbarschaft des großen Jahrmarktes. Wir wollen nur die „schönsten" von ihnen samt den riesigen Summen, die bei ihrer Gründung wnschwendet wurden, hier aufzählen: Die „Luftreifen" (1 Million Franks), „Andalusien zur Zeit der Mauren" (650 000 Franks), das „Cineorama" (500 000 Franks), die „Seeschlacht" (1 Million Franks), die „Lebenden Dioramen" (1250000 Franks), „Faschoda" (250 000 Franks), „Unterirdische Bergwerks- Ausstellung" (400 000 Franks), „Himmelsglobus" (5 Mill. Franks), das „Große Rad" (4 Millionen Franks), der „Vesuv in Paris" (1 Million Franks), „Hippodrom^ (3 Mckl. Franks), „Französisch-Indien" (1 Million Franks), das „Verkehrte Haus" (750000 Franks), das „Mareorama (1 250 000 Franks), die „Optik" (1 Million Frank»), der „Palast des Tanzes" (750000 Franks), der -Pa ast der Frau" (650 000 Franks), der „Palast des Meere» (£>0000 Franks), das „Panorama von Rom" (000 000 Frank.), der „Kostümpalast" (2 Millionen Franks), -Tonsins leuchtender Palast" (400 000 Franks), das „Schwerzerdorst (3 Mill. Franks), das „Marchand-Panorama" (500 000 Franks), das „Panorama von Madagaskar" (500 000 Frank»», das „Phonorama" (150000 Franks), die „Straße von Kairo (1500 000 Franks), die „Lebenden Bilder' (150 000 Franks), das „Indo-chinesische Theater" (350 000 Franks), „das Panorama der Reise um die Welt" (2 Millionen Franks), das „Trottoir rvulant" (4 Millionen Franks), „Venedig in Paris" (950 000 Franks). Wohlverstanden: diese Summeß repräsentieren nur das Aktienkapital, nicht auch die „Gründeranteile" und die „Obligationen". Der Zusammenbruch wird also geradezu „phänomenal" sein. * Paris, 26. Juli. In vergangener Nacht brach auf, dem Terrain der Weltausstellung in dem Keller des Kolonialgebäudes von Guyanq und Martinique Feuer aus, welches bald lokalisiert wurde. Anscheinend liegt Brandstiftung vor. * Paris, 24. Juli. Ein durch bie Kämpfer wie durch bie Veranlassung gleich bemerkenswerter Zweikampf beschäftigt heute bie Oberschicht ber Pariser Gesellschaft. Der G r a f „B o n i" (Bonifazius für biejenigen, die keinen Grund haben, den edeln Herrn mit seinem Kosenamen zN bezeichnen), der Gatte der Erbin des amerikanischen Milliardärs G o u l d, nationalistischer Abgeordneter und Börsenspekulant von wechselndem Glück, hatte neulich seinen angeheirateten Vetter, den Sekretär der russischen Gesandtschaft in München Grafen Orlows ki, und den nationalistischen Abg. Julius Dumas bei sich zum Frühstück. Die Unterhaltung kam auf das französische Heer und besonders auf die Verabschiedung des Generals Jamonü Der Russe verriet seinem Wirt und dessen anderen Gaste etwas von seinen Anschauungen über Jamont. Die beiden Franzosen muckten sofort auf, ein Wort gab das andere und Graf Orlowski ließ sich durch feinen Aerger hinreißen, seine volle Meinung über die von den Nationalisten so hochgepriesenen französischen Generale der Mer- cierschen und Rogetschn Schule auszusprechen. IN den Hitze des Gefechts Überwachte er seine Zunge nicht im mindesten und gab seinen Gedanken eine verallgemeinernde Form, welche die Deutung zuließ, daß er in sein vernichtendes Urteil alle französischen Generale und das französische Heer im allgemeinen einschoß. Daraufhin begnügte fein Wirt und Vetter Gras Castellane sich nicht mit heftigsten Widerspruch, sondern schloß ihm mit Hanoanle gun g den Mund und gab ihm ein) geräuschvolles Zwangsgeleit über d i e Treppe bis an die Außenthür. Zu Hause wurde Graf Orlowski ruhiger, überlegte die Folgen seiner Heftigkeit und erkannte auch, daß er seine Worte nicht mit der gehörigen Sorgfalt gewählt hatte und zögerte nicht, dem Grafen Castellane einen durchaus würdigen Brief zu schreiben, worin er feine Aeußerungen genauer faßte, sodaß sie nicht mehr den Anschein einer nicht beabsichtigten Verallgemeinerung erwecken konnten und nicht mehr für das französische Heer und seine Führer in Bausch und Bogen verletzend klangen, sondern sich nur noch auf ganz bestimmte wenige Personen bezogen. Damit schien oie peinliche