M. 251 Erstes Blatt. Freitag den 26 Oktober 156. Jahrgang LDGG Gießener Anzeiger General-Anzeiger Alle Anzeigen-Dermittlungsstellen beS In« und Auslandes nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegen. Zeilenpreis: lokal 12 Pfg., auswärts 20 Pfg. Annahme von Anzeigen zu der nachmittags für den -«lgenden Tag erscheinenden Nummer bis vorm. 10 Uhr. Lbbeyellungen spätestens abends vorher. Bezugspreis viertcljährl. Mk. 2Lg monatlich 75 Pfg. mit Lringerlohn; durch die Abholestelleu vierteljährl. Mk. 1,90 monatlich 65 Pfg. Bei Postbezug Mk. 2,40 vierteljährl. mit Bestellgeld. erscheint täglich mit Ausnahme deS Montags. Die Gießener NamikienStätter werden dem Anzeiger im Wechsel mit „Hess. Landwirt" u. „Blätter für heff. Volkskunde" wöchtl. 4 mal beigelegt. Amts- und Anzeigeblatt für den Atrels Gletzen. Aedaktion, Expedition und Druckerei: Fchutstraße Mr. 7. ' tun. 'AwwswTOk’ wwin,' Oratisbrilagen: Gießener Familienblätter, Der hessische Landwirt, Klätter für hessische Volkskunde. Adresse für Depeschen: Anzeiger Hieße«. Fernsprecher Nr. 51. Amtlicher Heil. Bekanntmachung. Betr.: Maul- und Klauenseuche. Da die Seuche seit unserer Anordnung vom 3. d. MtS. sich in unserem Kreise und den Nachbarkreisen nicht vermindert hat, wird das Verbot des Handels mit Klaueuvieh im Umherzieheu auf vorläufig acht Woche» verlängert. Gießeu, den 24. Oktober 1900. Grosiherzoglrches Kreisamt Gießen. I. V.: Boeckmann. Der otnt Staatoftkrttät des Auswärtigen Amts. Die Beförderung des bisherigen Unterstaatssekretärs des Auswärtigen, Amtes Dr. jur. Freiherrn Oswald r. Richthoferr zum Staatssekretär dieses Amtes und zum preußischen Staatsminister als Nachfolger des Grafen v. Bülow kommt nicht unerwartet. In den vier Jahren, während deren er wieder im Auswärtigen Amt zunächst als Kolonialdirektor und seitdem als Unterstaats-Sekretär thätig ist, hat Herr v. Richithofen sich so gründlich eingearbeitet, daß es auffällig gewesen wäre, wenn ein anderer Diplomat an seiner Stelle zum Staatssekretär befördert worden, wäre. Namentlich hat er sich auch als gewandter Regierungsvertreter und guter Redner im Reich-stag bewiesen, und es wohl verstanden, sich durch seine streng sachlichen Antworten und sein liebenswürdiges Entgegenkommen bei allen Parteien Dank und Anerkennung zu erwerben. Herr v. Richthosen ist der Sohn eines bekannten preußischen Gesandten und hat in seiner Jugend entsprechend dem öftern Wechsel des Wohnsitzes seines Vaters eine recht eigenartige und mannigfaltige Ausbildung erfahren. Er ist am 13. Oktober 1847 zu Jassy in Rumänien geboren, wo sein Vater damals preu- ßischer Generalkonsul für die Moldau und Wallachei war. Mit diesem ging er dann nad)i Mexiko, wo er seinenj ersten Unterricht in einer spanischen Schule empfing, bis er 1856 dem Kadettenkorps in Potsdam übergeben wurde. Von dort sollte er Ostern 1860 zur Sekunda in die Hauptkadettenanstalt nach Berlin übersiedeln; aber er hatte dafür noch nicht das vorschriftsmäßige Lebensalter erreicht, und so besuchte er zunächst, da sein Vater inzwischen als Gesandter nach Hamburg versetzt war, eine H' i.delsschule in Hamburg und sodann das dortige Jo- hanneum, aus dem er Ostern 1866 das Zeugnis der Reife für die Universität erhielt. Dann diente er sein einjähriges Jahr im 2. Garde-Regiment zu Fuß ab und machte in dem vierten Bataillon dieses Regiments in dem vom Großherzog von Mecklenburg-Schwerin geführten zweiten Reservekorps den österreichischen Feldzug mit. Als Reserve4eutnant des 2. schlesischen Grenadier-Regiments Nr. 11 rückte er am 27. Juli 1870 aus der damaligen Garnison Altona aus, nahm an der Schlacht bei Vionville- Mars la Tour, in der das Regiment 41 Offiziere und 1119 Mann verlor, mit solcher Tapferkeit teil, daß ihm bald darauf das Eiserne Kreuz verliehen wurde, und wurde unmittelbar nach der Schlacht, da sämtliche Adjutanten des Regiments gefallen oder verwundet waren, ans Anordnung des gleichfalls tätlich verwundeten Regimentskommandeurs Obersten v. Schöning zum Adjutanten des zweiten Bataillons, und bald darauf gleichzeitig auch des Regiments ernannt. In dieser Stellung abwechselnd als Regiments- oder Bataillons-Adjutant,' oder in beiden zugleich sowie gleichzeitig als untersuchungführende Offizier aller drei Bataillone verblieb Freiherr v. Richthofen bis zum Schluffe des Krieges und bis zur Demobilisierung des Regiments, worauf er im Juni 1871 auch die holsteinschen Reservisten des Regiments nach Altona zurückführte. Sein weiteres tapferes Verhalten in den Schlachten bei Gravelotte und Noisseville, bei der Belagerung von Metz, während der das Regiment 70 Tage, davon 54 Ununterbrochen bei schlechtestem Wetter, 'im Freien biwakierte, sowie in den Schlachten von Orleans und Le Mans brachte ihm wiederholt die Anerkennung seiner höchsten Vorgesetzten ein. Infolge seiner Kenntnis der französischen Sprache wurde er vielfach, besonders während seiner Stellung als Platzmajor in Troyes zu Verhandlungen mit den französischen Zivil- und geistlichen Behörden, unter andern mit den Bischöfen von Troyes, Orleans und St. Die, verwandt. Gleich nach dem Feldzuge wurde er als Assestör bei der Kreisoirektion in Erstem angestellt, und nn folgenden Jahre dem Bezirkspräsidium des Unterelsaß beigegeben. Gleichzeitig beendete er den juristischen Vorbereitungsdienst, den er 1869 beim Amtsgericht zu Mona begonnen hatte, und bestand Ende Dezember 1873 zu Colmar die große Staatsprüfnng, die erste, die unter deutscher Verwaltung im Elsaß abgehalten worden ist. Bald darauf verlieh ihm auch! die Universität Straßburg auf Grund einer Arbeit über die staatsrechtliche Giltigkeit der während des Krieges 1870/71 von der französischen Regierung erlassenen Gesetze und auf Grund mündlicher Prüfung den juristischen Doktorhut. Von 