Erstes Blatt. Donnerstag den 27. September 15«. Jahrgang 1900 Gießener Anzeiger General-Anzeiger Aints- und Anzeigeblntt für den ICreis Gieren grössere Karte von China unentgeltlich zu liefern. Q Redaktion, Expedition und Druckerei: Schukstraße Ar. 7. Annahme von Anzeigen zu der nachmittags für den 'folgenden Tag erscheinenden Nummer bis vorm. 10 Uhr, Abbestellungen spätestens abends vorher. Adresse für Depeschen: Anzeiger Hieße»« Fernsprecher Nr. 51. b. durch die Distrikts Einnehmerei Gießen II (Amtslokal Grünbergerstraße 1211) werden sämtliche Ge. halte, Pensionen, Witwen- und Waisengelder für Rechnung der Hauptstaatskaffe, der Reichshauptkaffe, der Regierungshauptkaffen zu Kassel und Wiesbaden, der Landeshauptkasse zu Straßburg u. s. w. geleistet. Gießen, den 25. September 1900. Großherzogliches Rentamt Gießen. Hiemenz. Alle Anzeigen-Verrnittlungsstellen des In« und Auslandes Rehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegen. Zeilcnpreis: lokal 12 Pfg., auswärts 20 Psg. Gratisbeilagen: Gießener Familienblätter, Der hessische Landwirt, Mütter für hessische Volkskunde. Bekanntmachung. ES wird hiermit zur öffentlichen Kenntnis.:gebracht, daß Auszahlungen von dem unterzeichneten Großh. Rentamte nur noch bis zum 29. dss. einschließlich geleistet werden. Nach dieser Zeit werden die von dem Rentamt Gießen seither besorgten Zahlungen in folgender Weise geleistet: a. durch die Distrits-Einnehmerei Gießen I werden die Invaliden Pensionen bezahlt; reits Vollmacht erhalten, in direkte Verhandlungen mit Li-Hung-Tschang und dem Prinzen Tsching zu treten. .Man weiß in Washington ebenso gut wie in der ganzen übrigen Welt, daß die eigentlichen Anstifter der Verbrechen sich iin Kaiservalast zu Peking befanden und daß, wenn in der That den Chinesen die Bestrafung der Mörder Kettelers überlassen würde, nach dem alten Worte von der Krähe, die der anderen Krähe nicht die Augen uushackt, höchstens, ein absurdes Gaukelspiel den Abschluß des furchtbaren Dramas bilden würde. Die kaiserliche Regierung würde sich einfach „rehabilitieren", indem sie ein paar armselige Kulis in einem Käfig irgendwo, aber jedenfalls so hoch aufhängen läßt, daß man die Unschuldsbeteuerungen der armen Opfer nicht hören kann. Und die Tuan und Punglu und wie sie alle heißen, würden behaglich ihren Thee schlürfen und mit den Empfindungen des notorischen Betrügers sich in das keineswegs von Reinlichkeit strotzende Fäustchen lachen. Gewiß, die Schwierigkeit, an dem Haupt oder den Mitgliedern der Mandschu-Dynastie Rache zu nehmen, müßte vermieden werden, man dürfte schon aus Gründen der Staatsraison es nicht dahin treiben, paß der chinesische Krieg die äußerste Verschärfung erhielt. Graf Bülow hat in seinem Rundschreiben auch ganz «offen zugegeben, daß nicht nur eine Massenexekution einem „civili- sierten Gewissen" widersprechen würde, sondern daß man auch durchaus darauf gefaßt sei, daß man selbst die „Gruppe der Leiter" nicht vollständig werde ermitteln können. Aber andererseits ist gerade uns Deutschen gegenüber das Völkerrecht in einer so flagranten Weise verletzt worden, daß, eine Regierung, die auf sich selbst etwas hält, nicht ohne weiteres mit den Machthabern von Peking in »Verhandlungen treten kann. So lange nicht zum mindesten voll- giltige Garantien dafür gegeben werden, daß der Mord Kettelers seine Sühne finden wird, so lange verbietet es uns die nationale Ehre, mit der chinesischen Regierung anders als per Distanz zu verkehren. Aber es scheint, als wenn in den Bereinigten Staaten auch für die Politik der Grundsatz gelte, daß die Rücksicht auf the busineß höher stehe, als jede sittliche Verpflichtung. Wir erinnern ferner an die bevorstehende Einberufung des deutschen Reichstages, dessen Beratungen die ernsthafte Aufmerksamkeit jedes denkenden Mannes in hohem Grade beanspruchen werden. Auf die Erweiterung und Vervollkommnung unserer Nachrichten „aus Stadt und Land“ sind wir, wie unsere Leser wohl bemerkt haben werden, in der letzten Zeit ganz besonders bedacht gewesen, und wir werden in diesen Bemühungen rüstig vorwärts schreiten. Die Zahl unserer Berichterstatter in Stadt und Land hat sich in den letzten Monaten sehr erheblich vermehrt. Tüchtige Mitarbeiter sind uns auch weiterhin jederzeit willkommen. Der Unterhaltung und Belehrung dienen nicht nur die mit feffelnden großen und kleinen Erzählungen und interessanten Original Abhandlungen aus allen Wissensgebieten reich d ausgestatteten „Giessener Familienblatter“, die unsere Leser vier mal wöchentlich als Beilage zu den jeweiligen TageSnummern erhalten, sondern auch das Feuilleton des Hauptblattes, das in der bevorstehenden Saison über die Vorgänge auf dem Gebiete der Kunst, namentlich der dramatischen, ausführlich unterrichten wird. Den Interessen des Handels und Verkehrs zu dienen, werden wir uns fortan ganz besonders angelegen sein laffen. Wünsche in dieser Hinsicht würden wir aus dem Kreise unserer Abonnenten gern entgegennehmen und nach Möglichkeit stets berücksichtigen. Wir haben uns entschlossen, vom 1. Oktober ab einen täglichen telephonischen Kursbericht von der Frankfurter Börse zu veröffentlichen, womit wir unseren Lesern besonders entgegenzukommen glauben. Die Landwirtschaft wird sowohl in dem monatlich einmal erscheinenden „Hessischen Landwirt“ wie in dem Hauptblatte stets zu ihrem vollen Rechte kommen. Die Ziehungslisten der Grossh. hessischen Lotterie werden wir auch in Zukunst vollständig veröffentlichen. Trotz der allgemein anerkannten Erweiterung unseres Blattes