Angelegenheit, die außer den beiden unmittelbar Beteiligten nur noch einen Zeugen gehabt hatte, erledigt. Es sollte jedoch anders kommen. Ein hiesiges Klatschblatt hängte die Sache an die große Glocke, übertrieb die Einzelheiten und stellte die Rolle des Grafen Orlowski in sehr ungünstiges Licht. Der russische Diplomat schrieb darauf einen zweiten Brief an seinen französischnationalistischen Vetter und machte ihn in den härtesten Ausdrücken für die boshafte Veröffentlichung verantwortlich Graf Castellane erklärte, er stehe dem Zeitungsaufsatz völlig fern, forderte aber gleichzeitig feinen Vetter. Er wählte zu Zeugen den/ Grafen de Dion und den Abg. Julien Dumas, während Gras Orlowski den Obersten a. D. des russischen Garde- Hiisaren-Regiments Fürsten Sergius Galitzin und einen» hier als Kenner in Ehrenhändeln angesehenen Klubmann, Xaver Feuillant, als seine Zeugen bestellte. Man war geschmackvoll genug, die Sache geheim zu halten. Gleich beim ersten Gang erhielt Graf Orlowski an der rechten Brustseite eine Muskelwunde, die dem Kampf ein Ende machte. Es wird nicht gesagt, ob die Gegner sich auf dem Kampfplätze versöhnt haben. * Die Prinzessin Elvira von Bourbon, des spanischen Thronprätendenten Don Carlos' Tochter, die mit dem verheirateten Maler Folchi in wilder Ehe lebt, hatte gegen ihren Bruder Prinz Don Jaime einen Zivilprozeß angestrengt, um in den Besitz eines Bildes zu gelangen, das Don Carlos als karlistischert General dar- stellt und einen Wert von 40 000 Mark haben soll. In erster Instanz war Don Jaime zur Herausgabe des Bildes verurteilt worden. In der Berufungsinstanz wurde aber dieser Tage das erste Urteil aufgehoben und die Klage der Prinzessin zurückgewiesen. Da Prinzessin Elvira ihren Vater nicht dermaßen liebt, um sich nur „seiner schönen Augen wegen" nach dem Besitze seines Conterfeis zu sehnen, kann man nur annehmen, daß sie den gemalten Papa an den „Meistbietenden gegen gleich bare Zahlung" verkaufen wollte. * Budapest, 25. Juli. Gestern wurde in Kisber der dortige Advokat Karl Csuthi, Direktor der Sparkasse, ein sehr angesehener Mann, zu Grabe getragen. Csuthi hatte sich erschossen. Das Leichenbegängnis gestaltete sich deshalb sensationell, weil der Geistliche in seinem dem Verstorbenen gewidmeten Nachruf die Mitteilung machte, daß ihm Csuthi, der zu seinen Freunden zählte^ das Geständnis abgelegt habe, er fei das Opfer eines amerikanischen Duells geworden. Vor zwanzig Jahren hatte Csuthi wegen eines Mädchens ein amerikanisches Duell, und Csuthi hatte die schwarze Kugel gezogen: durch volle zwanzig Jahre sei das Leben des Advokaten eine Kette von Aufregungen gewesen. An jedem Jahrestage des Duells erhielt er von seinem Gegner eine Erinnerung, und schließlich mußte er sich das Leben nehmen. _ * „Ländlich, sittlich". Unter diesem Titel erzählt der „Pester Lloyd" folgendes Geschichtchen aus Ungarn: Ort der Handlung: eine kleine Provinzstadt. Für die Richtigkeit verantwortlich: ein glaubwürdiges, ernstes ungarisches Provinzblatt. Georg Gyorgyek kommt mit einer großen Klage auf das Polizeiamt. Sem Weib ist nut feinem jüngeren Bruder durchgebrannt.' Obendrein hat das saubere Pärchen ihn bestohlen. Der Polizeibeamte wirst dem betrogenen Ehemann einen bedauernden Blick zu und schreitet darin zur Ausnahme des Protokolls: „W tote heißt Ihre ftrau 9" — Meine Frau?" — „Ja, es ist doch von ihr die Rede" — „Von ihr? Wer new! Meine Frau ist die beste Frau auf Gottes Erdboden. Sie lebt hier anständig mit dem Andreas Lovich. Nicht sie ist durchgegcmgen, sondern mein Weib, mit dem ich seit vier Jahren zusammen- feüe" — Dem Polizeibeamten wird es im Kopf erst ein wenig dumm. Er braucht einige Zeit, um sich zu erholen und zu orientieren. Dann vollendet er das Protokoll. Die Frau heißt Frau Johanna Kodes und ist eine geborene Marie Ugla. Und als der Akt fertig ist und Gyorgyek sich entfernt, kehrt er bei der Thür noch einmal um und bemerkt: „Also, bitte sehr, nicht meine Frau zu suchen, denn die