1876 bis 1885 gehörte er dem Auswärtigen Amte, zunächst als ständiger Hilfsarbeiter, dann als Vortragender Rat an. Hier verdiente er sich seine Sporen vor allem durch den Mschluß der Staatsverträge über die Regelung des Fideikommiß-Vermögens des vormals kurhessischen Hauses, der Konsularverträge mit Griechenland, Brasilien und mit Serbien, der Handels- und Schiffahrtsverträge mit Spanien und Griechenland, des Musterschutzvertrages mit Belgien usw. Nach^ dem Fürst Bismarck gegen den Widerspruch Englands die Zuziehung eines deutschen und eines russischen Kommissars in die bis dahin nur von den vier anderen Großmächten gebildete ägyptische Staatsschulden-Verwaltung durchgesetzt hatte, ward Frhr. v. Richthofen zum deutschen Mitglied dieser Verwaltung im Februar 1885 ernannt und in dieser Stellung ist er über 11 Jahre geblieben. Er war bei den Verhandlungen über die Aufnahme neuer internationaler ägyptischer Anleihen, bei der Schaffung des ägyptischen Staats-Reservefonds und vor allem bei der Umwandlung ägyptischen privilegierten und der Daira-Anleihe in erster Linie beteiligt, und es ist ihm dabei gelungen, die Gleichstellung Deutschlands Frankreich und England gegenüber auf jede Weise zu wahren. Mit besonderem Nachdruck hat er auch die deutsch-ägyptischen Unternehmungen, namentlich die deutschen Bahnbauten unterstützt und den Mschluß des deutsch-ägyptischen Handelsvertrages gefördert. Nicht zu vergessen ist auch die außergewöhnliche Gastfreundschaft, die er und seine inzwischen verstorbene Gemahlin, die Tochter des Generals v. Hartmann, zahlreichen Deutschen, die Aegypten besuchten, geleistet haben. Nach dem Abgänge des zum Senatspräsidenten beim Reichsgerichte ernannten Dr. Kayser wurde er im Dezember 1896 zum Direktor der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes ernannt; doch war hier seines Bleibens nicht lange, obwohl die kolonialen Kreise seine Ernennung mit großer Freude begrüßt hatten, und sich in dem ihm entgegengebrachten Vertrauen nicht getäuscht sahen. Denn als im Sommer 1897 Frhr. Marschall v. Bieberstein durch den jetzigen Reichskanzler Grafen v. Bülow ersetzt und bald darauf der damalige Unterstaatssekretär Frhr. v. Roten- han zum Gesandten in Bern ernannt worden war, fiel die Wahl für die Besetzung des Unterstaatssekretärpostens auf den Frhrn. v. Richthofen, und daß sie in jeder Hinsicht eine glückliche war, hat der Verlauf der letzten drei Jahre bewiesen. Vor allem ist es Herrn v. Richthofen auch gelungen, sich das volle Vertrauen der Mitglieder des diplomatischen Korps zu erwerben, die sehr gern mit ihm verhandeln, und seine jetzige Beförderung mit großer Genugthuung begrüßen werden. Das Jubiläum des Herrn Geh. Kirchenrats Prof. D. Dr. Stade. -sch. Gießen, 24. Oktober 1900. Gestern fand hier die Feier der 25jährigen Wirksamkeit des Geh. Kirchenrats Prof. D. Dr. Stade als ordentlicher Profesior der Theologie an der hiesigen Universität statt und nahm einen glänzenden, den Gefeierten in hohem Maße ehrenden Verlaus. Zwischen 11 und 1 Uhr früh erschienen zur Gratulation in der Wohnung des Jubilars sämtliche Mitglieder der theologischen Fakultät, Se. Magnifizenz der Rektor der Landesuniversität, Prof. Dr. iur. Schmidt, der im Auftrage Großh. Ministeriums und im Namen der Universität Herrn Pros. D. Dr. Stade beglückwünschte und das ihm verliehene Ehrenkreuz des Verdienstordens Philipps des Großmütigen überreichte; Pfarrer Schlosser als Vertreter der Geistlichkeit des Dekanats Gießen; die Verfasser der dem Gefeierten zu seinem Jubiläum dargebotenen Festschrift , in deren Namen Gymnasial - Oberlehrer Lie. Dr. Preu sch en- Darmstadt sprach; Pfarrer Lic. Eck- Offenbach im Auftrage der Frankfurter Konferenz hessischer Geistlichen, die ihrem verehrten Lehrer Dank und Glück- wünsch in einer künstlerisch ausgeführten Adresse aussprachen; eine Abordnung der hiesigen Theologie-Studierenden; endlich Prälat D. Habicht- Darmstadt, der ein Glückwunschschreiben des Großh. Oberkonsiftoriums überbrachte, und Dekan Pullmann-Grünberg für den Vorstand der heff. Lutherstiftung. Außerdem hatten sich eine größere Anzahl persönlicher Freunde deS Jubilars und seiner Familie, die Stadtgeistlichkeit u. a. eingefundcn; ihnen allen erwiedcrte Herr D. S t a d e in herzlichen Worten des Dankes. Zahlreiche Freunde und Schüler hatten schriftlich oder telegraphisch, zum Teil aus weiter Ferne, gratuliert. Bon besonderem Jntereffe dürste die Adreffe der genannten Frankfurter Konferenz und die dem Jubilar überreichte Festschrift sein. Erstere hoffen wir morgen in ihrem Wortlaut nebst der Antwort des Herrn D. Stade zum Abdruck bringen zu können. Die im Verlage der I. Ricker'schen Buchhandlung (A. Töpelmann) erschienene Gratulations- schrist trägt den Titel: „Festgruß, Bernhard Stade zur Feier seiner 25 jährigen Wirksamkeit als Professor dargebracht von seinen Schülern W. Diehl, R. Drescher, K. Eger, A. v. Gall, E. Preuschen, H. Weinel." Sie enthält fol- gende Abhandlungen: Zusammensetzung und Herkunft der Bileam - Perikope in Num. 22—24, von Lic. Dr. A. Frhr. v. Gall in Mainz; Die Bildersprache Jesu in ihrer Bedeutung für die Erforschung seines inneren Lebens, von Lic. Dr. H. Weinel in Bonn; Das Leben Jesu bei Paulus, von Dr. R. Drescher in Lampertheim; Die apokryphen gnostischen Adamsschristen aus dem Armenischen übersetzt und untersucht, von Lic. Dr. E. Preuschen in Darmstadt; Die Bedeutung der beiden Definitorialordnungen von 1628 und 1743 für die Geschichte des Darmstädter Definitoriums, von Lic. Dr. W. Diehl in Hirschhorn; Luthers Auslegung des Alten Testaments nach ihren Grundsätzen und ihrem Charakter an Hand seiner Predigten über das 1. und 2. Buch Mose (1524 ff.) untersucht, von Lic. K. Eger in Darmstadt. Aus Anlaß der ersten Vorlesung