nach jeder Richtung hin, trotz der enormen Steigerung der Papierpreise und sonstiger zur Herstellung einer Zeitung erforderlichen Materialien, und trotz des neuen erheblich verteuerten Postzeitungstarifs — die letzteren beiden Umstände haben in vielen deutschen Orten die Veranlassung dazu gegeben, den Abonnementspreis zahlreicher Blätter zu erhöhen — beträgt der Abonnementspreis des „Giessener Anzeiger“ einschließlich der „Giessener Familienblätter“, der Monatsbeilage „Der Hessische Landwirt“ und der zwanglos erscheinenden „Blätter für hessische Volkskunde“ (redigiert von Prof. Dr. Strack), vierteljährlich Mk. 2,20, monatlich 75 Pfg., für die Postabonnenten Mk. 2,40 pro Vierteljahr. Abonnements werden in unserem Geschäftshause Schulstrasse 7 ^8$ jederzeit entgegengenommen. Wir bitten dringend um recht baldige Bestellung, damit der Andrang in unserer Geschäftsstelle und die damit verbundenen Unannehmlichkeiten thunlichst vermieden werden. Bestellungen durch die Post bitten wir umgehend bei dem zuständigen Postamte zu bewirken, damit keine Unterbrechung in der Zusendung eintritt. Verlag und Redaktion des Gießener Anzeigers. Die amerikanische Antwort. Tas Staatsdepartement der Vereinigten Staaten hat, kühl bis ans Herz hinan, den in hem jüngsten Rundschreiben des Grafen Bülow entwickelten Standpunkt abgelehnt und sich gegen die in ihrer eingeschränkten Form sicherlich nicht übertriebene Forderung erklärt, die notorischen Rädelsführer, die Verbrecher, deren Schuld erwiesen ist, den beleidigten Mächten auszuliefern. Selbst der ledernste Yankee mag es freilich empfinden, daß es nicht gerade vornehm sei, eine opfer- und mühereiche Aktion in entscheidender Stunde aus einseitigen Motiven zu durchqueren, und darum haben die Herren in Washington sich gemüßigt gesehen, ihrem Treiben ein Mäntelchen umzu- hängeu: Sie, die weder auf Cuba, noch auf den Philippinen das nationale Recht anerkennen, die mit dem Versprechen, den gequälten Völkern die Autonomie zu verleihen, Krieg unternahmen, sie entdecken ihr Herz und wollen der chinesischen Regierung nicht die Demütigung auferlegen, die Gesandtenmörder, die gewissenlosen Frevler an dem uralt heiligen Heroldsrechte, zur Abstrafung den gekränkten Völkern zu überweifen, sie empfehlen es, daß Man der hoheitsvollen Tsu-Tsi und ihren ehrlichen Freunden die Ahndung der begangenen Verbrechen überlasse. Es scheine nur billig, „China die Gelegenheit zu geben, sich auf diese Weise zu rehabilitieren". Der Vertreter dtzs Sternenbanners in China hat he- Nr. 22« Hrscheint tägNch mit Ausnahme des Montags. Die Gießener AsamItierrötLtter werden dem Anzeiger im Wechsel mit „Hess. Landwirt" u. „Blätter für heff. Volkskunde" wöchtl. 4 mal beigelcgt. Bezugspreis vierteljährl. Mk. 2,20 monatlich 75 Pfg. mit Bring-rlohn; durch die Abholestekleu vierteljährl. Mk. 1,90 monatlich 65 Pfg. Bei Postbezug Mk. 2,40 viertel/ährl. mit Bestellgeld. Amtlicher Heil. Gießen, 26. September (1900. B e t r.: Jnvalidenversicherungsgesetz. Das Grobherzogliche Kreisamt Gießen o« die Großh. Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises. r. .Von einem Beamten der Jnvaliden-Versicherungs-An- stalt Großherzogtum Hessen ist ein Merkchen „Arbeiter- surforge nach dem Jnvalidenversicherungsgesetz vom 1.5. ^uit loyj herausgegeben worden, das in pieler Be- zrehung für die mit der Durchführung des Gesetzes betrauten unteren Verwaltungsbehöroen von nicht geringem Wert rst. Das Buch, Oktav-Format, 76 Seiten stark, ist rn der Hofbuchhandlung R. L. Schlapp in .Darmstadt er- sch)enen und Eoftet 1 TO Reim Bezug größerer Partien stellt sich der Preis auf 80 Pfg. pro Exemplar. Wir können die Anschaffung des Merkchens zu Ihrem Dienstgebrauch, für die örtlichen Stellen und für die Fortbildungsschulen nur empfehlen und sind zur Erlangung pes Massenbezugspreises zur Uebernahme der Bestellung bereit. Zu diesem Zweck sehen wir binnen 14 .Tagen Ihrem Bericht darüber entgegen, ob und in welcher Anzahl Sie an dem Bezug teilnehmen wollen. v. Bechtold. Abonnements-Einladung. Der „Giessener Anzeiger“ tritt am kommenden 1. Oktober in das letzte Viertel seines 150., seines Jubeljahrgangs, ein. ®er „Giessener Anzeiger6 ist das älteste, reichhaltigste und für ganz Oberhessen und die angrenzenden Landesgebiete am weitesten verbreitete Organ «nd als solches hervorragend geeignet, Inseraten weiteste Verbreitung und Beachtung zu verschaffen. Mit Genugthuung stellen wir fest, daß sich der Gießener Anzeiger dank seiner gedeihlichen Fortentwickelung und der beträchtlichen Erweisung seines Inhaltes nicht nur -fetne alten Freunde bewahrt hat, sondern fortwährend neue in stattlicher Anzahl hinzuerwirbt. Die in letzter Zeit angeknüpften vorzüglichen Beziehungen des „Gießener Anzeigers« zum Mittelpunkte der Reichspolitik ermöglichen es ihm, die Leser aufs genaueste und schnellste mit allen bedeutsamen politischen Ereignissen bekannt zu machen. 