ist ein makelloses, anständiges Weib; die möchte ich um alles in der Welt nicht wieder zurückhaben." Siuhkitlichr Krzrümr des juti^tn PrLfnMMstis in Deutsche« Reiche. Wir stehen im Zeichen der Gedenktagfeiern. Drum sei hier auch auf einen bevorstehenden Gedenktag besonders hinge-wiesen, der sonst vielleicht wegen Mangels eines Anlasses zu äußerem Gepränge leicht übersehen werden könnte. Bald sind es 25 Jahre, seitdem bei der Beratung des deutschen Gerichtsverfassungsgesetzes im Deutschen Reichstag unter allgemeiner Uebereinstimmung als das Ziel unserer Rechtsentwickelung die juristisch^ Freizügigkeit innerhalb des ganzen deutschen Reichsgebietes bezeichnet wurde. Als notwendige Voraussetzung dieser Freizügigkeit wurde in dem von dem damaligen Reichstagsabgeordneten Miquel erstatteten Bericht über das Gerichtsverfassungsgesetz mit Recht „eine gleiche Prüfungsordnung" hervorgehoben. Da letztere aber nicht so schnell als wünschenswert gewesen wäre, zu erlangen war, und man das Zustandekommen des Gerichtsverfassungsgesetzes nicht davon abhängig machen wollte, so beschränkte man sich! vorläufig auf die Vorschriften der §§ 2 und 3 des Gerichtsverfassungsgesetzes, von denen der erstere die Mindestforderungen für die Befähigung zum Richteramte aufstellte, und § 3 bestimmte, >aß, wer in einem Bundesstaate die erste Prüfung be- tanden hat, in jedem anderen Bundesstaate zur Vorbereitung für den Justizdienst und zur zweiten Prüfung zugelassen werden könne. Erneute Veranlassung, das Ziel der juristischen Freizügigkeit zum Ausdruck zu bringen, nahm der Reichstag im Jahre 1878 bei den Verhandlungen über die Rechts- anwaltsardnung. Es wurde ein Antrag zu Gunsten der Freizügigkeit der Rechtsanwälte gestellt. Gegen diesen Antrag wurde eingewendet, daß die beantragte und auch zu erstrebende gesetzliche Regulierung vertagt bleiben müsse bis zur Einführung einer einheitlichen deutschen Prüfungsordnung. Darauf wurde vom Reichstag eine Resolution angenommen: „Den Reichskanzler zu ersuchen, dem Reichstage baldmöglichst einen Gesetzentwurf zur einheitlichen Regelung des juristischen Prüfungswesens im Deutschen Reiche.vorzulegen." Nach der „mit großer Mehrheit" angenommenen Resolution des Reich-stages trat das bei den deutschen Regierungen in verschiedener Hinsicht so beliebte Stadium des „Ruhens" ein. Welche sonderbaren Blüten während dieses langen Stadiums in dem Pflanzgarten der juristischen Freizügigkeit gezeitigt wurden, läßt sich ahnungsweise aus einer Mitteilung, die der preußische Jnstizminister dem Abgeordnetenhause in der Sitzung vom 4. Februar 1898 machte, entnehmen. Er sagte: „Ich könnte Ihnen da ganz schreiende Fälle erzählen, wie weit die Rigorosität in anderen Staaten ausgebildet ist, z. B. einen Fall von einem norddeutschen Staate. Es hat ein Rechtskandidat aus jenem Staate in Preußen das Examen gemacht und meldet sich darauf in seinem Heimatstaate. Er wurde zurückgewiesen. Nun stellte er den Antrag, ihn in seinem Heimatstaate zur Prüfung zuzulafsen. Hieraus wurde ihm gesagt: nein, das geht nicht; du hast in Preußen das Examen gemacht, und zweimal das Examen zu machen, ist unzulässig. (Derartige Fälle sind, wie uns bekannt, im Großherzogtum Oldenburg mehrfach vorgekommen. D. Red. d. G. A.) So streng, so grausam sind wir nicht; wir verlangen von den Herren nur, daß sie das Examen in Preußen wiederholen, das sie bei einer anderen Prüfungsbehörde schon bestanden haben." (Sten. Ber. S. 373.) Das! ist aber schon Strenge genug! So ist es wiederholt vorgekommen, daß preußische Staatsangehörige, die in Straßburg studiert und in Kolmar die erste Prüfung bestanden hatten, sich vergeblich um Aufnahme in d'en preußischen Justizvorbereitungsdienst beworben haben und erst nach Wiederholung der Prüfung in Preußen daselbst zugelassen wurden. Solche Zustände sind geeignet, nicht nur verschiedene Universitäten, sondern auch allgemeine nationale Interessen zu schädigen. Nachdem in neuester Zeit das größte Hindernis für eine