des Jubilars in dem 51. Semester seines Ordinariats bereiteten die Theologiestudierenden am Nachmittage um 5 Uhr ihrem verehrten Lehrer eine festliche Ovation. Das schön ausgeschmückte, mit einer großen Anzahl früherer und gegenwärtiger Schüler gefüllte Auditorium war ein Beweis für die Liebe und Verehrung, die man dem Gefeierten gerade als theologischem Lehrer entgegenbringt, stuck, theol. Waas begrüßte den Jubilar mit einer Ansprache bei seinem Eintritt, indem er die herzlichen Glückwünsche der gegenwärtigen Generation der an der Ludoviciana studierenden Theologen darbrachte, die guten Beziehungen zwischen Lehrer und Schülern betonte und die Hoffnung ausdrückte, es möchte dem Jubilar noch eine lange Zeit reichgesegneten Wirkens an der alma mater beschieden sein. Herr D. Stade antwortete vom festlich geschmückten Katheder in längerer Rede, indem er den Empfindungen Ausdruck lieh, die ihn beim Rückblick auf diese 25 Jahre seiner Wirksamkeit beseelten. Es seien vor allem Empfindungen des DankeS; des Dankes gegen Gott, der die Kraft gegeben, dann gegen die Schüler, deren Zutrauen ihm nie fehlte, trotz mannigfacher Abweichung seiner Auffassung deS Alten Testaments von den hergebrachten Anschauungen. Sähen sie doch nunmehr ihr Zutrauen nicht getäuscht, sondern die Ansichten, die früher nur vereinzelt vertreten waren, jetzt allmählich sich allgemein durchsetzen. DeS Dankes auch gegen die Kollegen, die im Laufe der 25 Jahre mit ihm zusammenarbeiteten; des Dankes endlich gegen die Männer im Regimente der rechtlich organisierten Kirche, die ihm stets daS Vertrauen geschenkt hätten, daß er sich bemühen werde, die theologische Jugend zu tüchtigen Dienern der Kirche zu erziehen. Der Redner schloß mit einer Schilderung der Ziele von Theologie und Kirche, indem er sich in längerer Ausführung über das Wesen der Theologie als einer spezifischen Aeußerung kirchlichen Lebens verbreitete. Den Höhepunkt des festlichen TageS bildete der Kommers im „Hotel Einhorn". Den Einladungen waren eine große Zahl von Gästen gefolgt, u. a. Se. Magnificenz der Rektor, Prof.Dr. Schmidt, viele Kollegen des Gefeierten, sowie zahlreiche jetzige und frühere Schüler. Der Präses, stuck, theol. Meisinger, begrüßte zunächst Herrn Geh. Kirchenrat Prof. D. Stade und dankte ihm für sein Erscheinen, ebenso dem Rektor und den übrigen Gästen. Lied und Rede folgten nun in buntem Wechsel. Als erster sprach im Namen der Theologie-Studierenden stuck, theol. Bender; und zwar redete er von dem Verhältnis des Jubilars zu seinen Studenten in wissenschaftlicher und persönlicher Hin- ficht, indem er hervorhob, daß die exakte, wissenschaftliche Schulung, der vorbildliche Charakter und das persönliche Jntereffe des Jubilars seinen Schülern gegenüber diese zu hohem Danke gegen ihren Lehrer verpflichten. Als ältester der anwesenden früheren Schüler des Gefeierten redete Militäroberpfarrer Noack aus Kaffel. Dankbarkeit, so führte er aus, erfülle ihn gegen den Jubilar insbesondere wegen der durch ihn geübten Erziehung z« ernster Arbeit, und wegen seines Bestrebens, die Hörer nicht nur formal, sondern auch innerlich in ihrem besten, eigensten Wesen zu fördern, im Sinne des BibelwortcS: Die Wahrheit wird euch frei machen. I Tief gerührt durch all die ihm bewiesene Liebe und Anhänglichkeit gab Herr Stade seinem freudigen Dank warmen Ausdruck. Ungern trete er zwar mit seiner Person in dieser Weise in die Oeffentlichkeit, habe sich aber, wie er in humorvoller Weise ausführte, durch viele gewichtige Gründe seine Zustimmung abnötigen lassen. Von der eignen Person absehend, behandelte der Juoilar nun die für die Männer der Wissenschaft und des praktischen Amtes, wie sie sich hier zusammengefunden hatten, in gleicher Weise hochbedeutsame Frage: „Waren die letzten 25 Jahre derart, daß ein Theologe freudig auf sie zurück und in die Zukunft blicken kann?" Die Antwort eines aus eine 25 jährige, von reichem Erfolg begleitete Thätigkeit im Dienste der theologischen Wissenschaft zurückblickenden bedeutenden Mannes, dem die Liebe zur Kirche, in deren Dienst die Theologie steht, nicht zum wenigsten die Worte lieh, verdient in ganz besonderem Maß die Aufmerksamkeit derer, denen Theologie und Kirche lieb und wert sind. Der Inhalt sei deshalb hier mit wenigen Worten skizziert: Es ist, so führte der Redner aus, in den letzten 25 Jahren in Theologie und Kirche vieles besser geworden, sodaß seit jenen für unser deutsches Volk in jeder Beziehung so verhängnisvollen Tagen der Gegenreformation vielleicht keine Zeit den Theologen zu einem hoffnungsvollen Ausblick in die Zukunft so sehr berechtigte, wie die unsere. Die materialistische und die atheistische Strömung sind im Rücklauf begriffen, und das evangelische Christentum scheint in seinem Wesen besser erkannt zu werden; die Theologie ist fähiger geworden, die Kirche zu führen und zu leiten. Vier That- sachen sind es, die diese Besserung herbeisührten. Zunächst ist viel deutlicher geworden, was Religion ist; nämlich kein Philosophieren über Dinge, die Privatmeinung sein können, sondern Leben vom ewigen Leben, entzündet im Herzen einzelner Personen, die ihres Gottes gewiß geworden sind. Die Theologie steht vor Realitäten. Da wir aber religiöses Leben nur in der Form der Kirche besitzen, so ist die Theologie auch kirchlicher geworden. Zum andern ist die Theologie christozentrischer geworden. Die Bedeutung der Person Jesu für den einzelnen wie für die Gemeinde ist stärker hervorgetreten. DaS hat auch für die Kirche seine Bedeutung gehabt. Insbesondere sind es gerade die Angriffe von Strauß gewesen, die zu einem vertieften Studium führten, welches die Gestalt des Heilands immer leuchtender hervortreten ließ. Religiöse wie historische Betrachtung klingen zusammen in der schönen