3n politischer Beziehung richten wir unser Hauptaugenmerk aus China, das durch die jüngsten Unruhen im Mittelpunkte unserer auswärtigen Politik steht. Wir werden fottfahren, unsere Leser durch erschöpfende Berichte ständig und zuverlässig aus dem Laufenden zu halten. Im Laufe der nächsten Monate b-abfichtigeu wir unseren Abonnenten «ine in mehrfachem Farbendruck vortrefflich ausgeführte und auf das genaueste orientierende llnb btc Herren vom Weißen Hause rechnen auf ein Doppeltes Geschäft. Sie hoffen, durch ihr Vorgehen einen großen Coup bei den Wühlen zu machen, indem sie den gegen die imperialistischen Bestrebungen auftretenden Gegnern die Hauptargumente entziehen, und sie rechnen andererseits aus die chinesische Dankbarkeit, die nach per Beendigung der Wirren sich in recht zahlreichen Bestellungen bei der amerikanischen Industrie, in der Heißen Begünstigung auf dem chinesischen Markte bethätigen soll. Man möchte noch vor den Wahlen mit «Glanz und einiger WJrde sich aus einer Affaire ziehen, bei jder im bestes Iatte noch nicht einmal ans die Wiedererstattung der Kosten Lu rechnen ist, man möchte zeigen, daß man allen Aus- breitungs- unb Großmachtsplänen abhold ist und nur sso weit mitgeht, als es unumgänglich notwendig ist. Cs liegt eine krasse Komik darin, daß im letzten Grunde die Geschicke der Welt im Augenblicke von der Frage abhängen, durch welche Mittel der amerikanische Mob am besten für Mac Kinley oder Bryan gewonnen werden kann. Jetzt legt man die Flöte beiseite und derselbe .Mac Kinley, der in Cuba und aus den Philippinen die Bereinigten Staaten als Großmacht proklamierte, spielt heute den frommen Einsiedler, der sich still in seine Hütte jzurückzieht und von den Tingcn dieser Welt nichts mehr wissen will. Genau in dem Moment, in dem Graf Waldersee auf dem chinesischen Schauplatze eintrifst, wird aus Amerika gemeldet, daß es seine Tricppen dem Oberbefehl pes deutschen Feldmarschalls nicht unterwerfen wird. Liegt in dem Vorgehen Amerikas nicht ein Stück Anmaßung? 'Aber man weiß in Washington so gut wie überall, daß ein unmaßlicher Ton am meisten imponiert und man weiß -auch, daß die alte Eifersucht der europäischen Mächte stark genug ist, um der amerikanischen Arroganz das gewünschte Piedestal zu schaffen. 73. deutscher Naturforscher- und Aerztetag. Aachen, 24. September. 3n der Abteilung für Kinderheilkunde sprach Professor Tr. Biedert-Hagenau über die in München s. Z. angeregte „Versuchsanstalt für Ernährung" und die Arbeiten des dafür eingesetzten Ausschusses. Redner begann seinen Vortrag mit im letzten Jahre gesammelten neuen Beweisen für das Dringende der Anstalt. Unter anderem teilte er zahlreiche Skandalosa über Milchproduktion mit und legte hierzu Aeußerungen aus landwirtschaftlichen Fakultäten vor, von welchen eine die nach- ihrer eigenen Angabe gesundheitsstörende Fütterung (zum Beispiel mit gahrender, feuchter Treber, statt trockener) zuläßt, also ein nach § 13 des Nahrungs-Gesetzes mit Zuchthaus bedrohtes Vergehen. Die Aufgabe der Anstalt müsse demnach 1) die Ernährung von besonders kranken Säuglingen, Milcherzeugung und Behandlung, Kontrolle der Mhr- präparate, dies 2) auch für ältere Kinder und 3) für Er- wachsene — sein. Redner denkt sich eine große Anstalt mit eifriger ineinandergreifender Arbeit, von welckier erprobte Ratschläge für den besten und billigsten Unterhalt unseres, über die Erde wachsenden Volkes ausgehen und prompte Wiederherstellung der in der Ernährung geschädigten Glieder des Volkes erfolgen soll. Durch diätetische Maßregeln, Vorschriften über staatliche Beaufsichtigung der Nahrungs- unb Heilmittel, Aufsichtsführung darüber durch die Anstalt selbst, Maßgabe für die Produktion der Nährmittel-Industrie, um Verschleuderung von deren und des Volkes Vermögen vorzubeugen. Das stelle eine humane und uneigennützige, wahrhaft staatserhaltende Wirksamkeit in Aussicht unb Voraussicht, die jetzt dafür eintrete, werde einmal der Dank unserer Wissenschaft und unseres Volkes werden. In der Debatte über diese Vorschläge befürchtete Geheimrat Prof. Dr. Heu b n e r-Berlin, daß sich) eine solche Zentralstelle zu einem Oberrichteramt auswachsen könnte, daß die Krankenkost nicht gleichmäßig zu gestalten sei und daß die Gründung einer derartigen Anstalt überhaupt eine Benachteiligung der neu zu gründenden Kliniken in sich schließen würde. Er halte eine solche Anstalt nur für Gesunde angebracht. Dr. Dit tmer-Schwerte glaubt demgegenüber, daß das Bedürfnis für eine derartige Anstalt überall vorhanden sei, speziell aber in den Industriezentren, es müßten nur statt einer Zentrale Provinzialanstalten gebildet werden. Vor allem aber müßten die Kinder von diesen Anstalten profitieren. Dr. F a l ke n he im-Königsberg i. Pr. glaubt wieder, daß die Anstalt nichts für Gesunde sein würde, da hier verschiedene GeschMackseinrichturrgen in Frage kämen. Man sollte sich überhaupt mit näherliegenden Dingen befassen und zuuäch)st einmal für Beschaffung von vollständig einwandsfreier Kindermilch) eintreten. Eine interessante Sitzung hatte ferner die Abteilung für Meteorologie. Hier sprach) der Direktor der Deutschen Seewarte, Geh. Admiralitätsrat von Neuch ay er-Hamburg über die neuesten erdmagne- tischen Messungen in den Polarregion en. Redner besprach eingehend die Ergebnisse der letzten arktischen und antarktischen ForschungS-, und Entdeckungsreisen und würdigte bei dieser Gelegenheit vor allem die Verdienste Nansens und Borchgravens um die von diesen aufgenommenen Messungen des Erdmagnetismus, die eine durchgreifende Revision und Umgestaltung der bisherigen Tabellen und Pläne notwendig geucacht hätten. Au der Hand eines umfangreichen Materials, das für die Fachleute hochinteressant sein dürfte, wies der Redner die festgestellten Abweichungen im einzelnen nach und gab zum Schluß der Erwartung Ausdruck, daß die in Vorbereitung befindlichen Expeditionen sich diese erfreulichen Ergebnisse zunutze machen und auf diesem Gebiete weitere Beobachtungen anstellen würden. Weitere Vorträge in dieser Abteilung ibetrasen die Errichtung eines landwirtschaftlichen Prognosendienstes und die physische Geographie der