einheitliche deutsche Prüfungsordnung, nämlich die Verschiedenheit der in den einzelnen Ländern geltenden Rechte, mit der Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuches weggefallen ist, beginnt man in Juristenkreisen sich lebhaft für die Einführung einer einheitlichen Regelung des Prüfungswesens zu interessieren. So hat die deutsche Landesgruppe der internationalen kriminalistischen Vereinigung in ihrer jüngst zu Straßburg i. E. abgehaltenen Landesversammlung das Thema: Grundsätze für die einheitliche Regelung der ersten juristischen Prüfung in den deutschen Bundesstaaten nach einem von dem Ministerialrat Stadler zu Straßburg erstatteten Referat eingehend beraten. Man war einstimmig der Ansicht, daß- eine solche einheitliche Regelung, sei es im Wege der Reichsgesetzgebung, sei es durch Vereinbarung unter den einzelnen Regierungen, einem dringenden Bedürfnisse entspreche. Ebenso war man darüber einig, daß man nicht die gegenwärtige preußische Prüfungseinrichtung zur Grundlage der Neuregelung nehmen solle. Mit der wissenschaftlichen Arbeit des preu- ßischens Referendarexamens wurden in verschiedener Beziehung unangenehme Erfahrungen gemacht, so daß ihre Beibehaltung für die Zukunft nicht wünschenswert erschien. Au ihre Stelle möchte man schriftliche Klausurarbeiten treten lassen, wie sie seit längerer Zeit schon in Bayern, Württemberg, Baden und Hessen einen Bestandteil der Prüfung bilden, und zwar sollen laut den in Nr. 14 der „Deutschen Juristenztg." mitgeteilten Beschlüssen der Versammlung dem Prüfling mindestens sechs Ausgaben gestellt werden, die vorzugsweise in der Bearbeitung von Rechtsfällen bestehen. Als eine Neuerung wird sich! für einen Teil der deutschen Bundesstaaten, insbesondere auch sür Preußen, die vorgeschlagene Aufnahme der Nationalökonomie und der Finanzwissenschaft unter die Gegenstände der mündlichen Prüfung darstellen. Die Versammlung hat mit Recht die Erwerbung volkswirtschaftlicher Kenntnisse als eine notwendige Ergänzung der Vorbildung der Richter angesel)en. Die Mehrheit fpraxi) sich schließlich noch dahin aus, daß die Dauer des Universitäts- studiums in den Bundesstaaten allgemein auf mindestens dreieinhalb Jahre sestzusetzen und eine Zwischenprüfung, die den Studierenden von vornherein zur Einhaltung eines geordneten Studienplanes veranlasse, einzuführen sei. Man war allerdings nicht der Ansicht, daß durch die Verlängerung des Universitäts- studiums die siebenjährige Gesamtzeit der juristischen Vorbildung eine Ausdehnung erfahren solle, sondern hielt eine Verkürzung der Vorbereitungspraxis umeinhal b e s,J a h r zu Gunsten der theoretischen Ausbildung auf der Universität für angebracht. Auf die Tagesordnung des vom 11. bis 13. September in Bamberg stattfindenden 2 5. deutschen Iuristen- tages ist sodann auch das Thema gesetzt: „Empfiehlt es sich, das Universitätsstudium und den Vorbereitungsdienst der Juristen gemeinsam für das Deutsche Reiche zu ordnen?" Daß die Frage bejaht werden wird, dürfte nicht zweifelhaft sein. Auch der vorjährige deutsche Anwaltstag in Mainz hat schon durch eine Resolution die baldige Neuregelung des juristischen Universitätsstudiums, des Vorbereitungsdienstes und des Prüstlngswesens im Wegs der Reichsgesetzgebung empfohlen. Hoffentlich! wird von der jetzt von den Juristenversammlungen ausgehenden Anregung bis zur endlichen Verwirklichung des bereits bei der Beratung des Gerichtsverfassungsgesetzes angestrebten Zieles nicht abermals ein Vierteljahrhundert vergehen. Für sparsame Hausfrauen. In dem chemisch reinen Kaiser-Borax bietet die bekannte Firma Heinrich Mack in Ulm a D. allen sparsamen Hausfrauen ein Hilfsmittel von weittragendster Bedeutung. Wohl misten viele praktische Hausfrauen die Nutzfähigkeit des Borax für Wasch- und Plättzwecke zu schätzen, allein die Bedeutung des chemisch reinen Borax als Schdnheits-, Heil- und Reinigungsmittel ist im Allgemeinen viel zu wenig bekannt. 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