Harmonie: „Halt im Gedächtnis Jesum Christ!" Man hat drittens erkannt, was Luther für die Entwicklung des Christentums bedeutet. Nicht Repristinierung einer alten Auffassung vom Christentum ist sein Werk, sondern eine neue Auffassung hat er gewonnen, die ganze Kirche aus eine neue Stufe gehoben. Hochbedeutsam für Theologie und Kirche, ist diese Erkenntnis in besonderem Maß im Stande, unser Urteil über das Verhältnis der evangelischen zur katholischen Kirche, über evangelische Sittlichkeit gegenüber der katholischen zu beein- fluffen. Sie zeigt, daß unsere evangelische Kirche im Werden ist, sie mahnt zu andauernder energischer Arbeit, zur Bescheidenheit und duldsamem Ertragen. So ist die Theologie nicht nur kirchlicher, weil sie christozentrischer, sondern auch, weil sie lutherischer geworden ist. Viertens ist viel Licht auf das Verständnis des Evangeliums gefallen durch die Erkenntnis von dem wirklichen Verlaus und der Bedeutung des Judentums für die christliche Kirche. Diese Punkte stimmen den Theologen hoffnungssrcudig; er sieht, wie die Theologie kirchlicher, christozentrischer und lutherischer geworden ist. — Mit dem Wunsch für ein kräftiges Blühen, Wachsen und Gedeihen des theologischen Studiums schloß der Redner. Seine Magnifizenz der Rektor Prof. Dr. Schmidt schilderte den Gefeierten als akademischen Lehrer nach dem Willen seiner Schüler und Kollegen. Sein Hoch galt der alma mater Ludoviciana. Dann sprach Pros. Dr. Baldensperger im Namen der theologischen Fakultät. Er feierte den Kollegen in humorvoller Weise und ließ seine Rede in einem Lob der charitas christiana auSklingen. Schließlich wurde Herr v. Stade noch von den Friedberger Kandidaten der Theologie beglückwünscht, und zwar sprach in ihrem Namen cand. theol. Hammann. Der Jubilar antwortete daraus, indem er die Kandidaten seines warmen Anteils an ihrem Ergehen versicherte. Er forderte sie zu freudiger Benutzung der Theologie im Dienste veS Evangeliums aus und knüpfte daran die Mahnung, sich die Liebe zu ihrem hohen Berufe nicht durch Menschen oder Widerwärtigkeiten rauben zu lassen. Seine Wünsche galten der gedeihlichen wissenschaftlichen Weiterentwickelung der Friedberger Kandidaten. Damit schloß der offizielle Teil. Die Fidulität hielt den Jubilar mit seinen Freunden noch lange fröhlich vereint, wozu launige Reden und hübsche, zum Teil eigens für diese Feier gedichtete Lieder nicht wenig Die Volksschule. Schluß. Wenn daraus hingewiesen wird, daß der beträchtlichen hpr Sekten Steuern eine ebenso bedeutende Entlastung der Gemeinden und damit eine wesentliche Re- Auktion der Gemeindesteuern gegenüberstehen werde^ so^ist «s zum mindesten fraglich, ob diese Verminderung der Gemeindesteuern mit der Erhöhung der Staatssteuern gleichen Schritt halten würde. Zweifelloslägein her Abnahme der Schullasten für viele Gemeinden der Anreir ru anderweitigen Veränderungen und Llnternebmuiiaen Die naturgemäß mit der Zeit wieder eine Erhöhung der ver- minderten Gemeindesteuern und damit angesichts der so beträchtlich gesteigerten Staatssteueru eine empfindliche Mehrbelastung der Steuerzahler herbeiführen würden. Es fei noch kurz auf eine andere Schwierigkeit hingewiesen, welche sich einer Verwirklichung des Antrages entgegenstellt. Tie historische Entwickelung unserer Volksschulen brachte es mit sich, daß dieselben im X!aufe der Zeit vielfach mit Liegenschaften und Stiftungen dotiert wurden, die sich als Schulgüter und Schulfonds im Besitz der Gemeinden befinden und deren Erträgnisse zur Salarirung der Lehrkräfte und zur Unterhaltung der Schulgebäude verwendet werden. Tiefe Schenkungen an die Gemeinden wurden mr Laufe der Zeit in der bestimmten Absicht gemacht, um die Aufwendungen der Gemeinde für Schulzwecke zu er- leichtern — gewiß über auch vielfach in der Absicht, um den Einfluß der Gemeinden auf die Schulen in Zukunft zu sichern. Wäre es nunmehr nicht ungerecht, bei Ver- staatlichung des Volksschulwesens die Gemeinden dieses Besitzes zu entäußern und damit die Absichten der Schenkgeber einfach illusorisch zu machen? Oder was soll mit diesen Schulgütern und Schulfonds geschehen? — Wesent- hd)£ finanzielle Vorteile würden besonders den Landgemeinden aus der Verstaatlichung des Volksschulwesens nicht erwachsen. An die Stelle verminderter Gemeindesteuern träten bedeutend erhöhte Staatssteuern. Da wo bisher die Unzulänglichkeit der Mittel einer Gemeinde zur Bestreitung der Kosten des Volksschulwesens zutage trat, qt der Staat stets (mit Zuschüssen fördernd eingetreten. Die Uebernahme der ganzen Volksschullasten auf deu Staat würde aber nicht nur keine Entlastung, sondern vielmehr eine wesentliche Mehrbelastung gerade für die Landgemeinden zur Folge haben, indem dieselben in den nahezu verdoppelten Staatssteuern die wesentlich höheren Kosten der städtischen Volksschulen, welche durch luxuriöse Schulbauten und höhere Lehrergehälter begründet find, mitzubezahlen gezwungen wären. Neben diesen materiellen Gesichtspunkten treten aber auch ethische Gründe in die Erscheinung. Tie Erziehung und Bildung der Kinder ist in erster Linie Aufgabe der Familie, ihr tritt die Schule hinsichtlich der erzieherischen und wissenschaftlich-en Weiterbildung der Minder ergänzend zur Seite, jedoch in der Weise, daß mit o. m Eintritt in die Schule die Aufgabe der Familie nicht c;iua vollendet erscheint, sondern die Lösung der bedeut- saiuen Aufgabe der Erziehung auf dem harmonischen Zusammenwirken beider Faktoren, Schule und Familie beruht. Tiefer natürlichen und historischen Entwickelung der Beziehungen zwischen Schule und Familie muß auch fernerhin Rechnung getragen werden; es würde diese Verbindung zwischen Familie und Schule aber zweifellos gelockert und gestört werden, wenn die Gemeinde als die Vereinigung