antarktischen Region, über welch, letzteres Thema ein Teilnehmer an der „Belgica-Expedition", Dr. Ar stow ski-Lüttich, unter Vorführung einer Reihe guter Lichtbilder sprach-. Interessant waren bei diesem Vortrage namentlich die Schilderungen der antarktischen Gletscher. Schwurgericht. -x- Gießen, 25. September. Wie gestern, verhandelte auch heute das Schwur- gericht hinter verschlossenen Thüreu. Zur Verhandlung kam die Anklage gegen Andreas Dinkel zu Gießen wegen Sittlichkeitsverbrechen. Als Beisitzer fungierten die Landgerichtsräte Müller und Prätorius, die Anklage vertrat Staatsanwalt Zimmermann, Verteidiger war Rechtsanwalt W e i d i g, als Geschworene wurden ans- gelost 1) Konrad Dietz, Bankier zu Gießen; 2) Joh. Lenz, Hüttenbaamter zu Lollar; 3) Karl Berg, Schuhmacher zu Gießen; 4) Moritz Ohly, Landwirt zu Holzheim; 5) Heinr. Schmidt VI., Rentner in Romrod; 6) Joh. Dan. Foucar, Postmeister zu Bad-Nauheim; 7) Jakob Scheid, Buchhalter zu Gießen; 8) Heinr. Volkmann, Landwirt zu Heuchelheim; 3) Heinr. Momberger VIII., Landwirt'zu Unterseibertenrod; 10) Rudolf Bücking, Fabrikant zu Alsfeld; 11) Wilh. Völ- zing IV., Landwirt zu Groß-Felda, 12) Wilhelm Holler, Landwirt zu Ober-Hörgern. Nach Verlesung des Eröffnungsbeschlusses, nach dem dem Angeklagten zur Last gelegt wurde, sich der außerehelichen Tochter seiner Frau gegenüber eines Verbrechens im Sinne des § 176 Pos. 1 Str.-G.-B. schuldig gemacht zu haben, wurde auf Antrag der Staatsanwaltschaft die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Nachdem die Geschworenen die an sie auf Grund des § 176 Pos. 1 Str.-G.-B. gestellte Hauptfrage, ebenso die Nebenfrage auf mildernde Umstände bejaht hatten, wurde der Angeklagte zu einer Gefängnisstrafe von einem Jahr echs Monaten abzüglich eines Monats der erlittenen Untersuchungshaft verurteilt. Mus „Uslkgftivd" im frankfutttr Schuchielhach. Im Frankfurter Schauspielhause spielt sich zurzeit bekanntlich ein Zyklus nordischer Dramen ab. Der siebente Abend brachte Ibsens Schauspiel „Der Volksfeind". In dieses Drama hat der berühmte norwegische Dichter am wenigsten hineingeheimnißt. Die Nutzanwendung des poetischen Sarkasmus liegt auf der Hand, ist allen begreiflich, und da jeder darauf hält, für wahrheitsliebend zu gelten, so wird niemand zögern, dem Helden, der ein Märtyrer seiner Ueberzeugung wird, wenn diese im dramatischen Sinnbilde auch nur die Bakterien im Wasser einer Badeanstalt betrifft, lebhaften Beifall zu spenden. Das war auch am verwichenen Samstag der Fall; die gut inszenierte Vorstellung trug das Ihrige zur günstigen Stimmung des sehr zahlreichen Publikums bei. Schade, daß der „Held" ein verrückter alter Hitzkopf ist. Die Apostel der Wahrheit sollten doch mehr gesunden Menschenverstand haben. Wenn Dr. Stockmann im 1. Akt k °^L^rcU^e "'cht lassen kann über eine Entdeckung, die dazu führen muß, das Bad, an dem er als Arzt angestellt ist, zunächst vollständig in Mißkredit zu bringen und bann an ben Säckel ber Stabt unb der Aktionäre große Ansprüche zu stellen, so ist bas eine Harmlosigkeit, bie un* mittelbar Unzurechnungsfähigkeit grenzt, unb wenn er s'ch einbilbet er werde für di- wissenschaftliche Be- -uchtnng de« durchfeuchten Bades Huldigungen einsammeln, so ist das eine Selbsttäuschung, die wohl jeder aus dem Publikum schon von Hause aus korrigiert. Sein Bruder der Bürgermeister unb Badedirektor, der leider steifen Bureankratismus, krassen Egoismus und lederne Engherzig- feit ebenso über alles reale Maß hinaus besitzt, wie der Doktor an utopistischem Optimismus unb illusionistischem Idealismus, versucht es auf seine Weise, ihm den Kopf zurecht zu setzen. Ein paar nicht weniger karrikierte Winkel- Jonrnalisteu aber, bie mit einer gerabezu klassisch breiften Nonchalance jede Gemeinheit als Geschäftsusus oder als Forderung des öffentlichen Interesses zu rechtfertigen wissen, wittern bie Sensation und sind mit Freuden bereit, mit einem Artikel Dr. StockmannS Lärm zu machen. Daß aber ber von Dr. Stockmann für notwendig erklärte Umbau bes Babe-EtablissementS, ber milchenben Kuh, bes „pochcnben Herzens" ber ganzen Stabt, heillos viel Gelb kosten würbe, sehen biese famosen Journalisten erst ein, als sie ber Bürgermeister barauf aufmerksam macht. Unb nun wenbet sich Dr. Stockmann an bas souveräne Volk, er wirb gewissermaßen Gemeiubevorfänger, aber wieberum in sehr unkluger Weise, denn statt bei ber Stange zu bleiben, hält er vor einer Menge moralisch unb intellektuell Entarteter — falls man nämlich annehmen will, baß btc Art früher bester gewesen ist — eine an kräftigen Schlagworten reiche sozialpolitische Rebe, etwa nach dem Tone, ben Fürst Sapieha in Schillers „Demetrius" vor ber polnischen Reichsversammlung bonnernb anschlägt: „Was ist die Mehrheit? Mehrheit ist der Unsinn, Verstand ist stets bei wenigen nur gewesen. Man soll die Stimmen wägen und nicht zählen. Der Staat muh untergehen, früh oder spät, Wo Mehrheit herrscht und Unverstand entscheidet.