der an der Schule zunächst interessierten Familien ihren Einfluß auf die Schule verlöre und der Staat deren alleiniger Brodherr würde. Es würde den Gemeinden damit auch ein großes Gebiet ihrer Thätigkeit und gewiß eines der wichtigsten und bedeutungsvollsten entzogen werden. Ter Antrag Ulrich verlangt ferner die Einrichtung der obligatorischen Volksschule, somit den Zwang für den Besuch der Volksschule für sämt- 1 Hdje Volksklassen. Dies würde die völlige Vernichtung der Vorschulen und Privatinstitute zur Folge haben. Wenn auch der Beweis dafür erbracht ist, daß die Vorbildung in der Volksschule für einen talentierten Schüler wohl als eine einigermaßen ausreichende Grundlage für seinen Eintritt in eine höhere Lehranstalt betrachtet werden kann, so ist es doch auf der auderen Seite selbstverständlich, daß in den staatlichen Vorschulen und Privaterziehungsanstalten, wo der Lehrplan für den späteren Besuch höherer Lehranstalten mit Vorbedacht ausgewählt ist, im allgemeinen diejenigen, die sich den Gymnasial- und Realstudien widmen wollen, eine geeignetere Vorbildung erfahren als in der Volksschule. Aus welchem Grunde soll nun der Zwang des Besuches der Volksschule für alle Kinder eingeführt werden? Was die Forderung der unentgeltlichen Lieferung der Lehrmittel aus Staatskosten anlangt, so ist ein derartiges Ansinnen in den letzten Jähren wiederholt auch an die Kommunen gerichtet worden. Im allgemeinen hat sich wenig Geneigtheit gezeigt, diesem Wunsche zu entsprechen; man hat sich vielmehr nur dazu verstanden, da, wo von feiten der Eltern ein solches Verlangen direkt an die Gemeindeverwaltungen gerichtet wird, einem solchen Verlangen in einzelnen Fällen Rechnung zu tragen. Ausschlaggebend für diese Haltung war die Erwägung, daß es die Familie als eine Ehrensache betrachten muß und auch thatsächlich vielfach betrachtet, für die Lehrmittel selbst zu sorgen, weil sonst das letzte Interesse der Eltern an der Schule in Wegfall käme. Ta wo die Armut der Eltern die Bestreitung der Kosten der Lehrmittel unmöglich macht, wird die Gemeinde ohnehin in die Lage versetzt fein, auch nach dieser Richtung unterstützend beizuspringen. Eine generelle Lieferung der Lehrmittel auf Staatskosten ist aus obigem Grunde nicht angezeigt und würde außerdem in finanzieller Hinsicht zu einer bedeutenden Belastung der Staatskasse führen. In seinem letzten Teile verlangt der Antrag Ulrich endlich die Ausbildung und Unterhaltung aller zum Besuche der höheren Bildungsanstalten befähigten Kinde r u n b e m i t t g l t er Eltern bis zum Abschluß ihrer Studien aus öffentlichen Mitteln. Ganz abgesehen von der finanziellen Wirkung, die die Verwirklichung dieses Vorschlages im Gefolge hätte, kann derselbe auch aus ver- chiedeneu anderen Gründen nicht empfohlen werden. Vor allem bietet uns die Erfahrung tagtäglich dafür hinreichend Belege, daß auch Kinder unbemittelter Elterri mit Hilfe staatlicher und privater Stipendien und Stiftungen den höheren Studien mit Erfolg sich widmen können. Sollte der Antrag Ulrich Annahme finden und durch die Zusicherung der kostenfreien Absolvierung der höheren Studien ein heuer Anreiz zur Ergreifung der akademi- chen Laufbahn geschaffen werden, so wären die unausbleiblichen Folgen eines solchen staatlichen Vorgehens der noch vermehrte Zudrang zu den ohnehin übersetzten gelehrten Fächern, eine noch weitere Zunahme verfehlter Existenzen und eine noch größere Entfremdung weiterer Bolkskreise von den verschiedenartigen Berufen des gewerblichen Lebens. Es kann nicht im Interesse der Allgemeinheit liegen, auf dem Wege der Gesetzgebung derartige Mißstände im Staate noch zu fördern. Eine Minderheit des Ausschusses war der Ansicht, daß man die Entscheidung über den Antrag Ulrich verschieben olle, bis eine klare Uebersicht über den Effekt der Steuerreform vorhanden sei. Nachdem sich aber die Mehrheit des Ausschusses für sofortige Erledigung des Antrages ausgesprochen, kam es zur Abstimmung. Ter Ausschuß beantragt mit allen gegen zwei Stimmen, den An- trag des Abgeordneten Ulrich und Genossen abzulehnen. Aus Stadt und Land . Gießen, 25. Oktober 1900. alieber $aS Ehrenzeichen für ®iit» der ireiwili^en ^„2^°^bhren wurde den Mitgliedern Müller V^Witde^R^ bu Ober - Flörsheim Johann “ si f „ „T m de nz und Philipp Rö h l verliehen. c 4-erfvnalnachrichten Der ilammeriunler tzofiagermeister Walther Freiherr van der H^p wurde faik 6 n rn01nlt^ Erektor der Lauptstaats- .ub Ludolph Kramer wurde von seinem Nebenamts Mitglied der Verwaltungs-Kommission der Lcmdes- kreditkasse auf fern Nachsuchen entlassen und der mit Versetzung der Stelle eines Direktors der Staatsschuld7n- kässe beauftragte Geh. Regierungsrat Karl Plamt zum Mitgliede der Verwaltungs-Kommission der Landeskredik- kaffe iin Nebenamte auf Widerruf ernannt. Der Kreisarzt des Kreis-Gesundheitsamts Bingen, Medizinalrat Dr. Ludwig Matthias, wurde zum Kreisarzt des Kreisgesund- densamtes Friedberg, der Kreisarzt des Kreisgesundheits- amtes Erbach, Dr. Emil Schaeffer, zum Kreisarzt des 'E^bls^sundheiksamtes Bingen, der Kreisassistenzarzt bei dem Kreisgesundheitsamt Mainz, Dr. Ernst W al a er Kreisgesundheitsamtes Erbach und der "ldols Drescher aus Hitzkirchen zum .'nrelsaUistenzarzt bei dem Kreisgesundheitsamt Mainz er- uanntz Dem Kreisassistenzarzt bei dem Kreisgesundheitsamt Gießen Dr. Karl Koenig er wurde der laufende Rang eines Kreisarztes mit Wirkung vom 1. November 1900 an verliehen. ** Militärisches, v. Neree, Leut, a la suite des Jnf.-Regts. Kaiser Wilhelm (2. Großh. Hess.) Nr. 116, kommandiert zur Dienstleistung bei der Marinestation der Ostsee, ausgeschieden und im 1. Ersatz-See-Bataillon an- Aefiellt. Fredersdorf, Vicefeldwebel im Landw.-Bez. Woldenberg, zum Leutnant der Reserve des 4. Großh. Hess. Jnf.