^ Was Ibsen-Stockmann da von ber idiotischen „kompakten Majorität" üstentlich auSposaunt, ist ungefähr dasselbe, was sein etwas lebensklügerer Bruder im unbelauschten T6teät6te wiederholt zum Ausdruck bringt, ist eine Dutzend- Wahrheit, deren höchst relative Geltung jedem Einsichtigen ein Fensterglas ist. Es ja recht hübsch, wenn ein Wahrheitsfanatiker wie Ibsen derartige schöne Schlagworte ber Menge ins Gesicht wirst, benen eine gewisse Berechtigung wahrlich nicht abzusprechen ist, aber mit echter Kunst hat so etwas boch sehr wenig zu thun, und die Karikatur eines ganzen Gesellschastbildes, das breite Ausmalen eines ganz unb gar nur eingebilbeten, unrealistischen schoflen krähwinkeligen Hackelpackeis verfehlt am Ende auch baS hohe ethische Ziel, baS sich ber Dichter gesteckt hatte unb dessen Verfolgung bei ernsthafterer Gestaltung des ganzen Milieus zu einer befreienden That hätte werden können. Dieses hohe ethische Ziel Ibsens ist bie rücksichtslose Kennzeichnung Aus Stadt und Sand. Gießen, ben 26. September 1900. . c>n*.?ersoualnachrichten. DerGerichtSassessor Dr. Renterr l“ oürth würbe mit Wahrnehmung ber Dienstverrichtungen eine« amtsantoalt« bei bem Amtsgericht Darmstabt I unb der Genchtsafsessor Fresenius in Gießen mit Wahr- nehmung solcher bei ben Amtsgerichten Fürth, Beerfelben, Hirschhorn unb Wald-Michelbach, ber RegiermigSassefsor ltl Fr^berg mit ber Aushilseleistung bei dem Großh. KreiSamt Darmstabt beauftragt. Der Ministerial- kanzlist Johann Bisch würbe mit Wirkung vom 1. Oktober d. I. an zum Kanzlisten ber Staatsschulbenkasse ernannt. ’* Bieberthalbahn. Vom 1. Oktober ab halten sämt- Haje Zuge ber Bieberthalbahn, sofern bafelbft Personen ab- obet zugehen, an ber nachKrofbors-Gleiberg führenden, zwischen ben Stationen „Abenbstern" und Rodheim ab- zweigenden Straße. Es ist dies sowohl für bie Bewohner gen. Orte, wie für bie Ausflügler eine angenehme Neuerung. . O Haftentlassung. Die wegen KinbeStötung seinerzeit m Haft genommene unverehelichte Hämmerle aus Staufen- berg, deren Muller unter dem Verdacht der Beihilfe zu dem Verbrechen ebenfalls in Haft genommen war, befiubet sich sehr schwer erkrankt in ber hiesigen Klinik, sobaß nach Ansicht ber Aerzte an beren Wieberaufkommen gezweifelt wirb. Unter biefen Umstänben hat man beren Mutter vorerst aus ber Untersuchungshaft entlassen. ** Ortsgewerbevereins Vorträge. Wie in früheren Jahren, f° werben auch in biefent Winter in ben einzelnen Ortsgewerbevereinen beS Großherzogtums Vorträge technischen, kunstgewerblichen und wirtschaftlichen Inhalts veranstaltet werden. Diese erstrecken sich auf nachstehende Materien: 1) Gewerbliches Unterrichtswesen, Lehrlingsprüfungen. 2) Organisation des Handwerks, gewerbliches Vereinswesen. 3) Genossenschaftswesen und Hilfskassen, Volkswirtschaft. 4) Handelslehre, Sozialpolitik. 6) Kunstgewerbe und Kunstgeschichte, Baukunde. 7) Chemie, Elektrizität, Beleuchtung. 8) Geologie, Baumaterialienlehre, Technologie. 9) Verschiedenes. Zur Abhaltung ber Vorträge haben sich bereit erklärt u. a.: Nentamtmann Schäfer zu Gießen, Rechtsanwalt Reh zu Alsselb, Rechtsanwalt Dr. C. Spohr zu Gießen, Profeffor Dr. CheliuS, Großh. Bergrat unb Vorstanb ber Babedirektion zu Bad-Nauheim. A Burkhards, 25. September. Am Samstag erfolgte nach vorhergegangener Verhanblung burch ben Kreisausschuß des Kreises Schotten bie Bestätigung ber Wahl bes Heinrich Klein II. zum Bürgermeister unserer Ge- meinbe. Bekanntlich hatte bie Gegenpartei balb nach ber Wahl im Februar Reklamation bei ber zuständigen Behörde erhoben. Hoffentlich kehrt jetzt ber längst ersehnte Friede in unserer Gemeinde wieder ein. 0 Buseuboru, 25. September. Dem Schulverwalter Robert Backmann zu Bannerod wurde die hiesige Lehrerstelle definitiv übertragen. § Hercheuhain, 25. September. Bürgermeister unb Landtagsabgeordneter Weidner hat nur feine liegenden Güter an den hessischen Staat im Betrage von 25 000 Mk. verkauft. Die Gebäude sind also noch Eigentum des Herrn Weidner. x Hercheuhain, 25. September. Gegenwärtig werden in hiesiger Gegend, in ben Gemarkungen Hercheuhain, Hartmannshain, bem Oberwalb usw. etwa 90 Quellen gemessen zum Verkauf an bas Tiesbauamt Frankfurt a. Main. Dem Vernehmen nach soll bie Gemeinbe Hartmannshain für ihren eigenen Wasserbebarf eine Wasserleitung von bem Tiefbauamt Frankfurt a. M. vollstänbig hingestellt bekommen. sozialer Nebel, ber Kampf gegen gesellschaftliche unb konventionelle Lügen. Der nordische Poet will reformatorisch wirken, bie Geister „revolutionieren." Er selbst hat sich da- rüber in einem Briefe an L. Passarge, seinen Biographen, einmal wie folgt ausgesprochen: Die Politiker wollen nur Spezialrevolutionen, ,Revolutionen" iw? Aeußern, im Politischen. Aber daS Alles sind bloße Lappalien. Woraus es allein ankommt, das ist die Revolutionierung des Menschengeistes.- Wenn er bas aber will, bann barf er uns nicht mit einem Zerrbilb bes Lebens kommen, unb mit so hanbgreif- lichen Wibersprüchen, wie er sie seinem Dr. Stockmann an- bichtet, ber trotz seiner scharfen Verurteilung biefer Welt bes Elends schließlich boch mit ihr Fühlung nehmen will, um in ihr unb mit ihr seine Jungen zu „freien unb vornehmen" Männern zu erziehen. Zu betounbern bleibt an bem Werke baS Bühnengeschick bes Dichters, bie geschloffene, alles Nebensächliche unb Episobenhafte verschmähenbe Hanblung, bie straffe Führung aller psysischen Fäden, bie mit zwingenber Notwendigkeit den Konflikt herbeiführen; vornehmlich aber baS Hinzaubern schärfster und witzigster Charakteristik. Was für ein Profil, dieser Bürgermeister Stockmann! Und dann kommt Ibsen noch ein Talent zu statten, die Flüssigkeit der greifbaren, meist der Alltagswirklichkeit entnommenen und daher volkstümlich wirksamen Methapher, bie außerorbentlich epigra- matische Knappheit unb Schlagkraft feiner Sprache. Die Samstag-Aufführung in Frankfurt brachte im wesentlichen recht gelungenes unb gutes. Einzelnen Szenen freilich schien bie letzte Feile zu fehlen. Der Dr. Stockmann bes Herrn Bauer empfahl bie Guillotine mit Bon- hommie. Er gab ben alten Strubel- unb