-Regts. (Prinz Carl) Nr. 118, de Brünn, Vize- wachtmeister im Landw.-Bezirk Barmen, zum Leutnant der Reserve des 1. Großh. Hess. Feldart.-Regts. Nr. 25 (Großh. Art.-Korps) befördert. Die Vizefeldwebel im Landw.-Be- äirk I Cassel: v. Lorentz zum Leutnant der Reserve des 1. Großh. Hess. Jnfanterie-(Leibgarde-)Regts. Nr. 115, Memberg zum Leutnant der Reserve des Jnf.-Regts. Kaiser Wilhelm (2. Gr. Hess.) Nr. 116; Benda, Vizefeldwebel im Landw.-Bezirk Weimar, zum Leut, der Reserve des 1. Großh. Hess. Jnf.-(Leibgarde-)Regts. Nr. 115 befördert. Harth, Vizewachtmeister im Landw.-Bezirk Frankfurt a. M., zum Leutuant der Reserve des Großh. Hess. Train- Bataillons Nr. 25, Groß, Vizefeldwebel im Landw.-Bez. Friedberg, zum Leut, der Reserve des 4. Großh. Hess. Jnf.-Regts. (Prinz Carl) Nr. 118 befördert. Weissen- b ach, Zinßer, Leutnants der Reserve des Jnf.-Regts. Kaiser Wilhelm (2. Großh. Hess.) Nr. 116 (Gießen), Krug v. Nidda, Leutnant der Reserve des 1. Großh. Hess. Feldart.-Regts. Nr. 25 (Großh. Art.-Korps), Mainz, zu Oberleutnants befördert. Hoffmann, Vizefeldwebel im Landw.-Bezirk Worms, zum Leutnant der Reserve des 3. Großh. Hess. Jnf.-Regts. (Leib-Regiments) Nr. 117, Mayer, Vizefeldwebel in demselben Landw.-Bezirk, zum Leutnant der Reserve des 4. Großh. Hess. Jnf.-Regts. (Prinz Carl) Nr. 118, v. K l i pst ein, Leut, der Reserve desselben Regiments (Worms), Hof, Leutnant der Infanterie 1. Aufgebots des Landw.-Bezirks II Darmstadt, Kammer, Leutnant der Reserve des Jnf.-Regts. Kaiser Wilhelm (2. Großh. Hess.) Nr. 116 (Erbach), zu Oberleutnants befördert. Sommer lad, Paul, Leutnants der Infanterie 2. Aufgebots des Landw.-Bezirks I Darmstadt — der Abschied bewilligt. ** Gefundene Gegenstände. In den Tienst- räumen der Postanstalten herrenlos vorgefundene und nicht ans Postsendungen herrührende Gegenstände wurden bisher den Polizeiämtern überwiesen. Mit der Einführung des bürgerlichen Gesetzbuches hat sich auch dies, wie so manches andere, geändert? Die genannten Gegenstände werden jetzt von den Postanstalten selbst aufbewa'hrt. Wenn nun - :ch bei kleineren Postanstalten selten etwas herrenlos ^or» gefunden wird, weil in kleineren Orten in der Regel schon eher bekanntest, wem der etwa im Schaltervorraum stehen gebliebene Stock oder Schirm gehört, so gelingt es doch in größeren Orten des öfteren nicht, die Vorgefundenen! Gegenstände den Eigentümern zuzustellen. Und^was bleibt da inanchmal nicht alles stehen oder liegen. Stöcke, vom zierlichen Damenstock bis zum Gigerl- und Landstreicherknüppel, feine Sonnenschirme und auch Familienregendächer, Geldtaschen mit und ohne Inhalt, einzelne Glace-, Faust- uni) sonstige Handschuhe usw. Wenn nun ein Angehöriger der Reichspost- wnÄ -r0lie,gwphenve,rwaltung oder eine andere Person in einem Postwagen, im Schalter- tiorraume, im Wartezimmer re. der Postanstalten herrenlose Gegenstände, die nicht aus Postsendungen herrühren, findet und an sich nimmt, so hat er die Gegenstände unverzüglich an die nächste zuständige Post- oder Telegraphen- Anstalt abzuliefern und über Zeit und Ort des Fundes Auskunft zu geben. Auf Find er lohn hat der Finder keimen- Anspruch, auch die Ppstverwaltung nicht, wenn es ihr gelingt, den Eigentümer der gefundenen Sache zu ermitteln. Der abgelieferte Gegenstand wird von der Postanstalt in Verwahrung genommen. Zur Ermittelung des Eigentümers wird im Schalterraume eine Bekanntmachung angebracht, durch die der Eigentümer aufgefordert wird, seine Rechte binnen einer Frist von sechs Wochen geltend zu machen. Bei Gegenständen von größerem Wert wird außerdem eine Bekanntmachung durch die Ortszeitung erlassen. Ter Aushang wird, wenn der Empfangsberechtigte sich nicht schon früher meldet, mindestens sechs Wochen hintereinander im Schalterraum belassen. Meldet ich der Empfangsberechtigte überhaupt nicht, so werden die Fundsachen durch einen Beamten der Postanstalt unter Aufnahme einer Verhandlungsschrift öffentlich versteigert; der Erlös wird nach Abzug der Kosten der zuständigen Stelle überwiesen. Ist die Aufbewahrung einer gefundenen Sache mit unverhältnismäßigen Kosten verbunden oder ist der Verderb einer Fundsache zu befürchten, so wird die Fundsache gleich versteiaert, und der Empfangsberechtigte ist durch schriftliche Bekanntmachung im Schalterraum zur Entgegennahme des Erlöses aufzuordern. Erfolgt die Abforderung nicht, dann ist der Erlös ebenfalls der zuständigen Stelle zu überweisen. Tas gleiche geschieht mit gefundenem Geld. Ter Empfangsberechtigte f)at W Recht, binnen drei Jahren nach Wauf, W- gndk W, 101 ' ytt K. Ä rin bat ist Zck und ben \ \ i ß bi le V xi i | t $ tu gl' UN. r Ult N i ii i. 17. € u f ö w der in der Bekanntmachung bestimmten Frist die Herausgabe des erlösten oder gefundenen Betrages zu verlangen. Wer daher etwas verloren hat und glaubt, daß dies auch int Schultervorraum geschehen sein könne, der beachte die ausgehängten Bekanntmachungen. ffGrünberg, 24. Oktober. Der hiesige Krieger- verein gedenkt am 4. November dieses Jahres sein 25. Stiftungsfest zu feiern. Nachmittags soll ein Festbankett in der geräumigen Turnhalle und abends ein Ball in demselben Lokale stattfinden. An die Nachr- barvereine sind bereits Einladungen ergangen, und es ist anzunehmen, daß sich dieselben zahlreich an der Jubiläumsfeier beteiligen werden, zumal voraussichtlich auch das Präsidium des Landesverbands „Hassia" bei dem Feste vertreten sein wird. — Den musikalischen Teil hat der hiesige Musikverein übernommen, dessen treffliche Leistungen hinlänglich bekannt sind. N. Büdingen, 24. Oktober. Zwei bedeutende Projekte beschäftigen gegenwärtig unsere Einwohnerschaft aufs lebhafteste, das erste betrifft die Kanalisierung unserer Stadt, das zweite die Beschaffung einer Bade- a n st a l t. Bezüglich des ersten Projekts hat Regierunas- baumeister Schmück- Frankfurt dem hiesigen Gemeinderat Vorkrag gehalten und darin eine Kanalanlage, die auch die Fäkalien aufnimmt, als zu teuer bezeichnet, dagegen die Anlage von wasserdichten Dunggruben und die Entwässerung des innerhalb der Festungsmauern gelegenen Stadtteils durch Rohrkanäle und die Kanalisierung der Vorstadt empfohlen. Ein Beschluß wurde noch nicht gefaßt. Zur Errichkung einer Badeanstalt ist die Bildung einer Aktiengesellschaft geplant. Die Benutzung des Bades für Erwachsene soll an die Uebernahme einer Zwangsaktie int Betrag von 25 Mark geknüpft werden. Ein detaillierter Plan ist noch nicht ausgearbeitet. Die Kosten sind vorläufig auf 3500 Mark veranschlagt. -d- Hanau, 24. Oktober. Am Sonntag, den 4. November, 'findet hier eine Versammlung südwestdeutscher Detaillisten-Vereine statt, für die folgende Tagesordnung vorliegt: 1. Geschäftsbericht und Beschlußfassung über den Antrag der Zwischenkonferenz, eine feste Organisation der südwestdeutschen Detaillisten- Vereine zu schaffen, derart, daß die beteiligten Vereine einen Jahresbeitrag von 30 Psg. für jedes ihrer Mitglieder leisten. 2. Erfahrungen auf dem Gebiete des unlauteren Wettbewerbes, speziell des Ausverkaufswesens. 3. Die Gründung eines Verbandsorgans. 4. Die Bedeutung der Genossenschaften zum gemeinschaftlichen Warenbezüge der Detaillisten. 5. Die Nettoberechnung für Zucker. (Referent: Herr Nassauer-Gießen.) Gerichtssaal. G. C. Gieße«, 23. Oktober. Strafkammer. Zur Verhandlung kam heute die Anklage gegen Philipp Krahl, Maurergeselle, und Johann Schneider VIII., Landwirt, beide zu Ulfa, wegen gewerbsmäßigen Wilderns bezw. Hehlerei. Nach dem Er- öffnungSbeschlusie wurde den Angeklagten zur Last gelegt und zwar 1. Philipp Krahl in nicht rechlsverjährter Zeit insbesondere em 17. September 1899 in der Umgebung von Ulfe, an Orten, an denen 4 Monate Gefängnis, welche durch die erlittene Untersuchungshaft für verbüßt erachtet wurden; gegen Schneider wegen gewerbsmäßigen Wilderns und gewerbsmäßiger Hehlerei auf I Jahr 2 Monate Zuchthaus, abzüglich 2 Monate der erlittenen Untersuchungshaft. Wirkliche Wullerlieve. Es ist eine veraltete Ansicht, wenn man glaubt, die Kinder zum Essen zwir gen zu müsien. Die Kunst der Kinderernährung besteht darin, den Kindern anregende und doch nahrhafte Kost zu reich«,. Damir gedeihen Kinder doppelt so gut, als wenn man sie ;um Effm w'de. Willen zwing». So trinken Kinder z. B. den ärztlicherseits so sehr empfohlenen Hausens Kasseler Hafer-Kakao mit wahrem Behagen und gedeihen prächtig dabei. zu jagen er nicht berechtigt war, in Gemeinschaft mit einem gewissen i Heinrich Schneider, Metzger zu Ulfa, zurzeit unbekannten Aufent- I halteS und anderen nicht ermittelten Personen während der gesetz- I lichen Schonzeit, sowie auch in Wäldern die Jagd ausgeübt zu I habe-', und zwar dieses unberechtigte Jagen gewerbsmäßig betrieben | zu haben; 2. Johann Schneider VIII. sich gleichfalls gewerbsmäßiger I Wilderei, sowie des Verbrechens gewerbs- und gewohnheitsmäßiger I Hehlerei schuldig gemacht zu haben. — Beide Angeklagte leugnen die I ihnen zur Last gelegten That in vollem Umfange. Der Angeklagte I Krahl, der in sehr bescheidenen Verhältnissen lebt, will das bei ihm I Vorgefundene Jagdgewehr im Werte von über 30 Mark, sowie ein I Flobertgewehr zum Spatzenschießen gekauft haben. Schneider ist I Gemeinderatsmitglied, Gastwirt und selbst Pächter eines Teils der I Uffaer Gemeindejagd. — Das Ergebnis in der Beweisaufnahme in I der heutigen Hauptverhandlung, zu der nicht weniger als 33 Zeugen I geladen worden waren, und die den ganzen Tag in Anspruch nahm, I ist das folgende: Seit einer Reihe von Jahren wurde in der Um- I gebung von Ulfa in großem Stile gewildert, allgemein war dies be- | kennt, mehr oder minder stark richtete sich der Verdacht gegen ver- I schtedene Personen, besonders gegen die beiden Angeklagten, sowie I den Sohn Heinrich des Angeklagten Schneider, der sich bei Beginn I der Untersuchung nach Amerika flüchtete. Die Forstbeamten und I Gendarmen hatten Kenntnis von diesem Treiben, niemals wollte es I ihnen aber gelingen, die Wilderer auf der That zu erwischen. Da I gestand endlich im Frühjahr l. Js. der heutige Zeuge, Gemeinde- I schäfer Johann Philipp Wenzel, dem Gendarmerie-Wachtmeister I Schmidt zu Ntdda, der durch anonyme Schreiben auf ihn aufmerksam I geworden war, wie der Zeuge Wenzel heute bestätigt, daß er im I Herbste vor. Js. und im Frühjahr l. IS. häufig den Angeklagten I Krahl mit dem flüchtigen Sohne des Angeklagten Schneider in I verdächtiger Weise die Gegend absuchend, zusammen gesehen habe. Ins- I besondere bekundet der Zeuge, daß er am 17. September v. I. be- I obachtet habe, wie die beiden in dem nach Langd zu gelegenen Jagd» I gebiet (von Herrn Professor Eckhardt hier gepachtet), in einem Zwischen- I raum von einander die Aecker absuchten. Hierbei habe der flüchtige Schneider wiederholt geschosien. Dieser Pürschgang wurde auch von dem anderen Gemeindeschäfer Heinrich Wenzel beobachtet, welcher heute bestätigt, daß er gesehen habe, wie auch Krahl auf einen Hasen geschossen habe. Krahl giebt nach längerem Leugnen die Richtigkeit dieser Aussage zu. Weiter bekundet der Zeuge Joh. PH. Wenzel und deffen Knecht, daß sie auch am 3.September 1899 gesehen hätten, wie der Angeklagte Schneider an dem von Ulfa nach Villingen ziehenden Wege in dem Eck- | hardt'schen Jagdgebiet einen Hasen geschossen habe. Den Schuß habe der Angeklagte aus einem auf seinem Jagdgebiet errichteten Stande abgegeben. Wann dieser Stand sowie zwei weitere daneben befindliche Stände angelegt und ob sie zum Zweck des Wilderns in das Nachbargebiet errichtet wurden, konnte nicht sicher festgestellt werden. Festgestellt