Wirbelkopf mehr naiv als mit bem Ingrimm, ber aus ber moralischen Ent- rüflung sproßt. Wenn ber VolkSfeinb aus VolkSfreunbschaft als ber Weisheit Schluß zu bem Satze gelangt: ber stärkste Mann ber Welt ist ber, ber allein steht, so liegt barin Grimm unb Schmerz — Grimm über bie Niedertracht der anderen, bie ihn zwingt, stark im Verneinen, statt im Schaffen zu sein; — Schmerz über bie Feigheit ber anberen, die ihn zwingt allein zu sein, statt fröhlich mit ben Fröhlichen, Schul - Anzüge in grosser Auswahl! Markus Bauer. P. w. den Hauptdarsteller, nach den Aktschlüssen immer wieder und wieder vor die Rampe. Gießen, 23. September 1800. Briefkasten der Redaktion. St. i« O»d. Wie Sie sehen, hat er! Griechisch gut! et,, W. In unserer Antwort, betr. Vermögenssteuer, ist ein Fehler unterlaufen. Die Steuer beträgt für je 1000 Mk. 0.56 Mk.» bei einem Vermögen von 3000 Mk. Die Steuer ur 3000 Mk. beträgt also nicht 0.55 Mk., sondern 1.65 Mk. Giessen, Kirchenplatz 11. Stil. Der hat Feinheiten, die gesucht sein wollen. Wenn der Schelm jeder Zoll ein richtiger Intriguant, der Ehrliche ein biederer Polterer, der philiströs engherzige Mensch der burleske Pfahlbürger des deutschen Schwankes ist, dann ist das nicht echter Ibsen, wenigstens nicht der Ibsen, den man so gern als Sondergeist verehrt. Herr Hermann gab den Oberpolizisten und Spießbürgermeister, den Obersten der Lumpe des Stückes, sehr hart und sehr schroff, ohne je etwas wärmere Farben aufzusetzen, und Herr Szika als Buchdruckereibesitzer Thomsen spielte seine Rolle „maßvoll" parodistisch. In ihrer Auffassung blieben beide durchaus einwandsfrei. Beide Leistungen waren als Einzelstudien so interessant als wirksam. Vortrefflich war, wenn wir diesen Stil für Ibsen gelten lassen, der alte Gerbermeister Worse M Herrn Grün, ein prächtiger Charakterkopf; Herr Bolz als replitisierendes Zettungslümpchen vergriff sich wohl hier und da ein klein wenig in Bewegungen rc. Er schlug in der Volksversammlung durchausden rechten Ton an, hätte aber doch wohl gelegentlich zur Schau tragen können, daß Hallstadt im wesentlichen den Dr. Stockmann begriffen hat und in seinem Innersten dessen besten Ueber- zeugungen keineswegs so weltenfern steht. Als der Weltklügere steht er ihnen gedanklich nur mit leiser Ironie gegenüber, die er freilich hinter seinen schönen Demagogenphrasen verbirgt. Herr Meyer spielte den Villing mit aller Frische und brachte die flache Chamäleonsnatur dieses Preßbengels zu treffender Anschauung. Eine recht tüchtige Petra war das sehr sympathische Fräulein Steimann, ein Mädel, das brav und beherzt, stark und treu ihrem bedrängten Vater zur Seite stand. Bei Fräulein Klinkhammer vermißte man leider alle höheren Momente der Innerlichkeit. Den als Kouliffenschieber dienenden Bühnen-Biedermann Kapitän' Hörster gab Herr Diegelmann ohne Originalität. Die Regie flößte dem Ganzen, namentlich der Volks- verfammlungsszene, lebendigen Pulsschlag ein. Mit spannungsvollem Interesse folgte das Frankfurter Publikum der ganzen Aufführung und rief Herrn Bauer, gering. Wenn aber der wirtschaftliche Niedergang eintrete und Zeichen hierfür seien vorhanden, dann würde das Verhältnis sich ganz anders gestalten und die Beiträge nicht zu erschwingen sein. Die Reichsregierung gehe schon wieder mit dem Plane um, in nächster Zeit die T a d a k st e u e r z u erhöhen, um Deckung für ihre Mehrausgaben zu finden Die Tabckkindustrie käine aus ihrer Beunruhigung nicht mehr heraus. Durch eine Erhöhung der Tabaksteue» würde aber die Arbeitslosigkeit unter den Tabakarbeitern ungeh e u ersteigen. Der Redner, der großen Beifall sand, ersuchte dringend um Ablehnung der Einführung der Arbeitslosenunterstützung. ' ' Kirchhain, 25. September. Gestern abend ging über unsrer Gemarkung, sowie im Ohm- und Wohrathal ein Unwetter mit wolkenbruchartigem Regen nieder. Durch den heftigen Sturm wurde an manchen Stellen der Obsternte erheblicher Schaden zugefügt. Gleich bei Beginn des Gewitters hörte man einen heftigen Schlag. Es hatte in das Wohnhaus des Schuhmachers und Ausrufers Wilhelm Schweinsberger eingeschlagen, das alsbald in Flammen stand. Die Insassen konnten sich noch rechtzeitig retten. Auch wurde das Vieh in's Freie gebracht; leider gelang es aber nicht, das Mobiliar vollständig aus dem brennenden Gebäude herauszubringen. Das Haus brannte vollständig nieder. Der Thätigkeit der hiesigen Feuerwehr sowie der von mehreren Nachbargcmei'nden eingetroffencn Spritzen- Mannschaften war es zu verdanken, daß die links und rechts dicht angrenzenden Häuser vom Feuer verschont blieben. Wohnzimmer des Angeklagten führende Thür nicht einmal berührt iu,nb ebensowenig den Angeklagten bedroht hat Die eidliche Aussage eines Zeugen beweist auch, daß der Angeklagte sich zu seiner falschen Anschuldigung erst.entschloß, nachdem er in Erfahrung gebracht, daß Forbach eine Privatbeleidigungsklage gegen ihn anhängig gemacht habe. Die seitens der Verteidigung ins Treffen geführten Entlastungszeugen vermögen auch die gegen den Angeklagten schwebenden Belastungsmomente nach keiner Richtung zu widerlegen. Es wird deshalb das bez. Vorgehen des Angeklagten seitens der Anklagebehörde als ein gemeiner Racheakt, eine Frivolität sondergleichen bezeichnet und eine Gefängnisstrafe von zwei Monaten, sowie mit Rücksicht auf § 165 des Strafgesetzbuchs Zuerkennung der Befugnis zur Urteilspublikation beantragt. Das Urteil lautet auf eine Gefängnisstrafe von 6 Wochen und einmalige Publikationsbefugnis im „Gießener Anzeiger". — Nach erfolgter Einziehung