wurde aber ferner, daß Schneider im Sommer 1899 eine größere Anzahl von Rehböcken an Händler verkauft, die er unmöglich alle auf seinem Jagdgebiete geschossen haben konnte. Schneider wurde selbst beim Wildern auf Rehe nicht getroffen, er giebt zu, daß sein entflohener Sohn gewildert habe. Wohin das von diesem erjagte Wild gekommen ist, will er nicht wiffen; er bestreitet, von diesem Wild erhalten und seines Vorteils wegen verkauft zu haben. Einen eigentümlichen Vorfall muß der heutige Zeuge Händler Mäser von Ulfa zugeben, daß er nämlich vor einiger Zeit von Schneider zwei Rehe gekauft habe, die in der Schonzeit geschossen waren; in einem Korb verpackt, sollten diese, als Butter deklariert, nach Frankfurt gehen. Da aber aus dem Korb am Bahnhof Bad-Nauheim Blut lief, wurde die Sendung dort angehalten. — Großh. Staatsanwalt beantragte gegen Krahl wegen gewerbsmäßigen Wilderns 9 Monate Gefängnis, gegen Schneider wegen gewerbsmäßigen Wilderns und gewerbsmäßiger Hehlerei eine Gesamtzuchthausstrafe von 2 Jahren 2 Monaten. Der Verteidiger des Krahl beantragte eine gelinde Freiheitsstrafe wegen Wilderei im Sinne des § 292 des Strafgesetzbuchs, der Verteidiger des Schneider Freisprechung seines Klienten. Das Urteil lautete gegen Krahl auf Grund des § 292 des Strafgesetzbuchs auf Ktteratur. — Berkehrskarte von Europa, Nordafrika und dem Morgeu- lande. Bearbeitet mit besonderer Berücksichtigung der deutschen Interessen von Paul Langhans. 1:5600000. Preis 8>Mk^ aufgezogen als Wandkarte (1,30 Meter breit, 106 Meter hoch) 12 Mk. Gotha, Justus Perthes. - Die Brtelltgung der deutschen Seeschiffahrt am europäischen Hafenverkehr zeigt zum erstrnmale vollständig die neue Verk hrskartr Evrcpss, die u-tter Prof. Langhans Leitung aus der Gothaer Geographischen Anstalt hervorgegangen ist. Bisher begnügten sich die Karten mit der Darstellung lediglich der Postdampferlinien, alle anderen regelmäßigen deutschen Dampser- linien giebt die vorliegende Karte überhaupt )um erstenmal« mrv ergänzt ihre Angaben durch die Beifügung der Schiffsflaggen der wichtigsten am europäischen Schiffsverkehr beteiligten deutschen Rhedereien. Farbig unterschieden erscheinen ferner sämtliche Postdampferlinien anderer Nationalität mit Angabe der Rhederei und der Fahrtdauer von Hafen zu Hafen. Alle mit deutschen Hasen in regelmäßigem Sch'.ffsoerkthr stehenden fremden Häfen sind besonders g«kennzeichnet. Der erschöpfenden Darstellung des Seeverkehrs entspricht die vollständige Wiedergabe br Verkehrsverbindungen auf d-m Lande. Unter den Eisenbahnen sind deutlich die von Luxus- (Expreß-) und anderen Schnellzügen befahrenen hervorgehoben; bei grogeren Orten lieft man die Fahrtentfernung von Berlin irr Stundenzahlen ab. Die Karte zeigt ferner die gesamte europäische Jlußdampffchiffahrt, alle Dockanlagen und endlich sämtliche dewschen und österreichisch ungarischen Konsularbehörden. Ganz besondere Wert verleibt der Karte aber noch die Beigabe der Pläne von 48 der wichtigsten Umschlagsplätze und Verkehr sengen, dre vor allem die gegenseitige Entfernung der Bahnhöfe und Landungsplätze von I einander zeigen. Neben dem für jeden Kaufmann wichtigen, auf das praktische Bedürfnis Rücksicht nehmenden Inhalt der Karte ist w.e bei desselben Verfassers „Kaufmännischer Wandkarte der Erde" ganz besonders da« wohlgelungene Bestreben )u loben, auch für räumlich beschränkte Kontore einen wirkungsvollen Wandschmuck zu schaffen, der wenig Raum einnimmt und doch in technischer Vollendung und praktischer Brauchbarkeit unerreicht dasteht. N-cht weniger als 75 farbenprächtige Handels- und Kontor flaggen schmü ck « die Karte, die durch einm wirkungsvollen Rahmen rufammengebaum wird. Mit seiner neuen „Derkehrskarte von Europa bietet Pros. Langhans aber auch den Unterrichtsanstalten ein wertvolles Anschauungsmittel, das den Schüler in das gerade für die Gegenw-.t unentbehrlicheVerständnis des writverzweigtenVerkehrslebens Europas einzufübren versteht. Die gleichmäßige Berücksichtigung der B«duri- nisse von Praxis und Wiffenschaft, die alle Linghans'sch^ Karten I auszeichnet, sichert auch seiner neuen Europakarte dm Beifall, den I seine „Kaufmännische Wandkarte der Erde" in weitesten Kreisen I gefunden hat. Bekanntmachung. Nachdem der seitherige Unternehmer der Tonneuabfuhr in der Stadt Gießen den mit der Stadt abgeschloffenen Vertrag gekündigt hat und diese Abfuhr anderweit zu vergeben ist, bringen wir dies mit dem Anfügen zur öffentlichen Kenntnis, daß die Bedingungen hierfür auf un> serem Amtszimmer Nr. 15 offen gelegt sind. Reflektanten werden aufgefordert, ihre Meldungen unter Angabe der näheren Bedingungen für den Eintritt in den derzeitigen Vertrag bis längstens 1. November er. ver- schloffen bei uns einzureichen. Gießen, den 23. Oktober 1900. 7031 Großherzogliche Bürgermeisterei Gießen. I. V.: Wolff. Tausende quälen Bich mit einem Hasten ab, ohne etwas dagegen zu thun und bedenken nicht, dass aus dem scheinbar geringen Husten, Heiserkeit etc. oft schwere Krankheiten entstehen. Gebrauchen Sie V ä Fays echte Sodener Mineral-Pastillen, vorzüglich bewährt als Mittel bei Erkrankung der Luftwege eto oder Reizung der Athmnngs- organe, wie Heiserkeit, Husten, Katarrhe, sowie bei Influonza- Epidemien etc. Erhältlich in den Apotheken, Drogerien, Mineralwasserhdlg. zum Preise von nur 85 Pfg> per Schachtel. 6350 M in 6921 Loden, Panama und Mot mit passenden Chiffon- Beinkleidern zum Einknöpfen empfiehlt mtoWii^ Spezial peschäft für Wäsche. Wenn Sie Pelzwaren modern umgearbeitet haben wollen, so bitte, geben Sie solche in die Kürschnerei von August Kretzschmar, Markt 2.2, eeo? Verbindungstr, Marktplatz u. Kirchenplatz. Die Lieferung des Bedarfs an: I. 650 Kg. 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