einiger falscher Münzen wird der 18 jährige „Kaufmann" K. Jung, in Kaiserslautern geboren, aus der Untersuchungshaft vor- gcführt. Der Angeklagte ist noch)! unbestraft. Im Vorjahre vermietete er sich, bei dem Spediteur Meyer in Bad- Nauheim als Kndchl. Als zu Anfang d. I. in dem Geschäfte ein Kassierer fehlte, übertrug man diese Funktion provisorisch dem Angeklagten. In dieser Eigenschaft gehörte es mit zu seinen Obliegenheiten, über den Empfang gewisser Gelder reMsgiltig zu quittieren. Einen Teil der in dieser Weise vereinnahmten Gelder unterschlug indes der Angeklagte, fälschte auch noch einen Frachtbrief insofern, als er 20 Pfg. Rollgebühren auf den Betrag von 1,20 Mk. abänderte und die Summe der Fracht ebenfalls um 1 Mk. höher notierte. Wegen Fälschung einer Privaturkunde und einiger Unterschlagungen beantragt der Staatsanwalt eine Gefängnisstrafe von 8 Wochen. Das Urteil lautet auf eine Gefängnisstrafe von 5 Wochen, die durch die Untersuchungshaft als verbüßt gilt. (Schöffengericht.) Ein streikender Maurer aus Dornholzhausen, der bereits vorbestraft ist, erhält wegen Widerstands und Beleidigung eine Gefängnisstrafe von 10 Wochen; wegen Ruhestörung wird des weitern auf eine Haftstrafe von 5 Tagen gegen ihn erkannt. — Wegen Sachbeschädigung hat sich eine arme hiesige Witwe zu verantworten, die beschuldigt wird, von einem Lattenzun mehrere Latten abgerissen zu haben. Da sie die in dieser Weise erworbenen Latten als Boden für eine Bettlade verwandte, so charakterisiert sich die betr. Strafthat als Diebstahl. Das Gericht kommt aber zu der Ueberzeugung, daß die Angeklagte aus Not gehandelt hat, und erachtet die.Strafthat durch eine Gefängnisstrafe von 1 Tag als gesühnt. — Als in die Verhandlung gegen einen hiesigen Arbeiter eingetreten werden soll, der wegen Unterschlagung unter Anklage steht, wird festgestellt, daß et nicht erschienen ist: es wird deshalb seine Verhaftung verfügt. — Drei hiesige Geometergehilfen, die FirmeU- schilder herunterrissen und beschädigten, werden in eine Geldstrafe von je 6 Mk. genommen. — Wegen Beleidigung eines Schutzmanns wird gegen einen hiesigen Bauunternehmer auf eine Geldstrafe von 30 Mk. und SSeröffenb’ lichung des Urteils iw „Gießener Anzeiger" erkannt. Man hofft, daß schon zum Frühjahr hin mit dem Ankauf der Quellen begonnen und der Bau der Quellwasserleitungen in Angriff genommen wird. § Crainfeld, 25. September. Als gestern mittag die Dampfdreschmaschine aus dem Gehöfte des Butterhändlers Ruhl heraus gefahren werden sollte, mußte sie erst gedreht werden, wobei der hiesige Landwirt Johannes Baumbach VI. gegen einen Gartenzaun gedrängt wurde, sodaß er nicht mehr ausweichen konnte. Das Hinterrad der Maschine ging ihm über den linken Fuß, der ganz zerquetscht wurde. Jedenfalls ist eine Amputation des Fußes nötig. § Hartmaunshain, 25. September. Die hier mit den Vermessungs-Arbeiten der Bahn Grebenhain—Gedern über HartmanvShain beschäftigt gewesenen Geometer sind wieder übgereift, und man glaubt allgemein, daß die Verfolgung dieses Projekts fallen gelassen ist. Dem Vernehmen nacj soll das älteste Projekt über Bermuthshain, Völzberg usw. wieder verfolgt und gebaut werden. G r ü n b e r g, 24. September. Wie der „Grünb Anz " schreibt, wird aus der Errichtung einer Holzschneiderei an hiesigem Platze, zu der durch Bauunternehmer Schmidt das Gelände bereits erworben war, nichts werden, indem der Genmmte die der Molkerei-Genossenschaft zu Nieder- Wollstadt gehörigen Kraftmaschinen erworben hat und dort eine .Holzschneiderei anzulegen gedenkt. Die Molkerei- -Genojsenschaft, der die Gebäulichkeiten verbleiben, bezieht die von ihr benötigte Kraft und das Licht (elektr.) für einen jährlichen festen Betrag. Darmstadt, 26. September. Der Großherzog erteilte heute Audienzen und nahm Meldungen und Vorträge entgegen. Am Samstag findet weder Erteilung von Audienzen, noch Entgegennahme von Meldungen und Vorträgen statt. D a r m st a d t, 25. September. Bei der bevorstehenden Herbstprüfung im-Justiz- un d Ve rw a l t un g s - fach werden an Stelle des verhinderten Geheimrats ; Schlippe, Ministerialrats Pückel und Oberlandesgerichtsrats Schlint Oberstaatsanwalt Dr. Preetorius Ministerialrat Dr. Best und Oberlandesgerichtsrat' Dr. Hangen als Mitglieder der Prüfungskommission thätiq lein . Der Vorsitz der Kommission ist dem Senatsprcisi- tragen an Stelle des Geheimrats Schlippe über- Mainz, 25. September. Der deutsche Tabak- a r b e i t e r v e r b a n d hält hier seine zehnte Generalver- sind 64 Delegierte anwesend. Die jetzige Mitgliederzahl des Verbandes beträgt 18 393. An Zahlstellen sind 375 zu verzeichnen. Die Gesamteinnahmen ibe- trugen vom 1. Januar 1898 bis 31. Dezember 1899 die Summe von 405 799 Mk., die Ausgaben 378 046 Mk. An Streiks sind vom August 1898 bis August 1900 37 zu ver- geicbnen. Die Ausgaben hierfür betrugen 100391 Mk. Der A^Agegenstand der Verhandlungen betrifft den Vorschlag der Kommission für Arbeitslosenstatistik, die Einführung der Arbeitslosenversicherung. Wildemann- Stuttgart sprach energisch für deren Einführung. Die Mittel seien erschwingbar. Eine Beitragserhöhung um o,Psg- wöchentlich würde vollständig genügen. Durch die Einführung der Arbeitslosenversicherung ein praktisches anderen Unterstützungszweige, besonders die für Stterrs, bedeutende Verminderung erfahren. Auch sei die Einführung der Arbeitslosenversicherung ein praktisches Mittel zur Hebung der Organisation. Der Korreferent, Deichelmann-Bremen, bekämpft den Antrag. Die Arbeitslosenunterstützung sei nicht das Wunderkind, das den Abgang der Mitglieder verhindere. Im Gegenteil sei 1n anderen Organisationen, die die Versicherung eingeführt hätten, der Mitgliederstand zurückgegangen, während Ge- werffchaften, die diesen Unterstützun'gszweig nicht hätten, ihren Mitgliederstand um 50 bis 100 Prozent vermehrt hätten. Bei den günstigen Verhältnissen auf wirtschaftlichem Gebiete fei die Arbeitslosigkeit zurzeit äußerst Gerichtssaal. _ Eießen, 26. September. (Strafkammer.) Der Kutscher Ludwig Pfeifer und seine Ehefrau, beide hier wohnhaft, stehen unter der Anklage, am 3. August d. I. un hiesigen Bahnhofe ea. 75 Pfund Steinkohlenbriketts sich rechtswidrig angeeignet und fich dadurch des Vergehens im Sinne des § 242 St. G. B. schuldig gemacht zu haben, wahrend hinsichtlich des Ehemannes, der wegen Diebstahls bereits zweimal vorbestraft ist, auch noch die Bestimmungen des 8 244 St. G. B. Platz zu greifen hätten. Die heutige Verhandlung liefert das Ergebnis, daß die Ehefrau die Mischen die Schienen von dem Waggon herabgefallenen Kohlen aufgelesen und in einen Sack gesammelt hat, während dem Ehemann nur nachgewiesen werden kann daß er den betreffenden Sack Kohlen auf ein ihm bekanntes Fuhrwerk geladen und den betreffenden Fuhrmann um Mitnahme des Sackes gebeten hat. Dadurch hat er sich nur einer Begünstigung schuldig gemacht; er wurde deshalb nach Maßgabe des § 258, 1 St. G. ,B. mit einer Gefängnisstrafe von 3 Wochen belegt, während seine Ehefrau in eine solche von 3 Tagen genommen wird, i— Es wird alsdann in die Strafsache gegen den hiesigen .Rechtskousu- lenteri Edmund Rotte eingetreten, der sich wegen Vergehens im Sinne § 164 St. G. Bs. zu verantworten hat. Dem Angeklagten wird zur Last gelegt, in einer am 29. März d. an Die Staatsanwaltschaft gerichteten Eingabe, seinen damaligen Hausvermieter, Bäckermeister Forbach, des Hausfriedensbruchs beschuldigt zu haben durch die Behaup- bung seinerseits, Forbach sei ihm am 1. Februar, abends xc gewaltsam in die Wohnung gedrungen, und dessen Entfernung aus derselben sei nur unter Aufgebot der ganzen Kraft von feiten des Angeklagten möglich gewesen. In der fraglichen Voruntersuchung stellte sich indes heraus daß die betreffende Beschuldigung eine grundlose gewesen war Und so richtete sich denn die Anklage gegen Rotte Bei seiner heutigen Vernehmung bleibt er dabei, daß am raglichen Abend von feiten zweier Kinder einer Hausbewohnerin äjlles mögliche aufgeboten worden sei, ihn zu chlkameren, eine Behauptung, deren Richtigkeit von den betr. Beschuldigten, wie auch durch eidlich erhärtete Zeugenaussagen mit aller Entschiedenheit bestritten mirt) Auch w^d des weiteren dargethan, daß Forbach die zu dem die er so gern um seinen Tisch versammelt. Wenn Herr Bauer dieses Fazit der Tragikomödie vom Volksfeinde flieht, so spricht er es aus wie eine freudige Erkenntnis, wie eine fröhliche Wissenschaft, wie das Losungswort eines ftisch-srei-fröhlichen Lebens. Ob ein so unentwegt humorvoller Dr. Stockmann überhaupt zu dem zornigen Eifer für die einmal erkannte Wahrheit kommen könnte? Nun, der Künstler Bauer verlor jedenfalls nicht die Besonnenheit, die man von ihm fordern darf, wenn er auch hin und wieder nnmal ein verbindendes Wort mit hastigem Gemurmel überging. Als ich eine junge Dame, die voll hellster Bewunderung den von chr vergötterten Künstler nicht aus den Augen ließ — sie erzählte mir sogar, daß sie nach einer Photographie seinen Kops groß in Oel gemalt habe — auf kleine Gedächtnismankos aufmerksam machte, da war sie ganz entrüstet und meinte, daS verstürbe ich nicht, das fei alles absichtsvolle Kunst bei Herrn Bauer. Und als ich von den intimen Beziehungen des Herrn Bauer zu dem Manne in der Muschel redete da meinte sie, Herr B. sehe zuweilen zu seiner Gattin ins Parkett hinab 34 gab mich also gänzlich geschlagen! Nun finde .ch, daß der Rezensent der Zig.» dieselbe Be- obachtung gemacht hat, wie ich. Ja, was sind die Rezensenten alle doch für dumme Kerle. — Herr Bauer, den ja auch alle Gießener Theaterfreunde als einen markigen und kraftvollen Schauspieler schätzen, gab einen Charakter; daß dieser einsame Schwärmer und Sprudelkopf Dr. Stockmann aber auch em feinfühliges, grüblerisches Talent ist, das konnte man in seiner Darstellung nicht beobachten. Ein Dr. Stockmann mit so gewinnenden Gemütstönen, so herzlicher Liebenswürdigkeit, so persönlicher Bonhomie würde sich vielleicht besser aus der Affaire gezogen haben als der arme Prediger in der Wüste, den Ibsen hinstellt. Er hätte vielleicht gar die kompakte Majorität für sich, wie er am Samstag abend die kompakte Majorität der Zuschauer für sich hatte. Daß Herr Bauer klug und pointiert zu sprechen versteht, daß er feiner Gesamtauffassung des von ihm geschaffenen Charakters bis ins kleinste treu blieb, braucht bei einem Künstler von feinem Range nicht besonders betont zu werden. Ts ist aber doch ein Eigenes um Ibsens besonderen ,. _ B* Mainz, 25. September. Am 16. September hat der hiesige Musentempel, — die zweite Saison unter der Direktion des städtischen Kapellmeisters Emil Steinbach — seine Pforten geöffnet und zwar unter sehr günftioen Auspizien. Die Sommerferien waren dazu benutzt worden die elektrische Beleuchtung im Theater einzuführen, zweckentsprechende Aenderungen im Orchesterraum, den Garderoben rc vorzunehmen, wodurch das Innere des Theaters außer, ordentlich gewonnen hat. Die Oper eröffnete mit einer glanzvollen Aufführung des „Lohengrin", dem „Martha" „Cavalleria" und „Bajazzo", „Nachtlager von xUrnab